Der Roman tritt in gewollte, neue, enge Verbindung mit der Wirklichkeit. Goethe wirkt, nicht die Romantik. Nicht in der Volkserzählung allein geschieht das: warum sollte man nur das »Volk« beachten und nicht die Welt in ihrer ganzen Breite und Weite nehmen? Lagen denn nicht tausend Anlässe vor, ihre Zustände zu ergründen, zu durchforschen, zu kritisieren? War denn nicht eine Zeit hereingebrochen, in der der Blick sich weitete und schärfte? Die Sturmesgewalten der Revolution waren im Anzug; und ihnen voraus gingen Windstöße, die alte, festgewurzelte Anschauungen aufwühlten und zu neuen Bildungen Anlaß gaben. Was Wunder, daß die öffentlichen Angelegenheiten, daß die Fragen der Politik und Gesellschaft, des Staats und der Kirche, der Aristokratie und der Demokratie in jenen Jahren vor den Stürmen von 1848 und ebenso in den folgenden Zeiten auch die Dichter nicht ruhen ließen? Auch ihr Interessengebiet wurde weit und groß: es erstreckte sich über alles das, was die Zeit bewegte. Der Roman war nicht die einzige Form der Dichtung, welche den Pulsschlag der Zeit spüren ließ. Wie hell klangen die Sturmlieder eines Herwegh und Freiligrath! Aber auch im Roman pulsierte die Zeit; er ward zum Zeitroman.
Konnte es anders kommen, als daß die Betrachtung der Zeit in der Dichtung zunächst alles andere war, nur nicht ruhig, kalt, unparteiisch und objektiv? Wir verstünden es nicht, wäre es anders gewesen. Eher ist die Dorferzählung mit ihrer darstellenden Art ihrer Zeit fremd als der tendenziöse Roman. Genau betrachtet, zahlt übrigens auch die Dorfgeschichte der Zeit ihren Tribut. Der »Oberhof« ist ja ein Kompositum einzelner Kapitel aus einem Zeitroman; er gibt Wirklichkeit, aber eben mit dieser Schilderung der Wirklichkeit verfolgt sein Verfasser eine bestimmte Absicht. In Auerbachs Erzählungen wirkt eine ganz ähnliche Tendenz; das Land wird gegenüber dem städtischen, höfischen Wesen verherrlicht. Auch die politischen Ideen spielen hier hinein. Und die ruhigsten, objektivsten Dorfgeschichten, die überhaupt geschrieben worden sind, stammen nicht aus dem vielbewegten deutschen Land, sondern aus der Schweiz, wo der Kampf um Fürstenrecht und Volkesrecht nur mitgefühlt und so miterlebt, aber damals nicht ebenso mitgekämpft wurde!
Der Zeitroman ward also zum Tendenzroman. Er hat Stadien erlebt, in denen die Tendenz darin fast die Zeit tötete, d. h. in welchen die Darstellung des Bestehenden gegenüber den Plänen zum Kommenden kaum zur Geltung kam. Hierher gehören die jungdeutschen Romane aus den dreißiger Jahren. Unter ihnen ragen die Werke Heinrich Laubes und Karl Gutzkows hervor. Heinrich Laube schuf damals (1833) den ersten Teil des Romans »Das junge Europa«, dessen später erschienene Teile viel abgeklärtere Art tragen. Die einzelnen Bände haben Sondertitel; Bd. I: Die Poeten; Bd. II: Die Krieger; Bd. III: Die Bürger. Nicht das, was erzählt wird, fesselt; in der Handlung fehlt jede Einheitlichkeit, Entwicklung und Geschlossenheit. Es dreht sich alles um Liebesabenteuer der jungen Poeten, und zwar um solche, die der theoretisch verfochtenen Freiheit in Religion und Sittlichkeit vollkommene praktische Folge geben. Aber die Hauptsache sind die Ansichten, die breit und gründlich zur Aussprache und zum Siege über andere Ansichten gelangen. Der Gegensatz gegen die Romantik kommt zum scharfen Ausdruck; die gesunde Natur wird gepriesen, zugleich aber auch ihre völlige Ungebundenheit. Keine Vorschrift der Religion und keine der Moral wird anerkannt; die Natur hat Recht, auch mit ihrer Sinnlichkeit. In der Politik aber gilt selbstverständlich allein das Volk, ja sogar das Volk in verschwommener Allgemeinheit; nicht als Einzelvolk, als Nation, sondern als Summe von Weltbürgern.
Es ist nicht meine Absicht, alle Romane jener jungdeutschen Epoche hier zu charakterisieren. In allen herrscht der gleiche, gärende Geist, die gleiche Auflehnung des Einzelnen gegen die hergebrachte Ordnung wie der Masse gegen das Gefüge des Staats und der Kirche. Im übrigen sind sie verschieden genug. Da ist Karl Gutzkows »Maha Guru« (1833), dessen Schauplatz weitab in Tibet liegt, dessen Angriffsobjekt aber doch das Christentum ist; da ist aus dem Jahre 1835 desselben Gutzkow »Wally, die Zweiflerin«, eine Fortsetzung dieses Kampfes gegen das Kirchentum. Die Heldin zweifelt an allem, insbesondere auch an jeder Religion. Religion ist ihr ein »Produkt der Verzweiflung«. Sie gibt sich schließlich selbst den Tod. Der Roman knüpft an an die wunderbare Tatsache, daß Karl Gutzkows Gattin Charlotte sich selbst den Tod gegeben hatte, um durch diese Tat ihren Garten mit neuer dichterischer Kraft zu erfüllen. Und wie diese Tat, welche das Werden des Romans mitbestimmte, so ist die gesamte Ideenwelt desselben outriert, überleidenschaftlich, schließlich unwahrscheinlich. Nicht vergessen soll werden, daß in »Wally, die Zweiflerin« zugleich die Frau als Frau neue Geltung beanspruchte. Die enge Verbindung, in welche hier Emanzipation der Frau und Emanzipation von aller Religion, überhaupt von allem Gewissen traten, ist für die Zukunft nicht ohne Einfluß geblieben.
Aber wir eilen vorwärts. Gutzkows »Seraphine« (1838), sein Erziehungsroman »Blasedow und seine Söhne« (1838), die anderen jungdeutschen Kraftromane können nur genannt werden. Aus der Sturm- und Drangperiode des Zeitromans, die man etwa bis zur Revolution datieren kann, retten wir uns in die Periode des abgeklärteren Zeitromans. Auch hier Tendenz, überall Tendenz. Aber die Tendenz macht nicht mehr die Zeitdarstellung tot; sie läßt dieser größeren Raum und größere Ruhe. Der Grad dieser Ruhe ist freilich verschieden. Zwei Klassen des Zeitromans bilden sich, jenachdem die Tendenz stärker oder schwächer ist, jenachdem die Darstellung weniger oder mehr objektiv geraten ist. Wohl gehen beide Gattungen in einander über, wohl kann man schwanken, welcher von beiden der eine oder der andere Roman zuzuteilen ist. Aber es sei dennoch gewagt, die Unterscheidung festzuhalten zwischen dem tendenziösen und dem objektiven, oder, um vorsichtiger zu sein, zwischen dem mehr tendenziösen und dem mehr objektiven Zeitroman.
Die Zahl der Zeitromane der ersteren Art ist groß, zumal wenn man nun alsbald auch in die späteren Jahrzehnte des Jahrhunderts hineingreift. Gegen die Titanen der Revolution nimmt Stellung A. Widmann: »Der Tannhäuser«, gegen die irreligiöse Weltanschauung Elisabeth Cantz: »Eritis sicut Deus« (1854). Stark tendenziös sind die Romane von Spiller von Hauenschild (Pseud.: Waldau), von denen nur der 1851 erschienene »Nach der Natur« genannt sein mag. Proletarisch-sozialistische Tendenzen verfolgt Robert Prutz (besonders »Engelchen« 1851). Bedeutender sind die schon minder stark tendenziösen späteren Romane von Karl Gutzkow: »Die Ritter vom Geist« (1850/51) und »Der Zauberer von Rom« (1856/61), die Schöpfungen Friedrich Spielhagens, von denen insbesondere »Problematische Naturen« (1860/61), »Die von Hohenstein« (1863), »In Reih und Glied« (1866) hierher zu rechnen sind, und von noch späteren Werken diejenigen von Paul Heyse: »Die Kinder der Welt« (1873) und »Im Paradiese« (1885). Zu eingehenderer Betrachtung greife ich heraus: Gutzkow »Die Ritter vom Geist«, Spielhagens »Problematische Naturen« und Heyses »Kinder der Welt«.
Gutzkows »Ritter vom Geist« geben sozusagen das Programm des gesamten Zeitromans der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Ein ausführliches Vorwort gibt darüber Auskunft. Der Roman erlebt eine neue Phase. Er soll mehr werden, als der Roman von früher war. »Der Roman von früher .... stellte das Nacheinander kunstvoll verschlungener Begebenheiten dar. Diese prächtigen Romane mit ihrer klassischen Unglaubwürdigkeit! .... Oder wer sagte Euch denn, ihr großen Meister des alten Romans, daß die im Durchschnitt erstaunlich harmlose Menschenexistenz gerade auf einem Punkte soviel Effekte der Unterhaltung sammelt, daß ohne Lüge, ohne willkürliche Voraussetzung sich alle Bedingungen zu Eurem einzigen behandelten kleinen Stoffe zuspitzen konnten?« Der alte Roman ist unwahr geworden, weil er die lebenslangen Strecken, welche zwischen einer Tat und ihren Folgen liegen, beiseite warf. Er ließ dadurch die alte Wahrheit von der — unwahren, erträumten Romanwelt siegen. »Der neue Roman ist der Roman des Nebeneinander. Da liegt die ganze Welt, da ist die Zeit wie ein ausgespanntes Tuch ...... Nun fällt die Willkür der Erfindung fort. Kein Abschnitt des Lebens mehr, der ganze runde, volle Kreis liegt vor uns; der Dichter baut eine Welt und stellt seine Beleuchtung der Wirklichkeit gegenüber. Er sieht aus der Perspektive des in den Lüften schwebenden Adlers herab. Da ist ein endloser Teppich ausgebreitet, eine Weltanschauung, neu, eigentümlich, leider polemisch. Thron und Hütte, Markt und Wald sind zusammengerückt.«
Von diesem Programm verspricht sich Gutzkow Gewaltiges. »Resultat: Durch diese Behandlung kann die Menschheit aus der Poesie wieder den Glauben und das Vertrauen schöpfen, daß auch die moralisch umgestaltete Erde von einem und demselben Geiste doch noch könne göttlich regiert werden.« Diese hochfliegenden Pläne lassen wir beiseite. Ihre Haltlosigkeit liegt auf der Hand. Was aber das eben nach der Vorrede zu den »Rittern vom Geist« entwickelte Programm betrifft, so ist es, wie gesagt, in der Tat dasjenige des neuen Zeitromans geworden. Keine unwahrscheinliche Verknüpfung eines Nacheinander von Ereignissen, die in Wirklichkeit doch nicht nacheinander kommen, sondern ein Gesamtbild der bestehenden Welt in ihren mannigfachen Einzelerscheinungen soll seinen Inhalt bilden: ein Querschnitt, nicht ein Längsschnitt soll er sein. Allerdings, so sehr Gutzkow mit der Polemik gegen das unnatürliche Nacheinander Recht hat, so wenig kann der Roman nur ein Nebeneinander geben: er müßte ja sonst auf jede Handlung verzichten. Und dann: so gewiß das Nebeneinander trefflich dazu dienen wird, ein Welt- und Zeitbild im großen Stil zu geben, — man braucht doch nicht zu fordern, daß jeder Roman die ganze Welt schildere; warum soll er nicht ein Einzelbild herausgreifen? Mehr Natürlichkeit! Mehr Wirklichkeit! Mehr umfassende Weltdarstellung! Mit diesen Forderungen hatte und behielt er Recht. Aber der Roman muß, weil er Erzählung ist, auch Handlung geben, und er muß diese Handlung aus den handelnden Menschen ableiten. Dies Ineinander, nicht bloß Nebeneinander, von Welt, Mensch und Handlung hat Gutzkow zu fordern vergessen.
Die »Ritter vom Geist«, welchen Gutzkow dies kräftige Vorwort mitgegeben hat, bilden denn auch keineswegs ein absolutes Nebeneinander. Vielmehr bringen sie durchaus auch fortschreitende Handlung. Sie vergessen auch keineswegs, daß Menschenwille und -Charakter die wichtigsten Faktoren bei allem Geschehen sind; die Psychologie spielt in ihnen keine geringe Rolle. Die Aufgabe, die Welt im Querdurchschnitt zu zeigen, erfüllt dieser Roman vollauf; nur daß er hierin sogar des Guten zuviel getan hat. Neun Bücher! Und keineswegs kurze! Wahrlich, es war nötig, daß der Verfasser am Anfang der Vorrede dem Leser zurief:
»Es wird eine lange, weite Wanderung werden, lieber Leser, zu der ich dich auffordere! Rüste dich mit geschäftslosen Sonntagsvormittagen und einem guten, aushaltenden Gedächtnis! .... Werde nicht müde, wenn du unabsehbare Ebenen erblickst, sich der Weg zwischen gefahrvolle, nicht endende Gebirgspässe zwängt, oder die Landstraße plötzlich sich wie in die Wolken zu verlieren scheint!«
Diese unsagbare Breite dieses Romans, wie auch des folgenden »Der Zauberer von Rom«, hat es denn glücklich zu Wege gebracht, daß kein Mensch mehr sie liest. Ein halbes Jahrhundert — und sie sind vergessen!
Soll ich Ihnen die Fabel der »Ritter vom Geist« darzustellen versuchen? Sie macht die Bedeutung des Romans nicht aus. Im Gegenteil; sie ist neben der ungeheuerlichen Breite seine Schwäche. Die Handlung angesehen, ist man versucht, dem Werk schlankweg den Titel des Abenteurerromans zu geben. Vor allem ists nicht ein Faden, den der Dichter verfolgt, sondern eine ganze Zahl. Nr. 1: Die Brüder Wildungen glauben Anspruch auf Besitztum zu haben, das in Händen des Templerordens war. Der eine der Beiden entdeckt die beweisenden Urkunden, verschlossen in einem hölzernen Schrein. Eben dieser wird ihm gestohlen. Er sucht ihn und erlebt auf der Suche Abenteuer um Abenteuer. Er wird eines verkleideten Prinzen nächster Freund und Duzbruder, wird selbst für eben diesen Prinzen gehalten, verliebt sich in dasselbe Mädchen, welches der Bruder liebt. Endlich, endlich kommt der Schrein zum Vorschein, der Prozeß wird gewonnen. Inzwischen ist aber der eine Bruder ins Gefängnis geworfen, aus dem er abenteuerlich befreit wird. Ein Feuer, das im Wirtshaus ausbricht, vernichtet den Schrein. — Nr. 2: Das Fürstentum Hohenberg ist vakant; der Erbe lebt im Ausland, mag auch die Erbschaft nicht antreten, weil die Passiva größer sind als die Aktiva. Als Handwerksbursch verkleidet, kommt er doch in die Heimat, ins fürstliche Schloß. Dort will er sich eines Bildes bemächtigen, in welchem wichtige Familienpapiere aufbewahrt sind. Als Dieb wird er in den Turm geworfen. Jener Wildungen, der dieses Prinzen Duzfreund so rasch geworden ist, nützt, um ihm das Bild zu verschaffen, die Liebe seiner Angebeteten aus. Diese benützt listig ein Rendezvous mit einer Exzellenz im Möbelwagen als Mittel, das Bild zu beschaffen. Es kommt in die Hände des Prinzen; der Prinz ist aber gar nicht der legitime fürstliche Erbe, sondern der Sproß eines illegitimen Verhältnisses der Fürstin. Sein richtiger Vater ist gerade aus Amerika heimgekehrt ... Der Pseudoprinz wird späterhin Minister. Nr. 3: Im Haus eines angesehenen Justizrats wird ein Junge erzogen, der, gleichfalls von illegitimer Geburt, Sohn einer vornehmen Dame und eines Verbrechers, allerhand gefährliche Instinkte besitzt. Er bringt die Tochter des Justizrats in Gefahr, er macht kostbare Pferde rasend, indem er ihnen Spitzkugeln in die Ohren praktiziert, er nachtwandelt in allen möglichen Situationen, erschreckt die justizrätliche Familie, besonders jene Tochter; schließlich kommt er in eben jenem Brande um, in welchem der Schrein sein Ende findet. Und an diese Nummern 1-3 könnte ich leicht weitere knüpfen. Aber zur Charakteristik des Ganzen genügt es, wenn allenfalls noch hinzugefügt wird, daß die Verwechselungen, die Mißverständnisse und endlich die Aufklärungen der Handlung an mehr als einer Stelle auf die Sprünge helfen müssen. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß mit dieser Handlung kein Staat zu machen ist. Was Gutzkow am alten Roman aussetzte, hat er selbst nicht vermieden: klassische Unglaubwürdigkeit, farbenreiche Gebilde des Falschen, Unmöglichen, willkürlich Vorausgesetzten. Er selber nannte die Menschenexistenz im Durchschnitt erstaunlich harmlos. Und was für Merkwürdigkeiten hat er dann — nicht nacheinander, aber doch eng nebeneinander — gehäuft!
Die Bedeutung des Romans — er besitzt solche trotz alledem — liegt also anderswo. Sie liegt lediglich in dem Zeitbild, welches er in bisher ungekannter Gründlichkeit gibt. Es entbehrt nicht der Tendenz; hatte doch schon das Vorwort gesagt, der Dichter stelle seine Beleuchtung der Welt derjenigen der Wirklichkeit gegenüber. »Da ist ein endloser Teppich ausgebreitet, eine Weltanschauung, neu, eigentümlich, leider polemisch.« Die eigene Stellung des Dichters läßt aber doch auch die anderen Strömungen zu ihrem Rechte kommen. Um das Preußen nach 1848 handelt sichs. Die Reaktion ist oben auf; sie wird verdeutlicht durch den »Reubund«. Der hat es sich zur Aufgabe gesetzt, durch Einwirkung auf die öffentliche Meinung dem Fürstenhaus zu erkennen zu geben, daß das Volk die revolutionären Stürme bereue. Die kirchliche Reaktion stellt Propst Gelbsattel dar, ein Mann von konservativster Gesinnung, ein Bewunderer der Jesuiten, die mit ihrer Organisationskunst und ihrer Lebenskraft sich die Aufgabe gestellt haben, die geistige Herrschaft der Kirche zu retten. Neben diesen prinzipiellen Vertretern der Reaktion stehen Typen eines praktischen Realismus: an ihrer Spitze der Justizrat Schlurck, der wohl »Anfälle von Aberglauben, ja von Mystik« hat, im Grund aber ein völlig grundsatzloser Zweifler ist. »Die Staatsformen wechseln, aber die Forellen bleiben,« das ist sein Grundsatz. »Ein Mann in meiner Stellung, .... was kann der tun, wenn man ihm sagt: Das Interesse des Staats verlangt jetzt auch Ihre Beihülfe! Auch Sie müssen teilnehmen an der Wiederherstellung der Monarchie und des sicheren Kraftgefühls der Regierung! .... Sehen Sie, schon das ist ja etwas wert, wenn es die Reaktion durchsetzt, daß Einer mit Behaglichkeit wieder in ein Bad reisen kann.« »Ich war Mitglied aller Bibelgesellschaften, aller Missions-, aller Gustav-Adolfvereine. Ich hielt mich anfangs zum konstitutionellen Angstklub, ich bin jetzt Reubündler; was soll ich mich dabei aufhalten, den Leuten zu sagen, warum .... ich es nicht bin.« Dem gleichen politischen Realismus huldigt auch Pauline von Hardenberg, eine Schriftstellerin nach Art der Jungdeutschen, dann plötzlich übertriebene Monarchistin, Hauptanstifterin kontrerevolutionärer Schläge, schließlich aber wieder Führerin der Fronde, weil ihr glühender Ehrgeiz nicht erfüllt wird, zu den kleinen Zirkeln zu kommen, die sich um das Herrscherpaar versammeln und in denen »das System« gemacht wird. Ihnen allen gegenüber stehen die Ideen des jungen Prinzen, die er allerdings nicht in die Praxis umsetzt. Auch er ist Neuerungen nicht abhold. »Solange nicht die Arbeit selbst an den Thron für sich redend tritt und die Bureaukratie aufhört, der Dolmetscher der Interessen der Arbeit zu sein, kann es nicht besser werden. Es fehlen uns Staatsmänner, die ihre Schule im Volke gemacht haben.« Der Staat darf sich nicht nur auf die Institutionen der Gewalt stützen; er muß sich durch den Schutz der Arbeit, der Industrie, des Handels, des Ackerbaus befestigen. Der Adel ist nicht aufzuheben, sondern ihm ist das natürliche Nachwuchssystem zu belassen. In manchem verwandt und doch viel radikaler sind die Anschauungen Dankmars Wildungen, die des Dichters eigene wiedergeben. Er vertritt die Demokratie. Fort mit den Vorrechten des Adels nicht nur, sondern fort mit diesem selbst! Sonst ist kein Heil für die Menschheit. Dies Heil liegt in der Fortbildung der Freiheit. Mit dem Bestand von Dynastien könnte er sich aussöhnen, wenn er darin diese Fortbildung gesichert sähe. Aber die Monarchie ist ein Hindernis der Freiheit, denn sie züchtet durch Ehrenzeichen und Titel die Eitelkeit. Anderseits will auch er keine Revolutionen, keine allgemeine Zerstörung. Darum predigt er eine andere Gleichheit als die der Volksversammlungen, als die des Pöbels. Die besonnene Demokratie schwebt ihm als Ideal vor, und in ihrem Namen ruft er die Ritter vom Geist zum Bund gegen die Reaktion auf. Die Einzelheiten dieses Bundes sind etwas romantisch gedacht, aber wir können sie getrost beiseit lassen.
Wir sehen: die Gedankenwelt des Romans führt uns tief, sehr tief in die Politik. Ein Bild der politischen Zustände und Meinungen gibt Gutzkow, das allseitig orientiert und mit staunenswerter Treue durchgeführt ist. Das Preußen nach der Revolutionszeit, die Zustände am Hof Friedrich Wilhelms IV., die politischen Strömungen, die Geistesrichtungen — das alles ist scharf erfaßt und klar wiedergegeben. Und das ist es, was diesen Roman vor vielen anderen auszeichnet. Er ist in der Anlage der Handlung mißglückt, durch seine unendliche Breite ungenießbar, er ist weitab von der Kunst, Handlung und Mensch wirklich in Eins zu setzen und so die Handlung aus den Menschen hervorgehen, die Menschen aus ihrem Handeln klarwerden zu lassen. Aber er betont mit all seiner Einseitigkeit wirkungsvoll die Aufgabe des Romans, ein wahres Weltbild zu geben. Und darum darf er nicht vergessen sein.
Wir überspringen genau ein Jahrzehnt. Aus den Jahren 1860/61 bezw. 1863 stammt ein anderer, gleichfalls weitberühmter politischer Tendenzroman, der aber in seiner Eigenart nicht nach den Gutzkowschen beurteilt werden darf: Friedrich Spielhagens erster großer Roman: »Problematische Naturen«, dessen Fortsetzung dann die Bände »Durch Nacht zum Licht« bilden. Das Werk führt auf die Insel Rügen, in die Kreise des Landadels. Ins Schloß Grenwitz kommt als Hauslehrer Oswald Stein, ein idealistisch gerichteter Demokrat und Adelshasser. Ihm schließt sich eng der ältere seiner Schüler an, ein Verwandter des Hauses, namens Bruno. Oswald bewährt noch eine andere merkwürdige Anziehungskraft: die Frauen fliegen ihm zu wie die Motten dem Licht. Frau Melitta von Berkow, deren Mann in geistiger Umnachtung lebt, wirft sich ihm in schrankenloser Liebe an den Hals, die jungen adligen Damen reißen sich um ihn, endlich wendet sich ihm auch das Herz der schönen Tochter des Hauses, Helene, zu. Diese Helene aber soll einen verlebten Verwandten, Felix von Grenwitz, heiraten. Sie schlägt ihn aus; die jungen Adligen provozieren zugleich einen Streit mit Oswald, der sie im Pistolenschießen und bei den Damen aussticht. Im Duell verwundet er Felix schwer. Bruno stirbt in gleicher Nacht und Oswald verläßt das Haus. Oswald ist aber, wie durch den leichtsinnigen Geometer Timm herauskommt, niemand anders als der uneheliche Sohn des früheren Herrn von Grenwitz, der berechtigte Erbe zweier Güter des Grenwitzschen Besitzes. Soweit die Erzählung in den »Problematischen Naturen«. »Durch Nacht zum Licht« führt in die Revolution hinein, der auch Oswald Stein zum Opfer fällt.
Wie Gutzkows »Ritter vom Geist« die Zeit nach 1848, so schildern die »Problematischen Naturen« die Zeit vor 1848. Aber das Bild, das sie geben, ist weder so umfassend noch so wahr. Nicht so umfassend: denn wenn auch die wichtigsten Schichten der Gesellschaft ihre Repräsentanten finden, so ist doch bei ihrer Zeichnung viel stärker als bei Gutzkow das persönliche, individuelle Moment betont. Gutzkow gibt Typen bestimmter Anschauungen, charakteristischer politischer Richtungen. Ihn interessiert der Mensch fast nur, soweit er politische Anschauungen hat. Spielhagen geht viel tiefer ins Psychologische hinein. Er vergißt nicht, daß der Mensch in erster Linie als Einzelwesen, und erst sehr in zweiter Linie als ζῶον πολιτικὸν in Frage kommt. Eben darum vermag er es nicht, derart umfassend, wie Gutzkow getan, die Zeit zu schildern. Wenn aber Gutzkows Forderung, daß der Roman den ganzen Weltteppich zu schildern habe, unberechtigt ist, so liegt eben in Spielhagens Selbstbeschränkung Kunst und Einsicht. Ein Zeitbild gibt er ja trotzdem: es beschäftigt sich vor allem mit den Kreisen des Landadels. Daneben stehen aber auch Typen des Bürgertums: der Universitätsprofessor, der Landpastor, Landärzte, ein Kandidat der Theologie, der umsattelt und Mediziner wird, ein Geometer, eine Haushälterin, endlich eine Zigeunerin und ein paar Landleute. Das Bild ist kleiner als das Gutzkowsche; groß genug ists immerhin.
Schwerer wiegt, daß es nicht so wahr ist wie dasjenige Gutzkows. Ich rede hier nicht von der ländlichen Umgebung, die freilich, soweit sie nicht in Meer, Kreidefelsen und Wäldern besteht, kein Leben gewinnt. Die paar Gestalten, welche hier auftauchen, geben keine Anschauung vom Landvolk. Gut, das hat Spielhagen auch nicht gewollt. Auch davon will ich nicht sprechen, daß der Bürgerstand wohl in einigen Exemplaren vorgeführt wird, daß aber auch seine Art, sein Wesen, seine Gesamtexistenz im Dunkeln bleibt. Den braven Bemperlein in allen Ehren, den Dr. Braun nicht minder, — sie bleiben doch, losgelöst von ihrer Umgebung, wie sie vorgeführt werden, allzu vereinzelt, um einen Eindruck vom Ganzen zu gewähren. Wo aber der Bürgerstand Spielhagen nicht sympathisch ist, da wird schon hier die Zeichnung geradezu unwahr. Das Bild des Pastors Jaeger ist eins der Pastorenzerrbilder, die bei Spielhagen auch sonst herumspuken, — immer unwahr und immer schief. Aber das Hauptgewicht fällt auf den Adel. Wie steht es da um die Wahrheit? Helmut Mielke sagt mit bezug hierauf: »Man hat den Dichter der Übertreibung gescholten und ihm damit Unrecht getan; seine Schilderung z. B. des Ballfestes der Junkergesellschaft hinterläßt eher den Eindruck, daß er häßliche Details der Wirklichkeit unterdrückt als ans Licht gezogen hat.« Hier widerspreche ich entschieden. Das Bild ist unwahr durch und durch. Dieser Cloten z. B. ist so unglaublich albern, daß er in ein Karikaturenblatt gehört. Melitta von Berkow, Emilie von Breesen beginnen sans façon allerliebste Liebschaften mit dem Hauslehrer eines anderen Hauses: lauter völlig verzeichnete Szenen. Die ganze Stellung Oswalds in dieser Umgebung ist einfach unmöglich. Ist der Hochmut und die Arroganz des Adels so groß, wie er beständig gemacht wird, dann nimmt eben der Hauslehrer nicht an allen Bällen teil, dann wird er eben nicht Liebling aller Frauen, Intimus eines Barons. Ich führe das nicht weiter aus; nur bezüglich des Ballfestes bei den Barnewitz halte ich gleichfalls ausdrücklich den Vorwurf der Übertreibung aufrecht.
Indes der Titel des Romans deutet an, daß dem Dichter der Hauptnachdruck weniger auf dem Milieu, als auf den einzelnen »problematischen Naturen« gelegen hat. Problematische Naturen! Dr. Braun nennt sie »eine in unseren Tagen ziemlich weit verbreitete Spezies generis humani, Nachkommen des weiland vom Teufel geholten Doktor Faustus, Faustuli posthumi, so zu sagen, die den langen Dozentenbart abgeschnitten, auch nicht im romantischen Ritterkostüm, sondern einfach im modernen Frack einherspazieren; im übrigen aber auf gut faustisch von Begierde zu Genuß taumeln und im Genuß nach Begierde verschmachten.« Sie haben das Größte vor, die aurea mediocritas ist für sie umsonst gepredigt, aber sie erreichen das Ziel nie, weil es ihre Kräfte überragt. Sie haben vor sich die »blaue Blume«. »Wissen Sie, was das ist? Das ist die Blume, die noch keines Sterblichen Auge erschaute und deren Duft doch die ganze Welt erfüllt. Nicht alle Kreatur ist fein genug organisiert, diesen Duft zu empfinden; aber .... all die närrischen Menschen waren es und sind es, die früher und jetzt in Prosa und Versen dem Himmel ihr Weh und Ach klagten und klagen, und noch Millionen dazu, denen kein Gott gab, zu sagen, was sie leiden, und die in ihrer stummen Qual zum Himmel blicken, der kein Erbarmen mit ihnen hat. Ach, und aus dieser Krankheit ist keine Rettung, — keine als der Tod. Wer nun einmal den Duft der blauen Blume eingesogen, für den kommt keine ruhige Stunde mehr in diesem Leben!«
Und wirklich, in der Art, wie Spielhagen diese problematischen, rätselhaften Naturen geschildert hat, liegt auch der Hauptwert seines Buchs. Er hat damit ein Problem der Seelenkunde angerührt, das zu den dankbarsten gehört. Indem er sich diesem Problem zuwandte, hat er freilich die Wahrscheinlichkeit seiner Darstellung nicht erhöht; mag auch in der Zeit vor den 1848er Märztagen diese Spezies von Naturen nicht rar gewesen sein; sie finden sich hier doch ein wenig zu zahlreich. Da ist Oswald selbst, der die kühnsten Pläne, die stolzesten Ideen hat, der aber in der größten Gefahr ist, um des Weibes, besser um der Frauen willen, den von ihm gehaßten Junkern frappant ähnlich zu werden, der den Genuß in jeder Gestalt zu würdigen, ja sogar raffiniert auszukosten weiß, und der doch solche melancholischen Anfälle hat, daß ihm das Leben wie ein dumpfer, beängstigender Traum erscheint, der eines Freiherrn Blut in seinen Adern hat, aber sein Leben der Sache der Freiheit opfert. Neben ihm ist die am meisten problematische Natur der Baron Oldenburg, der einzige Gescheute und Edle in der ganzen Junkergesellschaft, der seine Standesgenossen verspottet, den Hauslehrer zu seinem Freund macht, im Grund aber immer ein Aristokrat bleibt, der alle Genüsse ausgekostet hat und jeden neuen Genuß mitnimmt, aber immer unbefriedigt, immer sehnsuchtsvoll bleibt. Da ist Melitta von Berkow, die Schöne und Kluge und Stolze, die doch so unendlich rasch Herz und Zurückhaltung verliert. Gewiß, interessante Rätselgestalten, die dem Roman ein eigenes Gepräge geben!
Über die »Problematischen Naturen« urteilt Bartels: »Im Grunde hat Spielhagen dies Werk nicht übertroffen und ist auch ein Darsteller problematischer Naturen geblieben; fast in allen späteren Romanen wirkt er in der Hauptsache mit denselben Ingredienzien; die Anschauung wurde im ganzen nicht reifer und freier, die inneren Erlebnisse aber fielen weg.« Ich möchte hinzufügen: er ist späterhin in manchen, nicht in allen seinen Prosadichtungen auf eine niedere Stufe gesunken, auf die des Salonromans. Die »Problematischen Naturen« aber geben ein Bild der Schattenseiten und der Vorzüge seiner Romane. Ihr größter Ruhm ist eine Kunst der Darstellung, welche mannigfache Fäden zieht, aber alle mit einander verwebt und so eine spannende, einheitlich gefaßte und mehr und mehr konzentrierte Handlung zu wirkungsvollem Abschlusse bringt. Hierin übertrifft er alle Vorgänger. Zugleich gewinnen seine Personen ein wirklich persönliches Leben, und dies psychologische Moment verbindet er mit dem Gange der Handlung. Allerdings ist diese Verbindung nicht überall eng: Geschichten wie diejenigen von der Entdeckung der freiherrlichen Abstammung des Helden Oswald bilden einen geradezu störenden romantischen Einschlag in die naturgemäß verlaufende Handlung, wie denn auch sonst zahlreiche Unwahrscheinlichkeiten in Kauf zu nehmen sind. Ferner bemüht er sich ernstlich, ein lebendiges Bild der Zeitverhältnisse, in denen seine Menschen leben, zu entwerfen. Nur daß das Wort »Zeitverhältnisse« vielleicht schon zu weit greift; Zeitstimmungen liegen ihm mehr noch als äußere Umstände, als das eigentliche Milieu. Immerhin, was gab er für Revolutionsschilderungen! Hier lag sein eigenstes Gebiet. Hier war ja auch ein Handeln, das zugleich ganz und gar Stimmung war. Endlich muß man im Gedächtnis behalten, daß er Tendenzschriftsteller war: in ihm loderte die adelhassende demokratische Gesinnung. Warum sollte er nicht solche Tendenz zum Ausdruck bringen? Der Wert seiner Werke sinkt für das objektive Urteil dadurch keineswegs. Aber, wie ausgeführt, die Tendenz ließ keine absolut wahre Schilderung zu.
Auch die späteren Romane Friedrich Spielhagens kranken z. T. an diesem Übermaß von Tendenz. »Die von Hohenstein« (1863) setzen den Kampf gegen den Adel mit einseitiger Ausschließlichkeit fort, »In Reih und Glied« steht unter dem Zeichen Lassalles. Der Anspruch des empordrängenden vierten Standes macht sich energisch bemerkbar. Aber das Problem wird nicht sachlich durchgeführt: der Held, eine heroische Natur, geht eigene Wege und diese eigenen Wege führen zu einer höchst persönlichen Katastrophe, — ganz wie beim wirklichen Lassalle. Die politischen Einschläge des Romans, Prinz wie Adel und Militär, zeigen auch hier den fast fanatischen Haß des Oppositionellen gegen jene führenden Klassen. »Hammer und Amboß« endlich will die soziale Frage lösen, freilich nur in der Idee. Die Lösung liegt in den Herzen der Menschen. Warum sind die Einen nur Hammer, die anderen nur Amboß? In Wirklichkeit ist doch »jedwedes Ding und jeder Mensch in jedem Augenblick beides zu gleicher Zeit.« Was die Welt verschlechtert, ist »die Wut zu befehlen und die sklavische Gier, sich befehlen zu lassen.«
Es sind z. T. Meisterwerke in Kraft und Spannung, die uns hier begegneten. Politisch-tendenziös sind sie alle. Auch in anderem Sinn soll uns Spielhagen später begegnen. Inzwischen aber lassen wir nach den »Problematischen Naturen« wieder ein Jahrzehnt vergehen, um einem anderen Typus des tendenziösen Zeitromans näher zu treten. Die Politik hat aufgehört zu herrschen; die Fragen der Weltanschauung dominieren. Das entspricht nur dem Gange der Zeit. Um die Mitte des Jahrhunderts absorbierte die Politik die besten Kräfte, eine Unsumme von Interesse. Da griff auch der Romandichter ins politische Leben hinein, es zu beschreiben und — zu beurteilen. Aber nun war das neue deutsche Reich gegründet; die eminentesten Lebensfragen der deutschen Nation waren gelöst. Es wäre sicher eine Unmöglichkeit gewesen, mit einem eigentlich politischen Roman derart auf die allgemeine Teilnahme zu stoßen, wie man das ein oder erst recht zwei Jahrzehnte früher erwarten mußte. Um so mehr traten die Fragen der Weltanschauung hervor. Nicht sie allein; Spielhagens »Sturmflut« geißelt als einen Schaden der Zeit den Gründerschwindel. Aber die Weltanschauungsfragen, dazu die des im Anzug begriffenen Sozialismus waren jedenfalls Fragen der Zeit. Paul Heyse wagte den Wurf, sie in großem Zeitroman zu erörtern. Er schrieb 1873 »Die Kinder der Welt« und ließ später ähnliche Versuche folgen. »Im Paradiese« (1876) schildert das Münchener Künstlerleben; »Der neue Merlin« (1892) polemisierte gegen die Modernen in der Literatur. Am umfassendsten ist das Zeitbild, welches »Die Kinder der Welt« entrollen. Es muß genügen, bei ihm ein wenig länger zu verweilen.
Den Gang der Handlung dieses Romans ausführlich wiederzugeben, kann ich mir ersparen. Alles dreht sich um das Lebensgeschick eines jungen Privatdozenten der Philosophie, der mit seinem kränklichen Bruder, der ein wenig Drechslerei treibt, in einem Berliner Hinterhaus eine Stube primitiver Art, die sogenannte »Tonne«, bewohnt. Er verliebt sich sterblich in eine problematische Schöne, genannt Toinette, natürliche Tochter eines Fürsten. Sie kann nicht lieben und darum auch ihn nicht lieben; als das klar ist und gleichzeitig auch der Bruder, der in idealer Hingebung ihr Herz für den Helden Edwin gewinnen wollte, stirbt, wird er krank und heiratet dann die Tochter eines christlichen Malers und einer jüdischen Mutter, Lea König, nicht ohne sie ernstlich zu lieben. Er wird Gymnasiallehrer, um einen Hausstand zu gründen. Auf einer Ferienreise begegnet er wieder seiner Toinette. Sie hat, ihrem Hang zu »herzoglichem« Auftreten nachgebend, inzwischen einen gräflichen Anbeter erhört und lebt als stolze Gräfin auf stattlichem Schlosse. Doch nun ist in ihr die »Fähigkeit der Liebe« wachgeworden; und die Folge ist die, daß sie ihren Grafen völlig ignoriert, als Edwin aber kommt, diesem gehören will. Da kämpft Edwin einen schweren Kampf; Liebe zu Toinette und Liebe zu Lea streiten in ihm. Die Treue siegt; er flieht Schloß und Versuchung. Toinette will ihm folgen, findet aber nicht ihn, nur seine Gattin, und gibt sich, besiegt von deren Liebe, selbst den Tod. Edwin und Lea finden dauerndes Glück.
Muß ich um Verzeihung bitten, wenn diese Inhaltsangabe ein ganz klein wenig ironischen Beigeschmack hat? Ich glaube, das hat in der Sache selbst seinen Grund. Was für sonderbare Dinge mutet Paul Heyse dem Leser zu! Der Privatdozent mit dem drechselnden Bruder in einer Stube des Hinterhauses; dürftig gekleidet, kaum den Anstand wahrend. Ja, kommt denn nie ein Student zu diesem Dozenten? Lea, sonderbarer Weise gerade der Sproß einer christlich-jüdischen Mischehe! Toinette, das übliche illegitime hochgeborene Wesen, wie solches in diesen Tendenzromanen feststehendes Requisit ist: eine ganz sonderbare Leidenschaft, immer Existenzen in den Mittelpunkt zu stellen, an denen irgend etwas unklar ist! Und nun gar die merkwürdigen Eigenschaften dieser Toinette, die eine Art Geburtsfehler sein sollen: weil ihre Mutter ohne Neigung zu jenem Fürsten nur auf Druck und Zwang hin seinen Anträgen Folge gegeben, so hat sie ein kaltes Herz mitbekommen —; aber sie hats doch wieder nicht als unveräußerliche Eigenschaft erhalten, sondern nur auf Zeit. In Summa: es sind keine Gestalten von Fleisch und Blut, die in den »Kindern der Welt« umhergehen, sondern Schemen aus der Welt der Ideale. Dieser Edwin, seine Lea, vor allem sein Bruder Balder, — erdentrückte Traumgestalten!
Vielleicht habe ich bei den äußeren Vorgängen schon zu lange verweilt. Sie sind dem Dichter wirklich nicht die Hauptsache. Im Gegenteil; sie sind ihm in erster und letzter Linie nur die Träger seiner Ideen. Auf der Gedankenwelt, welche sie äußern und glücklicherweise bis zu einem gewissen Grad auch betätigen, liegt alles Gewicht. Zwei große Heerlager stehen einander gegenüber: die »Kinder der Welt« und die »Kinder Gottes«. Einige Typen der »Kinder Gottes« mögen voranstehen. Die Professorin Valentin ist das Muster einer streng christlichen, in der Liebestätigkeit unermüdlich tätigen Dame. Zahllose Vereine absorbieren ihre Zeit. Aber auch in der Liebe ist sie sittenrichterlich streng. Ein gefallenes Mädchen, das sie früher beschäftigt, findet bei ihr keine Arbeit mehr; wohl aber bekommt es ein paar Taler und eine Empfehlung an ein Asyl. Dogmatisch denkt sie sehr eng; jede freie Richtung ist ihr verhaßt; ein heiliger Bekehrungseifer, rege Sorge um anderer Seelenheil mischt sich mit inniger persönlicher Anteilnahme am Geschick Nahestehender. Heuchlerischer Frömmigkeit gegenüber fehlt ihr unterscheidende Menschenkenntnis. Ein Typus, der zu den gelungensten des Romans gehört, wenngleich mancher Einzelzug gemildert werden müßte. — Ein braver, edler Mensch und Christ ist der Maler König, Leas Vater. Schlichte, demütige Frömmigkeit scheint Heyse in ihm verkörpern zu wollen. Und zwar verbindet sie sich mit der wärmsten Liebe zu den Seinen. Sollte in diesem Charakter angedeutet werden, wie die christliche Demut zu weit gehn kann? Aber wir dürfen doch jene andere Szene nicht vergessen, da die Familie mit einem für Lea in Aussicht genommenen frommen Schwiegersohn im öffentlichen Gartenlokal durch die Witzeleien der am Nachbartisch die schöne Lea beobachtenden Offiziere getränkt wird. Der Bewerber findet den Mut zur Abwehr nicht, aber König selber findet ihn und erringt in vornehm-ruhiger Abwehr den entschiedenen Sieg. — Von anderem Schlage ist der Kandidat Lorinser, dem seine mystische Frömmigkeit Deckmantel der abgefeimtesten Bosheit ist, der an Aufdringlichkeit, Heuchelei und Scheußlichkeit das Menschenmögliche leistet, dem keine Reinheit unberührbar und keine Wohltätigkeit unbetrügbar ist. Soll dieses Scheusal von einem Menschen die Theologen versinnbildlichen? Es scheint fast, daß er als bezeichnend für einen Teil derselben gelten soll; sonst findet sich nur noch das flüchtig hingeworfene Porträt eines zweiten Geistlichen, der gegen den Wunsch des Angehörigen (man staune!) am Grabe von Edwins herrlichem Bruder Balder erscheint und nichts als harte Worte über Unglauben und ähnliches zu reden weiß. Gänzlich verzeichnete, völlig verunglückte Charakterbilder! — Endlich noch ein »Kind Gottes«, eine Fürstin, ein »Kindskopf«, der theologisiert, eine reizende blonde Gauklerin, ohne Charakter, die aber beständig von Calvinismus, Irvingianismus und Herrnhutern peroriert; alles in allem eine wenig wahrscheinliche Figur.
Den »Kindern Gottes« stehen die »Kinder der Welt« gegenüber. Gott sei Dank! So wird dem Leser doch ordentlich wohl! Es sind ja auch ein paar Leute darunter, die ihre Schwächen haben. Der Arzt Marquardt z. B., dessen sittliches Leben ein bischen zügellos ist und der eigentlich auch den Luxus etwas weit treibt. Und dann jene Leutnants, die eine ehrbare Dame beleidigen. Aber das sind ja selbstverständlich nur ein paar Ausnahmen. Selbst jener Marquardt ist doch ein aufopfernder, hilfsbereiter, selbstloser Freund. Und die anderen »Kinder der Welt«, — in deren Nähe wird jedem heimisch. Was für ein Prachtexemplar von einem jungen Gelehrten, dieser Edwin! Welche Anspruchslosigkeit, Bescheidenheit! Welch gänzlicher Mangel an Strebertum! Geld, Gehalt, Avancement, Anstellung, alles Nebensache. Geld hat er auch nie; trotzdem fährt er übrigens beständig Droschke, statt zu Fuß zu gehen. Gegen den Bruder ist er von zärtlichster Fürsorge, von freundschaftlichster Offenheit, von tiefster Liebe, wennschon die eigenen Herzensangelegenheiten ihn zeitweis das Leiden des Bruders fast vergessen lassen. Er ist von tadelloser sittlicher Reinheit; seine eheliche Treue besiegt auch die schwerste Versuchung; er wird stets ein musterhafter Gatte und Vater sein. Bei alledem ist er ein Freidenker, ohne Glauben an Gott und Ewigkeit, ein Philosoph, der mit jedem Glauben gebrochen hat. — Weniger gelehrt, aber ebenso ungläubig ist sein Bruder Balder, der anziehendste aller dieser Charaktere, ein Mensch von völliger Reinheit, von zartester Empfindung, von selbstverleugnender Bruderliebe. Er stirbt jung; und das ist ein Zug richtigen dichterischen Taktes. Menschen von solcher überirdischen Art gehören auf die Erde nicht. — Edwins Gattin Lea kann gleichfalls nicht glauben. Sie ist ein tief angelegtes, grüblerisches Gemüt. In der Liebe zu Edwin verzehrt sie sich; erst als er den Weg zu ihr findet, lebt sie wieder auf. Dann wird sie eine verständnisvolle Gattin, eine beglückte, liebende Mutter. — Eine problematische Natur ist Toinette, über deren äußere Verhältnisse schon die Skizze des Inhalts das Nötigste gesagt hat. Sie ist ein Zwitter von fürstlicher Hoheit und Großartigkeit einerseits, von bürgerlicher Liebe und Treue anderseits. Ihr fester Wille ist: nur in der Liebe gehören einem Mann. Daß sie dennoch dem Grafen folgt, den sie nicht liebt, findet freilich kaum eine halbe Erklärung. Aber dann kehrt sie, zumal nach des einzigen Kindes Tod, zur Treue gegen sich selbst zurück. »Es gibt nur eine Vornehmheit, sich selber treu zu bleiben«. Sie ist ein »tapferes, freigeborenes Herz«.
Übergehen wir die anderen »Kinder der Welt«, die aufopfernden Freunde Mohr und Franzelius, die einsame und dann doch in der Ehe glückliche Christiane, das Reginchen und wie sie sonst heißen! Wir wollen auch nicht untersuchen, ob die einzelnen Charaktere nach dem Leben gezeichnet sind; eine Anzahl Fragezeichen wären da allerdings zu machen. Nur eins soll konstatiert werden: in der Zeichnung und Gegenüberstellung der »Kinder Gottes« und der »Kinder der Welt« zeigt sich kein Ablauschen der Wirklichkeit, sondern faustdicke Tendenzmalerei. Dem Dichter lag alles dran, seine Weltanschauung von recht vielen möglichst sympathischen Personen tragen und aussprechen zu lassen. Und diese Weltanschauung ist die der »Kinder der Welt«. So spricht Toinette sie einmal aus:
— »Wie soll sie verstehen, was mich den Gedanken, alles, was ich leide, sei die Veranstaltung eines allwissenden, allmächtigen und doch allerbarmenden Vaters, mit Hohn oder Abscheu zurückweisen läßt! Wenn die Elemente meines Wesens, die mich vom Glück ausschließen, durch eine große, blinde Fügung des Weltlaufs sich gefunden und vereinigt haben und ich an dieser schlimmen Konstellation zugrunde gehen muß, — so ist das fatal, aber kein unerträglicher Gedanke. Ein Gottvater, der mich unsägliches Geschöpf de coeur léger oder auch aus pädagogischer Weisheit so traurig zwischen Himmel und Erde herumlaufen ließe, um mir später einmal für die verpfuschte Zeit eine Gratifikation in der Ewigkeit zukommen zu lassen, — nein, lieber Freund, alle durchlauchtige und undurchlauchtige Theologie kann mir das nicht plausibel machen.«
Zur Ergänzung dienen die Worte, mit denen das Buch schließt:
»Ist da (in unseren Menschenschicksalen) nicht Wonne und Weh untrennbar verbunden und in den höchsten Augenblicken zu einer reinen Stimmung verklärt, in der wir uns über unser kleines Selbst erheben, der Schmerzen spotten und zu groß und feierlich empfinden, um uns zu freuen? O Liebste, eine Welt, in der wir uns bis zu diesem Triumph über das Schicksal, das eigene und das unserer Geliebten, aufschwingen dürfen, in der das Tragische vom Hauch der Schönheit verklärt wird und mitten im Schauder über den Tod die höchste Lebenswonne uns durchbebt, bis Tränen unsere Brust erleichtern — eine solche Welt ist nicht trostlos. Komm, wir wollen ins Leben zurück, zu unserm Kind, zu den Freunden. Wie sagt mein alter Freund Catull? »Laß uns leben, Geliebte, laß uns lieben!««
Nicht um Recht oder Unrecht dieser Weltanschauung handelt es sich hier, sondern darum, daß Heyse zwischen Freunden und Gegnern dieser Anschauung Licht und Schatten in unerträglich parteiischer Weise verteilt hat. Dort fast alles Licht und blendendes Licht, hier fast nur Schatten. Dort Engel, hier Teufel. Dagegen protestiert die Wahrheit. Sein Roman ist von Bartels völlig richtig charakterisiert als »eine sittliche Tat, ein unerschrockenes Glaubensbekenntnis, aber freilich zugleich ein Zeugnis, wie fremd Heyse allezeit dem wirklichen Leben gegenüberstand, und als Kunstwerk verfehlt.«
Drei recht verschiedene tendenziöse Zeitromane führte ich auf, verschieden an Inhalt und an Kunstwert. In der Form dieser Art Romane hat Spielhagen das Vollendetste geschaffen; an Umfang und Treue der Zeichnung steht er hinter Gutzkow zurück. Heyse aber liegt noch stärker im Banne der Tendenz. Aber es gibt auch einen Zeitroman im großen Stile, der der Objektivität den Vorrang vor der Tendenz zugesteht. Und erst in ihm erringt der Zeitroman seine höchste Blüte.