Wie die erzählende Dichtung die Wirklichkeit zu erfassen suchte, indem sie vergangenes Leben neu erweckte, — das Thema ist unendlich reich, denn historische Romane besitzen wir in Fülle. Und ob auch hier mit unterläuft, was man getrost der Vergessenheit anheimfallen lassen kann, ohne sich groß zu versündigen, — zwei Gründe zwingen doch, bei Betrachtung des Heerzuges des historischen Romans durch das 19. Jahrhundert verhältnismäßig häufig anzuhalten. Der eine Grund: die Zahl der bedeutenden Schöpfungen ist auf diesem Gebiet nicht gering. Der andere Grund: auch minder Bedeutendes hat durch die Gunst der Lesewelt Anspruch auf Beachtung, mindestens auf Kritik erworben.
Vielleicht könnte man darüber streiten, ob tatsächlich das Suchen nach Wirklichkeit das treibende Motiv des historischen Romans bilde. Denn auch die Romantik griff in die Tiefen der Geschichte. Und zwar nicht bloß mit jener Novelle »Michael Kohlhaas«, sondern auch mit Werken größeren Stils. Ludwig Achim von Arnim ließ 1817 den ersten Band des mittelalterlichen Romans »Die Kronenwächter« erscheinen (Band 2 ist Bruchstück geblieben). Und wer traut der Romantik Sinn für die Wirklichkeit zu? Auch haftet den »Kronenwächtern« sicher genug Unwirklich-Romantisches an. Aber so wunderbar ist die Macht der Geschichte auch über das Gemüt eines Romantikers, daß er doch die Wahrheit sich selbst zur Führerin erkor. Freilich: »Dichtungen sind nicht Wahrheit, wie wir sie von der Geschichte und dem Verkehr mit Zeitgenossen fordern, sie wären nicht das, was wir suchen, was uns sucht, wenn sie der Erde in Wirklichkeit ganz gehören könnten, denn sie alle führen die irdisch entfremdete Welt zu ewiger Gemeinschaft zurück.« Aber dieselbe Vorrede des Dichters, die diese Worte enthält, fordert für die Dichtung die höchste Wahrheit: »Es gab zu allen Zeiten eine Heimlichkeit der Welt, mehr wert in Höhe und Tiefe der Weisheit und Lust als alles, was in der Geschichte laut geworden. Sie liegt der Eigenheit des Menschen zu nahe, als daß sie den Zeitgenossen deutlich würde, aber die Geschichte in ihrer höchsten Wahrheit gibt den Nachkommen ahnungsreiche Bilder ...«
Wir stimmen dem zu, daß der Roman nicht gleiche Wahrheitspflicht hat wie die Geschichte, daß es auf die höchste, die innere Wahrheit ankommt. Und wir konstatieren, daß »Die Kronenwächter« bei allem dichterischen Schwung, bei aller Romantik ihrer Handlung, bei aller Unwahrscheinlichkeit ihrer Konzeption doch auch unter dem Banne der höchsten Wahrheit gestanden haben. Nur ist es mehr die Wahrheit mittelalterlicher Stimmung und Farbe, dazu die Wahrheit manches realistischen Zugs, als die Wahrheit aller Einzelgestalten und des Zusammenhangs, in den Menschen und Begebenheiten gestellt werden.
Neben Achim von Arnim stehen noch andere Romantiker, die gleichfalls in vergangene Tage hineinzuführen gesucht haben. Da ist Wilhelm Hauff mit seinem noch keineswegs verschollenen »Lichtenstein« (1824), da ist Ludwig Tieck mit dem unvollendet gebliebenen »Aufruhr in den Cevennen«. Aber so hübsch der »Lichtenstein« zu lesen ist, — als eigentlich geschichtlicher Roman kann er nicht gelten. Der geschichtliche Hintergrund bleibt in blasser Undeutlichkeit; was ist Sage? was Geschichte? Ähnliches gilt aber von allen jenen Werken: poetischer Zauber umhüllt uns, aber der feste Boden der Wirklichkeit entschwindet.
Wie viel näher steht der geschichtlichen Wirklichkeit der eigentliche Bahnbrecher des modernen historischen Romans, der 1798 zu Breslau geborene Willibald Alexis, mit richtigem Namen W. Häring genannt! Es ist kein Zufall, daß in ihm sich neue Kräfte regten, die Geschichte fruchtbar zu machen. Der Geist Walter Scotts war in ihm lebendig geworden. Seine ersten Romane gehen ganz in den Bahnen des englischen Dichters. Aber etwa seit dem Erscheinen von »Cabanis« 1832 ward er dem Vorbild gegenüber selbständiger; und gerade die Vorliebe, mit welcher er in die Vergangenheit eines engeren Gebiets, der Mark Brandenburg, sich versenkte, hat diese Selbständigkeit gefördert. Ein Buch wie »Die Hosen des Herrn von Bredow« (1846) wird heut noch gern gelesen; derbe Natürlichkeit, massiver Humor und gemütvolle Erzählerkunst haben uns da ein ganz prächtiges Werk beschert. Trotzdem möchte ich eine kurze Charakteristik nicht an dies Buch anschließen, das immerhin das Allgemein-Menschliche dem Geschichtlichen gegenüber bevorzugt. Vielmehr verweile ich lieber einen Augenblick bei den großen historischen Romanen und aus deren Schar bei dem »Roland von Berlin« (1840). Mag »Der falsche Waldemar« sich die psychologische Aufgabe schwieriger stellen, gerade »Der Roland« ist für Alexis charakteristisch. Einmal in der Art, wie die Handlung geführt ist. Manche Szene packt, und auch wer das Ganze überschaut, findet fortschreitende Entwicklung, die das Ziel im Auge behält und bestimmtem Abschlusse zuführt. Die romantische Träumerei hat aufgehört, die Kraft wirklicher, notwendig fortschreitender Handlung ist vorhanden. Die beiden eng verbundenen Städte Berlin und Köln an der Spree liegen um die Mitte des 15. Jahrhunderts in bitterem Streit miteinander, sodaß das Band, das sie verbindet, schier zerreißen will. Zugleich tobt ein anderer Streit in den Mauern der Stadt: die Zünfte hadern mit den Geschlechtern, die Bürger mit dem Rat. Und das in der Zeit, in welcher die Gerechtsame der Stadt in heiliger Eintracht gehütet werden müßten. Kurfürst Friedrich II. der Eiserne liegt auf der Lauer, eben diese Rechte unter die fürstliche Würde zu beugen. Wie ihm das gelingt, das wird in mannigfach verschlungenen Wegen berichtet. Wir wollen sie hier nicht nachgehen. Genug: der Bürgermeister von Berlin, Johannes Rathenow, dem der steinerne Roland zu Berlin das Zeichen der eigenen Gerichtsbarkeit der Stadt ist, muß es erleben, daß eben dieser steinerne Roland durch die Straßen der Stadt geschleppt und in der Spree versenkt wird.
Was hier mit wenigen Sätzen angedeutet ist, ist selbstverständlich nichts als der beherrschende Grundgedanke des dreibändigen Romans. Die Füllung des Rahmens gewinnt Alexis von zwei Seiten her: aus der minutiösen Schilderung vielfacher Einzelszenen und in ihnen der Sitten und Art jener Zeit, und sodann aus dem Bericht über die Schicksale einzelner Menschenkinder, insbesondere der Elsbeth Rathenow, der schönen Tochter des stolzen Bürgermeisters, und des Henning Mollner, der die Schöne zum Weibe begehrt. Einzelgeschick und Gesamtgeschick sind mit kunstreicher Feinheit in einander verwoben; keine Beschreibung führt vom Gange der Gesamthandlung ab oder tritt unvermittelt oder wie überflüssig auf. Vielmehr ist alles zu einem Ganzen geworden. Und doch ist der »Roland« nicht bloß ein Dokument der Vorzüge dieser Kunst, sondern auch manches Fehlers derselben. Wenige, die der Roman heute noch wirklich zu fesseln imstande wäre! Warum? Weil der Gang der Handlung durch die Breite der Einzelszenen doch ein schleppender geworden ist, — weil es schwer wird, unter allen den scheinbar wirren Ranken die leitenden Äste zu erkennen, — endlich wohl auch, weil der Fäden zu viel sind, die gleichzeitig gezogen werden, und weil in der Darstellung selbst dem Leser nicht immer genügend klare Wegweisungen für das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen an die Hand gegeben werden.
Aber noch in einer anderen Richtung ist der »Roland von Berlin« charakteristisch für die schriftstellerische Kunst seines Verfassers. Er läßt uns die peinliche Treue wie die meisterhafte Deutlichkeit seiner Detailschilderung merken. Hierin liegt in der Tat seine Stärke. Es ist nicht möglich, hier solche Kabinettstücke der Kleinkunst probeweise wiederzugeben: auch darin ist Alexis so breit, so minutiös, daß der Raum dafür nicht reicht. Aber wer den Roland gelesen, der lasse sich erinnern an das alte Rathaus zwischen Berlin und Köln mit seinem bunt verzierten Oberbau und den vielen zierlichen Türmchen. »Die Türmchen, nicht zur Verteidigung, es war nur Spielwerk, schauten nach allen Stadtteilen; der mächtige, aber vielfach ausgezackte Giebel aber war dem Spreeflusse zugewandt. Er durfte nach keiner der beiden Städte blicken. Wäre es doch zu Ungunsten der einen oder anderen gewesen. Das litt keine. Darauf gab man viel im Mittelalter und fürchtete und scheute das Spiel des Zufalls.« Es sei erinnert an die Beschreibung der stürmischen Ratssitzung, in welcher Niklas Perwenitz zu vermitteln sucht, an den Weg des Bürgermeisters durchs Straßenleben der Stadt nach dem Schummschen Hause in Köln, an das unübertrefflich drastisch gemalte Fest beim Ratsherrn Thomas Wyns und an anderes mehr. Viel zu breit ist manche der Szenen, aber lebendig, anschaulich und wahr sind sie alle.
Ja wahr! Das ist das dritte, was im Roland den Meister erkennen lehrt. Hier ist realistische Treue, gepaart mit kräftigem Humor, auch wohl im Gewand satirischer Überlegenheit, aber eben Treue. Keine Treue, die ihre Aufgabe darin sieht, alles zu sagen. Aber doch eine Treue, die das, was sie sagt, dem Leben abgelauscht hat. Du liebes kleines Berlin-Köln aus der Zeit Friedrichs des Eisernen! Du mit deinem stolzen Eigenbewußtsein und dem starren Selbständigkeitsgefühl! Was sind deine Ratsherrn für mächtige Leute gewesen, und welcher Reichtum hat in deinen Mauern sich geborgen! Wie steif ist dein Nacken schon dazumal gewesen, wie kritisch dein Verstand gegen alles, was von oben kam! Wie haben deine Bürger bei aller Würde doch auch zu lachen gewußt; und was für lose Mäuler haben ihre Witze gerissen! Es ist das Berlin des Mittelalters, welches der Roland erstehen läßt; aber wir zweifeln nicht: es ist der richtige Vorfahr des Berlin von heute!
Wilibald Alexis hat dem historischen Roman endgültig die Bahn gebrochen. Wer seine Werke vor allem auf die Kraft der Spannung, auf gedrungene Zusammenfassung, kurz auf die Kunst der Gestaltung des Ganzen ansähe, würde oft enttäuscht sein. Wer aber das Einzelne ansieht, die Plastik der Kleinmalerei und die Schönheit des Gesamtbildes der Zeiten, die er beschreibt, der wird ihn immer mit Bewunderung nennen. Nun ist dem Durchschnittsromanleser freilich nichts schrecklicher, als wenn der Autor zu breit wird; und wer möchte nicht zugeben, daß der Fehler groß ist? Aber anderseits sollten ausdauernde Naturen von feinem historischem Geschmack doch immer wieder einmal auf ihn zurückgreifen. Denn in der Art, wie er die Geschichte für die Dichtung genützt hat, steht er, obwohl erst Bahnbrecher, doch bereits auf der Höhe.
Überschauen wir nun das weite Feld des historischen Romans nach W. Alexis, also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts! Als gemeinsames Charakteristikum stelle ich fest: der romantische Zauber ist abgestreift, manchmal auch der poetische Duft; jedenfalls droht von daher der nüchternen Erfassung der Wirklichkeit keine Gefahr mehr. Wer für jenen Zauber Sinn hat, mag wohl trauern, daß er dahin ist; er gibt doch tatsächlich einen eigenen Reiz. Wenn er nur überall zu gunsten der geschichtlichen Wirklichkeit sein Reich verloren hätte! Aber es haben längst nicht alle Dichter von W. Alexis ernstlich gelernt.
Lassen Sie mich Ihnen zuerst diejenige Linie in der Geschichte des historischen Romans weiterführen, welche eine wirkliche Entwicklung zur Vollendung hin am merkbarsten spüren läßt! Das ist die Linie, welche von W. Alexis her über Scheffel und Riehl auf Freytag hinführt, in ihm aber keineswegs ihr Ende erreicht. Was hier kurz zu skizzieren ist, das ist die Entwicklung des kulturhistorischen Romans.
Wie unendlich verschieden kann die Methode sein, in welcher der Romanschriftsteller Geschichte und Dichtung vermählt! Das kann ja scheinbar geschehen, ohne daß von der Geschichte mehr entlehnt wird als der äußere oder gar äußerste Rahmen. Statt daß man die Jahreszahl 1800 und so und so viel an den Anfang setzt, greift man eben ein paar Jahrhunderte zurück. Irgend eine Größe der gewählten Zeit muß in ein paar Szenen auftreten, — aber mit Vorsicht, damit man nicht in Konflikt mit der Geschichte komme. Der Stand und Beruf, die Kleidung und etwa noch die Sprache der handelnden Personen wird ein wenig in altmodisches Gewand gehüllt, wobei es weiter keine Rolle spielt, ob jemals Leute auf dem Erdenrund so gesprochen haben, wie die Figuren im sogenannten geschichtlichen Roman. Sodann wird eine Anzahl Zutaten hereingegeben — ein bischen Heldenmut aus den Kreuzzügen, ein Quantum Glaubenstreue aus der Reformationszeit oder eine Portion Kriegsgreuel aus dem dreißigjährigen Krieg. Und wenn nun noch der nötige Pfeffer nicht fehlt, um die Sache zu würzen, und ein Stückchen Zwiebel dabei ist, das die Tränen lockt, dann stürzt sich die Leserschar auf den »herrlichen historischen Roman«. Aber die Maskerade kann den ernsten Beurteiler nicht täuschen. Wann wäre je einer dadurch ein Ritter geworden, daß er sich eine Rüstung übergeworfen und mächtig mit dem Harnisch geklirrt hat?
Aber warum entwerfe ich hier diese Karikatur eines historischen Romans? Lediglich, um durch den Gegensatz das Bild des kulturhistorischen Romans schärfer herauszustellen. Vom Februar 1855 ist das Vorwort datiert, welches Josef Viktor von Scheffel seinem »Ekkehard« mitgegeben hat. Dies Vorwort bestimmt es scharf und klar als die Aufgabe des historischen Romans, im gegebenen Raum eine Reihe Gestalten scharf gezeichnet und farbenhell vorüberzuführen, »also daß im Leben und Ringen und Leiden der Einzelnen zugleich der Inhalt des Zeitraums sich wie zum Spiegelbild zusammenfaßt.«
Scheffel verlangt für den Roman die Anerkennung als ebenbürtigen Bruder der Geschichte; aber dem Roman, dem diese Anerkennung gebühren soll, mutet er auch zu, daß er auf historischen Studien ruhen muß. Von seinem »Ekkehard« meint er: »Daß nicht viel darin gesagt ist, was sich nicht auf gewissenhafte kulturgeschichtliche Studien stützt, darf wohl behauptet werden, wenn auch Personen und Jahrzahlen, vielleicht Jahrzehnte mitunter ein weniges in einander verschoben werden.« Und in der Tat, — indem er diese geschichtliche Sicherheit mit nicht weniger als 285 gelehrten Anmerkungen stützt, ist er der Geschichtswissenschaft fast zu sehr entgegenkommen.
Das Beste ist nun freilich, daß uns Scheffel nicht bloß ein Programm gegeben, sondern daß er eben dies Programm auch trefflichst ausgeführt hat.
Wer jene Anmerkungen liest, dem kann bange werden, ob er nicht einem pedantischen Gelehrten in die Hände gefallen sei. Aber das Bangen ist unnütz. Im »Ekkehard« pulsiert so frisches, munteres Leben wie in wenigen anderen Büchern. Er selber erzählt, wie ihm dies Leben erwachsen ist. Die alten Quellen hat er studiert: da »hob und baute es sich empor wie Turm und Mauern des alten Gotteshauses St. Gallen, viel altersgraue ehrwürdige Häupter wandelten in den Kreuzgängen auf und ab, hinter den alten Handschriften saßen die, die sie einst geschrieben, die Klosterschüler tummelten sich im Hofe, Horasang ertönte aus dem Tor und des Wächters Hornruf vom Turme. Vor allen anderen aber trat leuchtend hervor jene hohe gestrenge Frau, die sich den jugendschönen Lehrer aus des heiligen Gallus Klosterfrieden entführte, um auf ihrem Basaltfelsen am Bodensee klassischen Dichtern eine Stätte sinniger Pflege zu bereiten ...«
Wir wissen aber, welche Fülle anderer Gestalten den »Ekkehard« belebt: fürstliche Burggenossen — vom Kämmerer Spazzo und der Griechin Praxedis bis zur Gänsehirtin Hadumoth, daneben Weltpriester und Waldfrau, und nicht zuletzt der wimmelnden Hunnen Gewühl. Wir wissen alle, wie diese Gestalten Leben bekommen, wie die ganze Zeit des 10. Jahrhunderts, wie die ganze Gegend dort am Bodensee in ihnen Leben gewinnt. Und wer hätte sich nicht schon an der Form erfreut, in welcher Scheffel jenes dunkle Jahrhundert erweckt hat?
Die Schwerfälligkeit eines W. Alexis ist gründlich überwunden, die Handlung ist kräftig zusammengefaßt und fesselnd gestaltet, Brauch und Sitte sind selten besonders beschrieben, — die Handlung selbst läßt sie erkennen. Das Ganze ist durchweht von goldenem Humor. Wir danken dem Dichter, daß er ein wirkliches, echtes Kulturbild gegeben, und verschmerzen es auch, daß er es für nötig befunden hat, diese Echtheit ein bischen aufdringlich zu bescheinigen; wir freuen uns über die Leichtigkeit der Behandlung, den Fluß der Darstellung, die Anmut der Schilderung. Denn von der Vorstellung sind wir doch hoffentlich los, als ob alles, was tüchtig ist, langweilig sein müßte! — Der »Ekkehard« ist ein Buch des deutschen Volks geworden, mag man sonst über Scheffels Poesie denken, wie man will. Ein Arno Holz, der Scheffels Gedichte gar nicht leiden mag, singt an seine Adresse:
Aber er fährt fort:
Doch daß Du den Ekkhart geschrieben hast,
Das danken wir Dir noch heute!« —
Nicht eben weit ab von Scheffels Programm ist dasjenige, welches Wilhelm Riehl 1856, ein Jahr später, bei der Herausgabe seiner ersten »Kulturgeschichtlichen Novellen« aufgestellt hat. Zu diesem Programm gehört, daß die handelnden Personen selbst nicht geschichtlicher Überlieferung entstammen, sondern freigeformte Charaktere sind. Gerade so glaubt Riehl am besten die Gesittungszustände, die Kultur eines bestimmten Zeitabschnitts darstellen zu können. Aus diesen Kulturzuständen heraus müssen die Menschen selbst mit ihrem Wesen, ihren Leidenschaften, ihren Konflikten geschaffen sein. In Wirklichkeit ist diese Forderung im wesentlichen schon im »Ekkehard« erfüllt, wenngleich Scheffel überlieferte geschichtliche Namen lebendig gemacht, nicht eigens neue Gestalten geschaffen hat. Ist das wirklich ein großer Unterschied? Wenn man Riehls Absicht recht versteht, so ist sein Programm doch als der schärfste Gegensatz zu jenem vorhin geschilderten äußerlich-historischen Roman zu verstehen, der sich an große Namen und große Zeiten anlehnt, aber damit der Geschichte genug getan zu haben glaubt. Er überspannt den Gegensatz: gar nichts, was in der sog. Geschichte eine Rolle spielt, sondern nur Kultur! Sicher ist auch sein Programm berechtigt, aber nicht als das einzig richtige, sondern als eins, das neben sich das eng verwandte Scheffelsche Programm sehr gut verträgt. Ja, es dürfte so stehen, daß Riehls Programm kaum weiter reicht als für die kulturhistorische Novelle. Der Roman, der weiter ausholt, der nicht bloß ein Bildchen, sondern ein großes, weites Bild geben will, kann nicht bloß bei jenen Gestalten stehen bleiben, welche die Phantasie frei als Träger bestimmter Zeitkultur erfunden hat. Er muß weiter greifen, und zwar ins geschichtlich Überlieferte hinein. Sonst würde er schließlich selber sein Programm der geschichtlichen Treue verleugnen.
Die Novellen, welche Riehl selbst in großer Zahl geschaffen hat, geben ganz im Sinn seiner Absicht treffliche, feine, kleine Einzelbilder aus der deutschen Vergangenheit. Sie sind nicht so graziös wie der »Ekkehard«; man merkt etwas deutlicher den Gelehrten. Aber sie sind überall fesselnd und graben bei aller Kleinheit überall in die Tiefe des geschichtlichen Lebens hinein. Sie verdienten mehr Beachtung, als ihnen gemeinhin zu teil wird.
Der »Ekkehard« und Riehls Novellen, sie bedeuten ein Programm. Ohne ein ausdrückliches Programm hat vorher schon Meinhold in seiner »Bernsteinhexe« (1843) ein ähnliches Bild geschaffen. Aber der größte Wurf geschah in der Nachfolge dieses Programms: ich meine Gustav Freytags großes Werk »Die Ahnen«, das von 1872 bis 1880 erschien. In sechs Bänden gibt der Dichter hier eine Reihe von Bildern aus der Geschichte eines Geschlechts. Ein Zeitraum von anderthalb Jahrtausenden soll in seinen charakteristischen Epochen dem Leser lebendig werden. »Ingo« und »Ingraban« führen in uralte Zeiten; die Jahreszahlen 357 und 724 stehen ihnen voran. Sitte und Brauch, Art und Recht in den Wäldern der Thüringe kündet uns »Ingo« in kraftvoll gezeichneten Linien, in schwungvoller Darstellung, in vollendet fesselndem Abschluß. Ingo, der Königssohn aus Vandalenstamm, und Irmgard, Fürst Answalds Tochter von Thüringer Blut, — sie haben der Deutschen Herz gewonnen. Und wie hier das Tosen der römischen Waffen von fernher hineinschallt in die Stille germanischer Waldeinsamkeit, so erklingen in »Ingraban« die Kampfrufe aus dem Streit zwischen Deutschen und Wenden. Aber zugleich erleben wir hier den Geisterkampf mit: Christentum ringt mit dem Heidentum, die sieghafte Religion mit der niedergehenden, Winfried-Bonifatius tritt neben Ingram-Ingraban. Einen starken Schritt vorwärts liegt »Das Nest der Zaunkönige«. Nicht mehr gegen Römerübermut kämpft deutsche Kraft; auch die wendische Gefahr ragt in dies Buch nicht mehr hinein. Unter einander streiten des Volkes Glieder. Der Sachsenkönig Heinrich II., der seit dem Jahre 1002 das Zepter führt, muß seine Herrschaft gegen die übelwollenden Großen des eigenen Landes schirmen. Die Schilderung deutscher Uneinigkeit, dazu aber überragender Königskraft und endlich mittelalterlichen Klosterlebens wird mit den persönlichen Interesse an Immo, dem Klosterschüler und späteren Helden, und seiner geliebten Hildegard verwoben. Das »Nest der Zaunkönige« vermag nicht ganz im gleichen Maß für sich zu gewinnen wie die beiden ersten Stücke; mag sein, daß der starke Gegensatz zwischen fremder und heimischer Art, der hier fehlt, dort wesentlich die packende Kraft gehoben hat. Vielleicht ist doch auch die Anlage dieses Buchs etwas zu breit. Auch die »Brüder vom deutschen Hause«, welche den dritten Band bilden, erreichen nicht die geschlossene Vollendung der ersten Bilder. Sie erzählen eine Lebensgeschichte, aber sie berücksichtigen dabei allzu wenig die Einheit der Entwicklung, als daß der Romancharakter gewahrt bliebe. Herr Ivo, der Thüring, ists, der daheim in Minnedienst und ritterlicher Art, auf dem Kreuzzug in merkwürdigen Abenteuern, dann wieder daheim im Konflikt mit der ketzerverfolgenden Kirche, endlich als Glied des deutschen Ordens geschildert wird. Auch hier ist durch Ivos Verehrung der edlen Agnes von Meran, dann durch sein und der schönen Friderun Herzensbündnis für menschliche Teilnahme gesorgt. Die Bilder mittelalterlichen Lebens, welche dieser Band entfaltet, sind reicher als die der früheren Bände. Kaiser Friedrich II., der Ketzerrichter Konrad von Marburg, die heilige Elisabeth, — sie alle grüßen den Leser. Aber neben den Mängeln der äußeren Gestaltung steht doch der andere Mangel, daß eben diese großen Gestalten nicht recht treu und echt gezeichnet sind. — Es ist sonderbar, daß Freytag gerade da, wo er große weltgeschichtliche Gestalten in die Welt seiner Phantasie eingreifen läßt, kein rechtes Glück hat; der Martin Luther, der am Schlusse der nächsten Abteilung, die den Titel »Markus König« führt, eine schwierige Frage mit spitzfindigem Scharfsinn löst, ist auch nicht der Martin Luther der Geschichte. Sonst freilich ist »Markus König« einheitlicher als die »Brüder vom deutschen Hause«; in das Städteleben von Thorn, in das Ringen von Deutschtum und Polentum, in Händel und Fehden der Zeit der Reformation führt er trefflich ein. Nur daß man es doch als peinliche Lücke empfindet, daß das eigentlich Bewegende dieser Epoche, daß das religiöse Moment so ganz zurücktritt. Der Band stellt sich damit selber zur Seite; er schildert den Zeitcharakter in Nebenerscheinungen, und er schildert ihn darum unvollständig und ungenügend. — Der fünfte Band enthält die beiden Skizzen, welche gemeinsam »Die Geschwister« betitelt sind. Die erste, »Der Rittmeister von Alt-Rosen«, zeigt Kriegswesen und Aberglauben aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, die zweite, »Der Freikorporal bei Markgraf Albrecht«, will das Charakteristische aus der Zeit Friedrich Wilhelms I. herausheben. Aber beiden Skizzen fehlt wirkliche geschichtliche Kraft und tieferes menschliches Interesse. Auch der letzte Band »Aus einer kleinen Stadt« vermag die Vorgänger nicht wieder zu erreichen; dazu ist weder die erste, größere Erzählung aus der Zeit der Freiheitskriege plastisch genug gezeichnet, noch die zweite kleinere, welche in einem Journalisten das letzte Glied der »Ahnen« erkennen läßt, irgend genügend vertieft.
Im einzelnen sind die Bände also von sehr verschiedenem Wert. Und zwar nicht bloß nach Seite der künstlerischen Gestaltung, sondern auch nach der Richtung geschichtlicher Anschaulichkeit. Man darf getrost sagen: selbst für Gustav Freytag war der Wurf zu groß. Wenn jenes Programm Riehls wirklich ausgeführt werden soll, so bedarf es dazu nicht bloß einer reichen Gestaltungskraft, sondern auch einer Vertiefung in das Innerste der zu schildernden Zeit, wie sie nur mit schweren Mühen zu gewinnen ist. Aber wer kann in dieser Weise sämtliche Hauptepochen der vaterländischen Geschichte beherrschen? Wer kann leben, ja wirklich leben in den Zeiten der Sachsenkaiser, der Reformation und der Befreiungskriege? Auch Freytag hat das nicht völlig vermocht. Und vielleicht hat doch auch für ihn das Riehlsche Programm eine Gefahr eingeschlossen. Es geht allzusehr ins Kleine, ins Alltägliche, ins Gewöhnliche. Eine Zahl von losen Einzelskizzen kann es geben, und sie alle mögen sich gut und gern zum Gesamtbild der Gesittungszustände eines Volks zusammenschließen. Aber wenn eine fortlaufende, zusammenhängende Reihe die wichtigsten Epochen der ganzen Volksgeschichte umfaßt, dann ist das Prinzip des Kleinlebens, des »Abseits vom Wege« nicht mehr für sich allein brauchbar. Dann müssen die großen Bewegungen der Geister mit ganz anderer Wucht ins Leben des Romans eingreifen.
Aber wozu im einzelnen mit Freytag rechten? Seine »Ahnen« haben ja trotz mancher Schwächen längst einen Ehrenplatz unter den deutschen Dichtungen gewonnen. Gewiß, sie verdienen ihn auch. Nicht bloß durch ihre gelungensten Teile, sondern vor allem durch die wirklich geniale Größe des ihnen zugrunde liegenden Gedankens. Und endlich: wie schon der »Ekkehard«, wie Riehls Novellen, wie vordem schon die Werke von W. Alexis, so sollen auch Freytags »Ahnen« der Liebe eben des deutschen Volkes gewiß sein, denn sie haben uns die eigene Vergangenheit erschlossen. Es wird für alle Zeiten ein Ruhm des historischen Romans im 19. Jahrhundert bleiben, daß er zum nationalen Roman geworden ist. —
Vollständigkeit in der Aufzählung der literarischen Erscheinungen kann auch dies Bild des historischen Romans nicht anstreben. Aber ich möchte doch die Entwicklungslinie des kulturhistorischen Romans nicht abschließen, ohne ein Werk zu erwähnen, das in seiner Eigenart besondere Beachtung verdient: ich meine Theodor Fontanes Zeitgemälde »Vor dem Sturm.« Es ist nicht Fontanes Art, seinen Romanen einen »großen Zug« zu geben; auch dies Gemälde aus dem Winter 1812 zu 1813 gibt Kleinleben, ganz und gar Kleinleben. Aber das eben ist Fontanes Stärke, wie er dies Kleinleben zu malen weiß. Diese Kunst der Anschaulichkeit, diese Sorgfalt des Details, diese Peinlichkeit in der geschichtlichen Treue, diese Feinheit in der Erfassung aller wesentlichen Strömungen, und zu dem allen diese feste Fundamentierung der Erzählung auf märkischem Boden! Ich gönne jedem die Freude an tatenreichen, geschickt gruppierten Handlungen, aber ich gestehe, meine Freude an dieser Fontaneschen Art gebe ich dafür nicht hin. Schließlich treibt er doch auch wahrlich nicht bloß Kleinigkeitskrämerei; das Kleinste — und wenn es die Tischordnungen sind, welche er für sämtliche vorkommenden Mahlzeiten mitteilt — ist ein notwendiges Glied des Ganzen, ein unentbehrlicher Pinselstrich auf dem Bilde der beschriebenen Zeit.
Ich habe etwas lange bei dem kulturhistorischen Roman verweilt. Aber wenn auch anderes darüber knapper behandelt werden muß, ich bereue es nicht. Hier liegt der größte Erfolg des historischen Romans im 19. Jahrhundert. Man kann alle die anderen Erscheinungen auf diesem Gebiet danach beurteilen, wie nahe oder wie weit sie von dieser Linie sich entfernen.
Neben die rein oder vorwiegend kulturgeschichtliche Richtung stelle ich zunächst eine ihr nahestehende, der ich den Namen der allgemeingeschichtlichen geben möchte. Auch für diese Richtung ist die Absicht maßgebend, ein bestimmtes treues Bild aus der Geschichte zu zeichnen. Nur daß dieses Bild nicht gerade die Gesittungszustände, das kulturelle Kleinleben umfassen soll, sondern sich mehr an die großen Strömungen und Stimmungen, an feste historische Ereignisse der Entwicklungsgänge anlehnt. Auch die Romane dieser Art müssen einen kulturhistorischen Einschlag haben; sonst würden sie schemenhaft werden. Die Kunst muß hier für den Dichter darin bestehen, ohne allzuviel Detail doch die Gestalten der Dichtung in engste Verbindung mit dem geschichtlichen Leben der gewählten Zeit zu setzen. Zahllose Romanschreiber sind an dieser Aufgabe gescheitert; sie gaben modernes Leben in geschichtlichem Gewand. Aber zwei Meister möchte ich nennen, deren Werke mir in diese Kategorie zu gehören scheinen. Der eine ist Wilhelm Raabe, der Stimmungsdichter, der doch auch die Geschichte sich dienstbar gemacht hat. Sein »Unseres Herrgotts Kanzlei« (1862) zeichnet mit kräftigen Strichen die Kriegsnöte des belagerten Magdeburg und zugleich etliches von den Stimmungen und Strömungen des Reformationsjahrhunderts. Nur fehlt eben die intime Einzelschilderung und die feinere psychologische Differenzierung. Und Raabes Hauptstärke, die Stimmung, kann hier nicht in gleicher Weise zur Geltung kommen wie bei seinen nicht-historischen Werken. Auch seine Erzählung aus dem 18. Jahrhundert, »Das Odfeld« sei hier genannt. — Der andere Meister dieser allgemeingeschichtlichen Richtung ist der Schweizer Conrad Ferdinand Meyer. Sein großer Roman »Georg Jenatsch« beschreibt die langen und verworrenen Parteikämpfe, welche auf dem Gegensatz der Konfessionen beruhten. Die Absicht ist unfraglich die, eben diese Zeit der Wirren und Kämpfe dem Leser lebendig zu machen. Allerdings hat das Buch bei großen Vorzügen auch erhebliche Mängel. Es führt nicht in konzentrierter Entschlossenheit vorwärts; es gibt Bilder, aber kein einheitlich wirkendes Bild. Es hält den Leser durch Zersplitterung des Interesses nicht bei dem befriedigenden Bewußtsein stets vorhandener Klarheit. Jürg Jenatsch selbst, der Parteiführer, hat eine nur mäßige Qualifikation zum Romanhelden. Sein Charakter packt, aber er verstimmt zugleich. Er begeistert, aber er kühlt bald wieder ab. Alles in allem, er hält die Sympathien der Leser nicht fest. Auch gelingt es ihm mit seiner objektiven, etwas schwerwuchtigen Art minder gut als leichteren Werken, die doch notwendige Spannung zu erzeugen.
Bedeutender noch als dieser große Roman sind Conrad Ferdinand Meyers historische Novellen. Freilich, man kann versucht sein, sie nicht mehr zu der eben besprochenen Richtung zu zählen, sondern zu einer dritten, der an die Geschichte angelehnten individuellen Erzählung. Diese Bezeichnung bedarf einer Erklärung. Ich denke dabei an Dichtungen, welchen nicht die Erweckung eines bestimmten geschichtlichen Kulturlebens, auch nicht die bestimmter geschichtlicher Vorgänge das Ziel ist, sondern welche ein mehr individuell interessantes Erzählungsbild, das nicht gerade geschichtlichen Gründen, sondern allgemein menschlichen Motiven entstammt, an die Geschichte anlehnen. Auch das ist eine berechtigte Form des Romans, nur daß freilich das Wort »historisch« nicht im gleichen Sinn ihr zukommen kann, wie den eben genannten Richtungen. Selbstverständlich muß auch hier der Gesamteindruck echt sein. Die Grenzen zwischen dieser Art und der vorher skizzierten sind leicht verrückbar; auch bei Conrad Ferdinand Meyers Erzählungen ist es manchmal schwer zu sagen, ob sie mehr das Allgemein-Geschichtliche oder das Individuelle betonen. Jedenfalls aber verdienen sie zum großen Teil als Meisterstücke der Erzählerkunst genannt zu werden. »Der Heilige« greift in das Leben des englischen Kanzlers Thomas Becket, also ins 12. Jahrhundert hinein, — mit welch wunderbarer, abgerundeter Darstellungskunst! Andere haben ihren Schauplatz zu anderen Zeiten und in anderen Ländern; »Die Hochzeit des Mönchs« z. B. führt nach Padua, »Das Amulett« in die Tage der Pariser Bluthochzeit. Wer aber geneigt ist, diese Erzählungen noch zu der gleichen allgemeingeschichtlichen Richtung zu zählen wie den »Georg Jenatsch«, der mag als Muster der dritten Gattung eine Erzählung nehmen wie »Grete Minde« von Fontane. Hier steht nicht die Kultur im Vordergrund und ganz sicher nicht die Geschichte; Lieb und Leid, wie es die Herzen bewegt, bewegt auch die Erzählung, — nur daß ihr ein geschichtlicher Hintergrund gesichert ist. Übrigens aber ist Fontane gerade in der »Grete Minde« ein anmutiges und feines Werk gelungen, eine wohlgebaute, nirgends zu stark auftragende, aber überall tiefgefaßte und pointierte Erzählung.
Endlich nenne ich kurz eine vierte Gattung des historischen Romans, nämlich diejenige, welche nicht Kulturleben, auch nicht geschichtliche Vorgänge, und wiederum nicht individuelles Menschengeschick zum Ausdruck bringen will, sondern den Gedankengehalt der Geschichte, die Ideen, die Tendenzen, die geistigen Strömungen. Eine gewaltige Aufgabe — dankenswert und schwer zugleich. Schwer vor allem deshalb, weil es viel eher gelingt, gegenüber den Kulturzuständen vergangener Epochen objektiv zu bleiben als gegenüber den Gedanken, welche in jenen Zeiten lebendig gewesen sind. Schon das ist schwer, diese Gedanken klar und ruhig zu erfassen, geschweige denn, sie objektiv wiederzugeben. So haben wir denn von dieser Gattung auch keine erstklassigen Romane zu verzeichnen. Aber genannt seien als ihre Vertreter Karl Frenzel (z. B. »Freier Boden«), Heinrich Laube (»Der deutsche Krieg«) und Karl Gutzkow (»Hohenschwangau.«)
Eine große Reihe historischer Romane habe ich Ihnen skizziert oder nur genannt. Die Fülle der Erscheinungen zwang dazu, auf gründlichere Behandlung einzelner Werke zu verzichten. Aber ich bin gewiß, daß Sie unter den vielen Namen, die genannt wurden, etliche — vielleicht mit Befremden — vermißt haben. Nun — sie sind bisher nicht ohne Absicht übergangen worden. Es war ja die Absicht, nur das wirklich Bedeutende anzuführen, um so die Entwicklung des historischen Romans in raschen Zügen zu skizzieren. Zu den Größten zählen eben die Übergangenen nicht. Trotzdem muß auch etlichen von ihnen noch ein Wort gewidmet werden, — schon deshalb, weil sich die Gunst des Lesepublikums so warm für sie ins Zeug legt. Das gilt vor allem von Felix Dahn und Georg Ebers. Namentlich eine Anzahl von Dahns »Kleinen Romanen aus der Völkerwanderung« sind ohne geschichtliche und ohne höhere künstlerische Kraft. Manche haben durch kunstvolle Ordnung des Stoffs eine gewisse Spannkraft, manchen liegt ein für eine Novelle ganz brauchbarer Gedanke zu grunde, alle haben die Entschuldigung für sich, daß es zum Allerschwersten gehört, kulturlose Zeiten lebendig zu machen, — aber eben Natur und Leben sucht man in ihnen vergebens. Ganz moderne Gedanken, wie sie der Weltanschauung Dahns entsprechen, hat er hier längst Vergangenen in den Mund gelegt. Zudem ermüdet an ihnen die schablonisierte Manier. Stärker ragt die Geschichte hinein in Dahns großes Werk, den »Kampf um Rom.« Es ist ja leichter, große Heldengestalten und mächtige Weltereignisse dem Leser nahezubringen als untergeordnete Wesen aus kleineren Umgebungen. So weckt der »Kampf um Rom« unfraglich erheblich größeres Interesse als jene eben besprochenen Romane. Es bleibt auch richtig, daß der »Kampf um Rom« dramatische Kraft, begeisterte Wärme und mächtigen Schwung besitzt. Leicht entzündbare, namentlich jugendliche Herzen vermag er mit dieser seiner Art geradezu in Flammen zu setzen. Sollen wir alles dies gering einschätzen? Gewiß nicht! Aber anderseits dürfen wir uns durch diese fortreißende Wucht auch nicht die ruhige Besinnung rauben lassen. Was für »Geschichte« liegt dem Roman zu grunde? Jene Geschichte, die nicht viel anderes kennt, als Helden und Bösewichte, Schlachten und Kämpfe, Ruhm, Leidenschaften, Intrigen! Es ist die Geschichtsmethode der Volksbücher, diejenige der mittleren Klassen des Gymnasiums (auch hier ist sie jetzt schon großenteils überwunden), aber nicht diejenige, welche dem tiefer Schauenden das wirkliche Leben der Vergangenheit erweckt! Welche Psychologie führt das Zepter? Eine Psychologie der großen Linien und der großen Mittel, aber keine Seelenforschung, die Menschen und Zeiten in feiner Erfassung auch scheinbar minder wichtiger Züge in Übereinstimmung zu bringen weiß! Folglich bleibt vieles im »Kampf um Rom« geradezu talmihistorisch. Und selbst die äußere Echtheit verdirbt sich Dahn, indem er alle Fäden in den Händen des Cethegus zusammenlaufen läßt, einer Figur, die wie dazu geschaffen ist, zum Ideal träumender Jünglinge zu werden. Die gesamte Entwicklung hängt an Cethegus; und Cethegus ist ein dichterisches Phantasiegebilde! Aber selbst wenn man diese Entgleisung in den Kauf nimmt, zu reiner Freude an dem Buch kann man nicht kommen, weil das Pathos, in dem Dahn seine Menschen reden läßt, gar zu ungeheuerlich ist.
Nur eine einzige Stilprobe! Furius Ahalla, der Korse, spricht:
»Staune nicht — frage nicht!
Ja: ich liebe Valeria mit aller Glut: fast haß' ich sie — so lieb ich sie.
Ich warb um sie vor Jahren.
Ich erfuhr, sie sei dein — vor dir trat ich zurück: — erwürgt hätt' ich jeden Andern mit diesen Händen.
Ich eilte fort: ich stürzte mich in Indien, in Ägypten in neue Gefahren, Abenteuer, Schrecknisse, Genüsse.
Umsonst.
Ihr Bild blieb unverwischt in meiner Seele.
Höllenqualen der Entbehrung erlitt ich um sie.
Ich durstete nach ihr, wie der Panther nach Blut.
Und ich verfluchte sie, dich und mich ...«
Wer spricht so im gewöhnlichen Leben? Furius Ahalla, der Korse? Nimmermehr!
Ähnlich ist über die Schöpfungen eines anderen Lieblings der Mode zu urteilen, über die von Georg Ebers. Der kulturhistorische Roman verläßt das nationale Gebiet; das ist sein gutes Recht. Er verläßt nicht das Prinzip der Kulturschilderung; hierin hat der Professor der Ägyptologie sehr Hübsches geboten. Aber es ist leichter, altägyptische Kultur zu schildern als altägyptische Menschen zu zeichnen. Die Fabel und die Charaktere, das sind bei Ebers die wunden Punkte. Man muß schon sehr gutgläubig sein, um in diesem Punkt das als echt hinzunehmen, was er gibt. Nur im »Homo sum« hat Ebers einmal tiefer zu motivieren gesucht; das Buch steht über dem Durchschnitt. Dafür hat er aber auch manches geschrieben, was unter dem Durchschnitt bleibt. Seine »Gred« ist eigentlich das Muster eines historischen Romans, wie er nicht sein soll. Mielke hat Recht: »glanzloser Firnis deutschen Mittelalters« liegt darüber. Die Sprache gekünstelt, das Empfinden modern, alles, was über das Individuelle hinausgeht, verschwommen, dies Individuelle aber ungefähr auf den Backfischton gestimmt, die Gedanken ohne Entschuldigung fehlend — wahrlich, was dabei herausgekommen ist, ist ein kraft- und saftloses Ding, das absolut nichts durch die Verlegung ins Mittelalter gewonnen hat. Die Geschichte könnte beinah ebenso gut in jedem bürgerlichen Hause des 19. Jahrhunderts spielen. Man möchte darüber weinen, daß das Gros des die Leihbibliotheken benützenden Publikums auch die »Gred« kritiklos genossen hat, weil Ebers nun einmal in der Mode war.
Von anderen will ich schweigen. Nicht als ob nicht noch manches Werk auch neben den großen und hervorragenden Schöpfungen stünde, das der Liebe des deutschen Lesers sicher sein darf. Und ebensowenig soll geleugnet werden, daß außer Georg Ebers mit seiner Archäologie in Romanform auch andere Schriftsteller noch den historischen Roman gemißbraucht haben. Aber was hat es für Zweck, das Gedächtnis an Ecksteins »Sensationsromane im historischen Gewande« — wie Adolf Bartels sie nennt — aufzufrischen? Robert Hamerlings »Aspasia« verdiente wegen ihrer ernsthaften Gelehrsamkeit Erwähnung, wenn wir nicht den historischen Roman behandelten. Ein solcher ist das schwerfällige Buch mit seiner steifleinenen Umständlichkeit nicht geworden.
Es sei genug. Über Höhen und durch Tiefen sind wir gewandelt; Prunkstücke der deutschen Erzählerkunst haben wir geschaut. Laßt uns begraben unter Schutt und Asche, was auf diesem weiten Gebiet Minderwertiges erstand. Aber laßt uns jubeln, daß wir auch Männer hatten, die die größte Kunst verstanden: Geschichte und Dichtung zu vermählen!