Hundertsiebenunddreißigstes Kapitel.

Und die Geschichte dazu, wenn's Ihnen beliebt! Denn obgleich ich beständig mit solchem herzlichen Verlangen auf diese Stelle zugeeilt bin, wohl wissend, daß es von allem, was ich der Welt vorzusetzen habe, der beste Leckerbissen ist, so will ich doch jetzt, da ich dabei angelangt bin, gerne einem jeden meine Feder übergeben, die Historie an meiner Statt fortzusetzen. Ich sehe die Schwierigkeit dieser Beschreibungen ein, die ich vorhabe, und fühle meinen Mangel an Kräften.

Ich habe wenigstens den einen Trost, daß ich diese Woche an die acht Unzen Blut in einem sehr tückischen Fieber verloren habe, das mich überfiel, als ich dieses Kapitel anfing. Daß ich also noch einige Hoffnung habe, es könne eher an den seriösen und kugelförmigen Teilen des Blutes liegen, als an der subtilen Aura des Gehirns. — Es sei, wie ihm wolle. Eine Anrufung kann nicht schaden! Und ich überlasse es völlig dem Angerufenen, mir's einzublasen oder einzuspritzen, wie er's für nützlich findet.


Die Anrufung.

Gütiger Spiritus der angenehmen Laune, der du vormals auf der leichten Feder meines geliebten Cervantes saßest. Du, der du täglich durch seine Fensterscheiben schlüpftest und die Dämmerung seines Gefängnisses durch deine Gegenwart in hellen Mittagsschein verkehrtest, seinen kleinen Wasserkrug mit himmlischem Nektar vermischtest und die ganze Zeit, da er von Sancho und seinem Herrn schrieb, deinen mystischen Mantel über seinen welken Stummel warfst[3] und ihn weit über alle Übel seines Lebens breitetest.

Kehre bei mir ein, ich bitte dich! Siehe diese Beinkleider! Mehr habe ich nicht in dieser Welt. Diesen häßlichen Riß bekamen sie zu Lyon. —

Meine Hemden! Siehe, was für ein schreckliches Schisma sich unter ihnen hervorgetan hat. Denn die vorderen Zipfel sind in der Lombardei und das übrige davon hier. Nie hatte ich mehr als sechs, und eine listige Hexe von Wäscherin zu Mailand schnitt mir von fünf die Zipfel ab. Doch um ihr nicht Unrecht zu tun, sie tat es mit Bescheidenheit.

Und dennoch, trotz alledem und einem Pistolenfeuerzeug, das mir noch dazu in Sienna weggemaust ward, und daß ich zweimal fünf Paoli für zwei harte Eier bezahlen mußte, einmal zu Radioffini und das andere Mal zu Capua, — halte ich eine Reise durch Frankreich und Italien — nur muß ein Mensch auf dem ganzen Wege nicht ärgerlich werden — für keine so schlimme Reise, wie einige Leute Ihnen gern weismachen möchten. Es muß zuweilen auf und nieder gehen. Wie Henker wollten wir sonst zu den Tälern gelangen, in denen die Natur so manche Tafel des Vergnügens für uns gedeckt hat. Unklug ist's, sich einzubilden, sie werden uns ihr Fuhrwerk leihen, daß wir es umsonst in Stücken zerbrechen können. Und wenn Sie nicht zwölf Sous bezahlen, ihre Räder zu schmieren, woher sollte der arme Bauer Butter zu seinem Brote nehmen? — Wirklich, wir erwarten zuviel — und für das Paar Lire, das man Ihnen für Ihr Abendessen und Bette zuviel abnimmt, was machen denn am Ende die aus? Wer wollte darüber seine Philosophie verwirren? Um's Himmels und um Ihrer selbst willen, zahlen Sie — zahlen Sie mit zwei offenen Händen! Lieber, als bei Ihrem Abfahren eine vereitelte Hoffnung auf dem Auge der hübschen Wirtin und ihrer schönen Tochter sitzen zu lassen. Und noch dazu, mein lieber Herr, nehmen Sie einen schwesterlichen Kuß von beiden. Jeder ist seinen Louisdor wert. Ich wenigstens tat es! —

Denn da mir den ganzen Weg über meines Onkels Toby Liebesgeschichte im Kopfe herumlief, tat solche die nämliche Wirkung auf mich, als wäre es meine eigene gewesen. — Ich befand mich in dem vollkommensten Zustande der Güte und des Wohlwollens und fühle bei jeder Erschütterung des Wagens die Schwingungen der sanftesten Harmonie, dergestalt, daß mir's keinen Unterschied machte, ob die Wege höckerig waren oder eben. Alles, was ich sah oder womit ich zu tun hatte, fiel auf eine geheime Springfeder des Empfindens oder Entzückens.

Es waren die lieblichsten Töne, die je mein Ohr berührt hatten; und den Augenblick ließ ich das Vorderglas nieder, um sie deutlicher zu hören. — »Es ist Maria,« sagte der Postillon, der es bemerkte, daß ich horchte. — »Die arme Maria,« fuhr er fort und bog sich dabei nach einer Seite, um mich sie sehen zu lassen, denn er saß in gerader Linie zwischen uns, »sitzt auf dem Rasen und spielt auf ihrer Flöte ihren Vespergesang, mit ihrer kleinen Ziege neben ihr.«

Der junge Kerl brachte dies mit einem Tone und Blicke hervor, die so völlig rein zu einem gefühlvollen Herzen gestimmt waren, daß ich augenblicklich ein Gelübde tat, ich wollte ihm ein Vierundzwanzigsousstück geben, wenn ich nach Moulins käme.

»Und wer ist die arme Maria?« sagte ich.

»Die Liebe und das allgemeine Bedauern aller Dorfschaften um uns herum,« sagte der Postillon. »Es ist erst drei Jahre her, daß die Sonne auf kein schöneres, witzigeres und liebenswürdigeres Mädchen schien. Und Maria verdiente ein besseres Schicksal, als daß ihr ein Eheverbot angelegt würde, und das durch die Kunstgriffe des Pfarrers, der sie aufbieten sollte.«

Er wollte weiterreden, als Maria, die eine kurze Pause gemacht hatte, die Flöte in den Mund nahm und den Gesang von neuem begann. Es waren dieselben Noten, aber sie waren zehnmal lieblicher. »Es ist das Abendlied an die heilige Jungfrau,« sagte der junge Mann. »Aber wer es sie spielen gelehrt oder wie sie zu ihrer Flöte gekommen, das weiß kein Mensch. Wir denken, der Himmel hat ihr zu beiden verholfen. Denn solange es in ihrem Kopfe nicht richtig ist, scheint das ihr einziges Labsal zu sein. — Sie hat die Flöte noch niemals aus der Hand gelegt, sondern darauf ihr Abendlied beständig fast Nacht und Tag gespielt.«

Der Postillon erzählte dieses mit so vieler Bescheidenheit und solcher natürlichen Beredsamkeit, daß ich mich nicht enthalten konnte, etwas in seinem Gesicht zu entziffern, das über seinen Stand wäre. Und ich würde sein Gesicht ausgeforscht haben, hätte nicht Marias Gesicht so völligen Besitz von mir genommen.

Wir waren um diese Zeit fast bis an den Rasen gekommen, auf welchem Maria saß. Sie trug ein weißes feines Mieder, und ihre Haare, bis auf zwei Locken, waren in ein seidenes Netz aufgebunden, in das an der einen Seite ein wenig phantastisch ein paar Olivenblätter geflochten waren. Sie war schön; und wenn ich jemals die ganze Stärke eines redlichen Herzeleids empfunden habe, so war es in dem Augenblick, da ich sie sah.

»Gott steh' ihr bei! Armes Mädchen! Sie haben mehr als hundert Messen in den verschiedenen Dorf- und Klosterkirchen um uns herum für sie lesen lassen. Aber es hat nichts geholfen. Wir haben doch noch Hoffnung, denn sie ist zuweilen auf kurze Zeit ganz verständig, daß sie die heilige Mutter Gottes wieder zurechtbringen wird. Ihre Eltern aber, die sie am besten kennen, haben alle Hoffnung aufgegeben und meinen, daß sie ihre Sinne auf immer verloren hat.«

Als der Postillon das sagte, machte Maria eine so melancholische Kadenz, so zärtlich und wehklagend, daß ich aus dem Wagen sprang, ihr zu helfen, und fand mich zwischen ihr und ihrer Ziege sitzend, ehe ich aus meinem Enthusiasmus wieder zu mir selbst kam.

Maria sah einige Zeit ganz starr auf mich und dann auf ihre Ziege — und dann wieder auf mich — und dann wieder auf ihre Ziege, und so fort, eins um das andere.

»Nun, Maria,« sagte ich sanft, »was für eine Ähnlichkeit findet Sie?«

Ich bitte den redlichen Leser, mir zu glauben, daß die Frage aus der demütigsten Überzeugung geschah, daß der Mensch ein Tier sei. In der ehrwürdigen Gegenwart des Elends hätte ich mir keinen unzeitigen Scherz entfallen lassen mögen, hätte ich dadurch einen Anspruch auf den besten Witz erlangen können, den Rabelais jemals ausgelassen hat. Und dennoch, ich bekenne es, tat mir's im Herzen wehe. Ich wurde über den bloßen Gedanken daran so unruhig, daß ich schwur, ich wollte mich mein ganzes Leben auf Weisheit legen und nichts als ernsthafte Sittensprüche sagen — und niemals, niemals wieder versuchen, mit Mann, Weib oder Kind Schnurren zu treiben, solange ich lebte.

Was das betrifft, Wischiwaschi für Sie zu schreiben, — ich glaube, das war ein Vorbehalt —; aber das überlasse ich der Welt.

Lebe wohl, Maria! Lebe wohl, armes unglückliches Mädchen!

Zu einer anderen Zeit, aber nicht jetzt, höre ich vielleicht deine Leiden von deinen eigenen Lippen. — Aber ich irrte mich. Denn ebenden Augenblick nahm sie ihre Flöte und erzählte mir damit eine solche Geschichte des Jammers, daß ich aufstand und mit schwankendem Schritt langsam nach meinem Wagen ging.

Was für ein vortreffliches Wirtshaus zu Moulins!

deco