Die Zobelkinder
Aus den Aufzeichnungen eines geistigen Arbeiters

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»Der Winter bei uns ist rauh, fast seit meiner Geburt trage ich mich mit dem Gedanken, mir einmal einen Stadtpelz anzuschaffen. Aber bis jetzt hab' ich es noch nie so weit bringen können. Darum getraue ich mich auch in keinen Kürschnerladen hinein und begnüge mich damit, die Schaufenster als Außenseiter zu betrachten. Nur das Geschäft Zum Zobel in der Krummen Gasse wage ich gelegentlich zu betreten und bewahre ihm sogar eine gewisse Anhänglichkeit, weil es nämlich früher einmal meinem Freunde, dem Kürschnermeister Wittig gehörte, mit dem ich in die Volksschule gegangen bin. Er war schon damals ungemein strebsam, was ich von mir leider nicht behaupten kann. Nach den untersten Schulklassen trat er bei einem Kürschner in die Lehre, während ich auf Karriere verzichtete und mich den Studien zuwendete.

Die Kürschnerei Zum Zobel war und ist eine wahre Goldgrube, was mein Freund Wittig, solange er lebte, allerdings beharrlich leugnete. Daß er in diesem Punkte nicht ganz aufrichtig war, wußte in der Krummen Gasse jedes Kind, obgleich, oder vielleicht gerade deshalb, weil er beständig über schlechte Zeiten jammerte. Denn das ist immer das beste Zeichen, daß es einem Gewerbsmann gut geht. Wenn man ihn an das Sprichwort erinnerte: »Handwerk hat einen goldenen Boden,« so gab er seufzend zur Antwort: »Jawohl, das sagte der Weber, als ihm die Sonne in die leere Brotlade schien!« Offenbar gehört zum Gewerbe auch ein bißchen Verstellung, wie denn ein anderes landläufiges Sprichwort es ziemlich unverblümt ausspricht, daß ein Handwerksmann und ein Krämer, die nicht lügen, keine Losung hätten. Nun, ich muß gestehen, daß ich manche Tageslosung Wittigs mit Vergnügen gegen mein gesamtes Jahreseinkommen ausgetauscht hätte. Wieviel der Zobel nur allein an mir, der ich doch eine recht bescheidene Existenz bin, im Laufe der Jahre schon verdient hat, das läßt sich heute gar nicht mehr nachrechnen. Denn alljährlich gebe ich dort meine Pelzkappe und den Muff meiner Frau über den Sommer zur Aufbewahrung. Und wenn ich beides im Herbst wieder abhole, so erkundige ich mich jedesmal, wieviel jetzt ein Stadtpelz kostet. Aber der ist freilich auch jedesmal wieder um ein Ziemliches teurer geworden, sonst hätte ich mir vermutlich schon längst einen gekauft, was dem Zobel neuerdings ein schönes Stück Geld eingetragen haben würde.

Der Kürschnermeister Wittig war natürlich nicht gleich vom Lehrjungen weg Meister geworden, sondern ursprünglich bloß Geselle gewesen. Als solcher vermählte er sich zum ersten Male, und zwar mit einer perfekten Köchin, die nicht nur sein Leibgericht, eine süße Mehlspeise, die man in Wien unter dem Namen »Topfenhaluschka« verehrt, ganz wunderbar zuzubereiten verstand, sondern ihm auch ein lediges Kind in die Ehe mitbrachte. Da er dasselbe tat, so glich sich die Sache aus. Der Köchin schlug das Verheiratetsein übrigens vortrefflich an, sie wurde mit jedem Tage dicker und gewann schließlich einen solchen Leibesumfang, daß man wie bei einer alten Eiche, sobald man sie nur erblickte, unwillkürlich darüber nachzusinnen begann, wie viele Männer wohl nötig wären, sie zu umspannen. Nach kurzer, aber um so glücklicherer Ehe starb sie denn auch an Fettsucht, woraus man wohl abermals mit einigem Recht den Schluß ziehen darf, daß das Kürschnergewerbe seine Leute nicht leicht an Unterernährung zugrunde gehen läßt.

Da sie ihrem Gatten zwei Knaben geboren hatte und die beiden außerehelichen Kinder ebenfalls Knaben waren, so stand Wittig nach ihrem Tode mit vier männlichen Nachkommen hilflos und allein in der Welt. Nichts natürlicher, als daß in solcher Lage ein ehrlicher Kürschnergehilfe, der sein Hauswesen nicht vor die Hunde kommen lassen will, sich sofort nach einer neuen Lebensgefährtin umsieht. Das Glück wollte es nun, daß ungefähr um dieselbe Zeit die Kürschnermeisterin Zum Zobel in der Krummen Gasse das gleiche Unglück betroffen hatte. Nach kaum achtjähriger Musterehe war ihr nämlich ihr Mann durch den Tod abhanden gekommen und hatte ihr außer der Kürschnerei vier allerliebste kleine Mädchen und die Sehnsucht nach einem neuen Manne hinterlassen. Sie hielt deshalb Ausschau nach einem Gegenstande, der der dreifachen Aufgabe eines Zobelmeisters, -vaters und -gatten gewachsen wäre und hatte alsbald eine Auge auf den stattlichsten ihrer Gesellen geworfen, und das war selbstverständlich kein anderer als mein Schulfreund Wittig.

Die Trauung, die in der Kirche des heiligen Laurentius stattfand, und bei der mir die Ehre widerfuhr, als Trauzeuge fungieren zu dürfen, war ein überaus lieblicher Anblick. Es standen nämlich zugleich mit den Brautleuten nicht weniger als acht herzige Kindchen vor dem Traualtar, die vier Knaben Wittigs rechter Hand an der Seite der Braut, die vier Mägdlein der Zobelwitwe links neben dem Bräutigam, alle noch ganz klein und in schneeweißen Festkleidchen, -röckchen oder -höschen und jedes ein Myrtensträußchen oder -kränzlein vor der Brust oder im zierlich gekräuselten Haar, rein als ob sie sich selbst schon als kleine Bräutchen oder Bräutigämchen aufspielen wollten. Wären die Gesichterchen nicht sämtlich nach einer etwas groben, handwerksmäßigen Schablone zugeschnitten gewesen, was ihnen trotz der verschiedenen Herkunft das Ansehen richtiger Geschwister verlieh; und wäre es nicht versäumt worden, ihnen vor Beginn der kirchlichen Handlung die Näschen etwas sorgfältiger zu putzen, so hätte man sich bei ihrem Anblick leicht an irgend ein schönes altmeisterliches Bild können erinnert fühlen, wo süße Putten in Unschuldsgewändern irgend einen heiligen Vorgang andächtig umringen.

Man kannte und schätzte in der ganzen Vorstadtgegend den Kürschnergehilfen Wittig, der nun seine Meisterin ehelichte und damit selbst Meister des Zobels wurde, und gönnte ihm sein Glück. »Da kommen zwei Fleißige zusammen,« sagten die Leute; »fleißig in der Arbeit, fleißig im Kinderkriegen.« Und das Kürschnermeisterpaar enttäuschte die Leute nicht. Arbeitsam im Geschäft, umsichtig im Häuslichen, ließen sie sich doch nichts abgehen und führten ein vergnügliches Leben. Die Meisterin, die noch in den besten Jahren stand, war heiter, flott, unternehmungslustig, kurz, was man eine »fesche« Frau nennt, und die Kaiserstadt an der Donau damals noch ein lustiges Pflaster. So munter sie sich aber auch um und um bewegte, ihre Pflicht, für die Vermehrung der Menschheit im allgemeinen und der Zobelkinder im besonderen zu sorgen, vernachlässigte sie darüber keineswegs, sondern beschenkte ihren Mann, zwischen Praterwirt und Heurigenschenke gewissermaßen, alle zwölf bis vierzehn Monate mit einem gesunden Sprößling. Meister Wittig, der diesen Kindersegen wie die Zinsen eines gut angelegten Kapitals, die zu bestimmten Terminen fällig werden, mit stolzer Genugtuung einstrich, verjüngte sich zusehends unter ihrem fröhlichen Einfluß. »Tages Arbeit — abends Gäste« reimte nun auch bei ihm wie bei seiner Gattin und bei Goethe auf »Frohe Feste«.

Als ich wieder einmal meine Pelzkappe und den Muff meiner Frau, weil es plötzlich grimmig kalt geworden war, vom Zobel abholte, traf ich ihn selbst im Geschäft an und ergriff die Gelegenheit mich zu erkundigen, was wohl ein Stadtpelz jetzt koste? Daß mir der Schreck in die Glieder fuhr, als er den Preis nannte, suchte ich zwar nach Möglichkeit zu bemänteln, indem ich rasch entschlossen so tat, als hätte ich mich zufällig selbst aufs Hühnerauge getreten; er mochte es aber dennoch bemerkt haben. Wenigstens legte er sofort die Grammophonplatte mit der Jammerarie ein und behauptete, einen solchen Vorzugspreis könne er freilich keinem anderen machen außer mir, ich möge es nur um Gottes willen nicht weitersagen, er wisse ohnedies nicht mehr, wie er auf seine Kosten kommen solle in den schlechten Zeiten, wo die Felle und die Arbeitslöhne immer teurer, und die Pelzsachen — im Verhältnis betrachtet, natürlich! — immer wohlfeiler würden. Es gebe Kunden, die das nicht begreifen wollten, aber verschenken könne er seine Ware denn doch nicht, er habe mit seiner Hände Arbeit eine Familie zu ernähren, und was es heutzutage heiße, so viele hungrige Mäuler zu stopfen, davon könne niemand sich eine Vorstellung machen, der nicht selbst Kinder besitze.

Ich mußte einsehen, daß dies in der Tat keine Kleinigkeit sei, und schwieg beschämt. Mein Pelzmantel würde mir doch natürlich auch keine Freude gemacht haben, wenn ich ihn immer mit dem Gefühl hätte tragen müssen, daß Wittigs Kinder seinethalben am Ende dem nagenden Hunger preisgegeben gewesen wären. Und leider wußte ich ja aus eigener Erfahrung, daß das tägliche Leben immer teurer wurde, kostete es mich doch Mühe genug, auch nur meinen kleinen frugalen Haushalt notdürftig über Wasser zu halten, obwohl ich gänzlich kinderlos bin. Meinem Freunde Wittig dagegen hatte gerade damals seine Meisterin nach kaum sechsjähriger Ehe das fünfte Kind geschenkt. Demnach waren es, da schon früher deren acht vorhanden gewesen, derzeit genau ihrer dreizehn, und die Zahl dreizehn gilt bekanntlich für eine Unglückszahl. Über solchen Aberglauben mag lächeln, wer will, ich kann nur feststellen, daß die alte Erfahrung sich leider auch in diesem Falle als zutreffend erwiesen hat.

Die »fesche« Frau Wittig, die für ihr Leben gern tanzte, ließ es sich nicht nehmen, am Faschingssonntag, schon wenige Wochen nach der Geburt jenes dreizehnten Zobelkindes ein Kränzchen des Kürschner- und Pelzwarenhändler-Vergnügungsvereines mitzumachen, dessen Fahnenmutter sie war. Und da sie als Patronesse keinem Tänzer einen Korb geben durfte, so übernahm sie sich und verblich am Aschermittwoch als Opfer einer allzu strengen Auffassung ihrer kürschnerischen Ehrenpflichten.

Meister Wittig, der den Tag über durch das Geschäft vollauf in Anspruch genommen wurde, konnte die zahlreichen Kinder, deren ältestes nicht viel über zwölf Jahre alt war, auf die Dauer nicht den Dienstboten überlassen. Es blieb ihm deshalb nichts übrig, als sich zu einer dritten Heirat zu entschließen. Kaum daß er diesen Entschluß gefaßt hatte, so faßte er noch den zweiten, sich diesmal eine ganz besonders ansehnliche Gattin zuzulegen. Bei den unausgesetzt schlechten Zeiten und dem immer miserableren Geschäftsgang hatte er sich nach und nach ein stattliches Vermögen erworben und konnte als wohlhabender Mann, der noch kaum vierzig Jahre zählte, unter den Töchtern der angesehensten Bürgerfamilien Umschau halten. Jung sollte die Erwählte sein, doch nicht flatterhaft, schön, aber nicht hoffärtig, liebenswürdig, aber nur gegen ihn, fröhlich, doch nicht allzu vergnügungssüchtig, reich, doch nicht anspruchsvoll, vornehm, dabei aber arbeitsam, kinderlieb gegen die früher angesammelten Dreizehn, aber doch vor Verlangen brennend, die Unglückszahl sobald wie möglich durch erneuten Zuwachs unschädlich zu machen. Billiger beschloß er, es auf keinen Fall zu geben.

All die genannten süperben Eigenschaften im stillen rekapitulierend, um sie unauslöschlich seinem Gedächtnis einzuprägen, wanderte er wenige Wochen nach dem Heimgang seiner Therese den endlosen Weg zum Friedhof hinaus, um deren Grab zu besuchen und ihr an dieser geweihten Stätte feierlich zu geloben, daß nur die Würdigste ihre Nachfolgerin werden sollte. Zu seiner Überraschung fand er daselbst eine ihm unbekannte Frauensperson in Trauerkleidern und Kreppschleier vor, die damit beschäftigt war, den noch unbegrünten Grabhügel mit schmächtigen Pflänzchen Vergißmeinnicht zu bepflanzen, welche sie eins nach dem anderen aus einem schwarz gestrickten Beutel hervorholte, ein jedes mit Daumen und Zeigefinger behutsam anfassend und die übrigen drei Finger dabei zierlich von sich streckend. Die Rührung, die den Kürschnermeister bei diesem Anblick überfiel, erleichterte ihm die Anknüpfung eines Gesprächs. Er erfuhr, daß er es mit einer zwar nicht übermäßig wohlhabenden, aber um so ehrbareren Jungfrau zu tun habe, die sich ihres Lebens Unterhalt tapfer und redlich mit Anfertigung kunstvoll gestrickter Perlenbeutel verdiene und die Verewigte zwar nicht persönlich gekannt, aber aus der Ferne als das Muster einer Bürgerin, Gattin und Mutter seit langem mit solcher Inbrunst verehrt hätte, daß sie jetzt nicht umhin könne, täglich den weiten Weg auf den Friedhof zu unternehmen, um den ihr so teuren Grabhügel zu betreuen.

Eine so selbstlose Gesinnung, eine so opferwillige Betätigung bewegten Meister Wittigs Herz aufs tiefste. Voll Bewunderung und Ergriffenheit betrachtete er die vor ihm stehende schwarz verhüllte Gestalt, die wie eine Odaliske hinter dem dichten Schleier hervor zu ihm gesprochen hatte, mit überströmenden Empfindungen faßte er nach ihrer Hand, sie unter warmen Dankesworten zu drücken. Aber sogleich zog er diese seine Hand erschrocken wieder zurück, als jene sich rasch darauf niedergebeugt hatte, sie zu küssen.

»O verwehren Sie,« rief die Grabhügelbetreuerin aus, »diesen keuschen und demutsvollen Kuß nicht einer reinen Seele, welche die Gefühle der Hochachtung und Verehrung, die sie für die in die himmlischen Heerscharen Aufgenommene hegt, längst auch auf Sie, als auf die Zierde des Gewerbestandes, ja der gesamten bürgerlichen Mannheit ausgedehnt hat!« Und damit eroberte sie gewaltsam die bereits entzogene Hand wieder zurück und drückte ihr wirklich — um in ihrem Geiste zu sprechen — den Stempel ihrer keuschen Lippen auf.

Der Kürschnermeister besaß nur eine dunkle und entfernte Vorstellung von dem, was die Leute »poetisch« nennen, aber so ungefähr, meinte er, wie diese schwarze Jungfrau in Wort und Tat sich gebärdete, müsse es wohl sein. Ein Hauch Maienluft umwehte ihn, und der Kitzel der Eitelkeit tat das übrige, ihn bis zur Wehrlosigkeit einzuschmelzen. Die umgelegte Schlinge, an der ihn der Satan zog, mit dem führenden Finger Gottes verwechselnd, zweifelte er nicht an einer weisen Vorsehung, die dieses scheinbar zufällige Zusammentreffen eingefädelt hätte, und als die Grabhügelbetreuerin um die Erlaubnis bat, hier und da auch nach den armen verwaisten Kindern sehen zu dürfen, gab er dankerfüllt und darüber staunend, wieviel Edelmut und Güte auf dieser sonst mit Recht verrufenen Welt doch noch in mancher versteckten und unbeachteten Gartenecke blühe, seine freudige Einwilligung hierzu.

Da die hochgemute Jungfrau hierauf, indem sie ein verheißungsvolles »Auf Wiedersehen!« hauchte, so rasch wie die Fee im Märchen entschwinden wollte, stellte er sich ihr entschlossen in den Weg und bat, ihn nun auch ihre verhüllten Züge sehen zu lassen, damit er seine Wohltäterin ein nächstes Mal wiederzuerkennen in der Lage wäre. Er hatte gehofft, die Spuren eines so engelhaften Herzens in diesen Zügen getreulich widergespiegelt zu finden, und trat nun unwillkürlich einen Schritt zurück, als sie nach einigem Zieren wirklich den Kreppschleier zurückschlug. Denn einigermaßen entsetzt starrte er in ein angeälteltes und aufgeschwemmtes Kartoffelgesicht von ausgesuchter Häßlichkeit, das auch durch ein verschämt herausforderndes Lächeln nur mäßig an Liebreiz gewann. Indes war er rücksichtsvoll genug, seine Enttäuschung nach Möglichkeit zu verbergen, und durch das Vorausgegangene bereits zu heillos verstrickt, als daß er nicht auch seinerseits ein, wenn auch etwas schwächliches »Auf Wiedersehen!« über die Lippen gebracht hätte.

Auf dem Heimweg hatte er bereits seine Fassung soweit wiedererlangt, daß dürre Erwägungen des Verstandes, die sich als Weisheit aufspielten, den peinlichen, aber unbestochenen Eindruck der Entschleierung überwinden konnten. Einem reifen und umsichtigen Manne, sagte er sich, zieme es nicht, sich bei den Weibern vorwiegend ans Sichtbare zu halten, wie es die Gewohnheit oberflächlicher Springinsfelde sei. In seinen Jahren müsse die Vernunft den Ausschlag geben, die den Wert einer Frau an den unsichtbaren Schätzen der Seele messe, durch die hundertfältige Erfahrung belehrt, daß Schönheit mit Zucht selten auf einer Bank sitze, manchmal schon mit dem ersten Kindbett vergehe, auf alle Fälle aber nicht so langlebig sei wie die Tugend. Und als die Grabhügelbetreuerin einige Wochen hindurch täglich ins Haus gekommen war und sich auch als rastlose Kinderbetreuerin erwiesen hatte, gewann er die Überzeugung, daß sein Hauswesen in keinen anderen Händen besser aufgehoben sein würde als in den ihrigen. Er tröstete sich deshalb mit dem Gedanken, daß in der Nacht Schönheit und Häßlichkeit ohnedies nicht voneinander zu unterscheiden wären, und errichtete unter schnöder Mißachtung der anonymen Warnungsbriefe, die ihm ins Haus schneiten, den Tempel einer neuen Ehe auf der Grundlage gegenseitiger Hochachtung und Seelenverschwisterung.

So hatte der Zobel wieder eine Meisterin, aber was für eine! Bald nach der Hochzeit, die diesmal in aller Stille und vollster Verborgenheit erledigt wurde, stellte sich heraus, daß die neue Frau Wittig nicht nur an drei verschiedenen Kostplätzen, sondern auch von drei verschiedenen Männern drei verschiedene Nachwüchslinge besaß, die das Mitleid der Welt schon durch den Umstand herausforderten, daß sie alle drei der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten waren. Meister Wittig, weitherzig, wie er war, erbarmte sich ihrer denn auch und nahm sie großmütig in sein Haus auf, da er sich sagte, auf ein paar mehr oder weniger komme es wirklich nicht an, und man könne es den armen Würmern doch nicht entgelten lassen, daß sie eine scheinheilige Mutter hätten. Viel peinlicher berührte ihn die nachträgliche Entdeckung, daß die Perlenstickerin bei der Ausübung ihres Kunsthandwerkes sich den Geruch einer geradezu exemplarischen Schlamperei zugezogen hatte, weshalb ihr nach und nach alle Kunden in Verlust geraten waren. Sie hatte nämlich die Perlen, welche ihre Auftraggeber für die anzufertigenden, antiken Mustern nachgeahmten Beutel ihr zur Verfügung stellten, aus Leichtsinn und Gedankenlosigkeit immer wieder in falscher Reihenfolge aufgefädelt, so daß hinterher beim Stricken statt der beabsichtigten Rosensträußchen oder sonstigen zierlichen Blumenmuster die vertraktesten Figuren und buntesten Verrücktheiten zum Vorschein kamen. Begreiflich, daß man sich bald für ihre Dienste bedankte, und daß sie aus diesem Grunde bis über die Ohren in Schulden steckte. Am entschiedensten aber fiel für Wittig ins Gewicht, daß sie sich nach und nach als böse Sieben entpuppte und ihn, die Kinder und das ganze Haus meistern wollte.

Ein anderer als er hätte vielleicht angesichts eines solchen Kreuzes, das zu große Vertrauensseligkeit und mangelnde Vorsicht ihm aufgebürdet, ratlos die Hände in den Schoß gelegt und sich nicht zu helfen gewußt. In Wittig aber hatte das Handwerk eine beneidenswerte Entschiedenheit und Kaltblütigkeit ausgebildet. Denn als Kürschnermeister war er gewohnt, wenn er einen Kragen oder einen Mantel zuschnitt, mutig und entschlossen in das kostbarste Biberfell hineinzuschneiden, wenn er einmal erkannt hatte, daß dies nötig sei, und sich durch kein ängstliches Zagen, es könne schief gehen, darin wankend machen zu lassen. Mit derselben Unerschütterlichkeit ging er denn auch hier zu Werke. Die drei Kinder der Grabhügelbetreuerin behielt er zwar bei sich, da sie schon einmal da und unter der übrigen Kinderschar wegen ihrer Munterkeit recht beliebt waren; sie selbst aber setzte er, ohne einen Heller ihrer Schulden zu bezahlen, kurzerhand an die Luft und ließ sich scheiden.

Das fehlgeschlagene Experiment hatte also den Kindersegen zwar vermehrt, aber keine brauchbare Mutter geliefert. Eine solche tat aber dringend not, es ging bereits alles drunter und drüber, der Meister konnte sich nicht mehr viel Zeit zum Überlegen gönnen. Einem psychischen Gesetze unbewußt gehorchend, fiel er jetzt ins entgegengesetzte Extrem. Mit einer Ältlichen war es schief gegangen, darum wählte er nunmehr eine Blutjunge, die fast noch im kindlichen Alter stand. Die Verflossene war ein Ausbund an Häßlichkeit gewesen, aber er hatte sie für ehrbar, innerlich wertvoll und häuslich tüchtig gehalten. Die Neuerwählte war hübsch wie ein frischer Apfel, in den hineinzubeißen man nicht widerstehen kann, von ihren inneren Eigenschaften dagegen wußte er nichts, als daß sie voll Übermut, Frohsinn und Ausgelassenheit steckte. Zu jener hatten kühle Erwägungen einer vermeintlichen Klugheit ihn bestimmt, in diese verliebte er sich mit der kopflosen Leidenschaftlichkeit eines Jünglings.

Um es gleich im voraus zu sagen: Das Heiraten ist ein Lotteriespiel, und Meister Wittig hatte es niemals zu bereuen, daß er dieses siebzehnjährige Landmädel heimführte. Denn sie war keine Städterin, sondern eine arme Bauernmagd, die Butter und Eier ins Haus zu bringen pflegte. Niemand hätte es für möglich gehalten, daß sie sich in die Rolle einer Zobelmeisterin würde finden können, und doch gelang es ihr glänzend. Sie verstand sich nicht nur vorzüglich aufs Wirtschaften, konnte ebenso sparsam wie üppig sein, jedes zu seiner Zeit und am richtigen Orte, sondern schuftete auch selbst für drei Mägde und wußte dennoch am Sonntag, wenn sie mit dem Meister in die Laurentiuskirche zur Messe ging, die stattliche Bürgersfrau vorzustellen und ihren kostbaren Sealmantel mit dem Anstand einer vollendeten Dame zu tragen. Den siebzehn vorhandenen Zobelkindern gegenüber — denn so viele waren es mit der Zeit geworden — verhielt sie sich ungefähr wie eine gleichgestimmte Schwester, die selbst den Kinderschuhen kaum entwachsen und über Spiel und Spaß noch nicht erhaben ist. Die jungen Herzen flogen ihr zu, alle wetteiferten, ihr etwas zuliebe zu tun, jedes erfüllte mit Freudigkeit, was ihm oblag. Die Räume widerhallten von Singen und Lachen, und doch blieb nichts versäumt, und alles ging seinen geordneten Gang. Der Kürschnermeister konnte seinem Herrgott dafür danken, es so unerwartet glücklich getroffen zu haben. An der jungen Frau, die sich an seiner Seite eher wie eine blühende Tochter ausnahm, hätte sich in der Tat nichts, aber auch gar nichts, aussetzen lassen, wäre sie nicht mit einer Eigenschaft, oder vielmehr Anlage ausgestattet gewesen, aus der man ihr billigerweise keinen Vorwurf machen konnte, die aber in diesen inzwischen hereingebrochenen Kriegszeiten und Ernährungsnöten immerhin etwas Mißliches hatte.

Sie war nämlich gewissermaßen eine Naturkraft und von so fabelhafter, geradezu agrarischer Fruchtbarkeit, daß man sie sich beinahe wie eine indische Göttin mit unheimlich multiplizierten und potenzierten Attributen der Weiblichkeit begabt hätte vorstellen mögen, wäre ihr Wuchs nicht vollständig normal, ja von einer reizenden üppigen Schlankheit gewesen. Jahraus, jahrein, ununterbrochen, zu jeder Jahreszeit, beschenkte sie ihren Gatten immer wieder mit neuen Leibeserben, und zwar grundsätzlich nur mit Zwillingen, Schlag auf Schlag, ohne auszusetzen, und in so kurzen Abständen hintereinander, daß es mit der Naturgeschichte schon fast nicht mehr vereinbar schien. Und wenige Tage nach jeder Geburt schuftete sie schon wieder trällernd und lachend im Hause umher, war rüstig bei ihrer Arbeit, wusch, kämmte, kleidete die Kleinen, Kleineren und Kleinsten, kochte und scheuerte, scherzte, plauderte und sprach jedermann gegenüber freimütig und mit liebenswürdiger Arglosigkeit die Hoffnung aus, recht bald wieder in diese zu kommen, denn etwas Schöneres, als Mutter sein und werden, gebe es nicht auf der Welt ...

Mehrere Jahre hindurch hatte ich, um billiger auszukommen, den Versuch gewagt, meine Pelzmütze und den Muff meiner Frau selbst einzusommern. Wegen des Krieges bekam man längst keinen Kampfer mehr, Naphthalin war schwer und nur zu Liebhaberpreisen erhältlich, ich versuchte es deshalb, mich mit selbst gesammeltem und getrocknetem Thymian zu behelfen. Und siehe, auch das heimische Kräutlein tat seine Wirkung. Ich blieb also dabei, und auch als der Krieg schließlich doch ein Ende nahm, fand ich, weil das Naphthalin trotzdem immer unerschwinglicher wurde, zunächst keine Veranlassung, die Selbstbewirtschaftung meiner Pelzsachen einzustellen. Meine Gewissensbisse darüber, daß ich dem Kürschnergewerbe ins Handwerk pfuschte und meinem alten Schulfreunde Wittig in diesen teuren Zeiten nichts mehr zu verdienen gab, schlug ich mit dem Gedanken nieder, daß jetzt vielleicht doch endlich einmal der Zeitpunkt nahe wäre, wo eine allgemeine Verbilligung der Waren es mir erlauben würde, den lange gewünschten Pelzmantel anzuschaffen. Dann würde ich sofort meine Schritte in die Krumme Gasse lenken und mich für die Gewerbestörung, deren ich mich aus notgedrungener Sparsamkeit schuldig gemacht, glänzend revanchieren. Indessen schien, solcher Zukunftspläne ungeachtet, die waltende Gerechtigkeit meine Untreue gegen den Zobel dennoch übelgenommen zu haben. Denn als ich eines Tages wieder die beiden jetzt schon etwas schäbig gewordenen Pelzstücke, deren Wert sich aber trotzdem während dieser Zeit der Not erheblich gesteigert hatte, aus dem mit Umsicht ausgedachten System ihrer Umhüllungen schälte, mußte ich zu meiner Entrüstung gewisse Spuren von Gespinnsten darin bemerken, deren Vorhandensein ich lieber nicht zur Kenntnis genommen hätte. Ein größerer Schaden war zum Glück noch nicht angerichtet, das Schicksal hatte vorerst nur warnend seinen Finger erhoben, um mir Zeit zu lassen, mich eines besseren zu besinnen.

Das tat ich denn auch und trug im nächsten Frühjahr meine Pelzsachen wieder zum Zobel. Fast hätte ich ihn nicht gefunden, das alte, niedrige, aber breite und trauliche Geschäfts- und Familienhaus war vom Erdboden verschwunden. An seiner Stelle erhob sich ein ansehnlicher, gediegener, vierstöckiger Bau mit einer nagelneuen eleganten Firmatafel an der Stirn und riesengroßen spiegelnden Schaufenstern im Untergeschoß, hinter denen ganze Berge des herrlichsten Pelzwerks ausgelegt waren. Alles hatte sich verändert, war unendlich stattlicher, glänzender, großstädtischer geworden, nur Wittig selbst, der hinter dem Ladentisch stand und ein Biberfell zuschnitt, schien derselbe geblieben. Kaum hatte er mich erblickt, so fing er über die schlechten Zeiten zu klagen an, über die fortschreitende Teuerung im Pelzhandel, die Uferlosigkeit der Lohnforderungen, die Unerschwinglichkeit der Steuern! Begütigend meinte ich: Wenn er in dieser Nachkriegszeit, wo ein Backstein auf zehn Kronen oder höher zu stehen komme, sich hätte aufs Bauen verlegen können, so könne es wohl gar so schlimm kaum stehen?

Da fuhr er mir aber ärgerlich über den Mund: ich redete eben, wie ich's verstünde, und wüßte nichts davon, wie schwer es für einen Geschäftsmann sei, sein bißchen Erspartes in Sicherheit zu bringen. Gerade darin liege ja das Unglück, daß er seine paar sauer verdienten Heller in einen gänzlich unrentabeln Hausbau habe stecken müssen, nur um nicht zu riskieren, daß bei nächster Gelegenheit alles zum Teufel ginge, oder die Steuerbehörde ihm den kargen Lohn seiner Lebensarbeit forteskamotiere.

»Ja, du hast es gut,« sagte er. »Du brauchst nicht zu sorgen, du bist kinderlos, du kannst lachen!«

Und nun fing er wieder über die Kinder zu jammern an, und was es koste, bis sie alle satt und mit Kleidern und Schuhen und Schulrequisiten versorgt wären. Und die Größeren, die gingen dann nur noch desto mehr ins Geld, wenn sie einmal ihre Hopsereien und sonstigen Lustbarkeiten im Kopfe hätten!

Wie viele Kinder im ganzen es jetzt eigentlich wären? erkundigte ich mich. Aber er wußte es selbst nicht mehr und behauptete, es sei auch ganz umsonst, sich die Zahl einzuprägen, unvermerkt wären es inzwischen doch schon wieder um ein paar mehr geworden. Denn immer kämen noch neue hinzu, immer wieder neuer Nachschub, unausgesetzt, wie bei den Kaninchen, die junge Frau täte es nun einmal nicht anders.

»Ich kann's bald nicht mehr leisten!« stöhnte er. »Nein, ich kann's wirklich nicht mehr leisten!«

Ich verstand nicht recht, wie er es meine — ich selbst freilich geriet ja täglich in größere Enge und Bedrängnis, aber daß auch er bei dem offenbar glänzenden Geschäftsgang sollte Geldsorgen haben, kam mir nicht ganz wahrscheinlich vor. Erst jetzt bemerkte ich, daß er doch nicht ganz derselbe geblieben war, der er früher gewesen. Er sah entschieden angegriffen aus, erschöpft und aufgerieben, und war sichtlich vom Fleisch gefallen. Ablenkend fragte ich, was ein Stadtpelz jetzt wohl kosten würde, und als er den Preis nannte, empfahl ich mich rasch und suchte die Tür zu gewinnen.

»Auf Wiedersehen!« rief er mir nach. »Du kommst wohl im Herbst wieder —?«

»Jawohl, um meine Pelzmütze und den Muff ...« Damit schloß ich geschwind die Tür von außen und jagte atemlos die Krumme Gasse hinunter ...

Aus dem Wiedersehen im Herbst sollte leider nichts mehr werden. Denn wenige Monate später erhielt ich die Todesanzeige Wittigs. Da und dort hörte ich die Meinung äußern, er sei halt doch schon ein bißchen zu alt gewesen für das Naturphänomen einer solchen Urkraft von Weib, wie die ländliche Gattin es war.

Auf der Karte standen neben der trauernden Witwe die sämtlichen Sprößlinge unterschrieben. So viele Namen hab' ich außer in einem Adreßbuch wohl selten auf einem Fleck beieinander gesehen. Mehr als einmal setzte ich an, all diese Karl und Rudi und Hansl und Seppl und Franzl und Ferdl und Gustl und Pepi, diese Mini und Lini und Tini und Fini und Romi und Moni und Loni und Vroni zusammenzuzählen, aber ich bin nie damit fertig geworden, es kam immer etwas dazwischen. Ein gewisser Bruchteil dieser Kinder, die alle unter dem Namen Wittig verzeichnet standen, konnte freilich bloß als Stief- oder gar nur als Adoptivkinder gelten, mindestens fünf bis sechs verschiedene Mütter und Väter hatten beim Zustandekommen der ganzen Gesellschaft mitgewirkt. Aber der Löwenanteil dabei fiel zweifellos meinem Freunde Wittig zu, der weitaus überwiegenden Zahl der Nachwüchslinge gebührte der Name Wittig von Bluts wegen. Mit Recht durfte der Meister von jenseits des Grabes auf ein arbeitsames, gesegnetes Leben zurückblicken.

Etwas mehr als ein Jahr nach seinem Heimgang kam mir eine fein ausgestattete Drucksorte mit der Nachricht zu, daß die Kürschnermeisterswitwe Wittig sich mit einem bewährten Mitarbeiter des Zobels, dem Kürschnergehilfen Soundso, vermählt habe. Ewige Wiederkehr des Gleichen!

Die Meisterin gab bekannt, daß das Geschäft unter der früheren Firma weiterbestehen werde, und bat alle alten Kunden, ihr geschätztes Vertrauen auch dem neuen Inhaber zuzuwenden, der gewiß bestrebt sein werde, durch solide und unerreicht wohlfeile Bedienung usw. usw. ... Ich befand mich, als ich diese Mitteilung erhielt, gerade frierend auf einer Reise, die ich trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit notgedrungen hatte unternehmen müssen. Die »unerreicht wohlfeile Bedienung« ließ meine nicht auszurottende Hoffnungsfreudigkeit sofort wieder in die Halme schießen, ich telegraphierte stehenden Fußes mit bezahlter Rückantwort in die Krumme Gasse: Was ein Stadtpelz jetzt koste? Die eingelangte Antwortdepesche warf mich für mehrere Tage aufs Krankenlager. Als ich wieder genesen und heimgekehrt war, erzählte mir ein Bekannter, den ich zufällig traf, die Hochzeit der Zobelwitwe sei ein wahres Ereignis für die ganze Vorstadt gewesen. In ungezählten Fiakern, behauptete er, die man in ganz Wien habe zusammentrommeln müssen, hätte die Familie sich in die Laurentiuskirche begeben, in der fürs schaulustige Publikum kaum noch Raum übriggeblieben sei, weil die Wittigs allein sie beinahe schon gefüllt hätten. Die Prachtentfaltung, die dabei getrieben worden, könne niemand sich vorstellen, der es nicht mit angesehen. Das kostbare Pelzwerk allein, das die größeren oder ganz erwachsenen von den Zobelkindern an sich getragen, wäre nach Schätzung solcher, die etwas von der Sache verstünden, ausreichend gewesen, die gesamten Schulden des österreichischen Bundesstaates zu tilgen. Relata refero. Mein Gewährsmann, der sich in Übertreibungen zu gefallen schien, wußte auch noch eine Menge Einzelheiten über den Aufwand beim Festessen und dergleichen mehr mitzuteilen, Dinge, die den Stempel des Klatsches an sich trugen, wie eben der Neid und die Scheelsucht ihn aushecken.

Ich selbst kann dem gegenüber nur feststellen, daß alles, was ich später über Wittigs Nachkommen hörte oder selbst sah, mir einen durchweg günstigen Eindruck machte. Sie genossen den allerdings recht bedeutenden Wohlstand, den der Vater ihnen hinterlassen hatte, zwar ohne Kopfhängerei in Fröhlichkeit, aber auch ohne Prahlerei oder übermäßigen Aufwand, bescheiden und einträchtig miteinander hausend, in einem heiteren brüderlich-schwesterlichen Zusammenleben, das um so bemerkenswerter war, als manchmal sogar in ganz kleinen Familien Uneinigkeit herrscht und hier die verschiedene Herkunft einen mangelnden Zusammenhang oder etwa auftretende Reibungen bis zu einem gewissen Grade erklärlich gemacht hätte. Derlei kam aber in der freundlichen kleinen Geschwisterrepublik überhaupt nicht vor, und wußte auch keines recht, wer eigentlich sein Vater und seine Mutter gewesen — denn es war schwierig, sich in dieser Familiengeschichte auszukennen — so hingen sie doch in herzlicher Neigung aneinander und waren sich dessen bewußt, daß sie alle (außer dem Herrgott im Himmel) wenigstens einen, allerdings kaum minder abstrakten Vater miteinander gemein hätten, nämlich den »Zobel« selbst. Im ganzen Bezirk der Krummen Gasse nannte man sie deshalb die Zobelkinder, und darunter verstand man nicht bloß die wirklichen Kinder, deren auch unter dem jetzigen Firmeninhaber immer wieder neue zuwuchsen, sondern begriff auch die halb- und ganzerwachsenen mit ein, ja die Eltern selbst, die beide noch jung und ohnedies von den älteren Kindern äußerlich nicht leicht zu unterscheiden waren.

Als ich einmal an einem Sonntag im Frühling einen Spaziergang in den Wienerwald unternahm, hörte ich in der Gegend von Weidlingau durch die reine Abendluft vielfältiges Singen und Lachen frischer Stimmen im neubegrünten Buchenforst erklingen und gewahrte einen langen Zug von Kindern und jungen Leuten, der jubilierend den einsamen Waldweg dahinzog und sich der Stelle näherte, wo ich im Grase lag. Erst hielt ich die Erscheinung für den Sonntagsausflug irgend einer Wandervogelvereinigung, doch klärten die Ganzkleinen, die Huckepack geschleppt, und die Kinderwägelchen, in denen die Allerkleinsten mitgeschoben wurden, mich bald darüber auf, daß dies doch nicht zutreffen könne. Was aber der stattliche Aufzug sonst bedeute, darüber ging mir erst in dem Augenblick ein Licht auf, als ich plötzlich mitten darunter die noch immer jugendlich aussehende Zobelmeisterin erblickte, die mir von früher bekannt war. Von einem Schwarm scherzender junger Leute und singender Mädchen umringt, die sie liebevoll geleiteten und beim Bergabsteigen sorgsam stützten, glich sie, da sie unverkennbar guter Hoffnung war, einem Sinnbild sommerlicher Fruchtbarkeit inmitten lockerer Frühlingsgenien, und ich war froh, daß die freundliche Karawane der Zobelkinder eine gute Weile brauchte, um plaudernd, lachend und trällernd, unter fröhlichem Saitenklang, mit buntflatternden Wimpeln der Lautenbänder an mir vorüberzuziehen, und ich auf diese Weise den Anblick in aller Gemächlichkeit genießen konnte. Noch lange blickte ich sinnend hinter den Entschwindenden drein, bis die letzten Nachzügler sich in den grünen Waldgängen verloren hatten. Ein friedliches Gefühl innerer Beruhigung war in mir zurückgeblieben. Ich sagte mir, daß es trotz der fürchterlichen Nachwirkungen des Weltkrieges mit dem Aussterben unseres Volksstammes denn doch noch seine guten Wege haben dürfte ...

Seither habe ich als alter Freund Wittigs wiederholt Geburtsanzeigen neuer oder Verlobungs- und Trauungsanzeigen heiratsfähig gewordener Zobelkinder, oder endlich Geburtsanzeigen der immer häufiger auftauchenden Zobelenkelchen zugesendet erhalten und meine damals aufgekeimte Hoffnung dadurch aufs erfreulichste bekräftigt gefunden. Dem jungen Bundesstaate allerdings erwuchsen aus Wittigs Kindersegen nach und nach nicht unbeträchtliche Ungelegenheiten. Denn je mehr von den Kindern und Enkeln des Zobelhauses in die Schulen eintraten oder sie wieder verließen, heranwachsend verschiedenerlei Berufe ergriffen oder Tätigkeiten anmeldeten und, reif geworden, Ehen schlossen oder selbst wieder Kinder bekamen, kurz, Handlungen begingen, bei denen man irgendwie mit den öffentlichen Stellen in Berührung kommt und gewisse Ausweispapiere benötigt, desto öfter tauchte die Frage auf, welcher Mutter oder welches Vaters Sohn oder Tochter, und welcher Großeltern Enkelkind dieser oder jener Zobelnachwüchsling eigentlich sei, und um so mehr trat die heillose Verwicklung zutage, die Meister Wittig durch seine viermalige Vermählung und die wiederholte Aufnahme eigener und fremder außerehelicher Kinder in sein Haus hervorgerufen hatte. Infolge gesteigerter Vorladungen und Einvernehmungen, widersprechender Aussagen und irrtümlicher Eintragungen kam es schließlich so weit, daß überhaupt kein Mensch sich mehr auskannte und die Behörden an der Möglichkeit verzweifelten, diesen Weichselzopf ohne Vermehrung des Beamtenpersonals auszukämmen. Es wurde deshalb ein eigenes Ressort »Zobel« geschaffen und ein Beamter mit Titel und Charakter eines Regierungsrates ernannt, dessen Lebensaufgabe darin besteht, aus der quellenmäßigen Erforschung von Wittigs Familienverhältnissen eine Wissenschaft zu machen und die Zobelkinder in Evidenz zu halten.

Da ich inzwischen zu der Einsicht gelangt war, daß ich als freier geistiger Arbeiter mein Leben nicht länger würde fristen können, so habe ich mich um diesen Beamtenposten beworben, wurde aber leider abschlägig beschieden, da ich die Altersgrenze für den Eintritt in den öffentlichen Dienst bereits überschritten habe.

Ich will nicht klagen und jammern, wie mein Freund Wittig es so gerne tat, ich schweige und versuche durchzuhalten. Das eine aber habe ich mir geschworen, und das halt' ich auch: Wenn ich wieder mal auf die Welt komme, so laufe ich beizeiten aus der Schule und trete bei einem Kürschner in die Lehre!

deko