Die Wasser brausen — und nun kommt etwas Ungeheures.
Zuerst eine meterlange blau-rötliche Platte wie ein flacher Klippenkopf, von dem die Ebbe abläuft. Auf dieser Klippe wippen zwei kleine Dinger hin und her, überschlagen sich, spritzen Wasser, als seien es zwei zurückgebliebene Meergeschöpfchen, die in ihr Element zurück wollen. Aber die Dinger haben die Gestalt von Ohren, und nun hebt sich ein fürchterlicher Klotz herauf, ein Tierhaupt. Wie die Märcheninsel zum Kraken wird, so die Klippe zum Nilpferd. Ein Maul spaltet sich auf, im buchstäblichen Sinne wie ein aufklappender Kasten. Zwischen roten Fleischwülsten liegen Zähne, aber nicht nach der Art von Zahnreihen, denen man zutraut, daß sie etwas kauen, sondern derartig verwirrt, schief, lückenhaft, abgehackt, mit dem untersten zu oberst, als habe das fürchterliche Maul sie selber eben erst in sich hineingebissen und zerkaut.
Dieser Kopf allein ist schon ein Riesentier. Aber die Charybdis kreiselt auseinander und jetzt rollt der Leib nach, eine endlose, fleischig schillernde Wurst, länger und immer länger. Erst wenn das Ganze wie eine violette Viermeter-Pflaume am Ufer steht und ganze Bäche von seiner nackten Haut zurückrieseln läßt, erkennt man, daß die Walze nicht nach Seehundsart auf dem Bauch heraufgerutscht ist, sondern fast verborgen unter ihrem quetschenden Bauchwanst vier winzige Beinchen hat, deren jedes vier Hufe trägt.
Indem der Leib sich mit seinen fünfzig Zentnern Gewicht unter Aufwerfen breiartig quellender Falten auf diesen kurzen Stempelchen mühsam einstellt, entlastet sich die Tiefe der Brust zu einem Prusten, als sei in einem D-Zug die Notleine gezogen worden und träten alle Bremsvorrichtungen zugleich in Kraft.
Das ist das Nilpferd, wie es der Besucher unserer großen Zoologischen Gärten jetzt gewohnheitsmäßig erlebt.
Was sind uns Entfernungen, fremde Landschaft, fremdes Klima noch! Inmitten der märkischen Sandebene ein roter Ziegelbau — und in diesen Bau mit seinem geheizten Becken verpflanzt ein Sumpfwinkel aus dem Papyrusdickicht des Tsadsees samt seinem Riesen, dem Nilpferd. Das bringt unsere Kultur schon fertig, als sei es selbstverständlich.
Was sie aber durchweg noch nicht vermag, das ist, dem Alltagsbesucher eines solchen Zoologischen Gartens nun auch den rechten „Geist“ mitzugeben, der ihm die grotesken Bilder verklären soll.
Dieses ungeschlachte violette Riesenhaupt, das da aus den Wassern taucht, ist ein Stück Weltgeschichte.
Nicht umsonst wandert die Phantasie bei seinem Namen nach dem heiligen Nil, wo aus der gelben Sandflut des Wüstenrandes jenes andere, noch viel gewaltigere, zu Stein erstarrte Haupt ragt: das Antlitz der Sphinx.
Und doch ist all der Wüstensand von heute nur ein Stäubchen in der großen Sanduhr der Weltgeschichte, die unendlich weit über die ältesten Pharaonen und Sphinx-Erbauer hinunter reicht, — der Sanduhr, die mit rinnenden Körnlein, mit unmeßbar kleinen Schlammteilchen im Laufe von Jahrmillionen Sandsteingebirge aufgebaut hat, und mit wühlenden Tropfen, winzig wirklich wie ein Regentropfen, ganze Gebirge auch wieder abgetragen hat.
Wenn der Mensch, der die Geschichte an seinem Schulbuch mißt, sich in recht entfernte Tage denken will, so träumt er von den Pyramiden, — wie sie gebaut worden sind. Cheops taucht ihm auf, Erbauer der großen Pyramide. Als aber Cheops regierte, lag die große Sphinx schon in der Wüste. Und sie war uralt. Sie hatte keinen Namen eines Erbauers, so alt war sie. Sie mußte wegen hohen Alters schon ausgebessert werden unter der Regierung des Cheops, wie eine Inschrift lehrt.
Doch was ist dieses Alter der Sphinx gegen das Alter des Nilpferdes, dieses zoologischen Sphinxkopfes, der aus den schäumenden Wassern glotzt.
Das Gestein, aus dem die große Sphinx herausgemeißelt ist, zeigt eigentümliche Streifen oder Schichtungen, wie schon auf jeder guten Photographie sichtbar wird. Der ganze Löwenleib mit Menschenkopf ist nun nicht etwa erst von Menschenhand aus Steinen zusammengeschichtet. Ein einziger Naturblock oder besser noch gesagt, eine natürliche Felsklippe, die im Sande seit alters vorsprang, ist einheitlich als Ganzes in die Sphinxform umgehauen, als Kunst und Technik eine cyklopenhafte Leistung. Die Schichtungen lagen entsprechend von Beginn an im Gestein, und sie verraten uns in Verbindung mit dem Gesteinsstoff selber, daß es sich dabei um eine uralte Sandstein-Klippe handelt, deren Material in grauen Tagen einmal durch strömendes Wasser schichtenweise als Schlamm wie Scheiben eines Butterbrotes (zum Teil allerdings sehr schief) abgelagert worden sein muß.
Es läßt sich nachweisen, daß das zu einer Zeit geschehen ist, die der Naturforscher in das letzte Drittel der sogenannten Tertiär-Zeit rechnet.
Es war vor der berühmten großen Eiszeit. Kein bekannter Menschenrest der Erde, auch die vielbesprochenen Knochen des Pithekanthropus von Java nicht, geht streng nachweisbar so weit zurück. Eben erst hatte sich durch einen kolossalen Einbruch, eine sogenannte Grabenversenkung, das Rote Meer als Arm des Indischen Ozeans gebildet. Wo heute sich jenseits der Landenge von Suez frei das Mittelmeer öffnet, lag streng trennendes Festland. In der Gegend der griechischen Kykladen schäumte das Meer an einem Küstengebirge. Sizilien hing mit Afrika zusammen und die heutige schöne Insel Malta war damals ein Fleck tief im Lande, zu dessen Sumpfseen die Elefanten kamen.
Damals aber schon war die eigentliche Blütezeit der Nilpferde.
Ihre kleinen vierzehigen Beine, ganz genau so gebaut wie heute, konnten sich in den weichen Schlamm schon eindrücken, der dann erst Stein, erst Felsklippe in der Wüste geworden ist und als solche verlorene Klippe der Sandöde ein eingewandertes Menschenvolk wunderbarer Techniker und mystischer Grübler zu phantastischem Ausbau in eine Tierform, die nie existiert hat, reizte.
Sie trugen damals ihren quetschenden Pflaumen-Leib auf den spaßhaften Stempelchen aber nicht bloß durch Afrika, diese Nilpferde. Ihr Reich ging noch ganz wo anders hin.
Die wenigsten Besucher eines Zoologischen Gartens ahnen die Gewalt der Frage: Alt und Neu, vor all diesen Tieren.
Da bewegt sich ganz junges Erdenvolk auf vier oder zwei oder gar keinen Beinen dahin — und daneben, in diesem oder jenem Käfig oder Tümpel, hockt ein Urgreis aus altverschollenen Planetentagen, grau wie so ein Planet selber, mit Backen und Zähnen und Bauch, die ein wandelnder Anachronismus, eine mühsam noch keuchende Versteinerung sind. Lustiges Bellen, Krähen, Gurren erschallt ... das sind die Jüngsten des zoologischen Reichs, die Schöpfungskinder, nicht nur jung, sondern sozusagen schon aus zweiter Hand: die Hunderassen, Hühnerrassen, Taubenrassen. Als der Urmensch jagte, liefen ihm Schakale und Wölfe nach. Daraus ist erst und durch sein Zutun der Hund geworden — und in ein paar kurzen Jahrtausenden alle die unzähligen Hunderassen. Und genau so die Hühnerrassen, die Taubenrassen, — Neuigkeiten der jüngsten Planetenmode und dazu Kunstprodukt, bei denen der Mensch die alten, auf Jahrmillionen eingerichteten Zuchtwahlgesetze der Natur mit einer geradezu unehrerbietigen Weise auf Dampf und Schnellfeuerwerk gesetzt hat. Umgekehrt aber: in dem roten Warmhause dort der fletschende Fleischklotz im trüben Becken, — das ist Patriarchenzeit, unverfälschte, vormenschliche Urwelt.
Vor mir liegt ein alter Foliant, in seiner Weise auch ein kleines Nilpferd an Unhandlichkeit, — aus den guten alten Zeiten, da man im Kloster saß, Raum hatte, sich ein Bäuchlein zu züchten und doch noch Platz dazu, solche Bände von 1300 Folioseiten und mit goldgepreßten Lederdeckeln von der Dicke je eines Zentimeters zu wälzen. Unsereins heute weiß das nicht mehr so recht in Einklang zu bringen, — es ist jedenfalls schlechterdings unmöglich, solche Bücher abends im Bett zu lesen.
Mein Foliant geht zurück auf 1558. Es ist das vierte Buch der großen Historia animalium, der Tiergeschichte des Konrad Gesner, gedruckt zu Zürich bei Christoph Froschauer.
Gesners Tierbuch bedeutete in seiner Zeit einen Wendepunkt der Zoologie. Die Antike war wieder erstanden. Nun griff ein genialer Geist alles zusammen, was sie von den Tieren gewußt, und ergänzte es durch eine Fülle des Neuen. Das waren Leute, diese Gelehrten von Fünfzehnhundert! Als Philologen setzten sie ein. Aber die Philologie war ihnen ideale Basis einer Weltwissenschaft. Um den Aristoteles und den Plinius zu erklären, wurde so ein Polyhistor Vater einer neuen Epoche der Naturforschung, wurde selber mehr als ein Aristoteles. Wir sind solchen Leuten wie Gesner gegenüber heute ein undankbares Geschlecht. Von diesem köstlichen Tierbuch gibt es weder eine neuere Ausgabe des lateinischen Urtextes, noch selbst einen Neudruck der (wenig später veröffentlichten) deutschen Bearbeitung, die schon um des wunderbaren derben Humors und Sprachreichtums ihres Lutherdeutschs willen einen Platz unter unseren klassischen Büchern verdiente.
In diesen schönen alten Blättern Gesners mit ihrem monumentalen Druck und ihren trefflichen Holzschnitten geschah es, daß das Nilpferd für das Gedächtnis der Kulturmenschheit eine Art Auferstehung feierte.
Von den Wassertieren handelt der bewußte Foliant. Land und Wasser sonderte ja schon die Bibel in ihrem Schöpfungsbericht mit strenger Schärfe. Auch dem Gesner zog sich ein tiefer Strich zwischen allem, was da kreucht und fleucht, und dem, was schwimmt. Bei den Walfischen und Seeschlangen, den Heringen, Karpfen und Austern taucht auch das Nilpferd folgerichtig auf.
Graue Traditionen, die an das Wort Hippopotamus zunächst dem Philologen anknüpften, gleißende Bilder aus dem wilden bunten goldenen Rausch des römischen Cäsarentums, in vergilbten Klassikerstellen gespenstisch noch einmal belebt. Als Augustus über die Kleopatra triumphierte, gingen im Festzuge ein Nashorn und ein Nilpferd mit. Als unter dem Cäsar Philippus Arabs die ewige Roma ihr Jahrtausend feierte (248 n. Chr.), erschien im Zirkus ein Nilpferd. Die Römer hatten das Ungetüm bestaunt, hatten es auf Münzen geprägt. Aber das Römerreich brach zusammen. Mythischer blauer Duft sammelte sich über seinen Cäsarenköpfen, er umspann auch ihre Tiere.
Als die höhere Geisteskultur, die Wissenschaft, langsam, inselartig aus den großen Zwischenwassern wieder auftauchte, als endlich eine deutsche Naturgeschichte sich zum erstenmal ernsthaft regte — da war das Nilpferd auf dem Punkt, völlig verschollen zu sein. Mit allegorischen Gebilden, den Meerpferden und Sirenen, verschmolz es, wo es in der Kunst sich erhalten hatte. Der Tierkunde aber mischte es sich unter die jüngeren, dem Norden geläufigeren Gestalten der Robben und Walrosse, zu denen dunkle Reiseberichte von Seekühen der fernen ozeanischen Gestade traten.
Da aber dringt zu Gesners, des großen Sammlers, Ohr eine wunderbare Zeitung.
Petrus Bellonius (Pierre Belon) war von Frankreich bis Konstantinopel gewandert. Im alten Palast des Constantin lassen ihn die Türken dort ein lebendig gefangenes Ungeheuer sehen, „umb kleines Gelt“, wie der deutsche Bearbeiter Gesners sagt. „Welchem, so man ein Kappißhaupt oder große Kürbsen darstreckt, so soll er sein Rachen so mercklich außsperren, daz es sich zu verwundern ist, daz der Hüter solche speiß in iren Rachen als in ein sack würfft.“
Der Schlund, in den man ganze Salatköpfe und Kürbisse wirft, dürfte selbst von einem schlichten Laienbesucher unserer Zoologischen Gärten wohl nur auf das Nilpferd bezogen werden. Herr Bellonius riet auf Grund der alten römischen Münzen auf den klassischen Hippopotamus, von dem die Türken selber natürlich keine Ahnung hatten. Damit war das Sagentier endgültig wieder entdeckt, wenn man vorläufig auch bloß auf Grund der alten Quellen eine Heimat Afrika mutmaßen konnte. Diese Quellen wiesen — höchstwahrscheinlich in Verwechselung mit der Seekuh, also einem echten Seesäugetier — allerdings auch nach Indien, — immerhin in ferne, heiße Länder.
Der gute Gesner war aber kaum dieser wieder errungenen Wissenschaft froh, als ihm etwas durchaus Sonderbares zum Fall Nilpferd in den Weg lief. Etwas so recht, um alle Gedanken eines klugen Mannes von 1558 auf den Gefrierpunkt zu bringen.
Bellonius beschrieb ziemlich anschaulich in seinem Bericht die Zähne des Nilpferdes. Wer vergäße sie je, der sie einmal gesehen hat, diese entsetzlichen Hauer, die krumm und schief im Maule herumliegen, jeder oben abgestutzt wie ein gekappter Baumstumpf?
Just genau einen solchen Hauer bringt nun ein glaubwürdiger guter Freund dem Gelehrten eines Tages mit, aber nicht aus Konstantinopel, sondern frisch, wie er ihn gefunden, — — aus einem Bachbett bei Zürich!
Von anderer Seite kommt ein ähnliches Geschenk, und als in Solothurn (also ebenfalls in der Schweiz) ein Haus gebaut wird, da stößt gar die Hacke auf einen ganzen Schädel voll solcher Zähne; der Schädel zerfällt zwar alsbald zu Staub, aber die Zähne dauern auch diesmal.
Nilpferde in der Schweiz? Darauf konnte sich auch ein Mann von Gesners Wissen keinen Vers mehr machen. Er erinnert an Riesengebeine, die man in Sizilien gefunden, und überläßt die Sache dem Leser. „Ob dieser oder dergleichen Zan,“ so gibt der Uebersetzer die Entscheidung resolut wieder, „Menschenzän oder von Wasserrossen oder sonst etlichen grausamen Thieren gewesen seyen, lassen wir hie bleiben.“ Und die Forschung ließ es „hie bleiben“. Diese Sache war denn doch noch zu schwierig für 1558.
Fünfzig Jahre gingen hin, — da kam eine neue Nachricht über das lebende Tier. Diesmal erschien es endgültig lokalisiert auf Aegypten. Ein Wundarzt aus Narni in Italien, Federiko Zerenghi, hatte das Nilpferd leibhaftig wieder am Nil entdeckt, an seiner klassischen Stätte. Er hatte sogar zwei Stück gefangen.
Die Scene spielt bei Damiette, also im Nildelta. „In der Absicht, einen Hippopotamus zu erlangen,“ erzählt Zerenghi, „stellte ich Leute am Nil auf. Sie mußten abpassen, daß zwei Tiere den Fluß verließen, und auf dem Wege eine große Grube graben. Sie wurde mit dünnem Holzgeflecht, Erde und Gras bedeckt, und als es Abend wurde und die Flußpferde zum Wasser heimkehrten, fielen sie alle beide in das Loch. Meine Leute holten mich und ich kam mit meinem Janitschar und wir gaben jedem der beiden Tiere drei Schüsse in den Kopf aus einer Büchse von größerem Kugelmaß, als gewöhnliche Musketen haben. Fast auf der Stelle starben sie mit einem Schmerzgeschrei, das mehr Büffelbrüllen als Pferdewiehern war. So geschah es am 20. Juli 1600. Tages darauf ließ ich sie aus der Grube ziehen und sorgsam abhäuten. Es war ein Männchen und ein Weibchen. Die Häute wurden eingesalzen und mit Zuckerrohr-Stroh gefüllt. In Kairo wiederholte man das Salzen noch einmal mit mehr Muße, auf jede Haut kamen 400 Pfund Salz. 1601, als ich aus Aegypten heimkam, brachte ich die Häute erst nach Venedig, dann nach Rom, wo mehrere erfahrene Aerzte sie besichtigten. Nur der Doktor Hieronymus Aquapedente und der berühmte Aldrovandi erkannten darin den Hippopotamus.“
Die Bilder dieser Häute erschienen fortan in den Naturgeschichten. Aber die glückliche Jagd, die dem Ort nach schon fast etwas fabelhaft klingt, wiederholte sich selber nicht. Im achtzehnten Jahrhundert, in den Zeiten Linnés und Buffons, nimmt die Tierkunde abermals im ganzen einen gewaltigen Aufschwung. Alles mögliche ferne Getier kommt in dieser lebhafteren Zeit wieder lebend nach Europa. Buffon pflegt in Paris schon einen ganzen Tiergarten. Auf Jahrmärkten zieht zum erstenmal der indische Riese, das Rhinozeros, herum, so berühmt, daß eine (übrigens vortreffliche) Denkmünze mit „Porträt“ darauf geschlagen wird. Den alten braven Gellert können wir uns heute gar nicht mehr anders vorstellen, als wie er ausgeht, „um das Rhinozeros zu sehen“.
Arme Märtyrer der erwachten Wissenschaft waren sie zumeist, diese umgetriebenen Menagerie-Riesen.
Lenz, der tierkundige Professor zu Schnepfenthal, hat eine tragikomische Geschichte derart aus der guten alten Zeit (allerdings aus verhältnismäßig immer schon jüngeren Tagen) bewahrt. Zwischen Eisenach und Gotha trottelt ein ungeheurer Elefant. Um ihn unschädlich zu machen und zugleich zum Marsch zu zwingen, ist ihm ein riesiger, unten offener, auf kleinen Rädern rollender Kasten wie ein Möbelwagen übergestülpt. Vorne sind Pferde vorgespannt und in der hinteren Innenwand des Kastens kitzeln große Stacheln den Unglückselefanten beständig so hinterwärts, daß er mit Pferden und Kasten Schritt halten muß. Die Erfindung ist zu sinnreich, um nicht zu einer Katastrophe zu führen. Dem alten Brahminen wird die Kitzelei gelegentlich zu arg, er bockt und brüllt, darob werden die Pferde scheu, ziehen schneller, entsprechend bohren sich die Stacheln ein, das Toben des Kolosses wird furchtbar, — bis die geängstigten Pferde endlich schief ziehen und die ganze Schreckenspyramide, Elefant und Schilderhaus, kopfüber in den Chausseegraben stürzt. Der Elefant bricht sich einen Stoßzahn dabei ab, wird aber schließlich nach endlosen Mühen im Zustande des geschundenen Raubritters doch noch wieder hervorgeholt und im Triumph unter seiner Kiste gen Gotha gebracht. Als er dort aus dem Kasten kommt, tobt er aber in berechtigter Auflehnung gegen diese Art der Behandlung derartig, daß niemand ihm zu nahen wagt. Die Gothaer rufen in ihrer Angst die Bürgerwehr zusammen, der Herr Hauptmann, Andreas Heyn hieß der Brave, verfällt jedoch sogleich auf ein Mittel, das auch bei erregten Menschen bisweilen mehr Erfolg haben soll als Kanonenkugeln: er spielt dem Rasenden nämlich eine Flasche mit Rum in den Rüssel. Im gleichen Augenblick war der Zorn des edlen Recken verflogen, mit dankbarem Blick betrachtete er die Flasche, leerte sie auf einen Zug und umarmte dann den Geber mit dem Rüssel so zärtlich, daß, laut Lenz’ Bericht, alle Anwesenden sich vor Rührung nicht zu lassen wußten.
Bei all diesen zugkräftigen Ungetümen fehlte aber das Nilpferd.
Ein besonderer Unstern schien über ihm neu zu walten. Schon zu Buffons, des großen Sprachmeisters in der beschreibenden Tierkunde, Zeiten, also Mitte etwa des achtzehnten Jahrhunderts, stand die Tatsache fest, daß das Nilpferd im unteren Nilgebiet, also in Aegypten, zwar einst in Masse gelebt habe, nunmehr aber nahezu oder ganz verschwunden sei. Zerenghis Jagd schien nicht nur die erste, sondern auch die letzte wissenschaftliche Nilpferd-Jagd auf ägyptischem Boden gewesen zu sein. Wahrscheinlich war das Nilpferd sogar schon zu seiner Zeit nur noch ein verspäteter Nachzügler im Lande gewesen. Die anderthalb Jahrhunderte seither aber hatten auch die letzten der letzten in die bewußten Fallgruben gebracht.
Es half nichts mehr, daß gerade auf den Ausgang dieses achtzehnten Jahrhunderts das alte Fabelland Aegypten durch Napoleons tolle Expedition und ihre wissenschaftliche Ausnutzung auf einmal heller wurde, als es zu den Tagen des alten Herodot der europäischen Forschung gewesen war. Jetzt geriet die rasch emporblühende ägyptologische Wissenschaft ja auf Denkmal über Denkmal einer ehemaligen Beschäftigung eines hochbegabten Volkes mit dem Nilpferd, wie sie mit solchem Nachdruck kaum ein zweites Riesentier der Erde erlebt hat.
Auf bunten lustigen Wandgemälden der uralten Gräber sah man die Nimrode des alten Reichs, wie sie dem Hippopotamus, unverkennbar getroffen, mit entsprechend riesigen Metallhaken, wahren Walfisch-Harpunen, zu Leibe gingen. Und nicht nur gejagt hatten sie ihn. In diesem wunderlichen Lande, wo die Tiere Götter wurden, war auch das Nilpferd schließlich unter die Ueberirdischen geraten. Wahrhaft überirdisch scheußlich, wie es uns ja heute noch erscheint, stand es in verzerrter, grotesk dickbäuchig vermenschlichter Gestalt auf dem Gottespiedestal und seine Mumie lag in geweihter Wickelung im Tempelgrab.
Von diesen alten Aegyptern, die das Nilpferd bis in den Kultus hineintrieben, hatte jedenfalls auch der Dichter des Buches Hiob seine Weisheit geschöpft, wenn er in dem kleinen Kolleg, das dem Knechte Hiob über Naturgeschichte von oben her gelesen wird (dichterisch einer der schönsten Stellen des ganzen alten Testaments), vom „Behemot“ spricht, der das Maul aufreißt, als wolle er einen ganzen Jordan verschlucken; wieder wie bei den Kohlköpfen des Bellonius ist es dieses über alle Maßen fürchterliche Maul, an dem man das Nilpferd herauskennt.
Aber was nützte das.
Nicht umsonst tauchte der Riese hier in Mumiengräbern und auf Grabbildern, die erst die von Fledermäusen umschwärmte Fackel des Archäologen rot erhellte, auf. Kein lebendes Nilpferd war mehr im Lande.
Wie so viele lehrreiche Tiere der Naturgeschichte schien es zurückgewichen vor der Wissenschaft, als sie endlich kam. So war der Ur-Ochse, von dem Gesner noch einen guten Holzschnitt gibt, just im Augenblick, da die Tierbeschreibung ihn festlegen wollte, unter den Händen den Forschern aus dem deutschen Forste herausgestorben. So ist der Biber, den Gesner noch als das gemeinste Tier aller deutschen und schweizerischen Flüsse kennt, mit der zoologischen Aera, die seine kunstvollen Bauten, seine seltsamen Schmarotzertiere und anderes mehr erforschen wollte, hingeschwunden bis fast auf den letzten Kopf. Von den romantischen Tieren, wie der Seekuh von Kamtschatka und dem Vogel Dronte ganz zu schweigen, die der Tierkundige nicht erwähnt ohne eine Zähre im Auge, sintemalen sie gleich von ihren ersten Entdeckern gesehen, beschrieben — und mangels besserer Verproviantierung aufgegessen worden sind.
Das Nilpferd zog sich offenbar in die Tropen zurück, abermals in ein recht dunkles Gebiet. Nur das dunkle Afrika kam übrigens in Betracht. Denn Indien bot, so stellte sich allmählich ganz fest, endgiltig keine Nilpferde. Man mochte die Seekühe des Meeres dafür gehalten haben. Vielleicht auch den großen indischen Tapir, der in Cuviers Tagen ganz unerwartet ans Licht kam. Aber indische Lotosblumen hatte der ungeschlachte Gigant auf keinen Fall abgeweidet, so lange wenigstens die Kulturgeschichte zurückreichte.
Langsam, wie eine Morgenlandschaft, über der die weißen Nebel Wolke um Wolke feierlich abdampfen, wächst das Bild des inneren Afrika im neunzehnten Jahrhundert der Kulturmenschheit herauf. Auf den alten leeren Fleck der Karte stellte sich Stück um Stück alles, was die kühnste Phantasie sich nur wünschen konnte: endloser Urwald, Ströme, die in brausenden Katarakten vom Hochplateau niederstürzen, Quellgebiete sagenumwobener Riesenflüsse, wo sich ungeheure blaue Seespiegel plötzlich öffnen, Schneegipfel über Tropenland, menschliche Pygmäenvölker und Gorillaaffen, die stärker sind als ein Mensch .....
Vor dieser immer spannenderen Wandeldekoration taucht nun endlich auch der alte Zirkusriese der Römer wieder auf: das Nilpferd.
Zuerst lernt man es in seinen heimischen Sümpfen selbst ordentlich kennen. Der treffliche Frankfurter Rüppell begegnete ihm in Nubien, andere im Sudan, noch andere, als sie vom Kap her in den schwarzen Erdteil dringen. Wie das wahre Sinnbild des tropischen Afrika erscheint es jetzt, das seltsamste Monstrum des dunkelsten Landes, an dem der Reisende erkennt, in welche bedenkliche Ferne er sich vorgewagt. Als Nachtigall es am Tsadsee findet, kommt ihm auf einmal hell zum Bewußtsein: er ist im Herzen von Afrika. Die geheimnisvollen, von Gefahren umringten Ströme des Innern macht es noch unsicherer. Wie eine Klippe stößt es plötzlich unter das Boot Livingstones, dieses besonders Glückbegünstigten, den auch der Löwe schon einmal in den Klauen hatte.
Inzwischen ist aber in England der erste neuzeitlich erdachte „Zoologische Garten“ in Ueberbietung aller alten Menagerien begründet worden (1838), der in kurzer Frist an tausend verschiedene Tierarten lebend vereinigte.
Hier zuerst erscheint es auch als eine Art Ehrensache, den Behemot in Person vor europäischen Augen zu zeigen. Politische Macht und diplomatische Höflichkeiten werden in Bewegung gesetzt um ein lebendiges Nilpferd. Endlich glückt es — und es ist ein Ereignis für die Londoner Gesellschaft, auch solche, die sonst für Zoologie nichts übrig hat.
Von Kairo kommt es, natürlich nicht dort, sondern viel weiter nilaufwärts gefangen. Ein zahmes Tier, wie einst das des alten Bellonius zu Konstantinopel. Ein besonderer Transportkasten wird ihm zur Ueberfahrt gebaut, echtes Nilwasser zum täglichen Bade geht fässerweise auf dem Schiffe mit. Anfangs bekommt es, ein junges Tier, bloß Milch mit Reis und Kleie. Es ist ja nicht eben leicht, einem Nilpferd-Baby die Flasche zu besorgen: das Nilpferdlein fordert binnen kurzem die Milch von nicht weniger als vier Kühen oder zwölf Ziegen. Aber alles wird glücklich überwunden und im Triumph wie ein König erscheint diesmal der Behemot wirklich in London. Die Zeitungen der ganzen Kulturwelt nehmen Notiz davon.
Erst Ende der fünfziger Jahre hat dann eine wandernde Menagerie zwei Nilpferde auch in Deutschland gezeigt. Und seither sind sie dem Großstädter das „Selbstverständliche“ geworden, das jeder Schuljunge kennt.
Eigenartiger Zug aber der Dinge.
Der Tag, da der erste Behemot seine plumpen vier Hufe auf englischen Boden setzte, — es war in uralter Schicksalsverkettung ein Tag der Heimkehr.
Um das zu verstehen, gilt es, in Gedanken noch einmal ganz ins Ungemessene zu wandern — weit hinaus über alles bisher Erzählte.
In der grotesken Dreieinigkeit der Inder, Brahma, Vischnu und Siva, ist Siva die wunderlichste Gestalt. Ein Cyklopenauge trägt er auf der Stirn, fünf Arme regt er wie ein riesiger Tintenfisch, sein Haar wallt nieder wie eine Pferdemähne und um seinen Hals schlingt sich ein Kranz von Totenschädeln. So träumt ihn der fromme Inder, wie er auf dem ewig unbetretbaren Schneekamm des höchsten Himalaya in grauser Majestät thront, scheußlich, wie nur irgend ein antediluviales Ungeheuer.
An den Namen dieses phantastischen Glaubensungetüms mahnt die geographische Bezeichnung einer niedrigen Hügelkette, die sich nordwärts von Delhi und Lahor dicht vor dem hohen Himalaya hinzieht: die Sivalik-Hügel. Diese Sandstein- und Ton-Hügel sind eine Katakombe. Wenn der Inder aus dem Gestein riesenhafte Knochen vorragen sah, so mag er sich in dem Gedanken gefallen haben von einer geheimen Urschöpfung Sivas, der in seiner Gebirgsöde einst zum Gigantenspielzeug sich Tiere geschaffen, ihm selber ähnlich an überweltlicher Scheußlichkeit, um sie dann in einer anderen Laune wieder unter Felsblöcken zu zermalmen und zu begraben.
Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aber kamen englische Naturforscher an den Ort, setzten ihren profanen Spaten ein und brachten viele Kisten voll Schädel und Gebein heim nach London ins Britische Museum, wo sie heute in schönen Glaskästen vornehm aufgestellt sind: die Wunderwelt des Siva als köstliche Zeugnisse jener längst verschollenen Epoche der Erdgeschichte, die der Forscher als Tertiärzeit bezeichnet.
Im letzten Drittel dieser Tertiärzeit (der Geologe braucht dafür den engeren Namen der Pliocän-Periode) lebte in diesem Lande vor dem Himalaya tatsächlich eine höchst eigenartige Tierwelt. „Vor dem Himalaya“ ist dabei eigentlich nicht der ganz zutreffende Ausdruck. Denn diese größte Falte der gesamten Erdrinde stand (so weit geht die Zeit zurück!) damals noch gar nicht in ihrer heutigen imposanten Höhe da.
Die Rinde unseres alten, wahrscheinlich durch Erkaltung immerfort einschrumpfenden Planeten arbeitete in jener Tertiärperiode mit besonderem Eifer. Noch war es nicht allzu lange her, da hatte der Planet, sich runzelnd wie ein dorrender Apfel, in Europa den großen Faltenwulst langsam heraufgetrieben, den wir heute Alpen nennen. Seit so und so viel tausend Jahren (geologisch ist das ja immer eine kleine Spanne) gährte und drängelte es jetzt in ähnlicher Weise auch in Asien: die Himalayafalte wollte sich ebenfalls heraufstauen. Aber noch war das im Werden zur Zeit, von der wir sprechen. Man muß sich ja solche Gebirgsbildung nicht als ruckweise Katastrophe mit entsetzlichen Erdbeben und allerhand vulkanischen Knalleffekten denken. Das stieg und stieg von unten auf ganz, ganz allmählich, so daß endlose Zeiten hindurch Matten und Wälder, Gewässer und Getier ruhig mitgingen, recht nach Goethes Wort: „Waldung, sie schwankt heran, Felsen sie lasten dran.“
Bloß die Flüsse, die vom Lande aus gegen die See abflossen, mußten nach und nach ein immer stärkeres Gefälle zeigen. Wie heute, kamen aber damals schon aus der Himalaya-Gegend, auch als sie noch flaches Hügelland war, Flüsse herab, und je mehr das Innenland sich dann hob, desto kräftiger häuften diese Flüsse im Tieflande davor Sand und Gerölle auf.
Was von Tieren gelegentlich in den Strom geriet, zufällig einzeln, oder bei Ueberschwemmungen in ganzen Massen, das kam als Knochenrest zur Ablagerung inmitten dieser Anschwemmsel. Später, als das Gebirge in seiner Schneeglorie ganz stand, hat dann die Faltenbildung auch noch teilweise auf diesen alten Schwemmboden selber übergegriffen, die Ströme haben ihr Bett auch da vollständig verlassen müssen und die alten Sandmassen sind als fester Sandstein noch einmal zu Hügeln darüber emporgestiegen: zu den heutigen Sivalik-Bergen.
In diesen Bergen lag also jetzt, was die Weltgeschichte uns von der Tierwelt jener Tage hat aufbewahren wollen.
Wir schauen in eine muntere Zeit. In Scharen tummelt sich eine reiche Tierwelt. Viel Nahrung muß in den Grasebenen und Buschwäldern dieser tertiären Flußufer hier gewesen sein, denn Riesen und Zwerge wollten in stattlichster Zahl allerorten davon leben und müssen gelebt haben.
Nachts im Mondschein mag es zu den Tränken herangetrabt sein, wie es in den älteren Reiseberichten (heute haben die Jäger schon stark aufgeräumt) aus Südafrika berichtet wird: Herde um Herde schwerfälliger Dickhäuter, Antilopen in hellen Haufen, ein schleichendes, sich duckendes, selber jägerndes großes Raubtier ums andere — Gebrüll und Geschnaufe und Geplätscher, als komme ein ganzer zoologischer Garten in dieser spukhaften Beleuchtung entfesselt daher.
Der König dieser Sivaliker, dessen Knochenreste sonst nirgends in der Welt bisher gefunden worden sind, war das Tier, das in Achtung seiner kongenialen Verschrobenheit von den Zoologen mit Recht den unmittelbaren Namen „Sivatier“ (Sivatherium) erhalten hat. Es kommt annähernd zustande, wenn man die Giraffe und das Elentier aufeinander pfropft und dem Ganzen die Größe ungefähr des Elefanten gibt. Mit der Giraffe hatte es zweifellos eine starke innere Verwandtschaft, es fehlte ihm nur gerade der lange Giraffenhals, ja es muß eher einen kurzen Büffelnacken gezeigt haben. Auf dem plumpen Kopf in der Breite und Länge von mehr als einem halben Meter saßen vorne in der Stirn zwei scharfe Knochenspieße und dahinter zwei dem Elch vergleichbare zackig geschweifte Schaufeln, — also im ganzen vier Hörner. Mit diesem wehrhaften Siva-Haupt stelzte der tolle Geselle auf fast zwei Meter hohen Giraffenbeinen.
Ihm zur Seite wandelten ein ähnliches Vischnu-Tier und ein Brahma-Tier, und zur Vervollständigung fehlte auch die echte Giraffe in der ganzen Pracht ihres Halses an den Sivalik-Tränken nicht. Rinder kamen in Scharen, Antilopen, Hirsche und Kamele. Aus dem Sumpf aber hob sich prustend und röhrend das „Schreckenstier“ (Dinotherium). Es war ein Elefant, aber massiger noch als unsere heutigen, und statt der Stoßzähne im Oberkiefer bogen sich ihm zwei kolossale Hauer unter dem Rüssel vom Unterkiefer abwärts, die ihm eher eine Aehnlichkeit mit dem Walroß gegeben haben müssen.
Wieder dann nahten trappelnde Wildpferde, deren Fuß damals neben der großen Hufzehe noch zwei kleinere trug, also noch regelrecht dreizehig war, — dann echte Elefanten, neben dem Mastodon, das vier Stoßzähne statt zweien, oben zwei und unten zwei, trug, — Nashörner mit Hörnern und auch eines, das gerade einmal gar kein Nasenhorn hatte, — endlich Schweine und Tapire.
In das Trompeten, Grunzen und Wiehern dieser Arche scholl das Gebrüll von Löwen, denen die Reißzähne wie krumme Dolche aus dem Rachen wuchsen, und in den Baumkronen kreischten aufgeschreckte Affen, Makaken und Schimpansen.
Vom Menschen, — ja, wie gern man von dem etwas wissen möchte! Aber kein Rest ist bisher dort gefunden worden, und wahrscheinlicher auch, als daß man ihn je dabei antreffen wird, möchte wohl gelegentlich der Fund eines Knochenstückes hier von jenem rätselhaften, aufrecht gehenden Wesen sein, dem Affenmenschen Pithekanthropus, der auf Java versteinert zwischen echten Sivalik-Tieren vorkommt.
Hübsch in das alte Bild aber paßt die Kolossochelys, die Kolossalschildkröte, die zwanzig Fuß lang und acht Fuß über der Panzerwölbung hoch wurde, — ihr wird kein Tritt eines Dinotherium oder Mastodon am Sumpfufer Gefahr gebracht haben. Romantisch genug, daß gerade dieses Land, wo der indische Priestertraum die Welt auf einer kosmischen Schildkröte ruhend dachte, vor Jahrhunderttausenden die größte wirkliche Schildkröte der Erde beherbergt hat!
Nun und hier denn, an den Sivalikhügeln, taucht zum erstenmal in der uns erkennbaren Folge der Dinge auch das Nilpferd auf.
Also doch in Indien!
Freilich in einem Indien, das noch ein Stück Urwelt war und in dem die Tierwelt Asiens kunterbunt gemischt erscheint mit der des heutigen Afrika.
Wenn man von einem kleinen Unterschied in der Zahl der Schneidezähne absieht, so ist das Siva-Nilpferd just schon genau unser jetzt lebendes. Schaut man das ganze Tier aber überhaupt im Gerippe an, so wird der Weg, den es gekommen, noch ein Stück weiter zurück klar.
Der Blick irrt herum bei seiner damaligen Gesellschaft am Sivasumpf und fragt, wer von denen allen dort denn am engsten verwandt mit ihm gewesen sei. Verwandt heißt ja im Sinne Darwins wirklich stammverwandt. Aus welchen noch älteren Formen konnte dieses Siva-Nilpferd sich herausentwickelt haben?
Da will nun der Name sogleich einen Anhalt geben, — der Name, wie wir ihn uns gemacht haben. Hippopotamus: das ist ein Flußpferd. Weil der Fluß zunächst für menschliche Weisheit der Nil war, so ist daraus erst folgerichtig Nilpferd geworden.
Es steckt eine alte, unverwüstliche Liebhaberei in allen pferdeliebenden Völkern, das Pferd überall in neuen großen Tieren wieder zu finden. Wo ein seltsamer Kopf aus den Wassern sah, da mußte es ein Pferd sein, ein Wasserpferd, ein Nilpferd. Die Phantasie dichtete ihm dann die nötigen Flossenfüße und den geringelten Fischschwanz zu, — dieselbe Phantasie, die entgegen aller Naturgeschichte gar zu gern ein Flügelpferd gehabt hätte. Beim Nilpferd schien nun vollends die Sache echt: ein ungeheures Pferd, das tauchen konnte wie eine Otter.
Besieht man sich die Sache aber etwas vom Standpunkte heutiger Naturforschung und stellt ein echtes Pferdeskelett gegen ein Nilpferdgerippe, so schmelzen die Aehnlichkeiten eine nach der andern dahin.
Beide sind Säugetiere, das steht natürlich fest. Und noch enger sind sie beide Huftiere, mit Hufen an den Zehen. Aber solcher Huftiere gibt es außer Pferd und Hippopotamus noch gar viele. Auch das Rhinozeros ist ein Huftier, der Büffel ist eines, die Giraffe und jenes häßliche Siva-Tier sind welche.
Sieht man auf die ganze Bauart, so erscheint nicht leicht etwas verschiedener, als das stolze, hochgebaute, pfeilschnell dahinfliegende Roß, diese Freude aller Künstleraugen, so lange es Künstler gibt, — und diese schlecht gestopfte Fleischwurst, die ihre Beine fast unter sich selber zerquetscht. Morastpfütze und freie luftige Ebene scheinen sich in zwei radikalen Anpassungen gegenüber zu stehen.
Aber da sind ja andere Huftiere zur Auswahl.
Wer sich vom alten Namen losmachen kann, dem muß eine wirkliche Anpassungsähnlichkeit unbedingt auffallen. Wer wirft sich kopfüber in denselben Morast, wo das Nilpferd sein Heim hat, badet und puddelt sich nach Herzenslust? Das Rhinozeros. In den Morast wühlt sich das Schwein, wühlt sich der Tapir, zu ihm kommt nach des Tages Hitze der Elefant. Was diese Tiere wirklich einander so ähnlich macht, ist die dicke Haut, die gerade bei den größten, Nashorn und Elefant, auch fast ebenso nackt ist wie beim Nilpferd. So haben die Tierkundigen allen Ernstes einmal versucht, diese saubere Gesellschaft in einen Strauß zu binden: man erfand eine Säugetier-Ordnung der „Dickhäuter“ für Elefant, Nashorn, Nilpferd, Tapir und Schwein.
Das Wort war echt und hat Kurswert im Volksmunde gefunden. Aber die Sache war ein großer Schnitzer.
Es kam die Zeit Darwins, und in dieser Zeit wurde es, wie gesagt, „ernst“ mit dem System. Bis dahin hatte man das System der Tiere eigentlich mehr für ein großes Haushaltsverzeichnis der Arche genommen, eine Art möglichst übersichtlichen Adreßbuchs für die Tierkenner. Jetzt hieß es plötzlich: was das System zusammenbindet, das gehört geschichtlich eng zusammen, es gehört an einen gemeinsamen Ast des großen Stammbaumes der Tiere. Und was solchen geschichtlichen Verwandtschaftsbeweis nicht erbringen kann, das gehört eben nicht nebeneinander im System, das System ist danach zu verbessern.
In diesem Moment flogen die Tiere herüber und hinüber, die ältesten Ketten brachen wie Glas und ganz neue Sammelgruppen holte die neue Posaune herbei.
Zunächst flog der Elefant, dieser alte kluge Charakterkopf der Säugetierwelt, weit von der Dickhäuter-Ecke, ja überhaupt von allen übrigen Huftieren fort. In einer großen Leere blieb er stehen, eine Ordnung für sich, — und noch zu dieser Stunde weiß kein noch so scharfsichtiger Darwinianer, von wannen er eigentlich in der Entwickelung gekommen ist.
Zum zweiten aber zitierte die Posaune an einen ganz bestimmten Fleck zusammen das echte Pferd, das Nashorn und den Tapir.
Es ließ sich nicht bloß ahnungsweise, sondern mit großem Aufwand echten geschichtlichen Materials nachweisen, daß diese drei Tiere tatsächlich „auf demselben Ast ritten“, das heißt: alle drei echte uralte Blutsverwandte im engsten Sinne waren.
Alle Huftiere, so hat sich zunächst äußerst anschaulich darlegen lassen, stammen ursprünglich von Grundformen, von Stammesältesten, die fünf wohlentwickelte Zehen an allen vier Beinen trugen. Ja es stammen sogar nicht bloß alle Huftiere von solchen reinlichen Fünfzehern ab, sondern überhaupt alle höheren Säugetiere. Mit dem Dezimalsystem haben die Fußverhältnisse des Säugerstammes einfach eingesetzt. Wobei nebenher, da das Wort gerade fällt, daran erinnert sei, daß das Dezimalsystem bei uns Menschen eben daher in Brauch gekommen ist, weil wir selber zehn Finger und zehn Zehen haben. Daß wir aber diese Fünfzahl an Händen und Füßen tragen, ist einer der sonnenklaren zoologischen Beweise, daß auch wir aus dem großen Stammbaum der übrigen Säugetiere herausgewachsen sind.
Wie es nun damit sei — jedenfalls haben wir Menschen in dem Falle gerade den Urtypus der Fünferpfoten in wahrer Musterform treu bewahrt. Das aber ist lange sonst nicht überall so gewesen. Gerade bei den Huftieren erlaubten sich die Füße mit fortschreitender Anpassung an allerlei besondere Lebensbedürfnisse die tollsten Abschweifungen oder, besser gesagt, Abkürzungen.
Je nach bestimmtem Zweck wurde im Laufe ungezählter Generationen bald diese, bald jene Zehe einfach unterschlagen, — sie verkümmerte zu gunsten der anderen, etwa wie wenn bei uns Menschen plötzlich die Mode aus irgend einem Grunde aufkäme, bloß noch mit Nachdruck auf die große Zehe aufzutreten oder bei der Hand nur noch mit dem Zeigefinger und Mittelfinger zu greifen.
Und zwar machten sich hier von früh auf zwei ganz bestimmte, unter sich grundverschiedene Richtungen geltend, wie diese einseitige Zehenunterschlagung geübt wurde. Es spiegelten sich darin unverkennbar zwei verschiedene Bedürfnisse.
Hier waren Tiere auf eine endlos weite, schwellende Grasebene gesetzt.
Ihre Lust war, zu traben, dahinzufliegen, so gut es auf vier Beinen irgend ging, über den grünen Teppich, — im schnellsten Lauf, da der Fuß kaum mit der Spitze den Boden schlug, wanderten sie der üppigsten Nahrung zu, im Lauf entrannen sie ihren Feinden, den riesigen Katzen. Kurz: Sausen war Trumpf.
Und die Krone dieses Sausens wurde — das Pferd.
Sein ganzes prachtvolles Knochengerüst steht nicht mehr auf vier Füßen, sondern nur noch auf vier Fingern. An jedem Fuß ist von den ursprünglichen fünf Zehen bloß die mittelste einzig übrig geblieben und auch die steht mit ihrem Huf so, daß der ganze Fuß nur noch in ihr gerade eben auf den Boden tippt.
Das ist nun natürlich nicht an einem Tage gewonnen worden. Viele, ungezählte Generationen mußten ganz, ganz langsam ihre vier anderen Zehen sozusagen einschlafen lassen, bis das volle Kunststück geleistet war. Diese Generationen bezeichnen wir, wo sie uns voll entgegentreten, natürlich Stufe um Stufe mit besonderen Namen. So zeigt jenes Wildpferd, das einst auf den Ebenen bei den heutigen Sivalik-Hügeln lebte, an seinen Gerippen heute noch, wie gesagt, neben der großen Mittelzehe zwei kleinere, immerhin schon mehr verkümmerte. Noch früher aber haben pferdeähnliche Tiere gelebt, die nachweislich noch wenigstens regelrechte drei Zehen zum Auftreten benutzten und davor Vierzeher, bis endlich die Stammform mit allen Fünfen ganz im Blauen der Zeit auftaucht.
Diese älteren, noch mehrzehigen Pferde-Ahnen aber, von denen man besonders aus Nordamerika sehr gute versteinerte Reste hat, nähern sich in ihrem übrigen Habitus jetzt ganz unverkennbar jenen beiden heute noch lebenden Huftier-Typen: dem Nashorn und dem Tapir. Ja diese Aehnlichkeit geht so weit, daß man mit ziemlich reinem Gewissen sagen kann: der Tapir sowohl wie das Nashorn sind stehengebliebene alte Aeste des großen Pferde-Stammbaumes.
Eine groteske alte faltige Tante ist dieses Nashorn, die in einem Winkel noch dasitzt, während das junge Enkelvolk längst eine ganz andere graziöse Höhe erreicht hat und als stolzes Roß dahinfliegt. Tatsächlich hat das Rhinozeros, wie jeder im Zoologischen Garten abzählen kann, an allen vier Füßen noch drei Hufe, von denen immerhin der mittelste — in bedeutsamem Hinweis auf das Pferde-Ideal — schon etwas stärker entwickelt ist.
Der Tapir aber steht noch eine Entwickelungsstufe weiter zurück, maßen er vorne vier und hinten drei Zehen mit Hufen hat, — also halb die Nashorn-Stufe des Pferde-Ideals darstellt, halb noch eine ältere, vierzehige verkörpert. Er ist in jeder Hinsicht ein zwitterhaft urweltliches Tier, dieser Tapir, der in unsere Welt nicht mehr paßt. Sieht man aber auf dieses abweichende Zehenverhältnis vorn und hinten, so möchte man geradezu sagen: der kleine dickfellige Phlegmatiker mit seinem kurzen Rüssel steht heute noch auf dem Sprung zwischen zwei Stufen der Entwickelung, mitten im Akt erstarrt wie der Diener in Dornröschens Schloß, der mit dem Kredenzbrett in der Hand steif eingeschlafen war.
So die Linie auf der Grasebene.
Eine andere Sorte Huftier aber geriet auf weichen Boden, Sumpf- oder wenigstens Waldboden, was in Urwald-Ländern ja im Grunde dasselbe ist, weil da jeder Waldgrund dreiviertel mindestens Sumpfpfütze ist.
Auf dieser weichlichen, nachgiebigen Unterlage entstand mit der Zeit ein ganz anderes Fuß-Ideal. Nicht eine hüpfende Zehe, — sondern zwei Zehen mit einem scharfen, auseinanderspringenden Hufpaar: der Fuß des Hirsches, der Fuß des Rindes.
Die mittelste und die zweitäußerste Zehe wurden diesmal Trumpf, — Mittelfinger und Ringfinger. Auf ihnen stelzen vorsichtig Ochse, Hirsch, Antilope, Giraffe dahin. Im übrigen aber auch hier dieselbe langsame Ueberleitung. Aus Fünfzehern erst Vierzeher, bei denen Zeigefinger und kleiner Finger zusehends als Ballast absterben. Endlich die reinen Zweizeher. Ungeheuer war diesmal die Zahl der zweizehigen Geschlechter, die herauskamen: alle die unzähligen Völker der Hirsche, Antilopen, Giraffen, Ochsen, Schafe und so weiter, der Wiederkäuer, um ein älteres ordnendes Versuchswort, das den Bau des Magens zu grunde legte, zu benutzen. Aber daneben auch ganz genau so wie dort das Stehenbleiben, das anachronistische Ueberleben einzelner Vorstufen.
Wir sind am Ziel.
Eine dieser Vorstufen ist das Schwein. Noch sind hier durchweg vier Zehen, aber nur zwei treten noch wirklich auf. Das ist schon hart an der Brücke zum echten Zweizehen-Ideal.
Dann aber: — das Nilpferd.
Vier Zehen mit derben Hufen berühren an allen vier Füßen den Boden.
Ein urtümlicher Fuß in jedem Bezug.
Die alte Tante des Ochsen- und Hirschvolkes steht vor uns, wie dort im Rhinozeros die des Pferdestamms.
Von der klassischen Erde Indiens wandern wir auf den altklassischen Boden Europas, — nach Griechenland, wo die Marmorklippen des Pentelikon ragen.
Eine flache Ebene fällt von diesen kunstgeweihten Höhen gegen das blaue Inselmeer ab, dieses Wundermeer alter Kultur, in dem jedes Inselchen ein Brückenpfeiler der aufwärts strebenden Menschheitsseele ist.
Ein Bergbach geht durch die Ebene ins Meer, ein Stück südlich von Marathon. Oleander schattet über die Ufer. Hirten weiden ihr Vieh. Sie gehören zu einer kleinen Meierei dicht am Bache, die Pikermi heißt.
Jeder noch so kleine Bach ist ein stiller Geologe, ein emsiger Helfer der menschlichen Geologie, wenn sie ihn nur beachten will. Besser als es lange Arbeit mit Hacke und Spaten vermöchte und kostenlos (die Geologie hat heute noch gar leere Taschen) schließt er durch eine Rinne, die er tief und immer tiefer in den Boden schürft, alte Erdschichten und Gesteinsschichten wie mit dem Messer auf. Jedes Bachufer wird mit der Zeit ein geologisches Profil, ein Querschnitt durch die unterschiedlichen Brot- und Wurstschnitten, die im großen Butterbrot der Erdrinde aufeinander liegen.
Während die Menschen lange Zeit nur den pentelischen Marmor der Berge herunterbauten, um unsterbliche Kunstwerke daraus zu formen, wühlte das Wässerlein von Pikermi unten in der Ebene auf eigene Faust den oberflächlichen Sand, den verhältnismäßig junge Tage hier aufgeschüttet, Korn für Korn auseinander, bis endlich eine derbere Unterlage von hart verbackenem rotem Lehm und Gerölle darunter zum Vorschein kam.
Das jetzt war schon im besseren Sinne urweltlicher Boden. Verschollene Flüsse, vom Gebirge her hier einst dahinrauschend, mußten diese Grundschicht abgelagert haben. Sie waren längst vertrocknet und das Bächlein, neu von oben eingreifend, konnte nicht einmal als ihr unmittelbarer Epigone gelten. Aber es wies wenigstens durch seine stille Maulwurfsarbeit endlich wieder das uralte Bett, das der junge Sand sonst allenthalben verschüttet und den Blicken entzogen hatte.
Aus der Geschichte ist bekannt, daß im neunzehnten Jahrhundert ein Bayernprinz König von Griechenland wurde und damit Geistesfäden sowohl wie Zufallsfäden sich anspannen zwischen Athen und München.
Man könnte sich streiten, welche Sorte von Schicksalsfaden mehr beteiligt war, als im Jahre 1838 ein braver bayerischer Soldat aus einer der Garnisonen König Ottos sich bei dem Meierhofe Pikermi zu schaffen machte und von ungefähr aus dem bewußten roten Lehm, den der Bach erschlossen, einen seltsamen Schädel herausstöberte.
Dieser Schädel wurde nach München verschickt, unterlag der wissenschaftlichen Bestimmung des gelehrten Professors Andreas Wagner — und erwies sich als Schädel eines Affen. Ein Affe im klassischen Boden zwischen Athen und Marathon war denn doch ein etwas starkes Stück. Pikermi, bislang kaum den nächsten Hirten bekannt, erhielt eine Art geistiger Weltberühmtheit. Die Geologen kamen fortan in hellen Haufen und entlasteten den alten Bach von seiner weiteren Arbeit, indem sie selber jetzt die Lehmschicht systematisch aufhackten.
Das Ergebnis war noch überraschender. In der ganzen Lehmmasse zeigte sich eine bestimmte engere Schicht, gleichsam eine besondere Einlage des großen Butterbrots, die ungefähr so ihren Meter gerade dick war, — und diese Schnitte war in der Tat die eigentliche Wurstschnitte.
Wie in einer regelrechten Blut- oder Leberwurst feingehackte Fleisch- und Fett-Teilchen kunterbunt durcheinanderliegend die ganze Wurstmasse zusammensetzen, so bot diese Schicht das Bild einer Hackmasse aus alten Knochen, die fast ebenso dicht als Mosaik den ganzen Bestand hier bildeten.
Ein österreichischer Forscher löste sich gelegentlich einen Erdenkloß von kaum dem Sechstel eines Kubikmeters heraus und fand darin: das ganze Vorderbein und drei große zersplitterte Röhrenknochen einer Art Giraffe, Hörner und Unterkiefer einer Antilope, ein Stück Kiefer und ein paar Zähne eines jener dreizehigen Ur-Pferde, drei Rhinozerosknochen und noch etwa ein Dutzend unterschiedlicher kleinerer Knöchelchen. In der Weise aber geht das weiter durch die ganze Schicht.
Man hat das Gefühl, daß hier vor Zeiten mit einer Unmasse von Tieren plötzlich etwas passiert sei. Man denkt zuerst an eine wahre Art Sintflut, die hier wenigstens im kleinen tabula rasa gemacht. Aber die Knochen verraten keine Spuren, daß sie durch Wasser verschwemmt sind. Sie zeigen im Gegenteil die unverkennbarsten Abzeichen von Raubtierzähnen, die Leichen müssen also zunächst offen als Beute für Löwe und Hyäne dagelegen haben. Vielleicht hat ein Sandsturm eine riesige flüchtende Tiermasse eingeholt, überschüttet, erstickt und dann wieder freigeweht. Vielleicht hat eine anhaltende schreckliche Dürre die armen Pflanzenfresser einer ganzen Gegend um eine letzte Tränke zusammengeschart, und dann, als auch die erschöpft war, am Fleck alle doch hingerafft. Das sind so Rätselfragen der Geologie, die in das schwere Gebiet der ganzen Existenzverhältnisse urweltlicher Tiere übergreifen. Wer will aber aus Knochen das Leben mit seinen tausend Möglichkeiten wieder auferstehen lassen! Eins nur ist sicher und gerade das ist uns hier die Hauptsache.
Diese irgendwie gestorbene und verdorbene vorklassische Tierwelt von Pikermi war himmelweit verschieden von allem, was wir heute in Europa erwarten.
Gleich der Affe, ein Makak, weist auf die Tropen. Dazu eine Grassteppe mit Giraffen, Antilopen, Elefanten und Nashörnern. Unter den giraffenähnlichen Tieren fällt das Hellas-Tier (Helladotherium) auf, das nicht ganz den langen Hals der echten Giraffe hat und auch sonst etwas plumper ist. In neuester Zeit ist im innerafrikanischen Urwald endlich ein schon lange als „Okapi“ signalisiertes großes Säugetier festgestellt worden, das von allen Lebenden diesem Helladotherium am nächsten kommt.
Ein weiterer Blick aber zeigt, daß wir nahezu vor derselben Tierwelt stehen, die jenes Land der heutigen Sivalik-Berge am Himalaya unsicher machte. Und nun eröffnet sich eine großartige Perspektive, die beide klassischen Orte unmittelbar miteinander verbindet.
Reste einer solchen Tierwelt lassen sich verfolgen auf der ganzen ungeheuren Linie von Pikermi bei Marathon bis zu den Vorhügeln des Himalaya. Eine Schädelstätte, vergleichbar der am Pikermi-Bach, ist aufgedeckt worden auf der Insel Samos, also dicht vor dem Festland von Kleinasien, im alten Reiche des glücklichen Polykrates. Weitere unverkennbare Fundstücke sind entdeckt worden auf der Urstätte sozusagen alles Griechenzaubers: auf dem heiligen Boden der Ebene von Troja, wo die Wühlerei des neunzehnten Jahrhunderts einsetzte mit der „verbrannten Stadt“ Schliemanns und dem Goldschatz des Priamos, um endlich bei tertiären Knochen der Elefanten- und Giraffenzeit abzuschließen. Die nächste Station ist Persien und so geht es bis Indien selbst. Ja von da noch östlich scheinen die Katakomben dieser Giraffen- und Elefantenwelt bis tief nach China hinein zu gehen und sicherlich reichen sie südöstlich bis Java, also unmittelbar bis über den Aequator hinaus.
Aber umgekehrt ist auch bei Pikermi in Griechenland west- und nordwestwärts kein Halt. Ungarn, Italien, Spanien haben ihre durchaus entsprechenden Fundstätten. Die Razzia auf dieses geheimnisvolle Tiervolk, die auf Java unter Palmen beginnt, endet nach modernen Begriffen buchstäblich beim guten deutschen „Aeppelwein“, — bei Eppelsheim zwischen Alzey und Worms. Dort ist schon 1835, also drei Jahre vor dem Affenknochen von Pikermi, ein wahrhaft fürchterlicher Schädel ausgegraben worden, — zum nicht geringen Schrecken der trefflichen Pfälzer, die sich in ihrem gemütlichen Lande solcher unbehaglichen Vergangenheit nicht versehen hatten. Mit seinen abwärts gekehrten Hauern erwies er sich als Kopf jenes „Schreckenstiers“ oder Dinotherium, das uns auch in den Sivalik-Hügeln selber begegnet ist und das ebenso in Pikermi lebte.
Kein Zweifel: eine einzige Welle großer Tiere, die wir heute ohne weiteres Tropentiere nennen müßten, ist in diesen grauen Tagen — in ihrer warmen Sonne werden sie nicht grau, sondern sehr blau gewesen sein — quer durch ganz Asien herangekommen und abgeströmt durch das ganze südliche und mittlere Europa bis zur atlantischen Küste und bis nach Deutschland hinauf.
Es spricht mancherlei dafür in einer hier und da bemerkbaren Reihenfolge des Auftretens, daß der Verlauf wirklich diese Form hatte: einer Einwanderung von Osten, von Asien über Kleinasien hinweg, westwärts nach Europa und dann tief in dieses hinein.
Und in dieser Pfeilrichtung, von Sonnenaufgang abendwärts, ist damals auch der ungeschlachte Geselle vom Schweine- und Paarhufer-Stamm auf die Wanderschaft gegangen: der Hippopotamus.
Es macht den Eindruck, als seien die Tiere schubweise gekommen. Wir wissen ja aus historischer Zeit, wie das manchmal so geschieht. So kam im achtzehnten Jahrhundert die braune Wanderratte zu uns aus der asiatischen Steppe. Als die ersten Kolonisten das Land nördlich vom Kap besiedelten, wurden sie alle paar Jahre durch das jähe Vordringen unglaublicher Massen von Antilopen, sogenannter Springböcke, in Angst versetzt. Diese einzeln so harmlosen Grasfresser bewohnten weite wasserarme Steppen des Binnenlandes. In guter, futterreicher Zeit vermehrten sie sich dort wie Sand am Meer. Dann trat, durchweg alle vier, fünf Jahre, eine große Dürre ein, und nun kam die Armee der Hungernden in Fluß. Wie ein zappelnder Fleischkoloß von einheitlicher Masse ergossen sie sich, dichtgedrängt zu Millionen, südwärts in das Ansiedlerland, — wehe jedem Hälmchen Grün dort, dieser Heerwurm des Antilopenvolkes wütete in den Kulturen schlimmer als Löwen und Panther. Heute ist das freilich, dank der schnellen Aufräumearbeit, die das erbarmungslos angewandte Feuergewehr unter der Hochtierwelt Südafrikas allgemein besorgt hat, nur noch eine alte Ueberlieferung.
Aber in solchen stoßweisen Massenbewegungen, müssen wir uns denken, hat damals auch Asien seine Tierwelt zu uns herüber geschickt.
In unerschöpflicher Weite müssen sich westwärts immer neue fruchtbare Weidegründe von ziemlich gleichförmiger Beschaffenheit aufgetan haben, in die der langsame Strom eintreiben konnte je nach Bedarf. Als das Dinotherium schon bei Eppelsheim war, waren andere noch weit zurück. Ein Trupp ging schneller, andere ganz langsam, im Verlauf erst unzähliger Generationen. Es war wie bei der so viel späteren Völkerwanderung der Menschen, die auch westwärts zunächst abfloß und in hundert verschiedenen Formen sich ausgestaltete.
Das Nilpferd, scheint es, gehörte zu den langsamen Wanderern. Das ist ja so verständlich bei seiner Lebensweise. Es ging sicherlich immer mit den Flußnetzen, stromaufwärts, -abwärts, wo es sie traf, bis endlich eine besonders schmale Wasserscheide die Brücke in ein neues Netz gab. Sie sind selber verschollen, diese Flüsse. Aus ihnen können wir den Weg nicht mehr konstruieren. Aber die Reste des Riesen geben hier und da, unverwüstlicher als ganze Stromsysteme, gleichsam Marksteine ab.
Jetzt endlich, aus dieser Linie vom Himalaya bis Eppelsheim, verstehen wir, wie dem guten Doktor Gesner zu Zürich Nilpferdknochen zukommen konnten aus unverfälschter Schweizererde, ohne daß Menschenschabernack oder Teufelshilfe im Spiele war.
In Pikermi selbst ist zwar bisher kein Nilpferd gefunden worden. Vielleicht bloß zufällig. Vielleicht aber war es damals noch nicht so weit auf seiner gemächlichen Westwanderung. Wenig später ist es jedenfalls gekommen, — gekommen auch aus diesem ewig rätselvollen Asien, das immer wieder wie eine Wiege der Dinge in der Geschichte auftaucht. Damals entsandte es Giraffen, Mastodonten und Nilpferde, wie es Jahrhunderttausende später Menschenvölker entsandt hat. Woher im letzten Schoße, — das lehrt uns auch die alte Tierstraße nicht, deren Spuren wir eben aufdecken.
Es ist abermals eine klassische Station, wo wir dem Behemot zuerst in Europa begegnen: im Tale des Arno, des Flusses von Florenz. Lange Zeiträume hindurch muß es hier von Nilpferden geradezu gewimmelt haben. Die weite Wanderung war ja nicht ohne eine gewisse Wandlung hingegangen. Dieses Arno-Nilpferd hatte schon einen Schneidezahn jederseits weniger als der alte Ur-Behemot der Sivalik-Hügel, und damit entsprach es so gut wie ganz unserm Alt-Aegypter. Bloß noch etwas größer scheint es gewesen zu sein, — Hippopotamus major ist es deshalb getauft worden.
Dieses Groß-Nilpferd taucht dann ganz entsprechend auch in Frankreich auf, in Süddeutschland, ja in wahrhaft überwältigender Fülle in England. Im Britischen Museum zu London steht eine ganze Mustersammlung englischer Nilpferde, aus South Wales, Kent, Suffolk, Essex, ja unmittelbar aus dem Tal der Londoner Themse. Hierher gehört natürlich auch der Schweizer Hippopotamus Gesners. Einmal im Besitze Europas, zählte der Behemot dann sogar zu den zähen Eroberern. Er dauerte noch lange aus, als mit dem Ende der Tertiär-Zeit das Klima in ganz Europa fort und fort schlechter wurde.
Es nahte damals bekanntlich die große Eiszeit, die sich in ganz Nordeuropa wie ein langer, lebentötender Polarwinter zwischen die warme Tertiär-Zeit und die gemäßigte Temperatur von heute schob. Aber diese Eiszeit ist, wie alle großen Umwälzungen der Erdgeschichte, ganz langsam herangekommen. Affen und Giraffen gingen dabei unter oder wanderten aus. Andere, zähere Gesellen aber versuchten es mit der Anpassung an die zunehmende Kälte. Elefant und Nashorn hüllten sich in ein dickes, warmes Zottelkleid, als die Gletscher überall aufblinkten. Eine besonders anpassungsfähige Antilope blieb ihren Bergen treu trotz aller Schneelawinen: dauert sie doch heute noch als unsere allvertraute Gemse im Schweizer Hochgebirge aus. Lange, scheint es, hat auch das Nilpferd sozusagen getrotzt gegen den immer mehr verlängerten Winter, den immer kargeren Sommer.
Besonders aus dem Main- und Rheintal wollte es sich rein nicht verdrängen lassen. Es muß das eine Gegend gewesen sein, die jahrtausendelang alle nur ausdenkbaren Nilpferd-Bedingungen bot, — seltsam genug, wenn man an heute denkt.
Als aber die Flüsse allzu dauernd mit Eis gingen oder wohl ganz von ihrem Quellgletscher auch talabwärts erobert wurden (wuchsen doch die Schweizer Gletscher bis in den Bodensee und Genfer See), da scheint es endlich doch auch langsam nach Süden zu Reißaus genommen zu haben. Die eigentliche sibirische Kälteanpassung der Mammute und Pelz-Nashörner hat es jedenfalls nicht mitgemacht.
In der Eiszeit ist der Mensch schon da, als Urmensch freilich erst ohne schriftliche Ueberlieferung. Dann, diesseits der Eiszeit von uns aus, kommt jenes eigenartige Interregnum: die Kulturepoche, die bei den Aegyptern, Babyloniern, bei den Mykenä-Königen in Griechenland und so weiter zuerst für uns hell wird, setzt ein, — aber sie setzt ein in faustdickem geschichtlichem Nebel. Noch fehlen alle Fäden, die herüberleiten. Woher sind die Aegypter gekommen? Woher die Hellenen? Düsternis, Nacht, Fragezeichen überall. Und genau unter diesem Nebelreif, der vielleicht wieder Jahrtausende umfaßt, verschwindet das Nilpferd ganz aus Europa, — auch aus dem Mittelmeergebiet.
Es hat durchaus den Anschein, als sei es auf der Flucht vor der Eiszeit zuerst nur auf die Mittelmeerländer eingeschränkt worden. Diese müssen eine Zeitlang noch sehr viel Landgebiet auch da gewährt haben, wo heute das Mittelmeer selber rauscht: Landgebiete, die zugleich Brücken nach Afrika bildeten.
Sehr wahrscheinlich war unser Freund schon in jener Zeit, als die ganze bunte Tiergesellschaft der Sivalik-Hügel zuerst in Europa erschien, gleich mit einem Seitenstrom dieser Tierwelle auch nach Nordafrika hinübergegangen. Ein Siva-Hippopotamus mit sechs Schneidezähnen liegt nämlich in alten Schichten Algiers. Möglich, daß erst jetzt, also viel später, das echte Nilpferd mit vier Schneidezähnen im Rückstoß von Europa her Afrika berührte. Und so ist es wahrscheinlich damals an den Nil erst in seiner echten Gestalt gekommen als ein später Flüchtling aus dem ungastlichen Europa.
Höchst originelle Spuren dieses letzten Aktes liegen für uns auf einigen Inseln des Mittelmeers.
Sizilien sowohl wie Kreta stecken voll von ganz jungen, oberflächlich herumgestreuten Nilpferdresten. Kreta ist der sonderbarste Fall. Auf absolut wasserarmen Hochebenen liegen die Nilpferdgerippe heute dort im trockensten Geröll. Hier müssen einst Seen gewesen sein, von Flüssen gespeist. Aber die Insel böte keinen Raum, keinen Anhalt, sich das auch nur in der Phantasie noch wieder zu gestalten. Es muß eben zu jener Zeit keine Insel hier gewesen sein. Der heutige Felsstock der langen dünnen Insel kann nichts anderes sein, als ein stehengebliebener Pfeiler alten Festlandes, das sich noch in verhältnismäßig jungen Tagen dort dehnte und auf dem die Flußpferde gemächlich Station gemacht haben. Das Untersinken weiter Landstrecken im Mittelmeer, das breite Kontinentrücken zu einzelnen schaumgepeitschten Inseln zersplitterte, besiegelte erst ihr Schicksal.
Diese Mittelmeergebiete, im Bereich der Griecheninseln sowohl wie zwischen Sizilien und Afrika, sind ja bis auf diesen Tag Schauplatz gärender Erdbewegungen. Erdbeben erschüttern die noch stehenden Landsockel, im Meeresgrunde platzen vulkanische Eruptionen los, ja neues Inselland steigt (wie die berühmte Insel Ferdinandea von 1831) gelegentlich gespenstisch aus der Tiefe. Vielleicht lebt noch sagenhafte Tradition von jenem großen Sinken, das Kreta zur Insel machte und seine Nilpferde tötete, in der schönen Geschichte der Griechen vom Untergang der Atlantis, — eine Sage, die wahrscheinlich erst viel später in den entlegenen atlantischen Ozean „verlegt“ worden ist, wie so oft Sagen mit erweiterter Weltkenntnis umprojiziert werden.
Auf Malta scheint der Vorgang gerade bei den Nilpferden noch eine höchst lehrreiche Zwischenstation gehabt zu haben.
Als hier die alte Festlandbrücke, die Sizilien oder besser noch das Festland von Italien trocken mit Afrika verband, ins Splittern kam, als Sizilien sich nach beiden Seiten losriß, die Afrikabrücke in ganzer Breite unter Wasser tauchte und nur Malta wie eine einsame Säule, zeugend von entschwundener Pracht, mitten in den blauen Wassern stehen blieb: da geschah den einheimischen Nilpferden etwas ganz Eigentümliches. Sie starben nicht gleich aus, aber sie verkümmerten bei lebendigem Leibe. Das Nilpferd ist, wie wir gesehen haben, wenig anderes als ein ins Riesenhafte vergrößertes Schwein. „Flußschwein“ träfe seinen Charakter als Namen viel besser als „Flußpferd“. Nun scheint es, daß von alters in diesem wahren Ueberschwein an Größe eine gewisse Neigung liegt, gelegentlich wieder Rückschläge zu liefern auf die einfache Normalfigur schweineartiger Tiere. Heute noch lebt in Ober-Guinea eine Nilpferd-Sorte, die gewohnheitsmäßig noch nicht zwei Meter lang wird. Dabei handelt es sich keinenfalls um eine etwa ältere und deshalb noch schweineähnlichere Stammform des großen Behemot, denn dieses Liberia-Nilpferd hat nicht sechs Schneidezähne gleich den Siva-Ahnen, sondern es hat im Unterkiefer nicht einmal mehr vier wie der Nilriese.
Eine ganz ähnliche kleinere Art findet sich nun in zahlreichen Knochenresten bei Palermo in Sizilien. Auf Malta aber stößt man auf die Gerippe eines wahrhaften Duodez-Nilpferdes. Und diese Zwergform wird vollends merkwürdig durch Elefantenknochen, die damit zusammenliegen und die in der Zusammensetzung ausgewachsene Elefäntchen von zwei und (in der kleinsten Art) sogar nur einem Meter Höhe ergeben, also Tiere, schließlich nur noch wie ein Kalb so groß.
Das muß einen Sinn haben. Und es ist von allen der wahrscheinlichste eben der, daß die Riesentiere, Elefant und Nilpferd, des alten Festlandes an dieser Stelle verkümmerten, als das Festland sich auflöste und schließlich nur noch die kleine Insel Malta als letztes Asyl der Riesen aus den Fluten ragte. Das Futter wurde dünn und immer dünner, — und so entstand in einer Art zwangsweiser Hemmungs-Anpassung ein Pygmäengeschlecht, Elefanten wie Kälber und Nilpferde wie Schweine. Malta wird von Philologen bisweilen für die Insel Ogygia der Odyssee, das selige Eiland der Nymphe Kalypso, von andern auch wohl für das Heim der Zauberin Kirke gehalten. Man träumt unwillkürlich, wie der Dulder Odysseus noch zu diesen Zwergelefanten und Zwergnilpferden geraten wäre. Aber das war wohl lange hin, als die Phönizier zum erstenmal Malta fanden und Schiffermärchen darüber verbreiteten. Kirkes Schweine werden so wenig die Schweinenilpferdchen Maltas gewesen sein, wie der grause Minotaurus im Labyrinth auf Kreta ein überlebender Riesenhippopotamus dieser Insel war. Geschichtlich im Sinne menschlicher Schrift- und Bildertradition taucht das Nilpferd zuerst in Aegypten auf.
Damit wären wir aber im Verlauf unseres Kreises der Dinge wieder auf dem Punkt, von wo wir ausgegangen sind.
Mit dem vollen strahlenden Aufgange der Kultursonne erscheint der Behemot dann auf der Flucht auch von Aegypten fort, ins tropische Innere Afrikas hinein, das er wahrscheinlich längst schon auf andern Wegen erreicht hatte.
Diesmal war es nicht mehr Flucht vor Landzerstörungen durch die See. Es war Flucht vor dem Menschen. Ein Zurückweichen, bedingt durch ein stetiges Anwachsen des systematisch erweiterten Ausrottungsgebiets.
Die Hilflosigkeit des „großen“ Tiers vor dem menschlichen Werkzeug, vor allem dem Feuergewehr, drückt sich darin mit erbarmungsloser Folgerichtigkeit aus. Die Kleinen, die Unsichtbaren, die Bazillen und Bakterien, trotzen uns Menschen noch, weil zu ihnen das grobe Schießgewehr nicht langt. Der Riese ist für uns das leichteste Angriffsobjekt. Ein Leitwort der Urwelt kommt aus diesem violetten Fleischkoloß; es hieß Zertrampeln. Das aber gerade hat für uns gar keine Bedeutung mehr. Hier ist der Mensch der große Bändiger, der große Ueberwinder, der spielend die Urwelt umwirft, wie Odysseus den Polyphem.
Noch einmal, auch im tropischen Afrika, ist dem Nilpferd eine Insel gefährlich geworden im Sinne seiner alten Abenteuer. Auf Madagaskar hatte es sich angesiedelt, zwischen riesigen Halbaffen und flugunfähigen Vögeln von der Größe der fabelhaften Greife. Aber auch dort ist es zuerst verkümmert zu einer Zwergform und dann ganz eingegangen.
Im großen Festlande von Afrika wird es nicht verkümmern, sondern es wird zwischen zwei Jägerfeuern enden: den Schießgewehren derer, die von Norden, und derer, die auf dem Burenwege von Süden kommen.
Und der letzte Behemot, das steht sicher in seinen Sternen, wird in einem europäischen zoologischen Garten, satt gefüttert, aber altersschwach, das Zeitliche segnen, betrauert vom Naturforscher, der wieder einmal ein Körnlein Urwelt im unerbittlichen Stundenglase der Zeit verrinnen sieht — ein stattliches Körnlein, aber doch nur Staub, wie es einst der ganze noch viel stattlichere Planetenkörper, der es erzeugt hat, sein wird.
Aus Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Und nur der Gedanke lebt, — der große Naturgedanke, aus dem du geworden bist; und der Menschengedanke, der dein Werden noch einmal zurücksucht, — — du Stück Weltgeschichte — Nilpferd.