Die Wunderwelt der Radiolarien.
Ein Blick in die Tiefsee.

Wir alle kennen das alte liebe Märchenbild vom „Schatz in der Tiefe“.

Durch einen Zauberspruch gelöst, öffnet sich der Berg und im roten Licht eines Geisterflämmchens glühen unendliche Reichtümer auf. Oder dem Sonntagskinde in der Maiennacht klärt sich der tiefe Strom zu durchsichtigem Kristall und im Blau da unten schimmert es von versunkenem Golde. Das schlaue „Venediger Männlein“ aber bringt gleich einen Zauberspiegel mit, in dem sich jede verborgene Kostbarkeit klar abspiegeln muß und läge sie noch so tief.

Alte Schnurren — die Zeiten haben sich verwandelt, wunderbarer, als das Volksmärchen träumt. Der Naturforscher ist das wahre Venediger Männlein geworden, das durch Bergwände schaut und in Wassergründen liest.

Neben mir, wie ich das schreibe, steht einer seiner stärksten Zauberspiegel: das Mikroskop. Ich werfe einen Blick hinein. Und auch mir ist, ich schaue in einen Nibelungenhort.

Da liegt es unendlich gehäuft, ganz so, wie man sich einen verwunschenen Schatz der Zwergentiefe malt. Im halben Schein des etwas abgeblendeten Lichtes köstlichste Geschmeidearbeit aus gediegenem Silber. Blanke Schilde mit Stacheln am Rande. Alte wunderliche Helme mit Pickelhaubenspitze und langen Ohrklappen. Kugeln und Becher, Schüsseln und silberne Flaschen, strahlende Teller mit kunstvoller Verzierung wie aus dem berühmten Silberschatz von Hildesheim. Medaillons und Körbchen in zierlichstem Filigran. Vogelbauer und Kinderspielzeug, Rasseln und kleine Windmühlen, aber alles durch äußerste Kunst zum Wertstück erhöht. Die Kronen verschollener Könige, doch auch silberne Dornenkronen wie ein mahnendes Gegenstück aller Erdenmacht. Große prunkende Ordenssterne mit den schönsten Kreuzen darauf. Scepter und Schwerter, Hellebarden und Streitäxte, lateinische und russische Kreuze an langem Schaft. Einiges ist zerbrochen, wie es uralten Schätzen der Sagenzeit geziemt. Aber noch jedes Trümmerstück, jeder Fetzen eines Kettenpanzers, jeder abgebrochene Dolchgriff ein Kunstwerk, wie es keinem Waffenschmiede der Epigonenzeit mehr glückt.

Wo liegt dieser Schatz?

Ich ziehe ein kleines Glasplättchen unter dem Mikroskop hervor. Zwischen zwei Gläsern dieses Plättchens erscheint dem freien Auge etwas wie eine schwache Trübung. Eine Anzahl winzigster Pünktchen, etwa als sei eine leichte Prise Schnupftabak hier eingeklemmt. Ein kleiner Zettel an der Seite des Plättchens gibt dazu lakonisch dunklen Bericht. „Radiol. Ooze. Chall. Stat. 271. C. Pacif. 2425 Fd.

Ooze (englisch) heißt Schlamm. Radiolarian-Ooze ist Schlamm, der fast ganz aus den Kieselschalen gewisser Geschöpfe besteht, die der Naturforscher als Radiolarien bezeichnet. Die vorliegende Probe solchen Schlammes ist von den Gelehrten des englischen Schiffes „Challenger“ (zu deutsch „Der Herausforderer“) auf der zweihunderteinundsiebenzigsten Station ihrer wissenschaftlichen Expedition um die Erde gesammelt worden. Und zwar geschah es im Zentral-Pacific, also im Herzen des Stillen Ozeans. Es handelt sich um eine Schlammprobe vom Grunde des Ozeans. 2425 Faden maß die Tiefe dieses Ozeans an jener Stelle. Ein englischer „Faden“ mag zu etwa ein Meter achtzig gerechnet werden. Das gibt eine Wassersäule von über 4350 Metern. Die Jungfrau im Berner Oberland ist nur 4167 Meter hoch. Man könnte sie an jener Stelle in den Stillen Ozean versenken, und das größte Schiff würde noch über ihren Gipfel wegfahren, ohne an eine Klippe zu stoßen.

Aus solcher ungeheuerlichen Tiefe ist die kleine Probe „Schnupftabak“ heraufgeholt. In Kanada-Balsam zwischen zwei Glasstückchen konserviert, hat sie eben unter meinem Mikroskop gelegen. Sie war der „Schatz“, der bei langsamer Bewegung des Glasplättchens in silberner Schöne an meinem staunenden Auge vorüberzog.

Jedes der Schatzstücke, das ich sah, war in Wahrheit nur die Vergrößerung eines Pünktchens, dem bloßen Auge einzeln kaum oder gar nicht mehr wahrnehmbar. Und jedes dieser Pünktchen ist die einzelne Schale eines einzelnen Lebewesens — eine Schale, in der einmal ein lebendiges Wesen gehaust hat, eine Schale, die dieses lebendige Wesen selbsttätig sich gebildet hatte, wie ein kleines Menschenkind sich Zähne bildet oder ein Schmetterling sich seine bunten Flügel baut.

Jede Art dieser Geschöpfchen baut sich auch nach besonderer Art ihr Schälchen, in dem sie wohnt, ihr Skelett gewissermaßen, das ihren sonst weichen Körper stützt. Eine ganze Fülle solcher Arten aber barg die eine winzige Schlammprobe.

Sie sind nicht wirklich von Silber, diese Schalen. Aus Kieselsäure sind sie zumeist aufgezimmert, demselben Stoffe, der den schönen Bergkristall baut.

Wunderbar aber vor allem: diese Kieselschalen treten uns entgegen als Gebilde, allen Ernstes sehr vergleichbar den herrlichsten Proben menschlichen Kunsthandwerks. Sie zeigen sich wirklich zu Kronen und Sternen, Helmen und Bechern aufs vollkommenste geformt. Aesthetisches Wohlgefallen wird in kühnster Form in uns geweckt. Und das alles in einer Welt verschwindender Kleinheit, heraufgeholt aus Meerestiefen, in denen eine Jungfrau versinkt, von uns getrennt nicht bloß durch die Ferne des Tropenozeans, sondern auch dort noch durch eine halbe Meile Wasser, in der das letzte Stäubchen Sonnenlicht längst erloschen ist, ehe die ganz große, ganz schaurige Tiefe sich auftut ....

Der Blick schweift vom Mikroskop fort über eine lange Kette seltsamer Zusammenhänge, die dieses Bild, diesen Gedanken ermöglicht haben. Ueber ein Stück Kosmos und ein Stück menschlicher Geistestat.

Tiefseeforschung!

Was man vor hundert Jahren noch unter diesem Worte sich gedacht hätte!

Man hat wohl gesagt, der Ozean sei die Wiege der menschlichen Kultur. Es ist vielleicht wahrer, daß er der Prüfstein der Kultur ist, der Prüfstein einer Kultur, die zugleich Erderoberung war.

Der Kulturmensch hatte den Urwald, die Wüste, das Hochgebirge überwunden, als er vor der endlosen Fläche des Ozeans noch immer mit dem Grauen wie vor einem unergründbaren Ungeheuer stand. Und als er dann endlich, im Zeitalter der großen Entdeckungen, nun doch wagte, den gewölbten Rücken dieses Ungetüms zu überklettern, da blieb ihm das eigentliche Grauen noch lange treu. Auf Holzplanken steuerte er sich hinüber. Aber da drunter war’s fürchterlich, Kraken und Seeschlangen. Und ein unmeßbarer schwarzer Schlund, der immer bereit war, Schiffe zu fressen, aber sonst auf nichts Antwort gab. Tief, entsetzlich tief ging das hinab.

Wie tief, darüber hatte man allerdings keinerlei Erfahrungen, sondern nur alte Mythen.

Aus dem Altertum überkommen war eine Art philosophischer Messung, offenbar im einsamen Grüblerstübchen zuerst ausgeheckt. Alles in der Welt folgt strengen Gesetzen der Symmetrie. Tiefe und Höhe stehen in einem geheimen Wechselverhältnis. Also wird die höchste Bergerhebung der äußersten Meerestiefe auf Erden entsprechen. So schloß man. Wie hoch die obersten Bergspitzen wirklich waren, wußte man damals freilich auch noch nicht. Immerhin riet man auf ein paar tausend Meter nach oben und unten.

An tatsächliche Messungen in die großen Ozeantiefen konnten aber selbst Kolumbus, Vasco da Gama und Magalhaes noch nicht denken. Die kurzen Lotleinen von höchstens vierhundert Metern Länge, die an den Küsten genügten, verloren im freien Ozean jeden Wert. Vergebens lotete Magalhaes auf seiner Weltumsegelung damit, er fand keinen Grund. Und da, wo selbst jene philosophische Deduktion nicht hingedrungen war, zweifelte man noch in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts ernstlich daran, ob das Weltmeer überhaupt allerorten einen Grund habe. Der treffliche Lüneburger Geograph Bernhard Varenius mußte noch 1671 diesen Glauben ausdrücklich widerlegen.

Hundert Jahre später befuhr der große Cook den Stillen Ozean und das südliche Eismeer, ausgerüstet mit aller Wissenschaft seiner Zeit. Diesmal ging das Lot auf vierhundertfünfzig Meter hinab, ohne den Boden zu treffen. Fast um dieselbe Zeit, Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, ließ Phipps bei Spitzbergen gar zwölfhundert Meter Leine laufen, noch immer ohne Erfolg. Endlich, 1818, glaubte sich John Roß in der Baffinsbai einer großen Lösung nah: sein Lotapparat stieß bei fast zweitausend Metern auf und brachte sogar mit Hilfe einer kunstvoll ersonnenen Kneifzange eine Probe des Grundschlammes (mit lebenden Tieren darin) ans Licht.

Um diese Zeit wußte man aber bereits sehr gut, daß zweitausend Meter noch nichts bedeuteten gegen die wirkliche Höhe der stolzesten Bergriesen auf der Erde. Sollte also der antike Glaube recht haben, so mußte Roß’ Zweitausendmeterstelle immer noch eine verhältnismäßig seichte Stelle sein, und von anderen Punkten ließ sich weit mehr erwarten, nachdem überhaupt so lange Lotleinen einmal erfunden waren.

Einstweilen sollte es aber gerade mit diesen Leinen noch eine böse Sache werden. Im Juli 1843 meinte der jüngere Roß auf seinem dritten Vorstoß gegen den Südpol eine Tiefe von über achttausend Metern festgestellt zu haben, ohne noch dabei Grund gefunden zu haben. In dieser Zeit war durch die Engländer schon die Höhe des Dhawalagiri im Himalaya auf mehr als achttausend Meter bestimmt, die alte Forderung schien also ungefähr erfüllt.

Als aber in den fünfziger Jahren gar Angaben über Tiefenmessungen bis zu vierzehn- und fünfzehntausend Metern Seetiefe folgten, begann die Kritik stutzig zu werden. Man verwertete allerdings jetzt die nötige Schnurlänge zu kolossalsten Messungen, und jeder Beobachter modelte an der Art dieser Schnur und ihrer Lote herum. Aber es stellte sich gleichwohl heraus, daß man die Ablenkung der Leine durch Strömungen und andere wichtige Störungen nicht beseitigt, ja nicht einmal in Betracht gezogen hatte. Und so wurden gerade diese neueren Ziffern, mit Einschluß auch der von Roß aus dem Südmeer, nachträglich alle wieder illusorisch. Die ganze Arbeit stand abermals beim Anfang.

Diesmal griffen aber die Amerikaner alsbald mit höchster Energie ein.

Für sie trat mit den fünfziger Jahren die Tiefseefrage aus dem Nebel allgemein philosophischer Betrachtung oder auch dem engeren Zweck rein geographischen Fachstudiums heraus in das grelle Licht einer äußerst dringlichen praktischen Forderung.

Die Idee eines unterseeischen Telegraphenkabels zwischen Europa und Amerika tauchte auf.

Die endliche Erfüllung dieser grandiosen Idee bedeutet technisch den Moment, da der Kulturmensch sein altes Grauen vor dem „Ungeheuer Meer“ endgültig abgeschüttelt und den Ozean bis in seinen Abgrund hinab dauernd für sich erobert hat. Für die Tiefseefrage im alten Sinne aber bedeutete sie zugleich die Epoche der Lösung.

M. F. Maury von der Marine-Sternwarte zu Washington (1806–1873) revidierte jetzt die ganze Theorie und Praxis des Problems, und die Kabelarbeiten selbst führten allmählich zur genauesten Kartenaufnahme zunächst des Atlantischen Seebodens zwischen Irland und Nordamerika, in der auch exakte Tiefenmaße ihre Stelle fanden.

Zum erstenmal bekam man in Maurys Zusammenfassung nicht bloß einige vage Ziffern, die der Phantasie aufhalfen, sondern es erschien das regelrechte Bild eines ganzen Ozeanbodens, wie er sich in Ebene, Tal und Gebirge darstellen müßte, wenn das deckende Wasser fortgedacht wird.

Maury selbst und mit viel mehr Glück noch Brooke und Baillie verbesserten auch das Tiefenlot selbst, das schließlich doch zum annähernd fehlerfreien Registrierapparat umgeschaffen werden sollte und zugleich das Heraufziehen von Grundproben auch aus den gigantischsten Tiefen ermöglichte. So ließ Brooke das Lotseil in einer Eisenstange enden, die unten ein paar vorstehende, beim Druck leicht in die Stange selbst hineinzustoßende hohle Federspulen trug. Um diese Stange war eine durchbohrte schwere Kanonenkugel so befestigt, daß sie Stange und Lotseil zunächst durch ihr Gewicht bis auf den Grund mitriß, im Moment des Aufschlagens aber sich automatisch löste. Die befreite Stange und Leine konnten dann leicht wieder aufs Schiff hinaufgezogen werden, und in den Federspulen, die der Stoß unten zuerst in den Schlamm hinein- und dann in die schützende Stange zurückgetrieben hatte, kamen zugleich Proben des Tiefseeschlammes selber mit herauf. Diese Methode wurde von Ballie dann noch wesentlich verfeinert und ist in der Folge bis auf ein gewisses Maximum der Brauchbarkeit innerhalb der Prinzip-Grenzen getrieben worden.

Jedenfalls gingen die Sachen im Sinne des alten Problems jetzt mit Riesenschritten vorwärts. Und nachdem man inzwischen den Gaurisankar im Himalaya-Gebirge als wohl endgültig größte Bergerhebung der Erde mit 8840 Metern festgestellt, fanden sich in den folgenden Jahrzehnten jetzt wenigstens einige Seetiefen im Atlantischen und Pacifischen Ozean hinzu, die diesem Gaurisankar nun doch ungefähr entsprachen, auch bei Anwendung der schärfsten Lotapparate. Wie die Dinge heute liegen, scheint es allen Ernstes, daß jene Maße unseres Planeten nicht ganz, aber doch annähernd sich die Stange halten: wenig über eine deutsche Meile vom Meeresspiegel an aufwärts in das Luftreich hinein und etwas über eine Meile abwärts in die Wassernacht. Vielleicht ist es nur zufällig so. Vielleicht aber auch hat es wirklich sein Gesetz. Die größte zur Zeit gemessene Seetiefe liegt bei der Ladronen-Insel Guam (also im Stillen Ozean, nicht allzu weit von Japan) mit vollen 9644 Metern. Das Wasser muß auf diesem Loch mit annähernd tausend Atmosphären lasten!

Wie es aber so oft in der Geschichte menschlicher Forschung gegangen ist: in dem Moment, da das antike Problem der „reinen Tiefe“ erledigt war oder wenigstens dicht vor seiner Erledigung stand, erschien es in gewissem Sinne schon gar nicht mehr als so ausschließlich interessant. Ein ganz anderes „Tiefseeproblem“ rückte nicht technisch, aber allgemein wissenschaftlich in den Vordergrund.

Gut, die Lotleine mochte so und so viel tausend Meter abrollen. Die wichtigere Frage aber stellte sich sofort dahinter: Wie sieht es, wenn es denn so schaurige Abgründe da unten gibt, in diesen Abgründen aus? Vor allem: gibt es Leben da unten?

Von der Länge der Lotleine schweifte der Blick des Forschers hinweg zu jenen Schlammproben, die der Apparat heraufbrachte. Und abermals war es eine reiche Kette der Meinungen, Behauptungen, Irrtümer, die vor diesem neuen Problem aus den Tiefen menschlichen Denkens sich mit heraufzog.

Vom „unfruchtbaren Meere“ singt der Grieche der Homerischen Zeit — in Liedern, die das Meer doch schon so gewaltig schildern. Es klang etwas davon fort bis tief in unser Jahrhundert hinein in dem festen Glauben, daß der Ozean, wenn auch auf seiner Fläche nicht wirklich lebensarm, so doch abwärts in die Tiefe hinunter ein einziges ungeheures Grab ohne jedes Stäubchen fortdauernden Lebens sei.

Im Grunde: was wußte man bis an unser neunzehntes Jahrhundert heran selbst vom Leben der Meeresfläche? Ein paar große Merkwürdigkeiten. Daß Fische darin wimmelten, die gelegentlich wie die Heringe wahre Inseln bildeten, niemand ahnte woher, und ein andermal wieder geheimnisvoll fehlten. Daß der Walfisch sich heraufhob wie eine Berglast dem Menschen nützlicher Artikel, die man sich allerdings nicht entgehen lassen durfte; man nahm das so gründlich, daß dieser Riese der Salzflut beinahe ausgerottet war, ehe man sonst vom Leben im Ozean etwas Rechtes kannte.

Der Hering wie das fälschlich „Walfisch“ getaufte Seesäugetier waren beide noch Vertreter der Wirbeltiere. Das ist einer der großen Tierstämme, die wir heute unterscheiden. Das Meer beherbergt aber zahllose Tierformen aus mindestens acht Stämmen — außer Wirbeltieren noch Manteltiere (Ascidien, Salpen), Mollusken (Schnecken, Muscheln, Tintenfische), Stachelhäuter (Seeigel, Seesterne, Seegurken), Gliederfüßer (Krebse), Würmer, Cölenteraten (Schwämme, Polypen, Medusen) und endlich Angehörige des Mischstammes der sogenannten Protozoen oder Urtiere. Und von diesen acht Stämmen kommen zwei, die Manteltiere und die Stachelhäuter, ganz, einer, die Cölenteraten, fast ausschließlich im Meere vor. Wie wenig die ältere Tierkunde damit noch rechnete, zeigt am besten die Systematik bis auf die Mitte unseres Jahrhunderts. Linné warf alles unterhalb der Wirbeltiere und Gliederfüßer in einen Topf als „Würmer“. Cuvier löste wenigstens die Mollusken noch als besondere Hauptgruppe heraus, ließ aber den ganzen Riesenrest (mit Ausnahme eines Teiles der echten Würmer) immer noch unter einer haltlosen Rubrik „Radiärtiere“, deren mangelhafte Definition nur zu gut bewies, wie schwach bis in die dreißiger Jahre hinein die allgemeine Kenntnis gerade der tieferen, wesentlich meerbewohnenden Gruppen geblieben war.

Das änderte sich erst in den Tagen der rastlosen Tätigkeit unseres großen deutschen Physiologen Johannes Müller. Auch Karl Vogt hat nicht wenig zu dem Umschwung beigetragen.

Auf einmal begriff der Tierkundige, daß das Meer für ihn alles eher als eine Wüste oder besten Falles ein gelegentliches Raritätenkabinett sein dürfe. Eines seiner wichtigsten ständigen Beobachtungsgebiete mußte es werden, das er wie ein kluger Feldherr mit seinen besten Truppen und einem Netz sicherer Küstenstationen zu umgeben hatte. Johannes Müller zog mit seinen Schülern, so oft es irgend anging, an die See und richtete sich mit „fliegendem Laboratorium“ bald an der Nordsee, bald am Mittelmeer ein, so gut es eben ging. Und es war, als sinke eine Schranke, die bisher die ganze zoologische Forschung gelähmt, als jetzt zum erstenmal Naturforscheraugen auch die kleinere und kleinste Tierwelt des Salzwassers am lebendigen Stück beobachten konnten. Die Epoche war ohnehin gerade angebrochen, wo man das Mikroskop — verbessert, wie die Technik es jetzt bot — als das entscheidende Geschütz des Tierforschers endgültig anerkannt hatte. Die Zellenlehre, von Schwann auch für das Tierreich begründet, bot einen ganz neuen Anhalt zu einer früher nie gewagten einheitlichen Auffassung des tierischen Organismus in seinem mikroskopischen Innengefüge. Und das Studium der Jugendformen und Keimformen der Einzelindividuen, durch Karl Ernst von Bär entscheidend angeregt, verhieß noch einen besonderen Gewinn, dem wieder gerade eine Menge von Seetieren (zum Beispiel die ausschließlich marinen Stachelhäuter) aufs glücklichste entgegenkamen.

Indessen auch diese ganze Epoche, wie sie die Namen von Müller, Schwann, Bär bezeichnen, ging zunächst nur an das Strandgebiet und die Oberfläche des Meeres heran. Müller fischte die Meeresfläche nach kleinem und kleinstem Getier mit einem feinen Gazenetz ab wie mit einem Schmetterlingsnetz. Das war für den Augenblick ein gewaltiger Fortschritt, der das Material zu einer ganzen Bibliothek köstlichster Forschung, ja in gewissem Sinne zu einer ganz neuen Zoologie geliefert hat. Aber die Tiefe des Ozeans kam dabei noch gar nicht in Betracht. Und die Frage konnte einstweilen noch lange eine offene bleiben, ob diese Tiefe überhaupt für diesen meerbeflissenen Zoologen irgend welches Interesse biete.

Allerdings lagen schon in Müllers Zeiten ein paar Versuche vor. Der alte John Roß hatte, wie erwähnt, bereits 1818 bei seiner Tiefensondierung von — behaupteterweise — fast zweitausend Metern in der Baffinsbai einen leibhaftigen Seestern heraufgezogen. Kam er wirklich aus solcher Abgrundstiefe? Dann verhieß das ja ein unabsehbares Arbeitsfeld. Die ganze Wassersäule von zweitausend Metern an bis zur Fläche, ja am Ende von jenen Gaurisankar-Tiefen an bis oben hinauf belebt allenthalben von dem unerschöpflich wimmelnden Groß- und vor allem Kleingetier, wie es die oberste Schicht dem Mullnetz bot ... ein grandioses Bild, gegen das alle tierische Lebensfülle des Landes zurücktrat!

Einige gründliche Züge mit dem Schleppnetz der Austernfischer, die besonders Michael Sars in Christiania, dem trefflichen Pastor und späteren Zoologieprofessor, glückten, schienen das ums Ende der vierziger Jahre nur zu bestätigen. Sars fand reiches Tierleben noch bei etwas über achthundert Meter Tiefe.

Aber rund um dieselbe Zeit erhob sich gegen alle Behauptungen der Art die gewichtige Stimme eines Mannes, von dem die Mitlebenden allerdings meinten, daß er als absolute Autorität reden dürfe.

Edward Forbes (1815–1854) hatte sich sehr eingehend und kritisch mit der Bevölkerung der englischen Meere und ganz besonders auch des Mittelmeeres beschäftigt. Er kam im wesentlichen zu dem Ergebnis, daß von einem eigentlichen Tiefseeleben schlechterdings keine Rede sei. Tiefer als rund fünfhundertfünfzig Meter sollte überhaupt kein Leben mehr vorkommen. Schon eine ganze Strecke früher erloschen die Pflanzen. Dort aber auch die Tiere. Es wurden Gründe vorgebracht, warum es so sein müsse, — die alte Geschichte: „Der Philosoph, der tritt herein und beweist euch, es müßt’ so sein.“!

Forbes war ein zu guter Beobachter, als daß man ihm nicht auch da hätte folgen sollen, wo er bloß deduktiv schloß. Man übersah aber, daß seine Verallgemeinerung, die aller Tiefsee das Leben absprach, tatsächlich eine solche war und sich bloß auf die eine strenge Tatsache stützte, daß er im Mittelmeer (also keineswegs einem offenen großen Ozean) eine Abnahme des Lebens nach unten im Sinne jener Ziffern stellenweise konstatiert hatte. Eine ganze Weile galt Forbes’ Behauptung als Glaubenssatz. Dem Zoologen gehörte bloß ein winziger Bruchteil des obersten Meeres. Der Rest war Oede. Oede, deren Finsternis schon sehr bald das pflanzliche Leben, deren enormer Wasserdruck aber verhältnismäßig früh auch schon das tierische Leben erstickte.

Bloß, wie gewöhnlich: einige Skeptiker blieben nun doch. Und ihre letzte Hoffnung richtete sich eben auf jene so rasch aufblühende Tiefseeforschung im Gefolge der Terrainstudien zur Legung des transatlantischen Kabels.

Nicht lange, und die Ergebnisse sollten hier wirklich so merkwürdig werden, daß sie allein jene kostspieligen Studien gerechtfertigt hätten, auch wenn das große technische Experiment unterseeischer Telegraphenleitung an sich mißlungen wäre.

Zuerst kam bei den Arbeiten der Engländer und Amerikaner mit dem Brookeschen Sondierungsapparat Schlamm vom Talboden des Atlantischen Ozeans herauf, der zahllose Kalkschälchen von Urtieren enthielt. Das konnten aber immerhin, wenn man skeptisch sein wollte, noch die abgesunkenen toten Schalen von Geschöpfen sein, die lebend sämtlich sich ganz oben herumtrieben. Es mußten bessere Beweise heran.

Doch auch die kamen alsbald. Der für diese Studien günstige Zufall wollte, daß mehrfach Kabelleitungen, nachdem sie bereits jahrelang auf dem Meeresgrunde gelegen hatten, rissen. Man mußte sie wieder empor winden und in einem Falle dieser Art, bei dem Kabel zwischen Sardinien und Algier, zeigte sich das Kabel besetzt mit lebenden Tieren. Seit drei Jahren hatte es in einer Tiefe von 3600 Metern gelegen. In diesen drei Jahren hatten sich fünfzehn verschiedene Tierarten in zahlreichen Exemplaren darauf angesiedelt. Hier war also — und gerade in Forbes’ „unfruchtbarem“ Mittelmeer — unzweideutig Leben noch bei 3600 Metern!

Die Beweise wurden aber vollends schlagend, als man anfing, aus ähnlichen Tiefen Tiere heraufzuholen, denen an der Stirn geschrieben stand, daß sie an Tiefenverhältnisse angepaßt waren.

Man muß sich erinnern, was dieses Wörtchen „Anpassung“ seit der Wende zu den sechziger Jahren bedeutete.

Es war keine leere Phrase mehr. Darwin hatte seine große Lehre aufgestellt. Alles Lebendige der Erde, Tier wie Pflanze, erschien als der Spielball entscheidender Anpassungsgesetze. Das weiße, dick bepelzte Polartier zeigte sich den Eisverhältnissen des Poles angepaßt, das gelbe Wüstentier der heißen Sandöde, der grüne Laubfrosch dem Blätterwerk, auf dem er saß. Im Lichte dieser Lehre dünkte es wie etwas Selbstverständliches, daß das Tiefseetier, wenn es überhaupt existierte, den seltsamen Umständen der Tiefsee angepaßt sein müsse. Forbes hatte allerdings gerade an der „Möglichkeit“ solcher Anpassung bis hier herab gezweifelt. Sollte es wirklich denkbar sein, daß organische Wesen, diese zartesten, gebrechlichsten Gebilde unseres Planeten, sich noch an Wasserverhältnisse angepaßt haben könnten, wo schon bei vierhundert Metern finstere Nacht herrschte, bei achtzehnhundert Metern aber schon ein Wasserdruck von ungefähr zweihundert Atmosphären auf jedem Bewohner lastete und wahrscheinlich auch die Temperatur schließlich bis nahe an Null Grad herunterging?

Immerhin hatte die Anpassung ja sonst im Tierreich Fabelhaftes geleistet. Auch die Schlünde der Adelsberger Grotte und der Mammuthöhle Nordamerikas sind völlig finster. Und doch hausen hier farblose, blinde Molche (Olm), blinde Spinnen und blinde Käfer (Leptoderus), dort blinde Fische in den stygisch schwarzen Gewässern. Die Blindheit scheint dabei gleichsam zu den Anpassungen selber zu gehören: das Auge ist eingegangen, weil es nicht mehr gebraucht wurde.

Da war es denn gewiß interessant, daß aus den ozeanischen Abgründen jetzt allen Ernstes Tiere heraufkamen, die verwandte Anpassungen aufwiesen. Zunächst gerade auch blinde Tiere. Blinde Fische, blinde Krebse. Das mußten echte Bewohner der dunklen, also tiefen Teile der See sein, die ihr Augenlicht aus Anpassungsgründen aufgegeben hatten, gleich jenem Adelsberger Molch.

Dann fanden sich aber auch Tiere, die umgekehrt sehr große Augen hatten. Das schien verdächtig. Indessen die Lösung folgte auf dem Fuße.

Eine dritte Gruppe der Ankömmlinge aus der ozeanischen Nacht zeigte nämlich äußerst kräftige Leuchtorgane. Auch diese Anpassung hat der Sache nach nichts Ungewöhnliches. Wie allbekannt, leuchten eine ganze Masse auch von Landtieren im Dunklen. Bei unseren „Glühwürmchen“, kleinen Käfern, locken sich die liebenden Gatten mit dem grünen Sternchen, das von gewissen Stellen ihres Leibes ausstrahlt. Der Cucujo-Käfer Brasiliens glänzt gar so hell, daß man wie beim Schein einer Laterne daneben lesen kann. Und an der Oberfläche des Meeres erzeugen Myriaden meist winzig kleiner Seetiere jenes entzückende Schauspiel, das der Laie „Meerleuchten“ nennt. In der ewig finsteren Tiefsee mußte solche Gabe aber ein Anpassungsmittel ersten Ranges werden. Der Fisch, der Krebs hellte sich selbst seinen Weg.

Wundervoll gewahren wir diese Selbsthilfe besonders bei einzelnen Fischen. Der Leuchtapparat sitzt ihnen direkt über dem Auge: es ist, als sei das lichtempfangende Organ hier zugleich das lichtstreuende geworden.

Bei dem Fische Malacosteus, der schon aus Tiefen von 5000 Metern gezogen worden ist, sitzt je eine Laterne dicht unter jedem Auge und je eine zweite etwas weiter zurück. Die ersteren werfen rubinrotes Licht, die letzteren smaragdgrünes. Bei dem Fisch Echiostoma flammt hinter jedem Auge ein dreieckiges Organ von schönstem Blaufeuer. Noch wieder bei andern Fischsorten scheint der Leuchtapparat sogar wie eine freischwebende Glühlichtbirne an langem, drahtartigem Hautauswuchs vor der Stirn herzupendeln. Dabei sind diese Apparate selber aufs sinnreichste konstruiert. Besondere Nervenleitungen führen zu ihnen hin, die es in die Willkür des Tieres stellen, sein Lichtlein aufblitzen oder verlöschen zu lassen. Und Linsen und Hohlspiegel geben dem Leuchtorgan alle Feinheiten einer kunstvollen Laterne. Es sind übrigens nicht Fische allein, die da unten leuchten. Krebse, Polypen, Würmer und Seesterne tun es ihnen gleich und selbst Tintenfische „illuminieren“ in den prachtvollsten Farben.

Natürlich ließ ein so bewehrtes Tier seine eigenen Augen nicht verkümmern. Die vielfältigen hellen Stellen der Meeresnacht, die aber von solchen Fackelträgern überhaupt erzeugt wurden, mochten auch andere, selbst nicht leuchtende Geschöpfe da unten bewogen haben, ihre Augen nicht eingehen zu lassen, sondern im Gegenteil recht riesig aufzutun. So war dieses Rätsel mit erklärt.

Freilich traf das alles nur das Tier. Die Pflanze, die das Sonnenlicht nicht als Lampe bei der Nahrungssuche oder als Liebessignal gebrauchen kann, sondern in ihm eines ihrer unentbehrlichen direkten Lebenselemente besitzt, konnte es schlechterdings nicht zu solchen Anpassungen, die ihre chemische Lebensküche negierten, bringen. Und da hat Forbes wirklich recht behalten: das Pflanzenleben hört im Ozean durchweg mit ein paar hundert Metern Tiefe gänzlich auf. Um so reicher und merkwürdiger wurde dafür mit jedem neuen Funde das Tierbild.

Eine wahre Märchenwelt. Zu den Anpassungen an die Dunkelheit traten andere an den Wasserdruck und die übrigen Besonderheiten dieser Existenz unter völlig abnormen Bedingungen. Fische und Krebse zeigten wahre Fratzenformen. Da gab es sammetschwarze Fische mit einem solchen Riesenmaul, daß das ganze Tier eher einem schwimmenden Löffel glich als einem Fisch. Krebse streckten ihre unglaublich verlängerten Beine und Fühler wie ein ungeheures Netz um sich her, um im Dunklen möglichst weit tasten und schon an der leisesten Erschütterung des Wassers auf weiteste Entfernung hin einen nahenden zweiten Styx-Bewohner signalisieren zu können. Krebsartige Geschöpfe, die sonst in bescheidenster Größe auftreten, wie unsere friedliche Hausfreundin, die Assel oder das „Kellertier“, krochen hier in wahrer Gigantenform daher, und ebenso regte es sich da unten von spinnenartigen Riesen, groß beinahe wie Vogelspinnen, aber unendlich dünnbeinig stelzend gleich unseren Weberknechten.

Fern ab von allen Stürmen der Oberfläche liegt ja dieses Abgrundwasser, und die gebrechlichsten Wesen, die oben jede harte Welle zerschlüge, durften hier offenbar sich frei zu unerhörter Größe entfalten. Eine Weile glaubte man sogar, in dieser Welt der Wunder noch einer ganz besonderen Spur nahe zu sein. Diese abgeschiedenen Unterweltsgründe sollten die Tierwelt aus verschollensten Urtagen der Erdgeschichte zum Teil lebendig gerettet haben. Oft ist ja dergleichen vom Ozean und seinen Geheimnissen geglaubt worden. Seit die Gerippe der ausgestorbenen Seereptilien Ichthyosaurus und Plesiosaurus in unseren Museen stehen, hat immer einmal wieder ein phantasievoller Kapitän berichtet, er sei einem lebenden Untier der Art, etwa einem Plesiosaurus mit langem Schwanenhals, begegnet. Seitdem man durch die großartigen Funde in Nordamerika weiß, daß in der Kreideperiode — also allerdings Millionen von Jahren vor unserer Zeit — den damaligen Ozean enorme, schlangenartig dünne Reptile von über hundert Fuß Länge, die sogenannten Mosasaurier, durchschwommen haben, ist die berüchtigte fabelhafte „Seeschlange“ gern als eine noch überlebende Art solcher vorsintflutlichen Ungetüme aufgefaßt worden. An Humboldt wandte sich einst ein wunderlicher Grübler, der untrügliche Beweise zu haben glaubte, daß die Erdkugel nahe dem Nordpol ein Loch habe, das in eine ungeheure Höhle voll noch lebender urweltlicher Saurier führe, eine Idee, die der geistreiche Jules Verne zu einer glänzend erfundenen, leider nur im zoologischen und geologischen Detail recht erbärmlichen Dichtung verwertet hat. Träumereien und fromme Wünsche!

Tatsache aber war, daß jetzt aus der Seetiefe wirklich Vertreter einer Tiergruppe heraufkamen, die unter den Versteinerungen aus früher Zeit der Erdgeschichte eine bedeutende Rolle spielen. Die Meere der Jura- und Kreidezeit hatten zahllose Mengen überaus zierlicher Geschöpfe beherbergt, die der Naturforscher als „Seelilien“ bezeichnet. Obwohl am Boden mit langem Stengel haftend und oben zu einer blütenartigen Krone entfaltet, haben diese Geschöpfe doch mit echten Lilien, ja mit Pflanzen überhaupt nicht das mindeste zu tun. Es sind echte Tiere aus der Verwandtschaft der Seeigel und Seesterne. In der Gegenwart, so schien es, war diese ebenso absonderliche wie schöne Tiergruppe, die einst wahre Wälder in der See gebildet hatte, bis auf verschwindende Nachzügler in den amerikanischen Tropenmeeren ausgestorben. Da zog Sars 1864 bei den Lofoten eine Gattung, die sich äußerst eng an Formen der Kreideperiode anschloß, aus der Tiefe von fünfhundertfünfzig Metern, also genau von der Grenze, wo nach Forbes überhaupt kein Leben mehr vorkommen sollte. Und nun stellte sich allmählich heraus, daß gerade in großen Tiefen solche lieblichen Seelilien noch in allerlei Formen und beträchtlicher Anzahl wurzelten. Der Ozean der unendlich fern verschollenen Kreidezeit schien ganz tief da unten noch einmal wiederzukehren. Es hat aber bei dem einen Fall im wesentlichen doch sein Bewenden gehabt, und die Idee, daß man im Meeresabgrund noch einmal wie in einem Schacht in die Vergangenheit der Erde rückwärts steige, hat sich sonst nicht halten lassen.

Alle diese Erfolge wie Probleme kamen natürlich nicht auf einen Tag. Und sie kamen in ihrer Fülle auch schon nicht mehr bloß als Abfall von den Kabelarbeiten.

Sobald man im Gefolge dieser Arbeiten einmal fest wußte, daß es trotz Forbes’ Zweifeln da unten überhaupt noch tierisches Leben gab, regte sich der Eifer zu Tiefsee-Expeditionen, die eigens diesen zoologischen Zweck ins Auge faßten.

Zwei englische Gelehrte, William Carpenter und Wyville Thomson, machten diese engere Sache ums Ende der sechziger Jahre zu ihrer Lebensaufgabe.

Obwohl das Problem jetzt als ein rein fachwissenschaftliches den eigentlich praktischen Zweck entbehrte, wußten diese vortrefflichen Männer doch den großen Stil der Untersuchung zu wahren, ja schließlich zu steigern. Beide waren längst Physiologen und Zoologen von Ruf, als sie dieses Feld wählten. Auf Thomson hatte besonders jene Entdeckung von Seelilien in der Tiefsee Eindruck gemacht. Er glaubte an eine noch zu entdeckende Urwelt-Fauna dort unten, was sich, wie gesagt, allerdings durch die Untersuchungen selbst nachher nicht so bewähren sollte.

Der alte Carpenter erlangte alsbald die Unterstützung der englischen Regierung, die zunächst zu drei Fahrten das Schiff stellte. 1868 wurde mit dem Kanonenboote „Lightning“ (Blitz) das Meer bei den Faroer-Inseln sondiert. Bei neunhundert Metern ergab sich reiches Tierleben! 1869 und 1870 setzten Fahrten des Wachtschiffes „Porcupine“ (Stachelschwein) bis nach dem Golf von Biscaya und bis Malta die Studien höchst erfolgreich fort. Diesmal wurden noch weit größere Tiefen belebt gefunden: bei Malta ging das Leben bis über dreitausend Meter hinab.

Alle Welt wurde jetzt aufmerksam. Carpenter wandte sich an die Regierung, ob sie nicht eine regelrechte Weltumsegelung eigens für Tiefsee-Zwecke ausrüsten wolle. Da die materiell wichtige Kabelfrage diesmal ganz im Hintergrund stand, war die Forderung immerhin eine ziemlich starke Probe auf den rein wissenschaftlichen Idealismus der englischen Staatsleitung. Die Probe ist aber, wie rückhaltlos anzuerkennen ist, in umfassendstem Maße bestanden worden.

Die größte Tat in der ganzen Tiefsee-Forschung des neunzehnten Jahrhunderts setzt hier ein: die ruhmreiche Weltfahrt der englischen Korvette „Challenger“. England bewilligte zunächst die Kleinigkeit von zwei Millionen Mark. Später mußte die Summe noch um eine weitere Million und 360000 Mark erhöht werden. Ein Kriegsschiff wurde durch Entfernen von anderthalb Dutzend Kanonen und Einbauen eines Laboratoriums in ein treffliches Naturforscherschiff verwandelt. Das Kommando erhielt ein Kapitän, der auch von der wissenschaftlichen Aufgabe etwas verstand, George Nares; er ist später durch seine glänzende Nordpol-Expedition, die an der Westküste von Grönland bis über den 83. Breitengrad hinausdrang, berühmt geworden. Die engere fachwissenschaftliche Leitung aber kam, wie recht und billig, in Thomsons bewährte Hand.

Bei den sehr ausgiebigen materiellen Verhältnissen, die herrschten, konnte dieser Tiefsee-Chef aber noch einen ganzen Stab ergänzender Kräfte um sich sammeln, Fachmänner für Zoologie, Botanik, Chemie, Zeichnen und andere. Seine glücklichste praktische Wahl war dabei der erste Assistent John Murray. Auch ein junger deutscher Zoologe aus Siebolds Schule, Rudolf von Willemoes-Suhm, durfte an der Expedition teilnehmen; er sollte leider zu ihren Opfern gehören, da ihn das glühende Tropenklima der zentralen Südsee im dritten Jahr der Reise hinraffte.

Sie sollte Jahre dauern, diese ganze Weltumsegelung — seit den Tagen des großen Cook wohl die eigenartigste, die unserem Planeten gewidmet worden ist. Sonst war der Ozean immer nur die Brücke gewesen, die den Naturforscher von Land zu Land trug. Diesmal kam ein Schiff, das die Absicht zu haben schien, auf dem Wasser — je offener, desto besser — geradezu heimisch zu werden. Das Land, das man hier suchte, lag Tausende von Metern senkrecht unter dem Kiel. Dafür war es aber, wo immer man es traf, ein „neuer“ Erdteil mit allem Reiz des Unbekannten.

Die ganze Fahrt dauerte vom 21. Dezember 1872 bis zum 25. Mai 1876. Das erste Jahr galt dem Atlantischen Ozean in seiner vollen Breite und einem großen Teil seiner Länge. Dann ging es nach einigem Aufenthalt in Kapstadt tief in das immer noch so mysteriöse südliche Eismeer hinein, bis vor jene dräuende Eismauer, die jetzt noch wie vor mehr als hundert Jahren, als Cook segelte, unser Wissen dort abschnitt wie ein verriegeltes Tor, zu dem unsere Technik noch keinen Schlüssel besaß. Auch der „Challenger“ mußte schließlich vor den Eisbergen flüchten und kam mit Mühe 1874 nach Australien. Zwanzig Monate hindurch widmete er sich jetzt dem Stillen Ozean. Die Heimfahrt endlich führte durch die Magalhaes-Straße wieder in das atlantische Becken zurück, das von Montevideo bis zu den Azoren nochmals vollständig durchquert wurde. Siebenhundertneunzehn Tage hatte das wackere Schiff, als es in Portsmouth wieder vor Anker ging, auf offener See zugebracht, unter den Schneeschauern des Antarktischen Meeres wie, was die Leistungsfähigkeit der Teilnehmer noch wesentlich mehr in Anspannung setzte, unter den sengenden Glutstrahlen der äquatorialen Sonne.

Im ganzen waren 68890 Seemeilen zurückgelegt worden. Und das alles unter fortgesetzter beobachtender Tätigkeit der Naturforscher an Bord.

Auf jener ungeheuren Meilenbahn, die sich im verwegensten Zickzack um die ganze Planetenkugel schlang, hatten nicht weniger als dreihundertundsiebzig Tiefsee-Lotungen stattgefunden, zweihundertfünfundsiebzig Temperaturmessungen in die Tiefsee hinab und zweihundertvierzig Züge mit dem Schleppnetz. Darunter befand sich eine erfolgreiche Lotung mit emporgeretteter Schlammprobe aus 8235 Metern, also mehr als Dhawalagiri-Tiefe; der Ort war im Stillen Ozean nicht weit von den Philippinen.

Einem derartig systematischen Angriff widerstand das Geheimnis der Tiefsee nicht mehr; es gab jetzt reine Bahn. Sechshundert Kisten mit zoologischem und sonstigem Material, die in tadelloser Erhaltung daheim anlangten, boten der Wissenschaft fortan ein „Tiefsee-Museum“, das aller vagen Spekulation ein Ende machte und mit „Tatsachen“ redete.

Unter diesen Tatsachen war eine von besonderer Bedeutung. Ja man konnte sie die wichtigste von allen nennen, da sie die räumlich größten Gebiete umspannte.

Schon jene ersten Untersuchungen des nordatlantischen Bodens bei Gelegenheit der Kabellegung hatten, wie oben erwähnt, die Aufmerksamkeit auf eine seltsame Grundzusammensetzung des Ozeanschlammes in gewissen Tiefen gelenkt. Die heraufgeholten Schlammproben wiesen immer und immer wieder Unmassen kleiner Schälchen auf, die als die Gehäuse oder Skelette äußerst niedriger Organismen von der unbestimmten unteren Grenze des Tierreiches gedeutet werden mußten. Der engere Sachverhalt schien dabei folgender.

Um die Küsten der Festländer und Inseln herum zeigte sich ganz regelmäßig zunächst ein flacher Kranz rein mineralischer Massen — Schlicklager, deren Schlamm und Sand deutlich seine Herkunft vom Lande selbst, als Küstentrümmer, die das Süßwasser beständig ins Meer hineinwusch, verriet. Dieser Kranz mochte sich hundertfünfzig bis zweihundert Seemeilen von der Küste hinausziehen.

Dann aber änderte sich der Schlamm in seiner Beschaffenheit gänzlich. Er wurde freier Ozeanschlamm. Was aber bildete den?

Die Untersuchung der Proben ergab eine gelbliche Masse, die beim Trocknen weiß wurde wie Kreide. Kreide ist reine Kalkmasse. Der Schlamm war denn jetzt unzweideutig auch Kalkschlamm. Und unter dem Mikroskop zeigte sich sofort, wo der Kalk herkam. Der ganze Schlamm war ein dichtes Gemisch aus den winzigen Kalkschalen jener Geschöpfe.

Es hat sich in der Folge herausgestellt, daß gerade diese Wesen selbst in lebendem Zustande nicht da unten herumkriechen, so reich auch sonst das Tiefseeleben ist. Sie schweben mit ihren Kalkschälchen frei im Ozeanwasser, zum Teil geradezu an der Oberfläche. Erst wenn das Tier abgestorben ist, fällt das Schälchen in die Tiefe hinab. Man bekommt aber einen Begriff, welche unerhörten Massen dieser Geschöpfchen das Ozeanwasser erfüllen müssen, wenn man bemerkt, daß Quadratmeile um Quadratmeile ganzer Riesengebiete des Ozeangrundes mit einer einzigen Schlammmasse aus solchen Kalkschälchen bedeckt sind! Es ist übrigens dies offenbar die ganz gleiche Methode, der unsere heutige Kreide einst ihren realen Ursprung verdankt hat. Was wir heute Kreide nennen, das war in der alten Epoche der Erdgeschichte, die wir als Kreideperiode bezeichnen, genau solcher Tiefseeschlamm aus den Kalkgehäusen abgestorbener Lebewesen. Erst die Bewegungen und Faltungen der Erdrinde haben in den seitdem verflossenen gewaltigen Zeiträumen diesen alten Meeresgrund trocken gelegt und hoch zu Inseln und Gebirgen heraufgetürmt. Noch jetzt aber weist das Mikroskop in der Kreide unverkennbar die Schälchen ihrer ehemaligen unfreiwilligen Erbauer. Doch das nebenbei.

Die Stelle im System, die der Naturforscher jenen lebenden Besitzern der schlammbildenden Kalkschalen anweist, ist bei den sogenannten Urtieren. Enger gehören sie nach gangbarer Schablone zu den Wurzelfüßern oder Rhizopoden.

Der Laie, der sich ein solches Wesen vorstellen will, muß fast alles dabei über Bord werfen, was ihm an einem „Tier“ gewöhnlich vor Augen schwebt.

Ein Hund, ein Frosch, eine Auster, ein Seestern sind echte Tiere. Diese Tiere bestehen, wenn man sie unter dem Mikroskop betrachtet, aus Millionen winzigster lebendiger Körperchen oder Klümpchen, — den sogenannten Zellen. Auch der Körper des Menschen ist aus Myriaden solcher Zellen zusammengesetzt. Diese Zellen bilden aber gleichzeitig in jedem höheren tierischen Körper nicht eine gleichartige Masse, sondern sie treten gruppenweise zu Organen zusammen. Der Magen, das Gehirn, das Herz sind solche Organe. Beim Menschen, Hund oder Frosch auch die Beine und Füße.

Ein solches Wurzelfüßergeschöpf besteht aber nun ganz im Gegensatz dazu nicht aus vielen Zellen, sondern eben nur aus einer einzigen. Diese eine einzige Zelle ist sein ganzer Leib. Von echten Organen in jenem Sinne ist natürlich nicht die Rede. Nur eine ganz geringe Gliederung zeigt sich innerhalb des einzigen Zellenleibes. Aber nicht einmal ein Magen ist da: die ganze Leibesmasse nimmt Nahrung auf und verdaut sie. Kein Blut kreist, kein Herz schlägt. Und es gibt auch keine ständigen bewegenden Gliedmaßen. Wenn das Urtier trotzdem kriecht und schwimmt, so geschieht es, indem der ganze weiche Schleimleib beliebig bald hier bald dort wurzelartige Zipfelchen aus sich herausfließen läßt, die im Augenblick als Hand oder Ruder dienen, um gleich darauf wieder in der weichen Leibesmasse zu zerschmelzen. Nur eines ist bei vielen dieser Sonderlinge allerdings ganz konsequent entwickelt: sie vermögen aus ihrem fast organlosen Leibe harte Skelette auszuscheiden, die ihrem gallertigen Körper als Schutz, als Stütze dienen. Und zwar besteht dieses Skelett bei den genannten Wurzelfüßern aus Kalk: es bildet jene Kalkschälchen des Tiefseeschlammes. Insbesondere die Gattung Globigerina wurde als eine hervorragende Werkmeisterin des Kalkschlammes erkannt.

An sich würde nun nichts im Wege stehen, sich mit solchem „Globigerinen-Schlamm“, wie man ihn getauft hat, tatsächlich den ganzen Ozeanboden der Erde, soweit er etwa zweihundert Meilen von der nächsten Küste abliegt, bedeckt zu denken. Man käme auf eine runde Fläche von mindestens drei Achteln der gesamten Erdoberfläche — ungefähr ebensoviel, wie alle fünf Kontinente zusammen beanspruchen.

Hier war es aber die Challenger-Expedition, die dargetan hat, daß die Sache, wenn schon in der Wirkung ebenso gigantisch, doch nicht so ganz einfach über einen Leisten gearbeitet ist.

Thomson und seine Leute stellten fest, daß bei einer Tiefe zwischen viertausend und fünftausend Metern der Globigerinenschlamm mehr und mehr aufhört. Meist ist er schon bald nach Ueberschreiten der viertausend Meter-Grenze zu Ende.

Es tritt dann in den noch entlegeneren Abgründen an seine Stelle ein Teppich von nochmals wesentlich andersartigem Schlamm, dem gerade das Charakteristische des Globigerinenschlammes vollständig fehlt, nämlich die Kalkschälchen und überhaupt der Kalk.

An und für sich mußte das überraschen. Die Kalkschälchen der Globigerinen und verwandten Wurzelfüßer sinken, wie wir gesehen haben, allenthalben im Ozean von oben nach unten ab. Das lebende Geschöpf treibt sich im freien Wasser herum, die tote Schale fällt auf den Grund. Dabei kann es für dieses Absinken selber doch ganz einerlei sein, wie tief der Ozeangrund liegt. Liegt er näher als viertausend Meter, so lagern sich die Schälchen eben schon bei weniger als viertausend Metern fest auf und bilden Kalkschlamm. Liegt er dagegen fünftausend oder sechstausend oder gar achttausend Meter tief: warum sollten sie dann nicht bei fünf- und sechs- und achttausend Metern genau ebenso zur Ruhe und zur Schlammbildung kommen?

Es war nötig, eine Hilfserklärung zu suchen. Und sie fand sich in der Tatsache, daß in den riesigen Tiefen jenseits der viertausend Meter, also da, wo die Montblanc-Tiefe allmählich zur Gaurisankar-Tiefe wächst, eine Macht auftritt, die die absinkenden Kalkschälchen auflöst. Diese Macht ist aller Wahrscheinlichkeit nach das mit Kohlensäure erfüllte, unter gewaltigem Druck stehende Meerwasser selbst. Es gewinnt in solcher Tiefe einfach die Kraft, das absinkende Kalkmaterial vollkommen aufzulösen, wie der heiße Kaffee ein Stück Zucker löst. Und so wird die Bildung irgend welchen Kalkschlammes hier unmöglich trotz des Faktums, daß auch auf dieses tiefste Terrain unablässig Millionen und Abermillionen von Kalkschälchen herabregnen.

Indessen: Schlamm liegt darum doch auch dort, wenn schon kein Kalkschlamm. Wo kommt nun dieser Schlamm her?

Man hat ihn im Gegensatz zu dem Globigerinenschlamm seiner vielfach bemerkbaren Farbe nach den „roten Tiefseeschlamm“ genannt.

Es ist eben der Teppich eines neuen, tieferen Stockwerkes, in allem durchaus verschieden.

Die rote Farbe rührt von Eisen- und Manganoxyd her. Die chemische Untersuchung zeigt das. Sie zeigt aber auch sofort, daß ein sehr großer Teil der Schlammbestandteile vulkanische Masse ist, Asche, Bimsstein, Lava. Man muß sich erinnern, daß fast alle tätigen Vulkane der Erde dem Meere nahe liegen und jede Eruption eine Unmenge solcher Stoffe ins Wasser wirft. Es finden auch Vulkanausbrüche gelegentlich direkt im Ozean selbst statt. Und furchtbare Explosionen, wie die des Krakataua an der Sundastraße, wo das Meerwasser in den Krater einbrach und ihn wie einen Kessel platzen ließ, haben auf Zeiten die ganze Erdatmosphäre mit vulkanischem Staub durchsetzt, — Staub, der allmählich dann niedergesunken sein muß und zweifellos zu großen Teilen vom Ozean aufgesaugt ist. Dort sank er dann nochmals durch die ganze Wassersäule bis auf den Grund.

Ganz absonderlicher Natur scheinen winzige metallische Kügelchen zu sein, die besonders im roten Schlamm des Stillen Ozeans von der Challenger-Expedition nachgewiesen worden sind. Nur ein fünftel Millimeter und noch weniger groß, bestehen sie aus metallischem Eisen mit einem charakteristischen Zusatz oft von Nickel und Kobalt. Nach außen überzieht sie eine schwarzglänzende Hülle von Magneteisen. Was kann das sein? Der geheimnisvolle chemische Bau weist unmittelbar auf kosmischen Ursprung. So sind Meteorsteine zusammengesetzt, die aus dem Weltraum zu uns herabstürzen! Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, daß wir es mit feinstem Meteor-Staub zu tun haben, der unablässig vom All her auf die Erde herabregnet und sich in dieser Tiefe allmählich häuft. Wunderbares Bild: in dieser Abgrundtiefe, wohin kein Sonnen-, Mond- und Sternen-Licht mehr dringt, rücken uns plötzlich die fernen Weltenräume wieder nah, durch die in ewigem, stillem Fall der Staub verpulverter Gestirne rinnt ....

Doch das alles erschöpft lange noch nicht den roten Schlamm. Es bleibt noch ein Hauptbestandteil: Kieselerde. Wie oberhalb der viertausend Meterlinie Kalk, so hier Kiesel. Woher aber gerade dieser Stoff?

Wir rufen uns zurück, daß jener Kalk des oberen Schlammteppichs auch nicht „von selbst“ dahin kam, sondern seinen Weg durch lebendige Leiber tierähnlicher Lebewesen genommen hatte. Er erschien in der Form von Myriaden abgelagerter Kalkschälchen solcher Wesen. Nun wird aber von lebendigen Geschöpfen der Erde wie Kalk, so auch Kiesel häufig verarbeitet. Es lag also nahe genug, auch für die Kieselbestandteile des roten Schlammes an organischen Ursprung zu denken. Der Expedition des „Challenger“ war es vergönnt, in der Linie dieser Tatsachen und Wahrscheinlichkeiten gerade eine ihrer fruchtbarsten und schönsten Entdeckungen zu machen.

Schon im kalkigen Globigerinenschlamm lassen sich zahlreich mit eingebettete Kieselkörperchen nachweisen. Unter das Mikroskop gebracht, enthüllt sich ein solches Kieselkörperchen durchweg als die Schale, das Skelett eines den Globigerinen zwar verwandten, aber doch durchaus nicht gleichartigen Geschöpfes: eines Urtiers vielmehr von jenem Wurzelfüßertypus, den man als Gruppe der „Radiolarien“, zu deutsch „Strahlinge“, von den übrigen sondert.

Neben anderen feinen Unterschieden im Bau ihres (auch hier durchaus nur aus einer Zelle gebildeten) Leibes trennt die Radiolarien von den Globigerinen und Verwandten vor allem die Art eben ihrer Skelette oder Schalen: statt aus Kalk sind diese hier in den meisten Fällen aus Kiesel aufgebaut.

Im übrigen sinken diese Kieselschälchen aber genau so nach dem Ableben ihrer Besitzer auf den Grund wie die Kalkschälchen. Auch das lebende Radiolar lebt mit seinem Kieselskelett vergnüglich im Wasser des Ozeans (allerdings diesmal noch bis in große Tiefen hinab) und nicht auf dem Schlammgrunde unten. Während aber jene Kalkschalen, wie erwähnt, jenseits der ersten viertausend Meter vom gepreßten, kohlensäurereichen Wasser erfolgreich gleichsam aufgefressen, aufgezehrt, verflüchtigt werden, ist das bei den Kieselschalen nicht möglich. Es liegt also theoretisch auf der Hand, daß da, wo der Globigerinenschlamm aufhört, nach unten zunächst ein Schlamm beginnen muß, der von Lebensresten jetzt wesentlich nur noch Radiolarien enthält. Der „Challenger“ durfte das aber nun zum wirklichen Bilde gestalten, und zwar kam die Sache doch noch ganz wesentlich imposanter heraus, als sie rein theoretisch zu erwarten war.

Es war vor allem der Stille Ozean, der da das großartigste Schauspiel bot.

Der Stille Ozean ist trotz seiner vielen Inseln (es sind wesentlich steile Korallenriffe) verhältnismäßig sehr tief. Der Durchschnitt der Tiefe geht auf dreieinhalbtausend bis fünfeinhalbtausend Meter hinab. Man ist also vielfach jenseits der Globigerinengrenze. Und wirklich: an einer ganzen Reihe von Stellen fand sich nun auch die ganze Tiefe hier in der prachtvollsten Weise bedeckt mit reinem Radiolarienschlamm. Die Radiolarien erschienen da so hageldicht, wie oberhalb der viertausend Meter etwa im Atlantischen Ozean die Globigerinen. An vielen anderen Stellen freilich machte es den Eindruck, als unterlägen auch die Radiolarien mit absteigender Tiefe ziemlich rasch einem geheimnisvollen Zerstörungsprozeß. An ihre Stelle trat dann der eigentliche und reine „rote Schlamm“, der zwar noch in hohem Maße kieselhaltig ist, aber in dem doch die sichtbar erhaltenen Radiolarienschalen auffallend abnehmen, bis schließlich die individuelle organische Form kaum noch in letzten Spuren wahrnehmbar ist. Wer diese Zerstörung besorgt — die hier offenbar keine chemische Verflüchtigung wie bei dem aufgelösten Kalk der Globigerinen, sondern nur eine Lösung der individualisierten Form bedeutet — bleibt einstweilen dunkel. Aber das ist ja auch nebensächlich.

Die interessanteste neue Tatsache war die Entdeckung wirklicher Radiolarienlager von prächtigster Erhaltung in der Tiefsee.

Wieder sollte es eine besondere Erkenntniskette sein, die hier heranlenkte und den eigentlichen Gewinn abbekam.

Wenn der Laie von einer solchen systematischen Gruppe wie „Radiolarien“ hört, so erscheint ihm das wie etwas sehr Einfaches, Selbstverständliches. Eines Tages sind diese Tiere oder Urtiere, oder wie das System sie nun nennt, von diesem oder jenem Forscher „entdeckt“ worden. Dann hat er ihnen die richtige Stelle in der Schablone des Systems, wie es im Lehrbuch steht, gesucht, hat ihnen einen Namen gegeben, für den das lateinische oder griechische Lexikon den Anhalt bot, und da stehen sie nun für alle Zeiten. So gemütlich geht es aber in Wirklichkeit nicht mit der Erkenntnis. Und gerade die Erkenntnisgeschichte der kleinen Radiolarien ist ein sehr hübsches Beispiel dafür, wohl wert, erzählt zu werden, da zugleich ein Stück Geschichte der modernen Tierforschung überhaupt darin steckt.

In den dreißiger und vierziger Jahren, damals, als die Tiefseefragen zuerst dunkel aufdämmerten, wußte man von dem Dasein der Radiolarien im heutigen Sinne noch gar nichts.

Aber mehr noch: man hatte im System der Lebewesen, wie es die Lehrbücher damals vorführten, noch überhaupt die ganze Ecke, die ganze Rubrik nicht, in die sie sich nachmals einordnen sollten.

Dagegen begann man eben in zunehmender Stärke auf etwas aufmerksam zu werden, das ganz allgemein ein neues Licht in die Tierkunde brachte. Man merkte, daß es eine geradezu unerhörte Masse von Geschöpfen und darunter besonders auch Tieren gebe und immer gegeben habe, die man wegen ihrer mikroskopischen Kleinheit bisher gänzlich übersehen hatte.

Die ersten Beobachter mit dem Mikroskop im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert hatten ja schon beobachtet, wie in jedem faulenden Wassertropfen eine Welt des bislang unsichtbaren Lebens wimmelte.

Jetzt aber trieb ein deutscher Naturforscher, Christian Gottfried Ehrenberg in Berlin, die Sache ins Große, — ins Große tatsächlich des Kleinsten.

Vor Ehrenbergs Glas begann sich alles allenthalben zu beleben oder wenigstens Spuren ehemaligen Lebens zu weisen. Der Teichschlamm wie der trockene Staub in der Dachrinne, die losen Sonnenstäubchen der Luft wie das harte Kreidegestein, Schieferplatten und Kalksteinbrocken, — alles wimmelte teils von lustigstem Leben, teils erwies es sich in dem Sinne, wie wir es oben schon von der Kreide besprochen, als zusammengebacken aus Milliarden und Milliarden kleiner tierischer oder pflanzlicher Schälchen der Vergangenheit. Die kleinsten Organismen erschienen als die stärksten Mithelfer im Bau der Erdrinde, als gewaltige Faktoren im Aufbau des großen Gebirgsgerüstes, das uns heute vor Augen steht.

Mit Staunen vernahm man von Ehrenbergs immer neuen, unermüdlichen Feldzügen in dieses Gebiet, die in eine Milchstraße des Winzigsten eindrangen wie die Teleskope der Herschel und Rosse in die der Riesensonnen am Firmament.

Aber was waren das nun für Tiere, für Pflanzen, diese Liliputer mit Herkuleswucht?

Heute wissen wir, daß die überwältigende Mehrzahl zu jenen niedrigsten aller Lebewesen gehört, die gleichsam die Basis der ganzen eigentlichen Tier- und Pflanzenentwickelung erst bilden. Urtiere und Urpflanzen nennt man sie, wobei die Grenze des Tierischen und Pflanzlichen aber überhaupt schwimmt. Das Wesentliche, in dem sich alle durchweg einig sind, ist jene schon erwähnte Beschränkung des Individuums auf eine Zelle, ein einziges jener Klümpchen lebendigen Stoffes, die bei den höheren Pflanzen und Tieren zu unendlicher Masse vereint den Körper bilden.

Von alledem hatte aber der gute Ehrenberg inmitten seines köstlichen Beobachtungsmaterials selber ja nun noch keine leiseste Ahnung. Er heckte sich aus freier Phantasie vielmehr eine gerade gegenteilige Theorie aus. Ihm war es nicht genug mit der Allverbreitung und Massenanhäufung dieser kleinsten Organismen auf der Erde. Diese Liliputer sollten noch eine erhöhte Merkwürdigkeit dadurch erhalten, daß die Tiere darunter tatsächlich eine hohe Organisation besäßen. Diese „Infusorien“, wie er noch mit dem alten Wort das ganze kleine Gesindel zusammenfassend nannte, sollten in ihrer Art „vollkommene Organismen“, das heißt echte Tiere mit allen wesentlichen Organen der höheren Tiere, sein.

Es war leider in diesem Umfang und vor allen echten Urtieren vollkommener Unsinn. Aber Ehrenberg ritt auf seinem Prinzip unentwegt bis zu seinem Ende, also bis 1876, wo man sonst in der Forschung den wahren Sachverhalt seit langen Jahren genau kannte.

In der Verknüpfung der Dinge lag aber auf alle Fälle, daß, wenn irgend einer, so gerade Ehrenberg bei seinen Studien zuerst auch auf die schönen Panzer der Radiolarien und so schließlich auf diese selbst stoßen mußte. Die ganze Welt arbeitete ja in der Mitte des Jahrhunderts für Ehrenberg mit. Von überall her sandte man ihm Schlamm-, Staub- und Gesteinsproben ein, begierig, was er für mikroskopische Lebenswunder herauslesen werde. So erhielt er denn auch wirklich von mehreren Seiten allmählich Radiolarienproben. Er erkannte sehr wohl die überaus zierlichen Kieselpanzer und benannte sie, — übrigens noch nicht als Radiolarien, der Name fand sich erst später.

Gerade weil die Schalen — lebende Tiere erhielt er zunächst nicht — aber so über alle Begriffe kunstvoll waren, wurde er nur doppelt in seiner alten Meinung bestärkt, daß solches Kunstskelett nur ein auch im weichen Leibesbau äußerst künstlich und hoch organisiertes Tier herstellen könne. Und so stellte er die neue Tiergruppe schließlich zu den Stachelhäutern, also den Seesternen, Seeigeln und Seegurken, wohl an die denkbar unmöglichste Stelle, die ihr im System der Tiere überhaupt anzuweisen war.

In Ehrenbergs Proben waren aber teils die Schälchen noch lebender, teils die schon längst ausgestorbener Radiolarien enthalten. 1846 brachte man ihm Felsenstücke von der Antillen-Insel Barbados, die vollkommen aus zierlichsten Radiolarienschälchen zusammengesetzt waren. Diese Felsen stammten aber noch aus der sogenannten Miocänzeit, einer Zeit, da bei uns in Europa noch Giraffen, Antilopen, Affen und Papageien lebten und in Sachsen Palmen wuchsen. Damals müssen offenbar Radiolarien ganz nach der heutigen Art schon als Meeresschlamm ihre Schalen abgelagert haben, und dieser Meeresschlamm ist dann in der Folge zu Fels verhärtet und als Gebirge der Insel Barbados hoch über den Spiegel des Ozeans heraufgehoben worden.

Doch auch heutige Tiefseeproben erhielt Ehrenberg, die ersten, die es überhaupt gab, und es waren sogleich Radiolarien darin. Der schon erwähnte Amerikaner Maury sandte 1854 acht Proben, in denen Ehrenberg vierzig verschiedene Arten von Kieselskeletten unterschied. 1860 erhielt der Berliner Mikroskopiker durch den Leutnant Brooke aber gar ein Tiefseepräparat, das aus über sechstausend Metern Tiefe im Stillen Ozean kam und entsprechende Kieselschälchen zeigte. Das war die spätere große Fundstätte des „Challenger“. So nahe war man schon dem höchsten Triumph aller Radiolarienforschung — und doch wußte Ehrenberg noch immer nicht, was ein Radiolar überhaupt sei und wo es hingehöre.

Diese Unwissenheit war allerdings jetzt bei ihm schon subjektives Mißgeschick als Folge einer willkürlichen Nichtbeachtung der neueren Literatur. Denn zwei Jahre vorher hatte sein großer Berliner Kollege Johannes Müller gleichsam noch aus dem Grabe heraus — in einer nachgelassenen Schrift — gerade diese Frage bis zu einer gewissen Grenze endgültig erledigt. Müller faßte sie dabei von ganz anderer Seite.

Ehrenberg hatte die Bewohner seiner Tiefsee-Schälchen ohne Skrupel auch für wirkliche Bewohner der tiefsten Ozeangründe gehalten. Es ist aber oben schon gesagt, daß die Radiolarien ausnahmslos schwimmende Geschöpfe sind und, allerdings von den großen Tiefen unten an, bis zur Oberfläche herauf alle Schichten der kolossalen Wassersäule je nach Neigung der einzelnen Arten beleben. Dieser wahre Sachverhalt legt nahe, daß die damalige Zoologenschule, die anfing, die Meeresoberfläche mit dem Mullnetz abzusuchen, ebenso auf Radiolarien stieß wie der alte Ehrenberg daheim vor seinen trockenen Schlammproben der Tiefsee, und zwar diesmal auf lebendes Material.

In Wahrheit gesehen und sogar beschrieben hatte schon Anfang der dreißiger Jahre der Weltreisende Meyen solche lebendigen Radiolarien-Tiere, ohne daß sich aber jemand um den Zusammenhang gekümmert hätte. Jetzt war es der treffliche Zoologe Thomas Huxley, nachmals Darwins begeisterter Vorkämpfer, der als bescheidener Schiffsarzt annoch auf einem Australienfahrer unabhängig wieder auf das gleiche Objekt geriet. Er fand 1851 winzige lebende Schleimklümpchen im Ozean, die zu Kolonien zusammenhielten und jedes für sich ein zierlichstes Kieselskelett besaßen. Unglücklicherweise wußte aber Huxley jetzt wieder nichts von Ehrenbergs Kieselschälchen. Er beschrieb seine Wesen ganz unabhängig als neue Seetiere. Doch erkannte er sehr klar schon, daß jedes dieser bepanzerten Schleimklümpchen nichts anderes darstelle als eine einzige Zelle. Und da inzwischen von Siebold im System für alle derartigen einfachsten tierähnlichen Formen die gute Gruppe der Urtiere oder Protozoen vorgeschlagen worden war — ein großer Fortschritt —, so zählte Huxley seine Einzeller mit Kieselschalen folgerichtig hierher. Sie waren jetzt wenigstens im richtigen Schubfach des Museums!

Erst Müller aber sollte zeigen, welche gewaltige zweite Schublade noch mit hier einging: nämlich all das Material, das Ehrenberg an Kieselskeletten aus der Urwelt und aus der heutigen Tiefsee besaß.

Es ist erzählt, wie Müller jahrelang an die Seeküste zog und die kleine Lebewelt der Welle am Fleck studierte. Dabei geriet er schon 1849 auf rätselhafte Gallertfäden. Durch Meyen und Huxley wurden ihm die Augen geöffnet, was es sein könne. Seit 1855 widmete er sich der seltsamen neuen Urtiergruppe mit wachsender Liebe.

Zuerst schienen es ihm allerdings drei ganz verschiedene Sorten zu sein, die nichts Gemeinsames besaßen. Mindestens aber war die eine davon identisch mit Ehrenbergs geheimnisvollen Tiefsee- und Barbadosgeschöpfen. Und als es endlich doch glückte, alle drei unter einen Hut zu bringen, da erstand, jetzt auch von Müller endgültig so benannt, die wirkliche Klasse der „Radiolarien“, ein neuer Zweig der großen Gruppe der Wurzelfüßer bei den Urtieren.

Müller hätte seine Radiolarienstudien gleich zu Anfang beinahe mit dem Leben bezahlt, indem sein Schiff 1855 an der norwegischen Küste unterging; nach furchtbarem Kampfe mit den Wellen rettete er sich schwimmend ans Ufer, während einer seiner Schüler ertrank. Immerhin lähmte das böse Ereignis etwas seine Leistung, da er fortan sich nicht mehr entschließen konnte, auf seinen Exkursionen an die See selber ein Boot zu besteigen. Auch raffte ihn der Tod ein paar Jahre danach in Berlin in der Fülle der Kraft hin. Noch aber löste er gerade vorher jene Hauptfrage und öffnete damit der ganzen Erkenntnis der Radiolarien eine offene Bahn. Und er gab noch etwas mit, was vollends die reichsten Früchte getragen hat.

Johannes Müller war nicht nur ein Forscher, sondern ein Lehrer ersten Ranges.

Die besten Köpfe der folgenden Zeit auf physiologischem Fachgebiet waren von ihm eingeschult. Und einer seiner letzten Schüler war Ernst Haeckel.

Dieser Name sollte fortan bis zum Ausgang des Jahrhunderts die ganze Radiolarienkunde beherrschen. Ein Jahr nach Müllers Tod, im Herbst 1859, kam Haeckel, damals fünfundzwanzigjährig und in der ersten Leidenschaft zur Zoologie, nach Messina. Die ersten Fischzüge in dem tierreichen Hafen führten ihn auf die schwimmenden Radiolarien. Das war bestimmend für viele Jahre seiner Bahn.

Er studierte das Material an der Hand der letzten Müllerschen Abhandlung, fand eine Masse neuer Arten hinzu, ersann Methoden, wie die schönen Skelette zu isolieren seien, zeichnete und malte die Weichteile nach der Natur, die Kieselschalen mit Hilfe der Camera lucida und arbeitete sich in alle irgend hierher gehörigen Probleme spezieller wie allgemeiner Art mit einer Energie ohnegleichen ein. Schon 1862 erschien im Verlage von Reimer in Berlin seine große Monographie der Radiolarien, ein Folioband Text von fünfhundertzweiundsiebzig Seiten und ein Bilderatlas von fünfunddreißig Kupfertafeln, sämtlich von Haeckels künstlerischer Meisterhand selbst entworfen. Das Werk ist noch heute eine der schönsten zoologischen Monographien, die das ganze Jahrhundert hervorgebracht hat. Es zeichnete sich vor ähnlichen Versuchen, eine kleine Provinz des Tierreichs bis in jeden Winkel erschöpfend darzustellen, ganz besonders durch die glänzende, in einem Guß dahinströmende stilistische Behandlung, sowie die Fülle weiter Gesichtspunkte für die allgemeinen biologischen Probleme der Zeit aus. Die Radiolarien, so lange vernachlässigt, zählten fortan unter die Paradebeispiele fachwissenschaftlicher Durcharbeitung.

In Haeckels Leben selbst bedeutete das Buch gleichzeitig noch eine große Wende. Auf Seite 231 findet sich ein Bekenntnis, das heute ein geschichtliches Interesse hat. Haeckel erklärte sich darin öffentlich für Darwin, dessen entscheidendes Buch vier Jahre früher erschienen war. Der äußere Erfolg war, daß für die nächsten Jahre der „Kampf um Darwin“ zu Haeckels Lebensaufgabe wurde. Diese Linie, deren Ausläufe allgemein bekannt sind, ja in weiten Kreisen, wenn die Rede auf Haeckel kommt, eigentlich nur bekannt zu sein pflegen, braucht hier nicht verfolgt zu werden. Sie erklärt aber, warum in den folgenden vierzehn Jahren seine Tätigkeit wesentlich auf anderen und zum Teil allgemeineren Gebieten lag als bei den Radiolarien selbst.

In dieser Zeit ruhte der Fortschritt in der Erkenntnis unserer seltsamen Kieselorganismen runde neun Jahre gleichsam auf den Lorbeeren des großen Haeckelschen Vorstoßes aus. Und erst 1871 kam Cienkowski mit einer neuen Entdeckung von hoher Bedeutung, einer Entdeckung, die abermals eine wahrhaft brennende Probe für die Verwickelung tiergeschichtlicher Fragen geliefert hat.

Haeckel hatte sich natürlich gehütet, zu der Anschauung Ehrenbergs zurückzukehren, daß die Besitzer so köstlicher Kieselskelette deshalb notwendig hoch organisierte Tiere etwa vom Range eines Seesterns sein müßten. Auch ihm blieben sie äußerst niedrigstehende Wurzelfüßer von der untersten Grenze des Tierreiches. Gleichwohl mußte er 1862 von seinem Wissensboden aus bestreiten, daß diese Radiolarientiere noch nicht zu der Stufe der Zusammensetzung aus mehreren Zellen fortgeschritten seien. In der weichen Gallertmasse ihres äußeren Leibes jenseits einer gewissen immer vorhandenen innersten Zentralkapsel lagen nämlich gelbe Körper, die unzweideutig echte Zellen waren. Echte Zellen in der Mehrzahl. Da half nichts: diese Geschöpfe waren mindestens vielzellig, mochten sie auch sonst noch so echte Urtiere vom Wurzelfüßerschlage sein.

Die Frage über Einzelligkeit und Vielzelligkeit der lebenden Wesen überhaupt wurde nun in den folgenden Jahren gerade im Gefolge der Darwinschen Idee besonders wichtig. Im Sinne Darwins hatten sich die höheren Wesen aus niedrigeren entwickelt. Das führte zuletzt notwendig darauf, daß alle Wesen, die aus einer Mehrheit von Zellen zusammengesetzt waren, von solchen abstammten, deren ganzen Leib nur eine einzige Zelle bildete. Die Einzeller waren die wirklichen Urformen aller vielzelligen Tiere und Pflanzen. Das aber rückte diese Einzeller plötzlich in ein blendendes Licht und den ganzen Gegensatz mit. Haeckel selbst beschrieb echt einzellige Wesen, die sogenannten Moneren, die dem strengen Begriffe der Einzelligkeit im verwegensten Sinne zu entsprechen schienen und als die wahren Ahnenbilder der äußersten Stammbaumecke jenseits von Tier und Pflanze angesprochen wurden.

Inmitten dieser Debatten bedeutete es nun einen wirklich sehr mächtigen Fortschritt für die Radiolarienkunde, daß Cienkowski den Nachweis führen konnte, daß doch auch diese Radiolarien echte „Einzeller“ seien, also der großen Urgruppe im Stammbaum angehörten.

Jene gelben Zellen in der Leibesmasse der kleinen Kieselwesen, zeigte er, gehörten gar nicht zu diesem echten Leibe: es waren fremde Geschöpfe, die sich bloß gewohnheitsmäßig inmitten des Radiolars aufhielten. Und zwar waren es selber einzellige Geschöpfe, doch solche, die in ihrer Atmungs- und Ernährungsart mehr den Pflanzen ähnelten, — also sogenannte „Urpflanzen“.

Die Sache klingt ja an sich schier unbegreiflich. Und doch ist sie nicht so sonderbar, wie man meinen sollte. Sie wiederholt nur, was im verwickelten Getriebe des Lebens noch öfter vorkommt. Wir alle wissen, wie gewisse Tiere in anderen schmarotzern: der Bandwurm im Hund, in der Katze, ja in uns selbst. Auch Pflanzen schmarotzern auf anderen: so die Mistel auf den Kiefern des Waldes. Daß einzellige, noch völlig urtümliche Wesen in höheren Tieren schmarotzern, ist eine Tatsache, die wir neuerdings in immer bedenklicherem Umfange kennen gelernt haben: sind doch alle die bösen Bazillen, die unser Leben bedrohen, nichts anderes als solche winzigen Eindringlinge, die in uns leben wollen und uns dabei in Mark und Bein hinein vergiften. Warum sollen also nicht auch einmal im einzelligen Urtier, dem Radiolar, einzellige Urpflanzen schmarotzern?

Die Sache scheint tatsächlich aber noch wieder etwas anders zu liegen. Das häusliche Leben dieser gelben Pflanzenzellen im Leibe des Radiolars scheint nicht auf ein Schmarotzertum im groben Sinne hinauszulaufen, sondern vielmehr auf eine Art willkommener Schutzgemeinschaft zwischen Radiolar und Pflanze. Auch für solche Schutzgemeinschaften, bei denen jeder Teil auf seine Kosten kommt, gibt es Beispiele genug im Reich des Lebendigen. Den bekanntesten Fall bilden die sogenannten Flechten. Früher führte man sie im System als besondere Pflanzengruppe auf. Heute weiß man, daß sie zustande kommen durch eine engste Genossenschaft von Pilzen und Algen, die sich zu einem Ganzen miteinander verschlingen. Der Pilz nützt dabei durch seine Lebensgewohnheiten und Fähigkeiten der Alge und die Alge umgekehrt wieder dem Pilz. Aehnlich müssen wir uns den Sachverhalt bei den Pflanzenzellen in der Zellmasse des Radiolars vorstellen. Der gegenseitige Nutzen liegt auch hier auf der Hand. Das Radiolar hat die Atmungsart der Tiere: es braucht Sauerstoff und scheidet Kohlensäure aus. Die in ihm lebende Pflanze dagegen zersetzt wie alle Pflanzen im Lichte Kohlensäure und gibt Sauerstoff ab. So kommt jede Partei zu Gewinn bei der Genossenschaft. Man bezeichnet diese und ähnliche Vorgänge als „Symbiose“ oder „gemeinschaftliches Leben“.