Vor mir steht ein drolliger Geselle. In fernem Erdteil der Südhalbkugel hat er sein Leben lassen müssen. Nun ziert er ausgestopft ein stilles Arbeitszimmer in der märkischen Kiefernheide.
Ziert, — ja ist das nicht zuviel gesagt? Meine meisten Besucher finden dich einfach scheußlich. Ich aber meine, du siehst humoristisch aus. Du teilst das mit dem Igel dort, der auch noch ausgestopft ein kleiner Komiker ist. Deine winzigen Aeuglein über dem Entenschnabel grinsen so schalkhaft-fröhlich, ich kann es nicht leugnen, ich habe dich gern und wenn ich von der Arbeit aufblicke, ruht mein Auge mit einer gewissen Behaglichkeit auf dir aus. Schön bist du nicht, aber so unsagbar merkwürdig.
Heute will ich deine Geschichte erzählen, die wie ein Märchen klingt. Das Märchen vom Schnabeltier, — vom Säugetier, das sich herausnimmt, Eier zu legen.
Bis ins vorige Jahrhundert war die Tierkunde so recht ein wüstes Raritätenkabinett.
Man hatte überall aufs „Absonderliche“ hin gesammelt und beschrieben, ins Blaue hinein, etwas Wahrheit und viel Dichtung. Schlimmer aber als alle Dichtung war die Konfusion.
Da kam der große Linné und stellte sein System auf. Es war noch ein schlechtes, ganz rohes Erstlings-System, aber, bildlich gesprochen, war es, als würde eine Rumpelkammer zum erstenmal gelüftet und als würde ihr Inhalt plötzlich über eine Reihe reinlicher, nüchtern weiß getünchter Stuben verteilt, jede Stube mit einer Aufschrift an der Tür, und in jeder Stube so und so viel Schränke mit Nummern. Linné gab feste Namen, und er brachte diese Namen zugleich in eine Reihenfolge mit größeren Rubriken, die eine Uebersicht ermöglichte. Ein unvergleichlicher Fortschritt war’s, das hat nie wieder einer geleugnet seither.
Gewiß, es ging ein Stück Romantik dabei verloren. Die Romantik des ungeheuren Chaos, aus dem die Fratzenformen regellos wie in einer Fiebervision heraufdrängten. Mit den paar Klassen und Ordnungen der Tiere, die Linné aufstellte, schien die Fülle zunächst seltsam eingeschmolzen.
Man staunte, daß man auf einmal so wenig hatte.
Aber die Erde war ja noch weit, es mochte wohl noch viel dazukommen. Gerade diesem Neuen, dachte Linné, sollte sein System besondere Früchte tragen. Wie bei einem guten Bibliothekskatalog sollte jeder Nachtrag mit der größten Bequemlichkeit einzuregistrieren sein. Und als an Linnés großartige Anregung wirklich eine Zeit erfolgreicher wissenschaftlicher Reisen sich schloß, die der Tierkunde Unendliches an Material hinzufügten, da schien der ordnende Gedanke tatsächlich der große Helfer, der diesmal in kürzester Frist selbst den größten Stoffzuwachs handlich bewältigen ließ.
Und doch: das Jahrhundert Linnés war selbst noch nicht zu Ende, da stand man auch schon vor einer neuen Schwierigkeit, die der große Meister von Upsala noch gar nicht hatte ahnen können.
Einer Schwierigkeit, die diesmal unmittelbar aus der „Ordnung“, aus dem System selber erwuchs.
Linné hatte seinen grundlegenden Ordnungsversuch auf einer ganz bestimmten Voraussetzung aufgebaut. Zu seiner Zeit war es die selbstverständliche. Er nahm an, daß es in der Natur selbst, in dem Tierreich, wie es „von Gott geschaffen“ seit alters vor Augen stand, gewisse scharfe Grenzen, scharfe Unterschiede, scharf gesonderte Rubriken wirklich gebe.
Hier stand ein Vogel — hier ein Fisch — hier ein Säugetier. Da war eines stets grundverschieden vom andern. Jedes bildete eine unzweideutige Klasse für sich. Und in dieser Klasse sonderten sich wieder scharf voneinander so und so viel Ordnungen, Familien, Gattungen, endlich Arten, jede eisern fest in ihrer Existenz gegen alle andern abgetrennt. Augenschein und theologiegenährte Philosophie vereinigten sich dem Meister zu dieser Annahme. Seine philosophische Ueberzeugung ging dahin, daß die Tiere im Anfang der Dinge genau dem Bibel-Wortlaut entsprechend durch einen festen Akt „erschaffen“ worden seien. Bei diesem Akt waren die Unterschiede allsogleich „miterschaffen“ worden. Nach sicherer Norm waren heute Vögel erschaffen worden, heute Säugetiere, jede Klasse absolut unabhängig von der andern. Und innerhalb der größeren Gruppen hatte enger wieder jede Art ihren besonderen Schöpferakt hinter sich, auf ihm stand sie, ihn gab sie in unendlicher Folge der Generationen ewig gleich weiter, indem sie ihre anerschaffene Form bis in alle Ewigkeit hinein durch Fortpflanzung treu bewahrte.
Dieser philosophische „Glaube“ verlieh dem System eigentlich erst die höchste Weihe. Nachdem man einmal an gewissen Merkmalen erkannt hatte, wodurch sich etwa ein gewöhnlicher Vogel von einem gewöhnlichen Säugetier unterschied, hatte man nun, so schien es, das unbedingte Recht, eine Kammer des zoologischen Museums ausschließlich für die Vögel, eine andere für die Säugetiere zu reservieren, — und was an neuen Entdeckungen hinzukam, das fand entsprechend seinen Ort: es mußte ihn finden, da es ja nur ein Einzelobjekt aus der also geschaffenen Welt war. Das „System“ war der vom Menschen nachgedachte zoologische Bauplan Gottvaters selbst, in dem es keine Irrungen und Zweifel geben konnte.
Unter solcher Voraussetzung konnte nun nicht leicht etwas Mißlicheres passieren, als der Fall, den die Tierkundigen fast genau auf der Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert erleben mußten.
In der Zeit seit Linné war ein neuer Erdteil zoologisch erschlossen worden: Australien. Eine ungemein seltsame Welt, wie man alsbald bemerken sollte, ja sozusagen eine ärgerliche, irreguläre, ketzerische Welt.
Im Jahre 1799 beschrieb der Konservator Shaw vom Britischen Museum ein kleines Monstrum, das aus diesem Australien sich als trockener Balg in eine englische Privatsammlung verirrt hatte.
Es erschien ein vierfüßiges Tier, anzuschauen etwa wie eine Fischotter, mit braunem Haarpelz und vier regelrechten Beinen, also wohl unzweideutig im Sinne Linnés ein Säugetier.
Dieses „Säugetier“ aber erlaubte sich, vorn am Kopf statt eines gewöhnlichen Fischotter-Mauls einen echten Schnabel zu tragen, der in jeder Hinsicht einem Entenschnabel glich.
Wenn dieses Tier „zu recht bestand“, so drohte im Sinne Linnés etwas überaus Bedenkliches. Man hatte ein lebendiges Geschöpf, das zwischen Säugetier und Vogel zu stehen schien, und gerade das, sagte die Theorie, konnte es doch nicht geben. Wie der Astronom sagte, dem sein Assistent meldete, es stehe in dem und dem Sternbild plötzlich ein großer Stern: „Das darf nicht sein.“
Shaw gab dem zweifelhaften Vieh auf alle Fälle einmal einen offiziellen Namen, hatte aber kein Glück dabei. Er nannte es Platypus anatinus, den entenhaften Plattfuß. Das Wort Platypus war aber längst für einen kleinen Borkenkäfer vergeben, mußte also wieder fallen.
Eine kurze Weile schien überhaupt der Ausweg möglich, daß nur ein Scherzbold die ernsthafte Wissenschaft geäfft und einfach einen Fischotterbalg an einen Entenkopf genäht habe.
Schon 1800 ließ sich das aber nicht mehr halten. Der treffliche Blumenbach in Göttingen, dessen Autorität in solchen Dingen damals unanfechtbar war, erhielt von demselben Banks, der einst in Cooks Gefolge das Känguruh entdeckt hatte, also einer zweiten „Autorität“, den bösen Ketzer im System leibhaftig zugesandt. Er erkannte ihn als zweifellos echt an und taufte ihn endgültig Ornithorhynchus paradoxus: das „widerspruchsvolle Vogelschnabel-Tier“. Schnabeltier hat sich in der Folge als kürzeste deutsche Bezeichnung überall eingebürgert.
Für Widersprüche war in der Tat gesorgt, mehr jedenfalls, als den strikten Anhängern Linnés lieb war.
Der entenähnliche Schnabel war eigentlich nur das äußere grobe Merkzeichen, daß im anatomischen Innenbau erst recht alles durcheinander liege. Gewisse Einzelheiten im Bau der Schulterknochen und vor allem die Anlage der Ausfuhrgänge aus dem Körper wichen gänzlich von dem ab, was man sonst für die Klasse der Säugetiere als Norm aufgestellt. Die Ausfuhrgänge bildeten eine sogenannte „Kloake“, nämlich eine gemeinsame Oeffnung für Kot, Harn und Geschlechtsprodukte, just also das, was Vögel und Reptilien allgemein haben im Gegensatz zum Säugetier.
Und doch hatte das Tier im Ganzen einen unverkennbaren Säugetier-Typus! Jene Abweichungen hätten es den Vögeln oder auch den Reptilien beigesellt. Aber ein Vogel mit vier Beinen? Oder eine Eidechse mit Haaren und dem ganzen sonstigen Habitus eines viel höher stehenden, dauernd warmblütigen Tieres? Man versuchte sich auf die strengste Definition des Säugetiers zu beschränken. Säugetier ist ein Tier, das lebendige Junge zur Welt bringt und diese Jungen „säugt“. Wie war es damit beim Schnabeltier?
Australien war weit. Das Schnabeltier hauste in entlegenen Sümpfen. Wer wollte seine Kinderstube überwachen?
Aber man untersuchte den in Spiritus eingesandten Körper und behauptete, es seien bei dem Weibchen keine Milchdrüsen nachweisbar. Dann half alles nichts: es war kein Säugetier. Aber was war es denn?
Wenig später kam aus dem Mutterlande die Wundermär, es hätten Wilde im Schilf des Schnablers Nest entdeckt und zwei regelrechte Eier wie Hühnereier hätten darin gelegen. Wenn das auch noch wahr war, so blieb nur eins übrig: man gründete für das einzige Schnabeltier eine ganz neue Klasse der Wirbeltiere.
Linné hatte solcher Klassen vier unterschieden: die Säugetiere, Vögel, Amphibien und Fische. Zwischen Säugetiere und Vögel wären denn also jetzt die Schnabeltiere zu setzen gewesen — immerhin eine etwas bedenkliche Sache. Eine ganz neue Klasse um eines Vertreters willen! Ein ganzes Kämmerchen im Museum für diesen paradoxen Gesellen ganz allein?
Es dauerte aber nicht allzulange, so war dieser ganze Ausweg überhaupt als Fehlgriff entlarvt.
1826 kam ein großes Prachtwerk von Meckel heraus — und Meckel hatte nun doch die Milchdrüsen des Schnabeltiers bei erneuter sorgsamster Zergliederung entdeckt. Man bestritt ihm die Sache, es stellte sich auch in der Folge heraus, daß der feinere Bau dieser Drüsen immerhin recht absonderlich sei, aber die Grundtatsache war schlechterdings nicht abzuleugnen.
Eine Hauptschwierigkeit hatte darin gelegen, daß keine äußerlich vortretenden Brustwarzen da waren. Die Haut über den Milchdrüsen war nur wie durchsiebt. Bis in die allerneueste Zeit hat man sich darüber gestritten, wie das Tier mit solchem Apparat überhaupt Junge säugen könne. Semon hat schließlich vom Landschnabeltier nachgewiesen, daß das Kleine, das hier in einem Beutel (einer Hautfalte) am Mutterbauche liegt, die abträufelnde Milch einfach fortleckt. Komplizierter aber noch ist die Geschichte beim Wasserschnabeltier. Hier legt sich die Alte auf den Rücken und die Jungen, zwei an der Zahl, klopfen und drücken mit ihren Schnäbelchen so lange an dem Milchsieb herum, bis Milch austritt. Diese Milch jetzt fließt in eine Rinne im Bauch der Alten wie in einen Trog und aus dem löffeln die Kleinen endlich mit den Schnäbeln ihre Suppe.
Jetzt war der leidige Schnabler also im Sinne der Linnéschen Definition doch ein Säugetier. Man hatte ein echtes Säugetier, das aber in so und so viel Punkten die gute Straße sämtlicher übrigen Säugetiere verließ und einsam für sich ging, — einsam für sich auf Straßen, wo im System ordnungsgemäß nur Vögel und Reptilien wandelten.
Es gab, wie erwähnt werden muß, in dieser Zeit, in den zehner und zwanziger Jahren des Jahrhunderts, schon ganz vereinzelte Köpfe unter den Tierkundigen (Lamarck, Geoffroy St. Hilaire und andere), die an die Unfehlbarkeit jener Linnéschen Voraussetzungen überhaupt nicht mehr glaubten. Sie bestritten, daß das „System“ mit seinen scharfen Unterschieden etwas wirklich so in der Natur Gegebenes sei. Warum von Beginn der Dinge an Reptilien, Vögel, Säugetiere? Warum nicht eine langsame natürliche Entwickelung, bei der Art sich aus Art, Ordnung aus Ordnung, Klasse aus Klasse erst allmählich entwickelt hatte? Konnte es nicht früher bloß Vögel gegeben haben, aus denen dann im Laufe der Zeiten sich erst Säugetiere entwickelt hatten? Und wie, wenn nun ein solches Geschöpf wie das Schnabeltier, das von beiden noch etwas hatte, das noch lebende Zeugnis eines solchen Uebergangs zwischen den beiden Klassen leibhaftig uns vor Augen stellte?
Das war nun damals wirklich noch böse Ketzerei. Sie wurde von der großen Mehrzahl der Forscher herzhaft ausgelacht, gleichsam an den Pranger gestellt als unwürdige Albernheit und dann — ging man zur Tagesordnung über. Auch bei solchen Gelehrten, die nach Gott und seinem Schöpfungsplan nicht viel mehr fragten, hatte das System eine Art selbstherrlicher Heiligkeit angenommen. Wer es im Sinne von Entwickelung irgendwo beweglich, flüssig machen wollte, der war ein Dilettant, ein Bönhase, ein durch und durch unwissenschaftlich denkender Mensch.
Man fühlte dort aber um so mehr Mut, als es gerade jetzt schien, als sei die ganze Sache mit dem Stein des Anstoßes, dem Schnabeltier selber, wirklich sehr übertrieben worden.
Wer hatte doch behauptet, daß es Eier lege? Unsinn! 1832 reiste der englische Zoologe Bennett eigens nach Australien, um dieser „Tatsache“ einmal ernstlich auf den Grund zu gehen. Und das Ergebnis war ein so rundes Nein, wie nur irgend denkbar schien.
Was hatte, so hörte man, Bennett sich nicht für Mühe gegeben!
Das Wasser-Schnabeltier, von wirklich ähnlicher Lebensweise wie unsere Fischotter, gräbt sich tiefe Kessel in den Flußwänden aus, in denen es sich verbirgt und seine Jungen hegt. Sie sind nicht ohne Kunst gemacht, diese Verstecke. Eine lange, schief aufwärtssteigende Röhre leitet zu dem Zentralkessel, von sechs bis fünfzehn Meter lang. Die Röhre aber hat meist zwei Ausgänge, einen unter dem Wasserspiegel und einen darüber. Innen ist alles hübsch mit trockenen Wasserpflanzen austapeziert.
Nun denn: Kessel um Kessel wurde aufgedeckt. Und da lagen sie, die jungen und anscheinend allerjüngsten Schnabler, winzige Tierchen, an die Mutter geschmiegt. Aber keine Eier, kein einziges, auch kein Bruchstück einer Schale — nichts. Die Eingeborenen hatten einmal wieder gelogen und das System war noch einmal gerettet ....
Das Jahrhundert rückte vor. Vom Schnabeltier war weniger die Rede. Aber für die ganze Tierkunde kamen allmählich neue Zeiten, ja eine neue Aera.
Im Jahre 1859 veröffentlichte Darwin sein großes Buch über die Entstehung der Arten. Es war ein Angriff auf die ewige Leichen-Starre des Systems nicht vom Schnabeltier oder sonst einem Einzelfall aus, sondern generaliter. Zehn Jahre weiter: und die ganze Tierkunde war übergegangen ins darwinistische Lager. Nun hatte aus tausend Gründen jene ketzerische Lehre doch recht behalten, die in der ganzen Tierwelt das Ergebnis einer allmählichen Entwickelung sah.
Das alte System bekam damit ein völlig neues Gesicht. Nicht, daß man leichtsinnig jetzt etwa wieder jede Systematik über Bord geworfen hätte. Man mußte das System nur philosophisch umdeuten. Als „Stammbaum“ mußte es fortan gefaßt werden. Wohl blieben gewisse Gruppen auch so bestehen. Ein gewöhnliches Reptil, ein gewöhnlicher Vogel, ein gewöhnliches Säugetier blieben verschieden, darüber bestand auch jetzt kein Zweifel. Aber früher hatte der Nachdruck darauf gelegen, daß alle, schlechterdings alle Vögel von allen Reptilien, alle Reptilien und alle Vögel von allen Säugetieren durch ursprünglichste Schöpfungsverschiedenheit getrennt wären. Jetzt richtete man sein Augenmerk darauf, ob nicht dieses oder jenes Reptil doch dem Vogel noch näher stände als die andern, ob nicht dieses oder jenes Säugetier noch mit niedrigeren Tieren wenigstens teilweise zusammenpasse. Weil man an Entwickelung der einen Klasse aus einer andern glaubte, suchte man jetzt als besonders wichtig nach Uebergangsformen.
Freilich merkte man alsbald eines und das war wieder mißlich. So vor aller Welt Augen liefen gerade diese Uebergangsformen offenbar durchaus nicht in Menge herum. Die meisten schienen heute gar nicht mehr auf der Erde vorzukommen. Allzu verwunderlich war das nicht. Jene Umwandlung der großen Tiergruppen ineinander, wie sie Darwin lehrte und immerhin ziemlich anschaulich auf Gesetze zurückführte, hatte ja durchweg schon in sehr alten Tagen der Erdgeschichte stattgefunden. Lange vor dem Auftreten des Menschen konnte die Mehrzahl jener Vermittelungsglieder recht gut schon spurlos wieder ausgestorben sein. Wohl durfte man hoffen, gelegentlich im verhärteten Meeresschlamm jener Urzeiten, der heute Gebirge bildete, noch versteinerte Reste dieser verschollenen Geschöpfe aufzufinden. Aber das war immer mehr oder minder Zufallssache und konnte mindestens noch endlos lange sich hinziehen, da der menschlichen Forschung bisher nur ein verschwindend kleiner Teil der irdischen Gebirge und Gesteinslager, wo Versteinerungen vorkommen, erschlossen ist.
Je weniger man aber einstweilen hatte, desto sorgsamer mußte man mit dem haushalten, was man besaß.
Die neue darwinistisch gefärbte Tierkunde vermerkte mit stärkstem Nachdruck, daß sie in dem ganzen riesigen Gewimmel der Fische einen einzigen — den sogenannten Amphioxus — noch lebend im Inventar mitführte, der allem Anschein nach den Uebergang von wirbellosen, wurmähnlichen Tieren zum Fisch in sich verkörperte. Sie vermerkte ferner, daß eine ganz kleine Gruppe (von nur drei Gattungen) fischähnlicher Tiere — die Molchfische — den entsprechenden Uebergang vom Fisch zum Amphibium heute noch ziemlich deutlich vor Augen stellte. Dann gab es da auf soviel tausend Amphibien und Reptilien wieder eine einzige absonderliche Eidechsenart — die Hatteria aus Neuseeland —, die eine uralte Reliquie darstellte, in der sich das molchartige Amphibium noch auffällig mischte mit dem echten eidechsenartigen und krokodilartigen Reptil. Von diesem Reptil, also etwa einer echten Eidechse, zum Vogel lieferte dann jene Versteinerungsurkunde das passende Mittelglied in dem wunderbaren Urvogel Archäopteryx des Juraschiefers von Solnhofen: noch erkennbare versteinerte Reste eines längst ausgestorbenen Wesens, das einerseits noch langschwänzige Eidechse mit scharfen Zähnen im Maul und andererseits schon richtig befiederter, geflügelter Vogel gewesen war.
Das gab so alles in allem wirklich ein gutes Stück „Stammbaum“ für die obersten Tierklassen. Aus Würmern waren, so sah man ungefähr, die Fische gekommen. Aus Fischen die Amphibien. Aus Amphibien die Reptilien. Aus Reptilien endlich gar unzweideutig die Vögel. Blieb aber die alleroberste Klasse noch: die wichtigste von allen, die Säugetiere. Welche Tierform, lebend oder tot, vermittelte den Uebergang zu denen hinauf? Und den Uebergang von wo aus?
Hier jetzt kam die neue Situation, wo das Schnabeltier abermals überaus bedeutsam werden mußte.
Von allen Säugern hatte es den niedrigsten Bau. Obwohl echtes Säugetier, zeigte es doch Merkmale, die unverkennbar an den Vogel oder sogar an das noch niedrigere Reptil, an die Eidechse erinnerten. Was Lamarck und Geoffroy St. Hilaire lange vor Darwin und Haeckel ausgesprochen hatten, weil sie zu ihrer Zeit schon an natürliche Entwickelung glaubten — was aber damals allgemein verlacht worden war — das kam jetzt offen zu Tage: das Schnabeltier war ebenfalls eine prächtige Uebergangsform und das „Paradoxe“ an ihm war eben diese Zwiespältigkeit einer Vermittelung zwischen der Klasse der Säugetiere und einer tieferen, noch geringer entwickelten Klasse.
Abermals aber war es gerade jetzt, als wenn die neue Theorie neue Entdeckungen hinsichtlich dieses Schnabeltiers förmlich programmmäßig herauslockte — und diesmal sozusagen die umgekehrte Entdeckung wie damals durch Bennett.
Es ist nachzuholen, daß im Verlauf des Jahrhunderts das alte Schnabeltier noch einen lebendigen Bruder im Register der Tierkunde erhalten hatte.
Die ersten Ansiedler im australischen Busch glaubten in einem Lande so vieler Wunder wenigstens auf etwas Heimisches zu stoßen: den Igel. Aber was sie dafür hielten, trug zwar ein scharfes Stachelwams gleich diesem Freund aus den europäischen Weinbergen, in Wahrheit war es aber nur erst recht ein seltsamster Australier: nämlich ein zweites und zwar landbewohnendes Schnabeltier, das mit langer Zunge Ameisen schleckte und danach der Ameisenigel getauft wurde. Lateinisch erhielt es den großen mythologischen Namen Echidna zur Erinnerung an das alte griechische Zwitterscheusal aus Schlange und Mensch.
Auch dieser stachelige Land-Schnabler bewährte in allem Wesentlichen die Uebergangs-Natur, wie man sie schon am Wasserschnabeltier festgestellt.
Nun geschah es aber im August 1884, daß ein deutscher Zoologe, Wilhelm Haacke, sich auf australischem Boden aufhielt und in den Besitz eines Pärchens lebender Ameisenigel kam. Haacke hatte in Jena bei Gegenbaur gehört, daß die weiblichen Schnabeltiere an der Bauchseite angeblich gewisse Falten zeigen sollten, die an einen Beutel für die Jungen, wie sie die sogenannten Beuteltiere (zum Beispiel das Känguruh) besitzen, erinnerten. Der Einfall kommt ihm, das einmal rasch zu untersuchen. Sein Diener muß ihm den weiblichen Ameisenigel bei den Hinterbeinen hoch heben, und richtig: da sind nicht nur ein paar Fältchen, sondern da ist ein regelrechter Beutel. Die Existenz dieses Beutels selber aber ist noch nichts gegen den unmittelbar folgenden Fund. Unser Forscher greift zu und zieht aus dem Beutel ein unzweideutiges Ei. Er war im Augenblick so überrascht, daß er das Ei in der Hand zerquetschte. Aber die Entdeckung war für immer gemacht. Das Land-Schnabeltier legte also auf alle Fälle wirklich Eier wie ein Vogel oder eine Eidechse ....
Wie es mit dem Zufall aber in der Welt geht: gerade jetzt und gleichzeitig mit Haacke war in einer andern Ecke Australiens ein Engländer, Caldwell, auf ein Nest des Wasserschnabeltiers geraten, in dem wahrhaftig auch Eier lagen. Der alte Bennett mußte seiner Zeit ausgesuchtes Pech gehabt haben: sicherlich war er jetzt widerlegt und die Tatsache stand zum erstenmal ganz fest: beide Schnabeltiere legten Eier!
In den Jahren 1891 und 1892 ist der Beweis dann gleichsam systematisch und im größten Stil noch einmal wiederholt und ausgebaut worden. Das Interesse für darwinistische Probleme war jetzt so hoch gediehen, daß ein trefflicher deutscher Zoologe, Schüler und Kollege Haeckels in Jena, Richard Semon, eigens auf zwei Jahre nach Australien gehen konnte, um die Naturgeschichte der Schnabeltiere und daneben die eines anderen darwinistisch interessanten Uebergangs-Tieres — des Molchfisches Ceratodus — gründlich zu studieren.
Semon hat viele Monate lang sein zoologisches Laboratorium mitten im wilden australischen Busch nahe der Ostküste auf Queensländer Gebiet aufgeschlagen. Das Ergebnis war die Enträtselung der ganzen Entwickelungsreihe der Keimformen im Ei bei Ceratodus, eine zoologische Tat ersten Ranges, nach der sich längst alle Vertreter der Entwickelungslehre gesehnt hatten. In den Mußestunden von dieser einen Arbeit aber sandte Semon seine schwarzen einheimischen Jäger auf die Suche nach Schnabeltieren, so viel sie nur bekommen könnten. Tüchtige Geldprämien wurden ausgesetzt, bis zu zweieinhalb Mark für jeden weiblichen Ameisenigel.
Das half. An einem Tage allein kamen acht solcher Landschnabler an, zwei davon mit Eiern noch im Leibe, zwei mit welchen im Beutel und drei mit schon ausgekrochenen Beuteljungen. Ueber vierhundert lebende Tiere der Art gingen schließlich durch des emsigen Forschers Hände. Früh gegen Sonnenaufgang pürschte er selbst mit der Flinte auf das scheue Wasserschnabeltier und brannte dem Schwimmenden feine Schrotsorten auf den Pelz. Da gab es denn auch von diesem in Europa immer noch kostbaren Sammlungsobjekt bald solche Mengen, daß Semon zuletzt anfing, die überflüssigen Felle zu gerben als späteres Material für Pelzmützen, während die Eingeborenen sich über das Fleisch der überzählig gewordenen Ameisenigel als einen köstlichen Leckerbissen hermachten.
Für das zoologische Kochbuch sei mitgeteilt, daß das Echidna-Tier zubereitet wird ganz nach der Methode, wie unsere Zigeuner ihren famosen Igelbraten machen. Der Igel wird da bekanntlich über sein ganzes Stachelkleid hinweg mit weichem Lehm beknetet und so, als dicke Lehmkugel, übers Feuer gebracht, wobei viel auf fleißiges Wenden zur rechten Zeit ankommt. Ist der Lehm hart, so läßt man den Braten abkühlen, bricht dann die Hülle herunter, wobei zugleich die Stacheln mitgehen, und hat nun das feinste Fleisch im voll erhaltenen Saft. In Amerika wird ähnlich der Tatu (das Gürteltier) in seinem eigenen Panzer gebraten und soll mit spanischem Pfeffer und Citronensaft eine Leckerei ersten Ranges abgeben, das weiße Fleisch wie Huhn, das Fett wie von Kalbsniere. Und so denn auch wird das Stachelschnabeltier ausgenommen, aber nicht gehäutet, sondern in seinen Stacheln auf der heißen Asche geröstet. Besser als Rindfleisch sei so ein fetter Schnabler, urteilt der Schwarze, und das ist für ihn der Gipfel der Ehre. Semon selber spricht sich weniger günstig aus. Das Wasserschnabeltier ähnelt auch darin den meisten Wasservögeln, daß es abscheulich nach Tran schmeckt. Gleichwohl findet es bei manchen schwarzen Stämmen auch seine Freunde, die auf den Braten erpicht sind. Lebten beide Arten nicht so nächtlich verborgen, so möchte diese ihre fatale Küchendisposition wohl in absehbarer Zeit ihr Schicksal im Lande besiegeln.
Durch Semons Studien, eine mustergültige Leistung deutschen Gelehrtenfleißes, sind wir jetzt nicht bloß über die allgemeine Tatsache des Eierlegens der Schnabeltiere überhaupt, sondern auch über eine Fülle zugehöriger Einzelheiten genau unterrichtet.
Semon hat zahlreiche Keime oder Embryonen des Ameisenigels aus dem Ei untersucht und abgebildet, und er hat wenigstens die Grundzüge auch dieser ganzen verwickelten Jugendentwickelung des geheimnisvollen Geschöpfes aufgehellt.
Wie der Vogel (nicht aber sonst das Säugetier), bildet der weibliche Ameisenigel nur an einem, nämlich dem linken Eierstock reife Eier.
Nachdem diese sich noch im Mutterleibe mit einer Schale umgeben, wachsen sie aber innerhalb ihrer elastischen Hülle nachträglich noch um ein Bedeutendes, indem nährende Stoffe aus den Geweben der Mutter immer noch in sie eintreten, — ein Vorgang, der sich allerdings so nun wieder nicht bei Reptil und Vogel findet und recht zeigt, daß wir eben doch der Uebergangsstelle zum Säugetier nahe stehen; bei Reptil und Vogel ist das Ei der Stoffmenge nach fertig und außer Verband mit der Mutter vom Augenblick an, da die Schale es umschließt.
Reif zum Legen, ist das Schnabeltier-Ei im Durchmesser etwa fünfzehn Millimeter groß und birgt in sich einen rund fünf Millimeter langen Keim oder Embryo. Wie bei jedem höheren Wirbeltier, sei es nun ein Huhn oder eine Schildkröte oder ein Krokodil, sei es ein Känguruh oder eine Katze, so zeigt sich auch auf einer frühen Stufe dieses Embryos die unerwartet seltsame Gestalt eines Wesens mit flossenartig formloser und vollkommen gleichartiger Anlage der vier Gliedmaßen und mit deutlichen Kiemenbogen am Halse, wie sie der Fisch zum Zweck des Atmens im Wasser besitzt. Seitdem die Tierkundigen darwinistisch denken gelernt haben, wissen sie dieser eigentümlich fischartigen Keimform der höheren Wirbeltiere eine höchst lehrreiche Bedeutung beizulegen. Aus tausend und abertausend Fällen im ganzen Tierreich hat man den Schluß gezogen, daß vielfältig die jungen, noch unreifen Tiere als Keim im Ei oder als Larve vorübergehend erst noch einmal gewisse Formen ihrer Ahnen wiederholen, ehe sie die eigene typische Gestalt annehmen. So zeigt das junge Fröschlein noch einmal als Kaulquappe einen Schwanz wie ein Molch oder Fisch.
Im Mutterleibe muß aber selbst das Säugetier noch einmal ein Stadium durchmachen, das auf seine fisch- und molchähnlichen Ahnen zurückweist. Und zwar muß es das höchste Säugetier, der Mensch, so gut wie das niedrigste, das Schnabeltier. Auf gewisser Stufe sind sich Menschen-Embryo und Schnabeltier-Embryo frappant ähnlich: beide wiederholen die gemeinsame fischähnliche Urstufe.
Wird das Ei des Ameisenigels endlich wirklich gelegt, so erscheint die Schale lederartig und frei von eingelagerten Kalksalzen, es erinnert vollkommen an das Ei etwa einer Schildkröte. Um diese Zeit der Eiablage hat sich an der Unterseite der Mutter jener erwähnte Beutel, eine Art Hautfalte, die eine regelrechte Tasche bildet, entwickelt, und in diese Tasche schiebt, so scheint es, alsbald das mütterliche Schnabeltier mit der langen Schnauze das Ei, auf daß es hier an geschütztester Stelle sich fertig ausbilden könne. Nicht lange, und der kleine Embryo darin hat das Dottermaterial, das ihm in seinem Ei-Kerker als Speisevorrat mit auf den Weg gegeben war, zur Neige aufgezehrt, hat sich selbst jetzt bis zur Länge von fünfzehn Millimetern herausgefüttert, und macht jetzt zwangsweise Anstalt, die lederharte Wand seines nunmehr allzu engen Gefängnisses zu sprengen.
Das letztere würde nun nicht so ganz leicht sein, wenn nicht gerade zum Zweck hier das junge Schnabeltierchen eine ähnliche Waffe erhielte, wie sie ein kleines Vogelküken oder junges Eidechslein zum Sprengen der Eischale benutzt. Es wächst ihm nämlich auf der Schnauzenspitze eine besondere kleine Hornspitze, die mit Leichtigkeit die Schalenwand durchstößt. Ist das geschehen, so rutscht der immer noch winzige Schnabler frei in den warmen Beutel. Alsbald entfernt die Mutter die leere Eihülle, das Junge aber benimmt sich jetzt zum erstenmal als echtes und rechtes „Säugetier“: es leckt die von den Milchdrüsen abgesonderte Milch — eine Milch, die sich übrigens in ihrer chemischen Zusammensetzung nicht unerheblich von der der übrigen Säugetiere zu unterscheiden scheint, da mindestens die Phosphorsäure darin fehlt.
Erst wenn die Länge des Beuteljungen achtzig bis neunzig Millimeter erreicht hat, beginnen die igelartigen Stacheln hervorzusprossen. Das Kleine ist jetzt annähernd zehn Wochen alt, wenn man die ganze Entwickelung einrechnet.
Der Aufenthalt im schützenden Beutel ist in dieser Zeit keine zwingende Notwendigkeit mehr. Doch bleibt noch längere Zeit ein intimes Verhältnis zwischen Mutter und Kind bestehen. „Die Schwarzen“, erzählt Semon, „gaben mir übereinstimmend an, daß die Alte zunächst noch einige Zeit lang zum Jungen zurückkehrt, um es in den Beutel aufzunehmen und zu säugen. Wenn sie nachts ihren Streifereien nachgeht, entledigt sie sich der beträchtlichen, ihr unbequem werdenden Last, indem sie für das Junge eine kleine Höhle gräbt, zu der sie nach beendigter Streife wieder zurückkehrt. Daß sich das wirklich so verhält, kann man aus den frischen Spuren der Alten in der Nähe des Lagers des Jungen und auch daraus entnehmen, daß der Magen und Darm solcher Jungen Milch enthält.“
Semon hat die Schnabeltiere aber nicht bloß auf ihre Jugendgeschichte hin geprüft. Auch über das erwachsene Tier und seine Besonderheiten hat er in umfassender Weise Material gesammelt.
Zunächst hat er einige höchst interessante Beobachtungen mitgeteilt über das Geistesleben der Landschnabler.
„Es ist ungemein schwierig,“ sagt er, „von dem Seelenleben und der Intelligenz von Geschöpfen eine richtige Vorstellung zu gewinnen, die in ihrer ganzen Organisation noch so bedeutend von der unserigen abweichen. Es gibt wohl kein zweites Gebiet der Erkenntnis, in dem es so schwer, ja unmöglich ist, den anthropocentrischen Standpunkt zu verlassen, als das der Tierpsychologie. Der Schluß, den wir aus dem Gebahren eines Tieres auf seine Intelligenz machen, ist meist ein ganz oberflächlicher, einfach weil wir so häufig die eigentlichen Triebfedern dieses Gebahrens nicht verstehen. Die Außenwelt wird sich eben in einem Geschöpfe anders projizieren, bei dem diese Projektion durch ganz andere Pforten erfolgt, bei dem Geruchssinn, Gehör, Gefühlssinn viel vollkommener, der Gesichtssinn ganz anders ausgebildet ist als bei uns. Ein Tier, das sich schwer oder gar nicht an die veränderten Lebensbedingungen der Gefangenschaft gewöhnt, ist deshalb noch nicht notwendigerweise dumm; eines, das auf solche Reize, die uns stark beeinflussen, nur träge reagiert, noch nicht schlechthin stumpfsinnig. Eine gefangene Echidna erscheint, wenn wir dennoch einen solchen ganz rohen Maßstab anlegen wollen, ziemlich dumm und stumpfsinnig. Eine große Furchtsamkeit verhindert, daß die Tiere eigentlich zahm werden, obwohl sie sich allmählich an ihren Pfleger gewöhnen. Unstreitig ist ihre Intelligenz viel größer als die wohl aller Reptilien, obwohl sie weit unter der der Vögel und höheren Säugetiere und wohl auch unter der der meisten Beuteltiere steht. Auffallend ist ihr ungemein stark ausgeprägter Freiheitsdrang. Der Gefangenschaft suchen sie sich mit allen Mitteln zu entziehen und wenden zu diesem Zwecke eine gewaltige Energie auf. Tagsüber verhalten sie sich meist ruhig in ihrem Gefängnis und scheinen ganz in ihr Schicksal ergeben. Bei Nacht aber erwacht in dem scheinbar so lethargischen Tiere eine staunenswerte Regsamkeit und Willenskraft. Aus Kisten klettern sie leicht hinaus, lose aufgelegte Kistendeckel werden herabgeworfen, leicht zusammengenagelte Kisten, deren Bretter nicht überall dicht gefugt sind, vermittels der kräftigen Extremitäten gesprengt. Da ich den Schwarzen nur für lebende Exemplare den vollen von mir festgesetzten Preis bezahlte, und die Leute von ihren weiten Streifereien nicht immer noch an demselben Tage zu meinem Lager zurückkehren konnten, mußten sie häufig die Tiere über Nacht gefangen halten, ohne natürlich zu diesem Zweck passende Behälter mit sich führen zu können. Wurden die Tiere nun mit starken Schnüren an einem oder zwei Beinen gefesselt, so gelang es ihnen über Nacht fast regelmäßig, die Banden abzustreifen, so fest dieselben auch zugeschnürt sein mochten. Auf ihre eigene Haut nahmen die Tiere dabei nicht die geringste Rücksicht. Die Schwarzen waren über die ihnen hieraus erwachsenen Verluste sehr ungehalten und halfen sich damit, daß sie die Beine der Tiere durchbohrten und die Schnüre durch die Wunde zogen. Das war denn ein sicheres Mittel, aber so grausam, daß ich seine Anwendung untersagte, als ich davon erfuhr. Ich gab dann den Schwarzen kleine Säcke mit, in die sie die Tiere über Nacht einbinden konnten. Waren die Säcke dicht und wurden sie sorgfältig zugebunden, so erfüllten sie ihren Zweck; waren die Schwarzen aber mit dem Zubinden leichtsinnig, so gelang es dem willensstarken Ursäugetier über Nacht, die ersehnte Freiheit zu erkämpfen. Bei einer derartigen Gelegenheit konnte eine interessante Beobachtung über den Ortssinn der Ameisenigel gemacht werden. Ein gefangener Ameisenigel wurde aus seinem Skrub (Dickicht im australischen Busch) sechs Kilometer weit bis zu meinem Lager in einem Sack getragen. Ueber Nacht gelang es ihm, sich zu befreien. Einer meiner Schwarzen ging seinen Spuren nach, die in gerader Richtung zu dem fast eine Meile entfernten Punkte zurückführten, an dem das Tier gefangen worden war. In der Nähe der alten Fangstelle fand es sich denn ruhig schlummernd in einer selbstgegrabenen Höhle. Erwägt man, daß das Tier in einem Sack in mein Lager getragen worden war und daß es in gerader Richtung zu seinem alten Aufenthalt zurückging, so liegt es am nächsten, an den Geruchssinn zu denken, von dem sich das Tier zurückleiten ließ. Besonders in der Brunstzeit verbreiten beide Geschlechter einen ausgesprochenen Geruch, der wohl zum gegenseitigen Auffinden der Geschlechter und zur sexuellen Erregung dienen mag. Er ist es auch, der dem Fleisch der in der Haut gerösteten Tiere den eigentümlichen Beigeschmack verleiht.“
Diese Mitteilungen über den Stachler Echidna werden ergänzt durch ebenso wertvolle Studien Semons über das Wasserschnabeltier.
„In der Zeit des australischen Winters, also Juni bis Ende August, wenn die Nächte kalt sind, darf man sicher sein, die Tiere bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang im Fluß zu finden. Ist man morgens frühzeitig am Fluß und erwartet das Anbrechen des Tages, so kann man, sobald die ersten Sonnenlichtstrahlen die Wasserfläche treffen und die Gegenstände unterscheidbar machen, im Fluß einen Gegenstand von ein bis zwei Fuß Länge unterscheiden, der wie ein Brett flach im Wasser schwimmt. Zuweilen liegt er eine Zeitlang regungslos da, dann plötzlich wieder ist er verschwunden, um nach einigen Minuten an einer andern Stelle aufzutauchen. Es ist dies das Schnabeltier, welches im Schlamm des Flußbettes sein Morgenfrühstück nimmt.“ — (Ich zitiere weiter nicht aus Semons populärem Reisebericht, sondern seinem großen zoologischen Fachwerk über die Ergebnisse seiner Fahrt.) „Gewöhnlich liegt das Tier unbeweglich an der Oberfläche. Nach einigen Minuten taucht es plötzlich und geräuschlos unter, verweilt zwei bis drei Minuten unter Wasser und taucht dann wieder ebenso plötzlich und geräuschlos auf. Während des Tauchens hat es am Grunde mit seinem platten Schnabel nach Entenart allerlei Wassergetier, Würmer, Insektenlarven, Schnecken und Muscheln aufgestöbert und seine Backentaschen reichlich gefüllt. Am Burnett bilden unstreitig die Muscheln seine Hauptnahrung; die Backentaschen fand ich gewöhnlich mit zehn bis fünfzehn Millimeter langen Exemplaren von Corbicula nepeanensis Lesson strotzend gefüllt. Das Auftauchen geschieht, um Luft zu schöpfen und um den Inhalt der Backentaschen zu zermalmen und zu verschlucken. Ab und zu sah ich das Tier auch spielend an der Oberfläche herumschwimmen und plätschernd auf kurze Zeit tauchen, gleichwie um sich zu vergnügen. In zwei verschiedenen Fällen beobachtete ich ein Schnabeltier im Trockenen, auf dem Grase der Flußbank liegen, sich dehnen und strecken und seinen Pelz reinigen und putzen. In beiden Fällen glitten die Tiere, als sie meine Gegenwart bemerkten, ins Wasser, tauchten unter und waren verschwunden, indem sie ihren Bau durch die unter dem Wasserspiegel befindliche Wohnung gewannen. Der oberirdische Zugang wurde in beiden Fällen nicht benutzt, dient aber ebenfalls als Zu- und Ausgang, wie man aus den Spuren des Tieres entnehmen kann, und nicht lediglich zur Durchlüftung des Baues. Auch sind mir Fälle bekannt, daß die Tiere in Schlingen, die man vor dem oberirdischen Zugang anbrachte, gefangen worden sind. Allerdings scheint für gewöhnlich die unter dem Wasserspiegel gelegene Oeffnung als Hauptpforte benutzt zu werden, denn ich selbst habe in den vielen Schlingen, die ich vor dem oberirdischen Zugang anbrachte, niemals ein Schnabeltier gefangen. Wird das Tier, wenn es sich im Wasser befindet, erschreckt, so taucht es sofort und verschwindet auf Nimmerwiedersehen durch den unter dem Wasser befindlichen Zugang. Obwohl Ornithorhynchus ein guter Taucher ist, kann er natürlich nur eine gewisse Zeit lang unter Wasser verweilen. Solche, die sich nachts zufälligerweise in ein Fischnetz verwickeln und längere Zeit unter Wasser festgehalten werden, findet man am Morgen regelmäßig ertrunken vor. Die Jagd auf unser Tier ist nicht schwierig, wenn man seine Lebensgewohnheiten kennt. So klein das Auge des Ornithorhynchus ist und so tief die Ohröffnung im Pelzwerk versteckt liegt, so scharf ist doch Gesicht und Gehör. Deshalb ist es auch ein fruchtloses Beginnen, sich heranschleichen zu wollen, so lange das Tier über Wasser verweilt. Die Lage der Augen ermöglicht es ihm, genau zu beobachten, was über ihm am ansteigenden Flußufer vorgeht. Uebrigens erkennt es die Gefahr nur, wenn der Verfolger sich bewegt, nicht, wenn er sich regungslos verhält. Aber schon das Erheben der Flinte genügt, um das Tier zu verscheuchen. Auch jeder verdächtige Laut bringt es zum Verschwinden. So sah ich einmal eins sofort untertauchen, als in ein Kilometer Entfernung ein Schuß fiel. Es kam aber bald wieder zum Vorschein, was es entschieden nicht getan haben würde, wenn es durch einen Laut in größerer Nähe erschreckt worden wäre. Einmal verscheucht, suchen die Tiere fast stets ihren Bau auf und kommen an dem betreffenden Morgen oder Abend nicht mehr zum Vorschein. Doch ist es, wie gesagt, leicht, das Tier zu erlegen, wenn man sich ihm nur nähert, so lange es untergetaucht ist, und sofort regungslos stehen bleibt, wenn es wieder auftaucht. Man hat es anzuspringen, ähnlich wie einen Auerhahn.“
Zu den vielfältigen körperlichen Absonderlichkeiten der Schnabeltiere gehört die Existenz eines regelrechten Sporns an jedem Hinterbein des Männchens, eines Sporns, wie er jedem vom Hahn bekannt ist. Lange hat man sich den Kopf zerbrochen, was dieses Abzeichen für einen Sinn haben könnte. Jeder Sporn ist durchbohrt und steht mit einer Drüse in Zusammenhang. So tauchte vor diesem Ausbund aller Unwahrscheinlichkeiten die phantastische Idee eine Weile auf, das Ding funktioniere wie der Giftzahn einer Schlange und sei die schrecklichste aller Säugetier-Waffen. Aber es paßte schlecht dazu, daß bloß das Männchen diese Waffe führen sollte. Warum war das Weibchen schutzlos? Schon Bennett legte denn auch erste Bresche in den Glauben. Er ließ sich von seinen Schnabeltiermännchen absichtlich kratzen und verspürte nichts von Gift. Die Schnabler zeigten auch gar keine Lust, absichtlich mit dem Sporn zu stoßen. Semon hat jetzt den Sachverhalt auch hier wenigstens negativ ganz sicher gestellt. Kein einziger unter Hunderten von Stachelschnablern hat je versucht, sich mit dem Sporn zu wehren und von Gift war keine Rede. Die Schutzwaffe des Tieres, meint Semon, ist Einrollen und Eingraben, aber nicht Spornstechen. Positiv scheint ihm keine andere Lösung denkbar, als daß der Sporn, einseitig männlich, wie er nun einmal ist, auch eine reine Geschlechtsbedeutung habe: er dient als sexuelles Erregungsorgan in der Liebeszeit der Schnabler.
Selbst dieser geheimnisvolle Sporn bildet aber noch nicht die Krone der Zeichen und Wunder dieses paradoxen Geschlechts. Schon der russische Forscher Mikloucho-Maclay hatte 1883/84 darauf hingewiesen, daß die beiden Gattungen der Schnabeltiere sich in einem ganz entscheidend wichtigen Punkte noch von allen übrigen Säugern unterschieden, — einem Punkte, der allerdings nur am lebenden Objekt und nicht daheim im Museum vor Spiritus-Präparaten und Bälgen studiert werden konnte.
Wasserschnabeltier sowohl wie Ameisenigel besitzen nämlich von sämtlichen Säugetieren die niedrigste Bluttemperatur.
Wir Menschen haben normal eine Blutwärme von etwas über 37 Grad Celsius. Dem entspricht der Affe mit 38 Grad. Eine Anzahl Säugetiere (einzelne Huftiere, Nagetiere, Raubtiere) gehen darüber hinaus bis vierzig Grad. Bei anderen Huftieren und Nagetieren sinkt die Ziffer dagegen, zum Beispiel ist sie beim Nilpferd nur noch 35 Grad. Bei den Beuteltieren, die schon sehr tief unten in der Reihe der Säuger stehen, kommen schon Temperaturen bis zu 33 Grad herab vor. Der Durchschnitt hält sich aber auf 36 Grad. Immerhin sind das alles aber noch Schwankungen innerhalb der Dreißiger aufwärts.
Nun aber das Landschnabeltier zeigt unter Umständen nur mehr die runde Dreißig, und das Wasserschnabeltier geht gar bis auf 25 Grad herunter, — fünfundzwanzig Grad bei 20 Grad Luftwärme, also nur 5 Grad mehr als diese!
Semon fügte dazu nun noch die Entdeckung, daß diese Bluttemperatur der Schnabler in den weitesten Grenzen schwankt, also bald höher, bald tiefer ist in einer beim höheren Säugetier unerhörten Weise. Es wurden Schwankungen bis zu 8 Grad und mehr nachgewiesen.
Für den ersten Anblick scheint diese neue Differenz unserer eierlegenden Australier gegen ihre ganzen Mitsäuger allerdings eine untergeordnete Sache. Und doch läßt sich gerade hier der Faden darwinistischen Denkens weiterspinnen.
Der Laie, der ein Schnabeltier, zumal das charakteristische Wasserschnabeltier betrachtet, der ein Säugetier vor sich sieht mit einem hornigen, zahnlosen Entenschnabel, der dazu noch hört, daß dieses Geschöpf Eier lege, und der allgemein weiß, daß der moderne Naturforscher an gewisse Uebergänge auch der großen, scharf getrennten Tierklassen ineinander glaubt, — er wird als geradezu selbstverständlich hinnehmen, daß dieses Schnabeltier den Uebergang bilde vom Vogel zum Säugetier.
Und die ersten Forscher, die solche Dinge überhaupt für möglich hielten, dachten in der Tat auch zunächst an diese Möglichkeit und keine andere.
Und doch: wie so oft, geht es auch hier, — das Nächstliegende ist noch nicht das Richtige.
Wir wissen heute, seit dem merkwürdigen Funde jenes Ur-Vogels Archäopteryx von Solnhofen, mit einer Bestimmtheit, die kaum etwas zu wünschen übrig läßt, daß der Vogel vom Reptil, von der Eidechse abstammt. Stammt nun das offenbar noch höher organisierte Säugetier vom Vogel ab und bildet das Schnabeltier diesmal den Uebergang?
Es läßt sich mit einer Fülle von Tatsachen beweisen, daß es tatsächlich nicht so ist.
Und zwar gibt einen ersten guten Fingerzeig gleich jene Entdeckung über die Blutwärme.
Das Schnabeltier hat sehr viel kälteres Blut, als alle übrigen Säugetiere. So sollte man denn wohl meinen, die noch niedrigeren Tiere, von denen es selbst nun wieder abstammt, müßten nochmals in der Temperaturstufe heruntergehen, also noch kaltblütiger sich erweisen.
Jetzt ist aber der Vogel ganz ausnahmslos mit einer Blutwärme von über 40 Grad (bis zu 42) ausgestattet — also faktisch noch ein Teil blutwärmer, als die wärmsten unter den höchsten Säugetieren. Ein Vogel, dessen Blut gewaltsam auch nur bis auf die Normalwärme des Schnabeltierblutes, 25 Grad, abgekühlt wird, stirbt. Das paßt also ganz und gar nicht.
Dafür sehen wir aber etwas anderes. Wir messen die Dinge beim Reptil, bei Eidechsen, Schlangen, Krokodilen und Schildkröten, und wir finden hier eine gänzlich veränderte Sachlage. Das Reptil hat durchweg so gut wie gar keine „eigene“ Blutwärme mehr: das heißt solche Wärme, die von innen heraus im Organismus erzeugt wird. Sein Blut ist „wechselwarm“: es richtet sich nach der äußeren Lufttemperatur. Liegt die Schlange in der backofenheißen Sonne, so erhitzt sich ihr Blut zu hohen Temperaturgraden. Wird es umgekehrt draußen kalt, so durchkältet sich auch ihr Blut entsprechend. Bei Messungen zeigt sich so natürlich ein ganz willkürlich schwankendes Maß, je nach der äußeren Luftwärme oder Luftkälte.
Nur in einigen wenigen Ausnahmefällen nimmt auch das Blut von Reptilien schon einen ersten Anlauf zu eigener Innenheizung: so erhitzt sich die weibliche Python-Schlange zur Zeit, da sie brütend über ihren Eiern sitzt, bis zu 20 Grad Celsius über die umgebende Luftwärme hinaus.
Jenen schwankenden Reptilien-Verhältnissen, so sieht man deutlich, nähert sich nun das Schnabeltier, — nicht aber der dauerhaft höheren Vogel-Temperatur. Es ist natürlich noch kein Reptil, — ganz gleich liegen die Dinge also noch nicht. Aber schon gewahrt man den starken Herabgang der Eigenwärme im ganzen, schon tritt die auffällige Neigung zu sehr großen Schwankungen im Normalmaße ein, — kurz, man fühlt sich durchaus der Grenze zum Reptil näher, als bei irgend einem höheren Säugetier. Nicht der Grenze zum Vogel, sondern zum Reptil, zur Eidechse!
Sollten die Säugetiere also über das Schnabeltier fort unmittelbar von eidechsenähnlichen Tieren der Vorwelt abstammen, anstatt von Vögeln?
Sie bildeten dann im Stammbaum der ganzen Wirbeltierkette nicht einen höheren Sproß der Vögel, sondern einen Parallelast zu diesen. Das Schema des Stammbaums ergäbe etwa: aus den Würmern kamen die Fische; aus den Fischen die Amphibien (Molche); aus den Amphibien die Reptilien (Eidechsen); aus den eidechsenartigen Reptilien aber entwickelten sich als parallele Aeste nebeneinander hier die Vögel (vermittelt durch den Urvogel Archäopteryx), dort die Säugetiere (vermittelt durch das Schnabeltier).
Das Eierlegen wäre dabei alles eher als ein Hindernis. Denn die Eidechse, die Schlange, das Krokodil, die Schildkröte, alle diese Reptilien legen ja durchweg auch Eier, gerade wie der Vogel. Und die Eier der Schnabeltiere gleichen im Aeußeren sogar mehr denen der Schildkröten, als denen des Vogels. In andern Punkten, wie erwähnt, gleichen sie weder den einen noch den andern, sondern sind ganz individuell.
Bliebe nur eins: nämlich das erste aller am Schnabeltier bestaunten Wunder, — der seltsame Vogelschnabel!
Aber auch er beweist weit weniger, als man denken sollte, sobald man nur einmal in diese Linie des Schließens eingetreten ist.
Der wirkliche Uebergang vom Vogel zum Säugetier über das Schnabeltier hinweg müßte ja doch in sehr alten und entlegenen Zeiten der Erdgeschichte stattgefunden haben. Sagen wir einmal im Zeitalter der Ichthyosaurier, — wahrscheinlich datiert die Entstehung der ersten Säuger noch weiter zurück. Damals aber hatten ja die Vögel selber noch Zähne im Maul! Sowohl der berühmte Ur-Vogel Archäopteryx von Solnhofen wie die ältesten Vögel der Kreide Nordamerikas besitzen die echtesten Zähne, wie nur je eine Eidechse sie so gut gehabt hat. Von Entenschnäbeln keine Spur.
Also vom Vogel von damals konnte das Schnabeltier gar keinen Schnabel erben!
Umgekehrt gibt es heute noch und gab es damals schon Reptilien mit unverkennbaren zahnlosen Schnabelkiefern: die Schildkröten. Damals lebten sogar einzelne Gattungen von Ichthyosauriern, die gänzlich zahnlos waren, und ein 38 Fuß langes, nach Känguruh-Art auf den Hinterbeinen hüpfendes Riesen-Reptil, der Hadrosaurus, führte den prächtigsten Entenschnabel am Kopf; hinter diesem Schnabel saßen bei diesem Monstrum in den Kieferwinkeln allerdings auch noch winzige Zähnchen in fabelhafter Menge, — über zweitausend.
Es scheint aber, daß unsere heutigen Schnabler nicht einmal mit dieser Schnabelei der Reptilien etwas zu tun haben. Ganz gut können ihre Ahnen Eidechsen mit dem solidesten Zahnbau gewesen sein. Denn sie selber, scheint es, haben ehemals Zähne besessen und der ganze Schnabel von heute ist bei ihnen nur eine spätere, nachträgliche Erwerbung der paar überlebenden Mohikaner des heutigen Australien. Hier beginnt ein letztes, aber fast das eigenartigste Kapitel.
Aus Gesteinsschichten jener uralten Tage, in denen wir die Umbildung niederer Wirbeltiere zu Säugetieren etwa erwarten mögen, sind uns in den verschiedensten Gegenden (von Südafrika bis Schwaben) versteinerte Knochen erster echter Säugetiere überliefert.
Unwillkürlich denkt man: es müssen Schnabeltiere sein.
Nun muß man sich aber wieder einmal klar vergegenwärtigen, was solche mehr oder minder fragmentarischen Gerippteile in altem Gestein überhaupt von einem Tiere zu überliefern pflegen. Man kann solchem Knochenüberrest nicht ansehen, wie die innere anatomische Beschaffenheit der Weichteile gewesen sei. Man kann wenigstens in der Mehrzahl der Fälle nicht ohne weiteres herauslesen, ob das betreffende Geschöpf Eier gelegt oder lebendige Jungen zur Welt gebracht habe — und so weiter. Auf solchen Punkten müßte aber in der Hauptsache gerade der Beweis stehen, ob jene Ursäuger Schnabeltiere waren oder nicht.
Mit dem Skelett allein ist die Sache sehr viel schwieriger. Immerhin aber: das Schnabeltier hat ja auch da seine charakteristischen Nücken, und die gälte es dort wiederzufinden. Am besten müßte es sein, wenn etwa der Schnabel selber erhalten wäre oder wenigstens die eigentümlichen in ihn eingehenden zahnlosen Kieferknochen.
Fatal aber jetzt: just von jenen Ur-Säugern hat man in erster Linie ausgesucht gerade Zähne gefunden! Zähne und ganz und gar nichts, was auf einen zahnlosen Schnabel à la Schnabeltier deutete.
Das müßte doch als eine mehr als gewagte Sache erscheinen: Tiere als Schnabeltiere zu bestimmen, von denen man als Hauptbeweisstück nichts besitzt, als Zähne, also gerade das, was das lebende Schnabeltier nicht hat.
In diesem Dilemma ist es aber das lebende Schnabeltier selber gewesen, das ein letztes Mal heraus und weiter geholfen hat.
Jene Zähne der bewußten Ur-Säugetiere aus der Triaszeit haben eine ganz bestimmte, höchst charakteristische Form.
Bei dem Tiere Microlestes antiquus beispielsweise, dessen Zähnchen schon 1847 von Plieninger bei Echterdingen in Württemberg entdeckt worden sind, gleichen sie einem kleinen Schüsselchen mit einer Kette kleiner Höcker am Rande. Kein lebendes bezahntes Säugetier besitzt in erwachsenem Zustande so sonderbar ausschauende „Vielhöcker-Zähne“.
Und doch kommen sie ein einziges Mal noch „lebendig“ vor, freilich nicht als dauernder Besitz, sondern vorübergehend als Jugendform.
Wir haben von dem Gesetz gehört, das vielfach die jungen, unreifen Tiere noch einmal schattenhaft die Merkmale ihrer Ahnen wiederholen läßt. Das gibt alsbald sehr zu denken. Man ist gespannt, welches Säugetier da noch einmal heute „Ursäuger-Zähne“ vorübergehend in Ahnen-Wiederholung weisen möge.
Und wunderbar genug: es ist eben das Schnabeltier selber.
Das Wasserschnabeltier!
Das junge Wasserschnabeltier besitzt nach der Art etwa, wie wir als Kinder ein nachher fortfallendes Milchgebiß entwickeln, oben und unten noch je vier echte und rechte Zähne. Und diese Zähne des unreifen Schnabeltiers, diese Zähne, die nicht mehr zum wirklichen Lebensgebrauch auftreten, sondern nur flüchtig sich noch zeigen wie im Banne jenes geheimnisvollen Gesetzes, das die Enkel noch einmal die Ahnen wiederspiegeln heißt — diese Zähne sind ebenfalls winzige Schüsselchen mit Höckerchen auf dem Rande, — — was kein Säugetierzahn von heute sonst noch weist, das weisen sie: den charakteristischen Bau gewisser Ursäuger-Zähne vom Schlage jenes schwäbischen Microlestes.
Mit dieser schlichten Tatsache sieht jener Beweis denn nun sehr viel besser aus. Obwohl bezahnt, ja gerade, weil bezahnt, hatten jene Ur-Säuger etwas ganz unverkennbar Gemeinsames mit dem heutigen Wasserschnabeltier, etwas, was kein zweites Säugetier von heute so besitzt.
Und so dürfen wir allerdings sagen: es besteht die höchste Wahrscheinlichkeit, daß jene Ur-Säuger, deren Reste wir im Gestein der Trias-Zeit finden, echte Schnabeltiere mit dem Eierlegen, dem inneren anatomischen Bau, der geringen Blutwärme u. s. w. der heutigen Schnabeltiere waren — bloß mit der einzigen Abweichung, daß sie keine Schnäbel hatten, sondern Zeit ihres Lebens jenes Gebiß vielhöckeriger Zähne trugen, das heute das junge Schnabeltier noch als vorübergehendes Milchgebiß zeigt.
Das Belanglose, Nachträgliche der Schnabelentwickelung ist damit gleichzeitig zur Genüge gekennzeichnet. Wir müssen gerade den Schnabel vom Schnabeltier abziehen, um die eigentliche reine Uebergangsform zu erhalten: — die Uebergangsform abwärts zum bezahnten Reptil, aufwärts zum bezahnten Beuteltier und so fort zum höheren Säugetier überhaupt.
Wie es geschehen konnte, daß die noch lebenden Schnabeltiere ihr ursprüngliches gutes Gebiß zu Gunsten eines zahnlosen Schnabels verloren, dafür gibt uns bei beiden Schnablern ihre Ernährungsweise wohl eine ganz gute Aufklärung. Semon hat uns erzählt, wie das Wassertier seine Muscheln knackt wie Haselnüsse. Dabei müssen die Zähne sich rasch abnutzen, die hornig verdickten Kiefernränder dagegen bieten dauernd das beste Werkzeug. Zum Gründeln im Schlamm ist der Schnabel gleichzeitig das denkbar praktischste Instrument. Umgekehrt der igelhafte Landschnabler mit seiner langen Zunge hat die Zähne abgeschafft nach demselben Prinzip wie andere Ameisenfresser, — so das Schuppentier und der Ameisenbär. Immerhin mag aber doch in der raschen Fähigkeit, solche extremen Schnäbel zu entwickeln, eine Art altertümlicher Form-Beweglichkeit mitgespielt haben, die den höheren Säugern nicht mehr so gegeben gewesen ist.
Und spaßig bleibt nur: der Schnabel, mit dem das ganze Kopfzerbrechen und die ganze „Ketzerei“ anhub, ist also schließlich etwas völlig Nebensächliches außerhalb des großen Problems „Schnabeltier“.
Das ist deine Legende, du krauser Geselle da drüben.
Wie viel Weltenweisheit steckt in deiner Häßlichkeit, deinem Pelz, deinem Gerippe, deinem Sporn, selbst deinem Hinterteil! Wie viele Jahrmillionen sind in dir, seit der Triaszeit, da deine Ahnen noch Zähne hatten. Und ich selber war damals in dir, ich, der ich heute neben dir sitze und mit Menschenzeichen deine Geschichte aufschreibe ....