In unsern Tagen ist ein altes Buch wieder ausgegraben und lesbar übersetzt worden: Keplers „Traum“.
Dem äußeren Gewande nach ein launiges Märchen, enthält das Werk doch alles, was Kepler aus dem Wissen seiner Zeit und den Tiefen eigenen Forschergeistes über unsere Nachbarwelt, den Mond, zu sagen wußte.
Das kleine Buch verdient seine Auferstehung, die zugleich eine Rückverwandlung aus einem farblosen, angelernten Latein in die eigene Muttersprache des großen, liebenswürdigen Kerndeutschen Johannes Kepler ist. Und es verdient sie nicht bloß als eine besonders liebenswürdige Gabe des großen Mannes. Wer sie aufmerksam liest, dem erscheint wie eine seltsame, traumhafte Nebelgestalt hinter dem „Traum“ etwas viel Gewaltigeres.
Jahrhunderte menschlichen Erkenntnisdranges ziehen vorbei. Am Himmel glänzt geisterhaft die erleuchtete Mondscheibe, — mitten im Vollglanz mit dem Rätsel ihrer dunklen Flecken. Geist, Auge und künstliches Sehwerkzeug des Menschen mühen sich darum. Immer neue Erklärungen — und Irrtümer. Und das bis heute.
Kepler wollte ein Märchen vom Mond schreiben und gab eigentlich alle seine Weisheiten und Wahrheiten. Nun sind dreihundert Jahre darüber hin, und wir geben Weisheiten und Wahrheiten. Ob wohl eine dritte Zeit kommt, die uns nachweist, daß wir eigentlich Märchen geschrieben haben?
Es trifft das auf große Teile unserer wissenschaftlichen Forschung überhaupt zu, und der Gedanke lehrt Bescheidenheit. Der Mond ist nur ein einzelnes Beispiel. Aber er ist ein ganz besonders gutes, wohl wert, daß man sich einen Augenblick von ihm erzählen läßt, — nicht wie er wirklich beschaffen ist, denn das ist ja von Kepler bis heute eben die Streitfrage; sondern wie mehr oder minder schlau die Menschenkinder fünfzigtausend Meilen weit von ihm entfernt auf der Erde sind.
In unsern Schulbüchern erscheint Kepler als der arme Mensch, der nach den Sternen schaute und darüber auf Erden verhungert ist. Das mag auf sein äußeres Leben zutreffen, obwohl es auch da beträchtlich übertrieben ist.
Innerlich aber ist Kepler einer der glücklichsten Menschen gewesen, die je gelebt haben. Er stand auf der Grenze zweier Zeiten und empfand das doch nicht als Bitterkeit. Der tiefe, befreiende Glaube seines Lebens war die Harmonie der Sterne. Und doch rangen sich gerade innerhalb dieses Harmonie-Gedankens damals zwei Welten des menschlichen Denkens, der menschlichen Deutung voneinander los.
Die eine Deutung reichte herauf von den Gefilden Chaldäas an der grauen Grenze aller höheren Menschheitskultur bis an den Hof Rudolfs des Zweiten von Habsburg und Wallensteins.
Sie suchte die erste und wichtigste Beziehung, die dem Menschengeiste zugänglich sei, in einem mystischen Harmonie-Verhältnis zwischen Stern und Mensch. Die Astrologie setzt hier ein. Das Schicksal jedes Einzelmenschen war das Schicksal seiner Sterne, die über der Geburtsstunde strahlten.
Man muß dieser Auslegung lassen, daß sie einen Punkt der Größe hatte: eben den Gedanken einer ewigen, ehernen Weltharmonie. Im letzten Gefüge des Kosmos hängt ja wirklich alles zusammen: der fernste, unserem Auge kaum noch glimmende Fixstern und das kleine Menschenkind, das in diesem oder jenem Augenblick auf dem Planeten Erde geboren wird. Aber um diesen Zusammenhang in seinen Fäden zu erraten, gehörte eine ungeheuerliche Kenntnis des ganzen Kosmos dazu. Der Blick müßte das ganze Netz all der unzähligen Goldfäden wieder auseinanderspinnen, die durch die Millionen des Raumes, durch die Millionen der Zeit in diesem Kosmos gehen. Einem solchen schrankenlosen Blick würde die ganze sichtbare Welt wie ein unermeßlich sich breitender Baum erscheinen. Dort ein Sproß: der entlegene Fixstern; und hier einer: das Erdenkind, das zum erstenmal die blauen Augen gegen die Sonne kehrt.
Aber eine scherzhafte Vorstellung: solche wahre Weltenschau für eine Zeit, die noch nicht einmal die großen Planeten der Sonne alle kannte und weder recht ahnte, was ein Stern war, noch was ein Menschenkind war! Aus dem gesuchten Harmonie-Verhältnis wurde eine mehr oder minder grobe Spielerei, die ein Wissen vorspielte, das tatsächlich nicht bestand.
In Keplers Tagen erlosch trotz Rudolf und Wallenstein langsam das bleiche Gestirn dieses übereilten Glaubens an die astrologische Harmonie.
Kepler kämpfte das noch mit durch. Er stellte Horoskope, und die Menge feierte ihn als den König der astrologischen Propheten. Er aber mußte sich in unbefangener Stunde gestehen, daß sein nach Harmonien dürstendes Gemüt hier ein Feld beackere, das eitel Stein und Dornen war. „Wahrlich in aller meiner Wissenschaft der Astrologie“, schrieb er einmal, „weiß ich nit so viel Gewißheit, daß ich eine einzige Spezialsach mit Sicherheit dürfte vorsagen.“
Die Dinge spitzten sich scharf genug zu, daß ein faustischer Zweifler mit aller Bitterkeit des Zweifels sich hätte entwickeln können, — bis zum Verzweifeln.
Aber es lag in der Gunst dieser gleichen Menschheitsstunde, daß sie die Sehnsucht nach Harmonie auf ein neues Gebiet von unvergleichlich fruchtbarerer, wenn schon schwererer Art hinüberleiten sollte.
Neben diese Astrologie trat die durch Kopernikus eben in neue Bahn gelenkte Astronomie. Sank auch die erträumte Harmonie zwischen Stern und Mensch, so bot sich doch ein neuer, eigentlich ebenso wunderbarer Einblick in harmonische Verhältnisse der bewegten Sterne des Sonnensystems unter sich.
Und der Mensch, wenn er auch aus dem Prophezeien seiner kleinen Lebensgeheimnisse herausgeriet, durfte sich doch auf einmal als Mitwisser fühlen erhabenster kosmischer Zusammenhänge. Eine neue Gottesflamme loderte in seinem Blick. Ein riesengroßes Stück Welt erwies sich erbaut auf Maß und Verhältnis — ein Stück Welt, in dem ganze Planetenabstände und Umläufe nur Stationen, nur rhythmische Wellen, nur Ziffern einer mathematischen Gleichung waren.
In dieser neuen Harmonie der Sterne lag Keplers wahres Schicksal, und sein wahres Glück war zugleich, wie glatt er den Weg hier hinüber fand. Der zweifelnde Astrolog entdeckte die unanzweifelbaren „Keplerschen Gesetze“ des Planetensystems. Freilich mußte er dazu sich auf ganz andere Hülfsmethoden einschulen, und es war eben seine geistige Größe, die ihm das ermöglichte, die Geisteskraft, die ihn zum Schüler und Erben des großen Beobachters Tycho Brahe werden ließ und ihm schließlich den Rang auch des kenntnisreichsten und gerade streng wissenschaftlich logisch schärfsten Astronomen seiner Zeit errungen hat.
Und doch immer der gleiche Grundgedanke: Weltenharmonie!
Kepler hörte auf, Astrolog zu sein. Aber nur, weil er ein besseres Gebiet für seine tiefe künstlerische Sehnsucht fand. Der Traum erlosch ihm, daß etwa die Stellung des Planeten Mars an dieser oder jener Himmelsstelle das Glück oder Unglück einer armen umgetriebenen Menschenseele bedeuten sollte. Sein ganzes inbrünstiges, echt künstlerisches Verlangen aber fand Befriedigung in der sicheren Erkenntnis, daß sich etwa die Quadrate der Umlaufszeiten aller Planeten wie die Würfel ihrer mittleren Entfernungen von der Sonne verhalten.
In einem Gemisch von kühn herumversuchender Phantasie und schärfster Nachrechnung auf Grund der vorhandenen Beobachtungen gewonnen, beruhigte solche Erkenntnis zugleich sein Harmoniebedürfnis vollkommen. Es war ein Fall für viele. Dieser eine exakt begründet und sicherlich „stimmend“, — das genügte ihm. Mit Phantasie sah er dann dahinter zahllose Zusammenschlüsse ähnlicher Art, — bis zu dem goldenen Endziel einer Welt, wo alles in der Seligkeit unermeßlich ineinandergeschachtelter Harmonien hing.
Man muß sich diese Dinge kurz vergegenwärtigen, wenn man Keplers strahlenden Lebensinhalt in seiner Freudigkeit und seiner, man möchte wohl sagen, Skrupellosigkeit recht verstehen will.
Phantasie und Wirklichkeit, das Ideal harmonisch schaffender Kunst und die langsam von Fall zu Fall kritisch vorschreitende Forschung der Wissenschaft stellten sich diesem großen Pfadfinder an der Scheide zweier Zeiten in vollkommener Versöhnung dar. Jede war ihm nur eine Schale desselben Kerns. Phantasie und Forschung strebten beide auf dasselbe Endziel. Und die Wahrheit war nicht ein leidiger Kompromiß beider, sondern ihre Begegnung im Sinne, wie sich zwei Bergleute endlich begegnen, die von zwei Seiten her einen Tunnel gegraben haben.
In unserem Jahrhundert ist Fechner eine verwandte Natur gewesen. Ich glaube, daß die Zeit nahe ist, wo wir allgemein wieder mehr das Bedürfnis empfinden werden, zu solchen Gestalten gerade wie Kepler oder Fechner zurückzukehren, — zu unserer Beruhigung im vollen Ideal ohne Zwiespalt.
In diesem innerlich sonnigen Leben spielte nun der Mond allezeit seine bedeutende Rolle.
Kopernikus hatte die Welt neu gemacht. Tycho hatte noch nicht daran geglaubt. Jetzt für Kepler aber bestand kein Zweifel mehr. Durch das ganze Geistesleben der Menschheit schillerten die Lichter des neuen großen Gedankens: die Erde ist bewegt, die Sonne ruht, alle Planeten umwandeln sie. Der Mond war dabei der einzige, der in seiner alten Bahn blieb. Von allen blieb er auch nach Kopernikus noch der Erde treu. Und doch mußte auch für ihn mancherlei umgedacht werden.
Wenn man sich mit Phantasie auf ihn selber hindachte, die Erde, die Planeten, das ganze System von ihm aus beobachtet dachte, — wie würden die Dinge jetzt aussehen? Die Phantasie hatte eine ganz neue Basis, auf der sie aufbauen konnte. Wenn es Mondbewohner gab — das klassische Altertum hatte schon an so etwas gedacht —, wenn diese Mondbewohner Astronomie trieben, die Gestirne beobachteten, — wie erschienen ihnen die Verhältnisse, die Bewegungen, die Kopernikus lehrte, da oben?
Aus solchen Ideen ist Kepler auf das kleine Buch gekommen, das Ludwig Günther übersetzt hat: eine „Astronomie des Mondes“ in dem Sinne, daß die kopernikanische Astronomie dargelegt wird vom Standpunkt des Mondes als Sternwarte aus.
Heute erscheint uns das an sich nicht mehr als etwas so Außergewöhnliches. Wir sind alle an volkstümliche Werke über Himmelskunde gewöhnt, die von Schilderungen und Abbildungen strotzen, wie etwa die Erde vom Mond gesehen ausschaut, oder die Sonne vom Jupiter, oder der Ring des Saturn von seinem Planeten aus.
Damals aber war es in seiner Art ein geradezu kolossaler Gedanke, so etwas aus gutem Wissen und einer Phantasie, die sich nicht scheute, auf dem Kopf zu laufen, in einem ersten Beispiel zusammenzubrauen.
Kepler hat viele Jahre an dem Büchlein herumgefeilt. Erst hat er es im Umriß rasch improvisiert, bis gegen 1609 hin. Dann hat er es lange liegen lassen, um in reifsten Jahren selber eine Art kritischen Kommentar dazu wie zu einer wiedergefundenen Jugendarbeit zu schreiben. Trennen konnte er sich auch jetzt noch nicht so davon, daß er es der Oeffentlichkeit anvertraut hätte. 1629 schrieb er an einen Freund in scherzendem Tone darüber als eine Art Bädecker für Mondreisende, wie wir heute sagen würden: „Verjagt man uns von der Erde, so wird mein Buch als Führer den Auswanderern und Pilgern zum Monde nützlich sein.“
Es war ein Jahr vor seinem Tode, in einer Zeit höchster materieller Bedrängnis, wo er auf Zahlungen aus Wallensteins leerer Kasse wartete, die nie erfolgt sind. Im letzten Moment, da es ihm selber schon eine Reise galt, größer als ins Mondland, scheint er den Druck doch noch begonnen zu haben. Tatsächlich erschienen ist das Büchlein aber erst Jahre nach seinem Ende, herausgegeben vom Sohne, 1634. Und auch dann noch ist es redlich übersehen und vergessen worden. Selbst Astronomen, die Keplers innerste Art nicht begriffen hatten, hielten es für einen wertlosen Scherz.
Die äußere Form ist auch wirklich eine scherzhafte, wenn schon mit hübscher Vertiefung. Kepler liegt auf dem Ruhebett und schläft. Die Uebersetzung bietet ein vorzügliches Bild von ihm als willkommene Beigabe, in den hohlen Wangen mancher Gram, manche Resignation, auch gewiß physisches Leiden; aber im Auge dabei über dem steifen Halskragen und modischen Knebelbart ein ganz leiser schalkhafter Zug, als habe er einzelne Sätze des Mondbuchs auf der Zunge. Etwa die gute Stelle: „Im Traum wird Freiheit des Denkens gefordert, zuweilen auch dafür, was in Wirklichkeit wohl nicht besteht.“
Den Schlafenden fesselt alsbald wirklich ein Traum. Ihm ist zu Sinne, als habe er sich ein Buch auf der Messe gekauft und lese darin. Und er liest ein Märchen. Ein Sohn Islands ist zum weisen Tycho gekommen und hat sich dort in die Astronomenweisweisheit über den Mond einweihen lassen. Nach Jahren kehrt er in seine rauhe Heimat zurück. Er findet seine Mutter wieder, ein altes Kräuterweib. Und staunend erfährt er, daß sie noch tiefere Kenntnis vom Monde hat als alle Tychos der Welt. Was dort nur Rechnung und Theorie ist, das ist für sie ein magischer Zauber, der ihr das Geheimnis ferner Welten leibhaftig offenbart. Mit dem Zauberwort „Kopernikanische Astronomie“ beschwört sie nicht Ziffern, sondern einen wirklichen Geist. Und der Geist erhebt seine Stimme und schildert das Wunderland Levania, fünfzigtausend Meilen weit draußen im Aetherblau. Es ist der Mond. Aber der Name „Levania“ zeigt, daß wir das Bereich der registrierenden kalten Wissenschaft verlassen haben und auf den Flügeln der Phantasie gehen, die alles mit eigener Lebenswärme und individuellen Namen von innen heraus durchseelt. Immer wird die Darstellung so weit an der Grenze der Symbolik gehalten, daß der sinnige Leser die Laune nicht verliert, und nur ab und zu schlägt ein besonders guter Einfall um des Witzes oder der Belehrung willen über die Stränge.
Keplers Geister — die verkörperten Gedanken und Beobachtungen der Astronomie — schweben lustig zwischen Erde und Mond. Aber doch mit einer gewissen Regel. Sie scheuen das Tageslicht, ihr rechtes Reich ist von Natur die Nachtseite der Erde, der Schattenkegel, den die Erdkugel in den Raum hinauswirft. Geht dieser Schattenkegel über den Mond selber hinweg — also bei der Mondfinsternis, — so ist die ganze Bahn frei, und die Geister schweben bis zum Mond, wobei sie sich freilich etwas beeilen müssen, da der Spaß nicht lange dauert. Umgekehrt die Heimkehr ist nur ermöglicht, wenn der Mond selber zwischen Sonne und Erde steht, also seinerseits — in der Sonnenfinsternis — einen vollen Schattenraum zwischen sich und der Erde erzeugt.
Die symbolische Beziehung auf die Hauptgelegenheiten astronomischer Mondforschung: in der Nacht überhaupt und vor allem bei den Finsternissen, liegt auf der Hand. Der Scherz kommt gröber zu seinem Recht, indem Kepler hinzusetzt: es flögen bei jeder guten Gelegenheit der Art die Geister zwar leicht dahin und zurück, verzweifelt schwer aber sei es, erdgeborene Menschenkinder mitzuschleifen. Besonders die Dicken und noch ein paar andere hätten viel Gefahr. Mit Humor wird die Reise dann wirklich ausgemalt: wie die Geister die Menschen zuerst blitzschnell emporreißen bis auf den Punkt, wo, wie Kepler sich ausdrückt, die „magnetischen Wirkungen“ des Mondes die der Erde überwiegen, so daß der Absturz gegen den Mond von selber ohne weitere Hülfe erfolgt.
Die Schilderung ist weit vom Scherz fort interessant wegen ihrer Stellungnahme zur Lehre von der Schwere. Für Kepler ist das, was wir heute Gravitation oder Massenanziehung (also beispielsweise Anziehung der Erde gegenüber dem Monde) nennen, noch eine Art Magnetismus. Wir stehen, wohl bemerkt, noch weit über ein halbes Jahrhundert vor der Tat Newtons. Immerhin war aber Kepler in der Sache Newton schon so nahe, daß man fast sagen kann: Newton hat bloß in einen scharfen Satz gebracht, was Kepler oft schon fast als etwas Selbstverständliches handhabt.
Sehr drollig und zugleich doch auch in diesem Sinne lehrreich ist, wenn er unmittelbar danach sagt, es ballten sich an jenem kritischen Punkte (also im Moment, da die Erdschwere und Mondschwere sich in dem Fliegenden die Wage halten) die Körper zusammen „wie die Spinnen“, — und das durch den charakteristischen Satz erläutert: „Indem die magnetischen Wirkungen von Erde und Mond durch gegenseitige Anziehung die Körper in der Schwebe halten, ist es gleichsam, als ob keine von beiden anziehe. Dann also zieht der Leib selbst als Ganzes seine Glieder, als den geringeren Teil, durch das Ganze an.“
Auf dem Monde angekommen, verstecken sich die lichtscheuen Geister alsbald in den tiefen Höhlungen, um der jäh wiederkehrenden Sonne zu entgehen. Kepler macht dazu die hübsche Randnote: es deute das allegorisch auf die gelehrte Abgeschlossenheit, die vor dem „Sonnenschein“ der Geschäfte des gemeinen Lebens flüchte, um in ihrer Stille das astronomische Resultat der Mondfinsternis durchzurechnen. „Ich hatte“, fügt er hinzu, „zu Prag eine Wohnung, wo kein Ort bequemer war, um den Durchmesser der Sonne zu beobachten, als der Bierkeller; aus demselben richtete ich durch ein Loch in der Decke den Tubus nach der Mittagssonne um den längsten Tag.“
Die Stelle ist nicht ganz unverfänglich. Denn der gute Kepler kam aus der Schule Tychos, und Herr Tycho wiederum war dafür bekannt, daß seine verdienstlichen Studien über Mond und Mars nicht weniger gründlich zu sein pflegten, als seine Studien im Fassesgrund. Tycho erfreute sich dabei noch einer Eigenschaft, um die ihn manche verwandte Seele beneidet haben mag: die Naturfärbung seiner Nase war nämlich nicht festzustellen, da ihm schon in hitziger Jugend die ganze Nase beim Duell heruntergeschlagen worden war und einen Ersatz in Silber gefunden hatte.
Die symbolisch spielende Einleitung bricht hier ab. Kepler hat uns, wo er uns haben will: auf dem Monde selbst. Und auf einmal ist es, als raffe sich jetzt im Träumenden der Astronom zu Keplers wirklicher Größe auf, mit allem Ernst der Logik, vor deren Sonne die Traumgeister tatsächlich in ihre Löcher kriechen.
In einem großen hellen Panorama zieht die Himmelswelt, vom Monde gesehen, vorbei. Der Mond erscheint, wie es vollkommen richtig ist, mit seiner strengen Teilung in eine der Erde zugewandte und eine ewig abgewandte Seite.
Noch heute ist es dem Laien ja durchweg ein schwierige Gedankenschluß, wie es kommt, daß der Mond uns Erdbewohnern immerfort dieselbe Seite zukehrt. Sein nächster eigener Schluß ist, daß der Mond eben deswegen keinerlei eigene Umdrehung um seine Achse haben könne. Und doch muß er sie gerade haben, damit uns seine eine Seite treu bleibe. Es genügt, die eigene Hand aufrecht gestreckt um eine Lampe oder Kerzenflamme einmal im Kreise herumgehen zu lassen, um sofort zu merken, was nötig wird. Führe ich die Hand steif um die Flamme, so kehrt sich auf dieser Seite der Bahn die Handfläche gegen das Licht und auf jener der Handrücken. Die Flamme soll nun die Erde sein: sie sähe auf je einem Mondumlauf beide Seiten des Mondes genau so, wie die Kerze beide Handseiten bestrahlt. Aber das Kunststück ist eben, daß der Mond nicht wie die steife, niemals gedrehte Hand läuft. Er läuft so, daß immer dieselbe Seite nach innen schaut, also bei der Hand etwa immer die innere Handfläche und niemals der Handrücken. Machen wir es an der Hand, die um die Flamme geführt wird, nach: damit die Handfläche stets nach innen bleibe, muß ich beim Herumführen der Hand um die Flamme diese Hand selbst gerade einmal auch um sich selbst drehen. So dreht sich der Mond auf einem Lauf um die Erde genau gerade auch einmal um seine eigene Achse, und der Erfolg erst davon ist das uns ewig gleich treue alte Mondgesicht, — die ewige innere Handfläche des Mondes, während der Handrücken noch von keines Erdbewohners Auge je überschaut worden ist.
Vor Keplers Traumauge stand das alles schon in voller Klarheit.
Nie ganz untergehend, schwebt ihm über der inneren Mondseite ein ungeheures Gestirn, nach der unablässigen Umwälzung um seine Achse die Volva genannt: die Erde. Dem Beschauer in der Mitte der inneren Mondfläche erscheint sie wie ein gigantischer Ballon im Zenit, — wer aber gegen den Mondrand wandert, sieht sie am Horizont gleich einer fernen glühenden Kuppel sich wölben. Man wird heute das „Glühen“ streichen müssen, da der Mond wahrscheinlich nur eine sehr geringe Lufthülle besitzt, die Dämmerungsgluten kaum heraufzaubern könnte. Kepler sah trotz gewisser Zweifel noch keinen scharfen Grund, diese Atmosphäre zu leugnen. So läßt er auch auf der von der Erde abgekehrten Seite seiner Levania, deren fünfzehntägige Nacht weder Sonnenschein noch Mondschein, noch selbst den Schein der erleuchteten Volva kennt, alles von Eis und Schnee starren unter „eisigen wütenden Winden“.
Vor fünfzig Jahren etwa, als man sich zuerst in den festen Gedanken eingelebt hatte, daß der Mond eine Welt fast oder ganz ohne Luft sei, hätte man auch das Eis streng zurückgewiesen. Luftlos, wasserlos lautete die harte These. Merkwürdig aber, wie solche Lehrsätze immer wieder auf- und abpendeln. Heute gibt es wieder eine ganze Anzahl von Astronomen, die an Eis auf dem Monde glauben. Sie finden keine andere Erklärung dafür, warum gewisse Stellen auf dem Monde so verräterisch viel heller strahlen als andere. Zum Teil sind es tiefe Kraterböden, also Stellen, wo Wasser, auch wenn es nur in geringer Menge auf dem Monde vorhanden wäre, sich am wahrscheinlichsten angesammelt haben könnte. Zum Teil auch gerade hohe Bergspitzen, von denen an sich nicht recht zu begreifen ist, warum sie stets hellere Stoffe als ihre flache Umgebung, etwa weißen Marmor, weisen sollten, während der Schluß nach irdischer Lage der nächste wäre, daß sie eben einfach Schneekappen tragen wie unsere Chimborazos und Montblancs. Solche Eisablagerung gerade auf den großen Höhen (die Mondberge sind zum Teil außerordentlich hoch) macht auf der andern Seite freilich wieder etwas Lufthülle nötig, die allein Höhenunterschiede in der Temperatur bedingen könnte. Aber man behauptet ja auch heute nicht mehr den absoluten Luftmangel auf dem Mond: für „etwas“ Luft sprechen eine ganze Reihe von Anzeichen, nur muß es unvergleichlich viel weniger sein, als die dick mit Luft verpelzte, gleichsam in ein großes Wattekissen wohlig hineingelagerte Erde besitzt.
Doch wir kehren mit unserm Träumer zur Erdseite zurück.
Da schwebt die Volva, das erhabenste Schauspiel des Himmels. Sie dreht sich und weist die wechselnden Flecken ihrer Länder und Meere.
Wir reden auf der Erde vom „Mann im Mond“, die Märchen aller Völker singen und sagen davon. Nun sind wir auf dem Monde selbst, und da hat umgekehrt die Erde ein Gesicht. Zweigestaltig ist es freilich, da ja beide Erdseiten in vierundzwanzig Stunden sichtbar werden. Kepler verrät uns, wie die Gesichter ausschauen.
Jetzt ist die Ostkugel hell. Man erkennt „das Bild eines bis an die Achseln abgeschnittenen menschlichen Kopfes, dem sich ein Mädchen in langem Gewande zum Kusse hinneigt, mit dem nach rückwärts ausgestreckten Arm eine heranspringende Katze anlockend“. Umgekehrt die Westkugel zeigt eine an einem Strick hängende, nach Westen geschwungene Glocke. Die südlichen Teile werden dabei möglichst übergangen, heißt es, „weil Magellanika ein durch Süden sich lang hinstreckendes Land, noch unbekannt ist und sich immer weiter erstrecken soll in beide Hemisphären sowohl der neuen als auch der alten Welt.“
Zwischen den Zeilen dieser Schilderung sieht man auf einmal in eine andere Schicht der menschlichen Kenntnisse von damals. Keplers Phantasie pflanzt ihre Fahne schon auf den Mond. Wie auf ein überwundenes Reich sieht sie die alte Erde da oben als Volva schweben. Aber nun tritt die Schwäche der irdischen Geographie auf einmal hervor, — es war noch ein gut Stück Weges nötig, nur die Erde selber im äußeren Umriß festzustellen.
Das Bild des abgeschnittenen Kopfes gibt, deutlich genug, Nordafrika: die Wölbung des Scheitels westlich bei Kap Verde, das Gesicht auf Europa zu, Gibraltar gegenüber die Nasenspitze, bei Tunis das Kinn. Den Büstenabschnitt bildet roh die Ostküste hinter Madagaskar.
Dann das liebe Mägdelein, das dem Riesenmann die Nasenspitze drückt: Europa mit Spanien als Kopf, Italien als dem einen Arm und England als dem andern; die Katze ist Skandinavien.
Die schwingende Glocke war wohl ein schief verzeichnetes Südamerika. In Magellanika flossen das wirkliche Australien und das sagenhafte Südland dunkel zusammen.
Von den riesigen, blinkend weißen Eisfeldern der Pole erwähnt Kepler kein Wort. Und doch sind es wohl die grellsten Objekte des ganzen Bildes, Objekte, die selbst weit draußen in den Planetenräumen noch mit geringer Vergrößerung wahrnehmbar sein müssen. Auf dem Planeten Mars, dessen physische Beschaffenheit der Erde so auffällig nahe kommt, haben sich entsprechende weiße Polarflecke von wechselnder Stärke mit einer wunderbaren Deutlichkeit gezeigt, seitdem ihn halbwegs gute Fernrohre bei uns aufs Korn genommen haben.
Das ist, was man vom Monde aus sieht. Aber was sähe man nun auf dem Monde selbst?
Wenn wir heute so fragen, schwebt uns eine unserer großen Mondkarten vor: eine Karte in vielen Blättern, vom Umfange eines stolzen Atlas, mit unzähligen Einzelheiten: Kratern, Wallebenen, Gebirgen, Strahlensystemen, Rillen, — das Werk unendlichen Gelehrtenfleißes, an das stille Arbeiter ihr ganzes Leben gesetzt haben. Und hinter dieser Karte erscheinen als ihre Voraussetzung die Kuppeln von Sternwarten, prachtvolle Instrumente, Nacht um Nacht dem Monde auflauernd wie ein Ring unablässig wachsamer Belagerungsgeschütze, — bis auf jene Riesenkanonen des Geistesauges, die der Amerikaner heute auf die luftklaren Höhen der Felsengebirge und der Anden gepflanzt hat. Wo war das alles zu Keplers Zeit!
Wohl gab es Sternwarten, deren Ruhm durch die Welt ging. Kepler hatte, wie erzählt, bei Tycho Brahe gelernt. Das war in Prag. Aber ehe der alte Faust Tycho nach Prag kam, hatte er für seine Zeit ein wahres Märchenleben als Astronom größten Stils geführt. Friedrich II. von Dänemark hatte ihm im Sund die Insel Hveen geschenkt, und auf diesem Hveen war unter Tychos Leitung die weltbekannte Uranienburg erwachsen, Beobachtungstürme, Laboratorien, eine Druckerei, eine Papiermühle, ein ganzes astronomisches Dorf schließlich, über dem der trinkfeste Däne mit der silbernen Nase wie ein kleiner König stand. Erst 1597 zog Tycho, verleumdet und in Krach mit dem Hof, von Hveen fort nach Prag, worauf die Uranienburg zur romantischen Ruine zerfiel. Rund zehn Jahre später ist das erste Fernrohr hergestellt worden.
Es ist, als sänke das ganze Bild in den Erdboden.
Auf dieser märchenhaften Uranienburg mit ihren beiden fünfundsiebzig Fuß hohen Türmen, wo die prachtvollen Marsbeobachtungen gemacht wurden, die für Kepler nachher die Grundlage seiner ersten beiden Planetengesetze werden sollten, arbeitete man noch — ohne vergrößerndes Fernrohr! Und auch der ursprüngliche Text von Keplers Traum ist geschrieben, ohne daß Kepler selbst damals auch nur eine Ahnung von der Möglichkeit des Fernrohrs gehabt hätte!
Wer heute mit bloßem Auge den Mond anschaut, der sieht auch als Laie schon ein mehr oder minder angelerntes Schulbild hinein.
In den Flecken und Runzeln sieht er die Löcher und Zacken einer ausgebrannten Schlacke. Ungeheure Vertiefungen wie Meeresbecken, in denen doch kein Ozean mehr wogt. Trümmerfelder, vulkanisch zerborstene, durchlöcherte Rinde, in der doch jede Zuckung erstarrt ist. Alles starr und tot, aber in einer schauerlich romantischen Verwüstung mit den schroffsten Gegensätzen von hoch und tief. Ja, wir sehen das „hinein“, weil uns allen ungefähr beigebracht ist, wie die Geschichte im Fernrohr wirklich aussieht. Für Menschenkinder, die noch kein Fernrohr hatten, war die Sache aber nicht so selbstverständlich.
Schon die antike Forschung hatte sich vom Märchen des Mondgesichts frei gemacht und nahm die blanke Scheibe da oben als kreisenden Weltkörper. Aber wie auf diesen Körper Flecken kamen, war zunächst Streitfrage.
Eine etwas dreckige Vorstellung ließ den Mond von Natur spiegelblank sein, die Flecken aber sollten sich erklären als wirkliche Schmutzflecken: Absatz der rußgeschwärzten Erdendünste, die da hinaufqualmten und hängen blieben. Der alte Plinius, der das überliefert hat, kannte den Qualm der modernen Großstadt leider noch nicht, sonst hätte er ihn jedenfalls in erster Linie als mondschwärzend seiner Theorie zu Grunde gelegt. Aber dieser selbe Plinius ist zu rühmlichem Abschluß seines Naturforscherlebens erstickt im Aschenregen des großen Vesuvausbruchs vom Jahre 79 n. Chr., der Pompeji verschüttete. In leidiger Probe am eigenen Leibe konnte er hier die jedenfalls kolossalste Form von Qualmentwickelung auf der Erde erfahren. Hat doch in unseren Tagen der Vulkan Krakataua an der Sundastraße, den das einströmende Meerwasser zur Explosion brachte, gelegentlich auf Jahre hinaus, wie es scheint, die ganze Erdatmosphäre in ihren höchsten Schichten mit Aschenteilchen so durchsetzt, daß gewisse absonderliche Dämmerungserscheinungen erzeugt wurden.
Aber bis zum Monde reicht doch auch die schauerlichste Kraft des größten Vulkans, und wenn er auch wie ein Dampfkessel platzt, nicht hinauf. Erdenasche und Erdenruß gehen so wenig dorthin, wie umgekehrt der Mond selber aus seinen Kratern Steine auf uns herunterspuckt. Das Letztere ist nämlich auch einmal geglaubt worden: zur Zeit, als man zuerst sicher zugeben mußte, daß ab und zu sogenannte Meteorsteine tatsächlich vom Himmel herab auf die Erde fallen. Heute wissen wir, daß solche Meteoriten in zahllosen Schwärmen das ganze Planetensystem durchschweifen, unsere Sternschnuppen und vielleicht die Hauptbestandteile der Kometen bilden, kurz, eine ganz anders weitgehende Rolle im Weltgetriebe spielen, als es ein paar überkühne Wurfbomben aus Mondkratern vermöchten.
Im Gegensatz außerordentlich zart und anmutig war eine zweite antike Theorie der Mondflecken, die den strahlenden Silberschild des Gestirns so blank wie nur denkbar poliert glaubte. Ja, so blank poliert sollte er sein, daß seine Fläche einfach die Erde unten, über die er dahinwandelte, abspiegelte. Die Flecken sollten einfach die wiedergespiegelten Meere der Erde sein: das Mittelmeer, der atlantische und indische Ozean. Da aber die Flecken auch nur so, wie man sie mit dem bloßen Auge sieht, wirklich beim besten Willen nicht zu diesen Erdmeeren passen, so durfte man in der irdischen Geographie nicht allzu bewandert sein, um so etwas dauernd zu glauben. Und die Idee, daß der Mond der Toilettenspiegel der Frau Erde sei, verlor sich schließlich und lange vor Keplers Zeit ebenso sanft wie jene andere, die ihn zu ihrem himmlischen Müllkasten gemacht hatte.
Die dritte und zweifellos beste Vorstellung vom Mond in der ganzen Antike findet sich bei Plutarch, also etwa in der Zeit Trajans.
Die Flecken werden erklärt teils als die regelrechten Schatten hoher Mondberge, teils als graue, das Licht schwächer reflektierende Meeresflächen. Wie der gewaltige Marmorkegel des Athosberges seinen Schatten übers blaue Griechenmeer bis zur Insel Lemnos warf, so sollte das Schattenband auch der Mondgebirge verdunkelnd über weite Flächen wandern. Der Zufall wollte aber, daß der betreffende, höchst geistvolle Text des Plutarch Kepler zur Zeit, als er seinen Traum schrieb, nur unvollkommen bekannt war. Die Idee, es möchten die grauen Mondgebiete Meere, die hellen gebirgiges Land sein, dünkte ihm geradezu falsch, da er bei Graz auf einen Berg gestiegen war und bemerkt hatte, daß von oben geschaut das Land dunkler, die Flüsse dagegen viel greller im Sonnenlicht hervortraten. Erst viel später hat er diese Meinung fallen gelassen, — nebenbei bemerkt, eine Streitfrage, die heute wieder bei Betrachtung der hellen, rotgelben und der dunkleren, grünlichblauen Gebiete auf der Oberfläche des Planeten Mars bedeutsam geworden ist, ohne daß sich bisher die Astronomen hier fest darüber hätten einigen können; die meisten allerdings halten die rötlichen Flecken für Land und die dunkleren entweder wirklich dort für Wasser oder aber für dichten Pflanzenwuchs.
Jedenfalls war Kepler damals wesentlich auf sich selbst angewiesen, und wenn auch er wenigstens für Mondberge eintrat, so war das nicht Nachrede Plutarchs, sondern eigene Neu-Erfindung. „Obgleich ganz Levania“, so hören wir bei ihm, „nur ungefähr 1400 deutsche Meilen im Umfang hat, d. h. nur den vierten Teil unserer Erde, so hat es doch sehr hohe Berge, sehr tiefe und steile Täler und steht so unserer Erde sehr viel in Bezug auf Rundung nach. Stellenweise ist es ganz porös und von Höhlen und Löchern allenthalben gleichsam durchbohrt.“ Im Folgenden wird dann von den Mondgeschöpfen erzählt, wie sie sich, zumal auf der von der Erde abgekehrten Seite, in diesen Löchern gegen die furchtbaren Kontraste einer fünfzehntägigen unausgesetzten Sonnenglut und einer abermals fünfzehntägigen Eisnacht schützten. Es liegt nahe, daß dieser letztere Gedanke rückwirkend zum Teil erst Anlaß gegeben hat zur Erfindung der allgemeinen Durchlöcherung der Mondoberfläche. Aber wie hübsch war die Phantasie dabei an die Grenze des Wirklichen gelangt, — nicht mit den nach wie vor problematischen Mondbewohnern selbst, wohl aber mit den „Löchern“, bei denen unser Gedanke heute sofort die zahllosen Kraterhöhlen ergreift.
Es sollte Kepler selbst noch vergönnt sein, hier seinen kleinen Triumph zu feiern. Denn in dieses glückselige Menschenleben fiel noch nach der Vollendung des „Traumes“ jenes ungeheure Ereignis selbst: die Erfindung des Fernrohrs.
Das liebenswürdige Büchlein erzählt uns selbst noch davon, — meinem Gefühl nach die schönste Stelle des Ganzen, bei der man so recht das Gefühl hat, in einer heiligen Weihestunde der Menschheitskultur mit dabei zu sein. Ich habe erwähnt, daß der eigentliche Text des Traumes etwa um 1609 herum vollendet ist, in ihm also auch jene Stelle vom durchlöcherten Mond, in dem die Mondungeheuer sich vor Frost und Hitze bargen. Viel später erst sind die Anmerkungen beigefügt. Man merkt es. Denn zu der Stelle kommt jetzt folgendes charakteristische Geständnis als Note hinzu: „Hier (das heißt bei den bewohnten Mondlöchern) ist der Verstand, verlassen von allen Beweisen des Auges, auf sich selbst angewiesen. Aber wenn ich damals gewußt hätte, daß der Mond so viele tiefliegende Höhlen habe, wie sie das Fernrohr des Galilei ans Licht bringt, oder wenn ich den von der Grotte der Hekate fabelnden Plutarch gelesen hätte, so würde ich, glaube ich, diese Sätze mit freierer Feder geschrieben haben.“ Also Plutarch hatte er jetzt ganz gelesen. Aber das war nur das Belanglose. Ein allgewaltig Größeres, Nachhaltigeres, Umwälzendes war in der Zwischenzeit geschehen. Der Name Galileis umfaßt es.
Galilei war damals, als Kepler 1609 seinen „Traum“ vollendete, in seiner besten Zeit. In weiter Ferne noch lag die nie ganz aufgeklärte Tragödie seines Lebensabends. Seine Augen waren stark, sein Geist zum Größten aufgelegt. Sein Lehrstuhl ragte zu Padua, wo ihn die Venetianer schützten, und von diesem Lehrstuhl ging es in unablässiger Folge wie ein Leuchten durch die gebildete Welt. Der hellste Strahl, ein Strahl, wie er Jahrhunderten so nur einmal zuteil wird, flammte aber im Frühjahr 1610 herüber.
Wenige Monate vorher hatte Galilei über Paris Kunde von einem geheimnisvollen Instrument erhalten, das in Holland erfunden sein sollte. Es war das Fernrohr, das wie aus einer mystischen Versenkung auf einmal erstanden war. Noch heute weiß man nicht sicher, wer es zuerst zusammengesetzt hat, — die Legende erzählt, Kinder hätten beim Spiel geschliffene Glaslinsen hintereinander gestellt, bis der Vater aufmerksam geworden sei. Aber es bleibt dunkel, wer der schlaue Vater war. Genug: das Instrument war gegeben. Aber erst in Galileis Händen bedeutete es eine neue Welt.
Die Nachricht reichte für den auch im Handwerk geschickten Meister aus: er selbst baute sich in bleierner Röhre seine Gläser hintereinander, und schon nach kürzester Frist durfte eine Senatskommission zu Venedig auf dem Glockenturm von San Marko sich von der Kraft des neuen Zauberrohrs überzeugen.
Die weitere Welt erfuhr dann davon in einer köstlichen Flugschrift, dem „Sidereus nuncius“ (Sternenbote) Galileis, — und zwar gleich gründlich. Denn in den dazwischenliegenden Nächten hatte das bleierne Rohr einen himmlischen Feldzug vollführt, gegen den die unbewaffneten Augen sämtlicher Beobachter des Sternenplanes von den urältesten Tagen chaldäischer Sternguckerei bis auf Kopernikus, Tycho und Kepler bescheiden zurücktreten mußten.
Die Monde des Jupiter waren entdeckt, ein Planetensystem im kleinen von unendlicher Wichtigkeit für die junge Kopernikanische Lehre. Die Milchstraße war in ein Gewimmel dicht gedrängter Sterne aufgelöst und damit zugleich eine Streitfrage, die schon von Demokrit und Aristoteles ungeschlichtet heraufkam, gelöst. Das Sternbild der Plejaden war seiner heiligen Siebenzahl entsetzt und bot auf einmal über vierzig Einzelsterne dar. Wenig später — und Galilei hatte Flecken in der Sonne gesehen und er hatte nachgewiesen, daß die Venus Phasen (z. B. Sichelgestalt) zeigte wie der Mond. Schließlich gewahrte er etwas ganz Unbegreifliches, nämlich tolle Auswüchse oder Henkel an dem altvertrauten Planeten Saturn, — erst später ist klar geworden, daß es sich um das fortan so berühmte große Ringsystem des Saturn handelte. Vom Monde aber las man, las Kepler, der mit Galilei längst korrespondierte, las alles, was nur entfernt an Sternkunde dachte in der Zeit, im „Sternenboten“ das erlösende Wort: es gab wirklich Mondberge, gab schattenwerfende Zackenränder über Vertiefungen — kurz: es gab den Mond zum erstenmal im losesten, aber immerhin doch schon erkennbaren Umriß so, wie wir ihn heute zu sehen gewohnt sind.
Keine Entdeckung Galileis hat Kepler so bis in die tiefsten Gründe seiner Phantasie hinein erregt wie diese. Bald hatte er selbst ein Fernrohr in Händen und konnte beobachten. Es wühlte und gärte in ihm wie in einem Schatzgräber, der ein Menschenleben lang mit dem Gedanken an einen Schatz gespielt, das Gold im Traum hundertmal hat blinken sehen und nun in einsamer Nacht bei bleichem Scheine wirklich und greifbar vor der Erfüllung steht und die geträumten Dinge sieht.
Die allerletzten, spät zugefügten Blätter des Buches malen das in lebendigstem Bild.
Die Praxis riß ihn jetzt weit hinaus über alle Theorie. Einst, vor Jahren, hatte der Geist des Träumenden die Mondlöcher „erfunden“ als Zufluchtsorte fabelhafter Mondgeschöpfe. An schlangenartige Ungetüme hatte er damals gedacht, die bald aus ihren Löchern in die Sonne krochen, bald in den kühlen Schlund wieder hinabhuschten, — Spielereien des schweifenden Gedankens. Jetzt hatte er umgekehrt die Löcher vor sich als sichtbare Wirklichkeit, Schlund an Schlund, Kreis neben Kreis, die ganze Mondoberfläche wie ein Sieb durchlocht bis zu einer Steigerung, die der tollsten Phantasie vorher zu toll gewesen wäre.
Kein Wunder, daß sich jetzt in Keplers Ideengang die Sache umdrehte. In vollem Ernst legte er sich diesmal die Frage vor, ob diese immer wiederkehrenden wirklichen Kreisgebilde nicht wissenschaftlich nur zu erklären wären unter der tatsächlichen Annahme lebender Wesen auf dem Mond. Allerdings jetzt nicht im Sinne von Lindwurmhöhlen, sondern als Werke intelligenter Geschöpfe von Menschenart.
Der Text des „Traumes“ wird zur Erläuterung dieser Dinge nicht wieder aufgenommen. Er schließt in dem Buche einfach ab mit dem Losbrechen eines prasselnden Sturmes, der den Schläfer weckt. Der erzählende Dämon und die anderen, heißt es, die ihre Köpfe verhüllt hatten, kehrten zu mir selbst zurück, und ich fand mich in Wirklichkeit, das Haupt auf dem Kissen, meinen Leib in Decken gehüllt, wieder.
Die neue, vom Fernrohr inspirierte Theorie intelligenter, bauender Mondmenschen aber, niedergeschrieben erst in den zwanziger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts, gibt sich in Form eines angehängten Briefes und einer Anzahl fester Thesen ganz ohne scherzende Beimischung.
Die interessanteste Stelle ist folgende: „Jene auf dem Mond befindlichen Höhlungen, die zuerst von Galilei beobachtet wurden, bezeichnen, wie ich beweise, vorzugsweise Flecken, d. h. tiefgelegene Stellen in der ebenen Fläche wie bei uns die Meere. Aber aus dem Aussehen der Höhlungen schließe ich, daß diese Stellen meist sumpfig sind. Und in ihnen pflegen die Endymioniden (Mondbewohner) den Platz für ihre befestigten Städte abzumessen, um sich sowohl gegen sumpfige Feuchtigkeit, als auch gegen den Brand der Sonne, vielleicht auch gegen Feinde zu schützen. Die Art der Einrichtung ist folgende: in der Mitte des zu befestigenden Platzes rammen sie einen Pfahl ein, an diesen Pfahl binden sie Taue, je nach der Geräumigkeit der zukünftigen Festung, lange oder kurze, das längste mißt fünf deutsche Meilen. Mit dem so befestigten Tau laufen sie zum Umfang des künftigen Walles hin, den das Ende des Taues bezeichnet. Darauf kommen sie in Masse zusammen, um den Wall aufzuführen, die Breite des Grabens mindestens eine deutsche Meile, das herausgeschaffte Material nehmen sie in einigen Städten ganz von inwendig fort, in anderen teils von innen, teils von außen, indem sie einen doppelten Wall schaffen mit einem sehr tiefen Graben in der Mitte. Jeder einzelne Wall kehrt in sich zurück, gleichsam einen Kreis bildend, weil er durch den immer gleichen Abstand des Tauendes vom Pfahl beschrieben wird. Durch diese Herstellung kommt es, daß nicht nur der Graben ziemlich tief ausgehoben ist, sondern daß auch der Mittelpunkt der Stadt gleichsam wie der Nabel eines schwellenden Bauches eine Art Weiher bildet, während der ganze Umfang durch Anhäufung des aus dem Graben gehobenen Materials erhöht ist. Denn um die Erde vom Graben bis zum Mittelpunkt zu schaffen, ist der Zwischenraum allzu groß. In dem Graben wird nun die Feuchtigkeit des sumpfigen Bodens gesammelt, wodurch dieser entwässert wird, und wenn der Graben voll Wasser ist, wird er schiffbar, trocknet er aus, ist er als Landweg zu benutzen. Wo immer also den Bewohnern die Macht der Sonne lästig wird, ziehen diejenigen, welche im Mittelpunkt des Platzes sich befinden, sich in den Schatten des äußeren Walles und diejenigen, die außerhalb des Mittelpunkts in dem von der Sonne abgewendeten Teile des Grabens wohnen, in den Schatten des inneren zurück. Und auf diese Weise folgen sie während fünfzehn Tagen, an welchen der Ort beständig von der Sonne ausgedörrt wird, dem Schatten, kurz, sie wandeln umher und ertragen dadurch die Hitze.“
Man sieht: es sind wahre Mondstädte, um die es sich handelt, Mondstädte, deren Hauptzweck allerdings auf etwas gerichtet ist, das wir auf der Erde nicht so beachten: auf Erzeugung von Schatten während des halbmonatlich unausgesetzten Sonnenbrandes.
Der Leser von heute wird lächeln wie über eine tatsächlich nun doch vollkommen spaßhafte Sache .....
Und doch ist im Grunde Keplers Scharfsinn bewundernswert, und wenn wir auf die Methode gehen, so schließt er ungefähr genau so, wie wir Weisen von heute vor neuen Objekten immer wieder schließen würden und auch schließen müssen. In seiner Ausführung begegnen wir folgendem durchaus logischen Gedankengang.
Er hat den Mond bedeckt gefunden mit höchst seltsamen, absolut kreisförmigen Gebilden. Die Frage entsteht: wie soll das „natürlich“ entstanden sein? Kepler fragt: was nennen wir überhaupt „natürlich entstanden“? Hier steht ein Gegenstand, bei dem ich eine bestimmte Ordnung der Teile bemerke. Es gibt zwei Fälle: die Ordnung kann im gewöhnlichen Sinne „natürlich“ sich gebildet haben. Oder es kann eine Intelligenz im Spiele sein. „Wenn die Ursache“, sagt Kepler, „der Ordnung von dem, was sich in der Ordnung befindet, weder aus der Bewegung der Elemente, noch aus dem Zwang des Stoffes hergeleitet werden kann, so ist es höchst wahrscheinlich, daß sie von einer des Verstandes mächtigen Ursache herrühre.“ Ein Beispiel für eine natürlich entstandene Ordnung wäre ihm der Flug einer abgeschossenen Flintenkugel. „Die gerade Linie ist etwas Regelmäßiges, eine bleierne Kugel, herausgeschleudert aus einem Geschoß, bewegt sich schnell in einer geraden Linie, diese Bewegung rührt nicht von irgend einem Verstande her, sondern sie ist die Folge einer unabweislichen Notwendigkeit des Materials. Denn die salpeterhaltige Materie des Schießpulvers verbrennt, von der Zündung erfaßt, und treibt die Kugel heraus, die sich einer Ausdehnung widersetzt, und zwar, da sie sich durch die ganze Länge des eisernen Rohres widersetzt, so wird durch diesen gewaltsamen Druck eine geradlinige Bewegung hervorgerufen.“ Auch im organischen Leben gibt es noch solche Beispiele natürlichen Werdens, meint Kepler, und führt gewisse Beispiele zeitgemäßer Naturgeschichte an.
Dagegen eine organische Tatsache wie etwa die Fünfzahl in den Teilen von Blumen, meint er, sei schon nicht mehr im gewöhnlichen Sinne „natürlich“ zu erklären, sie könne nicht aus der „Natur des Materials“ hergeleitet werden, sondern müsse einer Bildungskraft entspringen, „der man den Begriff der Zahl und so gleichsam Vernunft“ zuzuschreiben habe.
Dem würde nun, als Beispiel, der moderne Darwinianer zwar auch noch widersprechen. Aber man sieht, was Kepler will. Und man versteht vollkommen nun seine Nutzanwendung auf den Mond.
„Im großen und ganzen zwar“, sagt er durchsichtig klar, „herrschen auf der Oberfläche des Mondkörpers, was die Verteilung der hohen und tiefen Stellen anbelangt, der Zufall und die durch das Material bedingte Notwendigkeit vor; die Erde wird von unterirdischen Felsen abgeschabt, Täler werden ausgewaschen, so daß Berge stehen bleiben, die Wässer fließen in die tiefer liegenden Regionen ab und werden dort durch das Bestreben aller Teile nach dem Mittelpunkt des Mondkörpers im Gleichgewicht gehalten. Aber in den fleckigen Partien des Mondes ist die Gestalt der genau runden Höhlen und die Anordnung derselben oder die gewisse Gleichmäßigkeit der Zwischenräume etwas Gemachtes und zwar gemacht von einem architektonischen Verstande. Denn eine solche Höhle kann nicht ohne Zutun in Form eines Kreises von irgend einer elementaren Bewegung gemacht sein ... Es scheint also, daß wir aus dem Vorhergehenden schließen müssen, daß auf dem Monde lebende Wesen vorhanden sind, mit so viel Vernunft begabt, um jene Ordnungen hervorzubringen, wenn auch ihre Körpermasse nicht mit jenen Bergen in Vergleich zu setzen ist. Denn so machen auch auf der Erde die Menschen zwar die Berge und Meere nicht (denn die Xerxesse und die Neros sind selten, und auch ihre Werke kann man mit dem Natürlichen der Berge und Meere nicht vergleichen), aber sie bauen auf ihr Städte und Burgen, in denen man Ordnung und Kunst zu erkennen vermag.“
Daß die Mondbewohner — einmal ihre Existenz vorausgesetzt — gerade solche Riesenwerke zustande gebracht haben, wird noch mit einem Satz, der direkt an Darwin anklingt, begründet: die Mondmenschen entsprechen in ihrer Kraft eben ihrem Planeten genau in derselben Weise, „wie bei uns es durch Gebrauch kommt, daß die Menschen und Tiere sich der Beschaffenheit ihres Landes oder ihrer Provinz anpassen!“
Kepler stand vor dem Mond. Wir heute stehen vor einem viel ferneren Weltkörper und wenden doch aufs Haar dieselbe Methode mit Recht an. Ich meine bei der Enträtselung des Planeten Mars.
Bekanntlich sind die rötlichen Gebiete des Mars, also der gangbaren Annahme nach seine Länder, durchkreuzt von einem wunderlichen Netz mathematisch scharfer Linien, den sogenannten „Kanälen“. Alles in diesen Kanälen spricht gegen grob „natürliche Erklärung“ in Keplers Sinn. Alles spricht für das Werk intelligenter Wesen, für eine „Ordnung“, geschaffen nicht im Sinne einer vom Pulvergas getriebenen Kugel, sondern einer von denkenden Gehirnen ausgehenden Gedankentat. Selbst die skeptischsten Astronomen unserer Tage raten auf Marsmenschen, die dieses Netz kürzester Verbindungen und mathematisch strenger Linien (seien es nun wirkliche Wasserkanäle oder nur Kulturstreifen irgend welcher Art im Wüstengebiet) hervorgebracht haben. Keplers Schluß, — bloß auf den Mars übertragen!
Stellt man sich Keplers Denkgröße so als solche klar vor Augen, so ändert es wenig, wenn man hinzufügt, daß, unbeschadet aller Logik, sein Fall tatsächlich falsch war.
Die Ringwälle der uns sichtbaren Mondseite sind aller Wahrscheinlichkeit nach keine Städte geheimnisvoller menschenähnlicher Mondbewohner. Die Voraussetzung Keplers ist schon falsch. Die „runden“ Mondgebilde sind alles eher als so mathematisch schöne Zirkel, wie sein schlechtes Fernrohr sie ihm wies. Was er als ideal schöne Festungswälle sah, sind wüste Gebilde, mit Zacken oben und tausend Unregelmäßigkeiten an den Seiten. Was wir für den Mars ganz in der Linie von Keplers Schlüssen annehmen müssen, dafür liegt gerade hier keinerlei echter Beweis mehr vor, sobald wir eine moderne Mondkarte eingehender mustern.
Immerhin: es verdient gesagt zu werden, daß wir auch heute deshalb noch nicht klar wissen, was die ringförmigen Mondgebilde nun wirklich sind.
Sind es erloschene Vulkankrater, wie es gegenwärtig schon fest in den Schulbüchern steht?
Kepler vergleicht inmitten seiner Darlegung einmal gewisse Mondlöcher mit Butzenscheiben und zieht den Krater des Aetna dabei als Ebenbild heran. So streifte er nahe genug an die später gültige Theorie. Diese Theorie war sicher ein großer Fortschritt. Sie führte die seltsamen Kreisgebilde anstatt auf Menschenwerk auf etwas zweifellos „Natürliches“ zurück: auf die von der Erde genügend bekannte Vulkanform. Aber hat sie deshalb recht?
Je mehr man im einzelnen die Form der Mondkrater studiert hat, desto weiter hat sie sich tatsächlich von der Gestalt irdischer Krater entfernt. Eine Anzahl winziger Kegelchen auf dem Mond gleicht unseren Vulkanen äußerlich wirklich. Die großen Wallebenen dagegen ganz und gar nicht. Und diese Wallebenen gehen allmählich in die ganz kolossalen Tiefebenen der sogenannten „Meere“ über. Soll das alles vulkanisch sein?
Die irdische Analogie hört mindestens auf, und auf sie kommt doch eigentlich alles an.
Es gibt in der neuesten Astronomie viel kühnere Anschauungen. Wenn nun die Mondlöcher, von der kleinsten Wallebene bis zum riesigen „Mare“ (wasserlosen Hohlflächen vom Umfang eines Meeres), das Ergebnis des Abstürzens von oben kommender Massen wären, — von Massen, vielleicht einbrechend in einer Zeit, da der Mondkörper noch nicht völlig erhärtet war? Das Bild läßt sich immerhin ausmalen. Die Erde besaß danach einst nicht einen Mond, sondern einen Ring von in bestimmtem Abstand kreisenden Körperchen. Der heute noch bestehende Saturnring, von dem man jetzt fast sicher weiß, daß er aus vielen kleinen Teilchen besteht, führt so etwas noch heute vor Augen. Aber allmählich vereinigten sich die kleinen Trabanten. Zuerst bildete sich der „Mond“ als festes Zentrum. Ab und zu dann noch immer ein Absturz gegen ihn hin. Bis er alle die „Kleinen“ aufgenommen hatte, — vorausgesetzt, daß nicht noch immer welche als bisher unentdeckte Nebenmonde uns umschwärmen. Die letzten Abstürze in die zähe Mondmasse hätten die heute sichtbaren Mondlöcher erzeugt. Wobei immerhin vulkanische Reaktion des Mondkörpers von innen heraus noch mitgewirkt und auch kleine echte „Krater“ wie Maulwurfshaufen zwischen die riesigen Fallhöhlungen hinaufgetrieben haben könnte ....
Das mag als Bild genügen, — als Bild, wie wenig wir noch heute „über den Berg“ sind.
Den Mondberg!
Kepler, heute mitten unter uns, würde lächeln, — mit jenem Lächeln aus Schalkhaftigkeit und Resignation. Und würde uns sagen, daß es zwar Gewißheit nirgendwo gibt, aber daß eines not sei: unentwegt kühnes Vorschreiten mit den Waffen der Logik, diesem Prometheusfunken des Menschengeistes.
Ich setze hinzu: und noch eines, ohne das alle Wissenschaft „Tiergeripp und Totenbein“ im Sinne Fausts bleibt: die Versöhnung in Keplers Geist, der große Friede zwischen Forschung und Phantasie, — der „Traum im Leben“, die Erkenntnis einer innerlichen heiligen Harmonie in aller Zerrissenheit des „Wirklichen“.