Es war an einem der letzten Apriltage dieses Jahres.
Richtiges Aprilwetter: jetzt die Sonne glühend heiß, und jetzt eine weiße Wolke starr ins Blaue schattend und ein Eiseshauch von ihr niederfahrend, als wollte es wieder Winter werden.
Aber im Forst bei Finkenkrug hinter Spandau äugte der Frühling aus allen Ecken, mit erstem Sproßgrün von jedem Buchenbusch, mit weißen Sternchen und smaragdenen Blättchen der Anemonen und des Sauerklees aus der alten roten Laubdecke im Waldesgrund.
Vom Forsthaus Finkenkrug zieht sich ein breiter, grasbewachsener Weg waldeinwärts, still und einsam. Kleine Eichen stehen am Rand, mit ihrem Flechtenpelz auf der gefurchten Rinde, sie allein noch ganz und gar nicht vom Lenz berührt. Dann jederseits ein Graben und drüben ein dichtes Gewirre der Stämme über halb welkem, halb grünem Polster von hohem Büschelgras. Die glatten Erlen zu mehreren aus einer Wurzel, nur eben erst angeflogen wie von grünem Reif. Die Birken einzeln, grell weiß, und alle oben mit dem gleichen Troddelvorhang baumelnder gelbgrüner Kätzchen. Auf höchstem Ast jubelte mit wahrhaft impertinentem Juchzer ein verliebter Specht. Die Finken zirpten immerfort leise in den halb warmen, halb fröstelnden Aprilzauber hinein.
Doch mich lockte der Graben. Um seinetwillen war ich hergefahren.
Ein zoologisches Wunder ersten Ranges hatte dieser Frühling gebracht. In diesem Waldgraben, unscheinbar wie alle echten Wunder der Natur, sollte es sich bergen.
Im Graben stand seichtes Wasser. Aber man sah ihm an, daß hier kein echter, dauernder Tümpel bestand.
In dickem Wulst lag das staubig harte, zerkrümelte graubraune Eichenlaub vom vorigen Herbst an beiden Rändern gehäuft, um ohne feste Grenze unter den nassen Spiegel einzutreten, aus dessen ganzem Grunde es dann undeutlich weiterschimmerte. Das vorige Jahr war hier sehr trocken gewesen. Frei mochte das fallende Blätterwerk durch den leeren Graben geraschelt sein. Jetzt hatten starke Frühlingsregen die alte Laubgruft gefüllt zu vergänglichem Miniaturteich.
An solcher Grenze des feuchten Waldes bleibt aber auch die kleinste Pfütze nicht einen Moment leer. Aus jedem Winkel, hinter jedem dürren Blatt lauert ja durstiges Leben. In unzählbarer Masse wimmeln plötzlich winzige Insektenlarven. Ein Frosch, eine Kröte hüpfen heran. Schwärmende Wasserkäfer fallen ein und fühlen sich zu Hause. Wer aber ein zoologisches Sonntagskind ist, der trifft in solcher Stunde hier noch ein ganz anderes, rätselvolleres Geschlecht.
Wie der Schatz im Märchen zeigt es sich meist launisch nur alle Jubeljahr. Und da die strenge Rechnung auch dafür fehlt, so kann der Naturfreund, der jedes Tümpelchen und Aederchen seiner Gegend kennt, ein Menschenalter auf der Suche verbringen und erlebt es nie. Mir aber in dieser stillen Morgenstunde, da der Zaubervogel der deutschen Sage, der Specht, vom Baume seinen Segen sprach, öffnete sich die Tiefe und ich sah.
Eine Wolke ließ eben langsam die Sonne wieder frei. Das Wasser, bisher dunkel wie altes Holz, begann sich aufzuhellen und nahm einen lichtbraunen Ton an, in dem hier und dort ein Umriß dämmerte. Jetzt hob sich aus der Tiefe dicht zur Oberfläche ein winziges weißliches Gebilde wie ein ganz zartes, ganz feines kleines Federchen. Wie es rasch aufstieg, schwirrte an seiner Oberseite wirklich eine Art vom Fluß bewegten Federbartes. Aber das Zittern war willkürlich, es schnurrte von dem Ding selber aus da oben etwas gleich dem wundervollen Rädchen der Rückflosse unserer zierlichen Seepferdchen im Aquarium. Nun ist es fast oben und liegt plötzlich regungslos, als trinke es das langsam sich steigernde Licht tief in sich hinein. Je heller es wird, desto deutlicher wird der Umriß des Elfchens. Es liegt ganz unzweideutig auf dem Rücken, die wimmelnden Federbeinchen nach oben. Vorne ein Kopf, hinten ein langer, schwanzartig gespitzter Anhang. Die Grundfarbe ist wie weißrötliche, durchsichtige Menschenhaut, in der eine blaue Ader schimmert; von den Beinchen kommt es bisweilen wie ein Blitz intensiven Grüns. Das Ganze mahnt an ein vertrautes Bild aus den Tümpeln am Seestrande: die allbekannte „Krabbe“ oder Garneele. Bloß daß diese noch ein Riese ist, im Verhältnis zu unserm Elfchen wie ein ganzer kleiner Finger zu seinem ersten Gliede. Aber es ist wahr: auch das Nixchen ist ein Krebs, — im Süßwasser, wo es keine Krabben gibt.
Weil seine Beine zugleich die Atmungsorgane, die Kiemen, tragen, heißt er der Kiemenfuß, lateinisch (wörtlich übersetzt) der Branchipus.
Mir aber hat das wirbelnde Federchen heute etwas von dem weißen Flämmchen, das über vergrabenen Schätzen schwebt. Denn wo der Branchipus schon sich meldet, da erwacht die Wahrscheinlichkeit für eine noch unvergleichlich bedeutsamere und kostbarere zoologische Begegnung, deren Bedingungen ganz ähnliche zu sein pflegen wie die für den Branchipus.
Die Sonne hat sich jetzt ganz aus der Wolke gearbeitet. Hier, dort, überall steigen gespensterhaft lautlos die weißen Krebs-Nixchen zum erwärmten Spiegel an, wimmeln wie ein Kamm und liegen dann plötzlich starr im Sonnenbade gleich herabgeschneiten Blütenblättchen eines Kirschbaums. Doch nun hat die Sonne den Grabengrund selber erreicht. Als die alte Künstlerin, die alles verschönt, weckt sie die Schicht naßfaulender Eichenblätter zu einem schillernden Goldrot, als sei der Graben im untersten Geheimnis mit Kupferplatten belegt. Unerbittlich scharf wird jetzt vor diesem metallisch gleißenden Teppich jedes wandelnde, wirbelnde Leben deutlich. Eine blutrote Milbe eilt dahin, ein plumper schwarzer Hydrophilus karaboides, ein Wasserkäfer, fegt vorüber. Dann aber kommt ein Geschöpf langsam vom Boden höher, das zunächst sich keinem vertrauten Tierbilde anpassen will.
Der Leser kennt aus unsern Aquarien ein großes, scheußliches Tier: den sogenannten Molukkenkrebs. Man sagt ihm dort, daß es ein Krebs sei, sonst würde er es nicht ohne weiteres erraten. Von oben sieht er nämlich bloß eine mächtige, fußbreite, gewölbte Schale wie von einer Schildkröte, doch mehr aus einem Stück. Aus dieser Schale brechen wie Warzen jederseits ganz oben auf der Wölbung die Augen heraus, und hinten schweift ein langer Stachel als Schwanz nach. Beine sieht man zunächst überhaupt nicht, obwohl der groteske Deckel sich gespensterhaft auf dem Sandboden des Wasserbeckens dahinschiebt. Erst wenn die hemmende Aquariums-Scheibe zum Aufbäumen nötigt oder gar zum Kippen bringt, erscheint der Krebs: unter der Deckschale wimmeln unten eine stattliche Anzahl krebsartig gegliederter Beine, die sogar richtige kleine Krebsscheren tragen. Das Monstrum kommt weit her, meist von den Sunda-Inseln. Wissenschaftlich heißt es der Limulus oder „Schieler“.
Aus den kupferroten Eichenblättern da unten vor mir also kam jetzt ein Geschöpf, von allem Lebenden am meisten äußerlich vergleichbar solchem abenteuerlichen Limulus der fernen Korallensee.
Klein wie mein Regentümpel war, war auch er ins kleine übersetzt. Wie dort, so kam eine solide Schale gewackelt, gewölbt wie ein Uhrglas und in der Größe auch ungefähr entsprechend dem Deckglase einer kleinen Taschenuhr. Auch hier schleifte hinten ein schwanzartiges Anhängsel nach. Und das Ganze bewegte sich wie die wandelnde Glocke in Goethes Gedicht wuschelnd und wühlend dahin, ohne daß man Beine sah. Die Farbe war ein Braungrün, doch wie metallisch poliert und zugleich etwas durchsichtig, so daß bald im Sonnenglanz ein ganz blanker Spiegel aufblitzte, dann wieder ein schillerndes reines Grün sich hob und jetzt wieder ein tieferes Rotbraun durchzuschimmern schien.
Das Geschöpf kam aus der Tiefe, wo die zersetzten Blätter in weichsten Schlamm sich lösten. Dann ging es von Blatt zu Blatt, mit einer nervösen Rastlosigkeit seines ganz bewegten, an sich aber dabei fast starren Körpers, die ich mit nichts Genauerem zu vergleichen wüßte, als der raschelnden, wimmelnden Geschäftigkeit des Gürteltiers im Zoologischen Garten, wenn es das Stroh seines Käfigs immer neu durchstöbert.
Aber plötzlich ein Stoß nach oben und nun kommt es hoch und schwebt in halber Wasserhöhe rasch dahin. Die Aehnlichkeit ist jetzt am stärksten mit einer sehr großen schwimmenden Kaulquappe. Im Gegensatz zum Branchipus schwimmt es ausgesprochen nicht auf dem Rücken, keines der vielen Exemplare, die allmählich bei immer weiterrückender Durchleuchtung des Grabengrundes lebhaft und sichtbar werden.
Denn in der Tat: das ist nicht einer, das sind Hunderte da unten, Hunderte im engsten Raum. Jetzt ist einer auf dem Wege gerade unter der Stelle, wo die weißen Nixchen, die Branchipus-Krebschen, sich sonnen. Er scheint mit Absicht dahin zu halten. Ob er sie sieht? Seine Augen müßten dann auch wie beim Molukkenkrebs irgendwie oben aus der Schildkrötenschale herausvisieren. Aber auch der Rückenschwimmer, der ihm oben zunächst ist, hat ihn gesehen und wirbelt blitzschnell wie ein Boot, das alle Ruder einschlägt, davon. Unsere wandelnde Glocke zögert, — und ein rascher Griff ins seichte Wasser bringt sie in meine Gewalt. Sie zappelt, windet sich, dreht sich verzweifelt auf meiner Hand. Mir aber ist einer der Momente beschieden, wie sie nur der intim sich einlebende Naturfreund als Glücksstationen seines Lebens zählt.
Zum erstenmal lebt, bewegt sich vor mir ein Exemplar des wunderbaren, sagenumwobenen Apus, des „Ohnfußes“, wie das lateinische Wort übersetzt heißt, des „Kiefenfußes“, wie er in sehr schlechter Unterscheidung vom Kiemenfuß deutsch benannt zu werden pflegt.
Nun, da die zappelnde Schildkröte abwechselnd sich auf Rücken und Bauch dreht, genügt ein Blick, um den Umriß des Leibesbaues erkennen zu lassen, — des über alle Maßen kuriosen Baues! Die Augen sitzen in der Tat, zwei an der Zahl, fast zum Verschmelzen dicht nebeneinander vorn auf dem Scheitel der Schale. Und ganz wie beim Molukkenkrebs enthüllt auch hier der umgewälzte Deckel an der Bauchseite ein Gewimmel von Beinen, die allerdings im übrigen nicht den scherentragenden Limulus-Beinen gleichen, sondern in der Mehrzahl viel eher an die des kleinen Branchipus gemahnen wollen. Der ganze weiche Leib hängt in der Deckschale nach einem Prinzip, wie wenn wir uns denken, eine Maus soll sich etwa in die leere Rückenschale einer griechischen Schildkröte eingenistet haben. Sie nagt zwei kleine Löcher in den Schildkrötendeckel, preßt Kopf und Buckel bis zum Anwachsen von innen gegen die Wölbung und treibt ihre Augen vor, bis sie oben aus den Löchern gucken. Ein absurdes Bild — und doch steckt der Apus genau so in seiner Glocke, mit Kopf und Nacken angewachsen, die Augen oben durchbrechend und der übrige Leib lose unten nachschleifend. An diesem Leibe sitzen an die vierzig Paar Beine. Nur das erste Pärlein ist aber in eine Art Pfote aus Borsten ausgezogen, die andern sind wirklich wie beim Branchipus gleichartige Wimmelapparate, die nicht nur als Ruder, sondern auch ebenso intensiv als Vermittler der Atmung wirken: also „Kiemenfüße“.
Im Näherbesehen erschien die Schale ganz bernsteingoldig darüber, der eigentliche Leib glühte blutrot und die Füßchen wimmelten braungelblich. Nach hinten lief das Ganze in zwei lange rote Schwanzfäden aus, zwischen denen sich gerade bei dieser Art (dem Apus productus) noch ein Spitzchen vorschob, das noch in etwas an den wirklichen Schwanzstachel des Molukkenkrebses entfernt gemahnen konnte.
Rasch füllte ich mir ein Glas mit den Wundertieren. Ich fügte ein paar Branchipus-Elfchen bei und war im Laufe der nächsten zehn Minuten über die Ernährung der Schildträger belehrt: wie die Tiger fielen die Unholde über die im engen Raum ratlosen Elfen her und begannen sie zu verschlingen. Andere haben gesehen, wie sie sich an junge Kröten hingen und ihnen die Beine abbissen.
Das Jahr der Schrecken 1806 war über Weimar hingerauscht. Nun ebbte die Flut, man fing an, sich wieder einzurichten. Goethe, um sich „von allen diesen Bedrängnissen loszureißen“ und seine „Geister ins Freie zu wenden“, kehrte „an die Betrachtung organischer Naturen zurück“. Als er so die Metamorphose der Lebewesen im Kopf, eines Tages sich bei Jena erging, brachte jemand einen Apus. Und wie er in das Gewimmel der unzähligen Beine des „Ohnfußes“ schaute, blitzte ihm stärker als je auch für das Tierreich das Gesetz auf, das er im Pflanzenreich entdeckt zu haben glaubte. Alle verwickelten Teile waren Differenzierungen eines einfachsten Urschemas: wie aus der schlichten Form des Blattes dort alle vielfältig verschiedenen Gebilde der Pflanze sich logisch ableiten ließen, so bei dem Krebs aus dem Grundtypus des einfachsten Beingliedes, das „immer dasselbige bleibt“ und sich doch im Zwange des Bedarfs in so viel andere Gestalten verwandelt, eine unendliche Komplizierung der Gliedmaßen.
Von diesem Prachtexemplar auf seine Theorie mußte er mehr haben. So bot er einen Speziestaler für einen zweiten Kiefenfuß, für einen dritten einen Gulden und so bis auf sechs Pfennige herunter. Jetzt suchte die ganze Umwohnerschaft von Jena ihre Pfützen und Teiche ab für die verschwenderische Marotte des Herrn Geheimrats. Aber auch ein Minister, der zugleich Goethe war, konnte nicht hemmen, daß er wider das wunderbare Geheim-Gesetz dieser Krabbeltiere stieß und unverrichteter Sache heimziehen mußte. Voraussetzungslos, wie er anscheinend im Jenenser Gebiet einmal aufgetaucht, war der Apus auch ebenso wieder spurlos fortan verschwunden. Goethe erhielt keinen mehr. Immerhin war ihm die Sache wichtig genug, ihr in den „Tages- und Jahresheften“ mehr Raum zu gönnen als der Erzählung vom Tode der Herzogin Amalia.
Die Bauern bei Jena aber werden sich über den verlorenen Speziestaler mit dem getröstet haben, was seit langem fester Volksglaube zur Erklärung des mysteriösen Lebensgesetzes des Apus ist: es war gerade damals einmal wieder ein Stück vom Himmel gefallen.
Diesem Glauben lag eine feste Beobachtung zu Grunde, die wahrscheinlich lange gemacht worden ist, ehe ein Naturforscher sich mit dem Apus beschäftigt hat.
Ein großes, auffälliges Tier, lebt er doch niemals da, wo man ständig sich erhaltende Geschlechter von Wassertieren naturgemäß sucht und findet: in dauernden, sei es fließenden, sei es stehenden Gewässern. Kein Fluß, kein Bach, kein Mühlteich und kein grüner Unkensumpf beherbergt ihn. Jahr aus Jahr ein stellt sich dort das Volk der Fische, der gewöhnlichen Krebse, der Muscheln, Schnecken, Blutegel, Wasserwanzen ein, — wenn auch nicht streng zoologisch, so doch dem Anblick nach jeder neu erwachsenden Generation auch von Dorfjungen bekannt. Aber der Kiefenfuß tritt absolut anders in die Erscheinung.
Ein Platzregen fällt, in flachen Gräben, Wegvertiefungen, Radspuren und Gossen quillt es von himmlischem Wasser vorübergehend — und hier auf einmal tauchen die dicken Schilder auf, oft gleich zu hunderten, wimmeln wie die Gürteltiere und sind ebenso im Nu wieder fort, wenn die Sonne die Regenpfütze aufgetrocknet hat.
Keineswegs jeder Regen aber hat diese Zaubergabe, die Kobolde zu bringen. Jahrzehnte gehen am gleichen Fleck hin, ein Menschenalter und mehr, — jedes Frühjahr prasselt der Regen so und so oft herab und füllt jede Vertiefung bis zum Strotzen: aber die Wasser bleiben leer, als fehle das Schöpferwort. Und dann kommt ein bestimmter Guß plötzlich wieder und alles ist voller Tiere.
Wie soll es nicht der Regen selber sein, der eben in ganz bestimmtem Ausnahmefall die Eigenschaft hat, Tiere mitzubringen?
Regen und Himmel sind dem Volkswitz eins. Was herabregnet aus den Wolken, das „fällt vom Himmel“. Vierzehn Jahre nach jener Begegnung mit Goethe, in der Nacht vom 12. zum 13. August 1821, rauschte über die Vorstädte von Wien ein gewaltiger Gewitterregen. Wochenlang blieben die Rinnsteine im Zustand der Ueberschwemmung — und in diesen Lachen, mitten im Bereich des Straßengetriebes, erschien plötzlich der Apus in wahrhaft ungeheuerlichen Regimentern. Diesmal fühlte der gemeine Mann sich seiner Himmels-Theorie schlechterdings sicher.
Ja, was fällt nicht alles vom Himmel!
Solchem Volksglauben ist theoretisch viel schlechter beizukommen, als die meisten Menschen denken.
Vom Himmel, das heißt wirklich aus dem Weltraum, stürzen Meteorsteine und wirbelt feiner, im Polarschnee und in der Ozeanstiefe nachgewiesener Eisenstaub. Ernsthafte Naturforscher haben im neunzehnten Jahrhundert erwogen, ob wir nicht auch Lebenskeime aus dem All beziehen. Wenn Bazillensporen eine Kälte von zweihundert Grad überstehen, wenn trockene Pflanzensamen zweihundert Jahre keimfähig bleiben, wenn monatelanges Liegen unter der Luftpumpe solche Samen nicht tötet, dann scheint sich ein Weg aufzutun für eine Lebenspost zwischen Stern und Stern. Man braucht diese Dinge nicht für zwingend zu halten, aber in der Theorie muß man mit ihnen rechnen. Doch „vom Himmel“ aus einer Regenwolke — das fordert ja noch nicht einmal wirklich kosmische Zusammenhänge! Eine Wasserhose wirbelt einen Teich in die Höhe samt Inhalt und läßt an einem entfernten Fleck niedergehend die mitgestrudelten Fische tatsächlich „regnen“. Wenn der Vulkan Cotopaxi in Südamerika heißen Schlamm speit, so kommen Legionen toter Fische mit, die wahrscheinlich aus unterirdischen Gewässern mitgerissen sind, und auch sie fallen wie Asche und Bimsstein „vom Himmel“. Nur daß das gerade auf den Apus wieder nicht passen will. Ausgesucht er lebt ja gar nicht in Teichen und ständigen Wassern, aus denen ihn irgend eine Gewalt in die Lüfte entführen könnte. Immer, wo er erscheint, erscheint er schon als ein Produkt des Regens.
Das Wunder im Lebensgesetz des Apus ist schließlich doch aufgeklärt worden. Gegangen aber ist’s dabei, wie so oft. Die wissenschaftliche Enträtselung hat eine viel wunderbarere Sachlage aufgedeckt, als das einfache Herabfallen mit einem Gewitterregen umschließen würde. Dieses wäre ein Zufall amüsanter Art, mit endlich doch irgend einer Ursache nach Art jener Vulkanfische. Der wahre Sachverhalt aber führt in tiefste Bildungsgeheimnisse der Natur, vor denen all unsere Weisheit eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt.
Die offizielle Naturforschung kennt unsern Kobold auch nur dem Aeußern nach noch keine zweihundert Jahre.
In den Zwanzigern und Dreißigern des achtzehnten Jahrhunderts gab Johann Leonhard Frisch eine „Beschreibung von allerley Insekten in Teutschland“ in Quartbänden heraus. Dazu hatte man ihm aus Preußen ein Kuriosum übersandt, das er als „flossenfüßigen Seewurm mit dem Schild“ beschrieb. Er wurde aber auch sofort Vater des mißlichen Namens Apus selbst und zwar auf Grund folgenden Gedankengangs. „Die Füsse“, schreibt er, „haben das allersonderbarste an diesem Wasserwurm; wenn es anders Füsse können genennet werden und nicht vielmehr Floß-Federn, für welche ich sie ansehen muß. Also daß dieses Insekt bei denen, die es für Füsse ansehen, ein polypus heißen muß, bei mir aber apus.“
Nach dem Muster gewisser lateinischer Namen in der Zoologie hätte sich die hübsche Bildung vorschlagen lassen: Vielfüßiger Ohnfuß. Es blieb aber beim Ohnfuß schlechthin, nachdem Linné die Sache sanktioniert hatte. Die nächste Streitfrage war: was es überhaupt für ein Tier im System sein könne?
Klein um 1737 riet auf einen Wasser-Tausendfuß. Damit war der Sprung wenigstens vom Wurm zum Gliederfüßler gemacht. Gliederfüßler sind aber auch die Krebse. Und zu denen verwies den Apus mit sieghafter Energie 1756 der treffliche Zoologe und Pfarrer von Regensburg, Johann Christian Schäffer.
Er ist der Altmeister aller unserer Apus-Weisheit, und wenn herrschende Zeitmeinungen nicht stärkere Fäuste hätten als stille Beobachterehrlichkeit, so hätte er allein schon den ganzen Knäuel der Streitfrage glücklich auseinander gewickelt.
Jeder Feinschmecker kennt die Eier unseres Flußkrebses, wie sie zu Hunderten das Weibchen an seinem Hinterleibe noch lange nach der Ablage wie in einem Nest mit sich herumträgt. Und wer diese durchaus irdische Vorsorge für die Unsterblichkeit der Gattung betrachtet, der wird schwerlich vermuten, daß dieser Krebs durch eine Sorte kosmischer Urzeugung „vom Himmel falle“. Die gleiche Wahrscheinlichkeit wurde denn auch für Herrn Apus ziemlich gering in dem Moment, da Schäffer nachwies, daß auch hier die Weibchen unter ihrer Schale ebenso mütterlich brav die Eilein in stattlicher Zahl mitführen.
Und die Frage spitzte sich zunächst jetzt auf die engere zu, was aus diesen Eiern würde. Die Regenpfützen mit den Kiefenfüßen trockneten eines Tages aus. Das bedeutete den Tod der Kobolde, deren Kiemenatmung einzig dem Wasser angepaßt war. Aber welches Schicksal erfuhren die Eier dabei?
Hier kann nur die Untersuchung an Ort und Stelle helfen. Diese lehrt mit vollkommenster Sicherheit, daß im trockenen Bodensatz eines leeren Tümpels, in dem eine Apusgeneration gehaust hat, die kugelförmigen rotbraunen Eier noch wohl erkennbar vorgefunden werden. Man kann sie aufnehmen, trocken bewahren, jahrelang bewahren, — und wenn man dann einen Guß Wasser darauf gießt, so erwachen sie wie Dornröschen, ein Embryo gestaltet sich, endlich kriecht eine etwas über einen halben Millimeter lange, höchst possierliche Larve mit drei Paar derben Ruderfüßen und einem Cyklopenauge aus, und aus der wird durch eine fortgesetzte Kette rascher Verwandlungen — der echte Apus.
Damit ist ein Streitpunkt sofort klar.
Das plötzliche Auftreten des Ohnfußes in einem jahrelang trockenen Graben kann zwar indirekt Ergebnis eines Regens sein, doch nur auf dem Wege, daß jahrelang vorher abgelegte und im Staube konservierte Eier durch die neuerdings hinzukommende Feuchtigkeit „erweckt“ werden und plötzlich eine Apusgeneration in dieses Regenwasser hineinproduzieren.
Der Naturweg ist dabei der durchaus hergebrachte, bloß schaltet sich die Tatsache ein, daß zwar der eigentliche Apus in Person nur gedeihen kann im Wasser, daß dagegen seine Eier eine schier unzerstörbare Trocken-Festigkeit haben.
Ein weiterer Schluß wird möglich.
In diesem feinem Staub-Dasein kann ein solches Apus-Ei von der Stelle, da es abgelegt wurde, mit dem zugehörigen Staube auf die Wanderschaft kommen. Es ist — neuere Staubfälle haben es erst wieder bewiesen — schier unglaublich, wie weit Staub fliegt. Hat sich eine Apus-Generation draußen im Felde in einem tiefen Weggeleise oder einer Wegunebenheit einmal entwickelt gehabt und bleiben ihre Eier hier liegen, so ist es fast selbstverständlich, daß der Wind sie nachher mitwirbelt und verfrachtet. Wie viel Staubwolken mögen jenem Gewitterregen von 1821 in Wien vorausgegangen sein! Wie viel Grabeninhalt mag da zusammengeweht, in die Vorstädte hineingeblasen sein! Staub — und im Staube Apus-Eier. Wo dicke Steinkörner fliegen, warum nicht sie! Nun liegen sie im Rinnstein und der Regen strömt: warum soll hier nicht glücken, was dem Beobachter, der mitgebrachte Apus-Eier in seiner Studierstube befeuchtet, ausnahmslos gelungen ist?
Schäffer zu seiner Zeit geriet aber schon auf eine geradezu raffinierte Komplizierung der Sache. Er untersuchte so und so viele Einzeltiere des Apus und stellte fest, daß es immer und immer und immer wieder Weibchen waren. Es gelang ihm mit allem Fleiß nicht, ein einziges Männchen zu entdecken. Was bedeutete wieder das?
Herr Schäffer beobachtete aber noch mehr, und zwar jetzt etwas, was nach den Regeln der in seiner Schule hervorgebrachten Logik und Wissenschaft einfach nicht sein durfte.
Er sammelte eine Anzahl Eier einer solchen ausschließlich weiblichen Generation. Aus diesen Eiern gingen junge Apuslein hervor. Wieder waren es Weiblein. Schäffer brachte „jedes besonders“ und erwartete, was diese Einzelhaft ergeben würde. „Es gelung mir,“ erzählt er, „daß einige fortlebten, und ich erhielte auch von diesen Eyer und von denselben Junge. Dieses war mir Beweises genug, daß diese Kiefenfüße auch ohne Befruchtung fruchtbare Eyer müßten in sich gehabt und von sich gegeben haben.“
Hier aber fiel dem braven Meister das Herz in die Hosentasche.
Das ging nicht. Das verstieß gegen das urverbriefteste Adam- und Eva-Gesetz der Natur. Nachdem er den wahren Sachverhalt praktisch gesehen, dekretierte er also kraft seiner Schultheorie etwas, was weder beobachtet noch richtig war.
Er behauptete nämlich, der Apus sei heimlicher Zwitter, also Mann und Weib in einem Leib.
Schäffer, anderthalb Jahrhunderte vor Darwin, merkte nicht, daß in der mysteriösen Fähigkeit der Apus-Weiblein, wie er sie erlebt hatte, eigentlich eine ganz famose Anpassung stecken mußte.
Der Ohnfuß hatte sich nun einmal darauf eingestellt, statt in echten Dauergewässern in zufälligen Regentümpeln seine Bahn fortzusetzen. Schon das war wohl alte Anpassung: in solchen Tümpeln gab es ja keine bösen Fische, die ihn fressen konnten, dagegen kleineres Gesindel für seine eigene Lebenstafel die Menge. Nun — mit diesem Tümpel-Leben war wieder verknüpft der Staubtransport der Eier. Wie sinnreich aber griff hier jene Gabe der einsamen Weiblein ein, falls sie wirklich bestand!
Ein einziges windverwehtes Ei, wofern es einen weiblichen Apus lieferte, konnte das ganze Volk an seiner Stelle auf lange Generationen hin retten. Es war ja bei solcher Luftpost ganz und gar nicht sicher, daß gerade stets Keime zu beiden Geschlechtern in der gleichen Regenpfütze zusammengeweht werden sollten. Wie oft mochte nur eines kommen. Und war das dann nur weiblich, so rettete es doch das Haus Apus. War aber alles eine Weile im Gange so gewesen, dann mußte die Geschichte eines Tages sogar noch viel wichtiger werden.
Denn wenn es, wie in Schäffers Experiment, immer so ging, daß von all den Apus-Weibern, die sich jungfräulich fortpflanzten, abermals nur Weiber kamen, so mußte gar bald ein gewaltiges Plus überhaupt von Apusfrauen in der Welt entstehen gegenüber der Zahl der Männer. Doppelt und dreifach unwahrscheinlich dann, daß jede Regenpfütze beide Geschlechter erhalten sollte, doppelt und dreifach von Nöten also jene glückliche Gabe der einsamen Jungfrauen! Waren doch tatsächlich die Männchen heute im Ganzen so selten, daß Schäffer an seinem Fundort überhaupt keine gefunden hatte.
Doch das alles wollte unser Forscher selber nicht haben, es widersprach ihm in der Grundtatsache einem „Naturgesetz“. Daß ein vom ersten Tage an in Isolierhaft gesetzter Krebs Nachkommen bringen solle, schien ihm und seiner Schule noch ein Teil lächerlicher, als daß ein leibhaftiger Krebs vom Himmel fiel.
Die Zeit lief, und eines Tages wurde, wie es schien, das Unzulängliche gar auch noch Ereignis.
Im neunzehnten Jahrhundert, 1841, zergliederte Zaddach den Apus und behauptete, Schäffer habe ernstlich recht: die vermeintlichen Apus-Weibchen besäßen auch einen heimlichen männlichen Bau, seien also echte Zwitter im Sinne einer Blüte, die Staubgefäße und Griffel in ein und derselben Blumenkrone trägt. Und das wollte der Mann jetzt gesehen haben.
Die Wahrheit meldete sich diesmal schon nach sechzehn Jahren. 1857 führte sie nämlich einen Forscher, Kozubowsky, an einen Tümpel bei Krakau, in dem wohlentwickelte, in jedem Betracht unverkennbare Männchen des Apus sich tummelten.
Nunmehr war aber die Sache auf der Spitze. Der Apus kämpfte gegen ein „Naturgesetz“. Wer würde siegen?
Inzwischen war indessen über den alten Schulmeinungen etwas Gras gewachsen. Eine Zoologen-Generation stand im Vordergrund, die mindestens eins nicht mehr hatte: philosophische Angst innerhalb ihres Fachs. Im achtzehnten Jahrhundert hatte die Philosophie die Zoologie vergewaltigt. Was man sich dort nicht denken konnte, das durfte hier nicht sein. In der Zeit der Schelling und Hegel schlug das um. Jetzt in der zweiten Jahrhunderthälfte des Neunzehnten riß schon sozusagen ein frecher Ton ein. Die Philosophie hatte sich hinter die Erfahrung zu konzentrieren! Wenn es der Zoologie Spaß machte, alle ihre eigenen Lehrsätze zur Abwechselung noch einmal in die Luft zu sprengen, so hatte die Philosophie das eben hinzunehmen. Schließlich mußte sie ja sogar den Darwin schlucken. Und gegen den war die „Jungfernzeugung“ doch immer noch eine kleine Sache!
So wenig Skrupel diese Forschergeneration vor philosophischen Traditionen oder Traditionen überhaupt hatte, so viel hatte sie aber vor der Sorgfalt ihrer Detailstudien. Keine Zeit vorher hatte in der Biologie auch nur eine blasseste Ahnung gehabt von den Anforderungen an Genauigkeit, die jetzt gestellt wurden. Darwin selber, der heute so gern schon wieder zu den „Theoretikern“ verrechnet wird, war ein Mustertypus dieser Sorte genauer Beobachter, hinter dessen Sätzen, mochten sie noch so theoretisch klingen, eine Arbeitsleistung an kleiner Materialprüfung stand, vor denen älteren Naturforschern gegraut hätte. Unsagbar viel Mühe und Arbeit ist die Zoologie des neunzehnten Jahrhunderts gewesen.
In die Hände eines solchen „Arbeiters“ fiel denn endlich in den sechziger Jahren auch der Apus.
Siebold hatte sich als Lebensaufgabe gestellt, dem Rätsel jener „Jungfernzeugung“ (Parthenogenesis) endlich einmal „mit Hebeln und mit Schrauben“ auf den Leib zu rücken.
Er ging daran jenseits von Theorie und Gegentheorie. Die wirkten auf ihn bloß wie die Sage von einem Schatz. Da stand ein Sandberg. Der Schatz lag entweder darunter oder nicht. Das würde sich ja zeigen. Aber einstweilen war jedenfalls nötig, daß man ein Sieb nahm und den ganzen Berg Probe für Probe durchsiebte. War auch nur eine Goldmünze darin, so wurde sie so jedenfalls gefaßt. Und das Resultat stand für immer. In diesem Sinne behandelte Siebold auch den Apus.
Von 1864 bis 1869 unterzog er eine Lehmpfütze bei Goßberg in Franken, in der sich der Apus gezeigt hatte, einer systematischen Ausforschung; das Wort ist in diesem Fall das umfassend-richtige. Jahr für Jahr wurde die Pfütze auf ihren Apus-Inhalt geprüft, wurden die Apus-Individuen bei lebendigem Leibe auf ihr Geschlecht untersucht. Mehrfach in den Jahren wurde das so radikal betrieben, daß kein Stück in der ganzen durch- und durchgesiebten Pfütze ohne einen kritischen Blick des Professors passierte. Im ganzen kamen so 8521 Krebslein zur Musterung.
Das Ergebnis der Statistik war, daß in diesen sechs Jahren in den sechs Generationen des Hauses Apus kein einziges Männchen aufgetreten war, während das Volk sich doch gemehrt hatte wie der Sand am Meer.
Damit war endgültig festgelegt, daß im Hause Apus eine pragmatische Sanktion stattgefunden hat, kraft derer das uralte Adam- und Eva-Gesetz auf mindestens sechs Jahre hier außer Geltung gesetzt und dafür eine weibliche Erbfolge durch Jungfernzeugung eingeführt werden kann.
Wir wissen heute genau, daß die Dynastie Ohnfuß nicht die einzige ist, die im Drang der Sachlage solche Ausnahmeparagraphen des natürlichen Ehekodex sich selber gesetzt hat.
Die Blattläuse haben es genau so gemacht. Im Frühjahr kriecht hier aus befruchteten und überwinterten Eiern eine erste Generation, das sind nur Weibchen. Diese Weibchen erzeugen, ohne jemals Liebe und Heirat kennen zu lernen, eine neue Folge lebendig geborener Läuslein, — abermals lauter Töchter. Diese also schon aus Jungfernzeugung stammende Töchtergeneration erzeugt genau so ein Volk Enkelinnen. Und das geht jetzt fort im Eilschritt durch neun Generationen noch in dem gleichen Sommer. Endlich die neunte Amazonenschar gerät wieder aus dem Ausnahmeparagraphen heraus in den Adam- und Eva-Kodex, wenigstens für ihre Kinder: sie bringt sowohl Söhne als Töchter hervor. So entsteht im zehnten Gliede im Herbst endlich wieder eine Normal-Heirat, deren Ergebnis die befruchteten Eier sind, die jetzt überwinternd das ganze Märchen wieder von vorne beginnen lassen.
Am meisten Aufsehen aber hat mit Recht die Entdeckung gemacht, daß auch unser vertrautester Freund aus dem ganzen Insektenvolk, die Biene, seit alters ganz gemütlich dicht neben uns jene Sanktion des „Unmöglichen“ besitzt. Dzierzon (Dsjärschon ausgesprochen), der Altmeister unserer Bienenkunde, der heute noch als Neunziger lebt, hat schon 1845 nachgewiesen, daß die Bienenkönigin in ihrer Person die wundersame Doppelgabe vereinigt, entweder normal befruchtete Eier zu legen, aus denen aber hier allemal nur Töchter (Arbeiterinnen oder wieder Königinnen) hervorgehen, — oder aber durch Jungfernzeugung unbefruchtete, denen jedesmal ein Sohn — eine Drohne — entwächst. Im verwickelten Haushalt dieser sozial lebenden Bienen ist die Sanktion eben noch zu einem viel verwickelteren Hausgesetz geworden, das schriftlich aufgezeichnet manches Pergamentblatt füllen würde.
Es war auch gerade Siebold, der diese große Bienen-Entdeckung des Imkers Dzierzon durch streng wissenschaftliche Nachprüfung seiner Zeit zur unbestrittenen Geltung bringen sollte. Erst in den letzten Jahren des eben abgeschlossenen Jahrhunderts ist die Sache hier dann noch einmal mit großer Energie bezweifelt worden. Dickel in Darmstadt und andere Bienenkenner haben Siebolds Angaben über das unbefruchtete Drohnen-Ei aufs Heftigste angegriffen, und wenig hätte gefehlt, so wäre das ganze Problem wenigstens an dieser Ecke schließlich doch noch wieder neu aufgerollt worden. In den letzten drei Jahren haben indessen minutiös genaue mikroskopische Untersuchungen der Bieneneier, die im Freiburger zoologischen Institut von zwei Schülern August Weismans, Paulcke und Petrunkewitsch, angestellt worden sind, die Sache endgültig entschieden — und zwar genau im Sinne Dzierzons und Siebolds. Das Drohnen-Ei bleibt unbefruchtet und entwickelt sich trotzdem zu einem fertigen Tier.
So war das Liebesleben des wunderlichen Heiligen erträglich aufgehellt und sein besonderes Mirakel hatte wenigstens Gesellschaft in der großen Tierarche gefunden.
Kleine Rätsel blieben ja noch immer in seinem Gesamtleben und sie sind noch heute da.
Ich sagte: man versteht als glückliche „Anpassung“, daß Freund Apus die kleinste Bodenrinne, wofern sie nur Regenwasser enthält, dem schönsten Dauerteich vorzieht, weil er dort keine Fische findet, die ihn bedrohen könnten. Aber darum bleibt doch wunderbar, wie er heute dieses Prinzip durchsetzt. In der erdrückenden Mehrzahl der Fälle scheint es eine absolute Notwendigkeit, daß die Pfütze, in der er sich in diesem Sommer etwa entwickelt hat, hinterher austrocknet, wenn seine Eier überhaupt entwickelungsfähig bleiben sollen. Zwar im Wasser abgelegt von Eltern, die nur im Wasser leben können, bedürfen die Eier selbst geradezu eines Interregnums von absoluter Dürre, eines Staub-Stadiums, wenn sie bei dann wieder erfolgender Befruchtung wirklich junge Kiefenfüße ergeben sollen. So wie die Pfütze sich zur Dauer wendet, etwa durch eine Folge regenreicher Monate über ihre gewöhnliche Zeit naß bleibt, naß überwintert, kurz, überhaupt eine Neigung zum Uebergang in einen echten kleinen Teich zeigt, — bleiben die Apus-Eier im nassen Grunde liegen, ohne sich zu entwickeln.
Schopenhauer würde sagen, der Wille zur Arterhaltung ist hier bis ins Ei mächtig: wo das fertige Tier Gefahr laufen würde, da macht schon das Ei Kehrt. Regentümpel will es, keine Teiche, und wenn die Pfütze sich zum Teich macht, so streikt es einfach und liefert dieser abtrünnigen Dauer-Pfütze schon gar kein Material an Apus für ihre gefährlichen Neuerungen aus.
Wir benutzen heute vor solchem Vorgang das Wort „Vererbung“, das aber auch nur ein Wort eben für die allgemeine Tatsache ist, daß es Wirkungen und Handlungen in der Natur gibt, die nicht bei dem Halt machen, was wir Individuum zu nennen pflegen, — Handlungen, bei denen die ganze „Art“ mit ihrer Generationenfolge nur wieder als ein geschlossenes Ganz-Individuum erscheint mit durchlaufenden Wirkungen.
Aber der Apus müßte kein Krebs und noch dazu ein außergewöhnlicher Krebs sein, wenn der Faden seiner Legende bei diesen kleineren Sachen schon abreißen sollte.
Ein außergewöhnlicher Krebs will etwas heißen.
Unerschöpflich schier ist ja, was das Volk der Krebse geleistet hat an abenteuerlichen Formen und Verwandlungen. Ein bunter Maskenzug rollt dem Auge des Naturforschers da vorbei, grausig oft, oft lächerlich und oft wieder sinnvoll bis zum Hinreißen gleich der tollen Phantasmagorie, die dem heiligen Antonius in Flauberts wilder Dichtung vorüberzieht.
Da kommt der Makrocheira-Krebs Japans, dessen Riesenbeine drei Meter klaftern und daneben das winzige Temora-Krebschen unserer deutschen Meere, von dem 60000 Individuen im Magen eines einzigen Herings gefunden worden sind.
Da kommt der Pyrocypris-Krebs, der, wie der Tintenfisch seine Tinte, eine smaragdgrüne oder azurblaue Leuchtflüssigkeit aus sich heraussprudelt, die so grell leuchtet, daß sie selbst bei Tage vorblitzt; gleich dem Tintenfisch, den seine pechschwarze Wolke plötzlich den Blicken der Verfolger entzieht, dient auch diesem Leuchtkrebs sein ausgeschüttetes Lichtbad als Tarnkappe, da er selber in dem allgemeinen Glanz verschwimmt.
Es kommen die Krebse, die ein Oelreservoir im Leibe führen, das sie wie ein Schwimmgürtel immer „oben“ schwimmen läßt.
Der Schmetterlings-Krebs Notopterophorus naht, dessen Rückenhaut zu riesigen Ruderflügeln ausgezerrt ist. Die grüne Pontellina fliegt wirklich auf solchen Fallschirmen wie ein fliegender Fisch über den Meeresspiegel dahin, und der Pfauenkrebs Calocalanus des Mittelmeers schwebt in der Flut mit einem besonderen Apparat an der Hinterspitze aus acht orangeroten Pfauenfedern.
Der Einsiedler-Krebs birgt nicht nur seinen weichen Hinterleib in einem leeren Schneckenhause, sondern er schleppt auf diesem Schutzhause auch noch eine dort festhaftende lebendige Seerose herum, mit der er in gegenseitiger Schutzgemeinschaft lebt, denn die Seerose verteidigt ihn mit ihrem furchtbaren Nessel-Apparat, während er sie, die von Natur nicht laufen kann und doch, Tier wie sie ist, fressen will, neuen Futterplätzen zuführt.
Aber dieser Krebs mit seiner Schnecke huckepack klimmt nächtlich als Birgus-Krebs auch auf die Koralleninseln der Tropenmeere, um wie eine Ratte sich über die leckeren Kokusnüsse herzumachen, und die „Landkrabbe“ Westindiens, der Gecarcinus, ist gar zum reinen Landtier geworden, das gleich der Kröte nur noch zur Fortpflanzungszeit einmal das Heimatelement zu kurzem Badeaufenthalt besucht. Doch auch aus unsern dunkeln Hauswinkeln kriecht ein solcher Landkrebs, seit Urtagen völlig dem Wasser entzogen, wenn auch noch an feuchte Orte gebannt: das Kellertier oder der Kelleresel.
Wieder im Wasser aber naht die Hyperia mit ihren Riesenaugen, sie wohnt in einem herrlichen bunten Kristallschiff, nämlich mitten in einer lebendigen großen blauen Meduse.
Umgekehrt im zierlichsten glashellen Tönnchen, das ihr gerade Raum genug gibt, steuert samt ihrer Brut die Frau Phronima: das Tönnchen ist auch hier nichts anderes als der innen hohl ausgefressene Leib eines hilflosen anderen Tieres, einer sogenannten Salpe.
Die chilenische Fabia haust wie ein Bandwurm im Darm eines lebendigen Seeigels, ein anderes Krebschen wandert schon als Larve ins Innere der Seegurken ein und läßt in der stygischen Finsternis da drinnen sogar seine Augen als überflüssig zuwachsen.
Die Lernäonema bohrt sich mit dem Kopf ins Auge des Herings.
Und ein Krebs ist auch die berühmte „Walfischlaus“, die schon Goethe besungen hat. Mysis-Krebschen, noch nicht einen Zoll lang, sind es, die diesen Koloß, den Walfisch, zugleich mästen, daß er seine 30000 Kilogramm Speck ansetzen kann — jede Schätzung erlahmt vor der Zahl, die dazu nötig ist.
Immer spukhafter marschiert die Reihe daher. Da ist der scheußliche Wurzelkrebs, der sich an einen Taschenkrebs anheftet und ein schauerliches Gespinnst wie eine wirkliche Pflanzenwurzel schmarotzernd durch das ganze Innere des unfreiwilligen Wirtes treibt.
Da ist die „Entenmuschel“, ein Krebs, der sich auf den Kopf stellt, mit einem festen Stil anheftet wie eine Auster und die Beine nach oben aus der Schale streckt wie Staubfäden einer Blüte; bei diesen Entenmuscheln, die kein Laie je für Krebse halten wird, sind die eigentlichen großen Exemplare wirklich Zwitter, wie Schäffer es einst beim Apus argwöhnte, außerdem leben aber noch kleine Zwergmännchen parasitisch wie Läuse an ihrem Leibe.
Da sind die Tiefsee-Krebse, die dem kolossalen Druck da unten stand halten, teils blind, weil sie keine Augen brauchen in der sonnenfernen Finsternis dieser Wasserkatakombe, teils leuchtend und mit Riesenaugen durch diesen eigenen Laternenschein spähend.
Da sind die Farbenänderer, die Garneelen, die auf diesem hellen Bodengrunde hell aussehen, auf jenem dunkeln dunkel je nach Bedarf, — und die Ganzdurchsichtigen, wie der Krebs Thaumops (Wunderauge zu deutsch) im atlantischen Ozean, der so absolut glashell ist, daß kein Fisch ihn im blauen Wasser erkennen kann, und die lichthellen „Krabben“, die so lichtdurchlässig sind, daß sie in der Sonne keinen Schatten werfen, sondern einen Lichtreflex wie ein Brennglas ......
Wieder in diesem ganzen Zauberzuge sind es aber doch nur zwei Gestalten, an die der Apus gemahnt hat, so lange man sie und ihn kennt. Freilich die allerseltsamsten. Jeder steht am Himmel unseres Denkens wie ein einsamer Stern, losgerissen zunächst von jedem größeren Sternbilde, wie von der Milchstraße des bekannteren, eng zusammengehörigen Haupt-Krebsgeschlechts.
Das erste dieser Tiere mußte ich schon erwähnen, um den Apus selber überhaupt beschreiben zu können.
Es ist der Limulus, der „Molukkenkrebs“. Unsere Aquarien haben ihn so populär gemacht, daß manches Berliner Kind in seiner Kenntnis dem ganzen klassischen Altertum hier über ist. Selbst der große Aristoteles und das Sammelgenie Plinius hatten noch keine Ahnung von diesem Schildkrötenkrebs. Mit dem lebhafteren direkten Molukkenhandel, wie er im Gefolge der Umsegelung Afrikas sich allmählich ergab, fanden die ersten getrockneten Exemplare als ein schaudernd angestauntes Mittelding zwischen Schildkröte und Riesenspinne im sechzehnten Jahrhundert ihren Weg nach Holland. 1603 gab Clusius das erste Bild. Von da ab wurde der groteske Geselle ein beliebtes Objekt für die Zeichner von Naturwundern. Im neuen System aber war man um so besorgter, wohin damit.
Er hatte Krebsscheren und hauste im Meer, also mochte er ein Krebs sein.
Schäffer aber, als er seinen Apus aus dem Süßwasser als Krebs feststellte, bemerkte sogleich die äußere Aehnlichkeit des großen Molukkengastes und des kleinen Landsmanns, die heute noch jedem auffällt: er nahm den Limulus schlankweg als eine riesige Apus-Art.
Im neunzehnten Jahrhundert sickerte aber erst langsam, dann unaufhaltsam wachsend eine Neigung durch, den Molukkenkrebs, wenn er denn einmal Krebs bleiben sollte, gänzlich von allen andern (also auch dem Apus) loszutrennen und für sich als Ordnung ohne jeden engeren Anschluß zu verrechnen.
Inzwischen war ein geographisches Faktum bekannt geworden, das noch wieder zu denken gab: der paradoxe Limulus war nämlich, nachdem man ihn so treffsicher bisher Molukkenkrebs nach seiner Heimat getauft hatte, auch an der Küste von Florida, also in Amerika, entdeckt worden.
Ihn konnte kein Sturm dahin verfrachtet haben wie den kleinen Apus.
Dieser Apus hat ja eine geradezu kosmopolitische Verbreitung. Er ist bis jetzt nachgewiesen außer in Europa in Algier, am Himalaya, bei Peking, in Australien, Tasmanien, Neu-Seeland und Nordamerika, — ja der Gletscherapus (Apus glacialis) geht am Kap Krusenstern in Nordamerika (68½ Grad nördlicher Breite) und bei Jakobshafen in Grönland bis dicht an die äußerste Polargrenze tierischen Lebens auf Erden. Leicht begreift man das bei ihm, dem Sturmfrohen, der mit der Staubwolke über Land, Meer und Eis reist. Ihn könnte man sich träumen, wie er als Ei mit Krakataua-Asche rund um die Erde fliegt.
Aber beim großen Limulus der Tropenmeere fällt das alles fort und nur die vage Vermutung kann aus solcher extremen Vereinzelung an zwei verschiedensten Erdstellen den Schluß ziehen, es möchte sich um ein uraltes Tier halten, das in Zeiten zurückdeutet, da anders gestaltete Meere und Festländer die Erdkugel bedeckten, andere Lücken und Brücken die Wanderungen der Tiere bestimmten. Und diese Vermutung wird in der Tat sogleich bestätigt durch den Bau des Geschöpfes.
Was an diesem für Trennung von allen übrigen Krebsen sprach, war von Anfang an vor allem die Art der Freßwerkzeuge.
Wir erinnern uns, wie der alte Goethe sich als tief denkender, seiner Zeit weit voraufeilender Naturforscher an den vielen gleichartigen Wimmelbeinen des Apus erfreute. Sie schienen ihm noch eine einfache Grundform der Beine darzustellen, die beim höheren Krebs schon unendlich differenziert sich erweist.
Indessen zeigt sich doch bei diesem Apus genau wie bei den übrigen bekannten Krebsen eins schon deutlich gesondert: neben den Beinen finden sich ausgesprochene Körperorgane, die als Zangen, Kauer, Verarbeiter für die engeren Ernährungszwecke, mit einem Wort als „Freßwerkzeuge“ dienen. Wenn mein Apus im Glase den kleinen Branchipus packte und auffraß, so geschah das mit regelrechten Kiefern in der Nähe seines Schlundes, Kiefern, die mit den vielen Wimmelbeinen zunächst nichts zu tun hatten. Immerhin aber könnte man sich, wenn man solche Beißkiefern sinnend in Goethes Gedankenzug beschaut, recht wohl ausdenken, noch ein Stück weit ursprünglicher wären auch diese Kieferzangen nur packende Greifbeine gewesen, Mundbeine mit der Aufgabe, die gepackte Nahrung klein zu zupfen.
Und da jetzt ist es, als trete der Limulus zur Probe ins Exempel.
Er hat noch gar keine Kiefer, sondern er kaut buchstäblich mit den Beinen.
Man denke sich, bei uns wäre der Mund mitten auf die Brust gerutscht und die Zähne säßen ziemlich weit nach oben auf den Armen und die Nahrungsbissen würden zwischen diese Oberarme geklemmt und von denen so lange hin und hergerieben, bis sie ordentlich zerkaut wären. So im Prinzip macht es der Molukkenkrebs.
Der Molukkenkrebs kaut nicht nur mit den Beinen. Er atmet auch mit ihnen, hat regelrechte „Kiemenfüße“ wie unser Apus. An den Fühlern, von denen im Gegensatz zu den echten Krebsen nur ein Paar da ist, trägt er Scheren wie ein Skorpion. Und im Blute führt er nicht Eisen, sondern Kupfer.
So will er in kein System.
Noch heute gibt es angesehene Forscher, die ihn für ein verkapptes Spinnentier, einen urtümlichen Wasser-Skorpion halten.
Uralt ist er sicher. Eine Welt taucht hinter ihm auf, in der die Fugen unseres Tiersystems sich wirklich noch lösen, — in der das Bild der Spinne und des Skorpions verschwimmt mit dem des Krebses, verschwimmt zu Stammformen, deren Urenkel erst getrennte Linien einschlugen. Das war aber nicht gestern oder vorgestern. Die Melodie der Jahrmillionen erklingt.
Ihr Leitmotiv führt uns zunächst bis an den fränkischen Strand, wo der Urvogel Archäopteryx über das seichte Wasser strich und sich wie eine Möwe gelegentlich mit den zahnbewehrten Kiefern einen Krebs herausgeräubert haben mag. Im steingewordenen Schlamm von Solnhofen liegen unverkennbar deutlich abgeprägt schon echteste Molukkenkrebse, — auf deutscher Erde, nicht allzu weit von der Gegend, wo Siebold die Wunder des Apus studiert hat.
Aber die Melodie rauscht noch viel weiter. Sie lockt bis hinter die Steinkohlenzeit. Da taucht dieser Molukkenkrebs auf wie in einem Nebel, halb schon er selbst, halb noch ein wieder anderes, in seiner Art noch wieder seltsameres Wesen.
Sein groteskes Schild wird zur schmalen Sichel, zwischen Schild und Schwanzstachel aber löst der Hinterleib sich in einzelne Ringel auf wie bei einem Kelleresel, und diese Ringel lassen sich einrollen, daß der ganze Kerl wie ein Murmelstein unserer spielenden Kinder sich kugelt.
Immer aber sind es noch die sicheren Vorfahren unseres großen krabbelnden Aquariumsgastes. Denn heute noch, wenn der sich aus dem Ei bilden soll, wächst er sich zuerst zu einer Larve aus, die hastig auf dem Rücken schwimmt, wie unser Branchipus, — und diese Larve zeigt den gleichen asselhaft zerkerbten Hinterleib jenseits des sichelförmigen Schildes. Es ist die Handschrift jenes geheimnisvollen Gesetzes, das die Kinder von heute noch einmal die Züge der Urahnen vor Millionen von Jahren traumhaft flüchtig annehmen läßt: des Gesetzes, das auch dein Hühnlein im Ei noch einmal die Kiemenspalte des Fisches in den Hals gräbt.
Dem Blicke aber, der sich so weit in die Schöpfungsmeere der Vorwelt hat verlocken lassen, wächst dort neben den Ahnen des Molukkenkrebses eine neue, fortreißende Vision wundersamster Krebstiere, die heute allerdings völlig die Erde verlassen haben.
Kein Aquarium zeigt sie mehr. Da ist der „Seraphim“, der Stein-Engel, ein Koloß, für den unsere Aquarien freilich ganz anders große Becken herstellen müßten, als für den molukkischen Limulus. Die schottischen Arbeiter nennen ihn so, wenn aus ihrem Steinbruch plötzlich ein Ungetüm fällt wie eine nahezu zwei Meter lange versteinte Mumie mit zwei riesigen Flügeln. Die Flügel sind aber Krebsscheren und das Ganze ist der Pterygotus, der Flügel-Krebs, an Leibeslänge gewaltiger als je wieder ein Krebs geworden ist. Hier tritt die Aehnlichkeit mit dem Skorpion schon äußerlich stark hervor. Aber auch dieser Flügler war wohl immer noch ein Verwandter jener Ur-Molukkler, deren Zeitgenosse er auch gewesen ist. Beide doch waren noch nicht da, als bereits ein kleineres Krebsvolk viel tausend- und tausendköpfig die Ozeane eroberte, — das Volk, in dem alle Linien unserer letzten Kenntnis vom krebslichen Wesen auf unserm Planeten zusammen- und — vor eine verschlossene Tür laufen.
Im tiefsten Abendrot des siebzehnten Jahrhunderts lenkte der Engländer Lhwyd (Luidius) noch die Aufmerksamkeit der Forscher auf etwas, was er gefunden hatte. Ja was? Etwas Versteinertes, — es schienen ihm unklare Bruchstücke von Fischen zu sein.
Die ersten Nachprüfer, die den Gegenstand selber auch an anderen Orten ohne Mühe in uralten Gesteinsschichten auffanden, rieten eher auf Muscheln. Seltsame, dreigeteilte Muscheln müßten’s schon gewesen sein. Concha Triloba nannte man’s in der Gelehrtensprache. Daraus ist nachher das Wort „Trilobiten“, die Dreigeteilten, Dreiteiler, Dreilapper, geworden, das bis heute bei der Sache geblieben ist, obwohl man jetzt sicher weiß, daß es sich nicht um Muscheln handelt.
Was so umdeutet anfängt, pflegt ja eine große Merkwürdigkeit zu werden, vollends wenn sich herausstellt, daß es ein — Krebs ist.
Shaw im achtzehnten Jahrhundert betrachtete annähernd vollständige Exemplare und riet auf versteinerte Raupen. Das müßten aber schon hart gepanzerte Raupen gewesen sein. Wie nahe berührt sich das im äußeren Bilde bereits mit einem Kelleresel, also einem Krebs!
Nun hatte Klein eben den Apus für einen Tausendfuß erklärt, und so kam 1750 Mortimer auf die Idee, der raupenartige Trilobit sei am Ende eine Art Apus. Der Apus war aber trotz Klein in Wahrheit ein Krebs und so geriet auch der Trilobit als Apus-Sorte bei Linné glücklich zu denen.
Gezweifelt worden ist aber bis ins neunzehnte Jahrhundert. Noch ein Kenner wie Latreille schrieb 1821, daß er das Tier so lange bei den Muscheltieren festhalte, bis einer Beine daran entdeckte und dann sei es halt doch ein Tausendfuß. Diese Beine haben noch viel Mühe gemacht, gerade an ihnen aber ist die Krebsnatur schließlich am deutlichsten nachgewiesen worden.
Auch der Trilobit ist dem Apus in der Tat äußerlich zunächst auffallend ähnlich. Er hat das große schildkrötenhafte Schild, aus dem nach oben die Augen lugen. Aber auch bei ihm ist es durchweg dann, als sei in dieses Schild ein langes Kellertier mit dem Kopf eingewachsen, so, daß die Ringelreihe des Leibes hinten nachschleife. Und dieser Ringelleib erst wieder beschließt sich mit einem soliden Schwanzschild. Beweglich in seinen Reihen wie das kellertierartige Mittelstück ist, gibt es in vielen Fällen auch jene Gabe des Einkugelns, wobei das versteinte Tier eher ausschaut wie ein Seeigel oder auch eine Cypressenfrucht. Völlig verborgen in der Kugel lagen dann wie bei Igel oder Gürteltier die weichen Teile der Unterseite. An dieser Sohlenseite wimmelte es nämlich genau wie beim Apus von dünnen Beinen. Zu oberst reckte sich ein (einzelnes) langes Fühlerpaar vor, dann kamen um den Mund wie beim Molukkenkrebs die „Kaufüße“, deren Wurzel-Teil die Nahrung zerrieb, und endlich folgten in stattlicher Reihe die „Kiemenfüße“, Ruder und Atmungsorgan jeder zugleich.
Wenig hätte freilich gefehlt, so wäre auch dieser „Vielfuß“ der Urwelt in unserem Schulbuch ein „Ohnfuß“ geworden gleich dem falsch getauften Apus von heute.
Zu Myriaden fand man im neunzehnten Jahrhundert allmählich seine Reste, stellenweise so hageldicht, daß sie das ganze Gestein zusammensetzten. Aber ob gekugelt, ob gestreckt im Todeskampf: — alle hatten sie nur ihre harten Rückenteile abgeprägt, von Beinen aber wies die Unterseite nichts.
Man bestritt ihnen also die Existenz, diesen Beinen. Schließlich konnte nur einmal wieder ein Wunder von Gelehrtenfleiß das Wunder lösen. Walcott in Nordamerika machte sich an die Arbeit, einige tausend igelhaft eingerollte Trilobiten in feinsten Querschnitten auseinander zu spalten. Gab es Beine, so mußten sie ja in diesen Rolligeln mit verpackt liegen. Ein Steinbruch wurde an gutem Ort eigens zum Zweck angelegt. Drei Meter Stein wurden abgebaut und bei der Gelegenheit 3500 gekugelte Trilobiten gewonnen. Bei 270 Exemplaren kamen im Querschnitt die Beine noch sichtbar zu Tage. Seitdem ist im Jahre 1894 zur Beruhigung aller Gemüter auch noch im Staate New-York ein ungerollter Trilobit entdeckt worden, bei dem die Fühler vorne und die Wimmelbeine seitwärts noch offenklar herausstehen.
Der Trilobit sieht nicht umsonst dem Apus so ähnlich. Ging von dem die Sage, daß er alle Jahrzehnte einmal „vom Himmel falle“, so ist der Trilobit in der Geologie recht eigentlich das Rätseltier, das im Anfang alles uns bekannten Lebens auf Erden plötzlich wie aus einer Versenkung herabgeschneit dasteht.
Hinter jener Steinkohlenzeit, da die Molukkenkrebse sich schon andeuten, kommen noch zwei große tierdurchwimmelte Perioden der Erdgeschichte: die Devon-Zeit und die Silur-Zeit. Dann aber hebt sich wie in Frühlicht-Umrissen heran noch eine äußerste Epoche, die nennen wir das Kambrium, so getauft nach einem englischen Gebirge. In diesem Kambrium geht für uns der Vorhang auf über dem großen Schauspiel des Lebens auf Erden.
Ganz an der untersten, ältesten Stelle dieses Kambriums aber steht wie mitten im brennenden Morgenrot dieser Krebs, der Trilobit.
Unser Geist sucht das Urwesen dort von einfachster Art, die Urzelle, aus der sich alles gebildet haben soll.
Und er starrt in den Fels, der damals Sand am Meeresufer war. Ueber diesen Sand kriecht ihm die Flut. Und wie er aus den steinernen Spuren noch einmal das alte Bild leibhaftig auferstehen läßt, da ist es plötzlich, als schaue er in jenen Graben bei Finkenkrug: aus der sonnenerhellten Schlamm-Tiefe wackeln gespenstische Schilder an mit aufwärts glotzenden Augen. Von Trilobiten, Hunderten, Tausenden, Millionen wimmelt dieser Ozean des Anfangs. Wo sind sie hergekommen?
Einen Stoß weiter mit dem Spaten in das alte steinerne Tagebuch der Erdrinde, hinab noch über dieses Trilobiten-Kambrium — und die Chronik schweigt auf einmal absolut still von allem, was Leben heißt.
Da gähnt der Stein, Tausende von Metern tief, hinab und hinab, eine noch ältere Erdenschale, — aber nichts mehr, kein Buchstabe mehr von — Leben. Tot scheint es, tot lag diese Erde wie die ausgeglühte Lava eines Vulkans. Und da plötzlich stürzten darauf, myriadenviel wie die Schneeflocken, wie die wehenden Kirschblütenblätter des Frühlings die Trilobiten. Vom Himmel — aus dem All — woher?
Mancher Denker, der gern an natürliche Entwickelung auch im Lebendigen geglaubt hätte, ist vor diesem Urwelts-Spuk der kambrischen Trilobiten-Invasion schier verzweifelt.
Der Trilobit ist ja vom Entwickelungsboden aus unmöglich ein „Anfangstier“. Gewiß, er ist niedriger entwickelt als der Flußkrebs unserer Tafel. Aber er steht nur ein kurzes Stück hinter dem Apus. Und er steht nahezu schon neben dem lebendigen Molukkenkrebs. Er hat einen prächtigen Leibesbau, mit großen Facetten-Augen glotzte er schon in die Welt wie eine Libelle, alles an ihm ist bereits in einer gewissen Reife des tierischen Werdens, hoch über Wurm oder Polyp. Und damit soll das Leben angefangen haben? Das soll plötzlich, von einem Tag zum andern, „dagewesen“ sein, ohne Stammbaum, als der stolze Erstling, der da sagte, mit mir hebt die Chronik an, ich bin der erste Satz auf dem annoch weißen ersten Blatt?
Der Blick schaut nicht mehr auf eine Regenwolke, die eine Apus-Salve bringen könnte, er sucht die Sterne.
Hat das Leben am Ende doch sein erstes Kapitel auf einem anderen Planeten gehabt? War dort bis zum Krebs angestiegen und hat diese Krebse in Trilobitenform dann irgendwie in den Weltpostkasten des leeren Raumes geworfen, von wo sie zur guten Stunde auf die kambrisch bereite Erde herabgeregnet sind als Krebs, der nun wirklich „vom Himmel“, vom astronomischen Himmel, fiel?
Vor dieser Frage gibt es mindestens fünfundzwanzig verschiedene Theorien, von denen mir der Leser verzeiht, wenn ich sie nicht alle aufführe.
Die einfachste behauptet, daß jenseits des Kambriums ein Blatt aus der Chronik gerissen sei. Auf diesem fehlenden Blatte stand die ganze Linie der natürlichen Lebensentwickelung auf Erden von den einfachsten einzelligen Urwesen bis zum Krebs und einigen andern, im Kambrium gleichzeitig auftauchenden höheren Tieren. Das Blatt muß aber fehlen, weil unterhalb der kambrischen Gesteinsschichten alle noch älteren Meeresablagerungen durch nachträgliche Kristallisationsprozesse so vollständig in ihrer innersten Struktur zerpulvert und zerhackt sind, daß nicht die leiseste Spur eines versteinerten Lebensumrisses, sei es von Tier oder Pflanze, sich darin erhalten konnte. Die alte Erdentante hat hier einfach ihre Urschrift vom Leben auf dem ersten Blatt in irgend einer Laune wieder ausradiert, und wir lesen also das Stichwort Trilobit heute als Anfangswort, obwohl es in Wahrheit ursprünglich schon tief im Text stand, — so wie es bisweilen mit alten Handschriften geht, die vor aller Philologie von hungrigen Mäusen gelesen worden sind.
Das ist die, wie gesagt, einfachste Erklärung, die der Entwickelungslehre nichts abtut und mit geologischen Tatsachen rechnet, die als solche dick vor Augen liegen.
Wer aber von vornherein sich als fanatischer Gegner zur Entwickelungstheorie stellt, der wird sich als „exakt“ hier fühlen und sagen: unsere Weisheit vom Leben fängt mit Trilobiten an und damit basta, genau wie der Bauer sagte: der Apus kommt vom Regen und da ist weiter nichts zu fragen. Wie ja auch der Inder sagt: die Welt steht auf einem Elefanten und der Elefant steht auf einer Schildkröte; wer aber fragt, worauf die Schildkröte steht, der wird hinausgeworfen.
Indessen auch die Entwickelungslehre, die ja selber alles eher sein soll als ein behagliches Autoritäten-Winkelchen, hat vor dem Trilobiten noch vielerlei zu fragen.
Der Trilobit ist im Moment seines Auftauchens nicht nur überhaupt ein hoch entwickeltes Tier, das eine sehr lange Ahnenkette hinter sich haben mußte: er ist auch unter seinen ersten Zeitgenossen die Spitze der Entwickelung.
Er kann es sein, denn noch fehlt in diesen ältesten kambrischen Schichten, so weit wir sie kennen, jede Spur von dem Tierstamm, der in Wahrheit der absolute Gipfel aller tierischen Entwickelung auf Erden geworden ist, — von den Wirbeltieren. Noch vergeht erst eine gewisse Zeit, in den nächstoberen Schichten chronikalisch festgelegt: dann schwimmen auf einmal im Urmeer die ersten Fische. Damit ist der Trilobit entthront. Dieser Fisch sitzt auf der höchsten Entwickelungssprosse. Immer und immer wieder hat sich aber da der Gedanke leise geregt: sollte in dieser Ablösung nicht am Ende selber eine gerade Fortentwickelung liegen? Sollte nicht der Trilobit, der Urgipfel, aus sich die noch höhere Spitze geboren haben, den Fisch?
Es war in den Tagen des alten Oken, des „Naturphilosophen“.
Ein halbes Jahrhundert vor Darwin lehrte der seinen Vor-Darwinismus, eine unverkennbare Entwickelungstheorie nämlich in praktischer Anwendung auf Tiere und Pflanzen. Das System war ihm einfach die Abstammungskette. Das Säugetier kam vom Vogel, der Vogel vom Reptil, das Reptil vom Fisch. Jetzt woher der Fisch? Nun, doch wohl vom höchst entwickelten wirbellosen Tier, vom Insekt und Krebs.
In diesem einfachen nackten Ideengang wäre es absolut nichts Auffälliges gewesen, den ältesten Fisch der Urwelt vom damals höchst entwickelten Krebs, dem Trilobiten, abzuleiten. Man warf ein (feine Sachkenner warfen es ein), der Krebs habe doch ein Bauchmark und der Fisch ein Rückenmark, diese beiden Tiere seien in jedem Zuge so zu sagen anatomisch entgegengesetzt aufgebaut. Macht nichts, meinte der Philosoph, dann sind eben die Wirbeltiere auf dem Rücken laufende Krebse. Das gab damals viel Heiterkeit und eine Weile ist nicht bloß der engere Stammbaum, sondern die ganze Entwickelungstheorie an dieser Lächerlichkeit gestorben.
Als sie nachher von Darwin wissenschaftlich neu begründet wurde, vermied man zunächst mit Fleiß diese riskanten Auswüchse. Man nahm den Stammbaum nicht als starre Leiter, sondern als wirklichen Baum, dessen große Aeste nicht alle auseinander hervorzuwachsen brauchten, sondern parallel gehen und vielleicht bloß ganz unten zusammenhängen konnten. War der Krebs eine Astspitze mit dem Mark nach unten, so war der Fisch eine parallele andere mit dem Mark nach oben, Parallelen schnitten sich hier aber so wenig wie in der Mathematik und wenn ihre Enden nach oben auch ins Unermeßliche hineinwuchsen.
Als aber die Lehre im ganzen anfing wie eine sichere Sache die Tierkunde zu beherrschen, da wurde schließlich doch wieder der eine und andere kühn.
Warum sich vor dem alten Oken fürchten? Zuerst probierte einer, ob man nicht die Fische an die Vorstufe wenigstens der Krebse, die sogenannten Ringelwürmer, zu denen Regenwurm und Blutegel zählen, anleimen könnte. Semper hat das so weit verteidigt, wie es irgend anging.
Dann aber sind die schon ganz wieder Kühnen gefolgt. W. Patten, Professor zu Hanover in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, hat auf dem Berliner Zoologen-Kongreß vom vorigen Sommer seine schon seit Jahren im Umriß bekannte Meinung wieder öffentlich begründet: der große entwickelungsgeschichtliche Schritt der kambrischen Periode gehe in der Tat direkt vom Trilobitenkrebs zum Fisch. Die Trilobiten, der Molukkenkrebs und unser Apus würden da zusammen etwa eine uralte Vermittelungsgruppe darstellen, zu der von der Seite der Fische der sogenannte „Schildkopf“ den Brückenkopf bildete.
Solche Vermutungen könnten nicht aufkommen, wenn nicht in jener urweltlichen Morgenrotsgegend auch die Fische wirklich die paradoxesten äußeren Gestalten annähmen.
Dieser besagte Schildkopf (Kephalasspis) ist ein echter Fisch und doch steckt auch er allen Ernstes mit dem Kopf unter einem riesigen flachen Schild wie ein vollkommener Apus, und genau wie bei dem glotzen die Augen oben aus diesem Deckel hervor, so hoch heraufgerückt bei gewissen Arten, daß sie im Scheitel brillenartig fast verschmelzen.
Im alten roten Sandstein Schottlands stecken zu Tausenden andere kleine Urwelts-Fischlein, die so sehr aus jedem Fisch-Typus herausfallen, daß der eine sie für große Wasserkäfer, der andere für Schildkröten, der dritte selber für Krebse gehalten hat. Cope hat sie neuerdings noch an die Ascidien, also Geschöpfe etwa von der Entwickelungshöhe eines höchsten Wurms, anschließen wollen. Simroth gar sieht in ihnen Landtiere, die wie die Seehunde über den Moosboden krochen und eine landbewohnende Vor-Form des Fisches darstellen sollen. „Flügelfisch“ (Pterichthys) hat man sie in der Not getauft. Auch bei ihnen steckt der Kopf und Hauptrumpf in einer Art Kasten von mächtigen Knochenplatten, aus dem hinten der „Fisch“ förmlich lächerlich heraushängt. Von diesem Panzer aber angelt jederseits eine riesige gepanzerte Brust-Flosse ab, die durch ein regelrechtes Ellenbogengelenk in einen Oberarm und Unterarm getrennt ist. Und oben auf der Kiste sind wieder die durchbrechenden Augen so zusammengerückt, daß jetzt wirklich nur noch eine einzige Oeffnung den Schädel durchlöchert, in der möglicherweise auch nur noch ein einziges großes Cyklopenauge — ein Scheitelauge — saß.
Solche Monstra, die dem Wörtchen „Fisch“ denn doch noch einen Spielraum weit über das Geläufige hinaus für die Urwelt geben, muß man sich vergegenwärtigen, wenn einer vom Trilobiten oder Apus den roten Faden zum Fisch ziehen will. Aber zu glauben braucht man an die Linie darum doch noch nicht.
Das alte Argument gegen Oken bleibt einstweilen in unwiderlegter Kraft. Fisch und Krebs sind ihrem inneren anatomischen Bau nach Gegensätze der schärfsten Art — und sähe äußerlich ein Urfisch auch leibhaftig wie ein Apus und ein Trilobit zum Verwechseln wie ein Fisch aus.
Wohl läßt sich denken, daß eine neutrale Wurzel, die nur bei niedrigen Würmern gelegen haben kann, die beiden Extreme nach zwei unabhängigen Seiten fast oder nahezu gleichzeitig erzeugte, — aber nicht, daß ein Extrem sich noch wieder umänderte in sein Gegenextrem.
Und wohl läßt sich noch ein zweites denken, was auch jene äußerliche Aehnlichkeit so getrennter Tiergruppen in gleicher Urzeit recht gut erklärt.
Viel hat man sich den Kopf zerbrochen über die Lebensweise des kuriosen Trilobitenvolks. Denkt man sich ihre kurzen Krabbelbeine unter dem großen wackelnden Schild, ihre Fähigkeit, bei nahender Gefahr sich einzurollen wie ein Igel, so scheint alles auf ein Tier zu weisen, das sich am Grunde hinbewegte, nicht aber in der Hochsee gewohnheitsmäßig als freier Schwimmer paradierte.
Nun mischt sich aber noch ein Besonderes da ein. Eine Menge von Trilobiten-Arten hat sehr schön entwickelte, große Augen. Eine Menge aber auch hat gar keine Augen, sie war unzweideutig blind.
Wo ein Tier bei sonst lebensfähigem Bau seine Augen abgelegt hat, da liegt allemal eine Anpassung an Verhältnisse vor, wo Augen nicht mehr nötig sind. Der Käfer, die Spinne, der Krebs, der Fisch in stygisch schwarzer Höhle verlernt das Sehen, er wird schließlich ohne Augen geboren und fährt wohl dabei. So ist die Adelsberger Grotte, ist die amerikanische Mammuthöhle ein Heim der Blinden im Tierreich geworden. Sollen wir uns die blinden Trilobiten alle heimisch denken in ungeheurem Geklüft jener Ur-Erde?
Nicht der leiseste Anhaltspunkt weist sonst darauf hin, weder im Gestein, das sie heute hegt, noch in dem übrigen Tiervolk, das mit ihnen ihre Wasser belebte.
Lag über der gesamten Erde damals noch eine dicke Wolkenschicht wie über dem Jupiter, die das Licht der Sonne abschnitt? Unmöglich, denn wie hätten sonst so unzählige Augen sich entwickeln, wie hätten grüne Pflanzen sich entfalten können.
Aber Augen sind auch abgeschafft worden von den Bewohnern eines offenen Ozeangebietes, das heute besteht und damals bestanden haben wird, nämlich in der Tiefsee. Wo die Wassersäule endlich bis zu einer Meile dick wird, da gibt es kein Licht mehr von oben. Wohl aber gibt es, wie wir heute wissen, da unten noch Tiere. Und auch diese Tiere sind zum großen Teil blind. So ist die Ansicht von Süß und Neumayr vertreten worden, alle blinden Trilobiten seien Bewohner der ganz großen Meerestiefen gewesen. Noch heute lebt der Goliath unter den Kellerasseln, die Riesen-Assel Bathynomus, die dreiundzwanzig Zentimeter lang wird, bei Yukatan in der Tiefsee. Warum soll nicht so einst ein Hauptheer dieser asselhaften Trilobiten auch im schwärzesten Abgrund sein Wesen getrieben haben?
Aber der Tiefsee-Schlamm hat zu allen Zeiten andere Gesteinsschichten erzeugt als etwa eine flache Sandküste oder seichte Meeresbucht. Und doch liegen gerade blinde Trilobiten in ungeheuren Massen begraben in solchem Kirchhof von Sandhängen und Seichtwassern. Wer soll sie in dieses fremde Grab verschwemmt haben? Mir erscheint am wahrscheinlichsten, daß sie da gestorben und begraben sind, wo sie auch gelebt haben. Und es brauchte, um alle ihre Anpassungen zu erklären, keines anderen Bildes, als jenes einfachen von heute, das der Apus in seiner Regenpfütze uns bietet.
Im Schlamm des Grundes liegt dieser Apus. In diesen Schlamm wühlt er sich mit seiner Schale und äugt nach oben mit den kleinen Deckfensterchen. Ab und zu kommt er aus ihm hoch, sinkt aber bei jeder Verfolgung blitzschnell in ihn wieder ein, als sein Asyl.
Eine solche typische Schlamm-Anpassung der Urwelt war auch der Trilobit.
Unwillkürlich mißt das Auge im Geist die kolossalen Steilwände heutigen Gesteins, von denen der Geologe erzählt, daß sie alle einst nichts anderes waren als Urwelts-Schlamm. Der Trilobit ist das Tier dieses Schlamms, aus dem Gebirge geworden sind.
Es war wohl hauptsächlich Uferschlamm. Noch heute ist der Mohikaner jener Tage, der Molukkenkrebs, ein Freund des Ufers, seine Eier legt er in eine Grube im Bereich der Ebbe und Flut und ohne Mühe erträgt er eine ganze Weile sogar die freie Luft.
Im tiefen Schlamm hat ein Teil der Trilobiten seine Augen abgeschafft, wie wir allenthalben bei Schlammtieren das Auge winzig und immer winziger werden sehen. In den Schlamm ließ sich der Trilobit als igelhaft gerollte Kugel hinabfallen. Im Schlamm lag er platt mit seinem Schild wie die Plattfische, die Schollen, und die breiten Rochen im Sand, die sich so einwühlen, daß nur die listigen Augen oben herauslauern wie bei einem unterseeischen Boot aus dem Wasserspiegel die Fensterchen des Kapitäns.
Weil er im Schlamm lag, der von allem das sicherste Erhaltungs-, das sicherste Versteinerungsmittel gewesen ist, liegen gerade seine Stein-Mumien so unglaublich massenhaft noch in den alten Schichten, daß man fast meint, es habe wirklich damals Trilobiten geregnet. Diese Schlammheimat aber war es auch, die andere Tiere des gleichen Ortes ihm äußerlich allmählich immer ähnlicher gemacht hat, auch wenn es sonst Tiere waren, die ihm ganz fernstanden.
Im Schlamm hat auch jener Schildkopf vom ältesten Fischvolk sich verborgen, daher das Schild, die schlecht bewehrte Hinterseite, die nach oben rückenden Augen; wie einen Bernhardiner-Krebs seine Muschel über dem unbepanzerten Hinterleib, so schützte den Fisch über dem schwächer verteidigten Schwänzchen der Schlamm. Und in diesem Schlamm ebenso steckten die Flügelfischlein, denen es genau so ging. Trilobitengleiche Lebensart machte sie schließlich trilobitenähnlich, wie die ewig gleiche Arbeitsleistung zwei Menschen ähnlich macht, ihre Glieder in gleicher Richtung krümmt, ihren Blick auf den gleichen Ort dressiert, mag auch von Haus aus der eine in keinem Zuge dem andern geglichen haben und mögen ihre Wiegen tausendmeilenfern voneinander gestanden haben.