Ein Oktoberabend versank in schweren grauen Nebeln.
Ich war im Laufe des Tages durch den schwarzen Fichtenwald von Schreiberhau her auf den Kamm des Riesengebirges geklettert.
Unser höchstes, wildestes, schroffstes Grenzgebirge hinter der norddeutschen Ebene, ist das Riesengebirge doch heute fast unser bequemstes für den Wanderer. Der Fußweg auf dem Kamm läuft eben und glatt dahin wie ein Parkpfad. Ohne jede Gefahr kann man ihn selbst bei Nacht wandeln, obwohl man oft wie auf einer Mauer über Abgründen schwebt.
Ich hatte mir mit etwas Touristentrotz eine ziemlich entfernte Baude zum Nachtquartier angesetzt und scheute eine Stunde Dunkelheit nicht, — trotz Rübezahl.
Wer nicht zum „Erraffen und Jagen“ das Gebirge kreuzt, sondern in Gedanken still für sich bei Botanik und Geologie ist, dem tun die Naturgeister nichts.
Gespenstisch genug trat ja in diesem letzten Zwielicht das Ruinenhafte der obersten Felsöde hervor. Wie alle unsere Hochgebirge, ist auch dieses nur noch ein morscher Rest, zernagt von Luft und Wasser und Wintereis wie ein hohler Zahn. Der Naturforscher nennt das Wirkung der Erosion. Dem Abergläubischen ragen überall groteske Fratzen aus dem Nebel: Nasen und Ohren Rübezahls. Ein solches Granitprofil schien mir ganz und gar der alte Goethe mit dem Geheimrats-Unterkinn. Andere glichen jenen wohl ewig unerklärten steinernen Gigantenköpfen, die als Denkmal einer uralt verschollenen Kultur auf der einsamen Osterinsel in der Südsee von hohem Plateau aufs blaue Korallenmeer starren — kein Mensch weiß, wie lange schon.
Es ist charakteristisch für diesen Riesengebirgskamm, daß man sich auch selber wie zu Rübezahl-Größe darauf ins Riesige gestreckt vorkommt. Stundenlang ist man unter turmhohen Fichten gewandert. Da war man selber ein Zwerg, ein Pilz nur. Plötzlich rührt man an den Kamm und der Forst sinkt zum winzigen, flach gebreiteten Krummholz herab. Die Stämme scheinen verschluckt vom Stein, nur noch die Aeste kriechen wirr über die Fläche. Und man ragt darüber, sieht darauf herab wie auf Gebüsch, — ein Riese.
Dann erloschen alle Formen, der Nebel spann sich einförmig darum.
Nur ein dumpfes Gefühl der nahen Abgrundtiefe blieb, die man doch nicht sah. Weiche Luft atmete aus den schlafenden Waldhängen. Ich dachte an die silbernen Murmelbäche, die darin abwärts stiegen, an die hohen Stauden blauen Enzians, die darin wuchsen.
Und meine Gedanken wanderten weiter. In die Vergangenheit. Ich gedachte der Eiszeit. Der fünf Grad Durchschnittskälte mehr, deren es nach Rechnung der Kundigen bloß bedürfte, um hier wieder Gletscher zu Tal sinken zu lassen, die das eiszersprengte Gestein Stück um Stück in die Ebene tragen würden, alle diese Nasen, Götzen, Goetheprofile als erratische Blöcke tief, tief da unten, wo die Quellen schon Flüsse sind, absetzen würden, daß der Volksmund nachher fabelte, der Teufel habe sie herabgekegelt ....
Wie lange würde aber auch ohne Gletscher-Rutschbahnen die einfache Erosion brauchen, den hohlen Zahn des Gebirges an seiner zerfressensten Stelle, zwischen Schneegruben und Elbgrund, ganz einzuschlagen? Dann würde hier, wo jetzt der Gebirgspfad schwindelnd über den Grat kriecht, ein offener Paß, eine Fahrstraße nach Böhmen zu leiten. Vielleicht würde die Eisenbahn, die eben an anderer Stelle über das Gebirge geführt wird, dieses neue, bequemere Tor benutzen. Aber werden die Menschen dann noch auf Eisenbahnen fahren?
Der Weg dehnte sich.
Im unsichtbaren Gelände röhrte dumpf ein Hirsch. Jetzt blinkte fern ein Licht. Ob es die Baude war?
Es schwebte nah und doch so hoch. Ein zweites kam daneben. Also wirklich wohl erleuchtete Fenster. Aber noch eins, schief darüber. Und plötzlich wußte ich, daß es Sterne waren. Der Nachtwind, leise fächelnd, daß man ihn kaum spürte, hatte doch einen Riß in den Nebel gefegt. Er rollte das weiße Tuch von oben her auf, in achtlosen Fetzen. Und wo das Zelt klaffte, blitzten Sterne vor, immer mehr, zuletzt ganze Sternbilder, bloß noch durch schmale weiße Bänder voneinander getrennt.
Gebirgssterne haben ein anderes Feuer als die der Ebene, es ist wie Brillanten zu Simili. Einen Augenblick meinte ich, am Rande eines Nebelschweifs explodiere eine Leuchtkugel, rote, blaue, gelbe Strahlen streuten sich umher; aber dann kam das weiße Licht einheitlich vor und es war bloß die altvertraute Capella im Sternbild des Fuhrmanns, — der Fixstern, der von allen vielleicht unserer Sonne am ähnlichsten ist; er warf hier oben wirklich Flammen wie eine kleine Sonne.
Als mein Auge von ihm weiter ging, war schon der ganze Zenith frei, eine Kuppel von unvergleichlicher Schönheit.
Die Milchstraße floß in ganzer Pracht hindurch, mit ihrer Silberwelle aus Myriaden von Welten. Wie Meerleuchten im Kielwasser eines Schiffes erschien sie mir. Welches ungeheure Weltenschiff ließ diese schimmernde Bahn hinter sich? Und wohin steuerte es? Wer war der Steuermann? Auch die Milchstraße war hier oben ein ganz verändertes, wildes, phantastisches Gebilde. Nicht Milch, sondern Glut. Wie ein brennendes Auge stieg sie aus den Granitzacken neben mir herauf, das unheimliche Auge einer fernen Feuersbrunst, das die Nacht stört und die Menschen weckt.
Sie brannte ja wirklich, brannte von Sonnen.
Ich dachte an die alten Träume, die Märchen aus der Gemüts-Astronomie kindlicher Völker. Here’s Milch war hier verschüttet, — daher das Wort „Milchstraße“.
Es liegt schon eine Welt des Gedankens zwischen diesem naiven Bildchen und dem tiefsinnigen Pythagoräer-Mythus: es habe die Sonne einst eine andere Bahn am Himmelsgewölbe gehabt und dieses helle Band sei gleichsam noch das ausgefahrene Geleise, das alte Strombett des rollenden Weltenlichts. Die Gestirne liefen auf krystallenen Schalen um die ruhende Erde, — warum sollte die Spur sich nicht einprägen? Erst hinter der letzten Sphäre öffnete sich die offene Ueberwelt, sie, die keine Sonne mehr brauchte, da das große Gotteslicht, das „Licht an sich“, sie seit Ewigkeit durchflutete.
Einem Gedankengange, der in den Fixsternen Löcher der äußersten Kugelschale sah, Fenster jenes Ueberhimmels, durch die ein paar verlorene Funken jenes Gottesäthers auch in unsere kleine Heimat unter den acht Käseglocken der Kristallsphären glimmten, konnte es aber auch wenig Not machen, den Milchstraßenring unmittelbar mit jener Ueberwelt zu verknüpfen. Der weise Theophrast findet als höchsten Sinn seines Grübelns, daß dort die Nietstelle, die schwach verkittete Fuge durchschimmere, bei der die beiden Hälften der obersten Himmelsglocke aufeinandergepaßt wären.
Wohl erhebt sich vereinzelt die Stimme eines echten Naturdenkers aus dem Griechentum, des Demokrit: es sei die Milchstraße nichts anderes als ein Gewimmel von Sternen, ein Bereich des Himmels, da die Sternlein sich so dicht drängten, daß sie als einheitliches Licht zusammenschmölzen, wie die Sandkörner eines fernen Ufersaums dem Seefahrer sich vereinheitlichen zu einer gelben Düne über dem blauen Meer. Doch diese Stimme verhallte. Ahnend hatten diese viel verschrieenen Materialisten des Altertums schon einen Blick getan in eine Welt, die kein Oben und Unten, keinen Unter- und keinen Ueberhimmel kannte, sondern deren Raum offen in die Ewigkeit reichte, durchschwirrt von freischwebenden Gestirnen wie von kugelförmigen Riesen-Atomen, durchschwirrt auch von der Erde als einem solchen Staubkörnlein nur des Alls. Aber es war, als sei die Menschheit im Herzen ihrer Kultur noch nicht reif für dieses schwindelnde Bild.
Als weit über ein Jahrtausend später Dante mit der Kraft des Dichters, der Himmel und Erde beschwört mit seinem Runenstabe, die Welt malt als Scene seiner „göttlichen Komödie“, da ragen immer noch jene Sphären.
Im Zentrum der Weltenschwere ruht immer noch die Erde, aber Satanas ruht jetzt in ihrem Mittelpunkt. Eine Stufenleiter recht eigentlich der moralischen Welt ist diese ganze verzwickte Himmelszwiebel mit ihren vielen umeinandergeschachtelten Häuten geworden. Und ganz im alten Sinne schlägt erst die letzte oben Bresche in das wahre Weltenlicht, die Insel der Seligen, wo die „Komödie“ endlich ihre harmonische Lösung erlebt.
Es ist ein magisches Bild, heute noch von berückender Pracht, diese Welt des Dante, deren ganze Astronomie und Physik aufgelöst ist in moralische Werte, die durch Sonne und Planeten und Fixsterne in Wahrheit nur vom Bösen zum Guten, vom Teufel zu Gott führt. Was wir heute in der Physik Schwere, Gravitation nennen, das ist bei Dante der Weg zur Hölle. Wo wir die Eisfelder des Südpols kennen, da öffnet sich der grause Schlund zum Fegefeuer. Wo unsere Geologie von einem Zentralfeuer des Erdinnern träumt, da brennen die Verdammten im Schwefelbad. Die Schwungkraft aber, die nach Newtons Formel heute uns die Planeten und Monde in ihrer Bahn erhält, ist die ewige Liebe, — die brennende Liebessehnsucht, die nicht in den Schlund der Hölle hinab, sondern aufwärts will, — jede Planetenbahn ist eine Stufe höher empor, eine Station dieser inbrünstig ringenden Weltenliebe, die pyramidisch das Geschaffene zu Gott heraufgipfelt durch alle Geschehnisse, Kräfte und Körper auch der physikalischen und der astronomischen Welt.
Weit entfernt sind wir heute von der wunderbaren Einheitlichkeit dieser Welt, dieser Einheit von Natur und Moral. Und doch mußte sie fallen, weil ihre Einheitsklammer eines Tages sich als zu eng erwies auch nur für die bescheidensten Maßstäbe der wirklichen Natur.
Mein Geist folgte, während die Milchstraße immer dämonischer über das Gebirge flammte, dem großen Schauspiel des geschichtlichen Zusammenbruchs jener Dante’schen Welt.
Wie vorhin der erste Stern mir rötlich durch den sich lösenden Nebel brach, so schimmert der Menschheit ein erstes Lichtlein. Es ist Nacht, das Schiff des Kolumbus liegt vor Guanahani, noch ist das neue Land nicht entdeckt. Aber am verschleierten Ufer hat ein Wilder eine Fackel entzündet, wie ein Stern glüht sie, bewegt sich, — Kolumbus fühlt die Gewißheit, daß er dicht vor einem Lande sei. Als die Sonne steigt, liegt es in seiner Tropenpracht vor seinem Blick. Und es ist mehr, als bloß ein Land.
Es ist eine neue Erde für den Menschengeist. Die Rückseite der Erde. Wenig später: und Magalhaes umsegelt die ganze Kugel. Es ist die Rundfahrt zugleich durch eine neue Weltanschauung. An diesem Riesenerdteil Amerika lernt die Kulturmenschheit das Größte, was sie als Morgengabe einer jungen Zeit empfangen kann: sie lernt, wie wenig sie bisher weiß. Von allen Geheimnissen des Himmels und der Erden und der Menschenbrust hatte sie den Schleier schon fortgezogen geglaubt — und sie hatte noch nicht einmal Amerika gekannt. In jener Nacht vor Guanahani ist die innere starre Kristallsphäre des Menschengeistes von Jahrtausenden tatsächlich zersprungen.
Der Blick, der den Kolumbus und Magalhaes um die neue Seite des Erdglobus herum folgte, ist fast augenblicklich wie von einer alten Verzauberung erlöst.
Warum soll diese Erdkugel, die ohne stützende Hand frei im Weltenraume schwebt, sich nicht auch bewegen können? Was in den Tropenhainen von Guanahani gesät worden, das zieht Kopernikus an einem grauen ostdeutschen Nebeltag still ans Licht: zu der neuen Erde fügt er den neuen Himmel. Im Gedanken zunächst, — auch er ein Dichter in seiner Weise wie Dante, aber ein Dichter, der das Geheimnis der Dinge in vereinfachter Linie zu denken sucht. Die Erde kreist, ist ein Planet unter anderen, sie macht durch eigene Drehung Tag und Nacht. Wie die Moral sich mit diesen Dingen abfinden soll, muß sich eben zeigen, zunächst geht die Astronomie jetzt weiter.
Und wieder ist es Nacht — und ein Stern glimmt, diesmal ein echter Himmelsstern: der Jupiter. Auf seiner Sternwarte steht Galilei und beobachtet ihn mit dem neuerfundenen Werkzeug-Auge, das das alte Organ-Auge ins Niegeahnte überbietet, mit dem Fernrohr. Er sieht die Monde, die den großen Planeten umwandeln, ein Abbild unseres Sonnensystems im Engeren. Diesmal kommt der neue Himmel greifbar nahe, greifbar mit einem menschlich vervollkommneten Sinnesorgan, nicht bloß mit dem logischen Gedanken.
Und nun, als sei die Schleuse gelöst, Schlag um Schlag.
Giordano Bruno steht auf dem Scheiterhaufen. Aber über den blauen Rauch hinweg sieht sein brechendes Auge noch den Himmel offen, den ganzen Himmel der neuen Astronomie. Es gibt keine oberste Sphäre, keine Kristallschale, durch deren Löcher das Ueber-Licht zu uns glimmt. Auch dort ist freier Raum und jeder Fixstern ist eine goldene Welt gleich der Sonne hier. Myriaden Welten durchziehen das All, lauter Sonnen, um die Planeten kreisen, und auf jedem Planeten wohnen Menschen gleich uns. Einen Augenblick scheint es, als müsse der Blick der Menschheit ertrinken in der verwegenen Größe dieser Perspektive, wie der Philosoph von Nola selber untergegangen ist in den Wirrnissen seiner Zeit. Die Sphären sind zertrümmert, der Geist fällt in die Ewigkeit. Wer soll aus dieser bodenlosen Welt wieder einen Kosmos schmieden, wie ihn Pythagoras und Dante geschaut .....?
Aber wieder steht ein Denker einsam in seinem Garten, — vom grünen Apfelbaum, in dem der Wind einer nochmals freieren Zeit rauscht, fällt eine Frucht. Und sein Gehirn, geschult an dieser Weltperspektive schon der Galilei und Bruno, sucht die Brücke zwischen dem Fall dieses Apfels und der Schwungbahn und Schwere des riesigen Apfels da oben am Weltenbaum, des Mondes. Newton findet ein „Naturgesetz“, das die beiden mit mathematischer Genauigkeit zusammen umfaßt, den kleinen Apfel hier zwischen Erde und Ast, und den Mond da oben, der 51000 Meilen von uns entfernt hohe Gebirge trägt.
Das ist die neue Klammer: das Naturgesetz. Es wird eine neue Harmonie durch das All knüpfen bis zum fernsten Doppelstern. Nichts fällt aus ihm heraus. Beruhigt wandelt an seinem goldenen Seil der logische Menschengeist wieder über alle Millionenfernen.
Noch bleibt lange ein banges Geheimnis, ob die Naturkraft, die Sterne und Aepfel hält, sterben kann. Wenn der Hammer auf den Amboß fällt, — wohin geht die Bewegung? Gibt es noch eine mystische Tiefe dieser naturgesetzlichen Natur, in die sie stürzt, ein mystisches Nichts? Robert Mayer schürzt den letzten Knoten im vollkommenen Ring. Die Bewegung wird Wärme. Die eine Form der Naturkraft geht über in eine andere. Unter dem Strom der Formen aber bleibt die Ewigkeit der Kraft wie der Granit, über den die Wasser rauschen.
Und die einfache Folge der Gedanken streift hier schon die letzte Krönung des Gebäudes.
Kräfte entwickeln sich auseinander.
Ein Pilger, noch tief verträumt in Dante’s Welt, steigt über die Alpen. Sein Fuß rührt an Muscheln, die mitten aus dem Gestein brechen, fernab vom Meer. Einst war es anders als jetzt. Wo jetzt das Gebirge in Eisschroffen sich zum Himmel reckt und der Lämmergeier kreist, war vormals Meer, voller Seesterne und Muscheln. Schlicht kommt der Gedanke und doch öffnet er nochmals eine Welt.
Zu der neuen Erde und dem neuen Himmel tritt die Vergangenheit.
Wie dort in unendliche Fernen des Raumes, so sinkt der Blick hier in unendliche Folge der Zeit, der Jahre, Jahrmillionen. Und in dieser Zeit haben die Dinge sich verwandelt. Eine Entwickelung hat stattgefunden. Von der versteinerten Muschel pilgert der erweckte Neugedanke zum Farrnwalde, der Steinkohle geworden ist, zum Ichthyosaurus-Grab. Eines Tages ist er oben bei dem Menschen, der mit Steinbeilen gegen Mammut und Höhlenlöwe kämpft; und unten bei einem Aeonentag, da die ganze Erde als glühender Tropfen von der Sonne fällt und die Sonne aus einem kosmischen Nebel sich verdichtet.
Was die Verwandlung der Kräfte in ihrem einfachen Spiel schon ahnen ließ, wird nun eine ungeheure Geschichtswahrheit: ein einziges Verwandeln lebt in allem Sein. Doch mehr als ein Verwandeln. Eine Entwickelung vom Niederen zum Höheren. Vom Nebelfleck geht die Linie auf den Menschengeist. Vom Höhlenmenschen der Mammutzeit auf Galilei und Newton.
Erst hier ist das neue Weltbild seiner Höhe nahe. Erst jetzt vollzieht sich langsam in ihm die Heimkehr zu der Größe und Einheitlichkeit der alten Dante’schen Weltvorstellung, — die Heimkehr und die Ueberbietung zugleich. Abermals nähern sich Physik und Astronomie einem moralischen Wert. Der unhemmbare Aufstieg der Dinge vom Niederen zum Höheren, von der Nacht zum Licht erscheint jetzt in dieser ungeheuren Kette der Vergangenheit, der zeitlichen Welt-Entwickelung. Nicht die einzelnen Planetenbahnen ringen sich bloß auf zum Licht, — das Ganze steigt. Vom fernsten Nebelfleck bis zu dem höchsten Gedanken, den ein Mensch hier in dieser Stunde denkt, ein einiges Aufwärtsringen im gesamten Kosmos, — eine Welt, die Gott werden will.
Riesiger ist das Gebäude jetzt, in dem sich diese göttliche Komödie des modernen Naturforschers abspielt, eine unendliche Zeit, die Jahrmillionen des Naturforschers sind darin verrechnet, — was bei Dante in künstlich enger Pyramide bloß räumlich übereinander sich gipfelte, das steigt jetzt aus einem zeitlichen Hintereinander, dem die ganze Ewigkeit zu Gebote steht.
Und doch erscheint auch hier zwischen allen bunten Doppelsonnen des Alls und allen Farrnwäldern und Ungetümen der Urwelt schließlich das große Lichtband einer moralischen Idee, mit der diese ganze Welt erst wieder restlos eingeht in die Menschenbrust. Die ewige Liebessehnsucht Dantes, die in den Sternen brannte, wird zur ewigen Fortentwickelung, in der Gravitation und Menschenliebe nur zwei Stufen, zwei Glieder sind auf der Bahn hinan.
So war der Weg — und da schaute der Mensch wieder zur Milchstraße auf.
Auf einen Berg war er geklettert, — ihn grüßte das alte glimmernde Lichtband mit seinem gleichen magischen Antlitz, wie es vor Jahrtausenden schon den ersten Himmelsschauern in der Euphratniederung erschienen war.
Was bedeutet diese größte aller Arabesken der Welt, dieses Zeichen aller Zeichen, dieser Ring, der den Himmel umfaßt?
Der Augenblick, da die Fixsterne nicht mehr als Löcher in einer ehernen Himmelswölbung genommen wurden, sondern als frei schwebende Sonnen, die bloß die unfaßbare Ferne so klein erscheinen ließ, war der erste große Wendepunkt auch in der Deutung der Milchstraße.
Noch war das Fernrohr nicht auf sie gerichtet, da sah Kepler es schon mit der ganzen Klarheit seiner unvergleichlichen deutschen Geistesaugen: der alte Demokrit hatte recht. Die Milchstraße war ein Sternenring. Zur Wolke ballten sich die Sternpunkte darin. Aber diese Sternenwolke schwebte frei wie jeder Einzelstern im leeren Raum, einen Ring bildend wie ein in sich selbst verlaufender Kometenschweif. Und unsere Sonne, um die wir mit der Erde kreisten, lag nahezu im Mittelpunkte dieses Ringes, denn die Milchstraße erschien uns annähernd als größter Kreis.
Rund fünfzig Jahre später folgte das leibliche Auge dem Gedankenflug. Huygens sah im Fernrohr tatsächlich eine Masse einzelner Lichtpunkte aus dem Nebelgrunde des Ringes blicken. Noch kein halbes Jahrhundert war das Fernrohr selber alt. Man hatte das Gefühl, daß es noch schlecht, noch in jeder Hinsicht verbesserungsbedürftig sei. Als Huygens sein Rohr absetzte, erschien es ihm nicht zweifelhaft, daß der nächste, der ein noch etwas brauchbareres Glas verwerten könne, die ganze „Milch“ in solche Sternpunkte tatsächlich auflösen werde.
Der Moment hat geschichtlich etwas ungemein Feierliches.
Die ganze Größe der neuen Welt schien symbolisch nahe gerückt. Sonnen, die sich perspektivisch so aneinanderschoben, daß sie wie eine milchige Masse erschienen.
Schon begann man damals zu ahnen, was für Räume unter Umständen Sonne von Sonne trennen könnten. Uns heute ist die vage Vermutung zur wirklichen Rechnung geworden, die mindestens klare Annäherungswerte gibt. Ein Bild mag veranschaulichen, was den Astronomen heute in diesem Punkt geläufig ist. Unser ausgezeichneter Potsdamer Astrophysiker Scheiner hat es gelegentlich benutzt, es stammt also aus denkbar bester Quelle.
Denken wir uns unsere Sonne einmal verkleinert auf das Maß der neuen Domkuppel in Berlin, also auf etwa vierzig Meter Durchmesser. Und malen wir uns die Entfernungen im Raum um sie her entsprechend aus.
Die Sonne als Berliner Domkuppel wirklich gesetzt, würde zunächst von ihrem kleinen Planeten Merkur umkreist werden in einer Bahn, die räumlich noch vollkommen innerhalb der engeren Stadt Berlin läge. Herr Merkur sauste im Westen quer durch das Reichstagsgebäude, im Norden durch die Zionskirche und im Süden nahezu durch die königliche Sternwarte. Frau Venus, der nächste Planet, fühlte sich schon nicht mehr so im eigentlichen Häusermeer wohl. Im Westen flanierte sie durch den Tiergarten mitten zwischen dem großen und kleinen Stern, im Norden durch den Humboldthain, und im Süden böge sie wenigstens bis in die York- und Gneisenaustraße aus. Nun kommt die Erde. Sie will ernstlich hinaus. Im Westen schneidet sie den Bahnhof Tiergarten als Grenze, im Süden ist sie schon einen halben Kilometer jenseits des Kreuzberges. Mars berührt den Zoologischen Garten gerade noch, südlich geht er durch Tempelhof. Jupiter ist endgiltiger Vororts-Besucher, er hat Erkner und Wannsee schon hinter sich und beglückt Spandau. Saturn ist nur mehr Tourist in der Mark Brandenburg. Er besucht Liebenwalde und Nauen. Uranus als märkischer Wanderer bringt es schon bis Wittenberg und Frankfurt a. O. Endlich unseren entferntesten Planeten, den Neptun, leidet es gar nicht mehr ganz im Königreiche Preußen. Er passiert Stettin, Landsberg, Magdeburg und schneidet nur fünfzehn Kilometer vor Leipzig ab. Das ist unser Sonnensystem.
Nun aber: von dieser Sonnen-Domkugel in Berlin müßte man im gleichen Verhältnis ganz Europa, ja die Erdkugel verlassen und dann noch nahezu doppelt so weit in den freien Raum hinausfliegen, als der Mond wirklich von uns absteht, nämlich zweimal 51000 Meilen, — um auf die nächste Fixstern-Sonne zu gelangen, auf den roten Doppelstern Alpha im Sternbild des Centauren. Die wirkliche Entfernung beträgt mehrere Billionen von Meilen und das Licht, das in jeder Sekunde über 40000 Meilen zurücklegt, braucht mindestens vier Jahre, um von dort bis zu uns zu kommen.
Erst mit solchem Maßstabe wird klar, was Kepler und Huygens eigentlich wagten.
Sonnen mit der Möglichkeit solcher Abstände voneinander sollten sich perspektivisch so zusammenschieben, daß im ganzen ein dämmernder Lichtring — eine Milchstraße — entstand. Für dieses Sonnengewimmel mußte der neue, erweiterte Weltraum Platz haben. Platz mußte auch der Menschengeist in sich schaffen, um solche Dimensionen zu begreifen. Und doch war selbst das nur der Anfang. Aus diesem Wolkenband von Sonnen sollten alsbald die weiteren Rätselfragen auf diesen Geist niederprasseln, — hageldicht.
In der genialsten Naturgeschichte, die uns aus dem Altertum überliefert ist, dem Epos vom Weltall des Römers Lukretius, kommt ein prachtvoll anschauliches Bild vor. Die Unendlichkeit des Raumes soll verdeutlicht werden. Denke dich ans Ende aller bekannten Dinge Himmels und der Erden, sagt der Dichter. Und wirf einen Speer in die Weite vor dir, — er findet immer noch Raum! Man wird an dieses gigantische Bild des Speerwerfers vor der Unendlichkeit erinnert bei einem bestimmten Moment im Stern-Denken der Menschheit des achtzehnten Jahrhunderts.
Der Weltenraum war geöffnet, die alten Sphären waren daraus verweht wie Nebel. In diesem Raum schwebten die Sterne. Und diese Sterne drängten sich in der Milchstraße in solchen Massen zusammen, daß sie einen Schein erzeugten wie auf langer Bahn verträufelte Milch. Seefahrer waren auf die Südhalbkugel der Erde vorgedrungen, Cooks Schiff umsegelte zuletzt in kühner Schleife den südlichen Pol. Und auch dort umzog dieser Milchring aus Sternen den Himmel.
Kein Zweifel: die ungeheuere Sternanhäufung ging als ein nahezu größter Kreis durch unsern gesamten Himmel, wie wir ihn von der Erde sahen, — eine glühende Schlange mit Millionen Sternenaugen, die sich selber in den Schwanz biß.
Oberhalb und unterhalb dieses Ringes aber flammten vereinzeltere Sterne wie versprengte Posten der großen, geschlossen marschierenden Armee. Düster, öde erschien dem bloßen Auge und selbst dem Fernrohr der Raum hier zwischen den einzelnen Lichtaugen, — er erschien hier wirklich als solcher, als der anscheinend leere Raum. Wie tief mochte das spähende Auge hier in ihn einsinken, — einsinken wie der in die gähnende Leere abstürzende Speer des römischen Dichterphilosophen ......?
Da jetzt mischte sich ein neues Wirklichkeitsbild ein, überwältigender noch als alle früheren.
Jenseits aller dieser Sterne, die sich dort zur Milchstraße häuften, hier vereinzelter, raumlassend schwebten, — — erschien nebelhaft dämmernd die Küste einer ganzen neuen Welt, — eines ganzen, selber wieder eine Milchstraße bildenden neuen Fixsternsystems.
In der Milchstraße schwebt als geheimnisvolle Rune, einem lateinischen W vergleichbar, das zierlichste Sternbild unseres Nordhimmels: die Kassiopeja. Von dieser Gegend der Milchstraße her bilden, aus dem Milchdunst heraus, ein paar Prachtsterne eine schräge Brücke zu einem riesigen Stern-Quadrat. Es ist das Quadrat des Pegasus, und die Brücke ist die Andromeda.
In diesem Sternbild der Andromeda, zwischen der Kassiopeja und dem zweiten großen Brückenstern, hatte in der Nacht des 15. Dezember 1612 der Astronom Simon Marius mit dem neu erfundenen Fernrohr eine blaß dämmernde Himmelsstelle entdeckt, die weder ein Stern war noch eine schwarze Raumstelle. Als schimmere Lampenlicht durch eine Scheibe von Horn, — so war ihm das rätselhafte Gebilde erschienen. Der alten Sphärenlehre wäre das willkommen gewesen. Die abblendende Hornlaterne war die große letzte Schildkrötenschale des Himmels selbst, und hindurch schimmerten die Gefilde der Seligen. Das galt aber fortan ja nicht mehr. Auch dieses Nebelflöckchen mußte im offenen Raum schwimmen, abgrundfern von uns. Aber was konnte es sein?
Nicht lange, und es hatte Gesellschaft gefunden. Im Sternenbilde des Orion zeigte sich eine ähnliche Wolke glimmernden Himmelsdunstes. Bis endlich Herschel in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die „Nebelflecke“ nach hunderten in seine Himmelskarte eintrug. Um diese Zeit kam der Moment, den ich meinte.
Vor diesem Dämmerschein der Andromeda dämmerte einem Menschengehirn der ungeheuerlichste Gedanke auf, der nach der Erkenntnis, daß die Milchstraße eine Anhäufung aus Millionen von Sonnen sei, in der Sternkunde noch möglich war. Vom Rain der Milchstraße, mitten hindurch zwischen den loser gestellten Fixsternen des offeneren Himmelsteils, sank der Blick hier durch und durch und durch wie der Speer des Lukretius bis auf ein Gebilde, so groß noch einmal wie diese unsere ganze Fixsternwelt, aber so klein wie ein Nebelflöckchen für unser Fernrohr wegen der unfaßbaren Strecke Raumes, die nochmals zwischen unserem äußersten Fixstern und diesem zweiten Weltgestade lag. Der Nebelfleck eine Milchstraße, gesehen aus solcher Perspektive, daß diesmal der Ring (der doch unsern ganzen Himmel noch umspannte, obwohl jede Sonne darin der Entfernung wegen nur mehr ein Pünktchen war) überhaupt fast zu einem Punkt, zu einem einzigen kleinen, dem bloßen Auge kaum mehr wahrnehmbaren Tröpfchen verspritzter Milch zusammenschmolz.
Der Mann, der zuerst diesen Gedanken ausdachte, war wieder, wie es einst Dante gewesen, der größte Seelenforscher und Kenner der moralischen Welt in seinem Jahrhundert: Kant.
Er kannte keinen Schwindel, — also auch nicht vor dem Gedanken einer Milchstraße auf dem Raum eines Senfkorns. Mit der Ruhe eines Feldherrn, der einen halben Erdteil vor sich liegen sieht wie eine Landkarte, sah er bloß, daß der große Gedanke eine große praktische Folgerung umschloß.
In unsere eigene, nächste Milchstraße sahen wir von innen hinein, ihr Kreis umspannte uns, als säßen wir nahezu genau im Zentrum. Das erschwerte offenbar den Ueberblick. Wenn aber der Nebelfleck etwa in der Andromeda eine ebensolche Milchstraße enthielt, so sahen wir dort die Dinge unzweifelhaft von außen. Folgerung: wir konnten aus diesem Dämmerwölkchen da drüben etwas über den Bau unseres eigenen Systems lernen, — so wie der Seefahrer von weitem das ganze Profil einer Gebirgskette deutlich vor sich sieht und abzeichnen kann, während der Alpenkletterer im Gebirge selbst den großen Umriß vor lauter Einzelbergen, den Wald vor Bäumen verliert.
Zwei praktische Fortschritte glaubte Kant auf diesem Wege gewinnen zu können.
Der eine ging ins geschichtliche Gebiet. Die besten Fernrohre der Zeit hatten nicht vermocht, einen Nebelfleck wie den der Andromeda wirklich in Einzelsterne aufzulösen. Das konnte an der unfaßbaren Entfernung liegen. Es konnte aber auch seinen Grund darin haben, daß diese am Welthorizont auftauchende neue Weltinsel gar nicht in Sterne gegliedert war, — noch nicht gegliedert war. Eine einheitliche, lose Nebelmasse bildete sie vielleicht, nebelige Materie.
Kant träumte sich seherisch in einen Urzustand solcher Weltsysteme hinein, da alle Sternmaterie noch einen Gasball ohne innere Ordnung darstellte. Dort war es vielleicht noch so, — bei uns war es vor Jahrmillionen vielleicht einmal so gewesen. Im Ausbau dieses Gedankens baute Kant seine berühmte Weltbildungstheorie auf, die kreisende Sterne aus losen Gasringen sich aufrollen ließ. Unser Fixsternsystem sollte so entstanden sein und in ihm, enger wieder, unser Planetensystem. Diese Linie verfolge ich hier nicht, sie führt in eine andere Gedankenebene als die, mit der wir uns beschäftigen. Unmittelbar in das heute vor Augen gestellte Milchstraßen-Problem dagegen leitete Kants zweiter Schluß.
Sei der Andromeda-Nebel nun wirklich noch Weltennebel, oder sei auch er schon ein in Fixsterne aufgelöstes System genau gleich dem unseren: auf jeden Fall zeigte er im Gesamtumriß eine ganze bestimmte, höchst charakteristische Gestalt. Er glich einer flachen Linse. Mehr Scheibe als Kugel. Warum sollte das nicht auch das von außen gesehene Bild unseres eigenen Systems sein?
Auf den ersten Anblick schien hier allerdings gerade ein Widerspruch vorzuliegen.
Durch unser System zog sich die Milchstraße als geschlossener Sternenring. Lag es nicht viel näher, daß jener Nebelfleck, wenn er ein von fern gesehenes ganzes System darstellte, ebenfalls als Ring und nicht als einheitlich helle, linsenartige Scheibe erschien?
Im Gegenteil, sagt Kant.
Die Milchstraße würde uns in der Tat so als Ring am Himmel erscheinen, wenn ihre gedrängten Sternmassen einen riesigen Sternenring in unserem System bildeten, — das ist richtig. Aber sie würde uns genau ebenso erscheinen, wenn es einen solchen Ring tatsächlich nicht gäbe, dagegen das ganze System die Form einer flachen Linse oder Scheibe hätte. Und weil nun jene ferne zweite Welt im Andromeda-Nebel diese Linsenform wirklich hat und nicht jene Ringform, so wird es deshalb wohl auch bei uns so sein, — auch unsere Sterne werden als Ganzes eine flache Linsenscheibe bilden.
Der Witz dieses wirklich haarscharfen Gedankens steckt in folgender Tatsache.
Hier liegt eine deutsche Reichsmark, das Ideal geradezu einer flachen Scheibe. Das Metall dieses Geldstücks denken wir uns einmal zusammengesetzt aus Tausenden von kleinen Körperchen, Kügelchen etwa. Aus Molekülen, würde der Chemiker sagen. Doch auf den Ausdruck kommt nichts an. Nun denken wir uns von einem dieser Kügelchen etwa in der Mitte des Silberstücks, es sei von unfaßbar kleinen Bazillen bewohnt. Diese Bazillchen sollen Aeugelchen besitzen, die mit der wunderbaren Fähigkeit begabt sind, nach allen Seiten hin die übrigen losen Kügelchen in der Metallmasse zu sehen. Wie würde ihnen die Anordnung dieser Kügelchen in der Mark von ihrem Standpunkte aus erscheinen?
Zunächst würden sie in der dünnen Metallplatte etwa nach der Seite sehen, wo sich der Reichsadler befindet. Die Metallmasse, die sie hier zu durchdringen hätten, wäre sehr dünn, und sie würde sich ihnen also wohl in ein ziemlich loses Netz einzelner Metallkügelchen auflösen, zwischen denen die Poren des Metalls freien Ausblick in die Welt außerhalb der Mark — also vielleicht auf andere, entfernte Markstücke eines Portemonnaies oder auch auf eine schwarze Hosenwand — erlaubten. Jetzt würden sie den Blick wenden und umgekehrt nach der Seite schauen, wo die Schrift in ihrem Eichenkranze steht. Abermals dasselbe Schauspiel, — denn auch hier bohrt sich der Blick durch die geringe Dicke der Silberscheibe und ist fast unmittelbar zwischen wenigen Kügelchen ganz aus dem Silber heraus im Portemonnaie oder in der Hosentasche. Wie aber, wenn der Blick jetzt eine dritte Richtung wählte?
Er versenkte sich spähend nach irgend einer Seite auf den gekerbten Rand der Mark zu. Aber vergebens suchte er auch hier so leicht durch die Kügelchen zu dringen. Sähe er doch jetzt von innen gegen die ganze Hälfte der Fläche des Markstücks an, also in ein sehr viel tieferes Stück Silber als vorhin. Wohl löste das Silber sich auch hier vorne in Kügelchen auf. Aber hinter diesen ersten Kügelchen käme jetzt nicht sofort die Portemonnaie- oder Hosenwand, sondern es stellte sich dahinter eine zweite Reihe glänzender Metallteilchen, dahinter noch eine und so eine ganze lange, lange Kette. Und da die Hintermänner sich in die Lücken der vorderen Kolonnen drängten, so hörte schon nach kurzem Wege jede Durchsicht in Lücken überhaupt auf: die ganze Armee der Kügelchen erschiene schließlich als einheitliche Mauer, als Silberwand, die jeder Auflösung durch den Blick trotzte. Dieses letzte Schauspiel nun wiederholte sich aber, wo immer das Bazillenäuglein in der Richtung auf den gekerbten Rand sich einstellte. Der gekerbte Rand läuft bekanntlich als Ring um die ganze Markscheibe. Entsprechend stellte sich dem herumirrenden Blick in bestimmter Ebene ein ganz fester Ring solcher einheitlichen Silbermasse ohne Portemonnaie- oder Hosen-Ausblicke dar.
Dieses Bild, trivial wie es ist, malt doch genau die angenommene Sachlage am Himmel.
Unser ganzes engeres Sternensystem soll die Gestalt einer flachen Scheibe gleich einem Markstück haben. Wie das Markstück aus winzigen Silberkügelchen, so besteht die Riesenscheibe des Sternhimmels aus einer Unmasse einzelner Sterne in ziemlich gleichmäßiger Verteilung. Das Kügelchen ungefähr in der Mitte ist unsere Erde, und die Bazillen mit lichtfrohen Aeugelchen sind wir Menschen. Wir schauen gegen die Fläche der Sternscheibe — und rasch durchdringt unser Auge die paar Einzelsterne dieses kurzen Stücks, — schon taucht in den Lücken der leere, schwarze, kalte Weltraum — die Hosenwand oder Portemonnaiewand unseres Bildes — auf. Nach beiden Seiten ist es so, wenn wir die Fläche treffen. Hier wie dort einzelne Sternbilder auf dunklem Grunde.
Aber wir wollen gegen den Rand der Sternscheibe vordringen — und die Welt vernagelt sich. Sternreihe schiebt sich auf dieser langen Bahn hinter Sternreihe, die eine füllt die Zwischenräume der vorhergehenden, — die leuchtenden Punkte werden zur einheitlichen Leuchtmasse wegen ihres Hintereinanders in die Tiefe hinein, ohne daß sie in jeder einzelnen Reihe darum dichter ständen. Und diese kompakte Leuchtmasse begegnet uns, wo immer der Blick in die Ebene gegen den Rand der Sternscheibe eindringen will, — genau wie das Markstück seinen gekerbten Rand als Ring um sich trägt, so bildet auch der Rand der Sternscheibe einen Ring für den, der im Mittelpunkte steht, — — und in diesem Ring glänzt dem Auge folgerichtig jene einheitliche Leuchtmasse, in der das Gewimmel der Sterne die Einzelformen löscht und die Durchblicke in den schwarzen Raum überdeckt.
Wir stehen bei der Milchstraße.
Sie ist kein wirklicher Sternenring, sondern nur eine zufällige Projektionserscheinung für das Auge von Beobachtern, die fast genau in den Mittelpunkt einer flachen Scheibe aus gleichmäßig verteilten Sternen gesetzt sind und diese zwangsweise Lage ihrer Sternwarte nicht verschieben können.
Nicht umsonst kam dieser Gedankengang von einem König unter den Logikern. Kein Kärrner hat ihn in den hundertfünfzig Jahren seither auf seinem eigenen Felde besiegen können. Sollte er je wieder ins Wanken gebracht werden, so konnte es nur geschehen, indem gewisse Voraussetzungen aus dem Tatsachen-Material heraus hinfällig wurden.
Zwei ganz scharf umrissene Angriffe konnten ihn nur mehr fällen.
Entweder die ganze Deutung des Andromeda-Nebels als der unsern ähnliche Fixstern-Insel war schließlich doch noch falsch. Dann fiel die Analogie von dort. Oder eine genauere Betrachtung der Milchstraße selbst machte doch aus greifbaren Beobachtungs-Gründen jene „optische“ Erklärung Kants unmöglich. Dann fiel von hier die Analogie.
In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, als Kant schrieb, mußte ein ehrlicher Sinn zugeben, daß beides denkbar war. Denn die Ausnutzung des Fernrohrs stand tatsächlich noch immer in ihren Anfängen. Wilhelm Herschel enthüllte ja eben mit seinem Rohr einen ganzen neuen Himmel. Aber da gerade wurde offenbar, wie wenig wir noch wußten. Als Herschel in der Nacht des 13. März 1781 nach Doppelsternen gesucht und dabei die uralt heilige Zahl der Planeten, auf der ganze Religionen, die tiefsinnigsten philosophischen Betrachtungen und Hunderttausende von persönlichen Horoskopen aufgebaut worden waren, durch Entdeckung des Planeten Uranus zertrümmert hatte, — da beschlich auch den Kühnsten ein Ahnen, was jetzt erst alles folgen werde.
Und wieder, wie so oft, begann in der Tat hier eine jener wunderbar verzweigten Arabesken der Forschung, die auf den Beschauer später einen so köstlichen Reiz ausüben. Meint er doch, ein Pflänzlein dem ungestalten Keim sich entringen zu sehen, es reckt sich, spaltet Hüllen, biegt und kringelt sich empor, setzt erst fremdartige Blättchen an, als sollte etwas ganz anderes werden — bis endlich jäh der Typus, die Art, die wirklich entstehen sollte, sieghaft vorbricht. So erlebt auch er das Keimen und Reifwerden einer Wahrheit, einer Erkenntnis im Menschengeiste, und er erlebt sie in einer unendlich feineren, geistig anregenderen Form, als wenn die neue Weisheit plötzlich blitzeblank vom blauen Himmel fiele.
Wenn der Andromeda-Nebel ein ganzes Fixsternsystem in Linsenform umschloß, das seinen Zentralbewohnern ebenso als Milchstraße erschien wie uns unser milchiges Himmelsband: dann mußte dieser Nebel enorm weit von uns entfernt sein. Denn er hatte ja wirklich beinahe nur noch die Größe einer echten Linse für uns.
Gab es solche Entfernungen?
Gab es eine Rechnung, die da nachkam?
Es ist der erste verzwickte Arm der Arabeske, der sich hier aufreckt.
Der nächste Fixstern unseres Systems jenseits der Sonne steht, wie gesagt, so weit von uns ab, daß das Licht rund vier Jahre braucht, um zu uns zu gelangen. Das bedeutet mehrere Billionen Meilen. Es läßt sich mit Sicherheit behaupten, daß diese Ziffer keineswegs zu groß, dagegen eher noch um ein beträchtliches zu klein ist. Das ist der nächste Stern! Bei anderen Sternen gerät man auf einige dreißig solcher Lichtjahre. Was wir heute von ihnen sehen, ist ihr Bild, wie es vor dreißig Jahren von ihnen durch Lichtpost herübergeworfen wurde. Für die entferntesten Sternpünktchen, die aber immer noch in unsere Fixsterninsel hineingehören, gibt es einen Annäherungswert von 22000 Lichtjahren. Da wir uns fast im Mittelpunkte der Insel befinden und solche äußersten Pünktchen nach zwei Seiten auftauchen, so gibt das einen ungefähren Längendurchmesser des Systems — sagen wir in Kants Sinn, der Scheibe oder Linse — von 44000 Lichtjahren. Unsere ganze aus unmittelbarer Ueberlieferung stammende Kultur auf Erden hatte also noch nicht begonnen, als jene äußersten Systemecken das ausstrahlten, was heute als ihr Licht in unser Fernrohr rinnt. Und dabei ist die Ziffer sicherlich noch nicht das volle Maß.
Als man anfing, zuerst einmal ganz im Umriß und noch ohne feinere Nachweise, mit ähnlichen Ziffern für unsere Milchstraße zu spielen, erfolgte sofort der Schluß: das alles jetzt muß, als innerhalb unseres eigenen Systems gelegen, doch nur erst eine Bagatelle sein gegen den Abstand der nächsten ganzen Fixstern-Insel von uns, — also gegen die Entfernung des Andromeda-Nebels. Wie wenn ich einem sage: dieser Hausgiebel hier steht von dem dort zehn Meter weit ab, — was du dort im Ausschnitt der Straße aber wie zwerghafte Zuckerhütchen ragen siehst, das ist die ganze Alpenkette, — wie weit muß die entfernt sein! 44000, — das ist schon fast halb Hunderttausend. Bloß zehnmal Hunderttausend gibt eine Million. Eine Million Lichtjahre also. Aber das ist in Anbetracht der Sache noch immer nicht viel, im Gegenteil. Riskieren wir ein paar, eine Anzahl Millionen.
Es war wieder ein Riesendenker, jetzt schon im neunzehnten Jahrhundert, der hier den Kopf auf die Hand stützte und in Gedanken eine gewisse Bilanz zog vom überschauenden Standpunkte aus.
Zehn, oder zwanzig, oder gar hundert Millionen Lichtjahre, — das berührte eine andere Ziffer der Naturforschung.
So viel Millionen einfache Jahre erreichten oder überschritten gar schon unsere gesamte Kenntnis von der geschichtlichen Entwickelung der Welt. Sie datierten zurück hinter den Menschen auf Erden, hinter die Ichthyosaurier, die Steinkohlenwälder, die Bildungszeit der kristallinischen Schiefer, die Entstehung der ersten Erkaltungsrinde unseres Planeten, — ja schließlich gar noch hinter jene wilde Genesis des ganzen Sonnensystems, wie sie Kant träumte, und zuletzt noch hinter die der Milchstraßeninsel selber.
In diesem Falle, sagte sich Humboldt, ist ein solcher Nebel wie der in der Andromeda mit seiner vor Hunderten von Jahrmillionen abgegangenen und jetzt erst bei uns ankommenden Lichtpost einfach das älteste sinnfällige Zeugnis vom Dasein der ganzen Materie, das wir überhaupt noch besitzen!
War dieser Nebel heute für unseren Anblick noch glühender Urstoff ohne innere Gliederung in Einzel-Sonnen, so war das wirklich kein Wunder. Vor so viel Millionen Jahren war unser Milchstraßensystem das ja in Kants Sinne auch gewesen. Wir sahen aber tatsächlich dort, was damals war. Kam die Lichtpost von uns selber umgekehrt dorthin, so langte auch sie ja mit derselben Verspätung an und dort erschien unsere Sterninsel entsprechend ebenfalls erst in ihrem chaotischen Urzustande.
Das war nun ein pompöses Wort, und der alte Humboldt war der nötige pompöse Redner, um es aller Welt als kosmisches Bonmot einzuprägen.
Die Anhänger der Kant’schen Milchstraßen-Theorie aber freuten sich doppelt dabei, denn es gab nur Wasser auf ihre Mühle, — erhöhte nämlich nur die Wahrscheinlichkeit, daß der Andromeda-Nebel unser Lehrmeister in Kants Sinne bleiben dürfe.
Indessen die Arabeske begann ihre Krümmung.
Mit dem Jahre 1880 setzt für unsere Kenntnis der Nebelflecke eine ganz neue Epoche ein. Draper photographiert den Orion-Nebel.
Die Photographie eroberte auch hier den Himmel — ein unvergleichlicher Fortschritt.
Es war, als sei dem Menschenauge eine neue Netzhaut geschenkt, weit empfindlicher als die alte organische des Wirbeltierauges, die wir von der Natur mitbekommen haben.
Auf dieser Netzhaut der photographischen Platte erschien auf einmal der ganze Fixsternhimmel wie durchsetzt, durchsponnen von lauter nebelhaften Gebilden, die kein Mensch hatte ahnen können. Was Herschel und Lord Rosse, die größten Nebelforscher bisher, für einzelne Nebelflecke gehalten, das verknüpfte sich vielfach, Lichtbänder liefen als Brücken herüber und hinüber, die scharfen Umrisse, die man gezeichnet und nach allerlei Aehnlichkeiten benannt hatte, lösten sich. Ueber ganze Sternbilder war glimmender Dunst ausgegossen, allerorten badeten Fixsterne geradezu in Nebelwellen.
Was sollte das?
Die Sache wurde noch komplizierter. An gewissen Stellen wurde geradezu ein Zusammenhang deutlich zwischen großen, längst bekannten Fixsternen, die jeder zu unserem System rechnete, und dieser Nebelmaterie. Diese Sterne standen nicht perspektivisch bloß zufällig vor dem Nebel. Sie glühten aus ihm heraus, bildeten Verdichtungen in ihm. Nebelstrahlen und Schweife flossen unmittelbar von ihnen aus wie ungeheure Kometenschwänze.
Es war ein absolutes Stück der Unmöglichkeit, vor diesen neuen Karten an dem alten Humboldt’schen Gedanken in seinem ganzen Umfange festzuhalten. Waren auch diese neuen Nebelgebilde ferne Weltsysteme, so mußten unbedingt auch einzelne echte Sterne, beispielsweise im Orion, aus unserem Milchstraßensystem ganz herausfallen. Wie unfaßbar groß sollten sie aber dann sein, daß man sie doch noch einzeln im Nebel sah?
Aber es standen ja Nebel über Nebel in der Milchstraße selbst? Mitten also in der angeblichen Flächenachse unseres eigenen Systems, wo die gehäuften Sterne uns die Aussicht gerade in den weiteren Raum sperren sollten!
Eine große Reaktion trat ein.
Die Nebelflecke sind überhaupt keine Welteninseln außerhalb unseres Systems, wurde Parole. Inmitten unserer eigenen Sterninsel schwimmen Nebelwolken allenthalben herum. Alle jene Rechnungen über Entfernungen von Millionen Lichtjahren sind eitel. Schon in ein paar Lichtjahren Entfernung können Nebel liegen.
Weit fort vom alten Ziel bog sich die Arabeske.
Wenn nun auch der alte Baustein der ganzen Theorie, der Andromeda-Nebel, schließlich nur einige zwanzig oder dreißig Lichtjahre von uns abstand, wenn er ganz friedlich innerhalb unseres Systems, diesseits am Ende gar noch von Plejaden oder Orion, schwebte ......?
Stimmen wurden laut, die schlechterdings jede Möglichkeit eines Hindurchsehens zwischen unseren Systemsternen bis auf andere Systeme leugneten. Mochte es immerhin solche Systeme in der Unendlichkeit des Raumes noch geben, — mit nichts schien auf einmal bewiesen, daß wir sie überhaupt sehen müßten. Der Zwischenraum konnte so groß sein, daß die Lichtwelle darin starb, daß das Licht von den feinsten Materieteilchen, die den Weltraum unsichtbar doch noch überall erfüllten, einfach aufgezehrt, absorbiert wurde.
Und es gab eine Betrachtungsweise, die dem sogar scheinbar noch zu Hilfe kam.
Sie ging aus von der inneren stofflichen Beschaffenheit der Nebelflecke.
Die Arabeske hatte hier ihren Sonderarm getrieben seit Kants und Herschels Zeit. Dreimal hatten die Lehrbücher an diesem Punkte in hundert Jahren umgeschrieben werden müssen, — jetzt eben nahte das vierte Mal.
Als ein Eroberer großen Stils war Herschel im achtzehnten Jahrhundert durch die Sternenwelt gezogen. Welten hatte er vergeben dürfen, uralte Traditionen brechen und neue Bande schlingen. Aber auch für ihn gab es einen Punkt, wo sein Rohr versagte. Eine Anzahl jener Nebelgebilde, die Kants Interesse so lebhaft geweckt, vermochte er noch in Sterne aufzulösen. Andere nicht mehr. Und es war in der Tat gerade der Andromeda-Nebel einer der zähen gewesen, der seine Milchstraße aus Fixsternen, wenn er sie besaß, doch dem Weltbezwinger nicht mehr öffnen wollte.
Woran lag das?
Im Sinne der späteren Humboldt’schen Betrachtungsweise konnte es keine einfachere Erklärung geben, als daß diese Sterneninsel eben wirklich so unfaßbar weit von uns ab im offenen Raumozean schwebe, daß wir mit stärksten Fernrohren doch kein einzelnes Sternflämmchen mehr darin unterscheiden könnten.
Herschel war selbst aber schon vorsichtiger. Der unlösbare Nebel konnte auch deshalb unlösbar scheinen, weil nichts zu lösen in ihm war: er konnte ein Chaos glühender Nebelmaterie wirklich sein. Und dafür war Herschel, obwohl es im Grunde ja Meinungssache blieb.
Im neunzehnten Jahrhundert stellte Lord Rosse jedoch in England ein noch viel größeres Rohr auf und setzte den Feldzug an dieser Ecke des Herschel-Reiches noch nachhaltiger fort. Diesmal fiel wieder eine Reihe angeblich unlösbarer Nebel in Sternstaub auseinander. Und die Erfolge kamen so Schlag auf Schlag, daß die Schale zu Herschels Ungunsten zu sinken begann. Das Problem kam nun doch, schien es, aus der reinen „Meinung“ heraus. Wer die Dinge verfolgte, erwartete eines Tages zu lesen, daß der nebelerpichte Lord auch den Andromeda-Nebel atomisiert und damit diese ganze Sachlage endgiltig geklärt habe.
Auch die äußersten Nebel, wäre dann sicher gewesen, waren Milchstraßen-Systeme im Sinne Kants, — aber ihre Lösbarkeit gab auf der anderen Seite aus sich keinerlei Beweis für übermäßig große Ziffern der Entfernung.
Statt dieser wahrscheinlichen Entscheidung durchzitterte aber plötzlich wie ein Alarmsignal die Kunde von einer ganz anderen Entdeckung die astronomische Welt.
Kirchhoff und Bunsen hatten abermals — nicht einen neuen Stern oder Nebelfleck, sondern ein neues Auge entdeckt. Ein Werkzeug-Auge, gleich den Linsen des Fernrohrs, aber noch viel wunderbarer. Ein chemisches Auge durfte man es nennen.
Zwischen Stern und echtes Menschenauge wurde diesmal nicht eine Linse, sondern ein geschliffenes Glas, das man Prisma nennt, eingeschoben. Dieses Glas wirkte auf das Licht wie die Sieböffnung einer Gießkanne auf den Wasserstrahl des Gießkannen-Rohres: es zerlegte seinen Strahl in ein Bündel Einzelstrahlen. Dabei kam je nach der Art des Lichtes ein besonderes Geflecht gewissermaßen dieser Einzelstrahlen zu Tage, das sich in allerhand Lücken, dicken und dünnen Fäden, dieser und jener Anordnung, größerer oder geringerer Vollzähligkeit und so weiter offenbarte. Indem man irdische Lichtstrahlen, deren Quelle bekannt war, durch dieselbe Gießkanne laufen ließ und die Verschiedenheiten ihres inneren Aufbaues dabei studierte, glückte es, das Licht gleichsam zu einer Aussage zu zwingen, ihm eine uns verständliche Sprache aufzunötigen. Das Licht, das von einem weißglühenden Körper ausging, spritzte anders aus der Gießkanne des Prismas als das, das von einem glühenden Metalldampf kam. Die Metalldämpfe unter sich gaben wieder verschiedene Bündel, und vollends noch wieder anders wirkte Weißglut, die quer durch einen solchen Metalldampf hindurch strahlte. Hatte man das einmal in so und so viel Fällen unter Kenntnis der Quelle festgestellt und aufgezeichnet, so konnte man jetzt umgekehrt bei Lichtstrahlen, deren Quelle man zunächst nicht kannte, einen Schluß aus dem Gießkannen-Ergebnis auf diese Quelle nach Analogie jener anderen Proben machen. Und das traf auch die Sterne.
Sofort war klar, daß die Sonne ein weißglühender Körper hinter einer Schicht glühender Metalldämpfe sein müsse, denn genau dem entsprach das Strahlenbündel, das das Sieb des Prismas aus ihrem Licht ergoß. Ein sinnreicher Schluß erlaubte sogar, die Einzeldämpfe dabei noch wieder besonders herauszusieben und so ein Bild der chemischen Zusammensetzung wenigstens dieser Sonnenhülle zu erzielen, als hätten wir ihre Bestandteile handgreiflich in unserem irdischen Laboratorium beisammen und könnten sagen: hier dampft Eisen, hier Nickel, hier Natrium, hier dieses oder jenes andere Metall, von ungeheurer Glut zu Wolken verflüchtigt.
Der nächste Schachzug war dann eine wundervolle Bestätigung des alten welterschütternden Gedankens des Giordano Bruno. Die Fixsterne waren ihrem Licht nach ebenfalls solche Sonnen. Einige glichen unserer Sonne geradezu in jedem Zuge. Andere waren etwas verschieden, aber doch nur so viel, daß man sah: es glühte hier eine noch etwas heißere Sonne oder dort eine, die umgekehrt schon ein wenig mehr abgekühlt war als unser treuer Helios.
Der dritte Streich aber sprang auf die Nebelflecke über. Und im gleichen Moment lag Lord Rosse trotz seines Riesenfernrohrs wieder unten und der alte Herschel mit dem kleineren Rohr war glänzend rehabilitiert.
Wenn die Nebelflecke sämtlich echte Schwärme schon vollständig ausgebildeter Fixsterne waren, so mußte die neue Untersuchungsart mit dem Prisma (die Spektral-Analyse, wie man es wissenschaftlich nannte) notwendig ebenfalls ein sonnenähnliches Lichtbündel bei ihnen liefern. Denn ob nun eine Sonne oder hunderttausend, — diese Lichtprobe läßt sich nicht auf Verschwimmen zu Nebelmassen ein: sie liefert in der Summe einfach nur wieder den gleichen Ausweis, den jedes einzelne Sternflämmchen darin aushändigen müßte.
Nun denn: einer ganzen Anzahl der längst bekannten Nebelflecke fiel es tatsächlich nicht ein, den bewußten Sonnen-Ausweis zu liefern. Statt der Weißglut hinter Metalldämpfen zeigten sie schlechterdings bloß das Bild, das auf Erden von einem einzigen glühenden Gase ausging: nämlich von Wasserstoff. Sie lieferten es kompliziert noch durch einige Anzeichen einer Mischung dieses Gases mit anderen Gasarten, die zunächst niemand aus irdischer Aehnlichkeit deuten konnte. Seither haben wir entdeckt, daß mindestens ein solcher Mischungsbestandteil das ungemein merkwürdige Helium ist, — ein Stoff, den man zuerst nur eben mit Hilfe der Spektral-Analyse auf der Sonne nachgewiesen und danach Helium (von Helios) benannt hat, der aber zu guter Letzt doch auch noch auf unserer braven Erde selber gefunden worden ist, auf daß das kleine kosmische Museum, das uns in dieser Erde gegeben ist, auch in diesem Punkte sich als vollständig erweise.
Diese Nebel waren also, was das Wort sagte: wirklich Nebel, — frei im Raum schwebende Wolken glühenden Stoffs im Zustande des Gases, — vornehmlich leuchtende Nebelwolken aus Wasserstoff.
Gegen diese Deutung des neuen Werkzeug-Auges Prisma gab es keine Instanz mehr, — die Natur hatte gesprochen.
Die Anhänger jener Kant’schen Weltbildungstheorie, nach der Milchstraßensysteme sich erst allmählich aus losem Weltennebel zu Fixstern-Haufen entwickelt hatten, waren zufrieden. Mit Rosse war ihre Sache bedenklich geworden. Jetzt stand sie wieder. Diese Nebelflecke waren eben noch keine Milchstraßen-Welten in unserem Sinne, aber Welt-Embryonen, werdende Keime, bei denen alles noch im Nebel lag. Vielleicht war der Wasserstoff das Ur-Element, aus dem sich die andern erst durch Abkühlung bildeten.
Noch einmal wurde an dieser Wende das Humboldt-Bonmot mit besonderem Nachdruck vorgebracht. Diese Nebelflecke erschienen uns deshalb noch im Werdezustand, als wahre Ur-Nebel, weil sie so unausdenkbar weit von uns abstanden, daß jetzt erst die Lichtpost ihrer millionenalten Vergangenheit, ihrer Ur-Zeit, das Lichtsieb unseres Prismas erreichte.
Nicht lange aber — und auch die Skeptiker fanden vor der gleichen Sachlage Mut.
Echter Nebel blieb Nebel — ob nah, ob fern. Ein Nebel, der bloß perspektivisch aus unzähligen Sternpunkten zusammenfloß, war sicherlich recht fern. Konnte gar das beste Fernrohr ihn nicht mehr auflösen, so war er ganz gewiß sehr, sehr fern. Ein Nebel aber, der auch auf zehn Schritt Entfernung eben Nebel geblieben wäre, da er eine Wolke glühender Luft ohne Sternpunkte darin war, — er „konnte“ eben auch, wenn man’s sonst wollte, dicht vor unserer Nase stehen. Dieses „Sonst wollen“ wurde nun lebhaft bestärkt, seit die Photographie jenen allgemeinen Umschlag in der Nebel-Deutung angebahnt hatte. Alle möglichen ketzerischen Ansichten wollten sich nicht mehr beruhigen lassen.
Also die Nebelflecke bestanden in der Mehrzahl aus leuchtendem Gas. Wie hatte man sich das eigentlich zu denken?
Die Vorstellung einer frei über ungeheure Räume verteilt schwebenden Gaswolke im eisig kalten Raum ist rein physikalisch eine überaus schwierige. Das Gas muß in einer Weise verdünnt sein, daß ein Chemiker, der mitten hinein geriete, es zunächst gar nicht als solches fassen könnte. Wir denken uns seit Kant so gern unser Sonnensystem, wie es heute dasteht, als ein Verdichtungsprodukt aus einem ähnlichen Gasnebel. Nun: alle heute vorhandenen Massen der Sonne, der Planeten und Monde dieses Systems bis zur Neptunbahn als Gaskugel nebelhaft gleichartig über diesen Raum, den jetzt die Neptunbahn als Aequator umgürtet, verteilt, ergäben einen Nebel, der von unserer gewöhnlichen irdischen Luft um mehr als das 240000millionenfache an Dichtigkeit übertroffen wird. Wo sind die Instrumente der Chemie, die diesen Nebelstoff noch nachweisen sollten! Nun soll man sich aber Nebel vorstellen, die ganze Sternbilder durchqueren, also um ein vielfaches mindestens die Abstände von Fixsternen untereinander übertreffen und in sich schließen, — Abstände, die nach Billionen von Meilen, nach Lichtjahren, nach dreißig und mehr solcher Lichtjahre zählen .....
Es lag ungemein nahe, sich zu sagen, daß ein Nebel im Zustande solcher feinsten Verflüchtigung keine eigene Wärme gegenüber seiner Umgebung mehr besitzen könne, — und es wurde nachdrücklich gesagt.
Der Weltraum ist kalt, ein Eiskeller. Viele Astronomen wollen geradezu, daß er die Temperatur des sogenannten absoluten Nullpunktes besitze, nämlich minus 273 Grad. So eisig müßte der Nebel auch sein. Ein ganz neues Bild taucht hier auf. Nicht ein glühender Urnebel, sondern eine kalte Wolke Wasserstoff.
Aber die Wolke leuchtet ja?
Leuchten gilt im allgemeinen doch als ein Zeichen der Hitze. Metall leuchtet im Moment, da es in Glut gerät. Indessen es gibt auch ein Leuchten kalter Körper: die sogenannte Phosphoreszenz. Und gerade sie scheint zuzunehmen beim Sinken der Temperatur. Wenn nun mit der Annäherung an den absoluten Nullpunkt viele oder alle Körper anfingen, ein geheimnisvolles Phosphorlicht, — ein Kälte-Licht, auszustrahlen? Und wenn also auch die losen, unglaublich verdünnten Gase des Weltraums bei diesem äußersten Nullstand aufglimmten? Es gibt vielleicht noch andere Glüherscheinungen dieser Art, bisher unerklärlich: die Schweife der Kometen, das Nordlicht.
Aber, so kommt der Gegeneinwurf wieder von der Physik selbst: wenn nun die Nebelfleck-Gase die volle Weltraumkälte in sich tragen, — wie können überhaupt bei solcher Kälte Gase bestehen? Diese Kälte bannt jedes Geschehen in absolute Starre, sie ist der wahre Bewegungstod. Was aber ist ein Gas in absoluter Starre?
Doch diese Nebelgase in ihrer tollen Verdünnung wären ja so wie so jenseits jeder Vorstellung, die wir mit Gasen verknüpfen. Näherten sie sich nicht schon dem geheimnisvollsten aller Stoffe, dem berühmten Weltenäther, der den kalten Raum in seiner Ganzheit erfüllen soll und in dem nach unserer Licht-Theorie die Lichtwellen laufen? Waren sie nicht am Ende nur Verdichtungen dieses wundersamsten Geheimstoffs der modernen Physik, etwas festere Inseln im Aetherozean, die doch als solche, als Aetherinseln, noch immer allen groben Gesetzen der gangbaren Körperlichkeit ein Schnippchen schlugen?
Ich breche die Linie hierher ab. Sie führt, wie man sieht, an schwindelerregende Ränder. Wo der absolute Nullpunkt, wo der Aether, wo diese und verwandte Begriffe in wissenschaftlichen Hypothesen heute auftauchen, da schwebt der Geist noch über dem Abgrund und — trotz Licht-Aethers über der Finsternis. Aber man begreift, in welche Verwickelung die Sachlage geriet, wenn solche Vermutungen überhaupt schon bei den ernsthaftesten Köpfen, denen jedes Spiel fern stand, auftauchen konnten.
Der Aether wogte ja nicht bloß zwischen unserer Milchstraße und fernen anderen Systemen. Er war um uns, in uns, war überall. War ein „Nebelfleck“ nichts anderes als eine vor Kälte phosphoreszierende Aether-Verdickung, eine leuchtende Wolke der Weltluft zwischen Stern und Stern, — — so war wirklich von hier aus ganz und gar nicht einzusehen, warum solche Wolken nicht tausendfach sich mitten durch unsere eigene Fixsterninsel, warum sie nicht mitten durch unsere Milchstraße sich ziehen sollten.
Ja, es wurde, von allem Tatsächlichen abgesehen, theoretisch sogar unwahrscheinlicher, daß sie gerade aus der Ferne von Millionen von Lichtjahren überhaupt noch sollten gesehen werden können, — sie mit ihrer bloß glimmenden Phosphoreszenz, die schwerlich der Leuchtkraft wirklich glühender Kolosse wie einzelner echter Fixstern-Sonnen auch nur gleichkommen konnte.
Mochten sie immerhin, wie vielleicht der ganze Aether, der unaufgebrauchte Rest eines Kant’schen Ur-Nebels sein, aus dem alle Sonnen unseres Systems sich im Zeitenlaufe bereits herauskristallisiert hatten wie aus einer Mutterlauge.
Jedenfalls blieb es auch mit ihnen bei dem einen einzigen Ur-Nebel für unsere Kenntnis, — eben dem, aus dem unsere Milchstraße sich geformt hatte. Nirgendwo, auch in keinem Nebelfleck, sahen wir aus unserem Milchstraßengeheimnis hinaus auf ein zweites.
Vielleicht gehörte der ganze Lichtäther als solcher wirklich noch zu uns, war mit umschlossen in unserem System.
Jenseits gähnte dann der absolut leere oder wenigstens auch ätherleere Raum.
Keine Lichtwelle konnte durch ihn mehr zu uns fließen.
Nie würde ein Menschenauge innerhalb unserer Sternenlinse von außen eine Lichtpost erhalten, da der Träger fehlte.
Mochten Welten sein, unzählige, wie Philosophen träumten. Nie kamen sie zusammen, auch in Form einer dämmernden Nebelinsel nicht. Hinter dem letzten Fixstern begann für uns — das Nichts, — — das Nichts des ewig Blinden.
An dieser Stelle, wo der Speerwurf des alten Lukretius wirklich vor der schaudervollen Leere scheint, ist es nun doch der alte freundliche Andromeda-Nebel gewesen, der uns gezwungen hat, etwas weniger straffe Saiten aufzuziehen.
Die Arabeske wächst sich wieder ein. Allerdings, um nun endlich gerade das doch noch umzuwerfen, was von Anfang an das allersicherste Ergebnis schien.
Die Beweiskraft der ganzen Nebelfleck-Forschung für das Milchstraßenrätsel ist zu dieser Stunde — so viel bleibt fest — hinfällig, so weit es sich um wirklich gasförmige Nebel handelt.
Ihre Entfernung ist mindestens in einer Anzahl kontrollierbarer Fälle nicht so groß, wie man geglaubt hatte.
Und ihre Beweiskraft überhaupt hinkt angesichts der Tatsache, daß ihre ganze Beschaffenheit sie einstweilen selbst den schlechterdings rätselhaften Naturgebilden einreiht, die zwar selber immerzu in Vermutungen locken, die aber als feste Stütze anderer Vermutungsketten (wie des Milchstraßen-Problems) ehrlicherweise vorerst noch nicht benutzt werden dürfen.
Nun ist es aber auch der vollkommensten Spektral-Analyse unserer Zeit keineswegs eingefallen, sämtliche Nebel, die von Herschel, Rosse und den Späteren mit dem Fernrohr nicht aufgelöst werden konnten, als solche echten Gas-Nebel anzusprechen.
Als die Sache zuerst so hübsch losging mit der Licht-Zerlegung und dem Gas-Nachweis vor Nebelflecken überhaupt, da wurde diese Tatsache ja wohl so etwas obenhin behandelt. Alle, die durchaus aus den Nebelflecken Embryonen oder Nebel-Keime werdender Milchstraßen-Systeme machen wollten, sahen die Fälle, wo der Nebel laut dem Prisma einmal entschieden nicht aus losem Gas bestehen wollte, als minderwertig über die Schultern an. Und die Arabeske mußte erst beim wahren Bankrott der ganzen Gasnebel-Theorie im alten Sinne angekommen sein, damit diese scheinbar belanglosen Ausnahmen selber wieder Theorie-Wert bekamen.
Es ist so: eine gewisse Reihe von Nebeln bleibt trotz ihrer Unauflöslichkeit durch das Fernrohr unter der Licht-Gießkanne des Prismas ein Fixstern-Haufen.
Es kommt ein Strahlenbündel aus dem Sieb, das nicht die leiseste Aehnlichkeit mit jenem Wasserstoff-Bilde oder überhaupt einem reinen Gas-Bilde besitzt. Es kommt vielmehr das vor, was vorkommen müßte, wenn dieser Nebelfleck tatsächlich eine einzelne Fixsternsonne wäre. Das kann er aber seiner Größe und Erscheinung nach nicht sein. Es bleibt also kein Schluß übrig, als daß er (im oben besprochenen Sinne) das Produkt aus dem Lichte einer Masse solcher Fixsterne sei. Warum können wir aber diese Einzelsterne gleichwohl mit dem besten Fernrohr nicht erkennen?
Es gibt nur eine Antwort auf diese Frage, die Sinn und sogar sehr viel Sinn hat: dieser Haufen Fixsterne steht diesmal wirklich so weit von uns ab, daß wir auch im vorzüglichsten Fernrohr seine Milchstraße als „Milch“ sehen ohne Einzelpunkte. Und das muß ganz gewaltig weit sein .....
Gerade in diesem Falle befindet sich aber der Andromeda-Nebel.
Der Andromeda-Nebel trotzt noch heute seiner Auflösung.
Wohl erscheinen im starken Rohr auf seiner Nebelfläche viele kleine Sternchen. Aber sie machen den Eindruck, als seien sie selbst perspektivisch davor geschoben. Die eigentliche Nebelmasse schwimmt dahinter in mildem Licht als echte „Milch“. Diese Milch hat im ganzen noch wieder ihre Struktur, Andeutungen eines geheimnisvollen Baues, — wir reden noch davon. Aber das ist offenbar Grundriß: Zimmer, Stockwerke, — nicht Ziegelsteine. Und doch löst der Zauberstab des Prismas auf seinem Umwege unzweideutig die Existenz auch dieses „Ziegelsteins“ heraus. Fixstern-Sonnen sind die Ziegelsteine.
Auch die Spektral-Analyse hat lange werben müssen um diesen Schleier der schönen Andromeda.
Bei dem überaus schwachen Lichte dieser Nebelflecke ist jede Prismauntersuchung ja überhaupt eine schwere, eine langwierige, gedulderprobende Arbeit.
Zuerst ergab der Andromeda-Nebel ein einfaches Farbenbündel, wie es dem simpelsten Beispiel aller Lichtquellen: einem Körper in Weißglut entspricht. Mit solchem Licht strahlt uns der eigentliche innere Hauptkörper unserer eigenen Sonne an. Oberflächlich konnte das also schon genügen, um wahrscheinlich zu machen, daß dieser Nebel aus sonnenhaften Fixsternen bestehe. Indessen gibt es hier noch einen Einwurf. Auch Gase zeigen tatsächlich dieses Licht, wenn sie durch einen furchtbaren Druck irgend welcher Art gepreßt werden. War ein solcher Druck aus irgend einer unbekannten Ursache dort vorhanden, so konnte der Nebel also doch aus einheitlicher Gasmasse bestehen.
Man hat dieses Argument freilich auch bei unserer Sonne selbst schon vorgebracht. Während die nächstliegende Anschauung den eigentlichen lichtstrahlenden Körper unserer Sonne für eine weißglühende Masse hält, glauben andere Forscher auch ihn als Gaskugel ansprechen zu müssen, die nur eben unter so kolossalem Druck steht, daß das Gas dasselbe Licht strahlt, wie ein viel festerer Körper in Weißglut. Einerlei, wie es nun damit bei der Sonne sei, — sicher ist, daß diese Sonne gleich allen echten Sonnensternen ein zweites Merkmal in ihrem Lichte zeigt, das erst recht eigentlich charakteristisch für sie ist.
Das Licht des Sonnenkörpers passiert, ehe es zur Erde hinüberstrahlt, noch eine Art Decke oder Hülle dieser Sonne selbst. Diese Decke besteht aus glühenden Metalldämpfen. Indem das Licht nun diese Dampfschicht zunächst noch vor seinem Austritt passiert, erleidet es eine höchst eigentümliche Veränderung: es erscheint jenseits, wenn es im Prisma ausgesiebt wird, durchsetzt mit einer Masse feiner dunkler Striche. Man nennt diese Striche die Fraunhofer’schen Linien, und man folgert aus ihnen die merkwürdigsten Dinge über jene Dampfschicht der Sonne selbst, die uns aber hier weiter nichts angehen.
Für uns wesentlich ist, daß, wo immer Fraunhofer’sche Linien im Prisma-Lichte eines selbstleuchtenden Weltkörpers auftreten, mit Sicherheit auf einen Sonnenstern, eine echte Sonne nach unserer Art, geschlossen werden kann. Und hier jetzt ist ein neuester Fund von höchster Bedeutung.
Scheiner in Potsdam, dessen grundlegende Forschungen auf diesem Gebiet im voraufgehenden schon mehrfach gestreift und benutzt sind, hat es mit zäher Ausdauer ganz kürzlich fertig gebracht, im Lichte des Andromeda-Nebels die dunkeln Fraunhofer’schen Linien tatsächlich zu sehen und in ihrer Lage zu messen. Damit ist der Beweis erbracht, daß dieser Nebel endgiltig aus sonnenähnlichen Fixsternen besteht. Er besteht daraus, obwohl kein bestes Fernrohr unserer Technik diese Einzelsonnen in ihm noch wirklich unterscheiden kann.
Nehmen wir die Größe seiner Sonnen dabei im Normalmaße unserer Fixsterne an, so ist dieses doppelte Verhalten jetzt nur noch erklärbar durch einen wirklich ungeheuren Abstand des Nebels von uns, — durch einen Abstand, der in diesem Falle nun doch unbedingt über die Grenzen unseres eigenen Milchstraßensystems hinausführt.
Der Andromeda-Nebel ist doch ein zweites Milchstraßen-System, frei im Raume schwebend jenseits unseres eigenen.
Scheiner läßt als allgemeine Möglichkeit zu, daß der Nebel eine halbe Million Lichtjahre von uns entfernt sei. Für einen zweiten Nebel, auf den dieselben Verhältnisse zutreffen und der im Sternbild der Jagdhunde leuchtet, kämen dann entsprechend 6½ Millionen Lichtjahre heraus, — also immerhin annähernd Humboldt’sche Ziffern. Vor 6½ Millionen Jahren, als die heute eintreffende Lichtpost von dort abging, schwamm bei uns auf Erden der Ichthyosaurus noch und der erste Mensch schlummerte noch tief im Schicksalsschoße.
Die Arabeske wächst zurück, greift wieder ein.
Also wir dürfen nun dennoch vom Andromeda-Nebel etwas über unsere Milchstraße zu erfahren hoffen, — eine Antwort hoffen, die über eine halbe Million Lichtjahre zu uns reist. Aber hatten wir diese Antwort nicht schon?
Ein letzter Schleier hebt sich.
Dem alten Marius glühte der Andromeda-Nebel wie ein Lichtlein durch eine Hornlaterne. Ein Lichtscheibchen, eine nebelhafte Linse, — so erhielt ihn Kant als Material für sein kühnes Denken. Anderthalb Jahrhunderte verrauschen nach Kant. Da kehrt der Gedanke zu jener Denklinie zurück. Aber diesmal reicht der Astronom dem Sinnenden, dem Träumenden ein ganz anderes Blatt: eine Photographie des Andromeda-Nebels. Auch sie erfaßt die einzelnen Sternpunkte in ihm nicht. Aber sie erreicht etwas anderes, nochmals völlig Unerwartetes.
Und noch einmal, zum letztenmal, muß die Phantasie in eine ganz neue Bahn.
Wahrheit, — was ist Wahrheit?
Die alte Pilatusfrage klingt durch die ganze Geschichte der Naturforschung.
Auf der „Wahrheit“ ruht diese Forschung. Vorsichtige Gemüter sagen schon etwas bescheidener: auf dem lauteren „Streben nach Wahrheit“. In diesem Sinne ist Wahrheit ein moralischer Wert. Wenn aber selbst das nur nicht so verzweifelte Ecken haben wollte!
Es scheint so brav: hier steht eine Tatsache; jetzt kommt einer, hat jenen lauteren Wahrheitsdrang in sich, schaut hin, beschreibt die Sache; damit ist die Geschichte für immer erledigt; der eine gilt für alle, die der gleiche Drang beseelt, und ob Tausende kommen, ob nach Jahrtausenden welche kommen, alle können nur bestätigen.