Im äußersten Süden Südamerikas, an der Westküste Süd-Patagoniens, da, wo der Stille Ozean sich in so viel Fjorden und Kanälen in das Land einfrißt, daß es förmlich zerlumpt aussieht, liegt ein Kanal mit dem vertrauenerweckenden Namen Ultima Esperanza.
An diesem Kanal wohnt auf seiner Besitzung ein Kapitän mit dem völlig harmlosen Namen Eberhard.
Auf dieser Besitzung steht ein Busch und an diesem Busche hing in der Zeit von 1895 bis 1897 ein Tierfell.
Es hatte anfangs die Größe einer Ochsenhaut, war anderthalb Zentimeter dick, durch in die Haut eingebettete kleine, bohnengroße Knöchelchen steinhart, und auf der Oberfläche mit zolllangen, rotgelben Haaren bedeckt; Kopf und Beine fehlten. Später schmolz es in der Größe mehr und mehr zusammen, denn jeder Durchreisende nahm sich ein Stückchen davon zum „Andenken“ mit.
Ohne besondere zoologische Skrupel merkten diese harmlosen Passanten doch, daß es weder ein Fell des ortseinheimischen Lamas, noch des Silberlöwen (Puma), noch eines Hirsches oder Fuchses war. Schließlich hing es aber nun einmal da und irgendwo mußte es schon herstammen. Man schnitt sich also sein Streifchen herunter, zog ab und vergaß die Sache.
Bis solche Fellstücke plötzlich in die Hände von Naturforschern gerieten.
Da änderte sich die friedliche Sachlage mit einem Schlage. Es trat der Fall ein, sehr ähnlich etwa dem, wenn ein Naturforscher aus seinem Museum heraus zufällig in die große Berliner Markthalle geriete und fände in einem der hübschen appetitlichen Fischkästen einen frischgeschlachteten Ichthyosaurus zum Verkauf ausliegen.
An jenem Busch in Patagonien hing nämlich einfach das leibhaftige Fell eines jener antediluvialen Muster-Scheusale, die unsere Lehrbücher an erster Stelle aufzuführen und abzubilden pflegen: eines sogenannten Riesenfaultiers.
Auf einmal rissen die Gelehrten, die Museen sich um ein winzigstes Anteilfleckchen an diesem unglaublichen Fell.
Der Professor Ameghino in La Plata brachte zuerst die weitesten Fachkreise in Aufruhr durch die lakonische Nachricht: das Riesenfaultier, dieses auffälligste, seltsamste, berühmteste aller vorweltlichen Ungetüme, lebe heute noch! Es müsse noch leben! In offener Sonne führen Stücke seines Fells wie etwas Selbstverständliches im Lande herum, gingen von Hand zu Hand, — bloß unsere Geologen-Weisheit hinke bisher hintennach. Auf zur Suche nach diesem Stoff aller Stoffe für den Tierkundigen am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts!
Seit diesem ersten Aufschrei eines tiefbewegten Entdecker-Herzens ist gesorgt, daß die Haut von Ultima Esperanza in den Annalen der Naturforschung mindestens den Ruhm erwirbt, den in der Geschichte die sagenhafte Kuhhaut Frau Didos seit alters sich wahrt. Denn die wunderbaren Nachrichten haben sich seitdem fortgesetzt gehäuft zu einem nachgerade ganz einzigartigen Buch der Chronika.
In der Stunde, als zum erstenmal jenes mysteriöse rote Fell an seinem Busch in Patagonien hing und das Messer des ersten unwissenden Beschauers dort in ein (wissenschaftlich bis dahin nicht anders zu bezeichnendes) wirkliches Stück „Urwelt“ schnitt, — zu jener Stunde hatte das betreffende Ungetüm, das Riesenfaultier, selber bereits mehr als ein Jahrhundert lang ideell sich eine Gasse im tiefsten naturphilosophischen Denken der Menschheit ausgelaufen.
Auf diesem neuen Behemot hatten, bildlich gesprochen, die scharfsinnigsten Leute mit Aufbietung all ihrer Weisheit wie Klügelei der Reihe nach geritten.
Voran kein geringerer als Altmeister Goethe.
Dann in seiner bedeutsamsten Lebensstunde Darwin. Und so und so viele mehr.
Die Wurzeln der Geschichte gehen rund zurück bis auf die Entdeckung von Amerika. Weiter können sie füglich nicht gehen, denn es ist bisher weder von Riesenfaultieren noch von anderen zoologisch echten und nicht bloß symbolischen Faultieren irgend etwas lebend oder tot je in der „alten Welt“ entdeckt worden.
Columbus, wie allbekannt, fand Amerika nicht weil, sondern trotzdem. Was er suchte und gefunden zu haben glaubte, war die Ostküste Asiens. Im Angesicht der üppigen Tropenwälder Cubas und Haytis fahndete er auf die Tier- und Pflanzenformen Chinas und der Sundainseln, soweit man von solchen damals überhaupt schon in der höchst schwachen naturgeschichtlichen Lesefibel etwas wußte. Und erst als dieser geographische Grundirrtum überwunden war, begann bei seinen Nachfolgern das Interesse an der Neuheit und den Wundern einer wirklich „amerikanischen Tierwelt“. Im Kulturreich Mexiko, auf dessen Golddächer die Eisenfaust der Spanier zunächst niederprallte, war das Studium verhältnismäßig bequem gemacht, denn der Hof von Mexiko unterhielt schon regelrechte Tiergärten, die alle wichtigsten Landesformen vor Augen stellten. Da fiel aber nun eins alsbald auf.
Die Tierwelt der neuen Welt hat für den ersten Anblick etwas Verkommenes. Die wichtigsten Gestalten ähneln solchen der alten Welt bis zu einem gewissen Grade, stellen sich aber dann gegenüber wie ein armer Rest, ein versprengtes Fragment. Ein einziger Büffel. Eine einzige Antilopenart. Der eine kleine Tapir anstatt der Elefanten, Nilpferde, Nashörner. Das kleine Lama für das große Kamel. Die Affen durchweg winzige Gesellen, eher Eichhörnchen ähnlich. Und so weiter.
Nur ein Trost für sehnsüchtige Zoologenherzen schien offen. Wenn schon alles einen armen Anstrich da drüben zu haben schien, so gab es unter diesen Duodez-Gestalten mindestens eine gewisse Reihe ganz besonders merkwürdiger, nirgendwo so zu fassender Einzel-Gesellen, die dennoch dem Begriff „Fauna von Amerika“ ihren Ruf im Engeren wahrten.
Als ein Kabinett-Stück dieser bescheideneren Ecke ist nun sehr früh schon in Ruf gekommen — das Faultier.
Selber auch nur so ein kleiner Kerl, etwa einer stattlichen Katze gleich, schien es Lebensgewohnheiten zu haben, die ihm Weltruf bedingten. Festgekrallt fand man es im dicksten Urwaldgezweige, schlafend. Und die Legende wußte alsbald nicht genug von seiner „Faulheit“ zu melden. Ist es doch in der Zeit seither sprichwörtlich geworden bis in unsere Kinderfibeln, unser Zeitungsdeutsch hinein, die beide nicht im Geruch von allzuviel vorgeschrittener Zoologie stehen.
Heute wissen wir, daß das Faultier wie so viele steifnackige Individualisten in den meisten Zügen böse verleumdet worden ist. Gewiß: es hängt, eher wie ein zufällig dahinauf geschleuderter Strohwisch, denn wie ein rechtschaffenes bewegliches Säugetier anzuschauen, tagsüber schlafend in seinem immergrünen tropischen Blätterversteck, — die Beine nach oben am Ast verankert und den Kopf mit dem greisenartig zahnarmen Maule in den eigenen Haarwust versenkt. Ein Teil unserer Leser wird es in dieser belehrenden Stellung aus dem Berliner Zoologischen Garten kennen. In eine beliebige Ecke planlos zwischen Kletterbaum und Gitter gezwängt, erscheint es in seiner schier unmöglichen Stellung wie herausgeschnitten aus einem jener köstlichen Bilder Wilhelm Buschs, wo ein schwer umnebelter Student jäh entschlummert ist, das eine Bein über der harten Bettlehne und belastet mit zwei im Sturz mitgerissenen Uhrperpendikeln, der eine Arm im Waschbecken und der Kopf eingezwängt in die Zange des Stiefelknechts. Und wer nun diesen wirr verstapelten Haarklumpen herunterholt, auf den Boden legt und zum „Auftauen“ bringen möchte, daß er etwa dahin renne wie eine Ratte oder hüpfe wie ein Känguruh: der erlebt jetzt vollends zunächst ein Tier, das sich auch wachend sehr wenig anders benimmt, als ein verzauberter Strohwisch.
Das alles aber besagt nicht viel. Man muß den eigensinnigen Individualisten mit den Augen jener Lehre von der „Anpassung“ aller Wesen an ihre Umgebung anschauen und auch er wird in seiner Weise ein Kunstwerk.
Das Faultier ist der Höhepunkt einer Anpassung an das Leben im ewig grünen, ewig dichten, Meile um Meile nirgendwo unterbrochenen Blätterdickicht des amerikanischen Tropenurwaldes. Für dieses sein Element ist es statt beweglicher Pfoten mit den schauerlichen Hakenkrallen versehen, wie sie kein zweites Säugetier so am Leibe besitzt, — die aber der kluge Mensch später, als er über alle Tiere heraufkam durch die Erfindung des äußerlichen Werkzeuges, sich genau so noch einmal äußerlich erfinden mußte in Gestalt des unentbehrlichen Kleiderhakens.
Für diese seine konsequent bodenabgewandte Kletterei hat es ferner seine ganzen hinteren Gliedmaßen sich so einkrümmen lassen, wie Beine eines Embryo im Mutterleibe, daß sie allerdings zum Laufen schlechterdings untauglich geworden sind. Mit dem ganzen Leibe hat es sich dazu dermaßen aufs Abwärtshängen eingerichtet, daß der Scheitel seines dickborstigen Haarkleides an den stets oben liegenden Bauch anstatt an den Rücken geraten ist. Es hat sich (wenigstens in einer Gattung) mehr Halswirbel angeschafft, neun statt der sonst gebräuchlichen Säugetier-Ziffer Sieben, auf daß es beim Abwärtshängen das Gesicht ohne Körperänderung wie die Eule der Legende regelrecht nach hinten drehen könne. Und es hat sich gewisse besondere Aderverzweigungen im Blutnetz seiner Glieder zugelegt, die diese ewig krumm eingekrallten Leibesträger vor dem „Einschlafen“ durch Blutstockung bewahren.
Kurz: ein geradezu geniales Anpassungskunststück ist es, das mit einem so dummen Schlagwort wie „faul“ gar nicht zu fassen ist, geschweige denn, daß man damit grob moralisierend über es aburteilen könnte.
Auf diesem vernünftigen und milden Betrachtungsboden war man nun freilich vor hundert und einigen Jahren noch lange nicht. Gerade damals aber feierte das verlästerte Faultier einen Triumph noch ganz besonderer Art. Es widerlegte nämlich ganz allein in gewissem Sinne jenen anderen Ruf Amerikas als des Landes der kleinen und verarmten Tierformen.
Im Jahre 1789 ist das. Ein Jahr nach dem Tode des großen Buffon, der damals zur rechten Zeit starb, ehe ihn, den Hof-Tier-Historiographen von Paris, die Charybdis der Revolution verschlingen konnte. Buffon, der die geistreichen Antithesen liebte, hatte sich so recht satt schwelgen können in dem Gegensatz der tierfrohen alten und der tierarmen neuen Welt, und die Faulheit des Faultiers hatte er bis ins Aschgraue rednerisch ausgemalt.
In diesem Jahre aber kommt in Südamerika das Gerippe eines Ungeheuers zu Tage, das der ganzen Verarmungslehre mindestens für vorsündflutliche Tage den Gnadenstoß gibt.
Da, wo Südamerika über die Südhalbkugel der Erde tief hinab immer mehr sich zuspitzt, treten in den Raum vom Hochgebirge zur See allmählich immer mehr an Stelle der tropischen Walddickichte jene unermeßliche Ebenen, die man Pampas nennt. Den Grund bilden gelbe und braune Lehmmassen, ungeheure Sandaufschüttungen, teils Schwemmland der großen Ströme, teils alte Meeresdünen, teils endlich wahre Sandfluten, die wilde Wüstenstürme hier zu irgend einer Zeit einmal in rieselnde, lose nur zusammengebackene Sandwellen geworfen haben. Alljährlich in der feuchten Zeit ergrünen diese endlosen Flächen von Steppengras. Lamas, Hirsche und amerikanische Nandu-Strauße bergen sich in dem grünen Plan; seit die europäischen Ansiedler von der Küste aus ihr Vieh eingeführt und lässig zur Verwilderung in der uferlosen Fruchtbarkeit gebracht haben, auch halbwilde Rinder und Pferde in unzähligen Massen.
In diesem Pampasgebiet, in der regellosen Scholle seines Lehms — sei es, daß ein Fluß wühlend förmliche Querschnitte bloßlegt, sei es, daß der Mensch herumbuddelt und Gräben und Sandgruben auswirft —: überall da bieten sich, nur ganz lose verscharrt, massenhaft Knochen dar. Knochen von Säugetieren zunächst fremdester Art. Und Knochen vielfach von einer geradezu riesenhaften Größe.
Sie liegen keineswegs bloß für Sonntagskinder alle Jubeljahr einmal sichtbar da, diese Knochen. Alle drei Schritte beinahe lang stößt der schlichteste Wanderer darauf. Kinder wühlen kolossale Schädel aus der Sandgrube, wo sie spielen. Im Flußufer erscheinen dem Ruderer gespenstisch scheußliche Gerippe, vom Wasser losgenagt. Steinharte Panzer wölben sich aus der Tiefe vor, wie im Sand begrabene Eskimohütten.
Der naive Mann behilft sich damit, daß in diesem Pampas-Lehm ein Volk ungeheurer Maulwürfe wühle. Kommen sie ans Licht, dann sterben sie und lassen ihre Knochen liegen. Der Naturforscher aber sagt sich, daß hier früher einmal ein ganzer Hexensabbat fratzenhafter Säugetiere wirklich die Oberfläche belebt haben müsse. Sandstürme, Dünenbildung einer öfter wechselnden Seeküste und das Schwemm-Material periodisch zu wilder Ueberschwemmung losstürzender Flüsse mit flachem Ufer haben die Gebeine dieser Riesen gelegentlich verschüttet. Wo sich jetzt der Sand spaltet, gibt er sie wieder frei wie ein alter Hügel bei uns, der seit grauer Heidenzeit eine Grabstätte wahrt, plötzlich aber durch den Bau einer Eisenbahn oder einen Absturz bei Hochwasser seltsame Aschenkrüglein, Spangen und Rüstungsteile eines verschollenen ehrwürdigen Altvordern an die profane Sonne wirft.
Also geschah’s auch in jenem Jahre 1789.
Was der Pampas-Lehm aber damals ans Licht spie, das war doch noch etwas mehr als ein beliebiges altes Tiergeripp und Totenbein. In Lujan bei Buenos-Ayres war es. Es handelte sich nicht um einen einzelnen großen Knochen. Was kam, war ein vollständiges Gerippe von rund vierzehn Fuß Länge bei acht Fuß Höhe. Das ging in der Länge also über den Elefanten, das größte lebende Landtier der alten Welt, hinaus. Und dazu maßen die Oberschenkel allein in der Breite nahezu das Dreifache von denen des stärksten Elefanten.
Ein solches Säugetier war bisher einfach unerhört. Der Vizekönig Marquis di Loretto schickte den ganzen Knochenberg seiner Regierung in Madrid ein. Der Prosektor Jean Baptiste Bry setzte die Ungestalt im Museum naturgetreu wieder zusammen und Don J. Garriga lieferte 1796 den ersten offiziellen Bericht.
Mit diesem Goliath konnte Amerika jetzt kühn sein Jahrhundert in die Schranken fordern. Von allen Säugetieren der Erde war ihm bloß noch der Walfisch über und der gehörte dem internationalen Weltmeer an.
Freilich war es ein ehemaliges, ein, wie es schien, längst ausgelebtes Geschöpf. Was konnte aber noch wieder mehr überraschen als eine Darlegung des größten damals lebenden Zoologen, Georg Cuviers. Er bewies schlagend, daß dieser Goliath des Pampas-Lehmes nichts anderes sei, als ein ins Kolossale übersetztes — Faultier.
Der gesamte Knochenbau entsprach unverkennbar dem des Faultiers.
Allerdings mußte man sich entschieden einiges in der Lebensweise dabei umdenken. Die Erde hat in altvergangenen wie jungen Tagen gewaltige Bäume hervorgebracht. Der Eukalyptus Australiens wächst so hoch empor wie die Kölner Domtürme, und der dicke afrikanische Baobab bildet Laubkronen von fünfzig Metern Durchmesser. Aber Bäume, die ein Klettertier von Elefantengröße und viel mehr als Elefantenschwere getragen hätten, hat es doch wohl zu keiner Zeit gegeben. Das Riesenfaultier sah denn auch gar nicht unmittelbar nach Klettern aus. Seine ungeheuren Krallenklauen hatten ihm zweifellos das Umbrechen oder Wurzelausgraben ganzer Bäume zum Kinderspiel gemacht. So mochte es recht wohl in einer Grasebene mit nur vereinzelt stehenden Gehölzen auf flachem Boden gehaust haben. Von Busch zu Busch trabend, schlug es sich bald hier, bald da seinen Stamm ab oder grub sich ganze Baumwurzeln zum Frühstück aus der Erde.
Das alles natürlich in längst verschollener Zeit.
Cuvier, der das Studium gerade der ausgestorbenen, der „urweltlichen“ Tiere mit besonderem Eifer als etwas damals Neues betrieb, zweifelte keinen Augenblick, daß er die Knochen auch hier eines heute ganz unmöglichen Vorwelt-Riesen vor sich habe, der allerdings im System zu den noch lebenden kleinen Faultieren zu stellen sei.
In anbetracht, daß es an Größe der König aller Landsäugetiere sei, taufte er das Geschöpf schlechtweg Megatherium, was eine Uebersetzung von „Großtier“ sein will. Der Name hat sich unausrottbar eingebürgert, obwohl sprachlich „Megalotherium“ richtig gewesen wäre.
Die Zeit, wann solche Megatherien noch lebend ihr Land unsicher gemacht haben könnten, schob er dabei sehr ins Weite zurück. Irgend eine fürchterliche Ueberschwemmung oder sonst etwas derart mochte sie radikal vernichtet und ihre Knochen im Pampas-Lehm, den die Flut angeschwemmt, begraben haben.
Wer damals noch fest an gewisse alte Ueberlieferungen glaubte, der nahm wohl schlicht an, es sei die berühmte Sintflut selber gewesen, die das vollbracht hätte.
Cuvier freilich wollte die Geschichte schon noch weiter zurücklegen. Er glaubte an mehrere Epochen der Erdgeschichte noch vor dem Auftreten des Menschen, von denen jede ihr besonderes Tiervolk und ihre besondere vernichtende Schlußkatastrophe besessen haben sollte. In einem solchen Epochen-Schlußakt waren ihm auch die Megatherien schon bis auf den letzten Kopf vertilgt und begraben worden, lange ehe der erste Mensch die Erde betreten hatte. Darüber ließ sich ja im einzelnen noch streiten, auf alle Fälle schob sich das Datum aber gehörig weit zurück. Für die Sintflut-Anhänger kamen doch mindestens ein paar tausend Jahre in Betracht. Die Cuvierianer aber gerieten in der Folge meist in immer längere Rechnungen hinein. Im Lauf des Jahrhunderts konnte man in populären geologischen Werken ab und zu lesen, daß wohl sicher Millionen Jahre verflossen seien seit dem Aussterben jener amerikanischen Riesenfaultiere.
Jedenfalls gab es für Fachleute und Laien fortan kaum ein interessanteres, die Gedanken mehr aufrüttelndes Geschöpf der ganzen Urwelt als dieses „Großtier“.
Als der geniale, wissenschaftlich geschulte Zeichner d’Alton 1821 ein Heft famoser Kupfertafeln über die Gerippe der Faultiere herausgab, ergriff der alte Goethe selber dazu das Wort.
Er widmete dem Megatherium einige Seiten, die nachmals zu einem seiner wichtigsten Bekenntnisse geworden sind. Mit größter Klarheit hat er sich nämlich gerade darin als Vorläufer Darwins erwiesen.
Indem er das lebende und das ausgestorbene Faultier miteinander vergleicht, betont er, er glaube „an die ewige Mobilität aller Formen in der Erscheinung“.
In allgemeinster Fassung mochte das ja so damals schon Gemeingut gar vieler bedeutender Köpfe sein. Es steckte die Anerkennung einer ewigen Fortentwickelung der Welt darin. Herder und so mancher andere hätte es gewiß nicht verleugnet.
Aber was Goethes Stellung scharf individualisiert, ist die Anwendung der allgemeinen Idee bereits auf einen so streng zoologischen Fall wie das Geripp der Faultiere.
Er verschanzt sich im weiteren der Stelle zwar etwas hinter „einigen poetischen Ausdruck“, den er anwende, „da überhaupt Prosa wohl nicht hinreichen würde“. Aber dann gibt er ein Bild, wie er sich die Dinge denkt, dessen „Poesie“ eigentlich nur darin besteht, daß es prophetisch schon vollständig die strengste darwinistische Denkweise beinahe vierzig Jahre vor Darwin betätigt.
Für Goethe trennt keinerlei vernichtende Katastrophe das Riesenfaultier vom heutigen Faultier. Das letztere hat sich einfach restlos aus ersterem entwickelt.
Da das Riesenfaultier nur noch einen Rivalen an Körpergröße unter den Säugetieren besitzt: den Walfisch, — so möchte es selber sich nach ihm vielleicht geradezu aus diesem Walfisch entwickelt haben. Ein Walfisch „stürzt sich in ein sumpfig-kiesiges Ufer einer heißen Zone“. Dort entwickelt er sich zum Landtier. Aber es entsteht doch eigentlich ein rechtes Monstrum. „Er verliert“, sagt Goethe, „die Vorteile des Fischs, ihm fehlt das tragende Element, das dem schwersten Körper leichte Beweglichkeit durch die mindesten Organe verleiht. Ungeheure Hilfsglieder bilden sich heran, einen ungeheuren Körper zu tragen. Das seltsame Wesen fühlt sich halb der Erde, halb dem Wasser angehörig und vermißt alle Bequemlichkeit, die beide ihren entschiedenen Bewohnern zugestehen“.
Ueber dieses ungeschickte Zwitterwesen, einen schwerfällig kriechenden Sumpf-Walfisch, sei dann die Entwickelung weitergegangen zum heutigen Faultier. Dessen Wunderlichkeit sei jetzt nur das groteske Endprodukt solcher Bahn. „Jener ungeheure Koloß, der Sumpf und Kies nicht beherrschen, sich darin nicht zum Herrn machen konnte, überliefert, durch welche Filiationen auch, seiner Nachkommenschaft, die sich aufs trockene Land begibt, eine gleiche Unfähigkeit, ja sie zeigt sich erst recht deutlich, da das Geschöpf in ein reines Element gelangt, das einem inneren Gesetz sich zu entwickeln nicht entgegensteht. Aber wenn je ein geistloses schwaches Leben sich manifestiert hat, so geschah es hier; die Glieder sind gegeben, aber sie bilden sich nicht verhältnismäßig, sie schießen in die Länge, die Extremitäten, als wenn sie, ungeduldig über den vorigen stumpfen Zwang, sich nun in Freiheit erholen wollten, dehnen sich grenzenlos aus, und ihr Abschluß in den Nägeln sogar scheint keine Grenze zu haben.“
Zum Schluß betont Goethe noch, daß die eine der beiden heute noch lebenden Faultier-Gattungen doch schon etwas mehr Aussicht zu einer endlich doch noch glückenden Harmonie der Kletter-Anpassung zeige — dort habe der „animalistische Geist sich schon mehr zusammengenommen, sich der Erde näher gewidmet, sich nach ihr bequemt und an das bewegliche Affengeschlecht herangebildet; wie man denn unter den Affen gar wohl einige findet, welche nach ihm hinweisen mögen.“
In dieser Goethe’schen Faultier-Philosophie sind im einzelnen Irrwege genug, wenn wir den Maßstab heutiger Tierkunde anlegen. Das Megatherium war kein Sumpftier, und auch der verwegenste Darwinianer würde es heute nicht mehr vom Walfisch herleiten wollen, der sich gerade umgekehrt aller Wahrscheinlichkeit nach aus vierfüßigen landbewohnenden Säugetieren erst wieder rückentwickelt und dem Wasser angepaßt hat. Auch die heutigen Faultiere werden schwerlich in so unmittelbarer Linie vom Megatherium abstammen, wenn schon hier ein Verhältnis mindestens wie Onkel und Neffe vorliegt. Und die angebliche Ungestalt der lebenden Baum-Faultiere bedarf der Begründung von hierher gar nicht, da sie in Wirklichkeit ja bloß ein wahres Muster echter Baum-Anpassung ist und das nicht bloß, wie Goethe schon ahnt, bei der einen, sondern bei beiden lebenden Sorten.
Fällt das alles fort, so bleibt im Kern bei Goethe aber um so bewundernswerter die folgerichtig darwinistische Denkart.
Klar sind in jener Stelle die Hauptbegriffe, die Darwin berühmt gemacht haben, schon angewendet: die Macht der Vererbung, der Zug zur Anpassung, die großen Wandlungen vom Wassertier bis zum Klettertier, und die unmittelbare Abstammung späterer Tierarten von gänzlich verschiedenen früheren Tieren.
Die wüst einschneidende Katastrophe, die das Megatherium der Vorwelt vom Faultier der Gegenwart nach Cuvier getrennt haben soll, ist dabei nicht bloß überflüssig, sie ist unmöglich für Goethe, der in der Welt nicht eine Polterkammer mit gespenstischen Schaffensakten, sondern ein einheitliches Ganzes ohne Riß sieht.
Unmittelbar nach Goethes Tod kommt Darwin als blutjunger Anfänger nach Südamerika.
Es ist wohl so gut wie sicher, daß er des Altmeisters geistreiche Abhandlung niemals gelesen hatte. Auf dem wirklichen Schauplatz der alten Megatherien-Herrlichkeit aber ist er jetzt ebenso sicher der erste Forscher mit unbefangenem Eigendenken.
Er zum erstenmal sieht das Gerippe des Ungetüms nicht bloß im Dämmerlicht eines europäischen Museums oder auf einer dort kopierten Abbildung. Vor seinem Geistesauge entrollt sich ein großartiges Panorama der Dinge an Ort und Stelle selbst.
Allenthalben stößt auch er im Pampas-Lehm auf die Zeugen der Megatherien-Zeit. Zu dem Riesenfaultier fügt sich eine ganze Arche anderer Ungeheuer, von denen jedes wieder besonders merkwürdig ist. Da sind die Knochen eines Lamas, das aber volle Kamelgröße hatte. Da sind die Panzer von Gürteltieren, die dem Rhinozeros gleichkamen. Da sind Stoßzähne eines echten Elefanten, des Mastodon. Da endlich sind Pferdezähne.
Der letztere Fund war von erhöhtem Reiz. Denn es stand damals fest und ist heute noch nicht ernstlich widerlegt, daß die Spanier, Portugiesen und Engländer bei ihrer Besitzergreifung Amerikas seit 1492 in dem ganzen gewaltigen Kontinent keinerlei Pferde vorfanden. Bei den hochentwickelten Kulturvölkern Mexikos und Perus, die mit Bewußtsein so gut wie alles in ihrem Lande schon vor der Berührung mit der Kultur Europas ausgenutzt hatten, erregte der erste berittene Spanier die Panik eines gespenstischen Centauren. Und alle jene regellos schweifenden, halb wilden Pferdeherden des heutigen Amerika sind erst wieder zurückverwildert aus europäischem Kultur-Import. In jener Zeit der Riesenfaultiere aber muß die neue Welt noch ihr eigenes, landeseigentümliches Pferd besessen haben.
Darwin sah aber noch mehr als dieses allgemeine Bild.
Er sah, daß all diese Knochen in einer oberflächlichen Schicht des Landesbodens lagen, die in keinem einzigen Merkmal auf irgend eine fürchterliche allgemeine Katastrophe zwischen damals und jetzt hinwies. Stellenweise machte es geradezu nur den Eindruck, als wenn diese alten Scheusale ganz gemütlich auf der Pampas-Fläche selber gelebt hätten, wie heute ein beliebiger Strauß oder Hirsch dort lustwandelt. Als sie starben, blieben ihre Knochenlasten und steinharten Gehäuse friedlich auf dieser Fläche liegen. Und dann kam einfach dasselbe, was heute auch noch in flachen Staubebenen in der Zeit der Dürre sich einfindet: der Wind warf Staub darüber, ganze Hügel von Staub, bis das Gerippe im Sande tief begraben war.
Weil aber die Katastrophe ersichtlich fehlte, kam nun der junge Darwin ganz aus sich auf des alten Goethe Sprünge.
Er sagte sich, daß Tier-Arten aus ganz schlicht natürlichen Gründen gelegentlich aussterben könnten auch ohne gewaltsames Donnerwetter. Das Land, in dem er reiste, machte ihm noch heute so hübsch wie nur möglich vor, wie das etwa geschehen könne. Da gab es von Zeit zu Zeit Zustände der „gran secco“ oder großen Dürre. Der Regen blieb aus und der ganze Pflanzenwuchs ging ein, selbst bis auf die zähesten Disteln. In solchem Notstande gingen zahllose Rinder zu Grunde. Zu Tausenden drängten sie sich an die Flüsse, stürzten erschöpft in die Flut und ertranken, so daß das Flußbett ein großes Knochengrab wurde. Wer später eine solche Schädelstätte aufdeckte, der mochte wohl meinen, hier habe mindestens die Sündflut gehaust, und doch war’s nur ein zufällig etwas dürreres Jahr.
Es mochte aber der Ursachen des Aussterbens gewisser Tiere gelegentlich noch andere, noch feinere, noch verwickeltere geben. Eines Tages waren sie fort. Und andere ersetzten sie. In diesem Ersatz aber walteten offenbar auch wieder ganz schlichte Gesetze.
Darwin sah, daß dasselbe Amerika, das einst jene tolle Riesentierwelt besessen hatte, heute zwar viel verloren hatte, — aber in dem wenigen, was es noch besaß, waren doch mit seltsamer Zähigkeit gewisse alte Formen im Kleinen gerettet: auch heute noch Lamas, Faultiere, Gürteltiere.
Darwins Blick schweifte wie der Goethes vom Megatherium zum heutigen Kletterfaultier, und wenn er auch schon nicht mehr den Mut hatte, das eine so glatt vom anderen abzuleiten, so tauchte doch auch ihm gerade hier der Gedanke auf, ob nicht Tierarten ebenso, wie sie auf natürlichem Wege vergehen können, auch sich durch den Zwang äußerer Verhältnisse umwandeln, fortentwickeln könnten. Die Idee tauchte ihm auf damals, vor den Knochen des Riesenfaultiers, unbestimmt, wie einem auf der Reise unter sehr starker Suggestion der Wirklichkeit etwas einfällt.
Es war aber diesmal ein zäher Kerl, dem das einfiel, zäh nach ganz bestimmter Seite.
Er hatte nicht Goethes Weltberuf, den ungeheuren Beruf, den man in seinen späteren Jahren oft mit dem der Schildkröte in der indischen Legende vergleichen möchte, die den Elefanten trägt, der die Weltkugel stützt. Darwin brauchte nicht den zweiten Teil des Faust zu vollenden. Er konnte dem einen schlichten zoologischen Problem sein Leben widmen, das bei Goethe nur ein, allerdings im kleinen gigantisches Intermezzo gewesen war.
An dem Stück Gürteltierpanzer und den paar Knochen des Riesenfaultiers spann Darwin daheim in England in den folgenden dreißig Jahren wie an einem zauberhaften Rocken seine weltberühmte Entwickelungslehre herunter. Wenn je einer einen Stoß in die große menschliche Denkmaterie getan hat, dessen Wellenschlag das ganze letzte Jahrhundertdrittel durchschauert hat, so ist es, rein der aufrüttelnden Leistung nach, Darwin mit dieser Lehre gewesen. Zum zweitenmal aber hatte das alte, plumpe, scheußliche Riesenfaultier seinen Anteil daran, als wäre seine groteske Dickleibigkeit mit den dreifachen Elefantenbeinen nötig gewesen, um der Wahrheit — oder sagen wir mindestens, der neuen Suche nach der Wahrheit — eine Gasse zu bahnen.
Inzwischen kamen ab und zu immer auch einmal wieder Frachtkisten mit wirklichen Megatherien-Knochen in Europa an. Eine Reihe der größten Museen erwarben mehr oder minder vollständige Skelette. Man merkte, daß es da eine ganze Musterkarte verschiedener Gattungen, ja mehrere gut unterscheidbare Familien von Riesenfaultieren gebe. So wurde vom echten Großtier oder Megatherium der Mühlenzahn oder Mylodon getrennt. Unterformen wieder dieser Mylodon-Faultiere bekamen die schwierigen Namen Skelidotherium und Grypotherium, und so weiter.
Gerade von einem solchen Mylodon kam nun 1841 bei Buenos Aires ein wahres Prachtskelett, volle elf Fuß lang, zu Tage.
Dieses Skelett wanderte in ein Londoner Museum und der große Anatom Richard Owen machte sich darüber her. Es wies neben vielen andern Merkwürdigkeiten noch etwas ganz besonderes auf, das zu denken geben mußte.
An zwei Stellen war ihm nämlich zu seinen Lebzeiten sozusagen der Schädel eingehauen worden, ohne daß es doch diesen grausigen Verletzungen erlegen zu sein schien. Die eine war ganz, die andere nahezu wieder verheilt. Owen leitete daraus einerseits eine außerordentliche Lebenszähigkeit des Riesen ab, andererseits erklärte er sich die Ursache der Wunden unmittelbar aus der Lebensweise des Tieres. Es hatte eben wohl große Bäume mit seinen Klauen ausgegraben und zweimal war ihm dabei der kippende Stamm auf die Nase gefallen. Kein schlauer Riese offenbar.
Schon damals aber wurden einzelne andere Stimmen laut, die meinten, es möchte am Ende der Mensch gewesen sein, der dem alten Herrn die Löcher in den Kopf gehauen hätte.
In diesen Jahrzehnten vollzog sich ja gerade der große Umschwung in unserer geschichtlichen Auffassung des Menschen, den das neue Wort „prähistorische Forschung“ umschließt.
An den verschiedensten Orten entdeckte man, anfangs fast widerwillig und sehr ungläubig, die Spuren einer menschlichen Existenz jenseits aller unmittelbaren geschichtlichen Ueberlieferung. Aus dem Lehm alter Flußbetten, aus Höhlen im Kalkgebirge, aus dem Moorboden von Seen kamen rohe Werkzeuge einer Kultur zu Tage, die den Gebrauch der Metalle noch nicht gekannt hatte und ihre Messer aus Feuerstein fertigte.
Diese vorgeschichtlichen Steinzeitmenschen hatten aber, und das war wieder besonders merkwürdig, offenbar noch mit Tieren zusammengelebt, die heute ausgestorben sind und deren Lebenszeit die Wissenschaft bisher über Jahrhunderttausende, wo nicht Millionen von Jahren, zurückdatiert hatte.
Mit diesen alten Kulturwesen lagen Knochen des Mammut-Elefanten, des europäischen Nashorns, des Riesenhirsches und des Höhlenbären in völlig gleichartiger Erhaltung zusammen, und diese letzteren Knochen zeigten vielfach die unzweideutigen Spuren davon, daß sie in frischem Zustande von Menschenhand bearbeitet worden waren. Sie waren auf Markinhalt zerspalten, beim Braten des Fleisches geschwärzt, mit Rötel bemalt, durch Schnitte verunstaltet, und so weiter.
Man sah keinen Ausweg, als daß auch der Mensch schon vor Jahrhunderttausenden gelebt haben müsse, als jene Ungeheuer noch wirklich bei uns herumliefen. Wie nun, wenn das auch auf Amerika Anwendung fände? Wenn auch dort in Ur-Urzeiten eine prähistorische Menschenkultur geblüht hätte: wilde Steinzeit-Menschen, die das scheußliche Megatherium und den grimmen Mylodon noch gejagt hätten?
Stammten jene Kopfwunden statt von einem Baume von einem Weltending her, das ein ganzes Stockwerk höher ansagte: von einem menschlichen „Werkzeug“, — etwa einem geschleuderten Stein? Vielleicht war es auch der Keulenschlag eines Riesen gewesen. Man glaubte damals allgemein, daß gerade Patagonien noch heute die riesigste aller Menschenrassen beherberge, — eine Sache, die sich vor den Ergebnissen neuerer genauer Messungen nicht in dem Maße als stichhaltig erwiesen hat.
Die Ueberwältigung eines solchen Riesenfaultiers müßte jedenfalls auch sehr herkulischen Ur-Amerikanern nicht leicht gefallen sein.
Hatte doch gerade die Firma Mylodon und Genossen noch etwas besonderes an sich, auf das man erst ganz zuletzt geriet.
Im Anfang, bei den ersten Megatherien-Funden, war ein Irrtum mit untergelaufen. Man hatte zwischen den echten Faultier-Knochen Panzerstücke jenes anderen gleichzeitigen Riesen, des Riesengürteltiers, gefunden. Man meinte nun, die beiden hätten ein und dasselbe Ungeheuer gebildet: ein Riesenfaultier, verpackt in einen soliden Gürteltier-Panzer. Nachher lernte man die Teile besser auseinander kennen und sah, daß zwei ganz verschiedene Tiere vorlagen. Und da heute die kleinen Kletter-Faultiere keinerlei harte Rüstung, sondern nur struppiges Haar auf dem Leibe haben, so nahm man auch vom alten Riesen-Faultier an, es sei entweder bloß behaart, oder gar wie ein Nilpferd ganz nackthäutig gewesen.
Jetzt machten aber die Mylodons doch noch wieder einen Strich durch diese Rechnung. Bei ihren Knochen fanden sich nämlich auch da, wo das Gerippe ganz für sich allein lag, regelmäßig kleine, lose Knochenstückchen, wie dicke Bohnen, die in das eigentliche Gerippe schlechterdings nicht einzuordnen waren. Sie mußten auf oder in der Haut gesessen haben und durch mosaikartige Aneinanderhäufung also nun doch eine Art Panzer gebildet haben.
So kam auch diesen Kolossen zu all ihrer Größe und Kraft noch eine gewisse Unverletzlichkeit zu, die den Kampf zum wahren Kunststück gemacht haben muß.
Das Riesenfaultier stand also auf dem Punkt, zum dritten Male in eine große Debatte des Jahrhunderts hineinzugeraten: in die Urgeschichte des Menschen.
Eigentlich diskussionsfähig sollte diese neue Sache aber doch erst etwa mit den achtziger Jahren werden. Bis dahin wurde selbst von sehr tüchtigen Autoritäten jede Beziehung zwischen Mensch und Megatherium gelegentlich immer wieder abgeleugnet, ja niedergelacht. Ein Veteran deutscher Forschung in Südamerika, der alte treffliche Kerndeutsche Hermann Burmeister, der seit den sechziger Jahren in Argentinien saß und Megatherien-Gerippe sammelte, ein Mann von umfassendster Gelehrsamkeit gerade für dieses Spezialgebiet, goß die ganze Schale seiner nicht unbedeutenden Grobheit über den aus, der auch nur von so etwas zu träumen wage. Aber weder Grobheit noch Gelehrsamkeit helfen in der großen Weltlogik wider Tatsachen.
Während der achtzigjährige alte Herr in Buenos-Aires bei seinem (von Durchreisenden hoch gepriesenen) orangeroten Muskateller aus Valencia saß und gegen die neuen Phantastereien donnerte, gruben Ameghino, Roth und andere aus dem Pampas-Lehm ein Beweisstück ums andere dafür aus, daß Mensch und Megatherium wirklich noch Zeitgenossen gewesen sein mußten.
Menschliche Gerippe fanden sich in demselben Lehm, der die Tierknochen birgt, und genau in derselben Erhaltung vor. An den Tierknochen selber ließen sich künstliche Einschnitte und Verkohlungsspuren nachweisen, genau so, als handle es sich um die Reste von einer menschlichen Mahlzeit, bei der mit Werkzeugen geschnitten und an künstlich erzeugtem und erhaltenem Herdfeuer gebraten worden war. Einmal wusch das Hochwasser eines Baches ein Riesenfaultier frei, bei dem die Beine noch fest im Boden zusammenhielten, während die Wirbelknochen und Rippen regellos darauf in einer Asche- und Kohlenschicht lagen. Es sah fast so aus, als sei ein solcher Riese irgendwo in weichem Terrain, etwa dem Morastufer eines Tümpels, mit den Beinen stecken geblieben, und die Jäger hätten dann die hilflose Fleischmasse von oben her angebraten, so wie sie da steckte, und zum Teil aufgegessen.
Noch deutlicher war die handgreifliche Nähe des Menschen merkbar bei einigen jener erwähnten Panzer nashorngroßer Gürteltiere. Da zeigten sich solche Tonnenpanzer inwendig von allen Gerippteilen sorgfältig gereinigt und aufrecht gestellt, als sollten sie ein kleines Schilderhäuschen, mit dem Bauchspalt als Tür, bilden. Einmal hockte in solchem Gürteltierhäuschen ein menschliches Skelett. Ein andermal deckte der Panzer eine ältere, harte Bodenfläche und auf deren Vertiefung lagen offen noch Steingeräte von Menschenhand, gespaltene Tierknochen, künstlich geschärfte Tierzähne und die schwarze Kohlenasche einer Feuerstätte. Die meterhohe Schalenwölbung hatte offenbar als Versteck gedient nach Art einer Eskimohütte.
Gegen die Wucht dieser Funde ließ sich schließlich doch nichts mehr einwenden. Und es blieb nur eine ganz heikle Frage noch übrig. Wann etwa war das gewesen, dieses Zusammenleben von Mensch und Riesenfaultier?
Die Frage schneidet ja eines der schwierigsten Kapitel der ganzen prähistorischen Wissenschaft an. Wann ist bei uns etwa das Mammut ausgerottet worden?
So viel steht fest, daß über das Mammut keine Traditionen mehr leben. Es existierte nicht einmal mehr als Sagentier, als die Sonne der Geschichtsüberlieferung über Nordeuropa aufging. Bei gewissen Tieren, die auch in die Mammutzeit als Charaktertiere hineinreichen, ist das aber mindestens Streitobjekt.
Aus Cäsar wird herausgelesen, daß das Renntier zu seiner Zeit noch in Deutschland gelebt habe, — vielleicht irrtümlich. Mindestens aber zwei Wildochsen existierten damals noch dort, das ist unanzweifelbar: der noch lebende Wisent (Auerochse) und der wahrscheinlich durch Zähmung in unser Rind übergegangene Ur. Vom Riesenhirsch, dessen Gerippe besonders in den irischen Mooren stecken, wurde bis vor kurzem mit großer Sicherheit behauptet, daß er gar noch im Nibelungenlied vorkomme, die hübsche Sache ist aber, scheint mir, nunmehr endgiltig widerlegt; der „grimme Schelch“, den Siegfried dort erlegt, wird jetzt sehr gut als Wildhengst („Schelch“ von Beschäler abgeleitet) gedeutet. Wilde Pferde hat es aber wieder bei uns bestimmt noch bis ins Mittelalter hinein gegeben.
Immerhin ist so viel sicher, daß uns in Europa jene summarisch so benannte „Mammutzeit“ doch immer näher geschichtlich auf den Hals rückt, mag auch bei den Einzelheiten noch so viel gesündigt worden sein. Daß die prähistorischen Menschen, die mit Renntier, Wildpferd und Nashorn lebten, im Schädelbau nicht irgendwie merkbar „affenähnlicher“ gewesen seien, als wir braven Deutschen von heute, steht auch jetzt so gut wie absolut fest. Ein einziger immer noch strittiger Schädelfund, der berühmte Neanderschädel, muß dabei aus dem Spiel bleiben, da er zwar (trotz Virchow) affenähnlich ist, aber überhaupt nicht dem Fundbereich nach in irgend eine chronologisch zu bestimmende Schicht, die mit Mammut oder Renntier zu tun hat, eingeordnet werden kann, sondern in einem neutralen Blau schwebt etwa zwischen der Tertiär-Zeit, weit jenseits aller Eiszeit-Mammute, und der sehr geschichtlichen Zeit, da Kosaken nach Deutschland kamen; auf einen solchen Kosaken ist er nämlich auch einmal gedeutet worden, während andere ihn neben den tertiären Affenmenschen stellen, dessen Schädel auf Java unlängst gefunden worden ist.
Uebertrug man das nun auf Südamerika, so war auch dort wirklich Tür und Tor offen, die Megatherien-Zeit mindestens in ihren „letzten Zügen“ der Gegenwart so nahe zu rücken wie nur irgend tunlich.
Wie ein Traum lagen alle Ideen fern jetzt von einer großen, trennenden Katastrophe! Diese Megatherien-Jäger, deren Schädel man gleichsam zwischen den Beinen der Megatherien liegend fand, waren so wenig „Affenmenschen“ gewesen wie unsere Nashorn-Jäger aus Taubach bei Weimar oder unsere Renntier-Menschen von Schussenried. Tatsache aber ist, daß heute noch im Herzen von Südamerika, am Schingu-Flusse in Zentral-Brasilien, hübsche und lebensfrohe Indianerstämme leben, die bis gegen das Ende des neunzehnten Jahrhunderts keine Kenntnis von Metallen besaßen, also buchstäblich noch der „Stein-Zeit“ wie unsere Mammut- und Renntier-Europäer angehörten. Man möchte sagen: vom Menschen aus stand hier überhaupt nichts mehr im Wege, jene mythische Zeit der letzten Urwald-Tiere einfach an die Gegenwart anzulenken.
Und das einzige, was noch einen scharfen Schnitt machte, war eben der zoologische Umstand, daß seit 1492, also seit der Entdeckung Amerikas durch die europäische Kultur, in dem ganzen Riesenkontinent kein Vertreter jener alten Tierwelt mehr lebend gesehen worden war: kein Mastodon-Elefant, kein wildes Pferd, kein Riesengürteltier und kein Megatherium oder Mylodon.
Auf diesen Gipfel der Streitfragen muß man sich stellen, um die Tragweite der plötzlichen Behauptung zu ermessen: auch dieser äußerste Umstand sei hinfällig und mindestens eines der alten Charaktertiere lebe noch — das Riesenfaultier.
Es ist nun mit solchen Nachrichten so eine Sache.
Die Phantasie der Menschen, sagt der Skeptiker, korrigiert auch das launische Glück der Wahrheitsfunde gern etwas. Seitdem man aus Knochen, Eiern und Federn weiß, daß auf Neu-Seeland noch vor gar nicht langer Zeit riesige Vögel, die Moas, gelebt haben, vergeht keine Neuerschließung irgend eines Fjords der neuseeländischen Südinsel, daß nicht die kühne Phantasie eines Kolonisten im nächtlich schwarzen Urwalde einen Riesenvogel hat stolzieren sehen — oder wenigstens gesehen hat, daß etwas dämonisch Gräßliches im Dunkeln Zweige knickte und die Hunde in Schrecken setzte. Geschossen ist aber noch kein Moa worden und wird es vielleicht so wenig wie der berüchtigte Tatzelwurm, der auch noch vor ein paar Jahren im Kanton Glarus leibhaftig gesehen worden sein soll. In diesem Sinne waren die ersten Nachrichten vom „lebenden Megatherium“ denn auch ziemlich problematische.
Die Indianer der Pampas erzählten von einem entsetzlichen Vieh, ochsengroß, mit langen Krallen und langem Haar, das in selbstgegrabener Höhle sich tagsüber berge und nur nachts herauskomme. Das seltsamste an ihm sei aber — seine Unverwundbarkeit für Flintenkugeln. Als wenn es unter dem Pelz noch einen stahlharten Panzer trüge! Indianer erzählen nur leider mancherlei, wenn Weiße es gern hören wollen. Dieselben großen Kinder der patagonischen Grassteppe berichteten auch von mehrköpfigen Schlangen, unbekannten Riesen-Vögeln und anderem mehr. Wer wollte da ohne weiteres Spreu vom Weizen sondern.
Nun kam aber ein Kulturmensch, ein Reisender, sogar ein sehr angesehener Mann im Lande, der eine Zeitlang Gouverneur des Territoriums Santa Cruz war, Ramon Lista; er ist später tragisch durch Mord untergegangen.
Dieser Ramon Lista erzählte auch eine „Jägergeschichte“, aber eine selbsterlebte und dazu eine, die allerdings auffällig in jenes Feld wies. Er hatte im Innern Patagoniens in der Nacht ein Tier aufgescheucht, das einem Pangolin glich, aber rötlichen Pelz trug. Es reagierte nicht auf Flintenkugeln, die ihm auf den Pelz gebrannt wurden, schien also ebenfalls unverwundbar. Und weil es das war, entkam es dem Jäger.
Der Vergleich mit dem Pangolin ist dabei sehr merkwürdig. Unter Pangolin versteht man das sogenannte Schuppentier. Die Schuppentiere sind kuriose Gesellen, die allerdings nicht in Amerika, sondern in Afrika und Südasien leben. Sie sehen aus wie Tannenzapfen, da sie dick mit hornigen Schuppen bewehrt sind. In ihrem Körperbau haben sie aber eine entschiedene Aehnlichkeit mit den ebenfalls verpanzerten Gürteltieren Amerikas, über der zwar noch ein gewisses Geheimnis schwebt, die aber als solche nicht gut bestreitbar ist. Wenn das fragliche Tier also wie ein Pangolin aussah, so hatte es mindestens irgend eine Aehnlichkeit im Wesen mit jenen alten Riesen, die ja auch teils Gürteltiere, teils nah verwandte erdgrabende Faultiere waren. Sollte Ramon Lista freilich bloß die Größe dabei im Auge gehabt haben, so ist zu sagen, daß die heutigen Schuppentiere oder Pangolins ganz kleine Geschöpfe sind. Aber wie kam er dann überhaupt auf ein Pangolin als Vergleich? Zumal, da er nicht Schuppen, sondern Haare sah? Es mußte doch eine besondere Aehnlichkeit ins Auge gefallen sein. Immerhin seltsam.
Und da jetzt taucht auf einmal jenes leibhaftige Fellstück auf.
Es ist das Fell eines großen Tieres. Es hat einen rötlichen Haarpelz. Unter diesem Pelz aber liegen in der Haut genau jene steinharten Panzerknöchelchen, wie sie der alte Mylodon an sich getragen hat.
Kein zweites Säugetier aus alter oder neuer Zeit ist bekannt, das diese Sorte versteckten und doch höchst wirksamen Panzers in der Haut trüge, — außer dem Riesenfaultier aus der Unterfamilie Mylodon.
Das Stück Fell gehörte einem Mylodon an!
Professor Ameghino in La Plata gab auf Grund eines ersten Fellstückchens, das in seine Hand gelangt war, dem im Nebel aufdämmernden Geschöpf zunächst einmal einen Namen. Er taufte es Neomylodon Listai, also den Neu-Mylodon.
Das Beiwort verewigte jenen Ramon Lista als — allerdings nur hypothetischen — Entdecker. Die erste Notiz darüber erschien 1898. Dabei ist höchst bemerkenswert, daß gerade diese allererste Fell-Probe unmittelbar aus den Händen eines patagonischen Indianers entnommen worden ist, ohne daß sich nachweisen ließe, daß sie wirklich von dem bewußten größeren Fell von Ultima Esperanza stammt. Erst die nächsten auftauchenden Stücke wiesen sicher dorthin.
Es ist nicht zu leugnen, daß, wenn man die Kette der Tatsachen so anordnet, wie ich es im Voraufgehenden versucht habe, die Wahrscheinlichkeit der wirklichen Existenz des lebenden Tieres eine außerordentlich hohe war. Immerhin aber mußte noch ein sehr dringlicher Punkt dabei weiter aufgeklärt werden.
Woher stammte jenes Fell von Ultima Esperanza? Wie kam es an seinen Ort?
Es gibt einige wenige Fälle, wo wir tatsächlich noch die echten frischen Hautüberzüge von Tieren besitzen, die doch als solche mehr oder minder lange ausgestorben sind.
In unseren größeren Museen finden sich noch ausgestopfte Exemplare des Riesenalk-Vogels, der heute, wie es scheint, vollständig ausgerottet ist. In diesem Falle ist das Tier allerdings erst innerhalb der Zeit, da diese Museen bestehen, im neunzehnten Jahrhundert ausgestorben. Einen schon etwas älteren Sachverhalt bieten die Federn jener Moa-Strauße Neu-Seelands, wie sie zum Beispiel im Dresdener Museum aufbewahrt werden. Sie finden sich in Höhlen und im Moorboden der Insel da, wo die letzten Moas von den Eingeborenen gebraten und aufgegessen worden sind. Immerhin ist das auch vielleicht nicht viel länger her als hundert Jahre, und die Legende, wie gesagt, läßt diese Riesenvögel heute noch in unerforschten Wäldern Neu-Seelands hausen. Den jedenfalls merkwürdigsten Anblick gewähren die Mammutleichen Sibiriens. In einer Zeit, die mindestens jenseits aller geschichtlichen Ueberlieferung nordischer Völker liegt, sind hier große, heute überall ausgestorbene Elefanten im Morastboden, den ein etwas wärmerer Sommer oberflächlich aufgetaut hatte, versunken, unmittelbar danach ist der ganze Fleck mitsamt dem Kadaver wieder hart gefroren und bis auf unsere Tage nicht mehr aufgetaut. In diesen natürlichen Eiskellern haben sich die ganzen Tierkörper derartig frisch erhalten, daß die Hunde und Füchse heute noch, wenn der Eisboden sie frei gibt, ihr Fleisch fressen, und die Haut ist tadelloses Museumsobjekt. Wir wissen so (was kein Knochenfund je gelehrt hätte), daß das Mammut rötliches Wollhaar trug, und von einem ebenso erhaltenen Rhinozeros erfahren wir, daß es rot und weiß gescheckten Pelz besaß.
Solche Fälle waren entschieden auch bei dem Fetzen Mylodonfell in Betracht zu ziehen.
Nahm man ihn als das einzige schlagende Beweisstück, so war zu beachten: erstens konnte es das Fell eines Tieres sein, das in gefrorenem Erdreich erhalten geblieben war, obwohl seit seinen Lebzeiten Jahrtausende verflossen waren; man muß nicht vergessen, daß Patagonien von dem Kordillerengebirge durchzogen wird, das in seinen oberen Teilen unter Eisgletschern begraben liegt wie Grönland, und daß auch das Gesamtklima gegen die Feuerland-Spitze zu immer rauher und kälter wird; wie in Europa und Sibirien, so ist übrigens vormals auch hier noch eine besondere große Eiszeit nachweisbar über das Land hingegangen.
Die zweite Möglichkeit war, daß das Fell in irgend einer Höhle oder sonst wo in irgend einem alten Müllhaufen gesteckt hatte gleich jenen Moafedern Neu-Seelands; dann konnte es zu den Resten einer Indianer-Mahlzeit wenigstens vor hundert oder einigen mehr Jahren gehören, und bei dieser Mahlzeit konnte, wie dort der letzte Moa, so hier der letzte Mylodon verzehrt worden sein.
Immerhin wäre in diesem letzteren Falle die wenigstens relative „Neuheit“ der Sache überaus wertvoll, — wir Kulturmenschen wären dann gerade wie auf Neu-Seeland bloß um eines Jahres Länge vielleicht zu spät für das „lebende“ Tier ins Land gekommen, — das Riesenfaultier bliebe aber immer noch ein echter, erst kürzlich gleich dem Moa und Riesenalk vom Menschen ausgerotteter Bürger unserer „Jetztzeit“, — kein Urweltstier.
An dieser Ecke haben sich nun bei den Gelehrten von La Plata wirklich alsbald zwei scharfe Parteien voneinander gesondert.
Der Theorie, die das Tier leben läßt, hat sich mit großem Eifer die Müllhaufen-Theorie entgegengesetzt. Und die Anhänger dieser letzteren Theorie haben zunächst das jedenfalls große Verdienst sich erworben, den Tatbestand über die Herkunft jenes Zauber-Vließes als getreue Argonauten festzustellen. Dabei sind sie aber selber dann wieder zu neuen und noch kühneren Folgerungen verführt worden.
Jenes Fell hing an seinem Busch am Kanal Ultima Esperanza nicht seit Anno dazumal, sondern erst seit Januar 1895.
In diesem Monat entdeckten der bewußte Kapitän Eberhard und zwei andere Herren ungefähr eine Stunde von Eberhards Besitzung eine große Höhle. Sie war nicht ganz zweihundert Meter tief, weniger als die Hälfte so breit und nicht völlig ein Viertel so hoch. In dieser Höhle lag ganz oberflächlich im Schutt abgebröckelter Deckenteile das Fell, und von dort haben die Herren es als Kuriosität auf Eberhards Gut gebracht. Diese Grundtatsache wurde zunächst festgelegt und das Interesse konzentrierte sich folgerichtig jetzt auf die Höhle.
Nachdem Moreno den Rest des ersten Felles dem Britischen Museum überwiesen und der Reisende Otto Nordenskjöld flüchtig einige weitere Stücke aus der Höhle selbst mitgenommen hatte, besuchten in kurzer Folge jetzt mehrere Naturforscher ausdrücklich zum Zweck die Höhle und veranstalteten oberflächliche Ausgrabungen. Zuerst Eimar Nordenskjöld von einer schwedischen Expedition. Dann der Chefgeologe des Museums in La Plata, Hauthal. Beide auch noch nicht sehr gründlich, aber doch schon mit gleichartig reicher Ausbeute. Nach dieser Seite erklärte sich die rätselhafte Sache wie folgt.
Die Höhle liegt wie ein großer Spalt in der Seite eines sechshundert Meter hohen Berges, selber noch zweihundertfünfzig Meter über dem Kanal.
Vor dem Eingang des Spaltenschlundes stehen hohe alte Bäume, über deren Wipfel hinweg der Blick auf den Kanal und die Kordillere schweift. Der Eingang zum Bergspalt ist ganz vorne verrammelt durch eine Reihe von der Decke gestürzter Felsblöcke. Nur an der einen Seite fehlt der Verschlußblock, als sei hier künstlich eine Tür ins Innere aufgetan.
Im Innern selbst ragt zunächst an der einen Seite ein Hügel von etwa zwölf Meter Höhe, ebenfalls gebildet aus voreinst einmal herabgestürzten, heute schon sehr zermürbten Steinmassen. Weiter nach hinten folgt noch eine Art Wall aus später erst abgefallenem, frischerem Deckengestein. Also das ganze wie ein riesiges Zimmer mit schlechtem Deckenbelag, der früher und später immer einmal wieder heruntergekommen ist. Es ist eben eine Spalte in wackeligem Quarzit-Gestein, gelegentlich in schon gewölbten Schichten entstanden und zu ewig neuen Nachstürzen neigend. Jetzt aber das Seltsamste.
Im vordersten Raum der Höhle bildet den Boden eine ziemlich selbstverständliche Schicht von Sand, zersetztem Gestein und hereingewehten dürren Blättern des Waldes draußen. In dieser Schicht liegen Hirschknochen, Straußknochen, Knochen des Guanako-Lamas — alles wie nach der heutigen Tierwelt des Landes zu erwarten.
Da hinten aber, zwischen dem alten Hügel und dem ganz innerlichsten, neueren Wall findet sich unter der dünnen Sandschicht ein mindestens mehr als ein Meter tiefes Nest einer ganz anderen Sache, — nämlich von Mist.
Dieser Mist hat einen höchst seltsamen Geruch: er riecht nämlich nach Gürteltier, — also einem der noch lebenden kleinen Vertreter gerade jener alten Wundertiere.
Inmitten der Mistschicht kommen nun auch die wahren Zeichen und Wunder.
Hier ist jenes erste große Fellstück gefunden worden. Hier kamen auch jetzt bei grober Ausgrabung weitere Fellbrocken zutage. Hauthal hat einen Fetzen von nahezu Quadratmeter-Größe als Hauptfund geborgen. Neben dem Pelzwerk lagen Knochen die Fülle. Teils Zähne, Klauen, Schädel des zugehörigen Riesenfaultiers. Dann aber auch Fellproben anderer Tiere und eine Menge fremder Gerippteile. Außer dem Riesenfaultier kamen da ans Licht die Reste eines mächtigen, einem Bernhardinerhunde an Größe gleichen Nagetiers; einer noch viel kolossaleren Katze von mehr als Löwengröße; endlich eines jener einheimischen Wildpferde, die schon früher als Zeitgenossen der Megatherien von Darwin und andern festgestellt worden waren; also mindestens von drei nach der gangbaren Meinung heute nicht mehr lebenden Tierarten.
Endlich enthüllten sich unzweideutige Spuren hier von der Anwesenheit des Menschen.
An die Mistschicht stieß nach innen zu eine Aschenschicht wie von einem Herdfeuer. Jenes größte Fellstück, das Hauthal geborgen hat, war ganz augenscheinlich an den Seiten mit einem schneidenden Instrument zugeschnitten. Es lagen keine Knochen unmittelbar unter ihm, es war also als vom Tier abgezogenes und zugeschnittenes Fell schon hierher gelegt worden. Mehrere der Knochen zeigten Einschnitte, die Schädel waren eingehauen. Im Mist lagen Knochenpfriemen von sicherlich menschlicher Arbeit. An einer Stelle war trockenes Gras über die Mistschicht gehäuft, in einer unbedingt künstlichen Weise, also wohl auch von Menschenhand. Zum Ueberfluß zeigten sich auch noch offen zutage in einer Wandnische Rippen eines Menschenskeletts. Bei der ersten Entdeckung der Höhle durch Eberhard soll das ganze Skelett noch vorhanden gewesen sein.
Auf Grund dieses Sachverhaltes haben jetzt Hauthal und sein berühmter Kollege Santjago Roth in La Plata folgende ganz neue Theorie aufgestellt.
Zunächst hat Roth sich mit dem nun auch vorliegenden reichen Knochenmaterial des geheimnisvollen Fellträgers wissenschaftlich befaßt. Er verwirft Ameghmos Namengebung, — das Tier sei kein Neu-Mylodon, sondern es gehöre genau der schon aus Knochen bekannten Mylodon-Gattung an, die man längst Grypotherium getauft hatte. Doch das ist schließlich keine so wichtige Frage und mehr eine kleine Debatte der Knochenkenner unter sich, die an dem Riesenfaultier im ganzen nichts ändert. Auch Grypotherium bleibt ein Riese von mehr als Ochsen-Größe.
Viel wichtiger ist die weitere Bezeichnung, die Roth vorschlägt. Dieses Grypotherium soll nämlich das Beiwort domesticum erhalten. Das heißt: das „gezähmte“, das „als Haustier gehaltene“.
Das Riesenfaultier, so belehren uns Hauthal und Roth, lebt heute nicht mehr. Es hat aber vor 300 bis 400 Jahren noch gelebt. Damals ist es von den Indianern in Westpatagonien als Haustier gehalten worden. Die bewußte Höhle hat lange Zeiträume hindurch als „Kraal“ gedient, in dem zeitweise Menschen wohnten, jedenfalls aber viele Jahrzehnte lang „Vieh“ gehalten wurde. Und dieses Vieh waren eben Riesenfaultiere. Wie der Cyklop der Odyssee hatten die Viehbesitzer den Ausgang der Höhle mit großen Steinblöcken verbarrikadiert, damit ihnen ihre Schäflein nicht entwischen konnten. Ein Cyklopen-Idyll der neuen Welt, — endlich einmal auch mit den nötigen Cyklopentieren.
So amüsant das nun wieder für sich klingt, so kann ich doch nicht finden, daß es aus Hauthals eigenem Fundbericht irgendwie als Notwendigkeit hervorginge. Roth will allerdings an den Knochen und Zähnen der betreffenden Faultier-Individuen kleine Abweichungen entdeckt haben, wie sie gerade bei Haustieren häufig eintreten. Das ist aber an sich noch ein ganz strittiges Gebiet heute, auch liegen Detailangaben noch nicht vor.
Die Sachlage in der Höhle selbst aber beweist vorläufig bloß die ganz allgemeine Tatsache, daß die Höhle zeitweise sowohl von Menschen, als von Riesenfaultieren benutzt worden ist. Die Faultiere haben hier ihre Hinterlassenschaft meterhoch angehäuft. Der Mensch aber hat Feuer gebrannt und die Felle erlegter Faultiere zu Kleidungsstücken, wie es scheint, verarbeitet, — es müssen ja geradezu Panzerkleider gewesen sein, die unverwundbar machten. Dabei kann aber genau dasselbe Nacheinander obgewaltet haben, das uns bei europäischen Höhlen aus alter Zeit begegnet, in deren Lehmboden die verschiedensten, einander widersprechenden Knochen liegen, — sintemalen diese Höhlen nämlich im Laufe langer Zeit abwechselnd bald dem Bären und bald dem Menschen als Versteck gedient haben.
Der Mensch mag gelegentlich auch jene Höhle erobert und ein Riesenfaultier darin überwältigt haben, das dann am Fleck zerlegt wurde. Als er längst wieder fort war, mögen aber die Ungetüme einer folgenden Generation dasselbe gute Versteck wieder besetzt und zu der Hinterlassenschaft ihrer Ahnen eine neue Schicht zugefügt haben, die jetzt die Menschenspuren wieder begrub.
Welchen Zweck die Leute gehabt haben sollten, gerade diese grotesken Riesen als Vieh sich zu halten und, was gewiß keine Kleinigkeit war, im Höhlenschlunde zu füttern, ist schon rein theoretisch sehr schwer zu begreifen.
Bei dem kleinen, aber unendlich wichtigen Haustier Südamerikas, dem Lama, erhellt der Nutzen der Zähmung sofort. Das Lama stellte als lebend gehegtes Tier zugleich seine Kraft als Lastträger und seine Wolle als unerschöpfliche Vorratskammer der Weberei in den Dienst des Menschen. Die Panzerhaut des Mylodon dagegen mußte dem getöteten Tier vom Leibe gerissen werden, und zum Transporttier war es wohl das ungeeignetste Geschöpf der Erde mit seinen krummen Grabklauen. Stumpfsinnig mag das Scheusal ja schon gewesen sein, so daß auch der schlecht bewehrte Indianer es trotz seiner Panzerhaut und seiner Krallen verhältnismäßig oft bewältigen mochte. Aber gerade sehr dumme, plumpe Tiere hat der Mensch, wo immer er Haustiere sich heranzog, aus guten Gründen für diesen Zweck ausdrücklich verschmäht.
Auch darin liegt ein Widerspruch, daß gerade das gehegte Haustier dieses Landes, das Riesenfaultier, in den letzten Jahrhunderten völlig ausgestorben sein soll, während das wilde Lama desselben Landes, das Guanako, das hier in Patagonien niemals gezähmt worden ist, dessen Knochen aber auch in der Höhle liegen, heute noch in ungezählten Mengen die Gegend belebt. Wenn das Faultier (in vielleicht schon lange nicht mehr beträchtlicher Kopfzahl) wild lebte und freies Jagdobjekt war, dessen unverwundbare Siegfried-Haut sich jeder Jäger gern für sich aneignen wollte, so ließe sich begreifen, daß es schließlich den Nachstellungen ganz erlag, — zumal es eben wohl ein stumpfes Vieh war, das keine List mehr dem Verfolger gegenüber lernte. Umgekehrt dagegen nicht.
Damit wären wir aber von selbst wieder auf dem alten Hauptpunkt: ob das Riesenfaultier überhaupt schon ausgestorben ist.
Es fragt sich, wie viel oder wenig da der ganze Höhlenfund beweist.
Er beweist ja zunächst zweifellos, daß die uns jetzt vorliegenden Hautstücke von Ultima Esperanza nicht gestern oder vorgestern erst von einem frischen Kadaver abgezogen sind — und das ist in gewissem Sinne etwas kaltes Wasser auf die allzu sichere Siegeshoffnung.
Aber selbst Hauthal wagt nicht mehr, seinen wunderbaren Grypotherium-Kraal weiter zurück zu datieren, als über einige hundert Jahre, vielleicht knapp jenseits der Entdeckung von Amerika. Die Sache scheint mir nun sehr diskussionsfähig, ob sich im Klima Patagoniens und in einer offenen Höhle, von deren nasser Decke beständig Feuchtigkeit abtropfte, eine Schicht Mist mit ungegerbten, mit Fäulnisspuren behafteten Häuten auch nur für einen viel kürzeren Zeitraum tadellos erhalten konnte. Der Verwitterungsschutt, der sie bedeckte, scheint mir, soweit die Beschreibung ein Urteil zuläßt, in einer Höhle mit derartig lose abbröckelnder und einstürzender Decke nicht viel für die Zeitdauer zu beweisen. Nach dieser ganzen Seite hin spräche wieder die rein theoretische Wahrscheinlichkeit wohl für ein noch jüngeres Datum. Man möchte sagen, die Ungetüme haben ihr Versteck schließlich hier aufgegeben, nicht weil sie „ausstarben“, sondern weil immer mehr Einstürze erfolgten und diesen altbewährten Boden denn doch zu ungemütlich machten. Anderswo könnten sie deshalb ruhig fortleben.
Der einzige Punkt, der mich ernstlich stutzig macht, ist die Existenz jener anderen Tierknochen, des Riesennagetiers (größer als alle heute bekannten), des Löwen, des einheimischen Pferdes. Waren das echte Zeitgenossen der Grypotherien — und sollen diese heute noch leben, — wo sind diese anderen auffälligen Tiere geblieben?
Das Pferd ist am merkwürdigsten. Vielleicht kein Land der Erde ist günstiger für wilde Pferde als Südamerika. Als die Europäer welche hier einführten, schienen sie in ihr Eldorado gelangt zu sein. Ein einheimisches Pferd aber existierte allen bisher für sicher gehaltenen Nachrichten zufolge damals nicht im Lande. Die Pferdezähne der Höhle gehören nun keineswegs dem eingeführten Pferde an, sondern einer wohlgesonderten, wirklich einheimisch amerikanischen Art, die also damals, als die europäischen Pferde kamen, schon total wieder ausgestorben sein müßte.
Das führte also recht weit zurück, mindestens bis weit über die Gründung von Buenos Aires um 1535 hinaus, durch die zuerst verwildernde europäische Pferde in die Pampas und in die Hände der Indianer gekommen sein sollen. Unser Faultier würde da jedenfalls in die Gesellschaft eines Tieres geraten, das zwar gewiß nicht „urweltlich“ war, aber doch schon vor vierhundert Jahren keinenfalls mehr existierte. Die Höhle mit all ihrem Inhalt würde so weit zurückdatieren, — und wie das einheimische amerikanische Pferd um 1535 nach dieser Anschauung ausgestorben war, genau so könnte der Mylodon, unbeschadet aller Müllhaufen-Reliquien, damals schon bis auf den letzten Kopf das Zeitliche gesegnet haben.
Aber es hilft nichts; selbst das, obwohl ein recht schweres Geschütz, ist noch immer durchaus kein reines Argument.
Es gibt zunächst deutsche Höhlen, in deren Lehmboden ein Durcheinander ohnegleichen herrscht. Ursprünglich lagerten sich uralte Knochen des ausgestorbenen Höhlenbären darin ab. Dann kam Menschenplunder aus so und so viel Kulturstufen. Vom Steinmesser der wirklichen Höhlenbären-Zeit bis auf einen gußeisernen Topf oder gar die Porzellantasse eines modernen Eisenbahn-Arbeiters, der hier genächtigt. Das alles sank regellos in den geduldigen Lehm und äffte auferstehend die sorgsamste Archäologen-Weisheit.
Wenn nun der Mensch, der die Mylodon-Höhle gelegentlich besetzte, hierher Pferdezähne verschleppte, die er nicht einem lebenden Pferde entnommen, sondern im Lehmboden gefunden hatte, wo sie heute noch allenthalben in Patagonien massenhaft herumliegen? Wenn er sie irgendwie als Werkzeuge sich so gesammelt und hier liegen gelassen hatte?
Wenn gar in der Höhle selber viel ältere Tierreste noch von Anno dazumal oberflächlich im Schutt herumlagen und durch den Menschen erst herausgeholt und zwischen die Abfälle seiner Arbeit zerstreut wurden? In solchen Höhlen ist theoretisch geradezu alles möglich, — wer da mit dem kleinen Finger im Lehm buddelt, kann Jahrtausende der Natur- und Kulturgeschichte durcheinander rühren.
Schließlich bleibt auch das wahr: das Guanako-Lama lebte denn also doch auch damals schon — und es lebt unanzweifelbar in Massen heute noch. Sei die Höhle also ein paar hundert Jahre alt. Sei das Pferd von damals längst ausgestorben, und ebenso das große Nagetier und der Löwe. So kann das Riesenfaultier immer noch leben so gut wie das Guanako.
Professor Florentino Ameghino, dieser altbewährte Kenner und Erforscher der lebenden und toten Tierwelt Südamerikas, hat aber den Kampf nach dieser Seite noch viel energischer aufgenommen. Er bestreitet einfach selbst das Aussterben jener anderen Beweistiere der Höhle.
Nach ihm lebt heute noch ein großer Jaguar vereinzelt in Patagonien, den die Eingeborenen genau kennen und mit Namen bezeichnen, — und auf diese riesige Katze bezieht sich der „Löwenrest“. Desgleichen aber sollen nach ihm die alten Wildpferde in Südpatagonien überhaupt niemals ausgestorben sein bis auf den heutigen Tag, so daß jene radikale Neubevölkerung Amerikas mit europäischen Pferden in der nachkolumbischen Zeit wenigstens für diesen entlegensten, südlichsten Fleck bloß eine wissenschaftliche Mythe wäre!
Sollte sich das in der Folge wirklich nach und nach scharf beweisen lassen, so verkehrte sich natürlich nicht nur das schärfste Argument vollständig in sein Gegenteil, sondern es eröffnete sich überhaupt ein ganz neuer Ausblick in die Schicksale der amerikanischen Tierwelt. Und hier kommen nun noch einmal die ersten Folgerungen mit neuer Wucht zurück.
Schließlich erzählen doch die Indianer heute noch von einem Tier, dessen Beschreibung Schritt für Schritt auf den alten Mylodon paßt. Sie geben ihm einen Namen, der aus leerer Phantasie heraus unmöglich so erdacht sein kann: nämlich Jemisch, zu deutsch das Tier, das kleine Steinkörnchen an sich trägt, also offenbar eine Anspielung auf jene kleinen Knochenkörnchen in der Mylodon-Haut.
Dabei ist doch wohl ebenso unmöglich, daß alle diese Indianer ihre Weisheit aus der Eberhard-Höhle mit ihrem bis 1895 anscheinend völlig unberührten Mistboden geschöpft haben sollten.
Jenes erste Fell-Stückchen, das Ameghino von ihnen erhielt, erweckt viel eher den Eindruck, daß sie sonst noch Felle des Tieres heute besitzen, — und warum dann nicht vom lebenden Tier?
Auch das ist sehr wertvoll, daß in alten Chroniken über die Geschichte des Landes mit seltsamer Konsequenz gerade ein ähnliches Geschöpf sein Wesen treibt. Der Geschichtsschreiber Lozano verzeichnet um 1740 ein Ungetüm, Su oder Succarath mit Namen. Es gleiche dem Ameisenfresser (also einem noch lebenden nahen Verwandten der Faultiere) und trage seine Jungen auf dem Rücken mit sich herum, eine Sache, die die Faultiere heute noch ähnlich so machen; die Indianer jagten es, um sich aus dem Fell Mäntel zu fertigen.
Ich finde zufällig eine noch bedeutend ältere Angabe über dieses Tier Su in der Forer’schen deutschen Uebertragung von Gesners Tierbuch. Der Druck, der mir vorliegt, ist von 1606. Auf Seite 148 steht ein grotesker, offenbar wesentlich mit freier Phantasie hinzuerfundener Holzschnitt eines langgeschwänzten Tieres mit Menschenkopf, das einen ganzen Haufen Junge auf dem Rücken sitzen hat.
Dazu heißt es im Text: „Das aller Scheutzlichest Thier so gesehen mag werden, Su genannt in den Neuwen landen. Es ist ein ort in den Neuw erfundnen land welches ein volck ein wohnet Patagones in ihrer spraach genent, und dieweil daß ort nit sehr warm ist, so bekleiden sie sich mit beltzwerck von einen Thier, welches sie Su nennen das ist Wasser, auß ursach daß es der mehrer theil bei den Wässeren wonet. Ist sehr reubig, scheußlich wie diese Gestalt außweißt. So es von den Jegern gejagt, nimpt es seine jungen auff seinen rucken, deckt sie mit einem langen schwantz, fleucht also darvon, wird mit grüben gefangen und mit pfeilen erschossen.“
Im ersten Moment könnte man beim Wortlaut an eines der südamerikanischen Beuteltiere denken, das am Wasser lebt und seine Jungen mitschleppt. Aber das sind kleine Geschöpfe, während die Beschreibung mit ihrem Fangen in Gruben und auch sonst eher auf ein sehr großes Tier deutet. Für Patagonien fehlt jeder Anhalt, was es sonst sein sollte.
Jedenfalls ist es erstaunlich über alle Maßen, wie diese Geschichten sämtlich wie Radien auf denselben Mittelpunkt loslaufen. Hauthal sagt zwar: Das sind alte Traditionen von Vorvätern, die noch mit dem Tier lebten. Das sieht aber doch seltsam nach einer Ausrede um jeden Preis aus. Schließlich hat auch Ramon Lista ein Tier gesehen und angeschossen, das in der Hauptsache paßte. Hauthal meint, weder in den Grasebenen, noch in der Waldregion Patagoniens könne ein so auffälliges großes Tier den Ansiedlern entgangen sein, wenn es noch lebte. Und im vergletscherten, nahrungslosen Hochgebirge werde man es nicht suchen wollen. Ich meine aber, gerade hier gibt die geheimnisvolle Höhle einen Fingerzeig. Sie zeigt uns den alten Recken mit seiner hörnernen Siegfrieds-Haut als den Bewohner schmaler, finsterer Erdklüfte. Wie viele solcher Klüfte mag das rauheste, südlichste Patagonien gegen Feuerland herab noch enthalten. Und wer ist dort bei Nacht herumgeschweift, um den Gast der Tiefe auf seinen streng nächtlichen Streifereien zu beobachten.
So ist es trotz allem noch immer so wahrscheinlich, wie solche heiklen Dinge überhaupt wahrscheinlich sein können, daß das Riesenfaultier doch noch in einer Glücksnacht der Tierkunde lebend gefaßt und auf seine Ausweispapiere streng geprüft werden könnte.
Wenn nicht, — dann hat es aber auch seine Schuldigkeit getan. Es hat uns über Goethes Darwinismus, über die Entwickelungslehre Darwins, über den Urmenschen und so und so viel anderes belehrt.