Uralter, in der Natur der Dinge liegender Erfahrungssatz ist es, daß gerade die Frauen die krummen Wege lieben. Eine Penelope ist nicht nur wegen ihrer rührenden Gatten- und Mutterliebe das Ideal einer Frau, sondern sie zeigt sich auch als echtes Weib darin, daß sie die bösen Freier viele Jahre hindurch an der Nase herumführt.
Auch bei den Tieren verstehen viele Weibchen, insbesondere die Vögelmütter, das Verstellen vortrefflich.
Schon den alten Römern sind diese Verstellungskünste aufgefallen. So schreibt z. B. Plinius vom Rebhuhn folgendes:
»Nähert sich jemand dem Neste des Rebhuhnes, so läuft ihm das Weibchen vor die Füße, stellt sich krank und lahm, läuft oder fliegt etwas weiter, fällt nieder, als hätte es einen Flügel oder ein Bein gebrochen, läuft wieder weiter, der Mensch hinterher; aber er hofft vergeblich, denn das Rebhuhn verstellt sich nur, und hat die Absicht, ihn vom Nest wegzulocken.«
Hiermit steht ganz im Einklange, was Naumann darüber schreibt: »Rührend ist es, die unbegrenzte Sorgfalt der Eltern um ihre lieben Kleinen zu beobachten. Ängstlich spähend, von welcher Seite Unglück drohe, oder ob es abzuwenden sei, läuft der Vater hin und her, während ein kurzer Warnungslaut der Mutter die Jungen um sich versammelt, ihnen befiehlt, sich in ein Versteck zu begeben, schnell einem jeden ein solches im Getreide, Grase, Gebüsche, hinter Furchen, in Fahrgeleisen und dergleichen anweist, und, sobald sie alle geborgen glaubt, mit dem Vater alles aufbietet, um den Angriff zu vereiteln oder abzuwenden. Mutig stellen sich beide Eltern nun dem Feinde entgegen, greifen ihn im Gefühl ihrer Schwäche jedoch nicht an, sondern suchen seine Aufmerksamkeit von den Jungen abzuziehen, bis sie glauben, ihn weit genug entfernt zu haben. Dann fliegt zuerst die Mutter zu den Jungen, welche ihr angewiesenes Versteck indessen um keinen Fuß breit verlassen haben, zurück und versucht, diese eiligst ein Stück weiter fortzuschaffen. Sieht endlich der Vater alle seine Lieben in Sicherheit, so enttäuscht er auch seine Verfolger und fliegt davon. Sobald nun ringsumher alles wieder ruhig und die feindliche Störung verschwunden ist, läßt er seinen Ruf hören, welchen die Mutter sogleich beantwortet, worauf er sofort zu seiner Familie eilt.«
Der ausgezeichnete Zoologe Lenz bestätigt ebenfalls, daß es die List mancher Vögel ist, sich beim Neste oder bei kleinen Jungen lahm zu stellen, um den Feind von der Brut weg und irre zu führen. Dieser Zug schlauer Berechnung täuscht Tiere jedesmal, auch den Menschen immer, solange er noch nicht durch längere Erfahrung oder durch Belehrung zur Einsicht gekommen ist.
Von einem Müllerchen erzählt er folgende Geschichte:
»Ein recht auffallendes Beispiel solcher Verstellungskunst hat mir der Ober-Medizinalrat Buddeus zu Gotha mitgeteilt: Er bemerkte auf einem pyramidenförmig zugeschnittenen, dichten Baum seines Gartens ein Müllerchen und begann, es aufmerksam zu betrachten. Da schien das Tierchen plötzlich krank zu werden, begann zu schwanken und fiel dann wie tot vom Baum gerade ins Gras herab. Der Ober-Medizinalrat sprang zu, es zu ergreifen; es raffte sich aber scheinbar mühsam auf und flüchtete langsam flatternd vor ihm her ins Gebüsch. Von der Verfolgung zurückgekehrt, untersuchte er den Baum genauer und fand da drei kleine, kaum ausgeflogene junge Müllerchen ruhig auf einem Ästchen sitzend. Die Mutter hatte nur die Rolle des Sterbens gespielt, um den vermeintlichen Feind abzulocken. Am folgenden Tage suchte der Ober-Medizinalrat die Müllerchen wieder auf: das Tierchen stürzte wieder genau wie am vorigen Tage zu Boden und flatterte dann vor ihm her. An den nächstfolgenden Tagen berief er einzelne Freunde, das Wunder mit anzusehen, und es wiederholte sich regelmäßig, bis die Jungen etwas selbständiger waren. Dieselbe Kunst trieb das nette Tierchen auch noch in den zwei folgenden Jahren, wo es wieder in dem Garten nistete.«
Noch merkwürdiger ist vielleicht das Benehmen einer Sumpfohreule, worüber Tancré in den »Ornithologischen Briefen von E. F. v. Homeyer« berichtet. Hier wird folgendes geschildert:
»Über ein interessantes Benehmen dieser Art beim Nest, das ich mit keinem andern Namen als ›Überlegung‹ bezeichnen kann, will ich Ihnen eine Mitteilung machen. Ich fand nämlich im vorigen Sommer auf einem mit Weiden- und Erlengebüsch bestandenen und mit hohem Rohr und Gras bewachsenen Terrain der Peenewiesen ein Nest dieser Eule, geleitet durch das Männchen — vermutlich —, welches mich mit dem bekannten, dem Hundegekläffe ähnlichen Angstruf umflog. Das Nest, von dem das Weibchen abflog, stand versteckt unter einem Weidenbusche und enthielt fünf bis zum Ausschlüpfen bebrütete Eier. Da mir die Dunenjungen hiervon in der Sammlung fehlten, so beschloß ich, diese später zu holen, und machte mir ein Zeichen, indem ich ein Stück weißes Papier auf der Spitze des nächsten Busches befestigte.«
»Als ich nach acht Tagen die Eulen abholen wollte, war das Papier fort. Vielleicht war es vom Winde allmählich losgelöst, möglicherweise aber auch durch die Alten entfernt. Ich mußte mich also aufs neue auf die Suche nach dem Neste begeben. Da kommt eine der Eulen, wahrscheinlich wieder das Männchen, angeflogen und fährt etwa zwanzig Schritte neben mir zur Erde in einen Busch. Deutlich höre ich jetzt das Piepen der Jungen, welches sie ausstoßen, wenn sie geätzt werden. Ich gehe dorthin, die Eule fliegt auf der anderen Seite des Busches heraus, aber das Nest kann ich nicht entdecken. Kaum habe ich mich in anderer Richtung entfernt, als die Eule abermals in den Busch fliegt und ich wiederum die Jungen höre. Nochmals durchsuche ich den Strauch in der Meinung, daß vielleicht die Brut aus dem Neste entfernt und jetzt hier untergebracht sein möchte. Dies währt einige Minuten, während deren das Männchen umherfliegt. Da machte es dasselbe Manöver zum dritten male, aber auf der entgegengesetzten Seite von mir. Jetzt erst wird mir klar, daß ich getäuscht bin, eile möglichst leise nach dem Busch hin und sehe die Eule hinter ihm im Grase sitzen und selbst dies dem der Jungen so gleiche Gepiepe ausstoßen.«
»Nach genauer Orientierung und Suche fand ich dann das Nest wieder, wovon die Alte wiederum abflog und worin sich jetzt fünf sehr ungleich große Junge befanden.«
»Warum machte der Vogel es nicht, wie das erstemal und umflog mich nur mit Geschrei? Er hatte doch das Verständnis, daß er jetzt, nachdem im Neste die Veränderung vor sich gegangen, auch ein anderes, dementsprechendes Mittel anwenden müsse, um mich irre zu leiten, und ahmte deshalb den Jungen nach.«
In seinem bekannten Buche: »Bingo und andere Tiergeschichten« berichtet Thompson von den Leiden und Freuden einer Fasanenmutter, die ihre kleinen Jungen vor den zahlreichen Feinden schützen will. Es heißt dort:
»Drüben auf der Wiese erschien ein großer Fuchs; er kam ihren Pfad entlang, und sicherlich würde er sie in wenigen Augenblicken mit seiner feinen Nase wittern. Da gab es keine Zeit zu verlieren.«
»Krr! Krr! (Versteckt euch! Versteckt euch!) rief die Mutter leise, aber in bestimmtem Tone, und die armen Dinger, kaum größer als Eicheln und nur einen Tag alt, zerstreuten sich, um sich zu verbergen. Das eine verschwand unter einem Blatt, ein anderes zwischen zwei Wurzeln, ein drittes kroch unter ein Stück abgefallene Birkenrinde, ein viertes in ein Erdloch usw., bis alle geborgen waren. Nur eins konnte keinen Schlupfwinkel finden, es legte sich flach auf ein breites, gelbes Blatt, machte die Augen fest zu und glaubte nun sicher, von niemand gesehen zu werden. Die Kleinen stellten ihr furchtsames Piepsen ein, und alles war still.«
»Mutter Fasan flog dem gefürchteten Räuber gerade entgegen, ließ sich dann ein paar Schritte seitwärts von ihm nieder, begann mit den Flügeln zu schlagen, als ob sie lahm, ganz flügellahm wäre und jammerte wie ein von der Mutter verlassenes Kind. Bat sie um Gnade — Gnade von einem blutdürstigen, grausamen Fuchs? O nein! so töricht war sie nicht! Oft hört man von der Arglist des Fuchses, er ist jedoch ein richtiger Gimpel gegen eine kluge Fasanenmutter. Hocherfreut bei der Aussicht auf einen leckeren Braten gerade vor seiner Nase, drehte sich der Fuchs plötzlich um und erwischte — doch nein, ganz erwischte er den armen Vogel nicht, er entschlüpfte seinen gierigen Zähnen um Fußeslänge. Mit einem Satze war er hinterdrein und würde ihn diesmal sicherlich gefangen haben, wenn nicht gerade eine tückische Schlingpflanze dazwischen geraten wäre. Die Fasanenmutter hinkte davon, kroch unter einen Baumstamm, und Reineke sprang darüber, während seine sichere Beute, die jetzt etwas weniger lahm zu sein schien, einen ungeschickten Sprung vorwärts machte und einen Abhang hinunterrollte. Der Fuchs, immer hinterdrein, packte sie beinahe beim Schwanz, aber sonderbar genug, so schnell er auch lief und sprang, sie schien doch noch schneller zu sein. So etwas war dem alten Straßenräuber noch nicht begegnet. Ein flügellahmer Fasan und er, Reineke, der Schnellfüßige, konnte sie in einem Rennen von fünf Minuten nicht einholen. Es war eine Schande! Der Fuchs verdoppelte seine Anstrengungen, jedoch der Fasan schien in demselben Maße an Kraft zuzunehmen, und nach einem Wettlauf von einer Viertelmeile war der Vogel auf unerklärliche Weise wieder ganz gesund, er erhob sich mit einem beinahe verächtlich klingenden Schwirren und flog durch die Wälder davon, den Verfolger vollkommen sprachlos hinter sich zurücklassend, mit der niederdrückenden Erkenntnis, daß man ihn zum Narren gehabt.«
»Mittlerweile schwebte die Fasanenmutter in einem weiten Bogen nach der Stelle zurück, wo die Kleinen im Unterholz versteckt waren.« —
Selbst der als besonders dumm verschrieene Strauß benimmt sich gar nicht töricht, wenn es gilt, die junge Brut zu retten, wie folgender Bericht Andersons über ein Zusammentreffen mit einer Straußenfamilie, auf die Jagd gemacht wurde, beweist: »Sobald die älteren Vögel unsere Absicht bemerkten, begannen sie eine eilige Flucht, das Weibchen voran, hinter ihm die Jungen und zuletzt das Männchen, welches in einiger Entfernung von den übrigen die Flucht schloß. Es lag etwas wahrhaft Rührendes in der Sorge, welche die Eltern für ihre Jungen an den Tag legten. Als sie sahen, daß wir ihnen immer näher kamen, ließ das Männchen plötzlich in seinem Laufe nach und änderte seine Richtung; da wir aber doch von unserem Vorhaben nicht abstanden, beschleunigte es wieder seinen Lauf, ließ die Flügel hängen, so daß sie fast den Boden berührten, und sprang um uns herum, erst in weiteren und dann in engeren Kreisen, bis es uns auf Pistolenschußweite nahe kam. Jetzt warf es sich plötzlich auf den Boden, ahmte die Bewegung eines schwer verwundeten Vogels nach und stellte sich, als müsse es mit aller Kraft arbeiten, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich hatte bereits nach ihm geschossen und glaubte wirklich, daß es verwundet sei, eilte deshalb zu ihm hin, mußte aber bald erfahren, daß sein Betragen nur eine Kriegslist von ihm war; denn sobald ich ihm näher kam, stand es langsam auf und rannte in entgegengesetzter Richtung dem Weibchen zu, welches mit den Jungen schon einen bedeutenden Vorsprung erlangt hatte.«
Der Strauß denkt also gar nicht daran, bei Gefahr seinen Kopf im Gebüsch zu verbergen, wie gewöhnlich seit alter Zeit angenommen wird. Mit dieser Fabel werden wir uns sogleich näher beschäftigen.
Das Ergebnis der beiden Kapitel ist also folgendes: Zahlreichen Tieren ist die Heuchelei etwas ganz Geläufiges, Vogeleltern sind sogar häufig geborene Verstellungskünstler.