Vor einiger Zeit ging durch die Presse folgende Nachricht: Wie eine Jägerzeitung berichtete, hätte eine am Ständer (Beine) verwundete Schnepfe sich um die Wunde einen regelrechten Verband aus Federn angelegt. Hierzu wurden allerlei liebenswürdige Bemerkungen gemacht. Die nächste Schnepfe würde wahrscheinlich ein englisches Heftpflaster oder einen antiseptischen Verband anlegen usw. In Wirklichkeit kann die Sache nicht so ohne weiteres als Jägerlatein angesehen werden. Allerdings ist der Streit fast hundert Jahre alt, ob die Schnepfe ihre Wunden zufällig oder absichtlich mit Federn beklebt. Ich will mich hier auf zwei Fachleute berufen, die beide in einer wissenschaftlichen Zeitschrift (im Zoologischen Garten) ihre Ansicht vertreten haben.
Dr. Quistorp schreibt nämlich folgendes:
»Letzthin wurden von den Herren Gebrüder Müller Zweifel geäußert an der Richtigkeit der Behauptung, daß Waldschnepfen sich zerschossene Ständer mit Federn kunstgerecht verbinden. Ich bedaure, daß ich nicht im Besitze solcher Ständer von Schnepfen, welche ich selbst erlegt habe, bin, da ich dieselben im 60er Jahrzehnt an den damaligen Redakteur der Wiener Jagdzeitung, Herrn Albert Imgo, sandte; sonst würde ich die Herren Müller sicherlich von der Richtigkeit obiger Ansicht überzeugt haben.«
»Das eine Paar Ständer stammte von einer Schnepfe, nach welcher ich am zweiten Ostertage des Jahres 1863 gegen Abend schoß, und die mit zerschossenem einem Ständer wegflog, und zwar in einer Richtung, welche ich im Nachhausegehen einhalten mußte. Ich suchte deshalb der kranken Schnepfe nicht nach, um vor Sonnenuntergang noch den fehlenden Teil des Reviers abzusuchen. Kurz vor Sonnenuntergang schoß ich wiederum nach einer Schnepfe, die mit zwei zerschossenen Ständern wegflog, und zwar in eine Heide hinein. Dieser suchte ich nach, konnte dieselbe jedoch nicht finden, und wandte mich nun auf dem Heimwege der zuerst krankgeschossenen Schnepfe zu, die ich dann auch bald wiederfand und totschoß. Obgleich kaum eineinhalb Stunden vergangen, nachdem ich zuerst nach derselben geschossen, fand ich bei ihr den zerschossenen Ständer schon ganz kunstgerecht mit langen, ausgerupften Federn umwickelt, so daß der Ständer sich wie in einem Kleisterverbande befand. Die zweite Schnepfe, welcher ich beide Ständer zerschossen, fand ich zwei Tage darauf in der Heide; an ihren Ständern waren nur kleine Bauchfedern lose, aber in Menge, angeklebt. Auch Herr v. Homeyer-Wrangelsberg sandte mir den Ständer einer Waldschnepfe mit vielen, lose angeklebten kleinen Federn.«
»Ich habe daraus geschlossen, daß Schnepfen sich allerdings einen regelrechten Verband anlegen können mit langen Federn, daß dazu aber nur einer der Ständer zerschossen sein darf, damit sie mit Hilfe des Schwanzes und Schnabels den Verband anlegen können. Ich habe in meinem Leben viele solcher Schnepfen geschossen.«
Die Ansicht der bekannten Naturforscher Gebrüder Adolf und Karl Müller ist dagegen folgende:
»Es ist die Behauptung aufgestellt worden, daß Schnepfen, welche an den ›Ständern‹ verletzt worden seien, sich die Wunden mit ihren eigenen Federn mittels des Schnabels verbunden hätten. Zu diesem Schluß kam man durch geschossene Exemplare, bei welchen um verwundete Stellen der Füße Federn ihres Leibes wie eine ziemlich regelrecht angelegte Binde geschlungen waren.«
»Es ist uns durch einen befreundeten Oberförster, der ein tüchtiger Weidmann ist, ein derartiger Schnepfenständer zur Untersuchung übergeben und zum Geschenk gemacht worden. Es ist wahr, daß die um die Zehengelenke eng und fest angelegten Federn einem künstlichen Verbande gleichen. Die nähere Untersuchung — und sie mußte leider auf Kosten der Vollständigkeit dieses dichten Verbandes geschehen — zeigte jedoch, daß die Federn auf der schweißenden Wunde festklebten, und durch die Verbreitung des Schweißes rings um das Gelenk und die einzelnen Zehenwurzeln ebenfalls Halt erhielten. Ob hier der bekanntlich außerordentlich feinfühlige Schnabel, dessen Oberkiefer sich wie eine Greifzange zu biegen vermag, — welche Eigenschaft wir beim Wurmen des Vogels und auch bei eben verendenden Exemplaren beobachteten — tätig gewesen sein könnte, wollen wir nicht gerade in unbedingte Abrede stellen; wir halten es aber nicht für wahrscheinlich. Die Entstehung des Verbandes ist vielmehr nach unserer Überzeugung eine sehr natürliche. Der verletzte Vogel hebt den kranken Fuß und zieht ihn am Leibe unter die Bauchfedern ein oder legt sich ausruhend nieder, wobei der Fuß unter die Federn kommt. Diese kleben fest, der Schweiß gerinnt, und beim Aufstehen oder Zurückziehen des Fußes vom Leibe gehen die anklebenden Federn los und legen sich allmählich rund um die Umgebung der Wunde, welche, wie gesagt, den Schweiß verbreitet. Bei den leicht vorkommenden Anstößen schweißt die Wunde nach, und neue Bauchfedern gesellen sich zu den alten, und zwar in verschiedener Lage, so daß eine Art Geflecht entsteht. Zur Bildung eines solchen natürlichen Verbandes ist gar keine Schnabelhilfe nötig, es formt sich alles gemäß der zufälligen Umstände, welche durch die Situation und die Tätigkeit des Vogels beim Fortbewegen usw. bedingt sind. Eine Baumlerche (Alauda arborea) hat uns dies in der Gefangenschaft zur Genüge klar gemacht. Bei solchen kleineren Vögeln kommt es sogar vor, daß bei heftiger Blutung der Fuß dermaßen festklebt, daß wegen der größeren Anzahl der in Mitleidenschaft gezogenen Federn die Kraft des Vogels nicht ausreicht, den Fuß wieder zu strecken.«
»Wenn wir auch da, wo die exakte Beobachtung den Beweis liefert, immer gerne das Seelenvermögen des Tieres gebührend hervorzuheben bemüht sind, zu einem geschickten Chirurgen wollen wir doch die Schnepfe nicht avancieren lassen; das hieße wahrlich, ein Verdienst oder Talent anerkennen, wo keines vorhanden ist.«
Dieselbe Ansicht, wie die Gebrüder Müller, hat auch kürzlich ein Herr Schlabitz verteidigt, indem er behauptet, auch an den Ständern, Tritten, Fängen usw. lege sich ein Verband sozusagen von selbst an, da die verwundeten Tiere das schmerzhafte Glied an den Körper ziehen, somit Federn auf die verwundete Stelle kommen, dort ankleben und beim Strecken des betreffenden Gliedes leicht ausgerissen werden. Ein ähnliches Beispiel hat Herr Schlabitz an einem Uhu beobachtet. Er erzählt: Ich schoß einen solchen leicht an, nur am oberen Schnabel ganz vorne, wo die scharfe Krümmung nach unten geht. Da ich keine andere Verwundung vorfand, beschloß ich, ihn lebend zu behalten. Ich gab ihm Elstern und Krähen zum Kröpfen, doch wollte er dieselben nicht annehmen, wogegen er Sperlinge und Mäuse gerne verschluckte. An dem Schnabel sah ich Federn angeklebt, und konnte feststellen, daß sich ein fester Verband angelegt hatte. Ich versuchte, sie mit einem Federmesser zu entfernen, aber die Wunde fing sofort an zu schweißen, so daß ich einen weiteren Versuch unterließ. Dann fiel der Verband nach ganz kurzer Zeit von selbst ab. Von dieser Zeit beobachtete ich auch, daß der Uhu ebenso gern wieder Elstern, Krähen und sonstige Raubvögel kröpfte.