Sichtotstellen als Rettungsmittel.

In den Erzählungen unserer Lesebücher wird häufig das Sichtotstellen als vorzügliches Rettungsmittel gegen Raubtiere empfohlen. Schon in der bekannten Fabel von den beiden Freunden, die das Fell des Bären früher verkauften, als sie ihn erlegt hatten, wird dieses Verfahren als zweckentsprechend erwähnt. Ich möchte im folgenden die Gründe auseinandersetzen, weshalb ich zu diesem Mittel kein Zutrauen haben kann.

In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« habe ich ausführlich dargetan, daß ein Teil der Tiere seinen Grundsinn in den Augen, ein anderer in der Nase hat. Im westlichen Europa kamen in früheren Jahrhunderten als menschengefährdende Raubtiere nur Bär und Wolf in Betracht, da weder Luchs noch Fuchs, ebensowenig auch die Wildkatze, einen Menschen angreifen, um ihren Hunger zu stillen. Nun liegt es auf der Hand, daß weder Bär noch Wolf als Nasentiere eine sich totstellende Person ohne weiteres für tot halten werden. Ein Sehgeschöpf, ein Raubvogel, ein Löwe, Luchs, wie ein Mensch, mag ja dadurch getäuscht werden, ein Nasengeschöpf gewiß nicht.

Jeder Hundebesitzer wird gewiß bestätigen, daß er als Schlafender niemals von seinem treuen Wächter für tot gehalten worden ist. Der Grund ist ja auch sehr einleuchtend. Der Hund richtet sich nach der Nase und beschnuppert den Schlafenden. Da dieser wie ein Gesunder ausdünstet, so kann er ihn natürlich nicht für tot halten.

Umgekehrt bewirkt jede Krankheit, jede starke Verwundung eine Veränderung der Ausdünstung, was allen Nasentieren wohl bekannt ist. Übrigens ist manchem Arzt mit guter Nase aufgefallen, daß selbst das stumpfe Geruchsvermögen des Menschen ausreicht, um beim Betreten eines Zimmers sofort erklären zu können: die Bewohner leiden an gewissen Krankheiten, zum Beispiel am Scharlachfieber. Der Bär, der die Spur eines gesunden Hirsches findet, kümmert sich nicht um diese, da er weiß, daß er ein normales, ausgewachsenes Rotwild nicht einholen kann. Sobald er aber eine solche von einem angeschossenen Hirsch wittert, folgt er ihr eiligst. Das sind für Jäger ganz bekannte Sachen. Bei einem schwerkranken Angehörigen konnte ich mich selbst von der Richtigkeit dieses Zusammenhanges überzeugen. Unser Hund beroch eines Tages den Patienten, heulte und war ganz verstört. Der herbeigeholte Arzt untersuchte ihn, und erklärte, daß für die nächsten Tage jede Gefahr ausgeschlossen sei. Der Hund behielt aber recht, denn vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden war der Patient eine Leiche. Die beginnende Zersetzung des Körpers hatte er wahrscheinlich durch sein Geruchsvermögen wahrgenommen, wie ja auch die Hunde Friedrichs des Großen sich von ihrem Herrn kurz vor seinem Tode mit allen Zeichen der Trauer abgewendet haben sollen.

Es liegt nun auf der Hand, daß wir uns wohl äußerlich so hinlegen können, wie ein Toter, auch den Atem anhalten können und dergleichen, daß wir uns aber niemals die Ausdünstung eines Toten anschaffen können. Und das wäre doch bei Bär und Wolf die unerläßliche Voraussetzung.

Wer hiernach noch nicht überzeugt ist, daß das Mittel durchaus verfehlt erscheint, dem möchte ich noch mit einem schlagenderen Beweise kommen. Für den Nutzen des Sichtotstellens wäre doch die erste Voraussetzung, daß das in Frage kommende Raubtier keine Leichen frißt. Hieran kann doch nicht der geringste Zweifel bestehen.

Daß der Bär Leichen frißt, ist wohl unbestritten, heißt er oder wenigstens eine Art von ihm doch mit Recht Aasbär. Brehm führt dafür verschiedene Beweise an. So erlegte man in dem sibirischen Dorfe Makaro einen Bären auf dem Friedhofe, als er gerade beschäftigt war, einen kurz vorher beerdigten Leichnam auszugraben.

Was den Wolf betrifft, so braucht man nur daran zu erinnern, daß selbst die verwöhntesten Hunde vielfach eine Vorliebe für verweste Fleischstücke haben. Es ist daher kein Wunder, daß Isegrimm — ebenso wie der Fuchs — »eine leidenschaftliche Vorliebe«, wie Brehm sagt, für Aas hat.

Nur nebenbei sei bemerkt, daß die Annahme, die großen Katzenarten seien keine Aasfresser, sich als gänzlich irrig erwiesen hat. Vom Luchse schreibt neuerdings Baron v. Staël-Holstein in »Wild und Hund«, daß er tote Rehe selbst dann fresse, wenn sie schon wochenlang gelegen hätten. Selbst der Löwe geht nach v. Wißmann und anderen Afrikareisenden gern an Aas, und Selous erklärt ausdrücklich, der südafrikanische Löwe sei oft ein sehr schmutziger Fresser.

Das Ergebnis ist also folgendes: Das Sichtotstellen als Rettungsmittel kann schwerlich empfohlen werden, da alle Raubtiere mehr oder minder, gewiß aber Bär und Wolf, Leichenfresser sind. Die letztgenannten würden als Nasentiere beim Beschnüffeln eines anscheinend Toten sofort erkennen, daß es sich hier um eine Täuschung handelt.

So weit ich mich entsinnen kann, haben weder die alten Schriftsteller dieses Mittel empfohlen, noch habe ich jemals von einem zuverlässigen Jäger gelesen, daß er das Verfahren mit Erfolg probiert habe. Daß in der erwähnten Fabel der eine Jäger das tut, will nichts besagen, denn der andere klettert zu seiner Rettung auf einen Baum, was bekanntlich wohl bei einem Wolfe oder Löwen einen Zweck hätte, aber nicht bei Meister Petz, der selbst ein vorzüglicher Kletterer ist.

Trotzdem will ich die Möglichkeit durchaus nicht bestreiten, daß sich Menschen durch Sichtotstellen gerettet haben, und erkläre mir das folgendermaßen: Bei allen Raubtieren ist bekanntlich die Angriffslust sehr vom Hunger abhängig. Angenommen nun, ein satter Bär oder Wolf findet einen anscheinend toten Menschen, beriecht ihn und läßt ihn ruhig liegen, so wäre der Grund für sein Verhalten nicht der, weil er ihn für tot hält, sondern im Gegenteil, weil er merkt, daß er noch lebendig ist. Denn gesättigt scheuen selbst die gefährlichsten Raubtiere den Menschen — und mit vollem Rechte. Denn jedes Raubtier kennt wohl die Waffen aller anderen Tiere, aber nie die des Menschen (vgl. S. 19).

Bekannt ist es ja, daß der Wolf im Sommer entsetzlich feig ist, und nur im Winter, wenn der Hunger ihn tollkühn gemacht hat, den Menschen angreift. Nicht viel anders liegt die Sache bei dem Bären. So mag es denn hin und wieder vorgekommen sein, daß sie einen Menschen, der sich tot stellte, beschnüffelt und liegen gelassen haben, weil sie fürchteten, er könnte aufspringen und ihnen eins versetzen. Die Furcht vor dem lebendigen Erbfeind, nicht die Abneigung gegen den toten, war also für ihr Verhalten bestimmend.