Der Respekt der Raubtiere vor den Menschen.

Von jeher hat es der Mensch geliebt, das an sich seltsame Verhalten mancher Tiere dadurch zu erklären, daß er ihnen edelmütige oder ähnliche sympathische Beweggründe unterlegte. Beispiele hierfür können wir schon bei den Alten ausfindig machen.

So erzählt uns Plutarch, Herkules habe immer eine große Freude gehabt, wenn er bei seinen Unternehmungen einen Geier gesehen, weil er die Gerechtigkeit dieses Vogels bewunderte, indem derselbe, obgleich von Fleisch lebend, doch kein lebendiges Tier anfällt.

Teilen wir heute etwa noch die Ansicht des alten Helden und halten den Geier für einen gerechten Vogel? Gewiß nicht! Wir sind der Meinung, daß der Geier wie die Hyäne deshalb Aas fressen, weil es für sie bequemer ist. Ferner sind sie beide nicht gewandt und schnell genug, um sich nur von lebenden Tieren zu ernähren. Nicht die Gerechtigkeit, sondern das Non possumus ist also der wahre Grund.

Ähnlich schreibt Älian: Der Adler wird oft von Raben gefoppt, verachtet sie aber, fliegt hoch durch die Lüfte und überläßt ihnen die Tiefe; das tut er nicht aus Furcht, sondern aus eigentümlichem Edelmut.

Auch hier müssen wir zu dieser Erklärung ein großes Fragezeichen machen. Der wahre Grund ist vielmehr der, wie schon Lenz mit Recht betont, daß die von Raben, Schwalben, Bachstelzen geneckten Raubvögel nicht aus Edelmut forteilen, sondern weil sie wissen, daß da keine Beute zu hoffen ist, wo der schreiende Schwarm die übrigen Tiere warnt.

Es ist auch nicht Kühnheit der Schwalbe, wie man annimmt, wenn sie mit Hohngeschrei die meisten Raubvögel umschwirrt, sondern das Gefühl der Sicherheit, schneller als der verspottete Räuber fliegen zu können. Das sieht man recht deutlich daran, daß sie ein Angstgeschrei erhebt und Reißaus nimmt — zum Beispiel sich in das Schilf stürzt —, sobald der Baumfalk sich blicken läßt, weil dieser eben schneller als die Schwalbe fliegt.

Edelmut nimmt man auch bei den Edelfalken an, um zu erklären, weshalb sich diese eine geschlagene Beute von so elenden Schmarotzern wie den Milanen abnehmen lassen. Eine Glucke verteidigt sich gegen den Gabelweih — sagt Naumann — aber der Wanderfalk gibt ihm die Beute heraus.

Sollte auch hier wieder der Edelmut nicht nur in unserer Phantasie existieren? Dürfte sich die Sache nicht etwas anders verhalten? Daß der Wanderfalk keine Beute vom Erdboden nimmt, wissen wir, aber wir nehmen mit Recht an, daß er nicht aus Edelmut ein sitzendes Tier verschont, sondern wir vermuten ganz richtig, daß er wegen seiner rasenden Schnelligkeit Gefahr liefe, zu zerschellen. Deshalb raubt er nur fliegende Vögel. Ist doch vor ein paar Jahren selbst in Berlin einem Habicht, der doch nicht so schnell fliegt, folgendes passiert: Bei der Verfolgung einer wilden Ente stieß er so heftig auf die Herkulesbrücke, daß ihn ein Passant mit leichter Mühe fangen konnte.

Bedenkt man nun, daß alle schnellfliegenden Vögel auf dem Boden regelmäßig sehr unbeholfen sind — der Mauersegler, dieser unübertreffliche Flieger, kann wegen seiner langen Flügel vom Erdboden sich kaum erheben —, daß aus diesem Grunde als Sitz stets ein Baum oder ein Ort, der das Abfliegen erleichtert, bevorzugt wird, so wird die Nachgiebigkeit des Wanderfalken wahrscheinlich ihren Grund darin haben, daß er auf der Erde als einem ihm fremden Element große Mühe hätte, die Gabelweihe abzuwehren. Deshalb kalkuliert er mit Recht: Bei meiner Gewandtheit im Erbeuten ist es praktischer für mich, mir ein neues Opfer zu holen, als es auf einen ungewissen Streit ankommen zu lassen.

Nach diesen Beispielen möchte ich auf das eigentliche Thema zu sprechen kommen und auseinandersetzen, daß ich zwar ohne weiteres zugebe, daß die Raubtiere vor dem Menschen Respekt haben, aber nicht recht daran glaube, daß der Grund darin liege, weil die Tiere in dem Menschen ein höheres Wesen erkennen.

Schon die Alten haben ähnliche Gedanken geäußert. So schreibt Plinius folgendes: Bemerkt der Elefant den Fußtritt eines Menschen eher als den Menschen selbst, so bleibt er stehen, wittert, blickt umher, schnaubt vor Wut, zertritt aber die Fußspur nicht, sondern hebt sie aus, gibt sie dem nächsten, dieser wieder dem nächsten usw., worauf die Herde sich schwenkt und in Schlachtordnung aufmarschiert. So soll auch die grimmige Tigerin, die keinem Tiere weicht und selbst die Spuren des Elefanten verachtet, ihre Jungen in Sicherheit bringen, sobald sie die Spur eines Menschen erblickt. Wie erkennen sie die Spuren des Menschen? Wo haben sie ihn je gesehen, da jene Wildnisse von ihm so selten betreten werden? Woher wissen Elefanten und Tiger, daß der Mensch zu fürchten ist? Sie sind ihm doch so weit an Kraft, Größe und Schnelligkeit überlegen! Das ist die große Macht des Naturtriebes, daß die größten und wildesten Tiere gleich wissen, was sie fürchten müssen, wenn sie es auch nie zuvor gesehen haben.

Ähnlich äußert sich Brehm: Selbst Löwe, Tiger und Jaguar fürchten anfangs den Menschen und gehen ihm fast feig aus dem Wege; nachdem sie aber gelernt haben, welch schwaches, wehrloses Geschöpf er ist, werden sie seine furchtbarsten Feinde, und es scheint fast, als ob sie dann das Menschenfleisch dem aller übrigen Säugetiere entschieden vorzögen.

Speziell vom Löwen schreibt er: Den Menschen greift der Löwe äußerst selten an. Die hohe Gestalt eines Mannes scheint ihm Ehrfurcht einzuflößen. Im Sudan wenigstens, wo er in manchen Gegenden häufig auftritt, sind so gut wie keine Fälle bekannt, daß ein Mensch von einem Löwen gefressen worden wäre.

Die Araber jener Gegenden versichern, daß der Mensch, welcher einen ruhenden Löwen treffe, denselben durch einen einzigen Steinwurf verscheuchen könne, falls er Mut genug habe, auf ihn loszugehen. Wer dagegen entfliehe, sei unrettbar verloren. Zweimal, so sagen sie, weiche jeder Löwe dem Manne aus, weil er weiß, daß dieser das Ebenbild Gottes des Allbarmherzigen ist, den auch er, als ein gerechtes Tier, in Demut anerkennt. Frevelt jedoch der Mensch gegen die Gebote des Erhaltenden, welche bestimmen, daß niemand sein Leben tollkühn wage, und geht er dem Löwen zum drittenmal entgegen, so muß er sein Leben lassen.

Die Araber sind auch der Meinung, daß der Löwe bei seinen Raubzügen deshalb vorher brülle, um die Tiere zu warnen. Brehm meint mit Recht, der wahre Grund dürfte der sein, daß er dadurch das Wild aufscheuchen, insbesondere das Vieh der Nomaden zum Ausbrechen aus der Hürde veranlassen will. Die Begründung der Wüstensöhne hinsichtlich des Respekts scheint daher ebenfalls mehr poetisch als zutreffend zu sein.

Hiervon abgesehen, wird aber die Tatsache, daß der Löwe häufig vor dem Menschen zurückweicht, doch von zahlreichen glaubwürdigen Beobachtern bestätigt.

Brehm hält den aufrechten Gang des Menschen für den ausschlaggebenden Grund. Aber dieser kann schwerlich deshalb als furchterweckend in Betracht kommen, weil es ja vierfüßige Tiere gibt, die viel größer als der Mensch sind und trotzdem von Raubtieren angegriffen werden, wie zum Beispiel manche Büffelarten. Tiger sind auf den Rücken von Elefanten gesprungen und haben von dort Menschen heruntergeholt. Das große Kamel ebenso wie die fast achtzehn Fuß hohe Giraffe bildet eine bevorzugte Beute des Löwen. Gerade das letztgenannte Tier zeigt deutlich die irrige Anschauung, daß die Größe imponierend wirkt, denn der Kopf der Giraffe befindet sich etwa zwölf Fuß höher als der eines Menschen.

Nur das soll zugegeben werden, daß ein vierfüßiges Tier bequemer am Halse gepackt werden kann, als der aufrechtstehende Mensch. Trotzdem aber überfällt der Leopard den Strauß, der viel größer als der Mensch und ebenfalls nur zweifüßig ist.

Im übrigen richten sich zahlreiche Tiere beim Angriff oder der Verteidigung auf und gewähren dann einen weit überwältigenderen Anblick als der Mensch, so Hengste, Gorillas usw. Daß sich hierdurch die großen Raubtiere von einer Attacke jemals haben abhalten lassen, ist wohl noch nicht behauptet worden.

Dagegen steht fest, daß die sogenannten Menschenfresser fast ausnahmslos Raubtiere mit schlechten Zähnen sind, nicht mehr imstande, ihre sonstige Nahrung, nämlich das flüchtige Wild, Wildschweine und Affen, zu erbeuten. Not kennt kein Gebot; ein Raubtier, das nur die Wahl hat, zu verhungern oder Menschen anzufallen, wird unzweifelhaft das letztere tun.

Warum tut es das nun nicht auch in der Blüte seiner Jahre? Ich meine, die unglückselige Vorstellung von der »Tapferkeit« der Raubtiere ist schuld daran, daß wir uns darüber wundern. Man vergleiche das in den »Tierfabeln« auf S. 25 Gesagte. Hier heißt es: Selbst die größten Arten scheuen Tiere, von denen sie bedeutenden Widerstand erwarten, und greifen sie bloß dann an, wenn sie durch Erfahrung sich überzeugt haben, daß sie trotz der Stärke ihrer Gegner als Sieger aus einem etwaigen Kampfe hervorgehen.

Kann man ein solches Verhalten Tapferkeit nennen? Gewiß nicht! Außerdem muß man folgendes berücksichtigen. Bei jedem Angriff auf ein vierfüßiges Geschöpf weiß das Raubtier im voraus ganz genau, welche Waffen ihn bedrohen können: Das Pferd kann hinten ausschlagen, der Büffel mit den Hörnern stoßen, der Eber mit seinen Gewehren schlagen, der Pavian gefährlich beißen usw. Nur beim Menschen weiß es nicht genau, was kommen kann. Er kann es von fern mit Bogen und Lanze verwunden, mit Felsstücken werfen, in der Nähe mit Schwert oder Dolch verletzen — wobei wir von den furchtbaren Wirkungen des Feuergewehres ganz absehen wollen. Selbst der Ureinwohner auf niedrigster Kulturstufe vermag durch vergiftete Pfeile das größte Raubtier zu töten.

Was also bei keinem Tiere vorkommt, das kann sich beim Menschen ereignen; das Raubtier weiß niemals genau, woran es ist.

Natürlich wird eine vom Hunger geplagte Bestie nicht lange Reflexionen darüber anstellen, ob der Angriff auf den Menschen gelingt oder nicht. Je häufiger sie ihn besiegt, desto frecher wird ihr Gebaren werden. Aber wenn ein großes Raubtier gesättigt oder wenigstens nicht hungrig ist, so ist folgende Reflexion nicht unwahrscheinlich: Wenn ich wüßte, ich erbeute den Menschen, ohne erheblich verletzt zu werden, so würde ich mich auf ihn stürzen — aber man kann ja dem Frieden nicht trauen. Anschleichen kann ich mich nicht, wie es meine liebste Methode ist, denn der Kerl hat mich schon gesehen. Ob er gefährliche Waffen bei sich trägt? Er glotzt mich so unverschämt an — nun, die Sache ist mir doch zu riskant, ich werde mich empfehlen. — Umgekehrt wird ein fliehender Mensch gewöhnlich deswegen verloren sein, weil er durch seine Flucht offenbart, er fühle sich dem Feinde nicht gewachsen.

Ein unbewaffneter Mensch, der einen Löwen mit Gemütsruhe anstarrt, ist wie ein Kartenspieler, der sich den Anschein gibt, als habe er viele Trümpfe, die er in Wirklichkeit gar nicht besitzt. Einem solchen Spieler gelingt es ja häufig, die anderen zu täuschen.

Zum Beweise dafür, daß hauptsächlich die Unberechenbarkeit des Menschen den Respekt hervorruft, will ich mich auf folgende Tatsachen berufen. In nördlichen Ländern scheinen giftige Waffen wenig gebraucht zu werden, so daß hier der Mensch erst durch Feuerwaffen gefährlichen Tieren, wie Eisbären, Walrossen, Grislybären usw., energisch auf den Leib rücken konnte. Die alten Schilderungen von der Furchtbarkeit dieser Geschöpfe scheinen gar nicht so übertrieben zu sein.

Ausdrücklich bestätigt das Haacke, indem er schreibt: Übrigens soll der Graubär von heute, mit den Wirkungen der Büchse bekannter als der Graubär früherer Zeiten, viel vorsichtiger und furchtsamer sein als dieser.

Wie lieb im übrigen den Raubtieren ihr eigenes Leben ist, dafür seien nur zwei Beispiele angeführt. v. Wißmann schildert einen bereits früher erwähnten Angriff, den ein Kapbüffel auf einen ausgewachsenen Löwen macht. Der »König der Tiere« läßt wirklich seinen Fraß — eine getötete Antilope — im Stich und nimmt Reißaus. Sodann möchte ich darauf aufmerksam machen, daß nach Livingstone angebundene Pferde oder Ochsen nur ausnahmsweise von Löwen angegriffen werden, weil diese eine — Falle vermuten. Das gleiche berichtet Brehm von Tigern. Man sieht also ganz deutlich, daß auch vierfüßige Tiere, und zwar selbst solche, die sonst gern gefressen werden, unter Umständen Respekt einflößen, daß also der aufrechte Gang des Menschen nicht der wahre Grund sein kann.

Die Tatsache, daß große Raubtiere vielfach den Menschen unbehelligt lassen, erklärt sich also wohl daraus, daß sie nicht hungrig sind und die Unberechenbarkeit seiner Verteidigung scheuen. Ihr Leben ist ihnen zu lieb, um sich auf ein riskantes Unternehmen einzulassen.