Können nur Herdentiere zu Haustieren gemacht werden?

Es gibt gewisse Behauptungen, die gläubig nachgebetet werden, weil man sie für allgemein gültige Wahrheiten hält. Zu ihnen gehört auch diese: Nur aus Herdentieren können Haustiere gemacht werden. Ich teile diese Meinung in keiner Weise und möchte in nachstehendem meine abweichende Ansicht näher begründen.

Eingehend hat sich mit der hier erörterten Frage ein so ausgezeichneter Tierkenner wie Perty beschäftigt. Er schreibt darüber folgendes:

»Die Domestikation der Tiere kommt nicht allein durch die Macht des Menschen zustande, wie man früher und auch noch Buffon geglaubt hat, und namentlich Friedrich Cuvier hat erkannt, daß hierzu Geselligkeit der Tiere kommen müsse, nur gesellig lebende Tiere kann der Mensch domestizieren. Der Geselligkeitstrieb, den auch der Mensch in ausgezeichnetem Grade besitzt, und der auch seinen wildesten Stämmen nicht fehlt, hängt nicht von der Intelligenz ab, sondern kommt bei dummen und sehr gescheiten Tieren vor. Auch führt ihn nicht die Gewohnheit des Zusammenlebens der Familienmitglieder herbei; der Bär lebt einsam, obwohl er seine Jungen so lange und zärtlich pflegt wie der Hund. Die Aïnos, das sonderbare Volk von Yesso und den Kurilen, fast so behaart als der Bär selbst, haben, weil er kein geselliges Tier ist, vergeblich versucht, ihn zum Haustier zu erziehen und zum Reiten zu benützen, haben vergeblich junge Bären von ihren Weibern säugen lassen; es gelang nicht, und sie müssen ihn fortwährend an der Kette halten, wie Witson berichtet. Fr. Cuvier unterschied drei Zustände: erstens den der einsam lebenden Tiere: Katzen, Marder, Bären, Hyänen; dann den Zustand der in Familien lebenden Tiere: Wölfe, Rehe usw.; endlich die wahren Gesellschaften, wie sie bei Bibern, Affen, Hunden, Robben, Pferden, Elefanten, Wiederkäuern und beim Menschen selbst vorkommen; nur aus der letzten Kategorie hat der Mensch seine wahren Haustiere erhalten. Der Mensch, meint Cuvier, gelte den Haustieren für ein Mitglied ihrer Gesellschaft, und seine ganze Kunst bestehe darin, sich als Gesellschaftsmitglied einzureihen. Ist er einmal ein solches geworden, so kann er dann leicht das Tier durch seine höhere Intelligenz beherrschen. Das Schaf folgt dem Hirten, weil es in ihm das Oberhaupt der Herde sieht. Buffon hatte behauptet, der Mensch verändere bei der Zähmung das Naturell der Haustiere, was Cuvier bestritt, nach welchem der Mensch nur den natürlichen Trieb benützt; er fand nämlich gesellige Tiere vor und knüpfte diese an seine Familie. Demnach wäre die Domestikation nur eine Abänderung, eine andere Form der Geselligkeit und eine bestimmte Folge des Triebes zu letzterer. Die katzenartigen Tiere können deshalb nicht vollkommen domestiziert, eigentlich familiarisiert werden, weil sie nicht gesellig lebende Tiere sind. Die Fügsamkeit der Haustiere beruht nach F. Cuviers und Dureau de la Malles Nachweisung auf der langen Reihe von Generationen, seit welchen ihre Domestikation währt. Noch zur Zeit des Plinius waren Pferde, Rindvieh, Geflügel halb wild.« —

Nur nebenbei sei bemerkt, daß diese letzte Behauptung Pertys etwas kühn erscheint. Kein Mensch kann aus den Schilderungen Homers den Eindruck erhalten, daß die Rosse der Griechen und Trojaner halb wild waren, und doch kämpften beide Völker ein Jahrtausend vor Plinius. Die Erörterung anderer Irrtümer in nebensächlichen Dingen — z. B. daß Hyänen einzeln leben — würde zu weit führen, da uns hier nur das Prinzip interessiert.

Die Katze soll kein wahres Haustier sein. Diese Behauptung ist wohl nur deshalb aufgestellt, weil fast alle Katzenarten allein leben, und die ganze Theorie mit der alleinigen Domestikation der Herdentiere über den Haufen stürzen würde, wenn man zugäbe, daß Hinz zu unsern Haustieren gehöre. Ich habe ein andermal ausführlich dargetan, weshalb die Katze uns ferner steht als der Hund. Hier seien kurz die Hauptgründe angegeben.

Zunächst wird die Katze bei uns sehr schlecht behandelt, vielen Menschen bereitet es ein Vergnügen, das »falsche« Geschöpf totzuschlagen, wobei sie noch ein gutes Werk zu verrichten meinen, weil sich Hexen nach dem Volksglauben in Katzen verwandeln sollen. Sodann ist die Jagdmethode von Hinz und uns grundverschieden. Vermöge seiner Kletterfähigkeit bevorzugt jener das Reich der höheren Regionen, wohin wir ihm nicht zu folgen vermögen. Schließlich aber haben wir selbst auf dem Erdboden grundverschiedene Methoden. Die Katze ist ein Schleichraubtier, eine Terrainkünstlerin, die das Wild auf sich zukommen läßt und dann plötzlich packt. Wir suchen unsere Beute auf. Da der Hund es genau so macht wie wir, außerdem nicht klettern kann und schließlich vermöge seiner ausgezeichneten Nase, die weder der Mensch noch die Katze besitzt, Spuren findet, die uns völlig entgehen, so ist er für uns als Jagdgehilfe wie geschaffen. Deshalb haben wir uns die größte Mühe mit seiner Domestikation gegeben, während wir die Katze links haben liegen lassen. Haben wir uns denn schon mit der Zähmung anderer Katzenarten befaßt? Das ist kaum jemals einem Menschen eingefallen. Dem scheuen Luchs hätte gewiß jeder die Fähigkeit abgesprochen, daß er sich dem Menschen anschließe. Nun höre man, was Loewis von seinem zahmen Luchs Lucy erzählt: »Gewöhnlich spricht man den Katzen die Fähigkeit und Eigentümlichkeit ab, sich an bestimmte Personen zu gewöhnen, von denselben Befehle anzunehmen, ihnen Gehorsam zu zollen. Mit welchem Rechte solches von der Hauskatze gilt, kommt hier nicht in Betracht; daß aber der Luchs dem Menschen gegenüber sich anders verhält, hat der von mir jung aufgezogene genügend dargetan. Er hörte nur auf meines Bruders oder meine Stimme und bewies Zurückhaltung und Achtung auch nur uns gegenüber. Fuhren wir beide auf einen Tag in die Nachbarschaft, so konnte niemand Lucy bändigen; dann wehe jedem unbedachten Huhn, jeder sorglosen Ente oder Gans! Beim Dunkelwerden kletterte er auf das Dach des Wohnhauses, wo er, an einen Schornstein gelehnt, seine Ruhe hielt. Rollte spät abends oder in der Nacht der Wagen vor die Haustreppe, so war das Tier in einigen Sätzen vom Hausdache hinab auf das der Treppe gesprungen; rief ich nun seinen Namen, so schwang sich das anhängliche Geschöpf eilig an den Säulen hinab und flog in weiten Bogensätzen mir an die Brust, seine starken Vorderbeine um meinen Hals schlagend, laut schnurrend, mit dem Kopfe nach Art der Katzen an mich sich stoßend und reibend, und folgte uns sodann in die Stube, um auf dem Sofa, dem Bette oder am Ofen sein Nachtlager aufzuschlagen. Mehrere Male teilte er mit uns das Lager, und verursachte einmal seinem Herrn, quer über dessen Hals liegend, beunruhigende Träume und Alpdrücken.«

Wie der Luchs, so lebt auch der Gepard oder Jagdleopard (Tschita) allein, man sollte also meinen, daß die Grundlage der Domestikation, die Zähmung, bei ihm sehr schwer fallen sollte. Das Gegenteil ist aber der Fall. Durch einfache Abrichtung wird der Jagdleopard zu einem trefflichen Jagdtier, welches in seiner Art dem Edelfalken kaum nachsteht. In ganz Ostindien betrachtet man ihn allgemein als einen geachteten Jagdgehilfen.

Brehm hat selbst einen zahmen Geparden besessen und schreibt über dieses interessante Tier: »Daß die Zähmung nicht schwierig sein kann, wird jedem klar, welcher einen Gepard in der Gefangenschaft gesehen hat. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, daß es in der ganzen Katzenfamilie kein so gemütliches Geschöpf gibt wie unsern Jagdleoparden und bezweifle, daß irgend eine Wildkatze so zahm wird wie er. Gemütlichkeit ist der Grundzug des Wesens unseres Tieres. Dem angebundenen Gepard fällt es gar nicht ein, den leichten Strick zu zerbeißen, an welchen man ihn gefesselt hat. Er denkt nie daran, dem etwas zuleide zu tun, welcher sich mit ihm beschäftigt, und man darf ohne Bedenken dreist zu ihm hingehen und ihn streicheln und liebkosen. Scheinbar gleichmütig nimmt er solche Liebkosungen an, und das Höchste, was man erlangen kann, ist, daß er etwas beschleunigter spinnt als gewöhnlich. Ich besaß einen Gepard, welcher so zahm war, daß ich ihn am Stricke herumführen und es dreist wagen durfte, mit ihm in den Straßen zu lustwandeln.«

Auch Ernst Friedel erzählt, daß in Potsdam im Parke eines königlichen Schlosses zwei zahme Geparden völlig frei umherliefen und keinem Menschen etwas zuleide taten. Erst als mehrere Damen, die sie für entsprungene Tiger hielten, in Ohnmacht gefallen waren, wurde ihnen ihre Freiheit genommen. Kein Mensch kann hiernach zweifeln, daß man den Geparden völlig zum Haustier machen könnte.

Umgekehrt seien einige Herdentiere auf ihre Zähmbarkeit betrachtet. Das Zebra galt bisher als unzähmbar, es werden jetzt die ersten Versuche gemacht. Den nordamerikanischen Bison wie den Kafferbüffel hat bisher wohl niemand zu zähmen versucht, ebensowenig den Moschusochsen. Den Strauß hält man, um ihn seiner Federn zu berauben, aber als zahmes Haustier kann man ihn schwerlich bezeichnen. Dagegen wird die gewöhnlich nicht in Herden, sondern in Familien lebende Giraffe meistens sehr zahm. Von den in Herden lebenden größeren Affen wird allenfalls der Schimpanse und von den Pavianen der Babuin als Haustier gehalten. Die Zähmung des Hyänenhundes ist der Neuzeit noch nicht gelungen, obwohl er eine vorzügliche Nase besitzen soll, ebensowenig die des afrikanischen Elefanten, wenngleich die Karthager es verstanden haben sollen. Dagegen hat man von einzeln lebenden Tieren bereits im Altertum Löwen und Tiger gezähmt. Der ägyptische König Ramses der Große kämpfte in Begleitung seines zahmen Löwen, der ihm die Feinde niederreißen half. Der römische Kaiser Heliogabal spannte Löwen und Tiger vor seinen Wagen, indem er sich mit der Göttin Cybele und mit dem Gotte Bacchus verglich.

In der Berliner Raubtierschule legt sich der Inspektor Havemann eine Leopardin wie einen Mantelkragen um den Hals. Auch wohl alle bei uns allein lebenden Tiere, wie Fuchs, Dachs, Marder, Wiesel, Eichhörnchen, sind schon gezähmt worden. Besonders leicht zahm wird der einzeln lebende Fischotter, der wiederholt zum Fischfangen abgerichtet worden ist.

Bei den Vögeln machen wir dieselbe Beobachtung. Kein Mensch wird die in Scharen lebenden Sperlinge, Schwalben, Meisen, Goldhähnchen usw. für leicht zähmbar halten. Umgekehrt sind der Buchfink, der Kolkrabe, die Alpenkrähe usw., obwohl sie einzeln leben, wegen ihrer Zutraulichkeit zu ihrem Pfleger bekannt. Ausgesprochene Einsiedler sind die Raubvögel. Und doch richten die Kirgisen Adler und Habicht zur Jagd ab, ebenso stand bei uns die Reiherbeize mit dem Jagdfalken in hoher Blüte. Umgekehrt gelten die Wasserratten als unzähmbar, obwohl sie in Herden leben.

Es ist hiernach einleuchtend, daß die Theorie, nur Herdentiere eignen sich zu Haustieren, durchaus irrig ist. Die ausschlaggebenden Momente sind vielmehr folgende:

1. Die Gefährlichkeit des Tieres. Es ist eine schlimme Sache, ein Geschöpf als Haustier zu halten, das bei übler Laune den Menschen töten kann. Aus diesem Grunde wird man die großen Bestien, ausgewachsene Paviane oder menschenähnliche Affen und ähnliche gefährliche Tiere ungern zu Haustieren machen wollen. Deshalb werden häufig ältere Doggen getötet, weil sie ihren eigenen Herrn in Gefahr bringen.

2. Das Naturell des Tieres und des Menschen. Es ist merkwürdig, daß manche Tiere wie Affen, Bären, Füchse usw., von Hause aus wenig Neigung haben, dem Menschen Hilfe zu leisten, während umgekehrt Pferde, Hunde, Geparden usw. es gern tun. Natürlich sind Tiere mit sanftem Naturell, wie Giraffen, Schimpansen, Babuine usw., leichter zu zähmen, als solche mit störrischem, wie Nashörner, Flußpferde, Kafferbüffel, Elche usw. Ein Kulturvolk ist ganz ungeeignet zur Abrichtung von Tieren, da ihm die Ruhe und Geduld fehlt; dagegen leisten stumpfsinnige Naturvölker auf diesem Gebiete Hervorragendes.

3. Ausschlaggebend ist aber stets der Nutzen für den Menschen. Wir hätten viel mehr Haustiere, wenn wir uns von anderen Tieren mehr Nutzen versprächen. Was sollen wir mit einem zahmen Hirsch oder Reh anfangen? Zum Ziehen oder zum Reiten des erstgenannten sind sie doch nur bedingungsweise verwendbar, können jedenfalls nicht das Pferd ersetzen. Weil es uns Nutzen brachte, haben wir früher den Jagdfalken gezähmt, wie heute noch zur Wolfs- und Fuchsjagd von den Kirgisen Adler abgerichtet werden.

Nur aus dem Grunde, weil fast alle Teile verwendet werden können, haben wir das seinem Naturell nach ganz ungeeignete Rind als Haustier. Ist wohl ein alter Bulle ein gezähmtes Tier? Gibt es in Deutschland einen Kreis, wo nicht in den letzten 100 Jahren ein Mensch durch einen wütenden Bullen getötet ist? Würden sie nicht den Nutzen gewähren, so würde es längst polizeilich verboten sein, diese Haustiere, obwohl sie Herdentiere sind, zu halten. Auch mit der Domestikation des Schweines dürfte es eine eigene Sache sein. Kronprinz Rudolf berichtet von den südungarischen Schweinehirten: »Alle sind mit Pistolen bewaffnet, teils um die abends umherschweifenden Wölfe zu verscheuchen, teils aber auch, um sich gegen die starken, wildschweinartigen Eber, die sogenannten zahmen Hausschweine, zu verteidigen. Wie ich von den Leuten an Ort und Stelle erfuhr, sollen jedes Jahr einige Hirten von ihren eigenen Schweinen auf der Weide, besonders während des Schlafes, überfallen und elendiglich zugrunde gerichtet werden.« Ferner wurde kürzlich folgender Fall berichtet: In Söllerup (auf Seeland) wollten ein Dienstknecht und ein zwölfjähriger Hütejunge einen Eber vom Walde nach Hause treiben. Als sich der voraufgehende Knecht infolge eines Angstrufes des Jungen umblickte, gewahrte er, wie der Eber den Knaben mit den Hauern bearbeitete. Dem Unglücklichen war die Lende zerfleischt und die Schlagader aufgerissen, so daß er in kurzer Zeit verblutete. Der Eber wurde erschossen. Schließlich denke man daran, wieviel kleine Kinder schon durch zahme Schweine angefressen und getötet worden sind — und doch lebt auch das Schwein in Herden. Die herrschende Meinung muß demnach als durchaus irrig bezeichnet werden.