Dichter und Gelehrte haben vielfach die Behauptung aufgestellt, daß das Tier sich dadurch vorteilhaft vom Menschen unterscheide, daß es der Verstellung unfähig sei. Selbst bei Tierpsychologen trifft man die Meinung an, der Tierarzt habe eine leichtere Aufgabe als der Menschenarzt, denn die Tiere verstellten sich nicht. Diese Ansicht ist jedoch irrig, wie sich aus nachstehendem ergeben wird.
Im Altertum huldigte man der entgegengesetzten Meinung und zwar vielfach mit Recht. So schildert uns schon Xenophon die Verstellungskünste der Wölfe, die sie anwenden, um trotz der Hirten und Hunde Beute zu machen, genau so wie der alte Geßner.
Was die Alten ferner von den Verstellungsmitteln Reinekes erzählen, ist gewiß stark übertrieben, aber ein gewisser Kern von Wahrheit steckt darin. So schreibt z. B. Oppian: Fühlt der schlaue Fuchs ein Gelüste nach Vogelfleisch, so weiß er sich recht artig zu helfen: Er legt sich auf den Rücken, streckt alle Viere von sich, schließt Augen und Maul und stellt sich tot. Nun kommen die Vögel in Menge und beginnen an dem vermeintlichen Aase zu rupfen und zu zupfen. Kommt ihm aber ein Vogel ans Maul, schnapp, da hat ihn der Schalk zwischen den Zähnen, und läßt ihn sich ganz herrlich schmecken.
Der Bericht ist deshalb nicht ganz unglaubwürdig, weil der bekannte Naturforscher v. Homeyer etwas Ähnliches erzählt. Er schreibt: »Daß unser Raubritter alte Vögel greift, ist unzweifelhaft; es erscheint mir jedoch auch wahrscheinlich, daß die alten Schilderungen der Art und Weise, wie er es anstellt, solche zu überlisten, teilweise richtig sind. Wenn der Fuchs, um sich zu sonnen, auf einer Waldblöße liegt, versammeln sich Krähen in immer wachsender Anzahl unter stetem Lärm und rücken dem Fuchse, welcher regungslos daliegt, allmählich näher, bis ein sicherer Sprung des Totgeglaubten einen der Schreier zum Opfer fordert. Mein Vater hörte einmal im Mai, ehe es noch junge Krähen gab, von fern anhaltendes Schreien der Krähen eines Waldes, und vermutete, daß dasselbe einem Raubvogel gelte. Schon in die Nähe gekommen, vernahm er einen furchtbaren Lärm, welcher sich auf ihn zu bewegte, und bald sprang ein Fuchs mit einer Krähe im Maule vorüber, gefolgt von einem ganzen Schwarm schreiender Genossen des Opfers. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß das plötzliche Aufschreien aller Krähen den Augenblick bezeichnete, an welchem der Fuchs eine derselben ergriff.«
Daß übrigens Raubtiere sich verstellen, um ihre Opfer anzulocken, ist etwas ganz Bekanntes. Beispielsweise schreibt Scammon von einer so plumpen Robbe, wie dem Seelöwen, daß sie folgende List gebraucht, um sich eines Seevogels zu bemächtigen. Nach seinen Beobachtungen tauchen sie angesichts einer Möve tief in das Wasser, schwimmen auf ein gut Stück unter den Wellen fort, erscheinen vorsichtig an einer anderen Stelle wieder an der Oberfläche, strecken jedoch nur die Nasenspitze aus dem Wasser heraus und bringen nun, wahrscheinlich mit Hilfe ihrer Schnurrhaare, das Wasser hier in eine drehende Bewegung, in der Absicht, die Aufmerksamkeit der fliegenden Möve auf sich zu lenken. Diese glaubt, irgend ein Wassertier zu sehen, stürzt sich herunter, um dasselbe zu fangen, und ist einen Augenblick später von dem Seelöwen gepackt und unter das Wasser gezogen, bald darauf auch zerrissen und verschlungen.
Ja selbst unser als biederer und gerader Charakter bekannter Bär soll nach Krementz den Brunftschrei des Elches nachahmen, um diesen zu berücken. Aber wie soll man sich darüber wundern, wenn selbst ein so anscheinend stumpfsinniger Fisch wie der Wels seine Bartfäden benutzt, um Fische heranzulocken.
Jeder Hundebesitzer wird übrigens ohne weiteres bestätigen, daß Tiere sich vortrefflich verstellen können. Mit derartigen Geschichten von schauspielernden Hunden ließen sich ganze Bände füllen. (vgl. S. 12). Jeder Hundekenner weiß, daß Hunde, die Appetit auf Braten und dergleichen haben, jedoch nur trockenes Brot erhalten, es anscheinend gierig erfassen, aber in der Stille nach einem entlegenen Orte verschleppen. Eine andere Art der Schauspielerei habe ich unzähligemal gesehen. In einer befreundeten Familie, die einen sehr lebhaften Hund besaß, war der Hausherr ein überaus gutmütiger Herr, ein sogenannter Gemütsathlet, wie man zu sagen pflegt. Die natürliche Folge war die, daß die Herrin um so energischer auftreten mußte, damit seine Gutmütigkeit nicht allzusehr ausgenutzt wurde. Auch dem Hund gegenüber vertrat sie mit Recht den Standpunkt, daß er als wohlerzogenes Tier bis nach Schluß des Essens auf sein Deputat warten sollte. Ich bin nun sehr häufig am Sonntag Mittagsgast dort gewesen und habe regelmäßig folgendes erlebt: So lange die Herrin des Hauses anwesend war, lag mein Köter mäuschenstill an dem ihm bestimmten Orte und wagte nicht, sich bemerkbar zu machen. Mußte jedoch die Hausfrau aus irgend einem Grunde das Zimmer verlassen, beispielsweise um nach der Küche zu gehen und nachzusehen, ob alles ihren Anordnungen entsprechend geschah, flugs war mein Hund am Tische und bettelte in der unverschämtesten Weise bei seinem Herrn und zwar gewöhnlich mit Erfolg. Kaum hörte er jedoch die nahenden Schritte der zurückkehrenden Herrin, so legte er sich flink auf die alte Stelle hin und tat heuchlerisch so, als wenn gar nichts vorgefallen wäre.
Ähnliches berichtet Rektor Gräßner von seiner deutschen Dogge Tom: »Am ergötzlichsten war sein Benehmen, wenn sich ihm Gelegenheit darbot, meinen Töchtern einen Gegenstand, mit welchem sie sich gerade beschäftigten, etwa ein Paar zusammengefaltete Strümpfe, einen großen Wollenknäuel usw. heimlich, wie er sich einbildete, wegzustibitzen und in seinen großen Rachen verschwinden zu lassen. Suchten dieselben dann den geraubten Gegenstand absichtlich mit auffallender Emsigkeit, so hatte er seinen Zweck erreicht, er nahm unter besonders gemessener Haltung eine möglichst einfältige Miene an, um zu zeigen, daß er keine Ahnung von dem Grunde der stattfindenden Aufregung habe, und gab das Vermißte unter schlauem Blinzeln nicht früher heraus, als bis man sich direkt an ihn mit der Frage gewandt hatte: ›Tom, weißt du denn nicht, wo .... hingekommen ist?‹ War ich zufällig bei diesem Spiele zugegen, so kam er, ehe jene Frage an ihn gestellt und er sich mit einem Blicke auf die Mädchen überzeugt, daß er nicht beobachtet wurde, unaufgefordert zu mir, sperrte sein Maul so weit auf, daß ich den gesuchten Gegenstand erblicken mußte, warf mir einen verständnisinnigen schelmischen Seitenblick zu, um dann im Umdrehen das vorher gezeigte dumme Gesicht wieder anzunehmen und auf seinen Platz zurückzukehren.«
Aber nicht nur Raubtiere besitzen die Kunst des Verstellens. So erzählt J. Franklin von einem Schweine folgendes: Auf einem Schiff lebten ein Hund und ein Schwein in guter Freundschaft, gingen und sonnten sich miteinander, fraßen aus einer Schüssel, nur um das Hundehaus stritten sie, welches manchmal das Schwein zum Verdruß des Hundes in Beschlag nahm. An einem stürmischen Abend wollte es dieses wieder tun, aber der Hund lag schon darin. Da nahm das Schwein eine Zinnschüssel in das Maul und tat in einiger Entfernung, als ob es daraus fräße, worauf der Hund herbeilief, das Schwein aber eiligst in dessen Stall.
Auch die fliehenden Pflanzenfresser retten sich nicht nur durch die Schnelligkeit ihrer Füße, sondern wenden mancherlei Listen an. Schon Älian schreibt: Der Hase begibt sich nie in sein Lager, ohne vorher seine Spur zu verwirren, und dadurch den nachfolgenden Jäger zu täuschen. So betrügt das listige Tier die Klugheit des Menschen. Die Bemerkung ist durchaus zutreffend. Der Hase geht, wenn er ins Lager will, erst über dessen Stelle hinaus, dann eine Strecke seiner eigenen Spur zurück, macht mehrere Kreuz- und Quersprünge, wovon ihn der letzte zum Lager bringt.
Übrigens macht Freund Lampe solche Wiederläufe nicht nur, wenn er sich nach seinem Lager begibt, sondern auch, wenn er sich auf der Flucht befindet. Hunde, die seiner Spur folgen, haben natürlich die allergrößte Mühe, aus diesem Wirrsal sich zurechtzufinden.
Ähnliche Heuchelei können wir bei gezähmten Affen und anderen intelligenten Geschöpfen wahrnehmen. So schmeicheln Papageien und Affen oft denen, die sie beißen wollen. Rengger berichtet von seinem Kapuzineraffen, daß er, wenn er von jemand beleidigt war, sich ganz freundlich gegen ihn stellte. Er wollte ihn dadurch sicher machen, nahm aber, sobald sein Zweck erreicht war, furchtbar Rache. Ähnliches, was Homeyer vom Fuchse erzählt, wird vom Affen berichtet. Ein zahmer Affe in Indien, dessen Futter die Krähen oft plünderten, stellte sich einst tot, fing aber die erste Krähe, die er erwischen konnte, rupfte sie und warf sie dann in die Luft, wo sie von ihren Genossen totgehackt wurde, die dann des Affen Futter weiter nicht mehr angingen. Im Brökmannschen Affentheater, wo ich dem Ankleiden der Affen zusah, war es spaßhaft zu sehen, wenn einer der vierhändigen Künstler den ihm vorgehaltenen Ärmel anscheinend nicht sah, sondern mit der ernstesten Miene von der Welt mit dem ausgestreckten Arme daneben fuhr. Er »markierte den Dusseligen«, wie der Berliner sagen würde. Das gleiche wird vom Elefanten berichtet.
Eine bekannte Heuchelei bei Tieren ist das Sichtotstellen, um das gefährdete Leben zu retten. Nicht nur Insekten machen hiervon Gebrauch, sondern auch Raubtiere wie das Opossum und unser Wiesel. Von dem letztgenannten berichtet Freiherr v. Droste-Hülshoff im »Zoologischen Garten« folgenden Fall:
»Auf einem Spaziergange Ende Mai 1872 wurde meine Aufmerksamkeit durch auffallende, augenscheinlich von einem Tiere herrührende Töne in meiner Nähe erregt. Ich begab mich an die Stelle, wo ich die Töne vernommen hatte, und bemerkte ein altes und zwei junge Wiesel, welche letztere bereits mindestens die Größe eines alten erreicht hatten. Bei meinem Erscheinen entfernte sich das alte Wiesel schleunigst, die beiden jungen drückten sich an den Boden und machten es mir dadurch möglich, das eine derselben durch einen raschen Griff im Genick zu erfassen; das andere entfloh darauf eiligst. Auf das klägliche Zetergeschrei des von mir in der Hand gehaltenen erschien nun augenblicklich das alte und rannte unausgesetzt und mit unglaublicher Schnelligkeit in einer Entfernung von 1 bis 2 Fuß um mich herum; den wiederholten Streichen meines mit der linken Hand geführten Regenschirmes wich das Wiesel geschickt aus und erreichte ich damit nur, daß ich meinen Regenschirm zerschlug. Nachdem dieses nun etwa 5 Minuten gedauert hatte, setzte ich meinen Weg fort unter Begleitung des alten Wiesels, welches mich aber, nachdem ich 30-40 Schritte zurückgelegt hatte, verließ. Sofort änderte das junge seine Taktik. Nachdem es nämlich unter fortwährendem Geschrei versucht hatte, sich zu befreien, hörte dieses nunmehr gänzlich auf; es hing ganz schlaff in meiner Hand, schloß die Augen, sperrte schließlich auch noch das Maul ganz weit auf und war augenscheinlich tot. Da ich das Wiesel lebend behalten wollte, so war mir diese Entdeckung nicht angenehm und um so auffallender, als ich dasselbe, um es nicht zu ersticken, nur mit zwei Fingern an den starken Halswirbeln gefaßt hatte. Es war und blieb aber tot und alle Bemühungen, ein Lebenszeichen von demselben zu erhalten, blieben fruchtlos. Ich trug es daher noch eine Strecke und warf es dann mitten in einen kleinen Teich, an dem mein Weg vorüberführte. Kaum hatte es die Wasserfläche berührt, als es auch schon zu meiner nicht geringen Überraschung zu schwimmen begann und ganz munter an das Ufer schwamm, um im Grase und Gestrüpp zu verschwinden.«
»Das Wiesel hatte mich augenscheinlich absichtlich getäuscht und lieferte dadurch wieder einen Beweis für die Behauptung, daß die Tiere doch mitunter eine bedeutende Überlegung an den Tag legen, die mir übrigens mit dem Begriff von Instinkt wohl vereinbar zu sein scheint.«
Auch der frei lebende Affe liebt die Verstellung. Von den Pavianen z. B. wird berichtet, daß, wenn sie von Hunden verfolgt werden, die starken Männchen absichtlich bei der Flucht zurückbleiben. Stürzt sich nun ein einzelner Hund auf einen solchen Recken, so ist er verloren, denn der Pavian packt und zerfleischt ihn. Erfahrene Hunde bleiben daher stets zu mehreren, denn dieser Übermacht ist der Affe nicht gewachsen.
Selbst manche Raubtiere bekunden, um ihre Nachkommenschaft nicht zu verraten, eine Scheinheiligkeit, die Staunen erwecken muß; sie rauben in der Nähe ihres Lagers nicht. So heißt es bei Brehm:
»In der Nähe seiner Traden (d. h. dicht mit Holz bestandener Stellen in Morästen)«, schreibt mir Kade, »raubt der Wolf nie, weshalb Rehe und junge Wölfe harmlos in einem und demselben Treiben aufwachsen. Bei den meisten Wolfsjagden habe ich in demselben Treiben junge Wölfe und junge Rehe erlegt und erlegen sehen. Diesen niedlichen Tieren kann aber die Nähe der Wölfe unmöglich unbekannt bleiben, da letztere schon Ende Juli zu heulen beginnen.«
Wer denkt da nicht an den Grundsatz mancher Leute: Das eigene Haus muß man rein halten! Verbrecher haben gewöhnlich das Prinzip, niemals in dem Hause, in dem sie wohnen, etwas Ungehöriges zu begehen.
Auch die wilden Gänse stellen sich tot, wenn sie sich in der Mauser befinden und deshalb schlecht fliegen können, und täuschen dadurch häufig den Jäger. Überhaupt muß man wohl die Palme unter den Verstellungskünstlern den Vögeln zuerkennen. Namentlich die Vögelmütter, die Junge haben, verstehen es ausgezeichnet, etwaige Feinde abzulenken. Das soll im folgenden Kapitel ausführlich geschildert werden.
Selbst die so plumpe Eule ist Verstellungen nicht abgeneigt, wie Brehm betont. Sie blinzelt nur, um den Menschen zu täuschen. Denn sie möchte ihren Platz aus Furcht vor dem Gezeter kleiner Vögel nicht gleich aufgeben. Andere gebrauchen die List, daß sie ihre Gestalt derartig verschieben, daß sie einem alten, mit Moos und Flechten übersponnenen Astknorren auf das genaueste gleichen.
Zum Schlusse sei noch der allerliebsten Verstellungsgeschichte einer Krähe gedacht, die ein Herr Keil kürzlich beobachtete. Er erzählt den Vorgang folgendermaßen:
»Da hatte ich einmal einige vertrocknete Semmelecken, die sich als liegengelassenes Frühstück im Schreibtisch vorfanden, in den Garten geworfen. Es mochten vielleicht fünf Stücke sein, die verstreut im letzteren auf dem Schnee umherlagen. Sehr bald kam eine Krähe vorbeigestrichen, sah die Semmeln liegen und machte sich darüber her. Sie hackte energisch auf das harte Zeug ein, wobei ich aber beobachten konnte, daß sie nicht einen Augenblick ihre Umgebung außer acht ließ. Sobald sich nun in der Ferne eine andere Krähe zeigte, unterbrach die erste sofort ihr Frühstück, lief ein Stück weg auf den Mauerrand und äugte stillvergnügt in die Welt hinein, als ob überhaupt nicht los sei. Ich wäre beinahe geneigt zu behaupten, daß sie dazu eine möglichst harmlose Grimasse geschnitten habe. Sobald dann die andere Krähe vorbeigestrichen war, kehrte die erste sofort wieder zu ihrer Mahlzeit zurück. Dieses Spiel wiederholte sich noch öfter, bis von den Semmeln nichts mehr da war. Ich kann sagen, ich habe über den drolligen Vorgang herzlich gelacht.«