Das Tal von Kapfenberg bis Aflenz kennen zu lernen, kann niemandem schaden. Es ist ein steirisches Gebirgstal, wie es »im Buch steht«. Auf dem Boden des Kurortes Steinerhof wandelnd, sieht man noch die schönen Berge des Rennfelds, des Flonings und andere Almen im freien Sonnenschein. Wir wandern den Thörlbach entlang aufwärts bis zum Felsenblock, auf welchem die grünen Almen des Floning aufgebaut sind. Hier engt sich das Tal; an beiden Seiten steile, üppigbewaldete Berghänge, an den Lehnen manch kleines Äckerlein oder eine Matte mit Heuduft. Im tiefen Grunde die weiße breite Straße mit massigem Geländer hin und hin, und mit den drei Telegraphendrähten darüber. Daneben rauscht und tost zwischen wuchtigen Felsblöcken das Wasser, oder es wallt rasch und weiß über die Steine hin, die in den Jahrtausenden von der grünlichen Alpenflut glatt geschliffen worden sind. Wo neben Straße und Fluß noch ein grünes Wieslein Platz hat im Tale, da liegt es zwischen Silberweiden, Schlehdornsträuchern und Eschen. Dort auf dem Hange oder hier in der schattigen Nebenschlucht blinken zwischen Linden, Ahornen oder wilden Kirschbäumen die taubengrauen Dachbretter eines Hauses hervor, ein wehmütig Denkzeichen an die Zeiten, da diese Berge noch traute Heimstatt fleißiger Bauern gewesen sind. Jetzt versinkt alles in die Schatten der aufwuchernden Wildnis, und nur der stattliche Eisenhammer im Talgrunde sucht mit dem Klingen seiner Werkzeuge das Jodeln und Jauchzen zu ersetzen, das ehedem die Gegend belebt hatte. (Die Eisenbahn, die heut' durch das Tal zieht, ist zur Zeit dieser kleinen Geschichte noch nicht gewesen.)
So schlängelt sich das Tal zwischen den waldigen Bergen hin, und oft muß der Weg den rollenden, grollenden Bach auf festen Brücken überspringen. Dann wieder eine räucherige Holzhauerhütte, deren Fugen der Wandzimmerung mit Kalk verklebt sind; davor, schier unter dem Schatten des aufsteigenden finsteren Fichtenwaldes, ein Gärtlein mit kümmerlichen Kohlpflanzen und freundlichen Nelken.
In einer dieser Holzhauerhütten war ich Zeuge eines Strafgerichtes gewesen. Nachbarsjungen waren in den Ziegenstall gedrungen und hatten ein Zicklein entführt. Einer hatte sogar ein Schußgewehr bei sich, um dem Kohlenbrenner die Hühner abzuschießen. Ich kam hier gerade zurecht, wie die Jungen vom eigenen Vater den Lohn erhielten; aber einer davon sagte während der Prügel zu seinem Vater: »Schlag' zu, schlag' zu! Bist selber ein Wilddieb!«
Ein paarmal leuchtet aus dem Hintergrunde dieses Tales über dem Waldkamme das weiße Gewände des Fölzsteins auf, denn endlich treten wir in das engere Bereich der Hochschwabkette. Das Thörl bei Aflenz mit seiner uralten Felsenruine ist der Eingang. Hier gehen an beiden Seiten von den Hängen Felsenrippen nieder, die das ganze Tal einengen nicht bloß zu einem Tor, sondern sogar zu einem Törl, durch das zwischen dem stattlichen Eisenwerk und anderen Gebäuden, die sich gerade hier festgestellt haben, Straße und Fluß nur mit Mühe durchkommen. Knapp hinter der Enge zweigt sich das Tal; links geht's nach St. Gilgen und ins Herz der Schwaben hinein. Da drinnen steht auch jenes Wirtshaus, wo einmal ein übermütiger junger Mensch gebührend bestraft worden ist, wie der Verlauf dieser Darstellung zeigen wird.
Saß also damals — als ich an einem himmelblauen Sommernachmittag in goldener Jugendseligkeit dem Tale entlang wanderte — im beschriebenen Thörlgraben, unter dem Schatten einer Esche, ein lieblich Dirndl. Auf dem Schoß hatte es in blaues Tuch geschlagen einen flachen viereckigen Gegenstand, auf den es die Hände legte. So saß es da und schaute mir entgegen. Ich wußte nicht, wollte es auf mich warten oder mich vorüberziehen lassen, nahm aber das erstere an. Ein Vollgesichtlein hatte es und zwei kugelrunde Augen drin und ein feines Näschen, das sich so ein wenig aufstülpte, als wollte es sagen: »Bitte, wenn du bei den Lippen was zu tun hast, ich steh dir nicht im Weg'!« Und das Lippenpaar! Zwei rote, sanft aneinander liegende Kißlein, so harmlos preisgegeben den Blicken des herannahenden Knaben. Ein blaues Tuch hatte die junge Maid um das Haupt gebunden und darunter schlängelten sich an den Stirnseiten so ein paar Goldlockenringlein herab, daß es schon des Teufels war.
Ich setzte mich zum Mädel hin, der Stein war breit genug für zwei, nahm sie bei der Hand und sagte: »Das ist schön von dir, Mariandl, daß du auf mich wartest.«
Wer wochenlang Zeit hat, der mag die Bekanntschaft mit einem herzigen Mädel unter »Sie« anheben; auf der Wanderschaft ist mir diese Umsiederei immer zu langweilig gewesen.
»Warten tu' ich ja nicht,« lachte sie, »ich will nur ein bissel rasten, weil ich in Kapfenberg gewesen bin, und Mariandl heiß' ich auch nicht.«
»So?!« rief ich, »hab' doch gehört daß in der Aflenzer Gegend alle sauberen Dirndeln Mariandl heißen. Was tragst du denn da?«
»Da drinnen, da?« fragte sie und hob den tafelartigen Gegenstand ein wenig empor. »Das sag' ich nicht.«
»Sicherlich eine schöne Heiligkeit.«
»Nein, kein Heiligenbild ist es nicht,« schmunzelte das Dirndlein.
»Oder der Liebste!«
»Keinen Liebsten hab' ich nicht.«
»Oder hast dich gar selber malen lassen!«
»Jawohl, gewiß!« lachte sie auf; »malen lassen werde ich mich! Wer mich sehen will, der soll zu mir selber kommen.«
»Das habe ich getan. Malen kann man dich doch nicht. Der Maler täte früher mit der ganzen Staffelei niederbrennen vor lauter Lieb'.«
»Da müßt' man halt löschen,« meinte sie.
»Und ich möcht' so gern sehen, was du da drinnen für ein schönes Bild hast.«
»Ja, das glaub' ich!«
»Dirndel, zeig' es mir!«
»Das zeig' ich nicht her,« sagte sie schalkhaft und legte die Hände fester über die verhüllte Tafel. Als ich sie des Rahmens wegen ein wenig befühlen wollte, schob sie meine Finger weg, sagte, sie könne ihre Lebenszeit hier nicht versitzen, und machte sich auf den Weg. Ich ging mit ihr und wir plauderten gemütlich dahin.
»Wie alt bist denn schon?« war meine Frage.
»Kann Er gut raten?«
Ich streckte meine zehn Finger aus: »Doppelt so viel!«
»Höher, Peter!«
»Höchstens noch einen dazu!«
»Stimmt.«
Bei manchem Stadtfräulein dürfte man beim Erraten der Lebensjahre der Wahrheit nicht so nahe kommen.
Nun begegnete uns eine Kreuzschar, die aus Mariazell kam. Hinterdrein kristelte einer nach, der vielleicht bei der Rast in Aflenz sein Leben etwas zu sehr durchgeistigt hatte; er traf die Straße nicht immer haarscharf und trollerte ein paarmal an die Telegraphenstangen.
»Aber der ist fromm,« sagte meine Begleiterin, »der telegraphiert sogar seinen Rausch nach Mariazell!«
Ich fragte sie nun, unsere Unterhaltung wieder anknüpfend, ob auch sie einmal in Mariazell gewesen sei.
Sie verneinte es.
»Aber,« bemerkte ich nach dem bekannten Bauernspruch, »jedes Dirndel muß ja neunmal nach Mariazell wallfahren gehen, bis es einen Mann kriegt!«
»Ja,« entgegnete sie, »und ein Mann muß neunmal nach Mariazell wallfahren gehen, bis er das Weibsbild wieder losbringt. Unser alter Knecht sagt's. So einen Spott brauch' ich nicht. Ich mag keinen Mann.«
»Da hast ganz recht. Die Burschen sind auch viel feiner. Geh, Dirndel, gib her dein Bild, ich will dir's tragen.«
»Dazu bin ich schon selber stark genug,« war ihre Antwort, und dabei nahm sie die verhüllte Tafel noch fester unter den Arm.
»Woher hast sie denn?« wieder meine Frage.
»Vom Kapfenberger Glaserer.«
»Was ist denn drauf?«
»Das braucht Er nicht zu wissen.«
»Wo gehst denn hin damit?«
»Heim.«
»Ich geh mit dir.«
»Der Weg ist breit genug dazu.«
»Wo wirst denn das Bild aufhängen?«
»Halt über der Stübeltür.«
»Zu deiner Schlafkammer?«
»Kann schon sein.«
In dem Augenblick stand's bei mir fest: Du gehst mit ihr! Sie mag hingehen, wo immer.
Vor dem Wirtshaus in Thörl werde ich sie — so viel mir noch erinnerlich ist, und was auch schicksam war — gefragt haben, ob sie nicht einkehren wolle? Nein, sie könne auch daheim trinken. Wartete aber doch nicht so lang'. Auf dem Wege gegen St. Gilgen, unter einem verknorpelten Ahorn, ist ein Brunnen. Zu dem beugte sie sich nieder, nutzte die hohle Hand zu einem Schöpfer und trank.
»Kalt ist's!« sagte sie und schlenkerte von der Hand das Nasse.
»Jetzt geschwind ein Busserl drauf, daß es warm wird!« war mein Rat.
»Warum denn nicht!« sagte sie und trocknete die Lippen, »ein Busserl in Ehr'n geb' ich Bauern und Herrn.«
»Und laß mir auch das Bild ansehen. Geh, deck's auf!«
»Oha!« rief sie, und es war so weit, daß sie mir die Tafel entwinden mußte. »Da zeig' ich's nicht her, weil Er so gamerig (darnach lüstern) ist! just nicht!«
Etliche Minuten später trat sie in ein Haus, über dessen Türe Fichtenreisig und Hobelspäne winkten. Wein und Bier! Also ein Wirtshaus. Und da ist sie daheim. Um so besser, da kehrt man ein und bleibt über Nacht, wenn's zu spät zum Weiterwandern wird. Also ins Haus.
»Gott sei Dank!« sagte sie und legte in der Stube ab, dann zu mir gewendet: »Was schaffen wir?«
Ich aß und trank. Es waren ein paar lustige Burschen und Dirnen da, sie tranken Apfelmost und Branntwein und tranken einander, und auch mir und meiner »Mariandl« auf gute Gesundheit zu. Stadtleute, die immer oben hinaus wollen, trinken sich ein »Hoch« zu, Landleute »gute Gesundheit«.
Um so viel sind diese klüger. Endlich, als die Burschen und Dirnlein recht viel Gesundheit in sich hatten, gingen sie davon.
Ich blieb zurück und machte mir mit dem Dirndl zu schaffen. Als sie neben mir auf der Bank saß, legte ich meinen Arm sehr gesittig auf ihre Achsel, und es war wieder die Sprache von dem verdeckten Bilde.
Weil es mittlerweile dämmerig geworden war, so meinte sie: »Jetzt warten wir schon damit, bis das Kerzenlicht kommt, daß wir eine gute Beleuchtung haben.«
»Auch gut. Wir können bis Mitternacht trinken, mir macht's nichts, und hier gibt's weder einen Nachtwächter, noch sonst einen Büttel. Wir können eins singen miteinander und lustig werden, mir macht's nichts. Gelt, dir auch nicht?«
Endlich, als sie mit ihrem Vater und dem kleinen Gesinde Milchsuppe und Salat mit Speck gegessen und einiges von Kapfenberg ausgesagt hatte, ging sie an die Tafel, die auf einer Bank an der Wand lehnte, band die Tuchecken auseinander und schlug sie zurück. Daß ich, den Kerzenleuchter in der Hand, nahe hinter dem Dirndel stand, daß ich mit sehnsüchtiger Augenlust auf das Bild blickte, welches so geheimnisvoll getragen und bewacht worden war und welches jetzt enthüllt wurde — ist leicht zu glauben. Die Hülle fiel und ich sah.
— — Wie heißt es in jenem Gedichte? »Auf ewig war seines Lebens Heiterkeit dahin ...«
Die Polizeiordnung. An der Wand lehnte frisch enthüllt die Polizeiordnung in Glas und Rahmen.
»Von der K. K. Statthalterei wird strengstens kundgemacht« usw.
»Und jetzt schlafen gehen!« sagte der Wirt. »Mariandl, führ' den Herrn auf die Bodenkammer!«
Aus der Küche kam ein altes, schiefäugiges Weibsbild gewackelt, das nahm die Kerze und knurrte mich an, mitzukommen. Das war die Mariandl.
Am nächsten Morgen, als ich wohlausgerastet in die Gaststube trat, war die Sonne da und der Kaffee und das freundliche Dirndel von gestern. Und die Polizeiordnung hing über der Tür zum Nebenstübel.
Ich verlangte nach dem Wirt, um zu rechnen. Das Dirndel nahm die Kreide und sagte, ich hätte gestern die Rechnung ohne den Wirt gemacht, ich möge es heute nur auch tun. Sie betrage just zwei Gulden, und froh sollte ich sein, daß sie mir keine größere machen könne.
Zwei Gulden! Darauf war nun mein Handwerksburschenbeutel freilich nicht gefaßt. Aber sie hat recht, dachte ich, 's kunnt schlimmer sein!
Zur Gesundheit! Am nächsten Morgen schrieb ich in mein Tagebuch: »Wenn das Dirndel hübsch ist, so lockt es die Burschen selbst mit einer Polizeiordnung ins Haus.« — Gott, wenn so ein dummer Junge gefoppt wird, das ist zu lustig!