Der mir mit Namensunterschrift zugegangene Bericht lautet unter Veränderung einiger Orts- und Hausnamen wie folgt:
Nachdem die alten Radstuber-Leute gestorben, waren zwei minderjährige Kinder da. Ich, ein entfernter Verwandter und ihr Taufpate, bin zum Gerhab bestellt worden. Ein Gerhab sein, das ist ein gefährliches Ehrenamt, man kann Schand und Spott davon haben und eine große Verantwortung für Zeit und Ewigkeit.
Ein Knabe und ein Mädchen. Sie waren in Bauernhöfen untergebracht, in ihrem Heimatsdorfe Wenkelbach. Der Bub hatte Anlage zum Leichtsinn. Mit zwölf Jahren rauchte er hinter der Leute Rücken schon Tabak, wozu er die Kreuzer sich auf der Gasse erbettelte. An den Sonn- und Feiertagen während des Gottesdienstes trieb er sich mit anderen Jungen in den Büschen umher und spielte Karten. Mit siebzehn, achtzehn Jahren war er schon auf jedem Bauernball zu sehen, wo er bei seiner Anlage zum Jähzorn manchmal Händel suchte. Auf Jahrmärkten kaufte er kleine Angedenken zusammen für Mädchen, bei denen er um Liebe warb. Ich wohnte einige Stunden vom Orte Wenkelbach entfernt und hatte nicht viel tun können; ein paarmal zwischen die Füße habe ich ihn genommen und mit der Peitsche über seine Abachseite her! Es hat aber nichts genützt und nichts geschadet. Sonst war der Junge zutunlich, ehrlich, flink und heiter, man konnte ihm nicht feind sein. Zum Glücke wuchs er aus meiner Botmäßigkeit endlich heraus und in den Kaiserrock hinein, in welchem er es nach kurzer Zeit zum Feldwebel brachte, als solcher er mir schrieb, daß er ganz beim Militär zu verbleiben gedenke. — Das wäre der Christian.
Das Mädel, die Katharina, hatte mir anfangs weniger Sorge gemacht, und da sieht man, wie unerforschlich die Wege Gottes sind.
Die beiden Geschwister hatten sich sehr lieb und alles, was die Katharina sich absparen konnte, schickte sie dem Bruder, sowie auch er keinen Katharinentag vorübergehen ließ, ohne ihr ein Seidenband, ein Messingkreuzl, ein bemaltes Briefchen oder dergleichen zu senden.
Die Katharina war um sechs Jahre jünger als der Christian und wuchs zu einer — ich muß wohl sagen — schönen Jungfrau heran. Weil sie immer brav, sittsam und fleißig war und ihr Dienstgeber stets mit ihr zufrieden, so hat man sich weiter nicht viel um sie gekümmert. Des Jahres ein paarmal, wenn ich nach Wenkelbach kam, sah ich sie, brachte ihr irgendein Kleidungsstück, einen Leckerbissen mit, und sie war mir anhänglich und dankbar, wie einem Vater. Gott sei Dank! dachte ich dann, diese Kinder machen dem Gerhab nicht vielen Kummer. Es ist ja von Haus aus ein guter Kern in ihnen. Die Radstuberleute waren zwar arm und kümmerlich, aber kreuzbrav. Ein einziges Mal war mir der Gedanke gekommen, ob ich die Katharina nicht in mein Haus und unter meine Aufsicht nehmen sollte. Aber bei der Erwägung, daß sie ja beim Sandiger zu Wenkelbach sehr gut aufgehoben sei, in meinem Hause aber zwei übermütige Burschen heranwüchsen, bin ich von dem Gedanken bald wieder abgekommen.
Nun kommt eines Tages ein Bote in mein Haus und bringt die Nachricht, zum Leichbeten wäre es, die Radstuber Katharina wäre gestorben. — Anfangs meinte ich, das sollte vielleicht ein Spaß sein und dürfte wohl eher das Gegenteil bedeuten, das Mädel gäbe gar keine schlechte Hausfrau. Nein, es wäre aber, es wäre gewiß! Aus dem Mühlteich sei sie gezogen worden, es heiße, sie habe etwas abzuwaschen gehabt. — Jetzt war es mir, ich müßte den Boten niederschlagen. Aber es war der alte redliche Haus-Michel, der sich selbst nichts weniger als erbaut zeigte von seiner Nachricht. Eine Labnis ward ihm vorgesetzt, ich selbst ging hinaus hinter das Gehöfte, schlug mir die Hände an das Haupt und rief: »Was ist da vorgegangen?«
Es ist hernach wohl erzählt worden. Die höllische Lieb', natürlich! Der Brandschacher Lois, ein hübscher Bursche mit stattlichem Bauernhof, hat ihr den Kopf verdreht. Da ist er gekommen in schweigenden Nächten, sie: nein, und er: ja! wie es schon geht und er müsse doch heiraten. So ein unerfahrenes Ding, noch nicht zwanzig Jahre alt, glaubt ja alles, was es sich wünscht, besonders wenn es der sagt, von dem sie es am liebsten hört. Aber der Brandschacher Lois hat ja gar nicht gelogen, sie hat ihn nur unrecht verstanden. Heiraten muß er, das ist richtig, und so heiratet er auch. Wie der Pfarrer das Brautpaar von der Kanzel herab verkündet: Der Bräutigam Alois Miederegger, insgemein Brandschacher, und die Braut: Emilie Sewinger, Tochter des Groß-Sewinger usw. — da vergeht wohl der armen Katharina auf ein Weilchen Hören und Sehen. Sie tut aber weiter nichts desgleichen, sie verrichtet die nächstfolgenden Tage wie gewöhnlich ihre Arbeiten, nur daß sie nicht ganz so heiter ist und schweigsamer als sonst. Einer Kameradin hat sie alles vertraut, diese hatte ihr lachend gesagt: Du bist nicht die erste und nicht die letzte, der es so ergeht! und das war der ganze Trostspruch gewesen. Die Katharina wartete noch das dritte Verkünden ab, denn sie war der Zuversicht, er würde sich im letzten Augenblicke noch besinnen. Aber auch das drittemal hieß die Braut Emilie Sewinger. Also ging das Mädchen eines Abends, nachdem sie mit gewohnter Genauigkeit ihre Arbeit verrichtet hatte, hinaus zum Mühlteich ...
In ihrer Gewandtruhe hatte man einen Zettel gefunden, von ihrer Hand geschrieben: »Ich verzeihe ihm und bitte Gott und die Menschen, daß sie auch mir verzeihen, ich bin mir nimmer stark genug. Mein' Lieb', mein' Ehr', alles ist mir zertreten. O schöne Welt! O falsche Welt!«
Soviel hatte der Bote zu erzählen gewußt.
Am nächsten Frühmorgen war ich in Wenkelbach. Als ich die Dorfgasse hinanging, wunderten mich die festlich geschmückten Leute, die überall herumstanden, als ob Ostersonntag wäre. Am Kirchentor war ein Reisigbogen aufgerichtet mit Fähnchen und bunten Bändern. In einem Hause hörte ich fiedeln, wie man's macht, wenn man sich auf eine große Musik vorbereitet. So kam ich an den Hof, wo die Katharina im Dienst gestanden. Dort war es sehr still, nur ein Pintscher keifte, als ich durch das Hoftor trat, und einige alte Weiblein standen umher und hatten Rosenkränze in den braunen knochigen Händen. Eines davon erkannte mich und wies hinaus durch einen engen Gang zwischen Stadl und Holzstoß in die hintere Kammer, deren Törchen auf die freie Wiese ging. Dort war ihre Schlafstätte gewesen, und dort lag sie auch jetzt. Der Sarg stand mitten auf dem Fußboden, er war schon geschlossen. Er war aus glattgehobeltem Fichtenholz, an der Decke mit einem schwarzen Kreuze bemalt. Allmählich versammelten sich mehrere Leute vor dieser Kammer. Alte Frauen waren es zumeist und junge Mädchen, Freundinnen von ihr, die still in ihre Tüchlein weinten. Zwei Männer banden den Sarg auf eine Trage, und hierauf standen sie still da und schauten einander an. Einem Knechte wurde bei diesem Stehen die Zeit lang, und er hub an, mit dem Pintscher zu spielen, dem er das hölzerne Grabkreuz, welches er in der Hand hatte, hinhielt und damit wieder zurückzuckte, so oft das Tier hineinschnappen wollte.
»Nun, was soll denn werden?« fragte ich endlich den Sandinger, der wie planlos hin und her ging, »ist es nicht schon Zeit?«
»Vetter, ich weiß nicht, was das ist,« entgegnete mir dieser, »daß der Geistliche nicht kommt! Er hält ja sonst die Stund'! Der Christian ist auch da, ist gestern abends gekommen. Hab' ihn schon zum Pfarrer geschickt, daß wir warten.«
»Er wird halt lieber Brautleut' zusammengeben, als Leut' eingraben,« sagte der Knecht, da schnappte der Hund ins Kreuz.
»Jetzt hör' mir mit diesem verfluchten Getu' auf,« fuhr ihn der Bauer an.
Hernach standen wir wieder da und warteten. Eines der Weiblein hub endlich ein lautes Gebet an, aber wir waren fast zu ungeduldig für so etwas, dessen Ende nicht abzusehen war. Nun kam der Feldwebel Christian rasch dahergeeilt; kaum begrüßte er mich, so rief er fast atemlos: »Der Pfarrer kommt nicht.«
»Er kommt nicht? Ist er krank?« so fragten wir alle.
»Ich geh' hin,« erzählte der Soldat, »klopf höflich an. Bitte gehorsamst, sag' ich, Herr Hochwürden, wir tun schon warten. Sind schon alle beisammen, sag' ich. — Schön, sagt er, tragt sie nur hinaus, der Totengräber wird's schon machen. — Wegen der Einsegnung, Hochwürden! sag' ich. Einsegnung? sagt er und macht ein Gesicht, just als hätte er von solchen Sachen noch nie etwas gehört; seit wann werden denn Selbstmörder eingesegnet? sagt er. — So ein Wort, das stoßt einen nieder. Hochwürden, sag' ich, melde gehorsamst, meine arme Schwester, die immer so heiter und fromm gewesen! Da kann man sich's denken, was für Herzensnot sie hat ausgestanden, bis zu diesem letzten Schritt. — Herzensnot! Flausen! sagt darauf der Herr Pfarrer, die höllische Lieb', natürlich! nicht so liederlich leben, dann bleiben solche Sachen aus. — Mir ist jetzt schon der Zorn gekommen,« erzählt der Feldwebel weiter, »aber ich halt' noch die Hände zusammen und bitte ihn: Nur nicht auch noch diese Schande zu der anderen! — Natürlich, sagt jetzt der Pfarrer, um die Schand' ist Euch, und nicht um den kirchlichen Segen. Soll der Sünderin unbußfertiger Tod noch geehrt werden? Meinetwegen, wer's tun mag! ich gebe mich dazu nicht her. Ich will ein Vaterunser für sie beten, doch sie einsegnen — nein. Und das ist mein letztes Wort.« — Jetzt schnauft der Christian sich aus und fährt mit dem Tuch über sein erhitztes Gesicht.
Einige Weiber huben auf diesen Bericht alsbald an zu weinen, der Sandinger war in seinem knochigen Gesicht ganz blaß geworden und ballte eine Faust. Ich befahl den Männern, daß sie den Sarg heben sollten, nachher ging es langsam unter lautem Gebete vorwärts. Die Kirchenglocken schwiegen, als ob Karfreitag gewesen wäre. Aus den Gruppen der Dorfleute, an denen wir vorüber mußten, vernahm ich manches höhnische Wort, suchte es aber mit einem Gebete laut zu überschreien, weil ich befürchtete, daß der Feldwebel, welcher neben mir herging und sehr aufgeregt war, sich mit den herzlosen Spöttern in einen unangenehmen Handel einlassen könnte.
Am unteren Ende des Dorfes zogen wir hinaus. Der Friedhof liegt jenseits des engen Tales, hinter welchem die hohen Berge ansteigen. Er liegt am Fuße eines felsigen Hügels, auf welchem die Ruine einer Kirche steht, die im Revolutionsjahr niedergebrannt worden ist. Der dachlose Turm mit der zu einer Seite abgebröckelten Mauer steht da wie ein hohler Riesenzahn, das Kirchendach ist stellenweise eingebrochen. Wo der Hochaltar gewesen, dort hatte man außerhalb eine hölzerne Kapelle hingebaut, die dem rechten Schächer Dismas geweiht ist. Über dem Eingange derselben stehen die Worte: »Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein.« Doch hat dieser Heilige in der Gegend keine große Anhängerschaft. Nur einmal des Jahres, am ersten Freitage nach Ostern, wird in der Kapelle die Messe, welche der alte, daneben im halbverfallenen Pfarrhause wohnende Benefiziatenpriester liest, von einer größeren Anzahl Andächtiger besucht, weil an diesem Tage auf der angrenzenden Wiese eine Art von Jahrmarkt sich zu entwickeln pflegt. Sensen, Sicheln, Wetzsteine, Futterrechen, Strohhüte, Gartensämereien und dergleichen, was der Frühling und Sommer heischt, gibt es auf diesem Markte. Den Schächer Dismas und seine Messe nimmt man nur so nebenbei mit. Ein alter Schuhflicker, welcher in der Kapelle den Meßnerdienst versieht, wollte dem verkommenden kleinen Orte dadurch aufhelfen, daß er es bei jeder Gelegenheit dartat, wie es im Himmel und auf Erden keinen wirksameren Patron gegen verhexte Wetter gebe, als den heiligen Dismas. Es half aber nicht viel, denn jenseits des Baches im Dorf steht das Schulhaus, und darin ist zu hören, so oft man will, daß es gehexte Wetter gar nicht gebe. Also ist der Dismasstein, wie die felsige Stätte heißt, dem langsamen und sicheren Untergange geweiht. Nur die Toten kommen hinaus zu ihm. Nun trugen wir ihm auch den unsern zu.
Als wir zur Brücke hinabkamen, krachten schon die Pöller, worauf einer der Träger zum anderen murmelte: »So fürnehm wird nicht bald eins begraben, wie jung Katharina.«
Jenseits zwischen Auen und Feldern hinan war ein tiefer enger Hohlweg; und als wir diesen entlang zogen, begegnete uns an der Biegung der Hochzeitszug. Die lustigen Burschen und Mädeln, die Musikanten, der Wagen mit dem Brautpaare von oben herab, wir mit dem Sarge von unten hinauf.
Als wir uns fast plötzlich so gegenüberstanden, sagte der Sandinger zum Brautführer: »Da sind wir!«
Die Hochzeitsleute waren weit erschrockener als wir. Unser Knecht mit dem losen Maul schnob sehr vernehmlich mit der Nase und rief dann: »So geht's, wenn bei einem Begräbnis nicht geläutet wird; können sich die lustigen Leut' nicht vorsehen. Na, Musikanten, aufgespielt!«
Den Hochzeitsleuten war der Witz geradezu vergangen. »Wenn das eine gute Vorbedeutung sein soll!« rief einer laut hin.
»Wer weicht aus?!« fragten unsere Träger.
Aus dem ersten Wagen hatten mehrere Burschen schon die Braut gehoben und an den Weghang gelehnt. Ei ja, die reiche Sewingerin! War aber so kugelrund, daß sie der Brautführer an der Lehne festhalten mußte.
»Das ist er!« knirschte der Feldwebel und legte die Hand an sein Stilett, »dieser Brandschacher Loisl!« und deutete auf den feinen Bräutigam, der rasch aus dem zweiten Wagen sprang und eifrige Anstalten traf, daß die Pferde ausgespannt würden und alle Wägen an die Berglehne gehoben.
»Den will ich fragen, mit welcher er jetzt zu gehen hat!« murmelte mein Feldwebel mit unheimlich wildem Auge.
»Valentin!« schnaufte ich und hielt seinen Arm fest. Er heißt aber Christian. Der Valentin kam mir nur plötzlich aus dem »Faust« durch den Kopf geschossen.
Die Träger standen ein wenig zur Seite, so gut das gehen mochte. Die Hochzeitsleute, auch die Musikanten und die Kranzeljungfrauen darunter, drängten sich vorbei, und unter ihnen duckte sich auch der Bräutigam hastig am Sarge vorüber.
»Stad, stad, Brandschacher, sie tut dir nichts!« also sprach noch der Sandinger; bald hernach waren wir glücklich auseinander. Der Hochzeitszug bewegte sich unter Musikklang und Pöllerknall ins Dorf hinein, wir schritten mit lautem Gebete vollends zum Kirchhof hinauf.
Ich war selbst froh, daß wir so gut auseinander gekommen, und ich dachte: Christian! trotz deiner Anlage zum Zorn! Das Stilett an der Hand, warst du Mannes genug, die Rache dem zu überlassen, dessen sie ist.
Mir war aber nun bange vor dem Augenblick, da wir den Sarg ohne priesterlichen Segen in die Grube senken sollten.
Das Grab war etwas gar zu nahe an der abseitigen Kirchhofmauer. Als wir nach seiner Richtung hin zwischen den wildbewucherten Hügeln und Kreuzen hindurch eingebogen hatten, wehte durch die Luft der Schall eines Glöckleins. In der Kapelle zum heiligen Dismas wurde geläutet. Mehreren der Leidtragenden wurden die Augen feucht darüber, daß der welteinsame mißachtete Heilige der armen Katharina einen Gruß sandte in das Grab. Und da fiel es einem Weibl plötzlich ein, und schrill sagte es zwischen den Worten des Gebetes heraus: »Christ erbarme dich der armen Seelen im Fegefeuer, Leut', vielleicht ist der alte Herr daheim!«
Der alte Herr! Das war der mühselige Benefiziatenpriester, welcher sich den Dismasstein gewählt hatte, um hier still und arm seine Tage zu beschließen. Man sah ihn selten, außer wenn er in der Kapelle die Messe las; seine alte Haushälterin, die manchmal ein bißchen umging, um milde Gaben zu sammeln, erzählte, auch wenn niemand danach gefragt hatte, daß der alte Herr in seinem Lehnstuhle sitze, das Brevier bete und Tabak schnupfe.
»Ja!« sagten wir alle, »wahrlich! vielleicht ist der alte Herr so gut, daß er ihr den letzten Segen gibt ins Grab.« Nicht lange überlegten wir. Der Sarg wurde abgeladen auf grünem Rasen, die Leute stellten sich rings um denselben und beteten und hielten ihre Hände vor die Augen, weil die heiße Sonne niederschien vom Himmel. Der Sandinger und ich stiegen den Steinhügel hinan gegen die ruinenhaften Gebäude. Aus der Kapelle eilte uns der Meßner entgegen und hielt uns den Hut offen, weil er der Meinung sein mochte, wir kämen, um ihn fürs Läuten zu entlohnen. Das geschah auch und dann fragten wir dem alten Herrn nach.
Die Steintreppe, welche wir hinaufgewiesen wurden, war mit Moos und Gras so sehr bewachsen, daß wir gleich merkten, ein großer Ein- und Ausgang fände hier nicht statt. Endlich standen wir in einem gewölbten Zimmer mit tiefen, vergitterten Fensternischen. Ein Tisch, ein Büchergestelle, ein Vogelkäfig mit schreiendem Star, ein Betpult vor dem Bildnisse des Gekreuzigten, und am Fenster ein Ledersessel, in welchem der alte Herr saß. Ich sah von ihm hinter der Lehne anfangs nichts, als ein weißes Haupt. Das richtete sich nun ein wenig auf, um zu erforschen, wer denn so fremd und ungeschlacht in die Stube trete.
»Hochwürden!« redete ich ihn nun an. »Wir bitten tausendmal um Verzeihung, daß wir Sie so in Ihrer Häuslichkeit stören. Wir kommen mit einem Anliegen, mit einer großen Bitte.«
»Nun, nun,« murmelte der Greis mit ganz heiserer Stimme und richtete sich mühsam empor. Sein offenes, glattrasiertes Gesicht hatte freundliche Züge, aber mit seinen grauen Augen schaute er starr vor sich hin. Er tastete nach dem Stock, der am Sessel lehnte.
Ich trug ihm hierauf unser Leid vor, erzählte die traurige Geschichte von der Katharina Radstuberin, wie der Herr Pfarrer von Wenkelbach uns die kirchliche Einsegnung verweigert habe und wir nun auf das inständigste bäten, der hochwürdige Herr wolle an ihrem Grab ein kurzes Gebet sprechen, bevor die Grube zugescharrt würde.
»Pscht!« machte der alte Herr und schlug mit der flachen Hand auf die Kutte, da war der Vogel im Käfig still, und er konnte sprechen.
»Der Herr Pfarrer will sie also nicht einsegnen,« sagte er in sehr mildem Tone. »Es wird ihm gewiß recht schwer ums Herz sein, daß er es nicht tun kann, aber er hält sich halt strenge an die Vorschriften.«
»Mein Gott!« rief der Sandinger, »so soll das unglückliche Wesen wirklich wie ein Hund verscharrt werden!«
»O Narrle, wer sagt denn das?« sprach der alte Herr gegen die Wand hin, ohne sein Haupt auch nur einmal nach uns zu wenden. »Ich tue es ja recht gern. Die Traurigen muß man wohl trösten. Die Welt ist so voller Leid und Schuld, ich weiß es. Nicht noch tiefer in das Elend drücken, neu aufrichten muß uns der heilige Glaube. Ich will schon hinabgehen. Nur daß meine Regerl jetzt nicht da ist, so daß ich euch bitten muß, ihr möchtet mir ein wenig die Hand reichen. Der liebe Gott hat mich recht mit Alter und Mühsal gesegnet.«
Da merkten wir's, er war fast lahm und blind. Der Sandinger zu seiner Rechten, ich zu seiner Linken, so führten oder trugen wir ihn vielmehr die Treppe, den Hügel hinab gegen den Kirchhof. Als die am Grabe uns so kommen sahen, erhob sich unter ihnen eine Bewegung, sie eilten dem alten Herrn entgegen, um ihm ehrerbietig und dankbar die Hände zu küssen. Er ließ es ruhig geschehen. Mittlerweile war auch der Meßner mit Chorhemd, Stola und Weihwassersprengel gekommen. Gestützt auf meinen Arm, hat der ehrwürdige Greis das Grab gesegnet, den Sarg, als er in der Tiefe stand, mit geweihtem Wasser besprengt und für die Seele der Abgeschiedenen ein Gebet verrichtet. Dasselbe schloß mit den Worten, die unser Herr am Kreuze zum bußfertigen Missetäter gesprochen: »Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein, Amen.«
Wir alle waren bewegt. Und zum Priestergreise, der aus dem unerschöpflichen Borne des Christentums so reichen Trost den Trauernden spendete, blickten wir auf wie zu einem Heiligen.
In demselben Augenblicke, als der Totengräber unter raschen Spatenstößen das Grab mit Erde füllte, dröhnten vom Dorfe her rasch hintereinander drei Pöllerschüsse. Das Zeichen der vollzogenen Trauung.