Die Hubsteinerin saß in ihrer frostigen Kammer auf dem Schemel und wiegte an der Brust ein kleines Kind.
»O Närrlein!« sagte sie zum vergeblich sich mühenden Säugling, »es ist halt noch nichts drinnen. Bei uns geht's zu, wie bei den hohen Herrschaften: um vier Uhr erst Mittag essen. Bis nur die Sofferl heimkommt, die wird schon wieder was bringen. Hab' nur ich erst meine gute Suppe, dann wird's auch dir nicht fehlen. Eio, popeio!«
Der kleine Wurm schien sich denn auch zufrieden zu geben; er war dergleichen Verspätungen schon gewohnt und mochte sich als gescheites Wickelkind denken: Ich hab' auf den Hunger gewartet, ich will auch auf das Essen warten. Warten, das ist ja die Arbeit der kleinen Kinder.
Jetzt kam die Sofferl heim, das rundwangige muntere Schuldirndl. Vom Pfarr- und Schuldorfe Pichlern kam sie. Das Dirndl hatte ein blaues Handbündl, das sich kalt und schwer und schwammig anfühlte. Ein Stück frischen Fleisches war drin.
»Auch einen Brief habe ich mit!« rief das vom Laufen noch frisch gerötete Mädchen fröhlich.
»Einen Brief?« fragte die Mutter, »wer soll denn mir schreiben?« Sie hatte in der weiten Welt keine Bekannten und keine Verwandten. »Hast ihn von der Schul'?«
»Der Herr Stadinger hat mir ihn mitgegeben, und er laßt dich grüßen, und du sollst ihn nur lesen.« So das Dirndel.
Wichtiger als das Briefchen war aber jetzt das Zubereiten des Stückchens Rindfleisch, welches der Arzt dem kränklichen Weibe verordnet hatte, das vor sechs Monaten Witwe und vor drei Monaten zum dritten Male Mutter geworden war. Das Weib eines Wegmachers; den Mann hatte man eines Tages tot am Steinbruche gefunden. Ein herabstürzender Felsblock hatte nicht erst gewartet, bis der Mensch ihn zu Schotter geschlagen, da wollte er lieber einmal der angreifende Teil sein. Als wenige Monate später das Knäblein erschien, kam auch die erste Rate der Jahrespension, die im ganzen hundertvier Gulden betrug nach Abzug der Steuer. Reicht das jährlich für ein krankes Weib und drei Kinder? Der zweijährige Junge gab für seine Person darauf Antwort, er erkrankte an Auszehrung und starb. Für die übrigen wird's doch langen? Ja, meine liebe Hubsteinerin, man erlebt viel in kurzer Zeit, und wir sind noch nicht fertig.
Während die Fleischbrühe kochte, las das Weib den Brief. Der Wirt und Fleischhauer Stadinger schrieb mit eigener und fester Hand folgendes:
»Liebe Hubsteinerin!
Bitt schön um Entschuldigung, dasmal wird's wohl das letzte Mal sein mit dem Fleisch ohne Geld. Jetzt macht's glatt sechzig Gulden, auch das Brot und alles zusammen. Habe lang genug gewartet und muß Dich jetzt wohl bitten um Zahlung, indem ich es sonst dem Notar übergebe. Ich nimm auch die Kuh, wann's Dir lieber ist und das Geld nit hast.
Pichlern, 13. Juni 1876.
Mit Achtung
Johann Stadinger,
Fleischhackermeister und Grundbesitzer.«
Der Brief war gelesen, das Fleisch im Topfe hub an zu brodeln. Das Weib seufzte nur, sagte aber nichts.
Bald darauf bekam das Schuldirndl, die Sofferl, ihr Mittagsmahl. Suppe und Brotschnitten; auch vom Fleisch durfte sie heute essen, der Mutter war der Hunger vergangen. Wenn's so stand, wollte es aber auch dem Dirndl nicht recht schmecken. Einstweilen schaukelte es die Wiege mit dem Brüderlein.
Da war jemand draußen. Im Vorgelaß des Häuschens schwerfällige Schritte und im Dunkeln ein Tasten nach der Türklinke. Die Hubsteinerin öffnete von innen, da stand der Herr Stadinger vor ihr. Ein großer breitschulteriger Mann mit rotem Gesicht, kleiner Stumpfnase, Doppelkinn und grauem, kurzgeschnittenem Haar. Der schmalkrempige Hut saß im Nacken. Um den Leib eine weiße Schürze geschlungen, in der fleischigen Hand einen Knorpelstock, hinter sich einen großen zottigen Hund. Mit den klugen Äuglein zwinkerte er, sein Gesicht ging gutmütig in die Breite, der Mann sah ja gar nicht so schlimm aus, als er sich in seinem Briefe gestellt hatte. Er reichte dem Weibe auch gleich die Hand und sagte:
»Schaust noch nicht gut aus, Wegmacherin! Mußt dir besser zuklauben.«
Sie antwortete nicht. Er tat, als wäre er ganz zufällig da, und weil er gerade im Vorübergehen sei, so wolle er ein wenig rasten und sich vom Herde Tabakfeuer nehmen.
Allsogleich nahm die Sofferl mit der Feuerzange eine glühende Kohle, und der Herr Stadinger, welcher schon auf einem umgestülpten Bottich saß, mußte sich beeilen, daß er mit dem Rauchzeug zurecht kam, bevor die Kohle verglost war.
»Ein kreuzbraves Dirndl bist,« lobte er das Schulmädchen.
»Wenn sie nur nicht so arge Briefe heimbringen tät!« meinte die Hubsteinerin einlenkend. »Um Gottes willen, Fleischhacker, du willst dein Geld. Glaub' dir's ja gern, aber wo soll ich jetzt so viel Geld hernehmen? Ich sitz' mitten im Nichtshaben.«
Sehr gutmütig antwortete der Stadinger: »Ich sehe es wohl ein, daß es hart ist für dich. Aber schau, wenn du heute nicht zahlen kannst, wo das Elend erst anhebt, später, wenn es größer ist, wirst noch weniger können.«
»Das ist ein schöner Trost,« sagte sie. »Da wäre es freilich besser, heute verhungern, statt morgen, wenn es doch schon einmal verhungert sein muß.«
»Ich will dich nicht drücken,« sagte der Stadinger. »Es muß nicht Bargeld sein; wie ich dir geschrieben habe, ich nehm' auch die Kuh.«
»Unser Herrgott den Mann und der Fleischhacker die Kuh! Kinder, alsdann sind wir fertig.« Diese Worte richtete das Weib gegen die Wiege hin, dann fuhr sie sich mit dem Schürzenzipf rasch über das Gesicht.
Der Stadinger schwieg. Am Ende war er gerührt! Ein Jammer war es mit diesen Leuten, das sah er freilich. Das kranke Weib und die Kinder, die nichts verdienen können und doch essen möchten!
»Sofferl heißt sie, gelt?« fragte er die Witwe, auf das Dirndl weisend.
»Mein Gott, nur ein paar Jahr noch, und ich hätte an ihr eine Stütze,« sagte das Weib.
»Willst sie bei dir behalten? Hubsteinerin, das täte ich nicht. Daheim bei dir lernt sie nichts, als Notleiden und Kinderlocken. Wäre schad' ums Dirndl. Mußt ihr's besser meinen. Geht's schon dir selber schlecht, so mach's wenigstens deinen Kindern besser. Wie alt ist sie denn?«
»Die Sofferl?« fragte das Weib entgegen, dachte eine Weile nach und sagte dann: »Im zehnten wird sie sein.«
»Ist Zeit, daß sie in ein Haus kommt. Hubsteinerin! Ich rat' dir gut, mir derbarmt das Schluckerl. Mach's deinen Kindern besser, als du's selber hast!«
»Lieber Gott im Himmel!« seufzte das Weib und faltete die Hände über ihre Brust. »Es den Kindern besser machen! Welche Mutter möchte das nicht!«
»Weißt du was, Hubsteinerin,« sagte er und spielte mit dem Knotenstock, als wollte er damit auf dem Fletz etwas hinzeichnen. »Gib mir das Dirndl.«
Sie machte sich abgewandt am Herde zu schaffen.
»Gib mir's!« wiederholte der Fleischhacker. »Bei mir hat sie's gut, ißt sich satt und lernt einen Verdienst. Mir fehlt eh so ein Dirndl. Man braucht's. Kann einmal Kellnerin werden, wenn sie brav ist. Ich nehm's. Gib sie mir!«
»Wäre gut gemeint,« entgegnete das Weib. »Aber was fang' ich an, wenn ich das Dirndl nicht hab'. Ich brauch's ja schon auch fürs Kleine.«
»Das Kleine ist bei dir selber am besten aufgehoben,« wendete er ein. »So lang bis du wieder gesund bist und dir wieder erwerben kannst, sollst von mir das Fleisch haben und die Schuld ist gestrichen von dem Tag an, wo du mir das Dirndl gibst.«
Die Sofferl horchte jetzt ein wenig auf. Die Mutter wendete sich um und sagte: »Du wärest erst gut, Fleischhacker, das kunnt dem armen Wesen ja zum Glück sein.«
»Wenn sie anstellig ist, so weiß man nicht, zu was sie es noch bringen kann. Eine Kellnerin, sagt man, hat allerhand Schlüssel an der Schürze.«
»Du machst mir grad das Herz leicht!« rief das Weib.
»Daß du weißt, ich bin kein Stein. Und bist dem Fortkommen deines Kindes nicht im Weg, so machen wir's richtig. Das Dirndl laß ich holen, und du hast um eine Sorg' weniger. Ich nehm's ganz, brauchst dich gar nicht mehr drum zu bekümmern. Ganz nehm' ich's.«
Jetzt kam das Weib an ihn heran, tastete unsicher nach seiner Hand und sagte mit zitternder Stimme nichts als: »Vergelt dir's Gott, Fleischhacker!«
»Hast Feder und Papier?« fragte er. »Ich verpflichte mich schriftlich.«
»Das hat's nicht not, um Gottes willen!« rief sie. »Daß du's ehrlich meinst, weiß ich wohl eh.«
»Ich verpflichte mich schriftlich,« wiederholte er. »Im Guten wie im Schlimmen, eine Schrift ist allemal gut. Ich kunnt' heut' oder morgen sterben, daß es meine Nachfolger wissen, was ihre Pflicht und Schuldigkeit ist. Richtig ist richtig.«
Nun war in dem armen Häuschen Schreibzeug aber schwer aufzutreiben. Die Hubsteinerin brachte ihren Ehevertrag herbei, der hatte ein leeres Blatt. Wenn der Mann tot ist, hat auch der Vertrag keine Wichtigkeit mehr; dieser hatte eigentlich nie eine gehabt; auf »randlose Gütergemeinschaft« lautete er, hatte der Mann nichts besessen und das Weib nichts. Auf jeden Fall ist das leere Blatt daran überflüssig; der Stadinger riß es herab. Der Tintentiegel wurde auch aufgefunden, in demselben war nichts, als eine schwarze Kruste, der Stadinger goß einige Tropfen Wasser drauf. Eine Feder brachte das Dirndl vom Freien herein. Es war eine Rabenfeder; »aber sie tut's schon,« sagte der Fleischhacker, »zur Not tut sie's schon.« Er schnitt sie, spaltete sie geschickter, als solches seiner plumpen Hand zuzutrauen war, setzte sich an den Schubladkasten, ein Tisch war nicht vorhanden, und begann zu schreiben.
Das Weib säugte ihr Kind; die Sofferl schaute dem Schreiber zu und stellte insgeheim Vergleiche an zwischen diesem und ihrem Schulmeister.
Nach einer Weile war's fertig:
»Kontrakt!
Die Maria Hubsteinerin gibt dem Anton Stadinger, Fleischhackermeister und Grundbesitzer zu Pichlern, ihre Tochter Sophie, und Anton Stadinger nimmt zeitlebens alle Pflichten und Rechte auf sich, indem er auch der Hubsteinerin die Schuld von sechzig Gulden nachläßt und sie weiter noch unterstützen wird. Mit freiem Willen unterschrieben von
Anton Stadinger.
Fleischhackermeister und Grundbesitzer.«
»Und dahier,« sagte der Stadinger, nachdem er die Zeilen gelesen, »dahier schreibst du auch deinen Namen: Maria Hubsteinerin.«
Ohne ein Wort zu sagen, ergriff das Weib mit leise zitternder Hand die Feder — ach, wie sie spröde war! — und schrieb mit deutlichen Buchstaben langsam ihren Namen hin.
»Alsdann wär's fertig,« sagte der Fleischhacker, legte das Papier in seine bauchige Brieftasche und schob diese in den Sack. »Morgen oder übermorgen kannst sie bereit halten. Das Fleisch laß ich dir später durch einen Kohlenfuhrmann schicken, der ohnehin vorbeifährt. Und jetzt, behüt' Gott! Halt' dich gut, Sofferl, derweil!« Dann pfiff er seinem Hund und ging schwerfällig davon.
Als sie wieder allein waren, versuchte es das Weib mit dem Essen. Das ging aber noch immer nicht. —
Nun strichen mehrere Tage dahin wie gewöhnlich. Es war keine Rede von der Übersiedlung des Dirndls, es kam das halbe Kilo Fleisch wie gewöhnlich, und die Hubsteinerin glaubte schon; es sei alles wieder in Vergessenheit geraten und beim Alten geblieben. Da sprach eines Nachmittags der Kohlenführer zu, der Herr Stadinger zu Pichlern hätte gesagt, er solle das Wegmacher-Dirndl mitbringen.
»Heute ist die Wäsche nicht fertig, es soll morgen oder wann wer anfragen.« So beschied das Weib.
Zwei Tage darauf stand draußen auf der Straße der zottige Hund, bald hernach kehrte der Fleischerknecht des Herrn Stadinger im Häusel ein. Der sei, wie er berichtete, nach Unterdorf um ein Kalb geschickt worden und habe den Auftrag, falls er das Kalb nicht erstünde, die Wegmacher-Sofferl mit nach Pichlern zu bringen.
Als ob der Fleischerknecht ihr das Messer ins Herz gestoßen hätte, so war jetzt dem armen Weibe. Hören und Sehen verging ihr.
Nach einer Weile mußte ihr der Mann den Auftrag nochmals ausrichten. Der Stegbauer zu Unterdorf sei ein Narr, sein Kalb wiege nicht vierzig Kilo, und der Mann wolle zweiundzwanzig Gulden dafür haben. Da soll er sich's selber braten, habe er, der Fleischerknecht, gesagt, der Herr Stadinger wisse billigere und bessere Ware.
So erzählte der geschwätzige Knecht. Die Hubsteinerin blieb jetzt aufrecht und sagte: »Geht Eures Weges, mein Kind ist nicht feil.«
Da kann sie schon recht haben, dachte der Fleischerknecht. »Pst! Sultan, komm!« Und ging seiner Straße.
Aber als die Sofferl am nächsten Tage wieder zur Schule gegangen war, kam sie nicht mehr nach Hause. Ein Bote brachte das Fleisch und wollte etwaige Sachen fürs Dirndl mitnehmen. Es sei schon daheim geblieben.
Daheim geblieben!
Die Hubsteinerin wickelte ihr kleines Kind dicht in Lappen, denn in den Bäumen rauschte der Wind, nahm es an sich, verließ das Häuslein und ging den zwei Stunden langen Weg nach Pichlern. Es dunkelte schon, als sie vor dem großen Hause des Fleischhauers stand, in den Wolken zuckten Blitze. Im Gemüsegarten waren zwei Mägde tätig, junge Pflanzen durch Überdachen mit Stroh vor etwaigem Hagel zu schützen, und die Sofferl war ihnen dabei behilflich. Als das Dirndl der Mutter ansichtig geworden war, lief es ihr entgegen, klatschte in die Hände und rief: »Das ist gescheit, Mutter, daß du auch da bist! Da ist's lustig. Das ist meine Freundin, die Zilli, und das ist die Theresel. Du, die sind brav!« Und sie lief wieder in den Garten.
Die Hubsteinerin begehrte zum Stadinger. Er kam ihr in Hemdärmeln und mit dem Samtkäppchen auf dem Graukopf entgegen und begrüßte sie freundlich. Ohne seine dargebotene Hand zu fassen, sagte sie, das leise wimmernde Kind immer an der Brust haltend: »Fleischhacker, so ist's nicht gemeint, mit unserem Handel, daß du mir mein Dirndl wie ein Kalb aus dem Haus treiben lassen sollst!«
»Aber Hubsteinerin!« rief er überlaut, »was fällt dir denn ein? Wie ein Kalb! Was das für eine Red' ist! — Ei, setz' dich doch hier auf die Bank. Der weite Weg. Willst denn du heute noch heim?«
»Mein Kind will ich wieder haben,« sagte sie völlig tonlos. »Mein Kind laß mir, dann wirst mich nicht lang sehen vor deinem Haus.«
Der Stadinger schüttelte den Kopf, dann ließ er aus dem Keller ein halbes Glas Wein bringen.
»Trink, Hubsteinerin! Du bist so viel aufgeregt.«
»Soll das der Kauftrunk sein?« fragte sie ihn. »Du tust nicht allein Vieh einkaufen, auch Leut. Erst nachher ist's mir zu Sinn kommen: verkauft hätt' ich mein Dirndl! Verkauft!«
»Was du aber einfältig bist!« sagte der Fleischhauer. »Wer spricht denn vom Verkaufen! Und wenn es wär'! Andere arme Leute verschenken ihre Kinder und sind froh, wenn sie wer geschenkt nimmt. Ich hab' die Schuld nachgelassen und versprochen, daß ich mich ganz annehmen will ums Dirndl. Wüßt' nicht, wie der Mensch ein besseres Christenwerk machen kunnt, wüßt' nicht! — Wenn du mir keinen andern Dank hast, so sollst lieber daheim bleiben. Schau, sie geht dir eh nimmer zu, die Sofferl. Recht gut gefällt's ihr bei uns und wird ihr noch besser gefallen, wenn sie gescheit ist.«
»Du magst sagen, was du willst, Fleischhacker, es ist was Unrechtes geschehen. Gib mir die Schrift.«
»Recht gern, Hubsteinerin. Eine Abschrift sollst haben. Deine Unterschrift geb' ich nicht aus der Hand. Ich weiß schon, was du im Sinn hast. Du wolltest mir das Dirndl jetzt lassen, daß ich's zücht' und anleit'; nachher, wenn sie zu brauchen ist zur Arbeit, möchtest sie mir wegnehmen, und ich wär' der Gefoppte. So macht ihr's gern, ihr Bettelleut'! Da hab' ich mich rechtzeitig sichergestellt mit der Schrift und da hilft dir nichts mehr, Wegmacherin. Kannst fragen, wen du willst. — Trink jetzt, nachher kriegst eine warme Suppe und ein Bett und morgen schau, daß du weiterkommst.«
Die Einfalt, auf welche gerechnet worden, war wirklich vorhanden. — »Kannst fragen, wen du willst« — Ja, das hatte sie freilich immer gehört: was man einmal unterschrieben, daran wäre nichts mehr zu ändern. Verschrieben, verspielt! — Weh war dem armen Weibe.
»Kaufst nicht auch Wickelkinder?« fragte sie bitter und hob ihr Kleines gegen ihn auf. »Nimmst nicht auch den Buben?«
»Die Buben sind nicht viel wert,« entgegnete er halb scherzend. »Hab' selber einen. Sind sie groß, nimmt sie der Kaiser ohne Vergütung. Ein fleißig Dirndl dient's zehnmal ab, was es kostet. — Aber trink' doch; ein kräftig Tröpfel sollst nicht verschmähen, das tut dir gut.«
Ähnlich redete er ihr zu, riet ihr Frohsinn an und klopfte ihr leutselig auf die Achsel.
Also geschah es, daß die Hubsteinerin, statt ihr Dirndl von diesem Hause abzuholen, heute selbst in demselben blieb. Beim Nachdenken in der schlaflosen Nacht kam ihr die Sache doch wieder nicht so schlimm vor, und sie hielt sich selber für töricht. Am nächsten Morgen, als sie fortging mit ihrem Säugling, wollte sie noch die Sofferl sehen. Ein hübscher, schlanker Junge war im Hofe just dran, auf ein braunes Pferd zu springen, den rief die Wegmacherin an, ob er nicht wisse, wo die Sofferl wäre?
»Die ist schon fort,« antwortete der Knabe, leicht seine Kappe lüftend. »Sie sind früh aufs Feld. Ich reite auch nach.« Damit war er auf dem Rößl und trabte davon.
»In Gottesnamen!« seufzte das Weib bei sich und ging mit dem einen Kinde, das noch ihr Eigentum war, wegshin der Gegend zu, wo ihre Hütte stand.
Der Jahre sieben oder acht sind vergangen seit jenem Christenwerke, das der Großhofbesitzer, Wirt und Fleischermeister Stadinger an der armen Witwe und ihrem Kinde geübt hatte. Seither hat sich allerlei verändert in der Welt. Die arme Hubsteinerin ist gestorben, ihr Knäbel hatte ein Waldbauer zu einem Hirtenknaben aufgenommen aus Barmherzigkeit und nichts dafür gegeben. Die Sofferl ist im Stadingerhofe groß und hübsch geworden, und sie hat sich nicht zu beklagen. Beklagt sich auch nicht. Aber daß sie eine Stalldirne abgeben muß, das ist ihr für die Länge nicht recht. Sie möchte lieber Leute tränken, als Vieh — Kellnerin möchte sie sein. Der schlanke Knabe, den wir damals auf dem Pferde aus dem Hofe reiten gesehen, ist ein stattlicher junger Mann geworden, der auch heute noch auf dem Pferde umherreitet, weil er die große Wirtschaft zu leiten und die Arbeiten des Gesindes zu überwachen hat. Die Fleischhauerei überläßt er seinem Vater, ihn freut das rüde Geschäft nicht, er sagt, er tue lieber pflanzen, säen und züchten, als schlagen und totstechen. Und der junge, aufrechte Mann mit den freundlichen Zügen und dem offenen Blick sieht auf seinem Rößlein eher einem Landgrafen ähnlich als einem Fleischhauerssohne. Er hatte ein paar Jahre Landwirtschaft studiert und sich in den Kopf gesetzt, das ausgedehnte Gut seines Vaters zu einer Musterwirtschaft emporzubringen. Es ging auch vorwärts.
Der alte Stadinger ist ein klein wenig gebückt geworden, hat aber sonst noch sein rotes, rundes Gesicht, seine klugen Äuglein und seine verschmitzte Freundlichkeit wie vor und ehe. Zu Fuß ging er nicht mehr viel um in der Gegend, im Steirerwäglein fuhr er, leitete selbst das Pferd und wurde überall mit Achtung gegrüßt, wo er sich zeigte. Sehr gerne fuhr der Stadinger in den Markt Solgenstein hinüber und kehrte dort beim Hammerherrn Kloggenberger ein. Mit dem war er seit einiger Zeit in freundlicher Bekanntschaft, die gelegentlich eines Viehhandels gemacht worden. Der Hammerherr besaß ein großes Sensenwerk, einen Hochofen, mehrere Bauernhuben, ausgedehnte Waldungen und eine erwachsene Tochter. Aber keinen Sohn.
Eines Tages nahm der Stadinger auch seinen Burschen, es war sein einziger, mit nach Solgenstein. Der junge Mann wollte auf dem Bocke sitzen und kutschieren, wenn er schon nicht reiten konnte; der Alte bedeutete, daß im Wagen Platz für beide sei, daß man da bequemer sitze, und daß es mancherlei zu plaudern gebe. Daher setzte der Junge sich zum Alten in den Wagen.
»Wir werden beim Sensenhammer zukehren,« sagte der Vater.
»Nicht nötig. Hab' ihrer erst ein Dutzend aus Sagbach bestellt,« antwortete der Sohn.
»Was hast bestellt?«
»Sensen.«
»Du nimmst die Sensen in Sagbach?«
»Wir haben sie immer von dorther bezogen.«
Der Vater zog den Leitriemen an. »Karl,« sagte er nachher, »von jetzt an nehmen wir Solgensteiner Ware. Ich habe einen Gedanken. Kennst du die Hammerleute dort?«
»Recht gut.«
»Hast du keinen Gedanken, Karl?«
»O, allerhand!« lachte der Bursche auf.
»Nachher mag auch der rechte dabei sein,« sagte der alte Stadinger. »Hast sie dir schon einmal angeschaut?«
»Wen?«
»Sie ist sauber — und reich. Das wird ein Kapitalshaufen, wenn ihr zwei eure Sachen zusammentut. Mußt ja doch auch ans Heiraten einmal denken. Mein Weib wird mühselig und so viel wunderlich. An ihr hab' ich keine Stütze mehr. Mich verdrießt's auch manchmal und will nach und nach ausspannen. Da brauchst du eine. Spiel' einmal ein wenig an, bei der Sensenhammerischen. Wenn's zustand' käm', 's wär' mir eine rechte Freud'. Ein Rittergut, wenn die zwei großen Wirtschaften zusammenstehen. Das wär' mir schon ein Trumpf!«
»Mir wär's auch nicht zuwider,« meinte Karl.
Also das Gespräch unterwegs zwischen Vater und Sohn.
Beim Hammerherrn wurden sie sehr artig aufgenommen und zum Nachmittagsbrot eingeladen. Fräulein Agnes bediente die Gäste, ein feines zierliches Wesen, das den jungen Grundbesitzer aus Pichlern mit gar schelmischen Augen anguckte. Allerlei wurde gesprochen, und als unsere beiden wieder auf ihrem Wagen heimwärts fuhren, sagte der Alte: »Ich habe gar keine Sorge. Es geht. Ein Jahr mußt halt Geduld haben, weil sie ja, wie du gehört haben wirst, über den nächsten Winter noch einmal ins Institut geht. Du bekommst eine Gebildete. Herrgott, Bub, du hast mehr Glück wie Heu!«
Karl spitzte mit den Finger sein blondes Schnurrbärtchen und schmunzelte vor sich hin.
»Nur eins! Hi, Brauner! — Nur eins muß ich dir sagen, Karl,« fuhr der Stadinger fort. »Mit der Krämerischen tust nicht mehr weiter. Die dankst gleich ab. Die könnt einen Balawatsch in die Geschichte bringen. Die Mädels wollen alle gleich geheiratet sein. Gib Achtung! — Kannst's nicht graten, so gibt's andere. — Bist mit der Sofferl immer noch über quer? Geh, dumm!« —
Diesmal brach er ab. Einige Zeit drauf war's, daß die Sofferl dem Stadinger anzeigte, sie wolle sich um einen anderen Dienstort umsehen. Sie möchte nicht immer beim Vieh bleiben, sondern auch etwas lernen. Daß sie in diesem Hause etwa in die Küche oder in die Gaststube käme, dafür sähe sie keine Wahrscheinlichkeit, also möchte sie fort.
»Schau, schau,« antwortete ihr der Stadinger. »Wie gut ist's, daß ich dieses Kalb am Strickel hab'. Davonlaufen! Nein, mein liebes Sofferl, darauf mache dir keine Hoffnung. Du gehörst mein, bis ich dich freiwillig fortlaß. Und das wird nicht sein, ich habe die jungen starken Leute zu gern in der Wirtschaft. Wegen Essen und Gewand hast wohl keine Klag'?«
»Das nicht, Herr Vater. Freiwillig bliebe ich vielleicht, aber das Müssen ist so viel sauer.«
»Lapperl!« sagte er und versetzte ihr ein artiges Klapschen an die runde Wange, »so bleib halt freiwillig. Und tust es freiwillig nicht, so mußt. Ein bissel Recht habe ich schon auch als Gerhab mit dir. Für alle Fälle ist ein Briefel da. Ja, Dirndl, da hilft dir nichts, je mehr du hinwegzerrst, je schärfer schneidet dir das Strickel in den Hals. Sei nur g'scheit, vielleicht bringst es noch zur Kellnerin, wenn du klug bist, vielleicht. Nur schön folgen dem Karl, wenn er dir was schafft! Und jetzt geh' zu deiner Arbeit.«
Wenige Wochen nach dieser Unterredung standen der Stadinger und sein Sohn in einer Abenddämmerung unter dem Weichselbaum, und der Vater sagte mit halblaut flüsternder Stimme und heftiger Gebärde zum Burschen: »Karl, ich sag' dir's, du wirst dich verbrennen! Hab's wieder wahrgenommen gestern auf dem Abend. Bist ein verfluchter Kerl und wirst noch alles verderben! Soll's mit der Sensenhammerischen Ernst werden, so laß die Krämerische sein. Die legt dir Fallen! Wirst dir doch anderswie zu helfen wissen die paar Monat. — Eine Knechtin. Schick sie in den Wald hinaus, die Sofferl — fürs Vieh streurechen. Nachschauen mußt gehen bei der Arbeit. Ach, geht mir weg, ihr jungen Leut' könnt euch nichts anschicken.«
Karl stand stramm da, ließ seine Hände in den Hosentaschen stecken und antwortete jetzt leichthin: »Für so ein Streurechen, wie der Vater meint, ist mir die Sofferl doch zu gut.«
»Wie du glaubst,« sagte der Stadinger, »für wen sparst sie denn auf? Ein dummer Halter oder Holzknecht oder so einer wird nicht lange fragen, oder schon kurz gefragt haben. Und bissel ein Recht werden wir doch noch haben übers Dirndl, das ich von der Straßen hab' aufgehoben ... Nun, wie du glaubst. Aber verpatsch dich nicht. Der Köder von der Krämerischen! Ist eine Angel dran, ich sag' dir's! Wenn du mir die Sensenhammerische verspielst, ich — ich weiß nicht was ich tät!«
Mit diesen Worten wendete sich der Stadinger und ging in den Hof. Der Karl pfiff ein lustiges Liedl und schlenderte über das Feld hin.
Auf dem Weichselbaum, unter welchem sie gestanden, saß eine, der raste jetzt das Herz und das Blut. Das waren saure Weichseln, die auf diesem Baume wuchsen! Die Sofferl hatte alles gehört. Und jetzt überdachte sie es. Manches fiel ihr ein, wurde ihr jetzt klar. Es fehlte dem Dirndl ja nichts auf dem Stadingerhofe, sie wurde gehalten wie jede andere Magd und arbeitete auch so. Nur daß sie nicht fragen durfte: wofür arbeite ich? Wo ist mein Jahrlohn? In der Schule hatte sie gehört, daß es Leibeigene gegeben, welche ganz dem Willen ihres Herrn unterworfen gewesen wären, daß Länder sind, wo es noch heute Leibeigene gibt. Und der Stadinger hatte den Kaufbrief. Sie hat fleißig gearbeitet, war treu und gewissenhaft gewesen in allem. Nun zur Feierabendzeit auf dem Weichselbaume sitzend, hatte sie gehört, daß solches nicht ihre ganze Aufgabe war in diesem Hause. Ein heißer Aufschrei war zurückzudrängen in ihre Brust. Sie mußte jetzt schweigen, durfte nichts gehört haben. Sie mußte arglos bleiben. Das stand klar in ihr, sie wollte sich rächen. Rächen an dem Alten, dem gewissenlosen Vater und Gerhab. Der Junge? Leise begann ihr das Herz zu zittern. — »Dafür ist sie mir doch zu gut,« hatte er gesagt. — Seit langem hatte sie eine stille Neigung zu Karl, dem Haussohn, in sich zu bekämpfen, und war es ihr auch gelungen, die Liebe mit Trotz zu maskieren. War sie doch die Knechtin, die zur Liebe kein Recht hat, die nur Gleichgültigkeit oder gar Verachtung erfährt von Mitgenossen und Herrschaft. Wie aber soll es jetzt werden? Er hat ein Wort gesagt, in welchem Achtung für sie lag, vielleicht mehr noch ... Soll sie jetzt ihre Karte ausspielen? Soll sie's versuchen? Es war ja nichts für sie zu verlieren. Und gelänge es? Glück und Rache. —
Kurze Zeit darauf war der Karl wieder einmal am Zaun gestanden und hatte Scherzworte hinübergerufen in den Garten, wo die Krämerstochter Blumen jätete. Das Mädchen tat recht anzüglich und meinte, wenn er ein Sträußlein von ihr wolle, so möge er sich einen Sprung über den Zaun nicht verdrießen lassen, nachtrage sie ihm nichts. — Wenn er mit der zu weit kommt, so ist's mit der Sensenhammerschen vorbei. Man muß ihm aus dem Traume helfen. — Das war wieder des alten Stadingers Gedanke, als er jetzt vom Fenster heraus rief: »Karl, just denk' ich dran, du wirst müssen nachsehen, ob in der Kornscheune das Dach nicht schadhaft ist für den Winter. Geh' gleich, sonst vergißt's.«
Der Bursche ging in die Kornscheune. Das Dach war ganz gut, und unter dem Dache kroch die Sofferl umher und legte die Garben glatt, die einen Tag früher eingeführt worden waren. Beide erschraken voreinander, als sie sich sahen. Im Augenblick aber fiel es dem Burschen ein, ob er es nicht untersuchen solle, um wieviel das Dirndl besser oder schlechter sei, als die Meinung war.
»Sofferl,« redete er sie ruhig an, »hast nicht Langeweile, allein beim Korngarbenlegen?«
»Bin ja nicht allein!« rief sie, »sind ja die Korngarben da.«
»Zu zweien wäre es vielleicht kurzweiliger,« sagte er.
»Das weiß ich nicht. Unsereins denkt nicht an die Langeweile, denkt an die Arbeit.«
Weil der Raum unter dem Dache zu niedrig war, um aufrecht zu stehen, so mußte er kniend zu ihr hinankriechen.
»Das Nest ist gar nicht schlecht, daheroben,« flüsterte er und legte seine Hand an ihren Arm. Sie schob ihn rasch von sich und sagte: »Karl, du irrst dich!«
Jetzt wußte er einen Augenblick nicht, was er machen sollte.
»Daß du mich aber doch sogleich verstanden hast, Sofferl,« sagte er.
»Es ist keine Kunst, das zu verstehen,« gab sie zurück und legte ununterbrochen die wirr übereinander geworfenen Garben glatt und ordentlich aneinander. »Aber ich will's nicht verstehen. Du bist mir zu gut dafür, Karl.«
Er stutzte. Es fiel ihm auf, was da gesagt wurde, aber auch, wie es gesagt wurde. Schier traurig und innig. Und wie er ihr jetzt ins Auge blicken wollte, wendete sie sich hinweg, trotzdem sah er noch auf ihren Wimpern ein Tröpflein. — Ohne noch ein Wort zu sagen, stieg er nieder in die Tenne und ging hinaus. Wieder am Gartenzaun kam er vorbei, aber er rief nicht mehr hinüber zur Krämerischen, er ging still vorüber.
Wenige Tage später trafen sie sich im Walde beim Streurechen. Die Sofferl sah ihn schon von weitem kommen und ging ihm entgegen.
»Mir ist's recht, daß du da bist, Karl, oder wie ich sagen soll,« sprach sie ihn an. »Das Dusagen wird sich bald nicht mehr schicken bei uns.«
»Wenn du eine bessere Anred' weißt, so ist es mir auch recht,« sagte der Bursche. »Die liebste Ansprach' zwischen uns wär' mir das!« Einen Kuß wollte er ihr geben.
»Da weiß ich eine andere,« sagte sie entschieden ablehnend. »Wie es sich heute schon das zweitemal zeigt, tut's nicht gut, daß wir zwei nebeneinander in diesem Haus sind. Du der Herr, ich die Knechtin. Sind schon viel zu geschwisterlich worden miteinand. Du wirst es einsehen, und deswegen bitt' ich dich gar schön, laß mich fort.«
»Fort, Sofferl! Ja, wohin willst du denn?«
»Das ist ganz gleich für dich und für mich. Aber um tausend Gottes willen, zwingt mich nicht, daß ich in diesem Hause bleibe«
»Vom Zwingen ist keine Rede.«
»Dein Vater hat mich gekauft!«
»Vom Zwingen ist keine Rede,« wiederholte der Bursche. »Du bleibst freiwillig.«
»Dein Vater laßt mich nicht, er hat mich gekauft!« rief das Dirndl. »Sagt nur, was ich wert bin, ich will mich loskaufen!«
Darauf der Bursche: »Mein Vater hat dich erzogen und soviel ich weiß, deine Mutter ein wenig unterstützt bei ihren Lebzeiten. Er wird's gern sehen, wenn du dankbar dafür bist und noch ein paar Jahre auf dem Hof bleibst, jetzt weil du brav arbeitest. Von mir aus bist gar nichts schuldig, ich zwinge dich nicht zu bleiben, aber du bleibst freiwillig.«
»Es wäre unser Verderben, Karl!« rief das Dirndl scharf. »O, nein. Ich bin nur eine niedrige Knechtin, aber meine Ehr', die hab' ich, und sonst nichts, als wie die, und die will ich mir behalten. Geh' weg von mir!« Sie hob ihren Eisenrechen drohend gegen ihn.
»Du bist ein Kind!« sagte er und ging seines Weges.
An die Sensenhammerische hatte der junge Stadinger zu dieser Zeit seltener gedacht von Tag zu Tag. Als sie in das Institut abgereist war, hatte sie ihm ein Abschiedsbrieflein geschrieben. Karl säumte mit der Antwort so lange, bis er sie als zu spät hielt, dann gab er sie gar nicht. In der Nacht nach dieser Begegnung im Walde nun lag der Bursche schlaflos auf seinem Bette. Sie stand wie ein Lichtbild. Dieses runde, weiße Gesicht mit dem roten Mund! Dieses schwarze, üppige Haar! Diese heißen Augen, die auch so sanft und betrübt sein konnten! Diese ganz ebenmäßig gerundete Gestalt! Ein schönes Weib! Und ein braves!
So lange lag er schlaflos, bis er aufstand und hinausging in die kühle Sternennacht. Da kam er gerade recht, wie jemand mit einem Bündel über den Anger huschte und gegen den Wald hin. Der Bursche eilte dem Diebe nach, es war aber keiner, es war ein Weibsbild, ein junges und hieß Sofferl. Sie versetzte dem Angreifer einen Schlag auf die Hand, doch er hielt sie fest, trotz ihres verzweifelten Losringens. Und er sagte ernsthaft: »Nein, Sofferl, so geht man nicht fort vom Stadingerhof.«
Sie schaute ihm schweigend und zornig ins Gesicht. Endlich hauchte sie schweren Atems: »Also du willst mich nicht lassen?«
»Nein, Sofferl, so gehst du nicht fort.«
»Gut,« sagte sie schrill und tonlos. »Du hast es zu verantworten. — Karl! — Karl!« In rasender Erregung warf sie ihre Arme um seinen Nacken, preßte sein Haupt an das ihre, seinen Mund an den ihren, und gewaltsam, wütend vor Leidenschaft, küßte sie ihn, daß beiden der Atem vergehen wollte ....
Nach dem Sturme stand der Bursche ganz verblüfft da. Aber seine Finger hielten ihren Arm umklammert. Er schämte sich, geküßt worden zu sein und schickte sich nun an, es wett zu machen; daß seine Leidenschaft der ihren mindestens gleichkam, das sollte sie erfahren — heute noch.
»Jetzt, Karl, gehen wir miteinand'!« sagte sie, hing sich rasch in seinen Arm, und sie schritten aus dem Walde über den Anger dem Gehöfte zu. — Je näher sie zur Tür kamen, je fester und enger hielt er das Dirndl im Arm. Plötzlich sagte sie: »Nur bis da her, Büberl! Wie es steht, das weißt jetzt. Am Sonntag nachmittag fangen wir an. Jetzt geh' und schlaf' dich aus!« Ein Ruck, und der Bursche stand allein vor der zugeschlagenen Tür.
— Und das ist die Knechtin! dachte er, das ist das demütige, willige Dirndl, das sich ohne Widerred' alles gefallen läßt, immer geduldig und immer lammfromm! Herrgott, wie die sich jetzt auseinander tut. Das ist keine Knechtin! Die weiß ganz genau, wo ihr Recht und Eigentum anhebt. Das ist eine Kernige! Eine Feurige! Bei der ist einer versorgt! Auf die ist ein Verlaß! Für einen Batschen hab' ich sie nie gehalten, die Sofferl, aber so hab' ich sie nicht gekannt!
Um diese Zeit machte der alte Stadinger seinem Sohn den Vorschlag, wieder einmal nach Solgenstein zu fahren und die Sensenschmiedischen zu besuchen. Da der Karl dafür keine Neigung zeigte, so sagte der Vater: »Du glaubst, weil jetzt das Fräulein nicht daheim ist, so hast nichts zu tun dort. Mußt aber auch auf den Schick nicht vergessen, gegen die Vatersleut'.«
»Sollen herüberkommen, wenn sie mich sehen wollen,« gab der Bursche kurz zurück. Da guckte ihn der Vater so von der Seite an und dachte: Sauber ist er, aber manchmal dumm wie ein Kalb! Na, der Dumme hat's Glück, das tröstet mich wieder. Gefreut mich nur, daß er bei der Krämerischen endlich ausgelassen hat.
Und nun vom Sonntag nachmittag, an dem die Sofferl anfangen wollte. Das Wirtshaus war voller Leut', aber das Dirndl, welches sonst nun schon manchmal Aushilfe in der Kellnerei leistete, war heute nicht zu finden. Der Karl auch nicht. Es hatte auch niemand Zeit, sie zu suchen; die Kammer war verschlossen.
»Mit allem bin ich einverstanden,« flüsterte die Sofferl dem trauten Gaste zu, »nur ein kleines Gebitt hab' ich, und das mußt du mir vorher erfüllen.«
»Könntest schon bitten, was du wolltest!« sagte der Bursche. »Für dich bin ich zu allem aufgelegt!« Sein Antlitz glühte und um seine Mundwinkel zuckte die Freude, bei ihr zu sein.
»Schererei macht's dir keine,« sagte sie. »Schau, da habe ich eine Tinte, und da hab' ich eine Feder, und geschrieben ist's auch schon. Nur deinen Namen drunter.« Sie zog aus dem Busenlatz ein Papier.
»Was hast du denn da?« fragte er.
»'s ist nur brauchshalber,« sagte das Dirndl. »Gegen gute Bekannte muß man artig sein. Ein kleines Briefel an die Sensenhammerischen zu Solgenstein.«
»An die Sensenhammerischen? Laß das jetzt, Sofferl, die Leut' sind mir zuwider.«
»Kannst sie lesen, meine Schrift?«
Er konnte sie lesen. Auf dem Papier standen etliche ganz zierlich hingemalte Zeilen folgenden Inhaltes:
»An das ehrenwerte Haus Kloppenberger, Hammergewerke zu Solgenstein.
Unterschriebener erlaubt sich die freundliche Mitteilung zu machen, daß er sich am Sonntag den 11. Oktober 1885 mit der Magd Sophie Hubsteinerin auf Ehr' und Treu' verlobet hat.«
»Jetzt da drunter, mein Bübel, schreibst deinen Namen!« bat das Dirndl zärtlich.
Da schaute er einmal drein. Schaute drein und sagte nichts. Endlich schnalzte er mit der Zunge, tauchte die Feder tief in das Tintenglas, und mit fester Hand schrieb er unter die Zeilen seinen Namen.
»Gut ist's!« hauchte sie, sich ihm an die Brust legend, »Karl, jetzt hast mich!«
»Eine verdammt Feine bist!« sagte er. »Aber mir ist's schon recht. Eine gescheite Frau zu haben, ist kein Schaden. Das Briefel will ich besorgen.«
»Das tu' ich selber,« sagte das Dirndl. »Es kommt an den rechten Ort, brauchst dich nicht drum zu bekümmern.«
Jetzt war ihm gut, jetzt war ihm leicht. Ach, das war für den jungen Stadinger ein glückseliger Nachmittag. Der alte Fleischhauer fluchte über die Abwesenheit des Jungen. »Gewiß!« so rief er dann angeheitert den Gästen zu, »gewiß steckt er drüben in Solgenstein bei den Sensenhammerischen. Ist ja in die ganze Familie vernarrt. Und ich mach' gleich meine Einladung zur Hochzeit. Ja, ja, wenn wir das Stadingergut und die Hammerherrschaft zusammentun, das gibt einen Eselsfleck auf der Weltkugel. Ein Narrenglück hat er, mein Karl!«
Am Abende sah der Stadinger die Sofferl über den Hof eilen. Na, die bekam es! Heute war er giftig. Wo sie gesteckt habe den langen geschlagenen Nachmittag? Ein Tunichtgut und ein Taugenichts und ein Faultier, und allerlei Donnerwetter und Kreuzsapperments darunter! So stark ging's los, daß das Dirndl sagte:
»Herr Vater! Eine solche Litanei lasse ich mir nicht vorbeten. Wir müssen uns jetzt einmal ein gemütlicheres Reden angewöhnen zueinander.«
»Was sagst? Knechtin, was nimmst dir heraus? Soll ich dir deinen Standpunkt wieder einmal klar machen? Ich habe einen schönen Brief über dich, wenn du ihn sehen willst!«
»Ich habe auch einen schönen Brief!« sagte das Dirndl, das Schreiben in der Luft schwingend. Dann lief sie mit demselben dem Posthause zu. —
Am nächsten Tage ließ der alte Stadinger seinen Sohn in die Stube rufen.
»Gestern hast mich wieder einmal sauber allein gelassen bei den Gästen,« redete er ihn an, »na, sei nur still, ich weiß, wo du gewesen bist. Macht auch nichts. Was anderes wollt' ich sagen. Mit dieser Bettlerdirn! Zum Totärgern ist's, was die mir gestern für Gegenred' gehabt hat. Ich glaub', die wird spießig, ich glaub', die muß man walgen. Schick sie diese Wochen in den Holzschlag hinaus, die hart' Arbeit wird sie schon wieder weicher machen.«
»Wen?«
»Die Sofferl mein' ich!« brummte der Alte.
»Ist mir recht, daß wir von ihr reden,« sagte der Bursche. »Kommt mir aber nicht leicht an, Vater, was ich zu sagen habe. Dem Menschen ist's halt angeboren, man kann nichts dagegen machen, und die Sach' läßt sich nicht zwingen und nicht wehren.«
»Was ist denn das für eine Umrederei?« fragte der Alte scharf.
»Ich denk', wir reden ein andermal davon,« sagte der Bursche. »Auf einmal geht's nicht, und jetzt muß ich auf's Rübenfeld. Das gute Wetter hält nicht an, es sinkt der Barometer.«
Viel mehr wurde nicht gesprochen an diesem Montagmorgen. Als jedoch am Dienstag der Alte schärfer drauf drang, das Dirndl zur Züchtigung in den Holzschlag zu schicken, konnte Karl das, was einzugestehen war, nicht mehr länger verschieben. Auch konnte mit jeder Stunde aus Solgenstein die Rückwirkung der Verlobungsanzeige eintreffen.
»Ich glaube, Vater,« begann er, »Ihr kennt die Sofferl noch nicht gut genug. Ihr behandelt sie immer nur als Knechtin, und das ist ganz natürlich. Aber so einfältig ist sie nicht mehr, daß sie an den dummen Schein noch glaubte. Ist auch Zeit, daß dieser Spaß aufhört. Sie bleibt freiwillig, ich stehe dafür. Die muß man kennen! Daß sie frisch, fleißig, sparsam, treu und gescheit ist, das wisset auch Ihr, ist keine letze Person. Ich kenne sie noch von einer anderen Seite ...«
Der Alte trat einen Schritt zurück, er stolperte dabei über einen Schemel, so daß der Sohn ihn stützen mußte.
»O, ich dank' dir, ich steh' schon, ich fall' nicht!« stieß er heraus. »Also die Sofferl gefällt dir so gut!«
»Ihr habt mir ja selber dazu geraten.«
»Und das —« Der Alte unterbrach sich. »Ja, du hast recht,« sagte er, »ein braver Bursch', der seiner Zuhälterin das Wort redet. Sie soll nicht in den Holzschlag, kann auf dem Rübenfeld bleiben.«
»Das was Ihr genannt habt, ist sie mir nicht, war sie mir nie,« sagte der Bursche.
Der Alte entgegnete mit leiser Stimme: »Brauchst es ja nicht zu leugnen. Ist ja eine natürliche Sach'.«
»Vater,« sagte jetzt Karl mit ruhigem Ernste, »über die Sofferl werden wir jetzt schon in einem anderen Ton reden müssen.«
Nach einem Weilchen, als der alte Stadinger ein paarmal die Stube auf und ab geschritten war, sprach er: »Du tust ja gerade, als ob — als ob — Solltest zu weit sein gekommen mit ihr?«
»So weit als man kann,« antwortete der Sohn. »Sie ist meine Braut.«
Hierauf schwieg er und erwartete den Sturm.
Der Sturm kam nicht. Der Alte schritt wieder auf und ab. Einmal war's, als wollte er sprechen und es fehlte dazu der Atem. Endlich nahm er das Sacktuch und trocknete sich die Stirn. Dann begann er zu lachen. »Wenn einer,« stieß er inzwischen hervor, »wenn einer, den man mit Sorgfalt führt zu seinem Wohlergehen, jäh ausreißt und dumm weiter tappt und ins Unglück springt, so ist das zum Lachen! Zum Lachen ist's, ha, ha! Das Weinen wär' er nicht wert. Du bist das Lachen und das Weinen und deinen Vater nicht wert. Wenn ich dich enterben könnte ...«
Der Sohn suchte ihn sanft und kindlich zu beruhigen. Er wies darauf hin, daß der Stadingerhof für sich groß und reich genug wäre, daß man kein fremdes Stück dazu mehr brauche, daß er ordentliche und fleißige Leute reichlich ernähre und in Ansehen erhalte, und daß die Hauptsache in der Ehe die Liebe und das Sichverstehen sei. Er sagte alles, was man in solchem Falle eben zu sagen pflegt, und als er nichts mehr wußte, schwieg er.
Der alte Stadinger schüttelte den Kopf und immer wieder den Kopf. Er war völlig fahl geworden in seinem runden Gesichte. Endlich zuckte er die Achseln und sagte aus gehobener Brust: »Verhext hat sie ihn! — Aber —« Er stellte sich mit gefalteten Händen hin vor den Sohn, »daß du gerade die beste hättest haben können, und daß du gerade die schlechteste nehmen willst! — Ah nein, du bist Schelm genug und hast mich brav gefoppt. Hauptspaßvogel du! Die Betteldirn! Die Knechtin! Hi hi!« Er versetzte dem Burschen einen Puff an die Seite, der schalkhaft hätte sein sollen.
Karl hielt es für das klügste, für heute abzubrechen. Die Portion war groß genug gewesen.
Wieder einen Tag später ließ der alte Stadinger das Dirndl zu sich rufen, trug ihr einen Sitz an, den sie nicht nahm, und fragte sie fast demütig, wieviel sie verlange, daß sie den Zauberbann löse, mit dem sein Sohn umgarnt worden sei.
»Um Haus und Hof geht's dir!« rief der Stadinger.
»Um Haus und Hof?« entgegnete sie verblüfft. »Kriegt der Karl Haus und Hof? Ich habe ja gemeint, er wird enterbt, wenn er die Knechtin nimmt. Haus und Hof das behaltet selber, Herr Vater.« Dann richtete sie sich auf: »Ich weiß von Reichtum nichts und von Armut nichts, ihn will ich haben, sonst will ich nichts, ist mir alles zu schlecht.«
Dem Alten wurde heiß und kalt, als er diese Leidenschaft sah. Nach so einer hatte er auch geplangt in seiner Jugend, aber keine gefunden. War auch ein Glück, der Mann muß seinen Kopf aufrecht halten für die Wirtschaft. Und die Weiber? Liebhaben kann man die armen, heiraten tut man die reichen.
Diesmal war weiter nichts zu machen. Abwarten, bis er ausgebrannt hat, der dumme Junge. Nachher wird er von selber klug. — Wenn man sich nur darauf verlassen könnte! O verzweifelt, verzweifelt!
Es gibt Versicherungsgesellschaften gegen Feuer, gegen Wasser, gegen Hagel, gegen Seuchen, gegen Diebe, gegen alles Mögliche, dachte der Stadinger, nur gegen das größte Elementarunglück, gegen die Dummheit, gibt es keine. Diese verdammte Liebe, diese vermaledeite! Aber wer gescheit ist, dem macht sie nichts. Nur den Toren! — Verlobt haben sie sich. Meinetwegen, wenn sie nur nicht heiraten. — Auf jeden Fall müssen die Sensenhammerischen warm gehalten werden.
Er fuhr auf seinem Wäglein nach Solgenstein, aber die Sensenhammerischen waren schon kalt. Als er sich anmeldete, ließen sie sich verleugnen, es wäre niemand zu Hause. Der Stadinger kehrte beim Hirschenwirt ein, und aus Ärger kam er zu tief ins Glas. Auf der Heimfahrt nächtigte es, das Rössel wurde ungebärdig und warf Wagen und Fuhrmann in den Straßengraben. Wohl packte der Mann mit Mühe und Not sich wieder zusammen, aber als er nach Hause kam, wimmerte er vor Schmerzen. Das rechte Bein war ausgerenkt. Der Kurschmied wurde gerufen, aber darauf wurde es noch schlimmer. Die ganze Nacht lang ächzte und schrie der freilich durch beständiges Wohlergehen wehleidig gewordene Mann; alle Hausleute liefen zusammen, selbst die Gäste aus der Schankstube, jedes wußte einen Rat, aber keiner war etwas nutz. Auch die sieche Frau Stadingerin kam aus ihrem Zimmer, aber nur um ihm heftige Vorwürfe zu machen, daß er umgeschmissen habe; dann siffelte sie wieder in ihr Nest, welches sie fast nie mehr verließ. Sie kümmerte sich um nichts, nur wenn sie Grund zum Keifen witterte, kroch sie hervor. Endlich blieb die Frau ganz liegen, vergraben in ihrer Gicht und Giftigkeit. Als die Sofferl sah, der Stadinger hätte keine Hilfe und keine Labe, streifte sie ihre blauen Ärmlinge auf: Das wolle sie doch sehen, ob dieser ungute Fuß denn nicht ordentlich zu verbinden sein sollte! — Sie richtete Späne und Binden zusammen, ging frisch an die Arbeit.
Als das Bein gleichgerichtet und gefatscht war, hörte das Wimmern des Kranken auf, und er fragte im Halbtaumel: »Ist es der Doktor?«
Die Sofferl wäre es.
»Vertrakte Dirn! Kann die auch Beine einrichten? Jetzt soll sie aber schauen, daß sie weiterkommt!«
Am nächsten Tage tat's ihm wohl, aber als er aufstehen wollte und einen Fehltritt tat, war der Teufel wieder los. Es kam eine elende Nacht, man löste das kranke Bein und verband es wieder, die Schmerzen steigerten sich so sehr, daß er gegen Morgen nach der Sofferl verlangte. Das Dirndl legte neuerdings den Verband an, da seufzte der Stadinger auf: »Ach, das tut gut!« Jetzt durfte sie nicht mehr von seinem Lager, sie pflegte und begutete ihn Tage und Nächte lang. War er ruhig, so war sie heiter und plauderte über angenehme Dinge; war er mürrisch, so schwieg sie und war geduldig.
»Ich hätt's nicht geglaubt,« sagte er, »ich hätt's nicht geglaubt.«
Sie machte ihm das Kissen recht, legte ihm das Bein recht, stellte ihm den Teller recht, wenn er aß. Anfangs zankte er und ärgerte sich darüber, daß es bei der eigentlich nichts zu zanken gab. Allmählich, denn sein Fußleiden dauerte wochenlang — es war noch eine Sehne verrenkt und entzündet — wurde er freundlich mit ihr, ließ sich von der Wirtschaft erzählen, hielt es nicht unter seiner Würde, mit ihr über Haus und Geschäft zu sprechen. Er hatte es gern, wenn ihre Hände geschickt und zart das Bein betreuten, wenn sie ihm das graue Haar von der Stirn strichen, und einmal faßte er ihre Hand in die seine, hielt sie eine Weile und, um dabei etwas zu sagen, sagte er: »Du bist so schön warm, Sofferl!«
Endlich konnte der alte Stadinger wieder aufrecht stehen. Und eines Morgens, nachdem die Sofferl ihm den Kaffee gebracht und gezuckert hatte, schickte er sie hinaus: Der Karl soll hereinkommen.
Der Bursche, frisch und munter wie immer, trat herein und wollte mit seinem gewohnten Wirtschaftsbericht anheben.
»Das ist ja recht, ist ja recht!« unterbrach ihn der Alte. »Etwas anderes wollte ich sagen. — Wenn du sie haben willst, so nimm sie bald. Sonst nehm' ich sie.«
Da lachte die Sofferl draußen, denn sie hatte es gehört.
»Das dumme Papier unter meinen Schriften,« fuhr der Stadinger fort. »Sei so gut, Karl, lange mir das Packel aus dem Kasten. So wohl. — Da ist der Wisch. Zerreiß ihn.«
Stand das Dirndl an der Tür: »Von einer Schrift ist da die Rede, die möchte ich mir ausbitten.«
»Was geht's dich an!« fuhr der Alte empor. »Bist mir eh zum Unheil ins Haus gekommen, du! Geschämt hab' ich mich schon vor mir selber, deinetwegen. Kummer und Ärger hast mir gemacht. Deine verdammte Bravheit! Jetzt bist eingenestelt. Gefangen hast uns! Höllisch aufgebracht bin ich. Da, da hast ihn, deinen Loter! Wenn er dich nimmt! Ich wett', er nimmt dich gar nicht.«
»Nein, er nimmt sie nicht!« rief der Bursche, »er hat sie schon genommen.« Und halste sie und küßte sie so heftig und schmatzend, daß dem Alten die Zähne wässerten.
Wie dem Dirndl zu Mut war, wir können es uns denken. Sie hatte geschworen, sich zu rächen für die Schmach, mit Geld gekauft worden zu sein. Sie wollte in einem anderen Sinne Stadingers unveräußerliches Eigentum werden, sie hatte es erreicht. Ihre Rache bestand in Liebe, und sie ist gut dabei gefahren.
Noch an demselben Tage wurde die Hochzeit bestimmt und der Ehevertrag aufgesetzt vom Notar. Als der unterfertigt war von allen Seiten, lief die Sofferl hinaus ins Freie, lief den Hügel hinan, von wo aus die weiten Besitzungen des Hofes zu übersehen sind. Dort reckte sie sich empor, daß sie groß wie eine Hünin wurde, dehnte ihre Arme in die Luft und rief: »Knechtin? — Herrin! — Juchhe!«