Laurentl, der um Rat fragt.

Ich hatte einen jungen Vetter. Der war schlank gewachsen, trug eine hirschlederne Kniehose, einen grünen Filzhut, hieß mit Namen Laurentl und war Bauernknecht. Er hatte ein fast milchweißes schmales Gesicht, braunes Haar, das links gescheitelt und rechts quer über die Stirn gekämmt war, er hatte ein braunes Schnurrbärtchen, dessen Spitzen er gerne mit dem Beinmundstück seiner Tabakspfeife emporschob, und er sah eigentlich aus wie ein Stadtbübel, das man wundershalber so über die Sommerfrische ins Bauerngewand gesteckt hat. Ach, Stadtbübel, das war der Laurentl nicht, und so gut ging es ihm nicht. Obschon erst neunzehn Jahre alt, mußte er bei seinem Großbauern neben drei baumstarken Kerlen arbeiten wie sie, und wenn er vor dem Spätabend müde sich auf den Rasen setzte und auf der Stelle einschlief, trieben sie mit ihm Gespötte und steckten ihm kleine rote Ameisen hinter den Hemdkragen. Im Weberhäusel bei Vater und Mutter hatte er eine warme Kindheit gehabt; die Eltern starben, das Häusel wurde vergantet und das Leben des Jungen wurde hart und kalt. Mit Freuden war er in den Dienst gegangen, als der Großbauer eines Tages auf dem Kirchplatz zu ihm gesagt: »Na, Laurentl, was ist's denn? Weil 's Häusel hin ist, rat ich dir, nimm ein Haus. Komm zu mir, ich hab auch als Knecht angefangen und heut hab' ich hundert Joch Acker, vierzig Stück Vieh und zwei Dutzend Leut.« — Wohl. Just das zweite Dutzend machte der Laurentl voll und wie er nach dem ersten Tagwerk auf dem Felde in Hemdärmeln beim großen Tisch saß, mitten unter den derben, bärtigen und schwitzigen Knechten, da kam er sich das erstemal in seinem Leben als jemand vor — wenn schon noch nicht ganz als Knecht, so doch als Knechtl. Aber bald zeigte es sich, der Pflug war stärker als er, denn er schleuderte ihn auf den Furchen hin und wieder; und auch die Mehlklöße waren stärker als er, denn sie drückten ihm mächtig den Magen. Er war schier der letzte und der niedrigste im ganzen Hause.

Dann ist er — ein Sonntag war's, um Nachmittag — zu mir kommen.

Weinen tat er just nicht, aber weit war's nicht davon. Und den Oheim wollte er halt um einen Rat fragen.

»Oheim, ich hab' mir's überlegt. Das Bauerndienen freut mich nicht. Ich will ins Eisenwerk gehen. Dort kommt der Verdienst viel höher und die Arbeitszeit ist kürzer. Ist die Schicht vorbei, so bin ich mein eigener Herr und kann machen was ich will. Der Firnsteiner Sepp ist auch ins Werk gegangen und er sagt, vier starke Zugochsen brächten ihn nicht zurück ins Bauernhaus. Jetzt möcht ich's halt auch probieren und frag den Oheim um Rat.«

So habe ich ihm geantwortet: »Laurentl, das täte ich nicht. Das Bauerndienen ist freilich hart, ich weiß es wohl. Aber anderswo ist's noch gefährlicher. Der Verdienst im Eisenwerk ist höher, aber auch der Verbrauch, mußt bedenken. Beim Bauern kostet dir die Wohnung nichts, im Werk mußt du dir ein Zimmer mieten um viel Geld; beim Bauern brauchst dich gleich so zur Schüssel zu setzen, im Werk mußt du dir alles selber einschaffen und kochen; oder gehst ins Wirtshaus, dann weiß man schon, was es geschlagen hat. Beim Bauern hast du gesunde Arbeit von allerhand, jetzt in Haus und Hof, jetzt in Feld und Wald, und du siehst, daß was wird. Im Werk mußt bei Staub und Rauch alleweil das gleiche tun, so daß der eine Körperteil überanstrengt, der andere verkümmert wird, und von der Arbeit hast du doch bei keinem einzigen Stück aufzuweisen: das habe ich gemacht. Na, und die Freiheit, mein Gott, die wird von jungen Leuten halt dazu verwendet, sich umzubringen. Dich halte ich für brav. Was man aber vom Firnsteiner Michel hört! Vier starke Zugochsen werden den jetzt freilich nicht zurückbringen ins Dorf; bis er nur erst siech und arbeitsunfähig ist, dann wird eine alte Schindmähre stark genug sein, um ihn auf dem Strohkarren in seine Heimatsgemeinde zurückzuschleppen. — Jetzt kannst dir denken, Laurentl, welchen Rat ich dir geben will.«

Der Junge ist dagestanden, hat an den Fransen seines Hutbandes gezupft und nachher gesagt:

»Ich denk', es kommt halt darauf an, wie der Mensch ist. Der Fleißige bringt's im Eisenwerk leichter zu was. Beim Bauern kann ich Tag und Nacht arbeiten, es kommt mir nicht zu Nutzen und keine Stund der Wochen kann ich für mich selber sein. Und schon gar, wie es mir geht. Vorigen Winter habe ich einmal so Halsweh gehabt, schier zum Ersticken. Und der Schlund voller Blasen und so viel die Hitz'. Da haben sie mich im Stall liegen lassen auf dem Strohsack, drei Wochen lang, in Durst und Fieber, und erst wie zu einer kranken Kuh der Tierarzt gekommen ist und mich liegen gesehen und angeschaut hat, sagt er: Jesses, Leut, der hat ja die häutige Bräun! Nur geschwind Kuhfladen um den Hals binden. Gestorben bin ich freilich nicht, aber die Red ist mir verfallen gewesen monatelang, daß ich gar nichts hab' sagen können. Macht nix, hat mein Bauer gesprochen, reden braucht er eh nit, wenn er nur wieder arbeiten kann. Das kann ich freilich, aber was hilft's? Wenn ich alt oder krank werd', hab' ich doch nichts. Schlechter kann's auch im Eisenwerk nicht sein, aber leicht besser, wenn ich fleißig sparen tu.«

Hierauf habe ich gesagt: »Laurentl, wenn du fleißig sparen tust, so probier's halt in Gottesnamen und gehe ins Werk.« Denn, habe ich bei mir selber gedacht, wenn der Bauer seine Dienstboten schlechter hält, wie das Vieh, so will ich weiter nichts drein reden.

Also mein junger Vetter ist Eisenwerksarbeiter geworden und hat Wort gehalten — hat fleißig gespart. Und weil er nicht mit den andern gehalten, die ihre Groschen verjubelten, so ist er bald ihr Gespött geworden. Dennoch hat ihn jede Partei — die rote wie die schwarze — für sich haben wollen. Er aber war ein nachdenklicher Bursche, hat die Roten und die Schwarzen beobachtet in ihren Grundsätzen und Handlungen, hat das eine von beiden angenommen und das andere von beiden verworfen, wie es eben in seinem Kopf schon fertig gewesen ist. Bei der Arbeit hat er willig und verläßlich seinen Mann gestellt, an Sonntagen ist er im schmucken Gewande des Obersteirers im Freien umhergegangen, hat mit Genossen, die ihm helfen konnten, »zweispannig« gesungen, oder ist allein über die Felder geschritten, um die Blumen anzuschauen, oder durch die Wälder, um den Rehen und Hirschen nachzuspähen und sich an ihrer schönen Gestalt zu ergötzen von weitem. Am Abend hat er sich eine Pfeife angezündet und ein Glas Wein getrunken in seiner Kammer, die er im Häuschen einer Witwe gemietet hatte. Die Frau achtete seiner gut und machte ihm's heimlich im warmen Neste ihres Besitztums. Das hat ihm wohlgefallen. Das Wirtshaus aber war ihm zu laut und zu dunstig gewesen. Manchmal hat er sich sogar mit einem Buche abgeplagt, in der Absicht, das Lesen zu lernen, denn seine Eltern hatten ihn vor lauter Liebe nicht in die Schule geschickt, weil er beim ersten Versuche gröhlend nach Hause gekommen war.

Die Genossen saßen in den Schänken, jeder auf dem Knie ein Mädel. Der Laurentl dachte bei einer Liebschaft allemal gleich ans Heiraten, an Kind und Kegel, an Haus und Hof, und dafür hatte er noch viel zu wenig in seinem Sparkassenbüchel. Fortweg gab es aber junge Frauenzimmer, die dem schmucken gutmütigen Burschen den Hof machten; er stellte sich allen Anspielungen gegenüber dumm, so gut er sie auch verstand. Eine besonders zudringliche Fliege fand sich vor, die, weil sie schmeichlerisch geartet und so niedlich gerundet war, dem Jungen allmählich an die Nerven ging. Des Wagemeisters Älteste war's. Und weil sie ihn jeden Abend, wenn er aus der Schicht kam, lieblich anlachte, und ihm einmal das Halsbindel ordnete und dabei mit den zarten Fingerlein an seine Wange strich und sein Ohr kneipte, so fragte er sie dreist, ob sie ihn haben wolle. Er wäre ihr nicht zuwider, meinte sie offenherzig. Aber heiraten werde er sie nicht, gestand er. Das verlange sie auch nicht, war ihre Antwort. Im ersten Augenblick gefiel ihm diese Bescheidenheit, nachher jedoch kam es ihm vor, daß er an dem Frauenzimmer gerade darum keine Freude haben könne, weil ihr das Heiraten gleichgültig war. Wenn eine Lieb' nicht so groß ist, daß sie beständig sein will, dann ist sie zu klein. — Er überließ sie einem Genossen, dem eine solche Gesinnung ungemein gefiel, und gab sich zufrieden daheim in der kühlen Kammer, nachbarlich der Witwe. Und es fügte sich mählich etwas anderes, so daß, was das Heiraten anbelangt, zwei beide einverstanden waren. Aber, das soll anmutig erzählt werden.

Mir war es schon aufgefallen, daß der Laurentl an Sonntagen so besonders ausgeschmückt umherging. Nicht allein, daß er im Knopfloch die rote Nelke trug, und allemal eine ganz frische, auch sein grüner Hut war aufgestrammt mit Hahnenstoß und Gemsbart, und an der Uhrkette hatte er zwei in Silber gefaßte Tigerzähne und etliche alte Silbertaler hängen, daß es nur so klinselte, wenn er mit seinen langen Beinen würdig daherschritt. Auf dem Kirchplatz hatte ich ihn ein paarmal neben hausgesessenen Männern stehen sehen, und wie er sich von einem solchen sogar Tabakfeuer geben ließ. Mir fiel aber nichts weiter auf, bis er eines Tages schier feierlich bei mir vorsprach. Und er wollte halt den Oheim um einen guten Rat fragen.

»Oheim, ich hab mir's überlegt. Im Eisenwerk freut's mich nimmer. Der Mensch rackert sich ab und weiß nicht, für wen. Seit sechs Jahren hab ich mir wohl ein bissel was erspart, so daß wir die paar hundert Gulden gleich wegzahlen mögen beim Häusel.«

»Bei welchem Häusel?« habe ich gefragt.

»Weil ich halt«, bog er ab, »jetzt einmal Ernst machen möchte. Wenn der Mensch einmal siebenundzwanzig Jahr alt ist, wird er nimmer viel besser.«

Nun fing ich an, ihn zu verstehen.

»Eh eine alte Bekannte«, fuhr er fort. »Und eine Häuselschneck ist sie auch, daß ich mir's einmal bissel leichter geschehen lassen könnt'.«

»Wenn's nur eine ist, die du gern hast«, war mein Einwand.

»Und sie hat mich noch lieber,« fuhr es ihm heraus. »Wir werden hübsch zusammenpassen, denk' ich. Nach großer Jungheit frag ich nicht viel, wenn sie nur sonst gut ist. Soll auch ihren ersten Mann gut behandelt haben.«

»Ihren ersten Mann?«

»Es ist halt meine Zimmerfrau, die Frau Leitl.«

»Behandelt, sagst du, hätte sie schon einen? Und von der willst du dich auch behandeln lassen? Komm zu dir, Laurentl. Willst du nicht eine nehmen, die du behandeln kannst.«

»Und deswegen möcht ich den Herrn Oheim halt um Rat fragen.«

»Geh, geh. Heiraten wollen und um Rat fragen! Wer in dieser Sache einmal um Rat fragt, dem sagt man: nein. Und nachher folgt er erst nicht. Geh heim, Laurentl, und schlaf dich aus!«

Da sagt er ganz weichmütig: »Meine eigene Mutter kunnt nicht besser auf mich schauen, wie die Frau Leitl auf mich. Und das Essen! Alle zweiten Tag kocht sie mir Speckknödeln und schlampertes Kraut dazu, weil sie weiß, daß ich's gern ess'. Und alle anderen zweiten Tag gibt's Eierschmarrn mit Gurkensalat, weil ich auch das gerne ess'. Und wie sie mir aufs Gewand schaut! Und auf die Wäsch! Und aufs Bett.«

»Kann mir's denken. Wenn's deine Mutter wär', tät's alles stimmen. Und sie könnt's auch sein. Ist sie nicht schon fünfzig?«

»Oh nein, noch nicht ganz achtundvierzig!« beteuert er.

»Nimm sie nicht!« schrei ich ihm zu. Es ist wie ein schriller Notschrei.

Da wird er stumm und läßt seine Augen auf dem Fußboden hin und her zucken; vor seinem Fuß ist ein Ast in den Dielen, auf dem wetzt er mit der Fußspitze hin und her. Dann zieht er sein blaues Sacktuch heraus, das hat an der Ecke einen Knoten.

»Den — den da«, stotterte er und hielt mir den Knoten vor das Gesicht, »den hat sie mir gemacht, dazumal. Daß ich nicht vergessen sollt —. Weil ich ihr's halt versprochen hab — 's Heiraten.«

»So! Und da fragst du noch um Rat? Wenn es so steht, dann bist schon verheiratet, ich sag es dir. Was soll ich dir nur für ein Hochzeitsgeschenk geben? Vielleicht ein Lotterbett. Wiege braucht ihr keine.«

Ich war zornig. Mich dauerte der Junge, aber größer als das Mitleid war die Entrüstung über seine Dummheit.

Dann haben sie geheiratet. Er hat ihr sich selbst verschrieben, sie ihm das Häusel, eine moderige Holzhütte, die auf der Straßenseite ein fast neues Schindeldach und auf der rückwärtigen Seite ein durchlöchertes, halb verfaultes Strohdach hatte. Und nun war der Laurentl Hausbesitzer! Er ging von jetzt ab nicht mehr in das Eisenwerk, sondern bebaute das kleine Feld und mähte das Wieslein und fütterte die Kuh. Er arbeitete mit Fleiß und Lust, er freute sich seiner Wirtschaft. Sein Weib versorgte das Häusel und hatte stets einen Kranz alter Freundinnen um sich, die sie mit Kaffee bewirtete und denen sie, wenn sie fortgingen, Mehl, Butter und Eier mitgab. Die Freundinnen schenkten auch zurück: war's ein Hut mit roten Bändern, war's eine versilberte Busennadel, war's gar ein Samtaufputz für den Sonntagsrock. Auch der Laurentl war die erste Zeit nicht karg gewesen und so stolzierte die Frau Leitl, jetzt Frau Egghofer, auf dem Kirchweg recht proper einher. Um so schlichter sah der Laurentl aus. Er ließ sich nicht Herr Egghofer nennen, hatte an der Uhrkette auch keine Silbertaler mehr hängen und sein schöner, grauer Steirerrock mit den grünen Aufschlägen war schon so oft sorgfältig ausgebürstet worden, bis man nun die nackten, ins Kreuz gewebten Fäden sah.

Nachdem eine Weile vorüber war, fragte ich ihn auf einer der zufälligen Begegnungen, wie es ihm eigentlich gehe. Da antwortete er: »So wie man sich's denkt, ist es nirgends. Es hat überall was.« Und nichts weiter. Aha, es stinkt schon! — Beunruhigt habe ich ihn nach einer Weile das zweitemal gefragt. Er antwortete: »Es war früher nichts und es ist jetzt nichts.« Und ging seinen Weg.

So. Das ist just nicht viel. Nichts ist freilich nicht viel. Und sein Aussehen wollte mir nicht gefallen. Ein gebeugter Nacken, ein fahlgrünes Gesicht, ein schläfriges Auge. Ist das der Laurentl?

Und dann eines Abends. Ich ging über die Berge heim, es war schon spät. Nach heißem Tage eine feuchte Luft. In einer Lache quakten Frösche; ich meine, zwei waren ihrer, der eine quakte Tenor, der andere Baß; es war sicherlich ein Eheduett. Neben der Lache, in der sich der Abendhimmel spiegelte, sah ich etwas Dunkles, das sich ein wenig regte. Und war's mein Laurentl.

»Herrgott!« rufe ich, »wie du einen erschrecken magst! Was tust denn da?«

»Weil sie so schön singen miteinand!« antwortete er.

»Wenn du ein Frosch wärest, wollt es mich nicht wundern. Aber du bist ein Leut. Und Leute kriegen das Fieber an der Lache, bei der Nacht.«

»Wäre mir auch alles eins.«

»Jetzt wirst du aber gleich aufstehen und mit mir gehen und sagen, was dir ist.« Denn mir stieß seinetwegen schon das Elend auf. Alles redete, nur er nicht.

Er ging dann des Weges neben mir her und behauptete sehr kühl, daß es ihm gut gehe, und daß, wenn es anders wäre, ihm ohnehin niemand helfen könne.

»Du willst mir's also nicht sagen?«

»Zu was denn auch?«

»So will ich es dir sagen, Laurentl. Deine Nachbarn, die Augen und Ohren aufmachen, wissen wenigstens so viel von deinem häuslichen Glück, als du selber. Ja, mein lieber Laurentl, du hast schon die Richtige erwischt. Zwei Gesichter hat manches Eheweib, ein gutes für die Fremden und ein böses für daheim. Und du bekommst das erste seit deiner Hochzeit schon gar nimmer zu sehen, nicht einmal Sonntags unter dem Aufputz. In der Wirtschaft ist sie dumm wie ein Strohbund, und wenn du nach eigenem Willen was machen willst auf dem Feld, so heißt's, das ginge dich nichts an, die Besitzung hätte sie zugebracht. Was du mit Fleiß erwirbst, das vertut sie an ihre Kaffeeschwestern oder laßt es im Kasten verderben, bis es stinkt. Nachher ist's für dich noch gut genug. Mit einem Teil der paar Groschen, die du zugebracht hast, hat sie endlich einmal die Wirtshausschulden ihres Ersten bezahlt. Das war einer, der's gewußt hat, wo man wegen der bösen Weiber Trost findet. Von dem andern Teil deiner paar Groschen — nein, nichts, nichts. Daß der vazierende Nagelschmied mit einer neuen silbernen —«

In diesem Augenblick hat er mich scharf unterbrochen: »Das ist nicht wahr! Sie ist ein böses Weib, aber ein schlechtes Weib ist sie nicht!«

Es wundert mich kaum, daß er meinen Satz verstanden, bevor er zu Ende gesagt war.

Wie wir so eine Weile schweigend nebeneinander hingegangen sind entlang der Pappelallee, und wie mir der arme Junge weh tut wie ein Blutstropfen in der entzündeten Wunde, da spreche ich: »Laurentl, du hast mich oft um Rat gefragt, wo ich dir keinen geben konnte, oder wo du ihn nicht befolgt hast. Heute könnte ich dir vielleicht raten und du möchtest ihn gerne befolgen.«

Da ist er mitten auf der Straße stehengeblieben und ich mit ihm. Und da habe ich gesagt: »Laurentl, du mußt dich scheiden lassen.«

Er hebt wieder an zu gehen und murmelt: »Wenn das ginge, mein lieber Oheim, dann wäre es freilich leicht. Aber ich habe ihr vor dem Altar die Treue bis in den Tod versprochen.«

Jetzt habe ich nach seinem Arm gegriffen. Der war wirklich, es war kein Geist, der so gesprochen, es war in aller Wesenheit ein Mensch aus dem neunzehnten Jahrhundert.

»Ach ja so!« rufe ich überlaut. »Die Treue bis in den Tod hast du ihr versprochen. Na, dann ist's was anders.«

Wir kommen an den Rand des Dorfes, wo unter dem Rain sein Häuslein steht. An der Schranke sagt er traurig: »Gute Nacht!« und geht über den Anger. In einem der Fenster liegt glutiger Schein, ein roter Vorhang ist vorgezogen. In den Ahornen flüstert der Nachtwind, da fächelt der Fenstervorhang in die Stube hinein, ein-, zweimal — und nun hat's der Laurentl gesehen. Mit großen Schritten ist er wieder zurück zum Weg gelaufen und hat mir ein paar Atemzüge zugestoßen: »Er ist drinnen bei ihr!« Und fort, fort in die finstere Nacht hinaus. — Da habe ich ihm wohl nachdenken müssen: Armer Knabe, dir ist nicht zu helfen. Du bist so grenzenlos ungeschickt. Hättest du jetzt zugegriffen, so wärest du Herr der Dinge gewesen, hättest deine saubere Alte gleich am Nagelschmied hängen lassen können.

Darauf gehen einige Tage dahin, da hört man, unten im Lahmtal, in der Ziegelbrennerhütte liege der Laurentl Egghofer krank danieder. Die Ziegelschläger-Leute, Stockitaliener, die man gar nicht versteht, hätten ihn auf der Gasse gefunden, mit sich genommen und der Alte habe ihm sein Bett abgetreten. Im Dorfe war's gar nicht bekannt gewesen, daß er fehlte; erst als die Frau Egghoferin merkte, daß es den Leuten auffiel, fing sie an zu jammern, sie wisse nicht, wo ihr Mann bliebe. Sie habe immer Angst um ihn; so oft er ausgehe, habe sie Angst; sie habe einmal schon den Fall durchgemacht, Gott bewahre, daß sie das zweitemal einen Mann verlieren müsse. Und so einen Mann! — Und dann zählte sie seine Vorzüge auf, so daß man sich ordentlich freuen mußte, wie diese brave Frau ihren Gatten schätzte. Als es hieß, daß er in der Ziegelbrennerhütte liege und das Nervenfieber sei über ihn gekommen, fand sie, daß er ohne Lebensgefahr nicht transportiert werden könne, so gern sie einen Finger ihrer Hand geben möchte, wenn sie ihren guten Laurentl jetzt bei sich haben könnte.

Plötzlich steigerte sich ihre Sorge um ihn ins Leidenschaftliche. Sie ging hinab ins Lahmtal, umkreiste die Ziegelhütte und lauerte. Sie hatte nämlich in Erfahrung gebracht, daß in der italienischen Familie auch ein erwachsenes Mädel wäre. Sie wollte in die Hütte, aber der alte Katzelmacher wies sie zurück, denn der Kranke hatte zu verstehen gegeben: Nur diese Person sollte man nicht zu ihm hereinlassen. So lag sie eine ganze Nacht draußen auf einem Backsteinstoß und beteuerte Vorübergehenden, hier wolle sie sterben. Er sei so im Delirium; sie, die er sonst auf den Händen trage, die er nie anders, als sein Herztäuberl genannt, erkenne er jetzt gar nicht wieder und sehe in Fieberphantasien an ihr weiß Gott was Schlimmes. Sie sei trostlos, sie wolle nicht mehr leben, wenn er stürbe!

Ob er ihr den Nagelschmied schicken solle? fragte ein sehr boshafter Fuhrmann; sie hörte es nicht, sondern weinte laut. Jetzt war aber der Kranke drin in der Hütte einer von solchen, die kein Weibsbild weinen hören können. Die Welschen verstopften rasch das Fenster mit einem Strohschaub, denn sie hatten nun mancherlei begriffen. Die erwachsene Tochter sprach nämlich ein wenig deutsch und so verstand sich die Wärterin zur Not mit dem Pflegling. Ich hatte auf einem Besuche gesehen, daß der Laurentl bei diesen weltfremden Leuten weit besser aufgehoben sei, als in seinem Rainhäusel und war menschenfreundlich genug, das draußen der trostlosen Ehefrau zu hinterbringen. Mehrmals hatte sie auch durch die Tür »die welsche Schlange mit dem schwarzen Haar« gesehen, und da drohte ihr Schmerz um den kranken Mann in Raserei auszuarten. — Und plötzlich mit einem Katzensprung war sie in der Hütte. Auf das Bett stürzte sie hin und fiel dem Kranken um den Hals. »Und wenn ich dich mit blutigen Händen und Füßen heim muß tragen, mein Laurentl, aus lass' ich dich nimmer. Du bist ja mein Lieb! Du bist ja mein Herz!« Sie küßte ihn stürmisch. Er lag erschöpft und hilflos in ihrem Arm und wer weiß, ob sie ihn nicht davongeschleppt hätte, wenn nicht der Arzt erschienen wäre.

»Liebe Frau Leitl!« sagte dieser, ich glaube, daß ihm die Ansprache nicht von Herzen ging, »der Kranke gehört mir. Gehen Sie nur ruhig heim mit der Versicherung, daß er hier leichter genesen wird als zu Hause.«

Und sie hernach zu den Leuten: »Freilich am leichtesten tät' er zu Hause gesund werden bei der guten Pflege, sagt der Herr Doktor, aber er kann's Überführen nicht aushalten, der arme Mensch!«

Denn auf den guten Anschein hielt sie was, die kluge Frau, hätte nur der rote Vorhang nicht manchmal so geflattert im Nachtwind. Und Augen, die zwischen Vorhängen durch was bemerken, sehen am Ende auch durch dicke Wände.

Der Laurentl war seit dem Eintreten seiner Frau in die Ziegelhütte sehr unruhig und aufgeregt. »Sie ist halt doch gut. Sie ist halt doch gut!« sagte er, trotzdem das Fieber endlich vorbei war. Und zu einer Stunde, als just niemand gegenwärtig war, stand er vom Bette auf, zog sich hastig an und schlich ohne Dank und Gruß davon.

Am nächsten Tag wußte man es in der ganzen Gegend: Bei den Welschen habe es der kranke Laurent Egghofer nicht mehr länger aushalten können, das seien unsaubere Leute, man könne sich darunter denken was der Will. Nur zu seinem Weib hätt's ihn gezogen, und wenn er je einmal schlecht gestimmt gewesen sei — mein Gott, kränklichen Leuten dürfe man das nicht verübeln — jetzt werde er wissen, was er an ihr hat!

In der hinteren Kammer, wo der mürfelnde Wäschekasten, das alte Schuhwerk und die Mäuse waren, hatte die sorgsame Ehewirtin ihren Laurentl gebettet, dieweilen das vordere Zimmer frei sein mußte für die Kaffeegesellschaften und für sonstige Gäste. Der Nagelschmied verstand etwas von Medizin und so sprach er natürlich zu, um sich nach dem Kranken zu erkundigen und gute Mittel anzuraten. Um diese Zeit begegnete ich der Frau Egghofer auf der Gasse, sie trug ihren buntesten Hut, ein ganzer Garten von Papier- und Seidenblumen zierte ihr Haupt, dessen grauende Haarsträhne im Kreise gewunden sich geschickt hinter der Flora zu verbergen suchten. Sie war sehr aufgeräumt und trug unter der Schürze etwas wie eine Flasche.

»Wie geht's?« mußte ich sie fragen. »Ist der Kranke doch schon so weit, daß er Wein trinken soll?«

»Aber ja!« lachte sie.

»Ich will ihn bald wieder besuchen.«

»Es wird ihn g'freuen. Obschon er just kein großer Freund von Besuchen ist. Sie regen ihn auf, sagt er. Und sind halt am frohesten allein beieinander, wir zwei. Gar leutscheu ist er worden, das bleibt gern von einer solchen Krankheit zurück. Wird auch wieder gut werden und nachher, später einmal muß uns der Herr Onkel wohl einmal die Ehr schenken auf einen Löffel Suppe. Ja, behüt Gott schön!«

Aha, dachte ich mir, es wird Zeit sein, daß ich mich wieder einmal nach ihm umsehe. Besser heute, als morgen. — Und als die Frau über Seheweite hinaus war, ging ich ihr nach bis zu ihrem Häuslein. Arg entzückt war sie nicht, schien es eilig in häuslicher Arbeit zu haben und wies mich in die vordere Stube.

»Aber ich will zum Laurentl.«

»Mein Gott, ist denn gar keine Ruh' mehr für den armen Mann. Er schläft jetzt und Schlaf ist die beste Stärkung, sagt der Arzt, im Schlaf darf er nicht gestört werden, sagt er, und so viel Anrecht werde ich wohl noch haben an meinem Mann, daß ich Schaden von ihm abhalte. Nein, ich lass' niemand hinein!«

So breit sie sich mit gespitzten Ellbogen vor die Tür der hinteren Kammer stellte, ich beging den Hausfriedensbruch. Mit Gewalt sie zurückschiebend und die Tür aufreißend stand ich in der dunklen Kammer. Und vor mir der struppige Nagelschmied in Hemdärmeln, der just einen alten Weiberschuh in der Flickarbeit hatte. — Und der Laurentl? Der war nicht da. Das schmale Bett, in dem ich ihn ein paar Wochen früher liegend gefunden hatte, war mit weichen, roten Kissen hoch aufgeschichtet; die Truhe, auf der die Medizinflaschen und Schalen gestanden, war abgeräumt und vom Laurentl keine Spur.

»Wo ist er denn?« fährt's mir scharf heraus.

»Nu, wo wird er denn sein!« gibt sie an der Tür zur Antwort, »wenn er da nicht ist, wird er wohl wo anders sein.«

Der Nagelschmied schmunzelte behaglich und schaute mit verschmitzten Augen umher. An der Wand hing Laurentls Steirergewand, das einmal so schön gewesen war. Ich ging auf den Dachboden; da gab es alte zerrissene Strümpfe, ein zerbrochenes Spinnrad und große Fetzenbündel. Es war die Ablagerungsstätte eines Lumpensammlers. Ich ging in die Küche; da gab es in Töpfen und Pfannen vertrocknete Speisereste und zwei Hühner stiegen auf dem Herde umher und kratzten in der Asche. Ich ging in den Keller, da lagen halbverfaulte Erdäpfel umher, da stand in flachen Schüsseln Milch, in welcher Fliegen und Käfer ertrunken waren. Ich ging in den Stall; da stand eine magere Kuh, deren hinterer Teil in einem Panzer von Mistkrusten prangte. Auf dem Fußboden fußtiefe Unsauberkeiten, in allen Winkeln Spinnweben. Aber, den ich suchte, er war nicht zu finden.

Auf die ernstliche Frage, wohin sie den Kranken getan habe, lachte sie grell auf. Ob ich denn glaube, daß sie ihn gefressen hätte? Ob sie etwas könne dafür, daß er davonlaufe in der Nacht, wie ein Wicht? Sei er jämmerlich krank, da wisse er sie, sein armes Weib, schon zu finden, daß sie ihn pflege und begute und tagelang kein Auge schließe. Und sei er endlich wieder auf den Füßen, dann renne er welschen Dirnen nach! Und sogar die Brieftasche habe er mitgenommen, so daß nicht einmal ein Groschen Geld im Hause sei und sie sein Gewand würde verkaufen müssen.

Ich ging zum Arzt. Auch der wußte nichts vom Laurentl. Die Krankheit habe sich wohl schon gelöst gehabt, aber eine große Aufgeregtheit wäre zurückgeblieben. Wenn er, der Arzt, ins Haus gekommen, sei scheinbar alles eitel Wohlgefallen gewesen, die Frau voller Artigkeit und Zärtlichkeit, allein der Patient sei immer verstört gewesen und man habe unschwer wahrnehmen können, daß etwas durchaus nicht in Ordnung ist. In den letzten Tagen sei der Arzt abgelehnt worden, die Frau habe ihm sagen lassen, der liebe Mann sei endlich so weit, daß er nichts mehr brauche und für die ärztlichen Besuche schön danke.

Lange hat die abscheuliche Ungewißheit, in der ich schwebte, nicht gedauert. Schon am nächsten Tage ist er gefunden worden in einem Dickicht, nahe am Waldweg, der in das Lahmtal hinabführt.

In eine alte fransige Bettdecke war er eingerollt, die er wohl vom Hause mitgenommen hatte. Ein gewaltsamer Tod war nicht festzustellen. Auf dem lehmfahlen Antlitz lag eine behagliche, fast heitere Ruhe. An einem der Ohren jedoch hatte schon ein Rabe genascht.

Bei dem Begräbnisse war das halbe Dorf zugegen und viele Arbeiterschaft des Eisenwerkes. Alle hatten ihn gern gehabt. Die Witwe — ach, nun war sie's das zweitemal! — trauerte sehr. Als sie am offenen Grabe eine Flasche mit Weihwasser auf den Sarg hinableerte, wimmerte sie ihm Lobsprüche nach und der Schmerz war so groß, daß sie ohnmächtig auf den Erdhaufen sank, aber so, daß ihr neuer Hut mit den schwarzen Seidenbändern nicht Schaden nahm.

Zwei gute Männer so zu verlieren!

Der Nagelschmied, der vazierende, ist ihr dritter geworden. Und dieser Tapfere fand die Freuden des heiligen Ehestandes darin, daß er sein Weib ungefähr alle Wochen zweimal mit einem zähen Haselstock behandelte.

Der Haselstock ist aufgebraucht, die Alte nicht.