Das war ein hartes Wandern! Weitaus das härteste, das sie je erfahren hatten. Gewohnt, aufs Volk hinabzuschauen. Und jetzt mußten sie so steil zum Volke hinauf.
Zwei bärtige Männer kletterten unter großen Bündeln eingeknickt hinan den steinigen Waldweg. Zwei andere Männer, die an ihren blauen Fräcken glänzende Knöpfe hatten, führten jeder eine Frau am Arm. Der eine die weißhaarige Matrone, die sich seufzend und schwer an seinen Arm stützte; der andere ein schlankes junges Fräulein, das am liebsten ohne Führung und Stütze auf allen vieren gelaufen wäre. Der Hohlweg war danach. Wasser sickerte zwischen den Steinen, Erlsträucher und Kiefernstrupp wucherten bösartig nieder und kratzten, wenn es leicht sein konnte, das feine, blasse Mägdlein an den Wangen.
Vor einem anrückenden Trupp Franzosen geflohen, hatten sie ihrer Väter stattliches Schloß verlassen, um zu einem Lehenhofe hinaufzusteigen, der hoch im Gebiete der Almmatten liegt. Sie kamen an einen lichten Platz unter Lärchen, wo der Blick frei ward ins Tal, das schon blauend fern in der Tiefe lag, und wo in der andern Richtung ein silberweißes Steingebirge stand, wie es die Frauen bisher nie gesehen, nur manchmal nennen gehört hatten von den Gemsjägern. Die Matrone suchte mit ihren Augen das Schloß und fand es nicht. Der Begleiter erst mußte es weisen: Jenes graue Würflein mit den schwarzen Punkten. Und das winzige Ding soll die alte große Kronburg sein? Ein Würfel! Mit dem der Himmel jetzt lost um Menschenglück!
»Ich glaube gar, auf dem Turm steht die Trikolore schon!« sagte der Führer und guckte durch das Rohr seiner hohlen Faust hinab.
»Mon Dieu, ich ertrage es nicht!« sagte die Matrone mit leiser Stimme. »Wir hätten doch den Willen des Grafen tun sollen.«
»Nein, Mama!« rief jetzt das Fräulein, »niederbrennen nicht, das liebe Haus!«
»Lieber in Asche, als daß dieser schreckliche Feind drinnen haust! Kannst du je eine heimliche Stunde haben in den Mauern, die durch diesen korsischen Bluthund entweiht worden sind?«
»Nein, Mama, der Bonaparte wird nicht kommen.«
»Er wird schon im Schlosse sein!« eiferte die Matrone.
Darauf sagte einer der Männer: »Schade, daß einem so was nicht früher einfällt. Wir haben die Pulverfässer in der Muhrhöhle versteckt. Die wären im Schloßkeller viel besser aufgehoben gewesen. Mit offenem Deckel. Und ein Kerzenlicht drauf hingestellt!«
»Bum!« machte der andere. »Gegen Himmel sprengen, den Lumpen! Zur Höll' fahren wird er nachher schon selber.«
»Lasset das, Leute,« verwies die Frau, »es wird einer kommen, der stärker ist als er. Trachtet nur, im Kürnhof ein leidliches Asyl zu schaffen. Für ein paar Wochen. Lange kann's ja nicht dauern.«
Als sie noch so sprachen, kam den Berg herab eine stattliche Weibsperson, diese eilte sofort der Matrone zu: »Eure Gnaden, da oben ist's nix. Wir müssen wieder 'nunter!«
»Kein Platz?«
»Drei Stuben. Der Kürnhofer hat sich mit Weib und Kind schon in den Heustadel gezogen. Aber nichts zu essen, Gnaden, Frau Gräfin! — Wohl, wohl, Milch, Mehl, Butter genug, aber diese Küche! Gott, da schaut's aus! Die Küche ist Holzasen, Schlafkammer und Hühnerstall zugleich, meiner Tag hab' ich's nicht gesehen. Und dieser Rauch! Und dieser Ruß! Und dieses Geschirr! Drei Hafen, drei Schüsseln, eine alte Pfanne, eine Feuerzange, ein Reibeisen, ein Kochlöffel, ein Schabmesser — jetzt sind wir fertig mit dem Zeug, damit soll der Mensch kochen! Nein, Gnaden, da tu ich nit mit! Da gehe ich lieber zurück, zu den Franzosen hinab, wo man alles herzunehmen hat!«
»Sei nicht dumm, Stanzi!« verwies die Gräfin. Dann sind sie weiter angestiegen.
Der Kürnhof lag auf flacher Almhöhe. Nach zwei Seiten sah man hinab in die bergige Welt; hinter dem Hause stand ein Schachen mit alten finsteren Wettertannen. Vor dem Hause ein gurgelnder Brunnen, ein verwildertes Gärtlein mit Nelken, Königskerzen und kümmerlichem Salat. Auf dem Anger Schweine mit Ferkeln, in der umzäunten Halde Schafe mit Lämmern, auf der Weide Kühe mit Kalben, auf der Planke Hühner mit Küchlein, an der Haustüre ein gutmütig knurrender Kettenhund, auf dem Firste eine scheckige Katze, um den Giebel kreisende Schwalben. Im Innenhofe war eine Magd, die hackte grüne Fichtenzweige zu Streu. In der Holzhütte war ein Knecht, der schnitt einen Block entzwei. Weiterhin waren Mähder und Heuer und mit der Peitsche knallende Hirten. Das Haus war alt, hatte ein bemoostes Bretterdach, braune Holzwände mit kleinen Fenstern und einen Söller, an welchem bunte Zeuge hingen, so daß das Fräulein im ersten Augenblick meinte, der Kürnbauer hätte zu Ehren der Ankömmlinge beflaggt. Es war aber nur Wäsche zum Trocknen.
Der Hausvater kam zur Tür heraus und trat den Gästen entgegen. Ein alter, hagerer Mann, an dem alles krumm war: die Beine, die Arme, die Finger, die Nase, und alles eckig: die Backen, die Stirn, die Achseln, die Ellbogen, die Knie. Die letzteren hielt er weit auseinander, als hätte er ein Pferd zwischen den Beinen. Die Schenkel dünn und mit falber Lederhose eng umspannt. Die Lodenjacke so kurz, daß man zwischen ihr und der Hose am Rücken das lehmfarbige Rupfenhemd sah. Der Hals lang und voller Runzeln, die Wangen rot wie ein Hahnenkamm und sorgfältig rasiert. Der Mund ging so breit auseinander und die grünlichen Äuglein zuckten so munter aus der halb gesenkten Hülle hervor, daß es schien, der Mann lache immer. Mit weiten schnellen Schritten ritt er heran, seinen breitkrempigen Filzhut tat er herab, so daß das schüttere graue Haar im Winde flog. So schritt er mit hastigen Schritten heran und rief mit dünner Stimme: »Hopassa, da seins! — Der Herr Gnaden Graf nit da? der tut leicht Franzosen derschlagen? Brav. Die Frau Gräfin tu ich eh schon kennen, ei ja, das wohl. Ist das die Tochter? Saggra, das ist eine bildsaubere Gredl!«
Wie drollig wäre es gewesen, dem plaudersamen Bergmenschen nur so unterwegs zu begegnen! Aber den als Gesellschafter, wer weiß, wie viele Wochen lang!
»Ja, ist schon recht, Kürnhofer,« antwortete ihm einer der tragenden Männer, »weiset uns nur die bereitete Wohnung an, daß die hohen Herrschaften sich ausruhen können.«
An der Tür stand die Hausmutter, ein kleines dickes Weib, dessen blaue Schürze an beiden Seiten bis hinten reichte. Das Hemd weit über die vollen Arme zurückgestreift, dann ein Kopf und ein Kropf. Der Kropf hatte zur rechten Seite einen kleinen Knollen und zur linken einen großen. Der Kopf war mit turbanartigem Tuch umbunden, das Gesicht rund und frisch hatte für einen mit guten Augen tausend feine Runzeln, für einen mit schlechten — gar keine. Das Näschen saß bescheidentlich zwischen den vollen Backen, der kleine Mund war fast viereckig, so daß sie kein Verstecken spielen konnte mit der einen Zahnlücke zwischen dem kräftigen Gebiß. An ihrer Schürze hingen ein paar Kinder, vielleicht auch drei, oder noch mehr, es war gerade nur so regsam lebendig um das Weib herum.
Gegen ihren Mann einen heftigen Deuter machte sie: »Schwatzen sollst nit so viel!« Dann trat sie vor und wollte den Frauen bescheidentlich die Hand küssen.
»Lasset das gut sein, Kürnhofbäuerin,« sagte die Gräfin ernsthaft. »Jetzt sind wir ärmer als ihr da auf dem hohen Berge. Gott prüft uns hart. Es wird wohl bald wieder in die Wege kommen und dann soll es unvergessen sein, daß ihr uns Unterstand und Schutz gegeben habt in Zeiten der Not.«
»Mein Gott, Euer Gnaden! Aber so was!« entgegnete die Bäuerin, da kugelten ihr auch schon ein paar Tropfen über die Wangen. »Wir sind ja der gnädigen Herrschaft Dienersleut'! Zu tausendmal gern, was wir tun können. Aber geduldig sein heißt's wohl bei uns! Bitt gar schön, uns es doch nit übel aufmessen, wenn ich was Ungeschicktes mach, oder wer sonst und wenn wir's halt nit so bieten können, wie's die gnädige Herrschaft gewohnt ist. Alles ist halt bei uns so viel dreckig.«
Kaum gesagt, war's ihr selber zu Mut: Um ein Wort zu viel geredt hast! Derweil du dich seiner schämst, machst du es selber noch dümmer! Und es ist auch gar nicht wahr. Hast nicht seit einer halben Woche gefegt und gescheuert, daß dir heut noch der Buckel krumm ist? Zu was denn sich selber heruntersetzen, wenn's nit wahr ist!
Die Stuben, in welche die Frau Gräfin nun geführt wurde, waren ja überaus proper. Kein Spinnwebfaden in den Winkeln, kein Fliegenpünktlein an den Fenstergläsern, und auf den Fußdielen hätte man Nudelteig walzen können, so blank waren sie gescheuert. In der Schlafstube stand ein großer Kachelofen, ein Tisch mit Wandbänken und zwei Stühlen, dann waren zwei Kästen da und zwei hoch aufgedonnerte Betten mit schneeweißer Wäsche und blauen Steppdecken. Es war eine hellblickende und frisch tickende Schwarzwälderin da, am Wandröllchen ein mit roten Streifen gesticktes Abwischtuch, und es waren ein paar böhmische Glasbilder an der Wand, den heiligen Florian vorstellend und den heiligen Josef mit dem Kinde. Und am Türpfosten hing ein grünglasiertes Weihbrunngefäß.
»Euer Gnaden müssen halt schon zufrieden sein mit der Einrichtung,« sagte die Hausmutter und bei sich dachte sie: Da können sie freilich leicht zufrieden sein, wenn man ihnen alles Gute und Schöne zusammenschleppt vom ganzen Haus. Feiner mag sie's wohl haben in ihrem Gschloß, aber besser nit, selb glaub ich nit.
Als die Gräfin in der Stube allein war, schlug sie die Hände zusammen und starrte verzweifelt umher. — »Und da sollen wir wohnen, ich und mein armes Kind! Wenn alles fehlt, aber gar alles! Der Waschtisch, die Vorhänge, die Spiegel, die Armleuchter. Und dieser Geruch! wie morsches Holz! Oh! ces maudits Français!«
Dem Riechen nach morschem Holz sollte abgeholfen werden. Der Kürnhofbauer trat in die Stube, setzte sich an das Fußende des Bettes, fragte nach diesem und jenem, was es Neues gebe und ob der Franzos auch Weibsbilder fresse? Dabei begann er sich mit Stahl und Stein Feuer zu schlagen für eine Pfeife Tabak. Die Dame antwortete rasch, die österreichische Armee sei im Anmarsch und sie würde doch mit Gottes Hilfe den Feind bald überwältigen, und sie — die Gräfin — wolle jetzt hinaus in die reine Luft und ein bißchen die Gegend betrachten.
»Ist eh recht!« sagte der Alte, blieb sitzen und rauchte die Stube so dick mit stinkendem Tabakqualm an, daß die blauen Wolkenstreifen wie schlangenhafte Ungeheuer langsam umherschwammen im dämmerigen Raum. Die Hausmutter kam, jagte den Rauch zu den Fenstern hinaus und den Alten zur Tür.
Die Köchin Stanzi war im Hofe auf Entdeckungsreisen begriffen, sie mußte die Quellen der Milch, der Eier, der Schinken erforschen. Zwei Knechte arbeiteten im Wagenschuppen, der Lenz und der Zenz. Der Lenz hatte ein rauhes braunes Gesicht und einen gelben buschigen Schnurrbart drin, der wie ein zerfetztes Strohdach den Mund verdeckte. Der Zenz hatte gar keinen Bart, aber eine aufgestülpte Nase und an der Oberlippe eine Hasenscharte. Die beiden sahen schmunzelnd dem rundlichen Weibsbild zu, das planlos umherstrich. Am Hoftor stellte der Zenz sich eng in den Weg, faßte sie ruhig an der Achsel und sagte lachend: »Gut ist's. Die ist schön herzunehmen.«
»Weg die Bratzen!« gab sie zur Antwort, erinnerte sich aber sofort ihrer vornehmen Stellung und sagte in zierlichem Schuldeutsch: »Das bitte ich mir sehr aus, meine Herren! Sie dürfen ja nicht glauben, wissen's! Mir gfallt's überhaupt nicht da ban enk heroben! Da sein ma die Franzosen noch lieber, de san wenigstens sauber gwachsen!«
Schupfte der Lenz seinen Bartwisch und sagte: »Der Sprach' nach bist nit weit her. Vom Franzosenland gewiß nit.«
»Aber kriegt hab' ich doch einen!« eiferte die Stanzi. »Ich wollt, ich wär' unten im Tal. Ich bin mein Lebtag kein sölchener Traumihnit gewest, wie die dasigen Mannerleut. Vor den Franzosen hab' ich mich mein Lebtag nit gefürchtet.«
»Gelt, und vor uns wirst dich auch nicht fürchten,« begütigte der Zenz und legte seinen Arm um ihre Mitte.
Mittlerweile war das junge Fräulein, die Komtesse Augustina, drüben an der Esche gestanden, versunken im Anschauen der Gegend. Ihr Auge war ungeübt im Weitschauen, das verstand nicht hinauszufliegen ins ätherblaue Bergrund, es ging diesen schönen schwarzen Augen wie den gefangenen Vöglein, wenn sie plötzlich frei werden. Sie wußte kaum, ob das, was sie sah, Berge oder Wolken waren, und im Tale die Dörfer, wie tief, wie fern, wie kaum zu erkennen! Heftig mußte sie atmen in der dünnen kühlen Luft. — Auf diesen hohen Berg, so dachte sie, kann er nicht herauf, der schreckliche Feind mit seinen Rössern und Kanonen. Wenn nur auch Papa da wäre und — zwei Schwalben schwirrten, einander munter verfolgend, so nahe an ihr vorüber, daß sie den Wind des Flügelschlages fühlte an den Wangen. — Daß es doch so lebendig sein kann in dieser Einöde. Et comme ces oiseaux se caressent! Je voudrais que mon chevalier fût près de moi! — Sie ging langsam zwischen den Gebäuden des Hofes dahin. An einer offenen Stalltüre stand sie still und sah, wie drinnen ein junges Dirnlein unter einer Kuh saß und mit den Fingern Milchstrahlen in einen Zuber leitete. Was ist denn das? Gott, das ist aber komisch! — Die Komtesse hatte noch nie eine Kuh melken gesehen. Sie errötete und eilte weiter.
In der Werkzeughütte auf einer Schnitzbank ritt ein junger Bursche und schnitt mit dem Reifmesser einen Spatenstiel zurecht. Er war in Hemdärmeln, hatte einen glatten strammen Nacken, und ein schönes falbes Flockenhaar. Das Gesicht sah sie nicht. Die Hobelspäne haben einen so merkwürdig feinen Geruch, sie blieb stehen.
»So! gut ist's, mein lieber Haustiel!« sagte der Bursche zu seinem Werke und wog es in den Händen, ob sich das Ding auch gut wird halten lassen. »Jetzt bist fertig, jetzt kannst heiraten.« Er steckte den Stiel an eine eiserne Haue und die junge Gräfin mußte hellauf lachen, daß dieser Mensch mit einem Stück Holz plauderte. Er wandte sich um, stand auf und sagte artig: »So sauber, jetzt werd' ich ausgelacht.«
»Nein, das nicht,« entgegnete sie rasch, »es ist nur so lustig, wie die Schwalben tanzen.«
»Ja, die haben freilich leicht tanzen, weil sie ihre eigenen Spielleut sind,« lachte der Bursche. Dann trat er ihr näher: »Ich glaube gar, das Töchterl von der gnädigen Herrschaft!«
Und sie dachte: Ein hübscher Junge ist's! Nur die Stirnknochen sind zu groß und den Schnurrbart hat der über den Augen. Sind aber auch die danach! Les beaux yeux des hommes tournent la tête aux dames.
»Sie bereiten sich da gewiß eine Waffe gegen den Feind!« sagte hernach die Komtesse, weil jetzt doch unweigerlich etwas gesagt werden mußte.
»Waffe? Ich?« fragte der junge Mann. »Aber schon gar nit, Mädel. Die Haue habe ich mir angeschaftet, zum Erdäpfel ausgraben.«
»Sie sind doch ein gesunder Mensch?« sagte das Fräulein und wollte schon die Frage tun, warum er nicht bei den Soldaten sei in solcher Zeit. Als ob es der Bursch erraten hätte, entgegnete er: »Es muß halt zum Hauswachten auch wer da sein. Haben eh schon in voriger Woche hinab wollen, ich und der Lenz und der Zenz, da hat der Vater gesagt: Wenn die Herrschaft kommt, da heißt's daheim bleiben. Auf ja und nein können ihrer ein Schippel da sein, wer hätt' die Verantwortung!«
»Also unsertwegen sind Sie zu Hause geblieben?«
»Jawohl, Dirndel!« rief er und faßte sie an beiden Händen. »Wir wollen miteinander Erdäpfel graben, gelt, hopsa!« Er schob sie in der Runde um sich. Dem Fräulein kam das schrecklich unpassend vor, aber ganz lustig. Moins une chose est convenable plus nous la goûtons, sagt der Franzose.
Nun wurde von einem Hirten die Herde zum Brunnen geleitet. Die vordere Kuh hielt ihre große Schnauze in den Trog und schlürfte mit Behagen das Wasser ein, daß die Bauchteile auf und nieder wogten. Rückwärts drängte ein grauer Stier, den dürstete auch, und vor Ungeduld hieb er sich mit dem buschigen Schweif mehrmals über den Rücken. Weil die Kuh nicht fertig werden wollte, so sprang er mit den Vorderfüßen an sie hinauf.
»Aber sehen Sie doch!« rief die Komtesse erschrocken, »wie eine Kuh auf die andere springt!«
»Das eine ist ja keine Kuh!« lachte der Bursch.
»Robert!« schmetterte die Hausmutter von der Türe her.
Daß die Morgensonne auch wagrecht ins Zimmer scheinen kann, das hatten die beiden Damen bisher kaum je einmal gesehen. Heute sahen sie's, die Sonne schien so zum Fenster herein, daß ihre Lichttafel schier oben an der Decke war. Über fernsten Bergen war sie heraufgekommen, ein glühendes Rad und draußen sangen die Finken, die Schwalben, die Amseln, die Lerchen. In einen Pelzmantel gehüllt eilte die Gräfin ins Freie, um zu sehen, ob im Tale irgendeine Spur der feindlichen Stellungen gesehen werden konnte. Im Tale lag ein weißer See, der erst am hohen Vormittag in leichten Wirbeln emporstieg, in dünnen Schleiern sich löste. Dann lag das Tal da, wie es gestern gelegen, nur daß zu dieser Tageszeit die Kirchtürme und Burgen im Lichte standen. Aber die Kronburg konnte man nicht sehen vom Kürnhofe aus.
Die alte Gräfin setzte sich zum Hausvater, der auf einem Stuhle ritt, der Stuhl hatte ein Amboßlein aus Stahl und darauf dängelte er eine Sense. Sie saß da, weil sie gerne mit dem Alten etwas gesprochen hätte, aber bei den gellenden Schlägen war ein Plaudern nicht möglich. — Sie schaute viel umher, beobachtete allerlei und wurde immer mißmutiger. Fi donc! Alles rings herum auf diesem Berge, die Gebräuche, die Menschen, die Tiere — alles so unsittlich!
»Ich weiß nicht, wie ich sagen soll, Kürnhofbauer. Meine Tochter hat eine sehr sorgfältige Erziehung genossen ...«
»Eh recht,« sagte der Bauer und dängelte: däng, däng, däng.
»En effet, oui, wie unseren Augapfel haben wir sie bewacht ...«
»Wird eh so sein.« Däng, däng, däng.
»Le barbare ne comprend pas! Eure Tochter — mit der mein teures Kind umgehen soll — sie ist wohl ganz unschuldig noch? Ich meine ...«
»Die Hilderl? Meine Hilderl?« fragte der Alte und ließ den Hammer auf dem Amboß ruhen. »Unschuldig? Ich denk' wohl, Euer Gnaden. Aber wissen wird sie's schon, daß sie ein Weibsbild ist.« Däng, däng, däng.
»— — — Mir ist das durchaus nicht gleichgültig, Kürnhofer. Mein Kind ist kaum siebzehn. Vollkommen uneingeweiht in gewisser Beziehung ...«
»Euer Gnaden,« sagte der Bauer. »Wird eh sein, wird eh sein, aber — den Mentscherln darf man nit trauen. Kleines Engerl, großes Luderl.« Däng, däng, däng.
Die Gräfin ging mit einem Seufzer von dannen. Sie suchte die Komtesse und fand die Köchin Stanzi, welche hastig von der Scheune herkam und mit Neuigkeiten beladen war. »Im Haferstroh! Im Haferstroh!« rief sie fast außer Atem, »habe ich Eier gefunden, frische Eier, und die Franzosen, hat der Zenz gesagt, sind schon in Almstein!«
»Wo ist die Komtesse?«
»Im Heu oder beim Vieh. — Im Haferstroh, sagt der Zenz, kunnt man ihrer alle Tag' finden.«
»Laß jetzt die Eier und bringe mir mein Kind!«
Komtesse Augustina hatte eine Genossin gefunden. Das Mädchen, welches gestern unter der Kuh gesessen, schüttelte auf der Matte mit einer langen Gabel die Heuschichten auseinander, das Schloßfräulein half munter dabei mit.
Als auf der Matte das Heu flach gelegt war, daß es die Sonne trocknen und dörren konnte, sprach die Haustochter Hilda zu ihrer neuen Gefährtin: »So, das letzte Haufel schütteln wir nit auseinander, da setzen wir uns drauf und wollen rasten und Milch trinken.« Sie nahm den Plutzer vor.
»Ist das dieselbe Milch, welche —« Das Fräulein zuckte ab und begann zu kichern. Dann zog es ein elegantes Handspiegelchen hervor, beguckte sich drin und tastete mit den weißen Fingern an dem über der Stirn hoch aufgelockerten Haar herum. »Wollen Sie auch hineingucken?« fragte sie das Dirndel.
»Dank schön. Ich hab' einen viel größeren.«
»O, den haben wir auch!« sprach mit einiger Ernsthaftigkeit die Komtesse. »In unserem Speisesaal auf Kronburg hängt einer, der ist so groß, wie euer ganzes Hausdach.«
»Ein Spiegel?«
»Ein Spiegel!« wiederholte das Fräulein stolz.
»Da hab' ich einen noch viel größeren,« sagte die Hilda. »Ja, ja, ganz im Ernst! Werd ihn schon einmal herzeigen, wenn ich gut aufgelegt bin.«
»Gut aufgelegt! Sie sind wohl immer lustig, nicht wahr?«
»Ja, wenn ich nit bös bin. Wenn ich bös bin, da bin ich nit gut!« lachte die Hilda.
»Lustige Leute liebe ich!« gestand die Komtesse.
»Weißt was,« sagte das Bauerndirndel, und legte den Arm um ihren Nacken, »tun wir lieber Du sein miteinander.« Dabei schaute sie aus ihrem frischen Rundgesicht mit den kleinen Grauaugen schalkhaft auf die Komtesse. Die war zu allem aufgelegt, wendete aber immer das Köpfel einmal zur Rechten, einmal zur Linken hin, ob wohl Mama nicht in der Nähe sei. Aus dem Plutzerkragen Milch trinken, das machte ihr Spaß, obschon sie sich das erstemal, zu rasch übergestülpt, die Milch aufs Busentuch geschüttet hatte. Die Hilda hatte aus der Kitteltasche Nähzeug geholt und tat jetzt mit einem weißgegerbten Fellchen um.
»Was hast du denn da?« fragte die Komtesse.
»Das ist ein Katzenbalg. Weißt, davon kriegt er einen Tabaksbeutel, wenn er heimkommt und brav Franzosen derschlagen hat.«
»Aber wie du sprichst!« sagte die Komtesse. »Wer denn?«
Die Hilda tat verblüfft: »Wer denn? Er halt. Der meinige. Dem hab' ich gesagt, wie er fort ist: Halt dich fest, Nickel, wenn du zurückkommst, kriegst einen schönen Katzenbeutel. Schau, da ist er, ich nähe ihn zusammen und ein blauseidenes Ranftel drauf. Siehst es, sauber steht's!«
»Ist das dein Bruder, der Nickel?«
Lachte die Hilda hellauf: »Jetzt glaubt die, das ist mein Bruder!« Und dann ernsthaft zum vornehmen Fräulein: »Hast denn du keinen Schatz?«
Fast erschrak die Komtesse über eine so plötzliche Frage. Ein schneller Blick in die Runde, ein engeres Zusammenrücken auf dem Heu: »Wenn — wenn du mich nicht verraten wolltest. Mama weiß nichts davon, daß ich einen Freund habe ...«
Die Hilda rieb sich mit Vergnügen die Hände: »Das ist gescheit! Gelt, der ist gewiß auch recht schön!«
»Gott, meine liebe Freundin, das ist ein schöner Mann!«
»Geh! Aber erzähl, wie schaut er denn aus!«
Der Berichterstatter beklagt es, daß die beiden Mägdlein das weitere nur geflüstert haben. Von einem spitzen Schnurrbart war die Rede, von einer roten Pumphose, von einem »tscheppernden« Säbel. So herzig plaudern, so amüsant kosen könne er! Aber schlimm! Entzückend schlimm! — Dann wurde das Flüstern leiser. Auf einmal schrie das Bauerndirndel hell in die Luft: »Geh', hör' mir auf! Sich nit derwehren können, das möcht' ich schon sehen! Jede kann sich derwehren, wenn sie will.«
»Sagt doch,« stotterte hierauf die Komtesse, »der Beichtvater selber, daß der Mensch so schwach sei!«
»Eben deswegen derwehrst dich leicht vor ihm.«
»Gott nein, Hilda, du verstehst mich nicht. Der Mensch — das ist ja unsereins selber.«
Die Hilda legte auf ihrem Schoß die Arbeit zurecht und sagte dann gar ernsthaft: »Bei mir ist es halt so: Ich will den Nickel nit allein zum Schatz haben, ich will ihn auch zum Mann haben. Zum Mann für mein Lebtag. Derwehrst dich, so hast ihn. Derwehrst dich nit, so geht er nachher leicht um ein Häusel weiter, pfeift sein Liedel und denkt: So, jetzt probier' ich's mit einer anderen.«
»Aber nein doch!« stöhnte die Komtesse auf.
»Ich bitt' dich, lern' du mir die Mannerleut' kennen! Die sind dir so schlecht, so hundsluderschlecht, daß ...« mit geballten Fäusten bebte sie ... »Derdrucken möcht' man sie vor Gernhaben!«
»Und meinst du wirklich, daß sie nachher davonlaufen?«
»Meine Mutter sagt immer, sie täten es alle so machen und man sollt sich hüten!« berichtete das Dirndel.
Hierauf sagte die Komtesse vertraulich: »Ich habe einmal ein sehr interessantes Buch gelesen. Heimlich. Gott, wenn die Franzosen dieses Buch unter meinen Kissen fänden!«
»Was steht denn drinnen?« fragte die Hilda.
»Daß in der französischen Schweiz noch ein alter Brauch wäre. Ein ganz merkwürdiger Brauch. Es soll richtig sein. Heinrich sagt's auch.«
»Na, druck halt los.«
»Ja, er erzählt, daß — nein, so etwas kann man doch nicht erzählen. Es ist —. Worauf du früher angespielt hast — weißt du? Jeder Bräutigam habe nämlich das Recht, zu — zu seiner Braut zu kommen — schon — — schon vor der Hochzeit.«
»Nein du, was du für Sachen weißt!« sagte das Bauerndirndel und faltete die Hände, zwischen welchen der Katzenbeutel eingeklemmt war.
»Gnaden Komtesse!« zeterte es vom Schachen her. Die Stanzi kam gewatschelt: »Komtesse, der Tanz hebt an! Sie kommen! Sie sind schon in Almstein, sagt der Zenz!«
Die beiden Mädchen eilten dem Hofe zu. Hinter dem Stadel war ein großer Teich, der weiter unten eine Mühle trieb. Als sie an demselben vorüberkamen, schalkte die Hilda: »Da guck einmal! das ist er, mein großer Spiegel! Gelt?«
So laut und lebendig es tagsüber zuging auf dem Kürnhof, so still und feierlich lag er da in der Nacht. Das immerwährende Rauschen des Brunnens, das Zirpen der Grillen — sonst nichts. Im hohen weiten Himmel das schweigende Sternenmeer. Im Tale einige Lichter, kleine und auch größere. Lagerfeuer? — Am Hinterteile des Wohnhauses vor einem offenen Fensterchen kniete der Knecht Lenz. Er rieb seinen Bart am Fensterbrett und flüsterte den Gasselspruch:
»Nix da!« sagte drinnen jemand. »Weißt eh, ich bleib' bei meinem Scherschang, der ist grad gewachsen, der ist mir lieber.«
»Ist er dir nit zu weit weg, dein Franzos?« darauf der Knecht und machte einen langen Hals zum Fenster hinein.
»Er wird schon nahender kommen, laß nur Zeit. Nachher heiraten wir.«
»Gut ist's, Stanzerl, dich mag ich.«
»Ich und du, glaubst? Ja, Schnecken! Ich und der Scherschang! Haben's schon ausgemacht miteinander.«
»Hat er dir leicht geschrieben?«
»Er kann ja nit deutsch.«
»Wie könnt's es nachher miteinander ausgemacht haben, möcht ich wissen?«
»Mündlich haben wir's ausgemacht.«
»Wenn er nit deutsch kann!«
»'s Busserlgeben wird eins doch verstehen!«
»Ah, so meinst! Du Dirndl, paß auf, das kann ich viel besser wie der Franzos.«
»Ja, da müßtest erst dein' Schnautzer wegschneiden, sonst kann man nit zuwi.«
Am nächsten Tag lachte alles auf, der den Knecht Lenzel sah. Er hatte sich den Schnauzbart weggeschnitten. »Jess', die Zahnlucken, die der hat!« Und der Scherschang, so fern er sein mochte, hatte jetzt noch leichteres Spiel. Selbst der Zenz mit der Hasenscharte stieg an Wert.
Regenzeit war gekommen. Der Kürnhof stand tagelang mitten in den Wolken und die Dachtraufen fielen nie senkrecht zur Erde, immer von kaltem Wind quer hingeschleudert an die Wand. Hildas großer Spiegel war trüb, in den Teich rieselte lehmige Gieß. Die Stuben waren geheizt, die Gräfin Kronburg beschäftigte sich mit einer Handarbeit oder mit Lesen. Und wie einsam, wie traurig! Nach dem Abbé sehnte sie sich, ihrem Beichtvater, einem Mann im feinen Geist aus der Zeit Ludwigs des Vierzehnten. Und Augustina! Wo nur die Komtesse immer bleibt? Ah, quelle misère!
Die Komtesse saß lieber in der Stallkammer bei der allzeit munteren Hilda als bei der ernsten Mama. Die Stallkammer war wohl verwahrt. Die Hilda fing aus dem Schafstalle ein Lämmlein ums andere hervor, führte es in die Kammer, nahm es zwischen die Knie und schnitt ihm mit einer großen Schere die Wolle vom Leibe. Die Komtesse hatte anfangs mit Entsetzen auf diese Tat gestarrt. »Lapperl!« hatte Hilda gesagt, »das tut lang nit so weh, als wenn dein Gnaden Herr Vater im Wald ein Reh schlecht trifft und es bleibt lebendig liegen. Schau, dem Lamperl taugt's, das lauft gar nit davon, wenn ich's auslasse.« Anders war's, als es auch die Komtesse versuchte, dem Tiere eine Flocke Wolle wegzuschneiden, da zuckte das Schaf und meckerte. Es war in die Haut gestochen worden. Wohl trachtete das Fräulein, durch Liebkosungen das Tier zu versöhnen, dieses aber lief vor ihm heftig trappelnd bis in den hintersten Stubenwinkel.
»So komm doch, Herzchen!« schmeichelte sie und hielt ihm ein Stück Kuchen hin, »verzeihe mir nur, ich bin zwar ungeschickt, aber doch deine gute Freundin —«
»Ja, die dich am nächsten Sonntag verspeisen wird!« lachte die Hilda.
Die Komtesse sah nicht gut aus. Sie war blässer, als sonst der frische Bergwind zuzulassen pflegt. Nun vertraute sie einmal der Freundin, daß sie in den Nächten schlecht schlafe. Dem Schnarchen der Mama habe sie sich zwar entzogen, seit ihr die zweite Schlafkammer eingeräumt worden, aber der Kettenhund! Cet animal ne nous laisse pas en paix. Einmal habe sie geglaubt, die Franzosen seien schon am Hofe, so heftig bellte der Hund. Um sich die Zeit zu vertreiben, lese sie im Bette aus französischen Büchern, die sie von ihrem Freund habe. Mama dürfe nichts davon wissen.
»Warum denn nicht? Sind schlechte Sachen drin?« fragte das Dirndel.
»Ach, es sind so interessante Bücher. Zum Beispiele vom Schäfer, der eine schöne Königin entführt und ihr aus Schafwolle ein niedliches Bettchen macht. Und dann sind sie so glücklich, ach, so glücklich!«
»Geh, hör mir auf! Wenn du immer solche Sachen denkst, da wirst du freilich hart warten.«
»Oh chère dame compagnarde!«
»Geh, red nit immer böhmisch. Für mich ist deutsch auch gut.«
Nun zog die Komtesse eine Weile herum, zupfte an einer Wollflocke, warf sie in die Luft, fing sie wieder auf und plötzlich sagte sie: »Dein Bruder, der ist lieb!«
»Der Robert! Wieso kommst du jetzt auf meinen Bruder?«
Da erzählte die Komtesse: »In der Nacht auf den Sonntag war's, oder in der vom Freitag? Nein, doch in der auf den Sonntag. Ich schlafe wieder nicht, habe aber kein Licht mehr. Sehe ich dir vor dem Fenster draußen einen Mann stehen. Anfangs bin ich erschrocken, wie ich aber die schlanke Gestalt deines Bruders erkenne, öffne ich schnell das Fenster und frage, was er denn mache da draußen? Und denke dir diese Antwort! Wacht stehen, daß der lieben gnädigen Komtesse nichts geschieht. — Ich habe lange nachher gezittert. So ein Wort! Man sage noch einmal, daß es im Volke keine Ritterlichkeit gäbe. Der Robert gefiel mir gleich anfangs so gut. Er schaut einen so an, so gewiß — ich weiß nicht wie ich sagen soll. Hernach in der darauffolgenden Nacht hat's geblitzt und gedonnert und geregnet, und jetzt stelle dir vor — steht er wieder draußen. Wenn er unter Dach gehen hätte wollen — die Tür war nicht verschlossen.«
»War sie nicht verschlossen?« sagte die Hilda nach und ging ihre Kammertür zuzumachen, daß die wollewaschenden Mägde im Vorraum nicht sollten hören können. Dann stellte sie sich vor das Fräulein hin und wiederholte leichthin: »War sie nicht verschlossen?«
»Ich mußte am Abend zuvor vergessen haben.«
»Weißt, Fräulein,« entgegnete nun das Dirndel, »ich bin auch keine Klösterin, aber dich versteh ich nit. Schämt sich, wenn eine Kuh gemolken wird — und daneben solche Sachen! Erinnerst du dich noch, was ich dir draußen beim Heuen gesagt hab'?«
»Ist nicht anwendbar!« antwortete die Komtesse, die Finger der gehobenen Hand schlenkernd. »Heiraten natürlich nicht!« lachte sie, »nur ein bißchen liebhaben.«
Das Bauerndirndel wurde ganz dunkel im Gesicht. Nach einer Weile sagte es scheinbar gleichmütig, aber mit einer seltsam gedämpften Stimme, das folgende: »Umfallen hätt ich jetzt mögen. Und weiß nit, bin ich dumm oder ist wer anderer schlecht. Nein, schlecht, das will ich nit sagen. Zuerst geht sie her und liest allerhand Heimlichkeiten. Derweil ihr Vater sein Leben vor die Franzosenkugeln muß tragen, liest sie französische Bücheln! Und wird eine so leichtsinnige Person, daß — daß — ich weiß gar nit! Na, sei nur still und red nit, du magst es auslegen wie du willst, ich hab mir jetzt gehört genug und so denkt und tut ein braves Mädel nit.«
»Aber mein Gott, was habe ich denn Schlimmes gesagt?«
»Still sei!« rief das Dirndel.
Jetzt begann in den Adern der Komtesse das Blut zu wallen, aber nicht das rote, das heiße, brausende, sondern das blaue. Was nimmt sich diese Person heraus! Lehensleute! Das kommt davon! Das ist die Folge allzu freundlicher Herablassung. Mama hat recht. Man wird solchen Leuten den Unterschied zeigen. Von jetzt an soll sie mir Luft sein ... Solche Gedanken schossen durch ihr Haupt, aber indem sie sich stolz aufrichten und mit einem das Dirndel niederschmetternden Blick zur Tür hinausschreiten wollte, sank sie an der Ofenbank zusammen und begann heftig zu weinen.
Die Hilda stürzte herbei: »Jesus Maria, aber Augustina! Hab ich dir — hab ich Ihnen weh getan, gnädige Komtesse! Ich bitt um Verzeihung. Es ist ja nit bös gemeint gewesen. Meiner eigenen Schwester hätt ich's so gesagt. Bei dem gnädigen Fräulein hab ich kein Recht, was geht's mich auch an. Nur weil ich dich gern hab, ich bitt dich, verzeih mir!«
Fast kniete sie nieder vor der Schluchzenden. Diese schob sie mit dem Arm beiseite. Dann fuhr sie sich mit dem weißen Tüchlein über das Gesicht, atmete auf und sagte: »Ich habe dir nichts zu verzeihen. Danken muß ich dir. Du hast recht, Hildegard. Ich sage es offen, was daran so weh tut. Schämen! Wenn die Gräfin vor der Bäuerin sich schämen muß! — Du wirst es nicht wieder erleben.« Sie stand auf, schlank, würdevoll wie eine Königin, die Hand legte sie an die Brust und sprach: »Bei dem Leben meines Vaters, der vor dem Feinde steht, kein leichtsinniger Gedanke mehr in dieser Brust! — Ich danke dir, Hilda, daß du mich aufgeweckt hast.«
Das Dirndel wehrte mit beiden Händen ab: »Als ob ich selber so viel besser wär! Für sündige Gedanken kann ja kein Mensch!«
»Ich will sein wie du, nicht prüde, aber stark.« So die Komtesse. Dann war ihr zu Mut, als müsse sie die Hilda jetzt auf die Stirn küssen wie eine Schwester. Getan hat sie's nicht.
Von diesem Tage an hat das gnädige Fräulein über allerhand gesprochen mit ihrer Freundin, aber nie mehr von Liebe. Der Robert ist auch nicht mehr auf der Wacht gestanden vor ihrem Fenster in der Samstagsnacht und die Tür wird stets sorgfältig verschlossen gewesen sein.
Die Männer des Hofes waren übrigens fortgezogen, nur die beiden Diener der Herrschaft und der alte Bauer waren im Hofe geblieben, um Anstalten und Vorbereitungen zu treffen zur Vergrabung der Wertsachen, zur Flucht der Herrschaft, wenn der Feind sich wirklich auch auf dem Berge zeigen sollte. Wenn das, dann noch höher hinauf ins Gebirge, wo versteckt in einem grünen Felsenkar eine Sennhütte stand.
In der Gegend waren nämlich schon Franzosen gesehen worden, zuerst in Rotten, bald in größeren Haufen, auch Reiterei und Wagenwerk. Auf der großen Wiese vor dem Jagdschloß zu Almstein hatten sie Lager aufgeschlagen, es hieß, der Bonaparte sei dort und er wolle sich im Falle einer verlorenen Schlacht das feste Waldschloß zur Zuflucht herrichten. So unglaublich diese Nachricht klang, so brachten Leute doch bald Botschaften, die verläßlicher schienen. Der Bonaparte sei wirklich in Almstein, er verkleide sich mit Vorliebe mit einem alten Mantel und reite auf kleinem, unscheinbarem Rosse, aber er sei leicht zu erkennen an seinem bartlosen Gesicht mit den schwarzen Haarfetzen über der Stirn. Der Bonaparte! Kundschaften tut er wieder!
Das war allen Männern und Knaben, ja sogar den Greisen der Gegend in die Nerven gefahren und sie zogen aus mit Flinten, Sensen und Hacken, um den Bonaparte zu fangen. Wenn die Bauern seiner Herr würden, nachdem die Könige der Erde machtlos vor ihm zitterten — das wäre so was für die Zeitung! Na, vielleicht! Man kann's nicht wissen, welche Werkzeuge sich Gott auserlesen, um den Weltbösewicht zu vernichten.
In freudigster Erregung war die Herrschaftsköchin Stanzi. Die Franzosen in der Nähe! Vielleicht auch der Scherschang! Angedeutet hat er ihr so etwas, als ob er nachkommen wolle auf den Berg. Den Bonaparte wollen sie fangen, die paar Bauernkrüppel! Es ist zum Lachen! Ewig schade, wenn die Franzosen den kürzeren ziehen und wieder davonmarschieren müßten. Diese schönen feinen Herren! Und das ist auch richtig, der Franzose als Feind ist artiger, wie der Deutsche als Freund. Ist's nit wahr? — Sein sollt's nit heutzutag, daß man einen Franzosen gern hat? Na, das möcht ich schon wissen, wer mir dieses elfte Gebot wollt aufbringen. Der deutschen Herrschaft schmeckt die französische Küche recht gut, und unsereiner wollen sie den Scherschang nit vergunnen. Na, wartet nur, bis sie erst Herren sind im Land! Der Bonaparte hält es mit den gemeinen Leuten, die hohen Herrschaften mag er nit. Die Grafen und Barone können nachher krautschneiden und mein Scherschang wird General ....
Solche Betrachtungen hegte die Stanzi, während sie auf dem Brett einen Krautkopf klein schnitt für einen Salat zum Lämmernen.
Aber noch bevor Salat und Lämmernes auf den Tisch kam, trug sich das Weltereignis zu. Ein barfüßiger Hirtenjunge kam gelaufen: »Den Bonaparte! — den Bonaparte hätten sie! Mit Haut und Haar. Sie hätten ihn gleich an den Holzbirnbaum hängen wollen, aber der Jäger Balduin habe gesagt: Nicht umbringen! der gnädigen Gräfin bringen auf den Kürnhof zum Präsentel. Solch ein Wundertier habe die Gnädige ihr Lebtag nicht gesehen. Die gibt ein gutes Trinkgeld. Sie werden bald da sein mit ihm.«
Und nicht lang, so lärmte die Rotte über den Almboden heran, in ihrer Mitte mit Stricken und Ketten und Riemen gefesselt den Kaiser der Franzosen. Er hatte sich eng in seinen bekannten Mantel geschlagen und die Mütze tief in die Stirne gedrückt. »Erzräuber! Welscher Geier! Kanaille! Galgenstrick!« Das waren die Ausdrücke der Reverenz, die man dem Welteroberer darbrachte. Der Jäger lief voraus, stürmte ohne anzuklopfen in die Wohnung der Gräfin: »Gnaden Frau! Ich bitt' hinausgehen! Ich bitt' untertänigst! Eine Überraschung! Eine große Überraschung!«
»Was habt ihr denn, Leute?«
»Den Kerl haben wir! In Almstein auf der kleinen Wiese abgefangen. Den Bo — Bo — Bonaparte!«
»Wen, den Napoleon?«
»Nur sich selber überzeugen, Gnaden Frau Gräfin. Komtesserl auch mitkommen!«
Die Frauen wurden förmlich ins Freie geschleppt. Im Hofe ein schreiender, drohender, springender Menschenhaufen. Der Gefangene zwischen sechs Männern, der Lenz und der Zenz darunter, die ihn nach allen Seiten hin mit Stricken und Riemen festhielten, gleichsam als wollten sie ihn auseinanderreißen. So kauerte er, halb kniend, auf Stalldung. Der Zenz schlug ihm die Mütze vom Kopf, der Lenz zerrte brüllend des Gefangenen Mantel auseinander.
»Der Scherschang!« kreischte die Herrschaftsköchin Stanzi und sprang mit offenen Armen auf den Gefangenen los. Der Haussohn Robert kam herbei: »Was macht ihr denn da? Der Bonaparte? Wo? Wer? Der da? Ha, ha, ha. Das ist ein französischer Feldwebel, soviel ich mich auskenne. Lockert dem armen Teufel doch den Halsstrick, seht ihr denn nicht, daß er schon die himmlische Farbe kriegt?«
»— — Das ist doch schon des Teufels!« knurrte der Knecht Lenz, »jetzt haben wir heilig gemeint, wir hätten den Bonaparte. Was lügt er uns denn aber an, der Hund?«
Wer hatte gelogen? Sie wußten es nicht, er war nicht mehr vorhanden, der Herr, der in Almstein auf der Wiese geschrien: »Seht jener dort, der just ins Gebüsch steigt, der ist es! Der ist es!«
Sein tat er es allerdings, aber nicht der Cäsar war's. Der Stanzi ihrer war's!
Die Gräfin befahl mißmutig, man solle den Mann freilassen. Die Bande nahmen sie ihm ab, aber frei ward er nicht, denn fest hielt ihn die Magd umschlungen mit schweren, unlöslichen Armen.
Der Scherschang bekam etwas zu essen, ja man will wissen, etwas sehr Gutes. Jedenfalls vom Lämmernen nicht das verächtlichste Teil. Er blieb im Hause und half das Spätheu einbringen. Er benahm sich gutmütig, sprach einige Worte deutsch, im weiteren verkehrte er mündlich nur mit der Freundin.
Und das war der Napoleonfang gewesen unten zu Almstein auf der Wiese.
Daß der wahrhaftige Bonaparte noch frei waltete, das hat sich leider schon in den nächsten Tagen gezeigt. In den Hof kam die Nachricht, von der Almsteiner Gegend hätten die französischen Streifungen sich wieder verzogen, hingegen müsse im unteren Tale, in der Umgebung des Schlosses Kronburg, eine Schlacht entbrennen. Eine große Schlacht, über den Vorbergen sehe man blauen Rauch aufsteigen und in den Rinwäldern widerhalle es wie von Kanonenschlägen.
Die Gräfin und die Komtesse, geführt vom Haussohne Robert und gefolgt von einem Diener, gingen über die Hochmatten hin. Es war ein klarer, kühler Frühherbsttag. Auf den Almen weideten Herden von scheckigen Kühen, deren Glockengeläute manchmal wie das Summen einer Hummel ans Ohr drang. Aus Schluchten schimmerten die weißen Bänder der Sturzbäche. Die fernsten Berge standen klar und scharf auf in die lichte Himmelsrunde. Auf einzelnen lag Schnee. Zu den Füßen der Wanderer standen Kleeblumen und Steinnelken. So gingen sie über die Höhen im Frieden der Natur, um von Ferne ein Menschenschlachten zu sehen.
»Es ist ganz dumm!« sagte der Bursche Robert im Gespräche mit der Gräfin. »Wenn man's bedenkt, der Scherschang ist ja auch ein Mensch wie unsereiner; ich habe ihn gestern in die Wade gezwickt, er schreit genau so auf wie der Zenz oder ein anderer. Und arbeiten und essen und beten und lachten tut er auch so. Und so Leute sollen einander wegen was weiß ich niederbrennen wie Rauberskerle? Es ist eigentlich zu dumm!«
»Das versteht Er nicht,« antwortete die Gräfin. Die Komtesse pflegte stets, wenn der Robert sprach, die kleinen Ohren zu spitzen, sie fand es ganz merkwürdig, was der Bursche jetzt gesagt hatte. So etwas war ihr selber nie eingefallen, hatte es auch nie gelesen oder gehört, nicht einmal von der Kanzel, daß Leute, die einer sind wie der andere, einander nicht sollten niederbrennen! Es ist eigentlich doch merkwürdig.
Nach einer Stunde kamen sie zur Stelle, wo die Almmatte plötzlich aufhört und der senkrechte Abgrund ist. Von unten geschaut, eine wüste Felswand, der man ihre freundlichen Grasflächen auf dem Scheitel nicht ansieht. Von dieser Höhe aus ist das ganze Tal zu überblicken. In demselben lag ein dünner blauer Dunst, aus welchem stellenweise Rauchballen aufstiegen. Fortwährendes dumpfes Donnern, das aus fernen Tiefen heraufkam, ließ bald erkennen, was es gab. Auch trug die Luft manchmal ein feines Knattern daher, als brassle irgendwo ein großes Feuer. Der Diener sagte: »Euer Gnaden, das ist Gewehrfeuer. Endlich! Endlich!«
Die Leute auf dem Berg schauten durch das Fernrohr, sahen im Dunste breite dunkle Massen, die sich sachte verschoben, sahen manches Blinken und Glitzern, hie und da ein Aufblitzen, weiter war nichts Rechtes zu erkennen. Der Diener hatte schon einen grauen Bart, aber er wurde jetzt seltsam unruhig, stampfte mit dem Bein, zuckte mit den Armen, plötzlich trat er nahe zur Gräfin heran und sprach: »Ich diene der gnädigen Herrschaft seit fünfundzwanzig Jahren. Aber wenn ich jetzt um einen Tag Urlaub bitten dürfte!«
»Urlaub? Er uns jetzt verlassen? Was Ihm einfällt!«
Der Diener schnob und trat in den Hintergrund.
Mit bangendem Herzen hatte die Gräfin schon vorher ausgeblickt nach dem Schlosse. Dort im unteren Tal mußte es doch stehen. Sie sah es nicht. Erst nach langem Schauen trat aus dem dichten Dunste das winzige Mauerviereck hervor, aber in seiner nächsten Nähe wogten frische Rauchballen auf und verdeckten wieder das Schloß. Die Matrone legte ihre Hände aneinander wie zum Beten. »Mein Gott im Himmel,« murmelte sie, »unsere alte Stammburg, das liebe Haus! Mit seinen Schätzen! daß es so sollte zugrunde gehen müssen. Durch diese schrecklichen Fremdlinge!«
Über die Matten her kamen mit großen klobigen Schritten zwei Männer geeilt. Robert erkannte den alten buckligen Holzer Friedl und den hinkenden Halter Zaggel. Sie trugen über der Achsel Haken und Krampen, auf dem Rücken Bündel. Der Schweiß rann ihnen von den verwitterten Gesichtern.
»Wohin so eilig?« fragte der Robert.
»Das kannst dir wohl denken,« antwortete der Halter unwirsch.
Dann sprangen sie den Felsensteig hinab gegen das Tal.
Zwei Augenblicke stand der Bursch unbeweglich still, seine Stirn rötete sich, seine Augenwimpern zuckten auf und nieder. »Leut'! Ich geh' auch mit!« schrie er den Männern nach und lief über Schutt und Stein hinab.
Die Frauen schauten ihm sprachlos nach. Die schönen Augen der Komtesse huben an zu glühen. Das ist derselbe, der vorhin das merkwürdige Wort gesagt hatte. Und doch geht er jetzt in die Schlacht! In ihrem jungen Herzen war eine heiße Freude.
Das Donnern in dem Tal währte den ganzen Tag, und als es zu dunkeln begann, sah man die Blitze und Lagerfeuer, deren unzählige in der weiten Niederung leuchteten. Endlich war das Krachen der Geschütze verstummt, aber unsere Frauen standen noch immer am Berghange und beobachteten die Vorgänge im Tal. Durch das Fernrohr bemerkte die Gräfin, daß im Schlosse Kronburg alle Fenster beleuchtet waren. Die fremden Sieger in der alten deutschen Burg! Vielleicht hatte der Bonaparte selbst sein Quartier aufgeschlagen im Schlosse und macht den Speisesaal zu einem Pferdestall und feiert ein bacchanalisches Fest. Betrunkene Offiziere halten Orgien im altehrwürdigen Ahnensaal, rohe Soldaten strecken sich mit kotigen Stiefeln auf die Sammetsofas im Boudoir .... Die Gräfin stöhnte auf. — Mittlerweile begann sich über dem beleuchteten Schlosse ein roter Qualm zu erheben.
»Besser, es brennt nieder, als es wird entehrt!« rief die Komtesse hell. »Aber, Mama! Das ist ja unser Schloß nicht. Das Schloß steht weiter hinten. Das sind eher die Murhöfe bei St. Johann!«
Mit diesem Troste gingen sie in eitler Nacht dem Kürnhof zu. Am nächsten Morgen zur frühen Stunde standen sie freilich wieder draußen an der Wand und schauten hinab. Im Tale war's heute so klar, daß man den Fluß und die weißen Fäden der Straßen deutlich sah. Nur stellenweise stieg ein blaues Rauchfähnchen auf. Alles lag so freundlich wie in tiefster Friedenszeit. Und das Schloß Kronburg — dort auf dem Hügel stand es und —
»O Madonna!« kreischte die Gräfin auf und das Rohr sank aus ihrer Hand zur Erde.
Das Schloß hatte kein Dach, und seine Fensterhöhlen starrten hohl.
Das Fräulein blieb ruhig und führte die Gräfin über die sonnigen Matten zurück in den Bauernhof.
Am nächsten Tage kam ein Talbote in den Kürnhof und brachte der Gräfin den Brief.