Der Halter vom Schieberpaß sprach im Dorfe beim Kaufmannshaus zu, nachdem er ins Auslagefenster geguckt hatte, ob auch Kirschbranntwein oder Weichselgeist vorhanden wäre. Er sah so etliche Flaschen, es konnte aber auch Öl sein oder Sauerwasser. Dann trat er ein: »Guten Morgen, Frau Stäuberin!«
»Ja, was willst denn?« Damit stand sie vor dem Jungen in ihrer stattlichen Gestalt. Das lichte Haar hatte sie kranzartig um das Haupt geflochten und der lange, dunkelblaue Kittel rauschte, weil er gestärkt war. — Wenn nur ich auch gestärkt wäre, dachte der Hirte und lugte gegen eine der Flaschen. »Der Wirt braucht einen Sack Reis und ich soll ihn gleich mitnehmen. Zahlen tut er selber.«
»Eilt nicht,« antwortete sie und ließ ihm das Verlangte in den Korb packen.
»Haben's da auch Tabakpfeifen feil?« fragte der Bote etwas stotternd.
Die Frau zog aus dem Pult eine Lade, da drinnen gab's derlei. Der Junge nahm eine hölzerne Tabakspfeife in die Hand, dann ein Pfeifenrohr, dann ein Taschenmesser, dann einen messingenen Uhrschlüssel, dann einen blechernen Handspiegel, drehte solche Dinge eine Weile über und über und legte sie wieder in die Lade zurück.
»Haben's da auch einen Weichselgeist?« fragte er dann langsam.
»Willst was oder nicht?« fragte die Kaufmannsfrau und faßte die Lade fest an, daß der Inhalt reixelte.
»Hab' eh kein Geld,« antwortete der Halter träge und wandte sich unentschlossen dem Ausgang zu. Als er schon draußen auf dem Antrittsstein stand, kehrte er wieder um und sagte: »Bei der Frau Stäuberin han ih was auszurichten. Von der Alm. Vom Latschenwirt. Er laßt sagen, die Frau sollt' doch bald einmal hinaufkommen zu ihm.«
»So, der Latschenwirt?« Ihr rundes rotes Gesicht war auf einmal noch viel röter. »Gehst eh gleich wieder zurück?« fragte sie den Jungen. »Nachher sag' dem Latschenwirt, du hättest deine Post ausgerichtet und die Frau Stäuberin hätt' gesagt, er hätt' nach Migelbach nicht weiter, wie sie auf die Alm, und herab ginge es leichter wie hinauf. Hast es gehört?«
»Jo.« Er stand und starrte drein und rührte sich nicht.
»Was willst denn noch?«
»Der Latschenwirt hat gesagt, ich tät gewiß ein Stamperl Weichselgeist kriegen. Zum Botenlohn. Bei der Frau Stäuberin.«
»Schau du?« und ihr Rundgesicht schmunzelte nicht uneben. »Daß mir deine Post ein Stamperl Weichselgeist wert wäre, meint er? Recht ist's, da, komm' her einmal!« Sie nahm eine der Flaschen und goß ein winziges Kelchgläschen voll. Der Junge setzte an und trank den roten Geist wie Wasser und verkutzte sich dabei, daß er ganz blau wurde und die Kaufmannsfrau ihre Hand wohl zehnmal auf seinen Rücken schlug, um ihn wieder zu Atem zu bringen.
Als er am selben Abend oben im Gebirge beim Latschenwirt zusprach, erzählte er, einen Weichselgeist hätte er wohl bekommen und Schläge hätte er auch bekommen.
»Und was hat sie gesagt? Kommt sie einmal herauf?«
»Das weiß ich nit.«
Dachte der Latschenwirt: 's ist wohl allemal am gescheitesten, man gibt dem Buben einen Kreuzer und geht selber.
Nur war es leider, daß er selber nicht gehen konnte, so flink seine Beine auch gewesen wären. Das Gehen hätte ihm viel weniger Mühe gekostet als das Bleiben, und das Sprechen viel weniger als das Schreiben, aber endlich war der Brief doch fertig:
»An die ehrsame Frau Amalia Stäuberin, Kaufmännin in Migelbach.
Vor etlichen Tägen habe ich einen Boten geschickt, der ist nix nutz gewest. Wann mein Brief nit mehr ausrichtet, alsdann tut's mir leid ums Schulgeld, das mein Vater für mich hat springen lassen. Ich selber kann jetzt nit los vom Wirtshaus, jetzt im August ist die beste Zeit und darf man keinen Gast versäumen. Wenn ich ein Weib hätt', alsdann kunnt ich schon weg und alsdann wollt' ich wahrscheinlich nicht weg, weil's daheim im Nest auch schön warm sitzen ist, gelt? Wir wissen's halt allzwei beide, wie das ist verheirateter Weis', haben's gleiche Unglück ausgehalten, und dessenthalben sollten wir auch jetzt allzwei beide nach dem gleichen Glück greifen — verstehst? Seit meinem letzten Aufenthalt in Migelbach, wo ich bei dir den guten Kaffee hab' getrunken, muß ich alleweil dran denken. So ein Weiberl, das guten Kaffee kocht, tät mir halt taugen — und sonst auch. Ist bei der Wirtschaft der Mann, so fehlt's Weib, und du wirst wahrscheinlich 's umgekehrt sagen können, gleichwohl ich weiß, wie tüchtig du seit deines Alten Absterben haushalten tust. Im Alter hätten wir auch keinen großen Unterschied und jetzt bin ich bei dem guten Rat, Frau Stäuberin, du sollst mich zum Mann nehmen. Spaß und Ernst auch, du wirst mit mir zufrieden sein. Willst überhaupt, so sag's, in Kleinigkeiten, wo wir etwan nicht gleich sind, werden wir schon gleich werden. Ich beschließe mein Schreiben, bei dem ich eh bin schwitzend worden, und verbleibe dein aufrichtiger Freund
Stefan Mairinger.
Einen halben Laib Emmentaler Käse und zwei Kilo Sechzehner-Kerzen kannst mir auf Rechnung schicken, mit dem Steinführer.«
Mehr als ein Tintenschweinchen unterbrach die Schrift, die Zeilen waren auch etwas ungleich, hier so eng beisammen wie ein zärtliches Ehepaar, dort so weit auseinander wie zwei Leutchen, die zur Ehescheidung laufen. Oder steht zwischen den Zeilen etwas? Nein, der Mairinger sagt's ganz ehrlich heraus, was er will — heiraten will er.
Die Frau Stäuberin hat schon eine zierlichere Schrift und treibt auch nicht Schweinezucht in ihren Briefen. Also antwortete sie ihm sittsam:
»An den hochgebornen Herrn Stefan Mairinger, Latschenwirt auf dem Schieberpaß.« Wenn einer so hoch auf der Alm daheim ist, da muß man schon »hochgebornen« schreiben! denkt sie und kichert.
»Dein liebes Schreiben nehme ich für Ernst, erstens, weil man mit so wichtigen Sachen keinen Spaß treibt, und zweitens, weil es einem Frauenzimmer mit dem Heiraten allemal gleich ernst ist, wenn nur ein Mann halbwegs an die Tür klöpfelt. Wenigstens stehen wir im Ruf, daß wir schier nit derwarten mögen, bis einer kommt — wer den Ruf aufgebracht hat, weiß ich nicht, wir Weibsleute sind überhaupt so, wie uns die Männer herrichten. Das kannst dir gleich merken, sollst einmal mit mir nicht zufrieden sein. So, jetzt habe ich schon ja gesagt. Wenn du ein Weib brauchst und ich einen Mann, da gibt's freilich kein besseres Mittel, als zusammenheiraten. Komm' nur ehzeit herab, daß wir alles ausreden können, und sollten sich derweil ein paar Gäste verlaufen, so mußt halt denken, besser die Gäste als die Braut. Käse und Kerzen gehen mit dem Steinführer ab.
Deine aufrichtige Freundin
Amalia Stäubinger.«
Als sie den Brief durchgelesen hatte, hieb sie mit der Faust drauf. Ist es gut so? Den Mannsbildern darf man keine Verliebtheit zeigen. Nicht einmal, wenn eine vorhanden ist. Wer gern kauft, dem schätzt man die Ware gleich teurer. Ist einmal so. Vielleicht habe ich ohnehin zu viel gesagt, daß er mir's nachher vorwirft, ich hätt' nach ihm geplangt. Zerknittert ist jetzt das Papier auch. Ei was, ich schreib' noch einmal. Sie schrieb den Brief das zweite Mal:
»An den Herrn Stefan Mairinger, Latschenwirt auf dem Paß.
Dein Schreiben verstehe ich nicht und wenn du was willst, so mußt schon so gut sein, selber kommen und anfragen.
Amalia Stäubinger.«
Das ist besser.
Auf den Stefan Mairinger machten die paar Zeilen gar keinen üblen Eindruck. Recht hat sie. Das Heiraten ist kein Briefwechsel, da muß man selber zusammenkommen.
Beim nächsten Nebeltage, als kein Tourist vermutet wurde, sperrte er sein Wirtshaus zu, die alte Magd, der er's nicht anvertrauen mochte, schickte er in die Preiselbeeren aus. Er selber ging ins Tal nach Migelbach.
Sie verabredeten es kurz und nüchtern.
»Über die ersten Dummheiten sind wir hinaus,« sagte der Latschenwirt und betrachtete sich den niedlichen, mit Waren vollgepfropften Kaufmannsladen. Sie erkundigte sich nach dem Ertrag des Latschenwirtshauses, und da dachte er, wirtschaftlich ist sie und das ist die Hauptsache. Dann begannen sie Zukunftspläne zu machen, wobei sich aber die Meinungen etwas verwirrten, so daß der Mairinger auf seinen Paß hinauf mußte, bevor sie fertig werden konnten. Im Latschenwirtshause begann er hernach die Ehekammer, die seit dem Tode seiner Ersten etwas öde und unordentlich geworden war, herzurichten. Schaffte sich ein paar haarige Gemsfelle an als Fußteppich vor den Betten und rote Fenstervorhänge, damit das kalte Licht, das von den Eisfeldern herabkam, in Rosen getaucht werde.
Die Frau Stäuberin ließ ihr Haus weißeln, die Fensterbalken grün anstreichen und sonstiges instand stellen, damit dem neuen Herrn alles freundlich entgegenschaut. Dem neuen Herrn? Es wäre nicht zu ertragen, wenn sie nicht gleichzeitig die neue Frau über das Latschenwirtshaus werden würde!
Als der Latschenwirt demnächst wieder zu ihr kam, hatte er ein Steirerwäglein bei sich und zwei schwere Hengste drangespannt. Sie wartete ihm Blumenkohl auf — in ihrem Garten stand noch einer; er aß davon mit Mäßigkeit und meinte, von Blumenkohl sei er ein Freund, besonders gern aber esse er Speckknödeln. Dann packte er mancherlei Lebensmittel auf den Wagen und die Frau dazu, und so fuhren sie selbander davon durch das lange Schluchtental, hernach durch Wälder und über Almen hinan, am Quarzsteinbruch vorbei bis zum Bergjoch. Dort oben strich ein scharfer Wind, Frau Amalia zog die Tuchjoppe enger zusammen und sagte: »Husch, husch! Das ist ja ein Bärenloch, da heroben!«
»Aber eine schöne Aussicht, gelt? Man sieht sogar die krainerischen Berge.«
»Um die geht's mir nicht,« antwortete sie, »mir sind schon die steirischen zu viel.«
In der Wirtsstube waren Gäste, mit denen die alte Magd nichts anzufangen wußte. Wenn der Mensch gestehen muß, daß er keinen Kellerschlüssel hat, so ist das nicht bloß darum zuwider, weil er dem Durstigen keinen Wein vorsetzen kann, sondern vielmehr wegen des damit bekundeten Mangels an Vertrauen, den eine alte Magd, die redlich durchs Leben gegangen ist, nicht ertragen kann, ohne sich in einem Winkel zu verstecken und zu Tode zu schämen. Die Alte schämte sich nicht zu Tode, sondern durchstöberte das ganze Haus, als ob der Kellerschlüssel bloß verlegt wäre. Welch eine Erleichterung also, als der Wirt kam, und welch ein Schreck, als sie an seiner Seite eine rundliche Frau sah! Der Latschenwirt ließ seiner werten Gastin Hirschbraten mit Preiselbeertunke vorsetzen. Sie aß ein weniges, dann legte sie Messer und Gabel auf den Tisch und sagte: Die Preiselbeeren habe sie sehr gern, aber das Hirschfleisch modere ihr zu stark.
Der Wirt wartete nun, daß sie mit den Gästen, zwei scharf ausgerüstete Hochtouristen waren es, ein paar freundliche Worte wechsele oder sie gar ein bißchen bedienen würde. Aber Frau Amalia blieb auf ihrer Bank fest sitzen und tat fremd. Er sprach vom ungarischen Wein und vom Flaschenbier, sie sprach von Kaffee, Seife und Schnittwaren. Er sprach vom Wirtsgeschäft auf dem Schieberpaß, sie von ihrer Kaufmannschaft zu Migelbach. Ein großes, unerfahrenes Herz hätte meinen müssen, diese zwei Leute paßten trefflich zusammen; was er nicht sei, das sei sie, und umgekehrt. Ein kleines, erfahrenes Weltherz jedoch hätte nach solchen Anzeigen geschlossen, das gehe schief; was er nicht wolle, das wolle sie, und umgekehrt.
Indes freute Frau Amalia sich an dem geordneten Anwesen auf dem Bergjoch, und Herr Stefan rechnete insgeheim aus, welch eine Summe das schöne Kaufmannshaus samt Geschäft in Migelbach einbringen werde. So kamen sie wohlgemut auseinander und bei der Heimfahrt, da sie hinter dem Fuhrmann allein saß, konnte die Frau Stäuberin ihren Hochzeitsstaat überlegen — sie denke, einen Rock aus kirschroter Seide, mit schwarzem Samtbesatz, dazu ein Pariserhütchen, wie es die Frau Kreisrichterin zu Martan trägt.
Einige Tage nach dieser Zusammenkunft kreuzten sich zwei Briefe, der eine ging tal-, der andere bergwärts. Der erstere war so gestimmt:
»Liebe Mali!
Eigentlich fürchte ich's gar nicht. Du wirst schon in die Wirtschaft taugen da heroben, du wirst noch eine prächtige Wirtin werden, wie du das Zeug hast. Jetzt schaut's freilich noch nicht viel gleich bei mir, aber wenn wir das Kaufmannshaus verkaufen, so bauen wir uns auf dem Sattel ein Fremdenhotel, wo ich schon lang dazu eine Freud gehabt hätt', aber alleweil zu wenig Geld. Das wird ein Geschäft werden im Sommer, wie kein zweites im Land, denn man muß mit dem Fortschritt halten und mein Vater selig hat oft gesagt zu mir: Bub, aus dem Latschenwirtshaus laßt sich was machen. Ich denk', liebe Mali, daß wir bald zum Pfarrer gehen, schreib' wann's Dir recht ist, bin allezeit bereit. Richt' nur Deinen Taufschein her und wegen's Katechismus, das G'sätzel von der Ehe wirst eh noch wissen. Ich hab's schier vergessen und muß nachbessern.
Dein lieber Stefan.«
Der Brief, der diesen kreuzend vom Tal zu Berge ging, lautete also:
»Lieber Stefan!
Wir haben's letztens nicht recht ausgeredet und wirst eh froh sein, wenn Du vom Windloch da oben einmal befreit bist. Das Latschenwirtshaus geben wir derweil in Pacht, bis wir's gut verkaufen können. Das Migelbacher Geschäft vergrößern wir, mir liegt schon lang die Mehlhandlung im Kopf, vis-à-vis gegenüber von meinem Haus. In Wollstoffen wäre jetzt auch was zu machen. Werden schon zu tun haben allzwei und wird schon gesorgt sein, daß Dir nicht die Zeit lang wird in Migelbach, und mit Deinem guten Kopf lernst Du die Handlung in paar Wochen.
Kannst kommen wann Du willst, daß wir anfangen.
Deine Amalia.«
Somit war das in allerbester Ordnung und die zwei Briefe, die sich schon am nächsten Tage wieder kreuzten, waren noch kürzer und deutlicher gehalten.
Der von oben: »Das wird wohl nicht geschehen, meine Liebe, daß ich mein Vaterhaus im Stich laß! Da wird wohl das Weib dem Mann folgen müssen. Richt' Dich nur zusamm'n! Dein Stefan.«
Und der von unten: »Da werden's mich eher auf den Freidhof hinaustragen, als wenn ich ins Latschenwirtshaus hinaufgeh'. Willst die Kaufmännin haben, so wird Dir schier nichts anders übrig bleiben, als Kaufmann zu werden. Deine Amalia.«
Nach diesem diplomatischen Notenwechsel zwischen dem Schieberpaß und Migelbach war es ein Weilchen still. Die Frau Stäuberin hatte schlechte Nächte und sie sann nach, wie der halsstörrige Mann doch herumzukriegen wäre, damit sie mit dem Erlös des Latschenwirtshauses ihre Handlung vergrößern könnte. Vor der Hochzeit, wenn man auch wollte nachgeben, so muß es doch nach der Hochzeit sein, daß ich mir meinen Kopf aufsetze. Und die Mannsbilder, wenn man ihnen nicht folgt, werden gern grob und nachher ist der Teuxel los. Na, das kann eine zuwidere Geschicht' werden.
Da erschien eines schönen Tages der Hirtenknabe wieder im Kaufmannshaus bei der Frau Stäuberin — er hätte was abzugeben, und langte säumig ein Brieflein hin. Dieweilen sie dasselbe las, lugte er wieder auf die Flaschen. Vermutend, daß heute nichts für ihn ausfallen würde, wollte er den Weichselgeist wenigstens von außen ansehen. Mit den Augen kann man die ganze Flasche verschlingen, auch wenn sie einem nicht gehört, und kriegt doch keinen Rausch. Wie sehr war er verwundert, als die Frau Stäuberin ein Gläschen füllte und ihn freundlich einlud: »Geh her da, Bübel, und trink'. Da hast auch ein Zwieback zum Dazubeißen. Laß dir nur Zeit und trink' aus, ich füll' schon noch einmal nach.«
Und was stand denn in dem Brieflein, das sie so froh gemacht hatte? In dem Brieflein standen die paar Zeilen:
»Schätzbare Frau Stäuberin!
Ich hab' mir's überlegt. Es ist das Gescheitere, wir lassen's sein. Daß wir einander nicht ins Unglück bringen. Nix für ungut. Sei so gut, mir einen Zuckerhut und zwei Kilo Kaffee prima Sorte auf Rechnung zu schicken.
Mit Achtung
Stefan Mairinger.«