Viertes Kapitel.
Das erste Frauenfest.
(Kuaika.)

Mittlerweile ist das Mädchen etwa 7–9 Jahre alt geworden, und die Eltern denken daran, es in die Mysterien einzuweihen. Wenn ich schon die allgemeine Bitte voraussandte, keine erschöpfende Beschreibung aller hierher gehörigen Vorgänge zu erwarten, so möchte ich diese Bitte hier mit Bezug auf die Feste wiederholen. Man hat ja versucht, mit Alkohol und Geld die Zunge der Neger zu lösen. Es dürfte dies aber kaum der richtige Weg sein, denn dazu sitzt die abergläubische Furcht dem Neger zu tief im Herzen. Bei unsern Christenfrauen ist diese Furcht nicht mehr vorhanden, und so brauchen sie keine Rücksichten zu nehmen. Sie erzählen auch alles bis ins kleinste, wie es auf diesen Festen zugeht. Diese Beschreibungen bieten aber eine solche Fülle von Stoff, enthalten eine derartige Menge von schwer zu beschreibenden und auch höchst anstößigen Dingen, daß ich es mir versagen muß, hier darauf einzugehen, und mich deshalb nur auf die äußeren Umrisse beschränken werde. Auch die vielen Lieder, die da gesungen werden, bieten, abgesehen von ihrem fast durchweg erotischen Inhalt, wegen ihrer poetischen und altertümlichen Sprache der Übersetzung die größten Schwierigkeiten. Die Leute selbst verstehen den Sinn der Lieder zum Teil nicht mehr.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich über die Wocheneinteilung noch etwas sagen, da noch manchmal darauf Bezug genommen werden wird. Die Woche heißt ndisha, gebildet von dem Stammwort kurisha, hüten. Es ist die Hütewoche und zählt sechs Tage, nach welchen sich die Hirten ablösen. Der erste Tag heißt nguta, dann zählen sie weiter: ndisha keri = zweiter Hütetag, ndisha katatu = dritter Hütetag, bis zum fünften Tage. Der letzte Tag heißt žekisia = wenn sie (die Hütewoche) aufhört.

Vor ungefähr 25 Jahren soll einer ihrer Propheten, vielleicht unter dem Eindruck der christlichen Festtage, von denen sie Kunde erhalten haben werden, den ersten und letzten Tag der Woche zu Feiertagen gemacht haben. Heute wird an den Tagen Nguta und Zekisia (dem ersten und letzten Tag der Woche) bei den Wapare auf Befehl eines ihrer großen Medizinmänner nicht geackert. Andre Arbeit ist erlaubt. Der zweite und vierte Wochentag sind die wichtigsten, an welchen man z. B. dem Schwiegervater die Morgengabe überreichen kann. Auch für die Frauenfeste sind diese Tage von Bedeutung.

Für das Fest legen die Eltern einen Speisevorrat zurecht. Zekisia, also am letzten Wochentage abends kommen 10–20 kleinere Mädchen zu der Novize, um bei ihr zu schlafen. Diese Mädchen heißen vabora va masambi = Schamschurzmädchen, denn sie tragen noch zwei Felle, ein langes hinten und ein kürzeres vorne. Ist das Mädchen in die Mysterien eingeweiht, so trägt es nur noch das bis an die Knie reichende vordere Fell, um auch dieses nach der Verheiratung gegen den eigentlichen Frauenfellschurz einzutauschen. Es wird dann entweder an jüngere Geschwister abgegeben oder als letztes Zeichen der Jungfrauenschaft zerrissen und fortgeworfen.

Am ersten Wochentage morgens ganz früh binden diese Mädchen der Novize so viele Bananenbastschnüre um den Leib, daß die beiden Schurzfelle darunter vollständig verschwinden. Dann kommen zwei alte Frauen, begrüßen den Vater und die Mutter und setzen sich erst ruhig hin, um sich dann plötzlich auf des Hauses Tochter zu stürzen, indem sie versuchen, ihr die beiden Schamschurze zu entreißen. Die kleinen Mädchen umgeben ihre Freundin, um sie zu „schützen“, aber mit Hilfe der Eltern gelingt es den beiden Frauen doch, die vielen Stricke, unter denen die Felle versteckt waren, zu durchschneiden. Nachdem eine Frau die beiden Felle gelöst hat, eilt sie vor die Hütte und stößt Freudentriller aus, in welche die andern Frauen einstimmen. Währenddessen sitzt das kleine Mädchen im Hause und weint:

Woyami, isambi langu mcheku,
mcheku wanishina,
waniaika ne mdori,
wajiwa ni ani vujikwi,
wajiwa ni ani kapombe.
Kave ii misi muniagana.
Nanga namanya nikaaha.

Das heißt in der Übersetzung etwa:

O weh Mutter, wo ist mein Fell,
warum, o Mutter bist du mir böse?
Warum muß ich ins Fest so schnell?
Wer wird nun für dich auf Holzsuche gehn,
wer wird für dich künftig Wasser holen?
(Das ist ihr in Zukunft nicht mehr erlaubt.)
Gegen mich habt ihr euch dieser Tage verbündet,
hätt’ ich’s gewußt, ich wär’ fortgelaufen.

Die Mutter macht dem Weinen aber dadurch ein Ende, daß sie sagt: „Mach uns hier nicht nervös, wer ist dir denn gestorben, daß du so weinst?“ Das Mädchen bekommt vorläufig die beiden Schurzfelle wieder. Dann fängt die alte Frau an, sie mit Asche einzureiben, und das Mädchen selbst pudert sich am ganzen Körper damit ein. Das ist nun vier Tage lang ihre Arbeit, während welcher Zeit sie sich nicht waschen darf. Auch jeder Junge oder Mann, der in die Nähe der Hütte kommt, erhält von ihr ein Aschezeichen auf den Fuß.

Am Abend wird das Kind von zwei Mädchen besucht, die schon eingeweiht sind, das Fest aber noch nicht beendigt haben. Sie heißen vai va nyumba. Zugleich kommen auch eine Menge junger Mädchen und Männer, um im Hause der Novize die berüchtigten Bauchtänze (viravu) zu veranstalten. Die Tänze an und für sich wirken auf die Leute äußerst erregend, und den Abschluß bilden die schlimmsten Orgien in den Nachbarhäusern oder auch im Freien. Die Mädchen tragen bei diesen Tänzen ihre Kleider, die Vortänzer der Männer haben nur einen Lendenschurz aus Bananenblättern an. Sie stampfen beim Tanzen mit dumpf dröhnenden Bambusstangen auf die Erde. Diese Viravu-Tänze werden vier Tage lang abgehalten.

Am fünften Tage findet die „Beraubung“ (kidedeho) statt. Männer und die kleinen Mädchen haben keinen Zutritt, nur Frauen und die Mädchen, welche das Fest schon hinter sich haben. Die beiden Vai va nyumba zeigen der Novize, wie sie sich zu verhalten hat. Sie muß fein züchtig auf den Boden schauen und darf sich nicht einmal den Schweiß abwischen, dafür hat sie sowie die andern beiden Vai ihre Helferin (mkunjiga). Die Beraubung findet auf dem Boden des Hauses statt. Nur die Novize und einige alte Frauen und Verwandte des Mädchens begeben sich dorthin. Die Leiterin faßt das Mädchen an dem Arm und setzt sie viermal einer jeden Frau in den Schoß. Bei der letzten Frau angelangt, werden dem Mädchen endgültig alle seine Kleidungsstücke abgenommen und die Festabzeichen angelegt. Die Frauen singen dabei folgendes Lied:

Tunemuhambua, tunamunke vingi,
twekimunka vingi, vinamuazere!

Das heißt:

Wir werden sie berauben, und andres dafür geben,
auch das, was wir ihr geben, wird sie sehr gut kleiden.

Nun bekommt sie statt der Perlenschnüre Eisenketten um Hals und Leib, sowie Ketten aus Kaurimuscheln, eiserne Hals- und Armbänder und einen Schamschurz, der aus lauter kleinen länglichen Eisenschellen besteht. Die Novize ist jetzt das geworden, was die Vaasu mit „Jungfrau des Hauses“ (mwai wa nyumba) bezeichnen. Sie wird von der Festleiterin über ihre neuen Pflichten belehrt: „Du darfst nun nicht mehr ans Sonnenlicht gehen, dein Aufenthaltsort ist dieses Haus. Nur nach Sonnenuntergang darfst du das Haus verlassen und dich draußen aufhalten. Wenn jemand ins Haus kommt, so flüchte in den äußersten Winkel; wenn jemand vorbeigeht und ins Haus hineingrüßt, so darfst du als Antwort nur pfeifen. Mit keinem Manne oder Knaben sollst du dich abgeben.“ Dies ist ein besonders wichtiges Gebot. Denn es kommt vor, daß eine solche Mwai in den Jahren, die sie nun im Hause zubringen muß, schwanger wird, besonders wenn der Vater aus Armut oder andern Gründen diese Zeit der Jungfrauschaft ungebührlich lange ausdehnt. Solche Mädchen heißen kirya. Sie werden aus der Volksgemeinschaft ausgestoßen. Dem Mädchen wird das Fell eines Schafes auf den Rücken gebunden, dann wird ein Loch in die Lehmwand des Hauses gemacht und es durch diese Öffnung, das Symbol des Grabes, hinausgetrieben. Allein muß es irgendwo weit von den Seinigen die Niederkunft abwarten. Nie darf es nach Hause zurückkehren. Sieht die Mutter es zufällig später einmal auf dem Markt, so kehrt sie sofort um und weint, weil sie „die Tote“ wiedergesehen hat. Wenn sie vertrieben worden ist, stimmen die Zurückbleibenden den Totengesang an. Die Mutter klagt:

O weh, wie schmerzt der Abschied so sehr,
mein Kind, wenn ich rufe, antwortet nicht mehr.
Daß das Unheil käme über den Bösen (Verführer)!
Wenn auch mich der Tod doch wollte erlösen
von dem Schmerz, hier ohne mein Kind zu sein!

Bei einem Volke wie unsern Vaasu, die den Kindern den freien geschlechtlichen Verkehr, man kann ruhig sagen, zur Pflicht machen, sind es natürlich auch in einem solchen Falle nicht etwa moralische Bedenken, die zur Ausstoßung der Tochter führen, sondern wiederum die Furcht, die Ahnengeister würden sie bei Nichtbefolgung der althergebrachten Sitte umbringen.

Die Mwai wa nyumba führt ein sehr sorgenfreies Leben, besonders wenn noch viele andre Mädchen ihrer Altersklasse im gleichen Feste sind und sie sich auf den nächtlichen Viravu-Tänzen treffen können, wo sie dann mit ihren Trommeln den jungen Leuten zum Tanz aufspielen. Denn ihre Hauptbeschäftigung zu Hause ist die, etwa sechs Handtrommeln zu schlagen, die sie mit den Stielen zwischen ihren Beinen festklemmen. Noch heute klingt mir das melancholische Ping-ping, peng-peng, pang-pang, pong-pong, pung-pung der abgestimmten Trommeln in den Ohren, das ich so oft beim Ritt durch die Landschaft aus den Hütten schallen hörte. Wenn eine Mwai Tanzgesellschaft zu sich einladen will, setzt sie sich nach Sonnenuntergang vor die Tür und trommelt. Kurze Besuche oder Ausgänge darf sie ganz früh morgens oder abends machen, doch muß sie von einer Helferin begleitet sein. Früher blieben die Mädchen oft 5–6 Jahre im Hause. Heute ist diese Sitte durchbrochen, da die meisten Vai schon fröhlich in die Schule kommen. Nur die Helferin geht auch heute noch dem Mädchen, das nur alte Kleider anziehen darf, voraus. So paßt sich das Heidentum den Forderungen und Bedürfnissen der Neuzeit an, und es entstehen neue Sitten, die die Alten erst mit Verwunderung und Verachtung betrachten. Aber der Zeitpunkt ist nicht mehr allzufern, wo die alten Sitten der Vergessenheit anheimgefallen sein werden und das Christentum den Eingebornen bessere Werte gegeben hat. Da wird dann vielleicht die alte Großmutter den staunenden Enkelkindern abends am Feuer von den Tanzfesten, den Trommeln und Schellen erzählen und von dem Leben, das sie vor vielen, vielen Jahren geführt hat als

Mwai wa nyumba.