Etwa ein bis fünf Jahre, früher auch wohl noch länger, bleibt das Mädchen in der Hütte als „Jungfrau des Hauses“. Während dieser Zeit darf sie sich ihr Haar nicht scheren lassen, sondern sie trägt die jeder Mwai wa nyumba eigene Frisur. Zu dem Zwecke kaut sie Zuckerrohr aus, und mit dem so gewonnenen Sirup reibt sie den Kopf von Zeit zu Zeit ein. Gegen Ende der Jungfrauschaft hängen diesen Mädchen die zusammengeklebten Haare wie lange Stäbchen bis tief in den Nacken. Diese Frisur macht beim Tanzen jede Bewegung mit, und gerade darin soll, wie ich mir sagen ließ, der Hauptzweck der ganzen Manipulation liegen. Wahrscheinlich ist aber wohl, daß auch hier, wenigstens ursprünglich, aus religiösen Motiven und animistischen Vorstellungen das Abschneiden des Haupthaares verboten wurde.
Nach der oben angegebenen Zeit beraten sich die Eltern und beschließen das Mädchen „herauszubringen“, d. h. ihrer Mwaischaft ein Ende zu machen. Ihr selbst wird vorläufig nichts Näheres mitgeteilt, weil sie den Schritt aus dem Dolcefarniente einer Mwai wa nyumba ins Leben nur ungerne tun wird. Wohl aber wird ihr gesagt, sie möge zu einem sechs Tage lang währenden Kiravu-Tanz einladen. Mit ihm sollen nämlich die Festlichkeiten eröffnet werden. Diese besonderen Tänze heißen maaganya = Abschiedstänze.
Schon in jener Woche kommen hin und wieder Frauen und helfen der Mutter bei der Mehlbereitung. Der Haupttag aber ist Nguta, der erste Wochentag, an welchem alle diese Frauen zusammenkommen, um unter Freudentrillern der Mutter bei den Vorbereitungen zur Hand zu gehen.
Für denselben Tag hat auch der Vater seine Freunde zu sich gebeten, damit sie ihm bei der Bierbereitung helfen. Nachdem die Männer die Zuckerrohre geholt und auch gleich auf dem Felde geschält haben, bringen sie die Lasten nach dem Hause der Mwai. Der Vater geht mit leeren Händen dem Zuge voran. Die Männer singen:
Der erotische Text ist hier zur Wiedergabe nicht geeignet. Zu Hause angelangt, umziehen sie die Hütte viermal. Dann nehmen ihnen die Frauen die Zuckerrohrlasten ab und geben ihnen Speise.
Abends ist wieder Kiravu-Tanz. Wenn die Leute sich müde getanzt haben, singen die Mädchen (vabora va masambi und vabora va shuke) der Jungfrau folgendes Lied:
Das heißt:
Dann werfen sie sich alle in einem Winkel über der Mwai zur Erde und weinen. Nach diesem Vorgang heißt der ganze Tanz kiravu cha kuia = der Tanz des Weinens. (Siehe ähnlichen Vorgang in Hes. 8, 14. Das Weinen über den Thammus [griech. Adonis], der Liebling der Liebesgöttin Venus, dessen zeitweiliges Verschwinden in der Unterwelt von den Weibern sieben Tage lang beweint wurde. Das Fest hatte wahrscheinlich seine tiefere Bedeutung im Verschwinden des schönen Naturlebens nach Eintritt der höchsten Sonnenhitze. Man beweinte die verschwundene Schöne des Jahres und zeigte Angst vor dem kommenden Winter. So wird hier von der sorgenfreien Jugend weinend Abschied genommen.)
Die Mwai selbst stimmt das Abschiedslied an:
Das heißt:
Wenn das Mädchen dann immer mehr weint, sagt die Mutter wohl kurz: „Laß nur das Weinen, wer ist denn eigentlich gestorben? Willst du denn hier im Hause wie ein Ochse großgefüttert werden, ohne zu arbeiten?“ Einige der Mädchen bleiben auch während der Nacht bei der Jungfrau, die andern gehen wieder nach Hause.
Am nächsten Morgen begeben sich die Frauen zum Festplatz, um dort geschälte Zuckerrohre auf Steinen zu einer faserigen Masse zu verreiben. Diese wird von den Männern ausgepreßt und aus dem so gewonnenen Saft das Bier hergestellt. Die Arbeit wird regelmäßig von vielen Gesängen begleitet, und die Berge hallen wider von den Freudentrillern der Frauen. Den Abschluß bildet ein Festessen. Die andern Mädchen sind schon am Morgen ganz früh in die Büsche gegangen, um dort allerlei Früchte und Pflanzen zu suchen, oder wie es offiziell heißt: kuatunda = zu pflücken. Die so gesammelten Dinge werden sorgfältig vor den Augen aller Unberufenen, besonders der Männer, verborgen, indem sie in Säckchen gesteckt oder mit Bananenblattscheiden umwickelt werden. Bei den in der kommenden und besonders der nächstfolgenden Nacht stattfindenden symbolischen Tänzen spielen diese Dinge eine große Rolle. Aber selbst dem Europäer, der mit ihren Sitten ziemlich vertraut ist, fällt es außerordentlich schwer, sich in diesem Wirrwarr von anscheinend nichtssagenden Handlungen und Gesängen zurechtzufinden und von allem die Bedeutung zu verstehen. Erschwert wird der Versuch bei den Liedern noch durch die altertümliche Sprache, der gegenüber oft meine sämtlichen Gewährsleute versagten. Vor Männern werden diese Dinge überhaupt streng geheim gehalten, und aus einer Heidenfrau ist unter keinen Umständen etwas herauszubringen, weil eine jede, die etwas ausplaudert, verflucht ist. So hieß es, bei diesen Forschungen das Eisen zu schmieden, solange es heiß war, denn die heranwachsenden Christenmädchen werden diese Dinge hoffentlich überhaupt nie kennenlernen. Den in jenen Jahren getauften Frauen und Mädchen war aber noch alles frisch im Gedächtnis.
Bei der Rückkehr vom „Pflücken“ singen die Mädchen:
Das heißt:
Die Gespielinnen der Mwai werden an der Tür der Hütte von einer Frau empfangen. Diese nimmt dem ersten Mädchen die „Sachen“ ab, und auch die andern bringen ihre „Geheimnisse“ ins Haus. Sie erhalten Speise, worauf die Nahewohnenden nach Hause gehen. Abends ist ein Tanz, der itunda idori = das kleine Pflücken heißt. Eingeleitet wird er damit, daß die Frauen alle die verfluchen, die sie bei ihren Festgeheimnissen belauschen. Die ganze Nacht hindurch werden schwer zu beschreibende symbolische Tänze aufgeführt, durch die der angehenden Frau und Mutter allerlei Lehren veranschaulicht werden sollen.
Am Morgen des dritten Tages gehen die Mädchen wiederum in die Büsche, kuatunda = weitere wilde Früchte usw. zu „pflücken“. Bei ihrer Rückkehr erhalten sie Speise und Bier. Auch die Männer haben sich zu einer kleinen Kostprobe eingefunden und sehen nach, ob das Bier schon gut ist.
Am Abend findet ein Tanz statt, der itunda ibaha = das große Pflücken heißt. Durch die an diesem und am vorhergehenden Tage geholten Früchte, Bananenblütenstengel usw. werden zumeist die an diesem Abend besungenen Naturvorgänge illustriert. Alle diese Tänze finden im Festhause statt. Etwaige Lauscher werden zuerst wiederum verflucht. Eine besondere Zeremonie wird mit allen den jungen Mädchen vorgenommen, die noch nie einem solchen Feste beigewohnt haben. Sie müssen sich an die Feuerstelle begeben. Auf jeder Seite steht eine Novize und eine Eingeweihte. Letztere streicht der Novize Asche an sämtliche Gelenke. Sie muß sich dann mit den Händen auf die Knie stützen, während die Eingeweihte von hinten herzutritt, ihr die Augen zuhält und den „Fluchtanz“ beginnt.
Eins der Lieder, die in jener Nacht gesungen werden, heißt Kaia mpelele, keyoie mpanga = der Klippschliefer weint angesichts der Höhle (die ihm doch Schutz und Versteck bietet). Damit wird auf die nunmehr bald bevorstehende Heirat des großjährig erklärten Mädchens angespielt und auf die Tatsache, daß jetzt die Sorgen erst kommen werden. Alle, die während der Tänze in der Hütte vom Schlaf überwältigt werden, „züchtigt“ man mit dem Stengel einer Schmarotzerpflanze (kasosa) bis sie wieder munter sind. Gegen Morgen werden zwei Knollengewächse (maomba a nguve) hervorgeholt, die mit Perlschnüren geschmückt sind und zwei Kinder vorstellen. Damit beginnt ein neuer Tanz und Gesang, in welchem die zukünftige Mutterschaft des Mädchens mit ihren Leiden und Freuden besungen wird. Beim Morgengrauen soll in einem weiteren Tanz der angehenden Gattin gezeigt werden, wie der Krieg mit rauher Hand das Familienglück zerstört und der Mann oft sein Leben lassen muß. Eine der Frauen steigt auf den Boden und ruft plötzlich: „Der Krieg ist gekommen!“ Die Untenstehenden stoßen daraufhin den Hilferuf aus und singen:
Das heißt:
Dabei schlagen sie mit Lianen, die Schwerter vorstellen, auf die Erde. Am Morgen des vierten Tages wird die Öffentlichkeit wiederhergestellt, indem die Frauen und Mädchen mit der Mwai vor die Tür gehen und dort noch allerlei symbolische Tänze aufführen. Zum Schluß laufen die Mädchen mit der Mwai etwas vom Hause fort, nehmen Blätter von den nahen Sträuchern, werfen sie von sich und rufen: Nandigo we, Nandigo we, na ukatahuža, ihumpa lako zilo! Die Nandigo hatte nämlich vor langen Jahren das Schlimmste getan, was eine Mwai überhaupt machen kann, sie war vor Beendigung des Festes kirya geworden. An dieses Vorkommnis wird erinnert, wenn die Mädchen die Blätter von sich werfen und rufen: „Du Nandigo, wenn du auch schweigst, da ist deine Seuche!“ D. h. wir wollen davon nicht angesteckt werden. Unsre Mwai ist ja nun bald aus dem Fest entlassen. Sie hat sich ordentlich gehalten und es nicht so gemacht wie du.
Die Mwai wird darauf von ihren Gespielinnen mit trocknen Bananenblättern geschmückt, und auch die Mädchen selbst behängen sich damit. Abwechselnd nehmen sie dann die Mwai auf den Rücken und tragen sie bis nach ihrem Hause. Dort gehen sie mit ihr viermal um die Hütte herum. Dann nimmt eine Frau der Mwai den Bananenblattschmuck ab und legt ihn etwas entfernt von dem Hause auf die Erde. Die Mädchen werfen ihre Bananenblätter alle dazu. Darauf befiehlt ihnen die Frau, unter diese Blätter zu kriechen und grunzende Laute auszustoßen, während sie selbst eine große Schale mit Bier über ihnen opfert, indem sie es auf die Köpfe der Kinder und in den Haufen der trockenen Bananenblätter gießt. Dabei spricht sie die bedeutsamen Worte: Muni, wala ng’ombe! = Muni, nun hast du deine Opferkühe bekommen! Die letzten beiden Worte sprechen die umstehenden Frauen laut mit. Darauf dürfen die Kinder wieder hervorkriechen, und der ganze Blätterhaufe wird angezündet. Die Mwai und ihre Gefährtinnen müssen mehrere Male durch die Flamme springen, bis das Feuer nahezu ausgebrannt ist. Mit den Füßen treten sie die glimmende Asche vollends aus und tanzen auf ihr herum. In die Asche gießt eine Frau Bier, die Mädchen vermischen sie außerdem noch mit Kuhmist. Die so hergestellte geweihte Salbe streichen sie mit einem Pinsel, den sie sich aus einer jungen Bananenstaude herstellen, jedem Manne und Burschen, der zum Biertrinken in das Festhaus kommt, auf den rechten Fuß.
Als ich von dem oben erwähnten Brauch und dem Namen Muni hörte, mußte ich sofort an Moloch und den Sonnendienst im Altertum denken. Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß wir es hier mit Überresten eines solchen Dienstes zu tun haben. Daß die Kinder als Munis Opfer bezeichnet werden und sie auch durch die Flamme springen müssen, erinnert augenfällig an den Molochdienst. Herrschte doch im Altertum die Sitte, Kinder durchs Feuer zu reinigen und zu weihen, eine Taufe, die schon in der Bibel verboten ist (3. Mose 18, 21). Hoffentlich läßt sich bei andern Stämmen noch mehr über ähnliche Vorkommnisse in Erfahrung bringen, die dann auch den Namen Muni vielleicht näher erklären oder die sprachliche Ableitung besser erkennen lassen.
Die kleinen Mädchen werden nun mit gekochten Bananen, Fleisch und Bier, die größeren Mädchen mit Maisspeisen und Bier bewirtet. Wenn sie sich sattgegessen haben, gehen sie nach Hause, die kleineren um nicht zurückzukehren, da sie bei dem Tanz in der letzten Nacht nicht anwesend sein dürfen.
Gegen 3 Uhr nachmittags gehen die Vai va shuke und die jüngeren Frauen wieder zum „Pflücken“ in den Wald. Sie bringen u. a. einen Blütenstengel der wilden Banane (irigo) mit heim. Am Festhause angekommen, ziehen sie viermal um dasselbe herum. Dann nimmt eine alte Frau dem führenden Mädchen den Sack ab, der die Festgeheimnisse (ngasu) enthält, und gibt ihnen allen Bier. Am Abend beginnt der Tanz, der die ganze Nacht hindurch währt. Ich will den Leser nicht mit einer Beschreibung der Einzelheiten ermüden. Die Vorgänge sind z. T. sehr schwer klarzulegen, wenn man nicht allzu ausführlich sein will, z. T. bleibt die Bedeutung dieser Tänze und Gesänge selbst den Eingeborenen dunkel.
Gegen Morgen wird an den oben erwähnten Blütenstengel der wilden Banane ein Strick aus Bananenfasern gebunden und dieser über die Erde geschleift. Der Irigo stellt ein Rind vor; die Mwai geht mit einem kleinen Stöckchen hinterher und treibt die „Kuh“. Die andern Frauen greifen dann auch nach dem Strick, als ob sie die Kuh rauben wollten. Die Mwai stößt den Hilferuf aus und sie lassen ihn wieder fahren. Endlich wirft die Führerin den Strick auf die Erde. Die Mwai ruft: „Laß das Fest noch nicht aufhören, mein Mann ist der Soundso.“ Die Erklärungen, die mir gemacht wurden, klangen alle sehr unwahrscheinlich. Die meisten Leute kennen die tiefere Bedeutung mancher religiösen Zeremonien selbst nicht mehr.
Unterdes ist es Morgen geworden. Nun ist der Augenblick gekommen, die Jungfrau aus dem Fest zu entlassen und sie dem Leben wiederzugeben. Die Frauen singen:
Das heißt: Mwai, wir ziehen dir nun wieder ein gewöhnliches Kleid an, wie es die andern Leute auch tragen.
Eine Frau bringt ein Schurzfell, welches heute nach der Zeremonie gewöhnlich bald mit einem Stück Baumwollstoff vertauscht wird. Auch Perlschnüre werden ihr umgehängt. Die Mwai weint bei dieser Handlung, durch die sie vor einen neuen Lebensabschnitt gestellt wird. Sämtliche Frauen gehen alsdann mit ihr vor die Hütte. Hier wirft sich eine von ihnen auf eine Kuhhaut und legt die Mwai über sich, ähnlich wie wir es bei der Beschneidung sahen. Haben die Frauen festgestellt, daß die Mwai noch nicht defloriert ist, so stoßen sie alle die Freudentriller aus, und die Mutter sagt wohl: „Ich habe doch eine verständige Tochter geboren, die mich nicht vor allen Leuten beschämt.“ Die Mwai wird mit Butter gesalbt, man bindet ihr den Lederschurz wieder um, und nun wird sie viermal unter Freudentrillern in die Höhe geworfen, wobei die Frauen singen: Karya ng’ombe, karya ng’ombe, eya he he! = iß die Kühe, iß die Kühe! Dadurch geben sie ihrer Freude Ausdruck, daß der Mutter nun die beiden Ziegen (Kühe), die der kommende Bräutigam für die Jungfrau zu zahlen hat, nicht verloren gehen. Dem Mädchen wird gesagt: „Nun bist du eine mwai wa shuke“ = eine bekleidete Jungfrau, die sich wieder außerhalb der Hütte aufhalten darf.
Am Nachmittag kommt der Onkel der Mwai mit vier oder sechs Kürbisflaschen voll Bier und ebenso vielen Frauen, die ihm das Bier tragen. Um die vorderste Flasche ist ein Ledergürtel gebunden, den die Mwai als ein besonderes Geschenk von ihrem Onkel erhält. Die Jungfrau wird bei seiner Ankunft von ihrer Führerin auf den Rücken genommen und alle umgehen das Haus in feierlichem Zuge viermal, indem sie wieder wie oben aus Freude ob der Unbescholtenheit des Mädchens singen: Karya ng’ombe, halele kitonga ni ndoyo, halele nitamya. Die Gäste erhalten Bier und bleiben bis zum Abend oder gar wohl die Nacht hindurch beisammen.
Die Mwai sitzt jetzt tagsüber nahe beim Hause im Freien und schlägt ihre Trommel wie zuvor. Weitere Ausgänge oder Hausarbeiten wie Wasser und Holz holen darf sie immer noch nicht übernehmen. Auch spricht sie mit jüngeren Männern nur nach Erhalt kleiner Geschenke. Noch eine oder gar mehrere Wochen vergehen. Dann ruft die Mutter wiederum ihre Gespielinnen, jene kleinen und größeren Mädchen, damit sie die Mwai auf ihrem ersten Ausgang begleiten. Die Vaasu nennen das kuramosha = aufs Feld bringen. Der geeignete Tag ist der zweite oder vierte Wochentag. Bald kann man ihren Gesang hören:
Das heißt:
Die Jungfrau wird mit diesem Lied erinnert, wie sie sich zu verhalten habe. Fein züchtig muß sie auf die Erde schauen, langsamen, würdevollen Schrittes einhergehen, ohne sich mit jemand zu unterhalten. Wie wir noch sehen werden, haben auch die Knaben ähnliche Festregeln zu beobachten.
Die Mädchen gehen so im Gänsemarsch weiter, bis sie an ein Gehölz kommen. Dort muß sich die Mwai auf die Erde setzen und nach gewohnter Weise ihre Trommeln schlagen. Ihre Freundinnen suchen inzwischen jede eine Last Holz und binden vier Stücke zu einer besonderen Last für die Mwai zusammen. Man zeigt ihr auch einen Ast, den sie mit einer Axt abschlagen muß, da sie jetzt gewissermaßen im kleinen alle die Arbeiten verrichten soll, die sie später als mwai wa shuke (bekleidete Jungfrau) und Frau zu übernehmen hat. Die Mädchen legen der Mwai ein Tragpolster (ngata) auf den Kopf und die Miniaturholzlast darauf. Dann bekommt sie ein kleines Stöckchen, welches sie bis zum Ende des Festes behält und das sie beim Gehen auf den nunmehr bald erlaubten Ausgängen lose in beiden Händen vor sich trägt. Nachher, wenn die Mwai endgültig aus dem Fest entlassen ist, wird dieses Stöckchen verbrannt.
Die Mädchen nehmen ihre kleinen Holzlasten ebenfalls auf, und der Zug setzt sich wieder dem Hause zu unter Trommelschall und Gesang in Bewegung. Wenn die als eigentliche Festleiterin bestellte Frau sie im Festhause hört, stößt sie den Freudenruf aus und kommt heraus. Der Zug geht viermal um die Hütte herum, worauf die Frau der Führerin und der Mwai ihre Lasten abnimmt. Sämtliche Tragpolster werden aufgehoben, um nachher ebenfalls verbrannt zu werden. Im Hause werden die Mädchen dann mit Bier und Speise bewirtet.
Nachdem sich alle gestärkt haben, treten sie wiederum vor die Hütte, und die Frau setzt der Mwai unter Freudentrillern eine Kürbisflasche zum Wasserholen auf den Kopf und sagt ihr: „Jetzt bist du eine Mwai wa shuke, nun darfst du wieder Wasser holen wie die andern.“ Die Mädchen gehen dann alle an die Schöpfstelle, um Wasser zu holen.
Des weiteren bringt die alte Frau das Mädchen in einen Bananenhain, um ihr bei einigen Hackenschlägen die Hand zu führen. Bald sagt sie dann: „Nun ist es Abend, du bist müde von der Arbeit, laß uns wieder nach Hause gehen.“ Dort angekommen, bindet ihr die Frau nach Landessitte einen kleinen Fasersack um, bringt sie in ein Bohnenfeld, führt ihre Hände zu den Bohnen, und die Mwai pflückt einige davon. Damit ist sie in alle diese Arbeiten, die ihr so lange untersagt waren, eingeführt und darf sie in Zukunft wieder verrichten. Die Frau erbittet von den Mädchen und auch von andern Leuten noch recht viele Perlschnüre, und die Mwai wird damit so geschmückt, wie das Bild es zeigt.
Bei dieser Gelegenheit will ich wenigstens erwähnen, daß es außer den hier beschriebenen Mädchenfesten noch eine Reihe anderer gibt, die den besonderen Stämmen eigentümlich sind. Sie weisen mehr oder weniger große Unterschiede auf oder sind ganz von den uns schon bekannten Festen verschieden. Das letzte Frauenfest des Stammes derer von Bwambo, der angeblichen Ureinwohner von Pare, heißt kuchungua ngovi. Sie haben die gute Sitte, daß vor erfolgter Menstruation und dem sich daran anschließenden Fest bei ihnen ein Mädchen unter keinen Umständen heiraten darf. Die Bilder zeigen drei Novizen (vai) mit den eigentümlichen, über ¾ m hohen Kronen aus den jungen, noch unentwickelten Blattrieben des Zuckerrohres. Diese einzelnen Feste ausführlich zu beschreiben, würde hier zu weit führen.
Nach Ablauf einer oder mehrerer Wochen wird die Mwai „auf den Markt gebracht“ (kufwinya mwai kiete). Jene „Frau des Festes“ legt dem Mädchen allen Schmuck an, und die ganze Gesellschaft, die sich wieder eingefunden hat, begibt sich auf den Markt. In dessen Nähe angekommen, wird die Mwai von den Mädchen auf den Rücken genommen und getragen. Auf dem Marktplatz wird sie auf Bananenblätter gesetzt, manchmal wohl auch mit einem Tuch verhüllt. Andere wiederum stehen mit nach unten gerichteten Augen ruhig da. Ist der Markt vorüber, wird die Mwai wieder ein Stück des Weges auf dem Rücken getragen, um dann mit den andern zu Fuß nach Hause zu gehen. Nun ist auch den weiter Fortwohnenden, die zum Markt gekommen sind, bekannt geworden, daß die Jungfrau ihre Festeszeit ordnungsmäßig beendet hat und damit zumeist heiratsfähig geworden ist.
Am nächsten Tage wird dem Mädchen das in langen Strähnen herunterhängende Haar abgeschoren, von der Mutter sorgfältig gesammelt, und auf den Dachboden gelegt, damit es ja nicht einem Zauberer in die Hände fällt, der damit Unheil über das Mädchen bringen könnte. Immer noch muß die Mwai die ihr eingeschärften Umgangsformen beobachten, langsam gehen usw. Nach ungefähr einer Woche wird dem Mädchen das neugewachsene Kopfhaar bis auf eine kleine Stelle rundherum abgeschnitten. Die stehengebliebenen Haare werden wieder so mit dem Saft von ausgekautem Zuckerrohr behandelt wie während der Festzeit selbst. Nach Verlauf von ungefähr einem Monat wird das Haar noch einmal abgeschoren, und die schon mehrfach erwähnte Frau nimmt der Mwai den Stirnperlenkranz ab und stößt den Freudentriller aus. Die Mwai entledigt sich selbst der übrigen Ketten und Schmuckstücke. Die alte Frau richtet noch die für die moralische Auffassung unsrer Wapare bezeichnenden Worte an die Mwai: „Nun bist du aus dem Fest entlassen. Wenn wir dich jetzt sehen sollten, daß du dich mit den jungen Burschen abgibst, so haben wir nichts dagegen.“ .. Die Jugend ist dahin. Bald wird ein Mann, der oft seinem Alter nach ihr Großvater sein könnte, um sie werben, und wenn die Eltern sehen, daß er reich oder vornehm ist, dann haben sie viele Mittel an der Hand, das furchtsame heidnische Herz der Tochter ihrem Willen gefügig zu machen und oft den geliebten Jugendgespielen fahren zu lassen. Von ihm nimmt sie Abschied. Tränen werden nicht dabei geweint, dazu sind sie beide zu stolz. Sie sagt ihm wohl: „Ich muß ihn nehmen!“ Vor wenigen Wochen oder Monaten hatte man ihr der Sitte gemäß beim „Tanz des Weinens“ das Festlied gesungen:
Wahrscheinlich hatte sie den Sinn dieses wie so mancher anderer Festlieder nicht verstanden. Aber bald dämmert ihr die Erkenntnis, daß sie damals wirklich Grund zum Klagen gehabt hat. Es war „das Ende, das Allerletzte“ der schönen, sorglosen Jugendzeit. — — — In den kommenden Jahren der mühsamen Feldarbeit und aufreibenden Nachtwachen in dürftigen Wachhütten wird die bald verblühte Frau oft an ihre sorglose Jugendzeit denken, die sie zum größten Teil verbracht hat als
Mwai wa nyumba.