Im allgemeinen sind die Wapare sehr nachsichtig gegen ihre Kinder und mit körperlichen Strafen nicht schnell bei der Hand. Ihre Erziehung liegt ihnen aber doch am Herzen. Eine Frau, die selbst sauber ist, erzieht schon ihren Kleinen zur Reinlichkeit und versetzt ihm wohl auch, wenn das Reden nichts nützt, einen Klaps; aber die körperliche Züchtigung ist bei ihnen immer die Ultima ratio. Schon der kleine Junge ist bei irgendeiner Krankheit, nachdem der Arzt gerufen, von diesem behandelt worden, indem die betreffende kranke Stelle des Körpers mit einem kleinen Messer überall aufgeritzt und Arznei in die Wunden gerieben wurde. Dabei ging es natürlich nicht ohne viel Ach und Weh ab. Ist nun der Junge unfolgsam, so sagt die Mutter wohl: „Gleich werde ich den Doktor rufen!“ Das hilft in den meisten Fällen. Einmal ritt ich an einem Gehöft vorbei, als die Mutter gerade ihrem ungehorsamen Sohne sagte: „Siehst du, das ist der Europäer mit dem großen Tier, welches dich schon immer fressen sollte. Versprich mir, daß du dein Schwesterchen nie mehr auszankst!“ Als er mit der Abgabe des Versprechens zögerte, hielt ich mein Maultier an, und sofort gelobte er unter großem Geschrei, sich fernerhin sittsam zu betragen. Werden die Jungen größer, so machen sie sich bald über solche Drohungen der Mutter lustig. Da nimmt denn die Mutter als letztes Mittel einen großen Mattensack, tut Brennesseln hinein und auch den Bösewicht, der sich nun in dem zugebundenen Sack auf der Erde wälzt und dadurch das Verfahren zu einem immer peinlicheren macht. Diese Strafe soll eine sehr gefürchtete sein. Auch mit dem ngurunguru, dem Waldungeheuer, von welchem wir noch weiter unten hören werden, wird den Kindern gedroht. Anderseits verspricht die Mutter als Belohnung für gehorsam getane Arbeit, den Kindern etwas vom Markt mitzubringen, etwa schöne, reife Bananen.
Spielend lernt das Kind zu arbeiten. Dem Knaben gibt die Mutter eine wilde Frucht, bindet eine Schnur daran und sagt zu ihm: „Das ist deine Kuh, führe sie fort.“ Sie macht ihm frühzeitig einen kleinen Bogen und kleine, einfache Pfeile, wenn er auch noch nichts damit schießen kann. Ihrer Tochter gibt sie ein Stück von einer Bananenstaude, zerstößt das eine Ende etwas, daß die Fasern wie die Haare einer Mwai wa nyumba herunterhängen, und sagt dem Mädchen: „Das ist dein Kind, verwahre es.“ Mit solchem Spielzeug sind die kleinen Parekinder mindestens ebenso glücklich wie die unsern mit ihren manchmal recht kostbaren Puppen und Pferden. Neues kann außerdem jeden Tag angefertigt werden. Die Phantasie des Kindes ersetzt auch bei den Negern das Fehlende.
Wird der Junge größer, dann übernimmt er schon selbständig kleinere Arbeiten. Er bewacht während eines kurzen Ausganges der Mutter den Mais, daß die Affen nichts stehlen, oder der Vater übergibt ihm ein krankes Schäflein, damit er es in der Nähe des Hauses an einem Stricke weide. Da wird dem Jungen dann die Phantasie rege. Er sieht sich schon als Besitzer einer großen Herde, bindet sein ihm anvertrautes Schaf an einen Baum und baut sich einen kleinen Stall. Dahinein trägt er allerlei Früchte, große und kleine, das sind seine Kühe und Ziegen. Und er hat sich so in sein Spiel vertieft, daß er gar nicht bemerkt, wie sich das Schaf mit einem Ruck losreißt und in Nachbars Garten den Mais abfrißt. Erst des Vaters scheltende Stimme ruft den in sein Spiel Vertieften in die Wirklichkeit zurück. Und wenn dann der Nachbar sich seinen Schadenersatz beim Vater holt, wird dem angehenden Hirten wohl auch handgreiflich demonstriert, daß die Arbeit, wenn auch spielend erlernt, einmal erlernt eben kein Spiel mehr ist.
Mit zunehmendem Alter verfertigt der Vater seinem Sohne einen richtigen Bogen und Pfeile und unterweist ihn gleichzeitig in der Kunst des Schießens. Fast jeder etwa zehnjährige Parejunge ist schon ein kleiner Meister im Verfertigen dieser Waffen. Zuerst übt er sich, indem er etwa auf eine Bananenstaude schießt, später auf Vögel und Affen. Beim Hüten lernt der kleine Bursche auf die mannigfaltigen Vorgänge in der Natur zu achten und seine Kenntnisse von all diesem würden manchen doppelt so alten Gymnasiasten in der europäischen Großstadt in Erstaunen versetzen. So ein Junge kennt schon die meisten Bäume bei Namen, weiß von den Gewohnheiten vieler Tiere und der Verwendung von mehr als einer Arzneipflanze. Auf der andern Seite erwirbt er schon in frühester Jugend besonders auf den Tanzfesten mancherlei Kenntnisse, die seine Gedanken vergiften und die es ihm nachher schwer machen, sein Herz dem Christentum zu öffnen. Solange die Jungen noch klein sind, schlafen sie zu Hause. Aber schon im jugendlichen Alter werden sie auf die nächtlichen Viravu-Tänze gebracht, damit sie sich beizeiten an diese Dinge gewöhnen. Bald wird es dann nicht mehr für anständig gehalten, daß sie zu Hause bei ihren Eltern schlafen. Sie suchen sich, meistens mehrere Genossen zusammen, eine Schlafstelle bei irgendeinem Bekannten, bei dem sie bleiben, bis sich jeder von ihnen selbst ein Heim gründet.
Zu Hause wird der Knabe früh daran gewöhnt, mit seinem Vater zu essen, das Mädchen mit ihrer Mutter, damit die Kinder, wenn Gäste kommen, keine Schwierigkeiten machen; denn dann müssen der Sitte gemäß Männer und Frauen ihre Mahlzeit getrennt einnehmen.
Die Missionsschule hat natürlich etwas ganz Neues in das Leben der Kinder gebracht. Zuerst verhielten sich die Alten sehr ablehnend, weil sie glaubten, jeder, der die Schule besuchte, müßte notwendigerweise zum Christentum übertreten. Auch verlangten sie wenigstens Tagelohn für jeden Schüler. Nachdem sie aber gesehen hatten, daß viele die Schule durchmachten, ohne Christen geworden zu sein, daß sie auch nicht dazu gezwungen wurden, haben sie mit raschem Blick den dargebotenen Vorteil erkannt. Wenn auch bei vielen die Bedenken noch nicht geschwunden sind, so dringen doch die meisten Eltern erfreulicherweise bei ihren Kindern auf einen regelmäßigen Schulbesuch, wenigstens war das in Pare der Fall, wo wir auf unsern vier Stationen und den dazugehörigen Außenschulen über 2000 Knaben und Mädchen in allen Elementarfächern unterrichteten. Die Kleinen lernen im allgemeinen sehr leicht, und es ist eine Freude, sie zu unterweisen, besonders wenn man etwa 150 aufgeweckte Steppenkinder vor sich hat. Dieselben dummen Streiche, die zu Hause in der Schule verübt werden, findet man auch hier wieder, und überhaupt ist der ganze Schulbetrieb der gleiche wie in Deutschland. Sobald der Junge schreiben kann, schreibt er leidenschaftlich gern Briefe. Ja, selbst die erste schüchterne Anfrage bei der künftigen Frau geschieht heutzutage brieflich. Ist der Junge etwa 16 Jahre alt, dann wird er von der Regierung zur Steuerzahlung herangezogen. Unter deutscher Herrschaft erhielt er eine Arbeitskarte, die ihn verpflichtete, innerhalb vier Monaten fünf Wochen beim Europäer zu arbeiten. Die Einführung dieser Sitte war für die allgemeine Hebung des Volkes sicher von Bedeutung. So ist der Parejüngling in einem Alter, wo die meisten Europäer noch Kinder sind, schon Arbeiter, Steuerzahler und oft auch Familienvater.