Eine Skizze nach dem Leben über das Pare-Waldfest.

Es ist kurz vor der Regenzeit auf den Höhen Südpares. Die Sonne hat bald ihren Tageslauf vollendet. Noch einmal vergoldet sie die Usambaraberge, küßt abschiednehmend die Spitzen Pares, um dann blutigrot fern am Horizont in die ungeheure Massaisteppe unterzutauchen. Steigt man auf eine der höchsten Erhebungen, so kann man deutlich im Norden den Kilimandjaro sehen, der sein eis- und schneebedecktes Haupt in starrem Trotz von der afrikanischen Sonne bescheinen läßt. Die Schluchten und Abhänge des östlich liegenden Usambaragebirges erscheinen jetzt nach Sonnenuntergang eine kurze Zeitlang wie in ein Farbenmeer getaucht. Hell- und dunkelgrüne, graue, gelbe, blaue und tiefschwarze Töne liegen in den zartesten Abstufungen über dem ganzen Gebirgszug. Große Rauchwolken und ungeheure Feuer, die nach Eintritt der Dunkelheit sichtbar werden, lassen erkennen, wie fleißig der schwarze Bauer auch dort dabei ist, die Acker- und Rodungsarbeiten noch vor dem ersten Regen zu beenden.

Ein verspäteter Hirte treibt die Kühe seinem Dorf zu, die säumigen durch Namensruf zur Eile antreibend: Nanzia, Ibanti: herikoni (vorwärts)! Einige Vögel singen im Busch ihr Abendlied — — — afrikanischer Abendfrieden! Es ist so still geworden, daß man das Tosen des Goma-Wasserfalles vernehmen kann. Durch die Schilfdächer der oft bis auf Rufweite auseinanderstehenden Hütten dringt dicker Rauch, der anzeigt, daß die Hausfrauen bei der Bereitung des „leckeren Mahles“ sind.

Einige junge Mädchen stehen in fröhlicher Unterhaltung bei der Schöpfstelle beisammen. Mit einem Holzpfriemen hat jemand in den Lauf des Quellwassers ein Stück ausgehöhlte Bananenstaude so auf der Erde befestigt, daß das spärliche Wasser in ihr fortgeleitet wird. Am Ende dieser Wasserleitung kann man Topf oder Kürbiskalabasse bequem hinstellen und vollaufen lassen, ohne erst mit dem Mbobo, der Schöpfkelle, schöpfen zu müssen. Mehrere der Mädchen sind nur mit einem Fellschurz bekleidet, der den wohlgebauten Oberkörper völlig freiläßt. Andere, besonders solche, welche die Missionsschule besuchen, tragen einfache Baumwolltücher. Der Hirte mustert sie wohlgefällig und zieht grüßend vorüber. Wohl hat er seine Braut unter den Dirnen bemerkt; aber äußerlich sind beide voller Zurückhaltung. Der junge Bursche hat in der Herde auch ein Stück eigenes Vieh, einen Teil seines Brautpreises, nämlich eine Färse und einen Ochsen. Freudigen Auges betrachtet er sie, wie sie wohlgenährt sind und so sicherlich Gnade vor den Augen des künftigen Schwiegervaters finden werden.

Unterdes ist die kurze Dämmerung der Nacht gewichen. Die Mädchen haben noch von dem Tanzfest gesprochen, das am übernächsten Abend im Gehöft des alten Sempeho stattfinden soll und hoffen, alle ihre Freunde und Freundinnen zu treffen. Es wird sicherlich recht lustig werden; fatal ist nur, daß der Missionar ihnen allen am nächsten Morgen die durchschwärmte Nacht ansieht und womöglich versäumte Schularbeit unter seiner Aufsicht nachmachen läßt. Aber die eine oder andere tröstet sich damit, daß Vater oder Mutter zum Lehrer gehen und die Tochter wegen plötzlicher schwerer Erkrankung entschuldigen wird. Die Freude auf das Tanzfest läßt sie den gewichtigen Tonkrug mit Wasser leicht heben. Ein sehr praktisches, aus Bananenbast gearbeitetes Tragpolster ermöglicht es, die Last frei und sehr graziös auf dem Kopfe zu tragen. Eine jede eilt auf schmalem Pfade der Hütte der Eltern zu, die im Bananenhain versteckt liegt.

Langsam schiebt sich der Mond hinter der schwarzen Gebirgswand Usambaras hervor und taucht alles in sein sanftes Licht. Die saftgrünen Bananenblätter glänzen wie flüssiges Silber. — Abend wird es wieder; über Wald und Feld säuselt Frieden nieder, und es ruht die Welt. — Es ist eine eigentümliche Stimmung, die über einer afrikanischen Abendlandschaft liegt. Sie ist ganz verschieden von der unheimlichen Grabesstille, die über den Palmenhainen der ägyptischen Wüste selbst tagsüber brütet. Sie regt vielmehr zum beschaulichen Denken an. Man fühlt sich Gott näher, über die nichtigen Kleinlichkeiten des Alltags erhaben, als sei man bereits da, „wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual“; denn das Grausamste und Störendste in der Natur ist der zivilisierte Mensch. Das hat in Afrika so recht der Krieg gezeigt. — Irgendwo in der Ferne läßt ein Klippschliefer sein melancholisches „Kochiko“ ertönen. Hin und wieder trägt der Wind uns Bruchstücke einer Melodie ins Ohr, zu deren Takt einige Kinder sich im Tanze wiegen. Man denkt zurück an die eigene Kindheit, an die Heimat und die Lieben dort. Aber trotz allem Weh, das hin und wieder bei solchen Betrachtungen im Herzen aufsteigen will, erfaßt uns gleichzeitig eine heiße Liebe zu dem Lande, das uns eine zweite Heimat geworden ist. Hier fühlt man sich geborgen, weitab vom tollpulsierenden Großstadtleben, aller ungesunden Kultur und heuchlerischen Zivilisation. Die Verbindung mit den Naturkindern wird zum Bedürfnis. Man spricht ihre Sprache, man lernt ihre oft kraus erscheinenden Gedankengänge verstehen, und man gewinnt ihr Vertrauen. Erst dann kann man die so verschlungenen Wege der Negerpsyche studieren, und wer sich die Mühe nimmt, die Inlandschwarzen so kennenzulernen, der nur lernt sie recht kennen und — lieben. Wenn sie nur wüßten, die schwarzen Freunde, wie mancher von denen, die ihnen nur als bwana mkubwa (großer Herr) oder als bibi mkali (gestrenge Herrin) gegenübergetreten sind, heute eine große Sehnsucht nach ihnen und ihrem Lande im Herzen tragen und ihnen manche ungerechte Schroffheit im stillen abgebeten haben!

Doch kehren wir im Geiste in die oben beschriebene Parelandschaft zurück, so sehen wir zwei der Wasserträgerinnen, die am weitesten bis zu ihrer Hütte zu laufen hatten, plötzlich erschrocken stehen bleiben. Die jüngere unterdrückt mit Mühe ein Uwi!, den Hilferuf des Stammes. Ein schauriger Laut hat für einen Augenblick die Luft erfüllt. Es klang wie das zornige Gebrüll eines Ungeheuers, vielleicht eines Löwen, die hin und wieder ihre Raubzüge bis ins Gebirge ausdehnen. Da war er wieder! Nun schon ganz in der Nähe! Mit zornigem Gebrumm naht das Ungeheuer. Sein tiefes Vvuu ist in der ganzen Landschaft vernehmbar. So schnell wie möglich legen die beiden Mädchen die kurze Strecke bis zur Hütte der Eltern zurück. Drinnen stellen sie mit allem Ausdruck der Angst ihre Töpfe hin und fragen: „Vava, mcheku (Vater, Mutter!), habt ihr es gehört? Ein Löwe! Wir sind tot!“ Die ebenfalls in der Hütte anwesenden drei Knaben hatten sich, als das unheimliche Gebrumm ertönte, sofort in den finstersten Winkel der Hütte zurückgezogen. Sie wußten, daß es mit dem Waldfest in Verbindung stand. Hatte doch die Mutter bei jedem ihrer dummen Streiche auf die Zeit hingewiesen, wo sie im Mshitu, dem Waldfest, für ihre Ungezogenheiten würden zu büßen haben, wenn sie das Waldtier nicht überhaupt ganz verschlänge. So hielten sie es jetzt für sicherer zu verschwinden. Vater und Mutter tauschten heimlich ein Augurenlächeln aus, als sie die Angst ihrer Kinder sahen; aber nur heimlich! Je geheimnisvoller den Kindern die alten Gebräuche und Kulthandlungen erscheinen, desto weniger werden sie geneigt sein, das Christentum anzunehmen. Die Eltern haben ein über das Diesseits hinausgehendes Interesse daran, daß ihre Kinder an dem alten Ahnendienst festhalten. Denn wie schlecht wird ihre Stellung im Geisterreiche sein, wenn ihre eigenen Kinder keine Opfer bringen! Sind sie Christen geworden, so werden sie das natürlich nicht tun, und darum versuchen dies die Eltern mit allem Aufwand von Gewalt und List zu verhindern. Der Vater erklärt also: „Die Tiere, die draußen durch die Landschaft ziehen, sind Ngurunguru, die Abgesandten oder Kinder des Waldtieres. Dieses selbst ist zu groß, um im Lande umherzuziehen. Es bleibt im Walde, um auf die Knaben zu warten, die es frißt und dann wieder ausspeit. Seine Boten aber machen im ganzen Gebirge, ja selbst bis nach Usambara hinüber auf das bald stattfindende Wald- und Stammesfest aufmerksam.“ Hätten die erschrockenen Kinder allerdings gesehen, daß jenes fürchterliche Gebrüll von Männern hervorgebracht wird, die an einem Strick ein etwa 30 cm langes Schwirrholz durch die Luft sausen lassen, ihre Furcht hätte sich wohl gelegt. So aber erhebt der schwarze kleine Krauskopf Kiondo im Winkel ein klägliches Geheul, als ihm die Mutter droht, ihn nun diesen Waldungeheuern zum Fraße vorzuwerfen. Er hatte sich heute wieder, anstatt auf die ihm anvertraute Ziege aufzupassen, in sein Spiel mit Pfeil und Bogen vertieft. Die Mutter hatte noch feuchten, eben enthülsten Mais in einem Strohteller auf das niedrige Hüttendach zum Trocknen gestellt. Der war von der Ziege heruntergestoßen und aufgefressen worden. Ein ganz kleiner Teil lag noch auf der Erde verstreut. Als die Mutter mit einer Last Holz auf dem Kopfe nach Hause kam, fand sie ihren hoffnungsvollen Sprößling auf der Erde kniend und damit beschäftigt, eifrig den Schmutz aus dem traurigen Rest des schnell aufgelesenen Maises zu blasen, um zu versuchen, den Status quo ante wieder herzustellen. Beim Anblick der zornigen Mutter fiel dem kleinen Missetäter im Augenblick keine bessere Ausrede ein, als den Sturm für das fatale Ereignis verantwortlich zu machen. Aber die herrschende Windstille und des Buben schuldbewußtes Armsündergesicht nahmen seinen Ausführungen jegliche Beweiskraft, und die Mutter drohte ihm eine furchtbare Strafe an. Jetzt bot sich Gelegenheit, die Ngurunguru für ihre häusliche Pädagogik heranzuziehen, und davon wurde, wie das langanhaltende Geheul Kiondos bewies, ausgiebiger Gebrauch gemacht, bis er versprach, fortan ein wahrer Musterhirte zu sein.

Was war nun die Veranlassung, daß an jenem Abend die „Kinder des Waldtieres“ wiederum einladend das Land durchzogen? Der alte reiche Häuptling Kantu hatte von seiner Lieblingsfrau kein Kind. Alle Medizinmänner hatten ihre Kunst versucht. Das Orakel hatte auf diesen oder jenen möglichen Hinderungsgrund aufmerksam gemacht. Aber umsonst, die Frau blieb steril. Schließlich, vielleicht durch einen Traum oder durch den Wahrsager auf die rechte Spur gebracht, ging Kantu in den heiligen Wald und erbat von ihm, das heißt von seinen Hütern, den Ahnen, einen Sohn. Er gelobte ein großes Opfer, eben das Waldfest, falls sie seine Bitte gewähren würden. Im nächsten Jahr hielt er einen Sohn in seinen Armen. Etwa fünf Jahre sind darüber ins Land gezogen. Da wird der Junge schwerkrank, und das Orakel bezeichnet die Krankheit als eine Botschaft der Waldgeister, die Kantu an sein Opfergelübde erinnern, das er schnell mit einem Gebet um Genesung des Kindes erneuert. Als auch diese seine Bitte Erhörung gefunden, hat er die Angehörigen seiner Sippe und die Alten und Angesehenen des Landes zusammengerufen, und man verabredet, in etwa sechs Wochen das Fest zu feiern.

Das war also der Grund für die oben erwähnten Ngurunguru, durchs Land zu ziehen, um allen, die aufnahmefähige Söhne haben, das Nahen des Termines kundzutun. Nur Söhne kommen in Frage, denn Frauen dürfen das geheimnisvolle Dunkel des Waldes nicht betreten. Trotzdem hat das Mshitufest auch für sie als Fruchtbarkeitsfest eine hohe Bedeutung, behaupten doch alle Vapare, vom „Walde“ geboren worden zu sein, indem sie anscheinend dort die Wurzel ihrer Zeugungskraft erblicken. —

Kaum hatte sich der kleine Kiondo in seinem Winkel beruhigt, als die Ngurunguru mit starkem Brummen vor der Hütte erschienen, vom Vater drinnen der Sitte gemäß mit Murye, murye! = Friß ihn! begrüßt. Die Mutter stellt schnell etwas Essen vor die Tür, hofft sie doch am andern Morgen einen kleinen Stock daneben liegen zu finden als Hinweis auf ein bald zu erwartendes Töchterchen.

Der Vater teilt nun seinen drei Söhnen mit, daß sie auch das Fest mitmachen müßten, um als vollberechtigte Stammesglieder zählen zu können. Kiondo ist ja eigentlich noch reichlich jung; aber in den heutigen Zeiten mit ihren modernen Ideen, welche die Jungen aus der Schule und von ihren Besuchen in den durch Trägerverkehr und Islam aufgeklärten Steppenortschaften mitbringen, ist es besser, dem Kinde die Stammeszugehörigkeit so bald als möglich zu sichern. Denn ein Mensch, der nicht im Mshitu gewesen, ist nichts, ist ein Mshundi, ein Ausgestoßener, der eine Gefahr für seine Eltern und Anverwandten bildet, indem er den Zorn der Geister auf sie herabbeschwört. Er kann nicht heiraten, kann kein Opfer darbringen; er ist eben kein Volksgenosse. Hat er aber das Stammesfest mitgemacht, so kann er schon eher Christ werden. Seinem Rücktritt ins Heidentum steht dann jederzeit der Weg offen. Was für Kämpfe die jungen Christen durchzumachen haben, welche die Teilnahme an diesem Hauptfest auf Grund ihrer neugewonnenen Überzeugung verweigern, können wir Europäer uns erst dann richtig vorstellen, wenn wir erkannt haben, welch einschneidende Folgen die Nichtbeachtung solch heidnischer Form nicht nur für den Betreffenden selbst, sondern auch für seine heidnischen Angehörigen nach ihrem Glauben hat. Diese werden natürlich in solchem Falle sämtlich mobil gemacht, um durch Güte und Gewalt den Jüngling zurechtzubringen.

Senamwai.

So war es auch bei Kiondos Bruder, Senamwai, dem Primus der Missionsschule gewesen. Von Jugend auf schwächlich, hatte er bei einer Pockenseuche das rechte Auge eingebüßt. Aber in dem schwachen Körper wohnte ein lebhafter Geist. Schon bevor die Mission in sein Land kam, hatte Senamwai es sich angelegen sein lassen, an Hand einer alten Fibel, die aus der Regierungsschule Tanga ihren Weg ins Innere gefunden hatte, die Anfangsgründe des Lesens zu erlernen. Kaum war die Missionsschule gebaut, als er nicht nur der regelmäßigste und beste Schüler wurde, sondern in seinem Bildungsdrange den Missionar um besondere Fortbildungsstunden bat. Groß war seine Freude, als er eines Tages als Anerkennung seines Fleißes ein Neues Testament in der Kisuahelisprache erhielt. Offen kündigte er seinen Eltern an, daß er beabsichtige, Christ zu werden. Gerade hatte man den Aufbruch zum Mshitu für einen der nächsten Tage verabredet, als diese Worte Senamwais wie eine Bombe ins Haus fielen. Das gab eine schöne Aufregung; denn beim letzten Mshitu vor etwa fünf Jahren hatte Senamwai an Lungenentzündung daniedergelegen und konnte nicht mitgenommen werden. Nun boten seine Eltern alles auf, den Jungen zu überreden, sich nicht etwa durch die Taufe in das „christliche Fest“ aufnehmen zu lassen, bevor er den Mshitu mitgemacht habe. Unter anderm drohten sie, ihm die Herausgabe jeglichen Viehs für den Brautpreis zu verweigern, wenn er sie in die Gefahr bringen würde, einen Ausgestoßenen zum Sohn zu haben. Auch erzählte man ihm, daß er bei dem „Fest der Aufnahme“ (Taufe) in die christliche Gemeinschaft Schlangen und Krähen essen müsse und bald nach Europa geschickt würde. Übrigens habe man ihn schon beim Missionar für die Dauer des Festes vom Schulbesuch entschuldigt, und dieser habe seine Einwilligung gegeben. Ausschlaggebend aber war das Versprechen, nach Beendigung des Mshitu seiner Teilnahme am Taufunterricht auf der Mission keinerlei Schwierigkeiten mehr in den Weg zu legen. Diese Aussicht machte Senamwai dem Willen der Eltern gefügig.

Der vierte Tag der Festwoche ist herangekommen, und damit der Tag des „Aufbindens des Festes“. Jeder Neuling hat einen bestimmten Helfer, den Mkunjiga, zum Führer, der ihm sagt, was er zu tun und zu lassen hat. Sie haben sich schon alle in einem der größeren Gehöfte versammelt, und jedem Mwai werden von einer Frau unter Beobachtung sehr anstößiger Zeremonien und Absingen allerlei geiler Lieder die Kleider völlig ausgezogen. Da das Mshitufest ein ausgesprochenes Fruchtbarkeitsfest ist, so wird das sexuelle Moment in allen Liedern scharf betont. Bald darauf haben sie ihre erste Standhaftigkeitsprobe, die im vorigen Kapitel näher beschrieben worden ist, zu bestehen. Als der Mann sich auf den Rücken der auf dem Boden Liegenden herumwälzt und die Zuschauer ihr Murye! rufen, klopft dem kleinen Kiondo das Herz zum Zerspringen. Gedenkt er doch der furchtbaren Dinge, die ihm seine Mutter als Strafe für seine Unarten so oft in Aussicht gestellt hat. Früher hat er sie ausgelacht, aber hier wird ihm doch recht weinerlich zumute. Die Sache scheint bitterernst zu werden. Hoffen wir, daß er im stillen Besserung gelobt. Sein Bruder, Senamwai, hat ihm heute morgen erst anvertraut, daß er sich, sobald das Fest beendet sei, in den Taufunterricht des Missionars aufnehmen lassen wolle. In der christlichen Lehre, soviel hat auch er schon in der Schule gelernt, ist nichts Furchterweckendes, wie es mit den meisten heidnischen Gebräuchen und auch mit diesem Waldfest verbunden ist. Vielleicht will Kiondo sich gerade in seinem Herzen ebenfalls für das Christentum entscheiden, als er in diesem Entschluß gleichzeitig erschüttert und bestärkt wird, denn nunmehr hält der Pseudo-Waldlöwe ihnen allen eine Ermahnungsrede: „Laßt euch von den Mädchen nicht betören und teilt ihnen nichts aus unserm Fest mit, damit ihr nicht aussätzig werdet. ..“ Weil Senamwai und sein Freund Mavura zum Christentum hinneigen, fügt er jetzt noch mit besonders drohender Stimme hinzu: „Verspottet unsre Mysterien nicht und gebt sie nicht den Europäern preis! Laßt euch nicht taufen und fallt nicht von uns ab. Reden euch die Missionare zu, so sagt ihnen: Wir können das nicht tun, wir werden sonst bestimmt aussätzig werden!“

Um nun dieser eindringlichen Mahnung den nötigen Nachdruck zu verleihen, gibt er jedem der Daliegenden einige heftige Schläge mit dem Knittel auf Fersen, Waden, Kreuz, Schulterblatt und Kopf. Senamwai und Mavura erfahren hier wohl zum ersten Male, daß sie als Christen für ihre Überzeugung werden dulden müssen, denn sie werden besonders „eindringlich ermahnt“.

Die hier geschilderten Vorgänge beim „Aufbinden des Festes“ haben sich genau so in allen Dörfern des ganzen Gebirges, die Kinder zum Mshitu entsenden wollen, abgespielt. Nachmittags kommen Scharen nackter Burschen, ihre Stöcke in der Hand, einer hinter dem andern marschierend, in großen Schlangenlinien von allen Seiten angezogen, um die Nacht in Hütten zu verbringen, die in der Nähe des heiligen Haines sind. Einem dieser Züge schließen sich unsre drei Bekannten mit ihren Freunden an. Von allen Seiten hallen die Berge wider von ihrem Marschgesang: „Kommbo ehee, kommbo-e, hoe!“ Oder sie singen: „Mutter, binde dir einen Strick von Bananenfasern um, denn dein Sohn ist in die Steppe gewandert.“

Mgaia mit Ohrschmuck.
Darstellung auf dem Markt nach Beendigung des letzten Mädchenfestes.
Tanz der Frauen beim letzten Mädchenfest.
Pare-Frauen.
Rechts unten stehende Frau mit kreisförmig abrasiertem Kopfhaar gleich dem des Kindes.

Plötzlich sieht man einen der Züge haltmachen und alle Burschen sich hinlegen. Sie sind vor einem Wasserlauf angekommen, und der Gebrauch will es, daß sämtlichen Neulingen vor dem Übergang zuerst die oben geschilderte Prügelstrafe erteilt wird. Wenn die Eltern bis dahin versäumt haben mögen, den Stock anzuwenden, so wird hier alles in einem summarischen Verfahren nachgeholt, und mancher der Jungen wird nach solch mehr oder weniger schmerzlichem Vorspiel mit ziemlichen Bedenken dem Hauptakt, dem Verschlungen- und wieder Ausgespienwerden durch den Festlöwen, entgegensehen. Viele ärgern sich, daß die Standhaftigkeitsproben, die sie hier und später noch auszuhalten haben, gleichzeitig zur Belustigung der zuschauenden Männer erfunden zu sein scheinen. Mancher mag sich damit trösten, daß er in den nächsten Jahren auch Zuschauer sein wird, während dem einen oder andern der Geweckteren wohl eine Ahnung von der Torheit all dieser heidnischen Gebräuche kommt. Gewiß, es liegen in diesen und vielen andern Sitten auch erzieherische Momente. Aber die verderblich wirkende Schale, durch die man sich hindurcharbeiten muß, ist so dick, daß der kümmerliche ethische Kern zu teuer erkauft ist, und ob außer philosophisch veranlagten Europäern von den Negern je einer vor lauter Schale den kleinen guten Kern jemals erkannt hat? Es ist hier wie so oft der Fall, daß das Christentum den Kern, das erstrebenswerte Ziel, deutlich zeigt und auch den Weg, dies Ziel zu erreichen, während das Heidentum selbst den kümmerlichen Kern, den es noch erhalten hat, durch eine rein sinnliche Schale verdeckt, wenn nicht völlig vernichtet.

Unsre drei Freunde sind nun unter den im vorigen Kapitel beschriebenen Zeremonien von dem Waldungeheuer verschlungen und wieder ausgespien worden. Auf Senamwai hat das Fest keinen Eindruck gemacht. Im Gegenteil, ihm erscheint das Ganze recht sinnlos, und deutlich erinnert er sich einer Predigt in der Missionskapelle. Da hatte der Missionar aus dem 1. Kapitel des Römerbriefes gelesen, daß die Heiden aus der Schöpfung Gott nicht ersehen, sondern seine Herrlichkeit in das Bild des vergänglichen Menschen verwandelt hätten. Das waren ja die Ahnengeister, die im Waldfest angerufen und versöhnt werden sollten. In dem heiligen Buche hatte er weiter gelesen, daß Gott es solcher Verirrung halber zugegeben habe, daß sie in ihrem Dichten eitel geworden und ihr unverständiges Herz verfinstert worden sei. Dem schon älteren und sehr aufgeweckten Jüngling erschien plötzlich das ganze Heidentum wie das geheimnisvolle Dunkel des Mshitu, den sie soeben verlassen hatten, aus dem gleichzeitig fröhlicher Tanzgesang und die furchterweckende Stimme des Waldungeheuers erschollen war. Sie hatten mitten darin gestanden, nackt, vor Furcht und Kälte zitternd. Er wußte, daß trotz aller fröhlichen Feste und Gelage, welche die Alten so häufig in der ausgelassensten Weise abhalten, ein Gespenst ihnen auf Schritt und Tritt folgte: die Furcht vor ihren selbsterwählten Göttern, den Ahnengeistern, und vor dem Heer der andern zu versöhnenden Wesen. Diese Furcht ließ sie nie recht froh werden. Es war ihm, als ob dieses Gespenst in jeden Becher der Freude ein paar Tropfen Wermut träufele. Ja, sie waren im Banne der Furcht. Sie standen nackt und zitternd im Finstern, wie das Wort des Christengottes es gesagt hatte. Und weiter hatte der Missionar gelesen: „Darum hat sie auch Gott dahingegeben in ihrer Herzen Gelüste, in Unreinigkeit, zu schänden ihre eigenen Leiber an sich selbst.“ Wie viele schändliche und unanständige Worte hatte er in diesen Tagen gehört! Ja, selbst jetzt, während sie so schamlos nackend mit ihrem Misenge in den Händen dahinziehen mußten, waren sie da nicht eine lebendige Illustration der Worte: „Darum hat sie Gott auch dahingegeben“ und „sind in ihrem Dichten eitel geworden, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert“? Ja, die letzten Zweifel waren ihm geschwunden. Sein Entschluß, Christ zu werden, stand fest.

Während diese Gedanken Senamwais Herz bewegten, erscholl der Gesang seiner vor und hinter ihm im Gänsemarsch gehenden Kameraden laut durch die Landschaft:

„Mutter, binde deine Trauerbänder los,
denn wir haben deinen Jungen wieder mitgebracht.“

In jedem Flecken, durch den sie kommen, werden sie von den Frauen und Mädchen mit Freudentrillern empfangen. Die Mütter im Heimatdorf haben in der Zwischenzeit reichlich Speise gekocht und Bier bereitet. Sobald der Gesang der Heimkehrenden hörbar wird, sammeln sich die Frauen vor der Hütte des Häuptlings, um dort ihre Kinder zu erwarten.

Die nächsten Tage werden auf dem Kiugaplatz zugebracht, wohin die Neulinge mit ihren Helfern nach jedem „Pflückgang“ zurückkehren. Als an einem Tage der reiche aber geizige Selukindo sah, daß man ihm seinen besten Hahn „pflücken“ wollte, sprang er wütend dazwischen und verweigerte den „Dieben“, wie er die Knaben in seinem Zorn schalt, nicht nur die Mitnahme des Hahnes, sondern auch jeden Ersatz. Das war eine starke Verletzung der althergebrachten Sitte, die gesühnt werden mußte. Auf Befehl ihrer Helfer steckten also alle Vai ihre „Misenge“ in das Dach seines Hauses und zogen dann ab. Das so gespickte Dach wurde dem Alten mit der Zeit doch unheimlich, und immer wieder trat er vor die Hütte und streifte mit scheuem Blick die ihm jetzt Grauen erregenden weißen Stöcke. Unzweifelhaft, der Fluch des Waldes und der Ahnen würde auf ihm ruhen. Was konnte das alles für Folgen haben! Ihm graute vor der Nacht. Überhaupt fühlte er schon solch eigentümliche Mattigkeit in den Gliedern! Etwas mußte geschehen. Unter dem mit den heiligen Stöcken gespickten Dache würde er keine Ruhe finden. Noch eine Weile rang er mit seinem Geiz. Endlich machte er sich mit einem Ziegenbock auf den Weg zum Kiugaplatz, wo die Festgesellschaft diese Sühne gern entgegennahm und sogleich die Misenge durch die Vai holen ließ.

Auf diesem Kiugaplatz bleiben die Knaben mit den Alten bis gegen Ende der Woche. Durch Geschicklichkeit und Standhaftigkeitsproben muß sich jeder das „Recht auf die Frauen“ erringen. Endlich, nachdem die Knaben allen beschriebenen Zeremonien unterworfen worden sind, läßt man sie noch einmal durch die weihenden Flammen eines Feuers springen. Dann legen die Vai ihren Schmuck ab. In die Landschaft, die tagelang von Festgesängen und Freudentrillern widerhallte, ist wieder der Alltag eingekehrt. Nur die kleinen Burschen unterhalten sich wohl noch längere Zeit von dem Feste und sehen halb mit Neugierde, halb mit Bangen der Zeit entgegen, wenn auch sie von den nunmehr Eingeweihten hineingebracht werden in das

Ngasu ya mshitu.