Die mannigfaltigsten Erscheinungen auf dem Gebiete des Seelenglaubens und des Seelenkultus fassen wir mit dem Worte Animismus zusammen (vom lat. anima = Seele). Erstrecken sich die mit dem Seelenglauben verbundenen Vorstellungen auch auf Tiere, so haben wir eine besondere Form des Animismus vor uns, den Animalismus.
Wer die Vorgänge, mit denen wir es hier zu tun haben, eingehend studieren will, den verweise ich auf das höchst interessante und ausführliche Buch: W. Wundt, „Völkerpsychologie Bd. 2, Mythus und Religion“, auf welches ich mich im folgenden des öfteren beziehe. Es wird häufig gesagt: Der Animismus sei die primitive Religion der Primitiven, und wie man von den Wirtschaftsformen der Primitiven Rückschlüsse auf die ursprüngliche Form der Wirtschaft macht, so glaubt man dasselbe auch bei der Religion tun zu können. Aber aus dem Aberglauben kann sich keine Religion entwickeln, und selbst wenn heute echt heidnischem Aberglauben ein christlicher Mantel umgehängt wird, so ist deshalb aus dem Aberglauben noch keine Religion geworden. Animismus ist keine Religion sondern Aberglaube, er ist nicht entwicklungsfähig sondern bereits degeneriert. Nur ganz wenige Spuren in ihm deuten darauf hin, daß den Urahnen göttliche Grundsätze bekannt waren. Das am Kopfe dieses Kapitels stehende Motto besagt schon, wer nach unsrer Auffassung der Urheber des Glaubens an eine in sich unsterbliche Seele ist, an eine Seele, die beim Tode nicht stirbt, sondern ewig lebt „wie Gott“; die nicht durch eine besondere Äußerung der göttlichen Lebenskräfte „die Unsterblichkeit anzieht“, sondern bereits unsterblich ist und nach dem Tode bewußt an den Schicksalen der Menschen teilnimmt bzw. dieselben gar beeinflußt. Es liegt nicht im Rahmen dieser Abhandlung, die theologische Seite der Frage weiter auszuführen. Die Bedeutung der Unsterblichkeitslehre erhellt aber schon aus der Tatsache, daß mit ihr jedes heidnische bzw. aus dem Heidentum übernommene Religionssystem zusammenbrechen würde und ebenso manche „christlichen“ Gebräuche, die aber, wie Wundt das überzeugend nachweist, rein heidnischen Ursprungs sind. Mit den Worten unsres Mottos wurde schon im Paradiese der Grund zum Animismus gelegt. Wundt schreibt in seiner „Völkerpsychologie“, (Abschn. „Die Körperseele“): „Gegenüber den bereits geläuterten Vorstellungen von einer rein geistigen Psyche, wie sie die griechische Philosophie entwickelt hatte, kehrte so das Christentum wieder zu der Idee der Körperseele zurück, und erst der Philosophie der Renaissance war es vorbehalten, auch hier die Gedanken der griechischen Philosophie zu erneuern, ohne damit freilich bis zum heutigen Tage dem geltenden Dogma gegenüber durchzudringen.“ Wenn man nun danach trachtet, die Gedanken der griechischen Philosophie zu erneuern und dem Christentum statt der Idee der Körperseele die der rein geistigen Psyche zu geben, so steht doch nach unsrer Überzeugung fest, daß beide Ideen mit dem Christentum und der Bibel nichts zu tun haben. Der Vorgang bliebe immer nur die Entwicklung von einer heidnischen Idee zur andern.
Die Worte: „Ihr werdet mitnichten des Todes sterben“ und der Anblick eines toten Menschen ließen sich nicht anders zusammenreimen, als daß man bei dem Toten nicht das Leben als erloschen ansah, sondern nur die Bewegung. Der Tote sieht und hört alles und nimmt an der Gestaltung der Geschicke seiner Nachkommen regen Anteil. Diese Vorstellung findet ihren Ausdruck in den Kulten, die eine Erhaltung der Leiche oder gewisser Teile derselben bezwecken. Bei einem großen Teil unsrer Wapare äußert sie sich in dem Bestreben, den Schädel als wichtigsten Knochen der Leiche aufzubewahren. Der an diesen Schädel gebundenen Körperseele werden später allerlei Speisopfer dargebracht, und man glaubt, daß die Seele davon genieße. Diese echt heidnische Vorstellung von der Körperseele fand ich z. B. auch in Rußland, Serbien und Bulgarien wieder, als ich dort die Priester dem Leichenzuge mit einem Speisopfer voranschreiten sah, das angeblich auf dem Grabe des Verstorbenen geopfert wird. Über die weitere Entwicklung dieser Art des Seelenglaubens sagt Wundt: „Da diese Methoden der Konservierung die wichtigsten Teile der Körperform, die des Angesichtes, stark beeinträchtigten, so hat hier die spätere ägyptische Sitte dadurch abzuhelfen gesucht, daß der Mumie das Portrait des Verstorbenen beigegeben wurde, eine Sitte, die auf dieser im übrigen schon weit fortgeschrittenen Stufe des Totenkultus noch einmal die Macht jener Assoziationen bezeugt, aus denen die Vorstellung der Körperseele hervorgegangen ist. Indem sich aber hier diese Assoziationen teilweise von dem Körper loslösen und auf dessen künstliche Nachbildung übergehen, bringt diese Erscheinung zugleich den Kultus der Körperseele in unmittelbare Beziehung zu zahlreichen andern, auf die nämliche Quelle zurückgehenden Erscheinungen. Ist es doch die gleiche, festgewurzelte Assoziation, die bis in die höheren Kulturformen hinauf in jedes einzelne Götterbild oder auf christlichem Boden in jedes Marien- oder Heiligenbild etwas von der Seele des dargestellten Wesens übergehen läßt.“ Derselbe Gedankengang ist die Ursache, daß der Neger nur mit großem Grauen sein eigenes Bild betrachtet und es auch offen ausspricht, daß ihm durch dieses ein Teil seiner Seele bzw. Seelenkräfte genommen worden sei. Ich denke hier an unsre ersten Erfahrungen mit den Wapare beim Photographieren. Glücklich hatte ich eine interessante Gruppe zusammengestellt. Als ich aber hinter den Apparat trat und das schwarze Tuch über den Kopf nahm, da liefen sie alle schreiend auseinander, weil ich, wie sie glaubten, ihre Seele in den wunderlichen Kasten sperren wollte. Auch heute noch betrachten besonders heidnische Frauen ihr Bild oft mit Ausrufen des Entsetzens. Diese Gedankenverbindung, daß nämlich die Seelenkräfte des Verstorbenen auf sein Bild übergehen, kann aber in unsrer modernen Zeit auch bedeutend freundlichere Vorstellungen auslösen. So wurde folgendes aus Wien gemeldet: „Ein Bataillon des 32. I. R. weilte bei den Schießübungen in Triest und wurde von dort nach Vasovitza kommandiert. Nächst der Ortschaft befindet sich in einer Felsennische eine Marienstatue, für die ein reicher Gutsbesitzer eine Goldkrone im Werte von 10000 Kr. anfertigen ließ. Ein Soldat, der im ganzen Regiment als sehr fromm bekannt war, verrichtete dort täglich seine Andacht. Eines Tages nun verschwand die Goldkrone vom Haupte der Marienstatue und wurde schließlich im Koffer jenes frommen Soldaten gefunden. Der gute Mann erzählte, er habe die Heilige um Unterstützung gebeten, worauf die Statue Leben bekommen und ihm die wertvolle Krone gereicht habe. Das Protokoll gelangte im Instanzenwege bis zum Kriegsminister, der sich jedoch in derlei Dingen nicht kompetent fühlte und an den Feldvikar die schriftliche Anfrage richtete, ob heute noch Wunder geschähen. Die Antwort lautete: Wiewohl auch heute noch Wunder geschehen können, ist doch die Mannschaft dahin zu belehren, daß ähnliche wertvolle Geschenke selbst von der hl. Maria nicht angenommen werden dürfen.“ Der fromme Soldat wurde tatsächlich freigelassen, und die Statue erhielt ihre Krone wieder.
In großen Kirchen St. Petersburgs sah ich Heiligenbilder, auf welchen die täglichen Küsse der Gläubigen tiefe Spuren hinterlassen hatten. In Kiew, der heiligen russischen Stadt, besuchten wir die Gräber einer großen Anzahl von Heiligen, die sich bei Lebzeiten ein Kloster unter der Erde gebaut hatten und auch dort gestorben waren. Während wir mit Kerzen in der Hand die finsteren Gänge durchschritten, an deren Wänden die Särge der Heiligen aufgestellt waren, konnten wir uns davon überzeugen, wie heute mitten in der Christenheit rein heidnische Gedanken genährt und erhalten werden. Denn wir sahen Mütter immer wieder ihre Kinder hochheben, damit sie die Strohpuppen küßten, die in den Särgen lagen und die Heiligen vorstellen sollten. Da der Kuß auch zu einem Symbol der Vermischung des seelentragenden Hauches geworden ist, so lag dieser unhygienischen Handlungsweise jener russischen Orthodoxen, wenn auch unbewußt, der Aberglaube zugrunde, daß die Kinder durch den Kuß der Seelenkräfte der Verstorbenen — sei es auch nur in Gestalt eines Segens — teilhaftig würden. So sehen wir den heidnischen Glauben an die Körperseele noch heute mitten in der Christenheit kräftig erhalten. Leicht ließe sich dieser Glaube in vielen andern Fällen nachweisen, und wir brauchten durchaus nicht nach Rußland zu gehen, um Material dafür zu sammeln. Ich habe diese allgemeinen Bemerkungen nur vorausgeschickt, um dem Leser die entsprechenden Gedankengänge des Paremannes näherzubringen. Denn mancher gute Christ hört heute nur mit Schaudern von den tiefstehenden, unzivilisierten Wapare, daß sie den Schädel des Vaters wieder ausgraben, um ihm ihre Opfer darzubringen und seinen Segen zu erflehen. Er übersieht nur zu leicht, daß er in vielen Fällen trotz aller Aufklärung einen Animismus in seinem Herzen bewahrt hat, der ihn in diesem Stück auf die gleiche Stufe mit dem verachteten Neger stellt. Ob in christlicher oder heidnischer Aufmachung, Aberglaube bleibt eben immer Aberglaube.