Wenden wir uns nun den Dingen zu, die für den Paremann im besonderen als Träger der Körperseele gelten, und betrachten wir zuerst die Stellung, die das Blut hier einnimmt. Die Bibel verbietet den Genuß des Blutes, weil „des Leibes Leben“ darin ist. Aber mit der Zeit kamen die Menschen dahin zu glauben, daß ihnen durch das Verbot des Blutes auch die ihm innewohnenden Seelenkräfte vorenthalten würden. So finden wir bei den Wapare den Brauch, die Opfertiere durch Ersticken zu töten, damit kein Blut verlorengehen kann. Dieses mit fettem Fleisch gekocht, gilt bei ihnen als besonderer Leckerbissen. Kühe werden oft zur Ader gelassen und ihr Blut in Töpfen aufgefangen. Gequirlt wird es als gute Arznei gegen Gallenbeschwerden getrunken, sonst auch mit Milch vermischt. Daß die Alten dem Blute besondere Seelenkräfte zuschrieben, ersieht man aus der Beschreibung Homers von der Hadesfahrt des Odysseus, wo die Schatten der Abgeschiedenen durch den Genuß von Blut zu vorübergehender Besinnung erwachen. Bei den Wapare hat sich dieser Gedanke am augenfälligsten in der Sitte der Blutsfreundschaft erhalten. Wie sich beim Kuß die Hauchseelen vermischen sollen, so tritt dies beim gegenseitigen Genuß des Blutes vom Freunde mit der Körperseele ein. Ich will hier versuchen, eine kurze Beschreibung der Blutsfreundschafts-Zeremonie zu geben.
Irgendein Fremder, der für eine Nacht gastliche Aufnahme in einer Hütte gefunden hat, bittet den Gastfreund, mit ihm den Blutsbund zu machen oder umgekehrt. Die Nachbarn werden eingeladen, der Handlung beizuwohnen. Die beiden Männer setzen sich auf ein am Boden ausgebreitetes Fell. Vor ihnen steht ein Strohteller mit zwei Parenüssen, von denen eine in genau vier Teile zerschnitten ist. Der Zeremonienmeister faßt nun eine Hautfalte am Leibe des einen Mannes mit der linken Hand, und der gegenübersitzende Bundesbruder faßt ebenfalls mit der Rechten zu, während die Linke seinem Gegenüber auf der Schulter liegt. Dann macht der Bundespriester mit einem kleinen Messer einen leicht blutenden Schnitt, zuerst beim einen, dann beim andern. Nun legen sich beide Männer gegenseitig die Hände auf die Schultern, nachdem jeder vorher mit einem der vier Nußstückchen das herausträufelnde Blut aufgefangen hat. Jetzt beginnt der Bundespriester mit seiner Beschwörung. Seine Worte werden von den beiden Freunden und allen Umstehenden mit einem lauten hau bekräftigt. Die Beschwörung lautet ungefähr wie folgt:
„Du Soundso — hau — du trinkst jetzt — hau — Blutsfreundschaft — hau — mit einem namens Soundso. — Wenn er zu dir kommt — und du gibst ihm nicht Speise wie deinem eigenen Kinde, — dann hast du die Blutsfreundschaft verachtet, — dann möge dein Leib anschwellen und platzen; — in deinem Leibe soll es (das Blut deines Freundes) wie Frösche schreien, — jawohl, wie ein kahler Bergrücken sollst du aufplatzen. — Und wenn dein Freund zu dir kommt — und du sagst, den Kerl kenn’ ich nicht, — dann sollst du auf dem Bauche kriechen müssen wie die Schlangen, — so soll es sein.“
Das feierliche hau muß der Leser hinter jedem Satzglied ergänzen. Nachdem auch dem andern Bundesbruder die Folgen vorgehalten worden sind, die eine Verletzung der Blutsfreundschaft nach sich ziehen würde, wendet sich der Priester — übrigens ein beliebiger Paremann — wieder an den ersten, um nunmehr auf beide den Segen herabzuflehen, falls sie die Bundestreue bewahren:
„Wenn du aber dies alles genau beachtest — und die Kuh deines Freundes wie deine eigene hältst, — so sollst du schön sein wie der Kibogletscher (Kilimandjaro). — Wenn die Leute von eurem Bunde hören, so sollen sie sagen: — Dieser ist nicht sein Blutsfreund, — es ist sein leiblicher Bruder. — Dann sollst du unterhalb des Wasserkanals ackern (weil es da fruchtbar ist), — ein wenig von dir soll dir Großes bringen; — aus einem deiner Rinder sollen viele werden. — Friede sei mit euch! — So soll es sein! — hau!“
Nach dieser Beschwörung reichen beide sich gegenseitig das Stückchen der Nuß mit ihrem Blut und nachher noch ein weiteres ohne Blut. Die zweite Nuß wird unter die Bundeszeugen verteilt und dient wohl als Symbol der Opfermahlzeit. Daraufhin stehen beide auf; der Hausherr hebt die Hände seines neuen Freundes empor und zeigt auf den Boden des Hauses, indem er sagt: „Wenn du einmal kommen solltest und es ist keiner hier in ‚deinem‘ Hause, so wisse: Oben findest du Bier, unten steht Speise. Du brauchst nicht zu warten, bis jemand kommt.“ — Dies alles sind nicht etwa leere Formalitäten und äußere Zeremonien, sondern der Paremann glaubt so fest an die durch das Blut übertragenen magischen Seelenkräfte, daß er es mit der Blutsfreundschaft sehr genau nimmt. Die ganze Handlung macht übrigens einen sehr feierlichen Eindruck, der durch die bilderreiche Sprache in Segen und Fluch nur noch erhöht wird.
Für den Paremann ist die Blutsfreundschaft von allergrößter Bedeutung. Um nur ein Beispiel als Beweis dafür herauszugreifen: Er mag einen Prozeß führen um eine Kuh, die weit weg, vielleicht in Usambara steht. Wird ihm diese Kuh mit allen inzwischen geworfenen Kälbern zugesprochen, so wird er durch den in der Nähe wohnenden Blutsfreund genau auf dem Laufenden erhalten, und der Verurteilte sieht sich außerstande, irgendein Stück Vieh heimlich beiseite zu schaffen. Wenn er sich des einen oder andern Kalbes nicht mehr erinnern sollte, — der Blutsfreund des Klägers hilft ihm denken.
Von weit größerer Wichtigkeit als heute war die Blutsfreundschaft in den alten Zeiten, als noch Mord und Totschlag an der Tagesordnung waren. Da war es dann oft der Blutsbruder des in Gefahr stehenden Mannes, der an den Beratungen der Feinde seines Freundes teilnahm und ihn rechtzeitig warnen konnte.
Es kommt nun vor, daß jemand im Grunde seines Herzens gar nicht daran denkt, dem andern gegenüber die Pflichten der Blutsbruderschaft zu erfüllen. Ein solcher sagt dann statt des bekräftigenden hau das ähnlich klingende Wort hai, welches nein bedeutet, geht nach Beendigung der Zeremonie heimlich an einen Feigenbaum und reibt den Rest des Blutes auf dessen Rinde mit den Worten: „Du bist mein Freund und Bundesbruder.“
Außer diesem hier erwähnten Blutsbund gibt es noch mehrere andere derartige auf animistischen Vorstellungen beruhende Beschwörungen (mima), z. B. der Schutz- und Trutzbund zweier Häuptlinge, durch den sie sich zu gegenseitiger Hilfeleistung im Kriege verpflichten, und ein andrer mma, den der Ehemann seiner Frau zu trinken gibt, um ihrer ehelichen Treue sicher zu sein.
Auf einen weiteren Aberglauben will ich hier noch kurz hinweisen, der so recht erkennen läßt, daß man sich besonders große Seelenkräfte an das Blut gebunden denkt. Es ist ein Zauber, der dazu dient, die Schattenseele des Menschen so fest mit seinem Körper zu verbinden, daß es den bösen Zauberern unmöglich wird, den Schatten zu stehlen. Zu dem Zweck läßt sich der Paremann einen angesehenen Medizinmann kommen. Dieser ritzt die Haut des „Patienten“ an den verschiedensten Körperstellen und selbst auf der Zunge. Das so gewonnene Blut wird zusammen mit etwas Hühnerblut sowie Haaren, Zehen- und Fingernägeln und etwas Erde, auf welche man den Schatten von Kopf und Hand hat fallen lassen, auf ein Blatt gestrichen. Aus diesen Seelenträgern wird vom Medizinmann ein Amulett verfertigt und so dem Treiben der berüchtigten vasavi, der bösen Zauberer, die die Schattenseelen des Menschen stehlen, ein Riegel vorgeschoben.