Es ist möglich, daß die bei unsern Wapare bestehenden Speiseverbote nichts weiter als Ausklänge eines alten Totemismus sind. „Totems“ wurden von einigen nordamerikanischen Indianerstämmen die Tiere genannt, welche eine kultische Verehrung genossen. Unter dem Worte Totemismus faßt man heute alle Erscheinungen zusammen, die sich auf die Verehrung von Tieren beziehen. Es ist natürlich sehr schwer festzustellen, ob die eine oder andere Erscheinung dem Totemismus oder dem Animalismus zuzurechnen ist. In den Totemtieren sieht der primitive Mensch entweder seine Ahnen, von denen er auch sein Geschlecht ableitet, oder aber eine Art Schutzdämonen, die zu töten nicht in seinem Interesse liegen kann. Die erstere, genealogische Beziehung kann auf weitere Dinge wie Pflanzen, Bäume und Steine übertragen werden. Dadurch ist wiederum der Weg gebahnt für zahlreiche Wechselbeziehungen zu andern Gebräuchen, die mehr in das Gebiet des Glaubens an Felddämonen und des Fetischdienstes gehören.
Als echten Totemismus könnte man bei den Wapare die Scheu der Muhezisippe ansprechen, die graue Meerkatze umzubringen, trotzdem diese Affenart eine wahre Landplage ist. Sie dürfen aber nicht getötet werden, weil die Leute sagen, daß diese Affen ihre „Brüder“ sind. Das genealogische Moment käme also hier zum Vorschein. Die Angehörigen der erwähnten Sippe gehen sogar soweit, auch von einer fremden Person, die einen ihrer „Brüder“ getötet hat, das Lösegeld (irivi) zu fordern, welches allerdings nur in einem oder mehreren Maiskolben besteht, die der Muhezimann zum Teil für seine „Brüder“ in den Busch legt. Die Leute haben in ihrer Landschaft auch einen heiligen Hain, in welchem den Meerkatzen geopfert wird. Der Betreffende muß sich aber die Speisen zu dem Opfer vorher auf dem Markte stehlen und sich so der Lebensauffassung seiner „Brüder“ nähern. Die Gebete sollen ähnlich sein wie die bisher besprochenen.
Andre wieder verehren die schwarzen Ameisen. Kommen sie ins Haus, dann werden sie nicht mit Feuer vertrieben und getötet sondern nur mit Asche oder Erde bestreut. Andre nehmen wohl eine Schnecke, werfen sie in den Ameisenhaufen und sagen: „Hier ist euer Ochse, laßt uns in Frieden und geht wieder nach Hause.“ Wenn im Anschluß an diese Sitte der Beleidiger dem Beleidigten zuruft: „Dich versöhne ich mit nichts weiter als einem ‚Schnecken-Ochsen,‘“ wie man das bei den winzigen Ameisen macht, so ist das der größte Schimpf, den man ihm antun kann und den er kaum ruhig hinnehmen wird. Aber auch die Sippen, welche die Ameisen nicht unmittelbar verehren, sehen in ihnen besonders dann Abgesandte der Ahnengeister, wenn sie sich nicht aus ihren Hütten vertreiben lassen wollen. Man bringt dem unbekannten Gott, der die Ameisen gesandt hat, ein Scheinopfer dar. Ziehen sie danach ab, dann erkundigt man sich beim Orakel, wem und wo man zu opfern habe.
Des weiteren sind Krähen Tiere, die nicht getötet werden dürfen. Der Grund hierzu scheint mir in der Annahme zu liegen, daß die Genossen einer getöteten Krähe alsbald zum Fluß eilen und sich baden, wie es nach einem Todesfall üblich ist. Es heißt aber, daß die Tiere diesen Teil des Totenopfers für den darbringen, der ihren Genossen getötet hat und nun bald sterben muß. Hat man deshalb doch eine Krähe, die den Kücken nachstellte oder den gepflanzten Mais wieder aus der Erde herausscharrte, mit dem Pfeil erschossen, so macht der Schütze schnell einen Riß in sein Kleid und wäscht sich im Fluß, um durch solche bei einem Todesfall übliche Handlung den andern Krähen zuvorzukommen und die Gefahr von sich abzuwenden.
Unzählig sind die Tiere, die von den verschiedenen Sippen nicht gegessen werden dürfen. Manchmal erstrecken sich die Speiseverbote auch nur auf gewisse Teile wie Herz, Leber, Lunge. Bei der Bwambosippe z. B. müssen sich die Leute solchen Verboten unterwerfen, wenn sie verschiedene Feste mitgemacht haben, Sitten, die aufzuzählen hier zu weit führen würde. Die Wamjema essen kein Buschbockfleisch, dürfen Buschböcke aber töten und das Fleisch auf dem Markte verkaufen. Wenn sie ihren großen Fetisch anbeten, den murungu wa gu, den Gott des Dachbodens, dann muß jeder, der Buschbockfleisch gegessen hat oder im Verdacht steht, eine Ziege bringen, die geschlachtet wird, um den Betreffenden das verbotene Fleisch „erbrechen“ zu lassen. Der Ausdruck ist natürlich nur ein Sinnbild dafür, daß er nunmehr rein geworden ist. Wenn Frauen der Wamjema-Sippe von Männern andrer Stämme geheiratet werden, so können die Ehemänner durch einfaches Ziehen an den Ohrläppchen ihre Frauen von diesem Gebot befreien.