Nkoma bedeutet Ahnengeister und ist zugleich das Wort für die Schädel, an welche man sich die Schatten gebunden denkt. Die Nkoma bilden den Eckstein an dem ganzen Gebäude des Animismus, wie er sich bei unsern Wapare vorfindet. Mag da Freude oder Leid sein, die Nkoma sind in den meisten Fällen die Ursache. In der höchsten Not ruft man laut zu den Ahnengeistern. Sie werden gefürchtet als die Urheber von mancherlei Unglück und Krankheit, so daß man sie auf den Rat des Orakels mit allerlei Speis- und Trankopfern versöhnen muß. Andernfalls wendet man sich vertrauensvoll in den vielen Nöten des Lebens an sie. Und doch zeigt sich hier wiederum der klaffende Unterschied zwischen Christentum und Heidentum. Denn während der Christ jubelnd ausruft: „Der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht!“ glaubt der Paremann erst dann Garantie für Frieden und Glück zu haben, wenn seine Ahnen sich möglichst nicht um ihn kümmern. Schlafen sie, dann droht ihm so leicht keine Gefahr, wachen sie auf, dann muß ein Opfer sie schnell wieder unschädlich machen. Wahrlich, ein trauriger Götzendienst, der seinen Ausdruck so recht in dem Kiparegebet findet: Nkoma shinjiani! = Ihr Geister, schlaft!
Die Opfer, welche den Verstorbenen dargebracht werden, sind keine Zauberopfer, durch welche man die Geister zwingen will, sondern reine Sühnopfer, welche die Nkoma günstig stimmen sollen. Übrigens ist der Mpare vorsichtig genug, zumeist das Opfer nur zu versprechen oder ein Scheinopfer darzubringen. Wenn z. B. das Orakel die Ahnengeister als Ursache dieses oder jenes Leides festgestellt hat, so betet er zu ihnen, indem er etwas Wasser auf die Erde spützt und aus einer Schale auf die Erde gießt (kuchwa mpombe). So nähern sich die meisten Opfer wiederum dem Begriff des Dankopfers, indem sie gewöhnlich erst nach Erhörung der Gebete dargebracht werden. Am Fuße der beiden mittleren Haussäulen, in der Nähe der Feuerstelle, befindet sich der Hausaltar, d. h. der Opferplatz.
Ist ein Mpare gestorben, so wird er sich nach einiger Zeit bei seinen Angehörigen in die Erinnerung zurückrufen, indem er das eine oder andere Familienglied mit Krankheit oder dergleichen plagt. Der um Rat befragte Medizinmann führt das Übel darauf zurück, daß der Schädel des Vaters noch nicht ausgegraben worden sei und bisher keine Opfer erhalten habe. Der Sohn sucht nun eine Ziege, lädt noch einige Freunde ein und geht mit ihnen an das Grab. Er legt dort der Ziege die Hände auf und betet: „Vater, du hast mich gerufen. Hier bin ich mit deinem Opfer. Laß dich schnell finden, damit ich deine Ziege schlachten kann!“ Vorsichtig wird jetzt das Grab geöffnet, bis sie auf den Schädel stoßen, den sie auf eine mitgebrachte Topfscherbe legen. Nunmehr wird die Ziege geschlachtet bzw. erstickt und das Grab mit ihrem Mageninhalt entsühnt. Dieser Mageninhalt ist nämlich das immer wieder angewandte Entsühnungsmittel. Der Sohn betet: „Vater, jetzt haben wir dich ausgegraben, wir wollen dich nach Hause bringen zu deinen Genossen. Auch dein Grab haben wir gereinigt.“ Nachdem er zweimal etwas rohes Fleisch auf das Grab gespützt hat, ist die Zeremonie beendigt. Einer trägt dann den Schädel nach Hause. Der Träger darf unterwegs niemand grüßen noch auf einen Gruß antworten. Zu Hause angekommen, wird der Schädel vorläufig auf der Tonscherbe in einem besonderen Abteil des Hauses (vusini) aufbewahrt, und man legt einen Tag fest, an welchem man wieder zusammenkommen will, um das erste Totenopfer zu bringen und den Geist der Reihe der zu verehrenden Ahnen anzugliedern (kusimika nkoma).
Es bleibt noch übrig zu erwähnen, daß man die Schädel gewöhnlich im Hause des ältesten Verwandten der Familie aufbewahren läßt, der somit auch ihr Priester ist. Am Morgen des bestimmten Tages geht dieser Priester auf den Boden des Hauses, um das dort bereitgestellte, einige Tage vorher von dem leiblichen Sohn gebraute Bier einer Kostprobe zu unterziehen. Ist es verdorben, so gerät man wieder ob dieses bösen Zeichens in Unruhe und befragt das Orakel. Im anderen Falle aber gießt der Mann ein Trankopfer am Hausaltar auf die Erde und betet: „Ihr Geister! dies ist euer Bier. Heute wollen wir euch einen Genossen zuführen, damit seine Kinder ihm hier opfern können.“ Unterdes sind die andern Teilnehmer am Opfer mit der Ziege gekommen; den Schädel hat man von der Scherbe fortgenommen und in einen Topf getan. Zwei verschieden geformte Kürbiskalabassen werden mit Bier gefüllt, dann wird die Ziege geschlachtet. Von dem Fleisch werden Stückchen von allen Körperteilen auf vier Brathölzchen gespießt und gebraten. Zwei sind für die Männer und zwei für die Frauen bestimmt. Ist es gebraten, so werden kleine Stückchen davon abgeschnitten und auf je einen Strohteller gelegt. Der Priester läßt sich nunmehr eine Schale voll Bier einschenken und bringt dem Schädel als dem Sitz der Körperseele das erste Gebet dar: „Du Soundso, heute haben wir dich der Reihe der Ahnen angegliedert. Hier ist dein Bier und Opferfleisch. Trink und iß und gib es deinem Vater und deinem Großvater und denen, die bei euch sind. Sag’ ihnen, daß wir dir heute ein Opfer gebracht haben, damit ihr euch freut und wir uns auch freuen können.“ Unter solchen Worten gießt er etwas Bier vor dem Topf mit dem neuen Schädel aus und legt einige Fleischstückchen mit auf die Erde. Dasselbe geschieht dann vor den andern Ahnentöpfen.
Nunmehr wendet er sich unter Beobachtung derselben Zeremonien an die weiblichen Geister, beginnend mit der Stammutter, die auch den andern von dem Opfer mitteilen soll. Nach dem Priester betet der leibliche Sohn des Toten: „Vater! du hast dich beschwert, daß wir dich nicht ausgegraben haben. Jetzt ist es geschehen, wir haben dich zu deinen Genossen gebracht usw.“ Der Rest des gebratenen Opferfleisches wird unter die anwesenden Männer und Frauen verteilt, und die gewohnte Mahlzeit schließt sich an.
Von Leuten, die keine Kinder haben, werden die Schädel nicht aufgehoben. Für sie ist auch sonst keine Möglichkeit vorhanden, unter die Ahnen eingereiht zu werden. Da soll schon mancher Vater, dessen einziges Kind die christliche Taufe empfing, geseufzt haben: „Ich hatte mir es schon so schön gedacht, einstmals Opfer zu erhalten. Aber jetzt bin ich wie einer, der kein Kind hat, und meine Hoffnung ist dahin.“ Die Flußläufe, Teiche und große Wiesen bilden den Aufenthaltsort für die Schatten, die kinderlos gestorben sind. Dahin ziehen sich auch die Urahnen zurück; denn nur zu Vater, Mutter, Großvater und Großmutter betet der Mpare. Die Schatten der Urahnen wie der Kinder halten sich an oben erwähnten Plätzen auf und freuen sich, wenn auch sie bei Gelegenheit ein Opfer erhalten.
Von Zeit zu Zeit bringen sich die Ahnen bei ihren Nachkommen in Erinnerung, der Mwasu sagt: Nkoma žirota. Man erhält erst durch die Vermittlung des Orakels Kenntnis davon, welches man wie immer sofort bei irgendwelchem Unglück oder Krankheit zu Rate zieht. Irgendeiner von den Ahnen, die Großeltern der Mutter oder des Vaters, oder Mutter und Vater selbst werden für die Krankheit verantwortlich gemacht. Das Orakel behauptet, einer der Ahnen fühle sich vernachlässigt und wolle ein Speis- und Trankopfer. In der schon erwähnten vorsichtigen Weise, welche die Wapare bei jedem Gelübde ihren Götzen gegenüber an den Tag legen, wird ein Scheinopfer dargebracht, und erst wenn die Genesung des Kranken die Sicherheit geboten hat, daß es sich tatsächlich um den vom Orakel als Ursache festgestellten Ahnengeist handelt, erhält er das wirkliche Opfer. Es besteht gewöhnlich aus irgendeiner gekochten Speise und Bier. Der Schädel wird aus dem Topf geholt und etwas von dem anhaftenden Schmutz und den Spinngeweben gereinigt, dann mit Öl gesalbt und auf ein Fell an den Fuß der Haussäule gelegt. Hierauf wird dem Geiste das Opfer in der schon beschriebenen Weise dargebracht.
Ein andres Opfer, welches den Ahnen etwa am sechsten Tage nach der Geburt eines Kindes von den beiden Eheleuten dargebracht wird, heißt vishindio. Es besteht aus gekochten Wurzelknollen, die zuerst der Mann und gleich nachher die Frau beim ersten Morgengrauen an einem Kreuzwege niederlegen, „damit das Neugeborene nicht ewig schläft“! Hiermit wäre schon die Überleitung zu den freiwilligen Opfern gegeben, welche die Wapare ihren Ahnen darbringen, ohne vorher durch Unglück und Orakel gemahnt worden zu sein. Sie nennen das kukezya nkoma = die Geister begrüßen. Allerlei Speis- und Trankopfer werden den Schatten dargebracht, entweder als Dank für die Erhörung von Gebeten oder aber um sie versöhnlich zu stimmen. Mancher Mwasu läßt solch eine Gelegenheit nicht vorübergehen, ohne die Ahnen in nicht mißzuverstehenden Worten an ihre Pflicht zu erinnern, ihm zu Kühen — die für das Herz eines Paremannes der Inbegriff alles Begehrenswerten bilden — zu verhelfen. Er betet wohl: „Ihr Geister, hier habt ihr ein wenig Maisbrei. Das ist meine Kuh, ihr gebt mir ja keine andere, da kann ich euch auch kein Fleisch bringen, und ihr müßt eben Mehlbrei essen.“
Einer unsrer Christen hörte einen Mann namens Konamboa, der dazu noch der Familienpriester war, in einer Schädelhöhle folgende Worte an die Ahnengeister richten: „Hier sind Leute, die euch anbeten wollen, laßt mich aber in Frieden. Kinder habt ihr mir keine gegeben, Rinder habe ich auch keine, und dazu wollt ihr immer Opfer haben, soll ich euch denn Menschen opfern? Ihr Kerle habt auch keine Ohren (mantu aa na masikio esina)!“ Daß tatsächlich die Ahnen oder andre Götzen im höchsten Zorn einmal so beschimpft werden, nur, um sich wahrscheinlich bald mit einem Opfer wieder versöhnen zu lassen, wurde mir auch von einem heidnischen Gewährsmann bestätigt.
Die verschiedenen Opfer und die dabei zu beobachtenden Gebräuche sind viel zu zahlreich und auch schon nach den Landschaften verschieden, als daß sie sich alle hier aufzählen ließen. Ich muß mich damit begnügen, das Hauptsächlichste anzuführen, und will deshalb nur noch eines wichtigen Gebrauches Erwähnung tun, des Kirurumo-Opfers. Dieses muß jedem Ahn einmal dargebracht werden, und zwar wartet man, bis die Geister selbst ihr Opfer fordern, was festzustellen wie immer die Aufgabe des Orakels ist. Man bespricht sich mit den Verwandten. Dann wird ein Ochse gesucht, der unbedingt unbeschnittene Ohren haben und von ganz schwarzer Farbe sein muß.
Der Opfertag ist der heilige vierte Wochentag. An den vorhergehenden Tagen werden umfassende Vorbereitungen getroffen und Bier aus dunklem und hellem Zuckerrohr gebraut. In der Nacht vom dritten auf den vierten Wochentag wird der Ochse gegen drei Uhr morgens erstickt. Dabei dürfen nur Leute tätig sein, die das Kirurumo-Opfer den Ahnen bereits gebracht haben. Der Priester betet vorher, daß alles gutgehen möchte und der Ochse im Todeskampf niemand verletze, daß ferner aus dem Befund der Eingeweide und der Leber die Annahme des Opfers bestätigt werden möge. Aus zwei Kalabassen gießt der Priester zuerst Bier von dunklem und darauf von hellem Zuckerrohr als Trankopfer auf die Erde. Der Rest wird von den Versammelten getrunken. Das Tier wird nunmehr auf die Erde geworfen und auf grausame Weise erstickt, indem ihm schwammartige, trockene Zuckerrohrfasern, Restbestände von der Bierbereitung, mit einem „schwarzen“ Zuckerrohr in Maul und Nase gestoßen werden. Bevor der an allen vieren stark gefesselte Ochse ganz tot ist, setzen sich die Nachkommen des betreffenden Mannes viermal auf das Opfertier, und zwar zuerst die Männer, dann die Frauen. Dabei sagen sie: „Vater, jetzt haben wir dich vergessen.“
Bei Tagesanbruch bringt man dem Ahn zuerst an der Haussäule ein Trankopfer dar und später, nachdem man den Ochsen enthäutet und zerlegt hat, erhält er ein weiteres Fleisch- und Bieropfer an einem Kreuzwege. Man betet: „Hier ist dein Rind. Wir haben dich nun deinen Freunden dort ebenbürtig gemacht, teile es mit ihnen, damit auch sie dir in Zukunft nichts vorenthalten!“
Die Geladenen erhalten zu Hause jeder seinen Anteil an dem Fleisch und stärken sich vor ihrer Rückkehr noch durch einen guten Trunk. Am Abend bringt der Sohn seinem Vater das letzte Opfer dar und bittet um seinen Segen. Am nächsten Tage wird der Schädel des Ochsen von der Haut befreit, und nachdem die Ratten ihn im Laufe der Zeit völlig saubergenagt haben, dient er den Leuten als Stuhl. Bei der Gelegenheit sei noch erwähnt, daß man für Leute, die im Kriege erschlagen worden sind und deren Leichen man nicht aufgefunden hat, eine Ziege schlachtet, deren Schädel dann später den übrigen Ahnenschädeln beigefügt wird und die Stelle des eigentlichen Nkoma einnimmt.
Bis jetzt ist es mir nicht gelungen, den Schleier, der über diesem Opferfest zu liegen scheint, zu lüften. Für das geheimnisvolle viermalige Niedersetzen auf dem Opfertier und den eigentümlichen Namen kirurumo, von dem Verbum kururuma = brummen, brüllen, donnern, abgeleitet, habe ich keine Erklärung finden können.
Nächtliche Tanz- und Trinkgelage, wochenlang anhaltende Feste, welche die Berge widerhallen machen von den Freudentrillern und Tanzgesängen, alle diese Dinge sind dazu angetan, dem Uneingeweihten das Wesen des Heidentums zu verbergen. Aber zieht man diesen Schleier etwas zurück, so sieht man, wie diesen „lustigen Naturkindern“ auf Schritt und Tritt ein grausiges Gespenst folgt: die Furcht. Da wird das Gebet zu einer ergreifenden Klage, zu einer wuchtigen Anklage gegen den Bösen, der seinen nach Frieden schreienden Kindern statt des Brotes einen Stein anbietet: Nkoma shinjiani! — — — Ihr Geister, schlaft!