Wohl manchem angehenden Missionar hat man in der Heimat von dem in Frieden und Bedürfnislosigkeit dahinlebendem Negervolke erzählt. Auch hat man ihm wohl die Berechtigung abgesprochen, diesem Naturvolke christliche Lehren zu bringen, nach denen es kein Verlangen trage und die auch eine viel höhere Kulturstufe zur Voraussetzung hätten. Im Missionslager dagegen wird gerade in diesen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, daß bald die Stunde schlagen wird, in der die Afrikaner sich für das Christentum oder für den Islam entscheiden.
Über die Gefahr, die der sich immer schneller ausbreitende Islam für die Kolonien bildet, ist schon vieles geschrieben worden. Man kann die Frage vom religiösen oder vom politischen Standpunkt aus betrachten, in beiden Fällen aber muß man zu dem gleichen Schluß kommen.
Wer die Stärke der Schutztruppe kennt, muß sich wundern, daß eine solch erdrückende Übermacht von Negern, zum Teil sehr kriegslustigen und kriegsgeübten Stämmen, sich von dieser Minderzahl in Schach halten läßt. Warum kommt es nicht zu einer mächtigen Erhebung mit dem Ziele, die Herrschaft der Europäer zu beschränken oder gar abzuschütteln?
Der Gründe sind natürlich mehrere; aber ein Umstand, der die Kolonisatoren unterstützt hat, ist die sprachliche Zerrissenheit Afrikas und die zum Teil dadurch bedingte Aufteilung des Landes unter kleine und kleinste Häuptlinge. Wirklich mächtige Herrscher, die großen Reichen vorstehen, gibt es mit wenigen Ausnahmen nicht. Wir hatten in Afrika, bevor die deutsche Herrschaft eingriff, dasselbe Bild wie in Deutschland vor seiner Einigung: ungezählte Häuptlinge, die sich meistens grimmig bekämpften. Die erwähnte sprachliche Zerrissenheit begünstigte diese Fehden und steht heute noch der Einigung der verschiedenen Stämme unter einem Häuptling im Wege, natürlich nicht als einziges Hindernis.
Es ist nun wiederholt darauf gedrungen worden, für Afrika mit seinen Hunderten von Dialekten eine Verkehrs- und Einheitssprache zu schaffen. Das Kisuaheli, die Sprache der Küstenleute, der Wasuaheli, eignet sich hierzu am besten. Der Neger ist auch sehr begierig, das Kisuaheli als die Sprache der Gebildeten zu erlernen. Hand in Hand damit geht aber leider das Bestreben der Schwarzen, den Wasuaheli in andern Dingen, besonders in der Religion, ebenfalls gleich zu werden. Da diese nun zum weitaus größten Teil Mohammedaner sind, so kommt es schließlich dahin, daß der Neger glaubt, durch seinen Übertritt zum Islam die höchste für ihn erreichbare Stufe der Bildung erklommen zu haben.
Es könnte nun jemand den Einwand erheben, daß die Leute auch aus ähnlichem Grunde zum Christentum überträten. Dies ist im allgemeinen ausgeschlossen. Während der christlichen Taufe ein oft jahrelanger Unterricht vorausgeht, sind die mohammedanischen Lehrer sehr schnell mit der Taufe bei der Hand. Und was die soziale Stellung anbelangt, so sieht der Weiße gewöhnlich doch auch den getauften Neger nicht in dem Maße für gleichberechtigt an wie das der Araber oder Küstenneger mit dem früheren mshenzi, dem Buschneger, tut, wenn er einmal nach mohammedanischem Ritus getauft worden ist. Wie oft habe ich diese Leute in der Moschee sitzen sehen, immer wieder schreiend: La illah illa Allahu. Mohammed resoul Allah! = Kein Gott außer Gott! Mohammed ist sein Prophet!, ohne daß sie die Bedeutung selbst dieser wenigen stets wiederkehrenden Worte erfaßt hätten. Aber sie fühlen sich als Mohammedaner, und dies Gefühl kann als einigender Faktor unter Umständen außerordentlich beachtenswerte Folgen haben.
Der Islam macht es seinen Anhängern nicht zu schwer. Deshalb treten denn auch alljährlich, besonders im Monat Ramazan, viele zu ihm über, ohne auch nur eine leise Ahnung von der neuen Lehre zu haben. Das Arabische bleibt dem Neger im allgemeinen ein Buch mit sieben Siegeln; aber über eine Sache hat man sich doch schnell verständigt: Haß gegen die Ungläubigen! Offiziell sind sie allerdings alle die treuesten Untertanen; aber unter der Asche schlummert das Feuer. „Du täuschst dich, es ist noch nicht so weit,“ sagte ein mohammedanischer Häuptling einem andern, der ihn 1905 zum Losschlagen überreden wollte, als im Süden Ostafrikas der große Aufstand ausbrach. Daß aber der Europäerhaß tatsächlich gepredigt wird, läßt sich schon daraus erkennen, daß hoch in unsern abgeschlossenen Bergen sich schon einige Leute von dem Soliman erzählt haben, der einst an der Spitze aller Anhänger des Propheten die Europäer vertreiben würde. Wenn die Mohammedaner es nun fertig bringen, den Fanatismus, der sie selbst beherrscht, auch in die Reihen der Schwarzen zu tragen, dann dürfte sich die Lage ziemlich ernst gestalten. Daß es aber möglich ist, die Neger besonders in einem einheitlichen Sprachgebiet zu fanatisieren, hat der Aufstand 1904–05 im Süden der ostafrikanischen Kolonie bewiesen, wenn auch da der Fanatismus und die teilweise Einigung noch auf die Umtriebe eingeborner Medizinmänner zurückgeführt werden konnte. In einem „wirklichen hl. Kriege, in welchem auf der einen Seite nur gläubige Moslem gegen die Ungläubigen kämpfen“ (Ausspruch eines Negerhäuptlings 1915), würde solche Einigung in Afrika für die Weißen katastrophale Folgen haben. In diesem Zusammenhange dürfte die Rede eines Schwarzen interessieren, die am 30. Aug. 1921 auf dem Panafrikanischen Kongreß in Brüssel gehalten wurde. Er sagte u. a.: „Der Augenblick ist gekommen, da die 40 Millionen Schwarzen Afrika für sich verlangen müssen. Es handelt sich aber nicht darum, England, Frankreich, Belgien und Italien zu fragen: ‚Warum seid ihr hier?‘ sondern ihnen die Weisung zu erteilen, sich zu entfernen! Der blutigste Krieg kommt noch. Wenn erst Europa seine Kräfte gegen Asien einsetzen wird, wird für die Schwarzen die Stunde gekommen sein, das Schwert für die Erlösung Afrikas zu ziehen. Wer hat den Weltkrieg gewonnen? Das Blut der Schwarzen auf den Schlachtfeldern der Weißen ..... Ihr aber wißt, welches der Dank der Weißen war ... Wir lachen über die eingebildeten Weißen und sagen: Da wir gut genug waren, uns auf den europäischen Schlachtfeldern töten zu lassen, um unsern Lehrmeistern zu helfen den Krieg zu gewinnen, so hätten sie uns wenigstens die Freiheit gewähren können, in deren Namen sie sich totschlugen. Wir haben aber auch gelernt, zu töten, und ich frage auch meine Freunde, was wird dann sein, wenn wir erst für unsre eigene Sache kämpfen werden?“
Daran läßt sich nun weiter die Frage knüpfen: Wie kommt es, daß der Islam so schnell in das Volk hineindringt? Oft begegnet man draußen bei Europäern, die allerdings in dem Falle meist allem Christentum gleichgültig gegenüberstehen, der Ansicht, daß der Mohammedanismus schon durch seine günstige Aufnahme bei so vielen Schwarzen den Beweis in sich trage, daß er die gegebene und praktischste Religion für den Schwarzen sei. Man sollte sicher auch draußen den Grundsatz der Glaubens- und Gewissensfreiheit walten lassen; aber es ist doch sehr zu bedauern, wenn sogar von Europäern der Ausbreitung des Islam Vorschub geleistet wird. Ich will mich hier auf ein treffliches Wort Prof. D. Richters beschränken: „Der Vorschlag, die primitiven Völker dem Islam als einer ihnen angemessenen Religion zu überlassen, kommt einem Selbstmord der christlichen Kultur gleich.“ „Ev. Missionskunde“, S. 32 ff.
Vergleicht man nun die christliche und mohammedanische Missionstätigkeit, so wird man unschwer erkennen können, daß dem Islam in vielen Dingen die Wege geebnet sind. Während die christlichen Gemeinschaften teure Missionare hinaussenden, deren Unterhalt und Arbeit jährlich beträchtliche Summen verschlingt, tut der mohammedanische Händler für seinen Glauben äußerlich dieselben Dienste, ohne der Gemeinschaft auch nur die geringsten Kosten zu verursachen. Er ist überall zu finden, handelt mit dem Koran, erteilt Unterricht in demselben und macht auf alle mögliche Weise Propaganda für seinen Glauben. An Zahl sind diese Leute den Missionaren weit überlegen. Wie stände es wohl mit dem Christentum, wenn alle Weißen auch nur annähernd so eifrig für ihr Glaubensbekenntnis eintreten würden!? Solange der arabische Einfluß in Ostafrika geherrscht hat, galt auch der Islam als Religion der Gebildeten, und er ist heute noch bei sehr vielen Häuptlingen Tradition.
Es kommt hinzu, daß der Araber durch seine Hautfarbe dem Neger näher steht als der Europäer. Dies wissen die Mohammedaner geschickt auszunützen, indem sie dem Neger beibringen: „Der Islam für die Farbigen, das Christentum ist Sache des weißen Mannes, unsres gemeinsamen Unterdrückers.“ Gar mancher Neger läßt sich da bereitfinden, die Lehre des Propheten anzunehmen, besonders wenn der Häuptling und seine Großen vorangegangen sind. Daß die Unterschiede der christlichen Glaubensbekenntnisse den Negern in die Augen fallen, sie von dem Bestehen der zahlreichen mohammedanischen Sekten aber meist nur wenig Kenntnis erhalten, ist eine weitere Hilfe für den Islam.
Auch die Lehre des Propheten ist dem Neger bedeutend bequemer als das Christentum. Vor allem darf er die Vielweiberei beibehalten. Jeder, der draußen gewesen ist, weiß, was das für den Schwarzen sagen will. Aber auch sonst sind die Forderungen des Koran nicht so streng, und wenig genau nimmt man es mit den Vorschriften, die da sind. Seine Amulette trägt der zum Islam übergetretene Heide ruhig weiter. Ja, er kauft sich von seinen jetzigen Lehrern noch neue mit arabischen Inschriften dazu. Recht bezeichnend war die Antwort des hiesigen Regierungshäuptlings, den ich, als er wieder einmal vollständig betrunken war, auf das Enthaltsamkeitsgebot des Propheten aufmerksam machte: Allahu aallam! = Gott weiß es am besten! war seine seelenruhige Antwort. Er bleibt trotzdem ein guter Mohammedaner, haben ihm doch seine arabischen Lehrer aus dem Koran vorgelesen: „Gott gönnt euch das Leichte, nicht das Schwere. ... Er will es euch leicht machen, denn der Mensch ist zur Schwachheit geboren.“
Ein weiterer Umstand, der die christliche Missionstätigkeit vor der des Islams beeinträchtigt, ist die Haltung der weitaus meisten Europäer draußen, die, gelinde gesagt, die Missionstätigkeit nicht gerade unterstützen. Während dem Schwarzen, der den Dingen nicht auf den Grund sehen kann, im Islam Afrikas wohl auch verschiedene Sekten, aber doch als einigendes Moment neben der Sprache bei ihnen allen eine religiöse Bekenntnisfreudigkeit entgegentreten, sieht er bei den Christen, daß ein innerer religiöser Zusammenhang zwischen den wenigen „Lehrern“ und den vielen offiziellen Bekennern kaum oder nur in wenigen Fällen besteht. Solche Erwägungen, die der Neger tatsächlich macht, treiben ihn dann leicht dem Mohammedanismus in die Arme.
Durch ihn ist aber dem Neger innerlich nicht geholfen. Seine abergläubischen Vorstellungen behält er bei. Auch von seiner Furcht, dem Gepräge seiner animistischen und animalistischen Religion, wird er nicht befreit. Jesus ist hier der wahre Friedensspender, nicht trügerischen äußeren Friedens und Freudenrausches, wie ihn auch das Heidentum kennt, sondern „Friedens wie ein Wasserstrom“. Und die Erkenntnis, daß auch die Heiden durch das Evangelium diesen Frieden erlangen können, macht den Beruf des Missionars zu dem schönsten.
Wenn man sieht, wie die Heiden am Krankenbette ratlos stehen, wie sie von einem Medizinmann zum andern gehen, wie sie immer wieder den Wohnplatz wechseln, um die bösen Hausgeister loszuwerden, wie sie alle möglichen Opfer darbringen, zu denen das Orakel rät, selbst vor dem Kindermord nicht zurückschrecken aus Furcht vor den Ahnengeistern, wenn man die völlige Ratlosigkeit und Schmerzensausbrüche am Totenbett beobachten kann und dagegen z. B. eine junge Christenfrau auf ihrem Sterbelager fröhlich zeugen hört: „Ich fürchte mich nicht, ich glaube an meinen Heiland, ich weiß, daß mein Erlöser lebt, er ist mir kein Fremder,“ der zweifelt nicht mehr daran, daß das Christentum in Wahrheit kein Phantasiegebilde, sondern die Kraft ist, die selig macht, die auch den Heiden gebracht werden muß.
Die alte Prophezeiung der Wapare-Medizinmänner, daß einst weiße Leute mit neuen Sitten kommen würden, hat sich erfüllt. Sie sind gekommen und haben die Errungenschaften einer alten Kultur mitgebracht. Besonders die Eisenbahn hat die Verhältnisse im ganzen Lande umgestaltet. Der Schwarze versucht sich der neuen Zeit anzupassen. Daß er dabei manchmal, besonders was Kleidung betrifft, zur Karikatur wird, liegt wohl in der Hauptsache daran, daß das gesunde Entwicklungsstadium fehlt. Doch wenn man den Neger am Telegraphen, am Telephon oder vor der Schreibmaschine sieht, den Lerneifer und die außerordentliche Auffassungsgabe der Kinder in den Schulen, besonders in den Steppenschulen beobachtet, so ist man sicher, daß auch das Wort vom Kreuz von diesen Völkern verstanden werden kann, gilt ihnen doch im besonderen die Verheißung des Messias: „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer!“