Fünfzehntes Kapitel.
Dichten und Denken.

Die Sprache ist der Schlüssel zur Erkenntnis der Psyche eines Volkes. In dem Maße, wie der Forscher lernt, die Sprache zu beherrschen, erschließt sich ihm das Verständnis für die Denkungsart der Leute und das ist für jeden Kolonisten nötig. Wohl jeder weiß zuerst mit ihren Sprichwörtern und Erzählungen wenig anzufangen. Schon die äußere Form, in der die Lehre geboten wird, um sie uns recht anschaulich zu machen, bringt mancherlei Unbekanntes. Durch diese uns fremd anmutende Schale können wir zum eigentlichen Kern nur langsam vordringen. Wenn z. B. das Sprichwort lautet: „Mit einem Lianenstrick zieht man nicht zwei Bienenstöcke in den Baum hinauf,“ so versteht jeder Eingeborene sofort, daß damit gesagt sein soll: „Niemand kann zwei Herren dienen.“ Er weiß, daß an einem solchen Strick jedesmal nur einer von den schweren hölzernen Bienenstöcken auf den Baum hinaufgezogen und dort aufgehängt werden kann, weil es aus vielen Gründen unpraktisch wäre, zwei zugleich daran zu befestigen. Ein derartiger Strick kann eben nur einem Stocke dienen. Wenn man das alles weiß, ist der Vorgang ganz klar. So zeigt schon dieses Beispiel deutlich, wie schwer es ist, Europäer in die Gedankenwelt der Neger einzuführen, wenn ihnen die Kenntnis der rein äußeren Vorgänge, auf die im Märchen oder Sprichwort Bezug genommen wird, fehlt. Wenn der Neger mir erklärt: „Du bist eine Eule geworden und hältst es mit dem Zauberer,“ so muß ich erst die weiter unten erklärte Anschauung kennen, bevor ich verstehen kann, welchen Vorwurf er mir mit dem Sprichwort gemacht hat. Erst mit den Jahren gewinnt man diesen Einblick in ihre Sitten und erlangt eine Kenntnis von den Feinheiten der Sprache und ihrer Grammatik. Welch wunderbare Sprachschattierungen lassen sich allein mit den Präfixen erzielen! Vor den Stamm rundu des Zeitworts runda = dumm sein, setzt man entweder das m- der Menschen, das ki- der Sachen oder das i- der Klasse der großen oder verächtlichen Dinge und bildet so jedesmal das Wort „Dummkopf“, aber in feiner Weise den Grad der Verachtung immer mehr steigernd. So verfügt der Neger über eine einfache und doch ausgezeichnete Möglichkeit, sein Empfinden zum Ausdruck zu bringen. Und nun erst das bantu Verbum! Hier sind die Möglichkeiten fast unbegrenzt. Ob etwas schnell oder langsam, wiederholt oder nur einmal, gleichgültig oder intensiv getan wird, ob der Handelnde zur Zeit, in die uns der Bericht versetzt, noch dabei ist oder dabei war, seine Tätigkeit auszuüben, zusammengesetzte Futura neben dem einfachen Futurum, alle diese Dinge sind nur einige der vielen Überraschungen, die unser beim Studium warten. In den meisten bantu Grammatiken werden ja solche Formen behandelt; hier will ich mich darauf beschränken, auf die Abhandlungen unsres hervorragenden Forschers der Bantusprachen, Prof. D. Meinhof von der Hamburger Universität, hinzuweisen.

Für uns Europäer erfordert es ein angestrengtes Studium und ein völliges Sichversenken in die Eigenart der Neger, bis man gelernt hat, „schwarz zu denken“. So denken lernen muß aber jeder, der irgendwelchen dauernden Einfluß auf die Leute ausüben will, und dazu ist die Sprache der Schlüssel. Ist man jedoch erst einmal in der Lage, sich mit den Negern so zu unterhalten, daß man auch von den Alten verstanden wird, oder, was noch mehr sagen will, daß man auch sie versteht, dann ist der erste Schritt zum Verständnis ihres Dichtens und Denkens getan. Gerne würde ich dem Leser einige der schönen Paremärchen erzählen, in denen sich der Humor und die großartige Beobachtungsgabe der Neger widerspiegelt. Aber ich habe die Sache nach einem Versuch als zu schwierig wieder aufgegeben. Denn wenn man erst einmal am Lagerfeuer gesessen, den Erzählungen der Leute gelauscht hat und ihnen so recht folgen konnte, ja sich oft hat mitreißen lassen von der kaum zu übertreffenden Erzählerkunst, die durch lebhaftes Gebärdenspiel wirkungsvoll unterstützt wird, dann fühlt man, daß nur ein ganz geübter Schriftsteller es wagen darf, diese Märchen und Gleichnisse ins Deutsche zu übertragen. Außerdem geht in der Übersetzung gerade das, was den Kenner dabei am meisten ergötzt, nämlich die sprachlichen Feinheiten und die Tonmalereien, verloren. So will ich mich hier auf den Versuch beschränken, einen Teil ihrer Sprichwörter (simo) wiederzugeben; denn diese kurzen Simo haben schon manchem einen besseren Einblick in die Negerpsyche vermittelt, als eine lange Abhandlung es hätte tun können.

Der Neger ist ein guter Menschenkenner, der mit offnen Augen durchs Leben geht, wenigstens ist das von unsern Wapare wahr. Der unverdorbene Eingeborne ist äußerst feinfühlig und versteht den leisesten Tadel, der auf ihn besser wirkt als lange Schimpfreden. Er hat es seinerseits gelernt, nicht immer nach außen hin merken zu lassen, was in seinem Innern vorgeht. Deshalb läßt er sich auch durch des andern Maske nicht lange täuschen. Er ist kein Freund harter Reden, dazu mißt er dem Wort als solchem viel zu viel Kraft bei. Ein kühles und gemessenes Verhalten gilt bei ihm als ein viel würdigeres und eindrucksvolleres Zeichen der Unzufriedenheit als das bei Europäern oft so beliebte laute und polternde Schelten. Doch nun wollen wir versuchen, etwas von seiner Weltanschauung aus seinen Sprichwörtern kennenzulernen.

Auch der Parephilosoph hat den Egoismus der menschlichen Natur erkannt. Steuern, ja, die sind gut, wenn die andern sie zahlen müssen. Man stimmt dafür, daß öffentliche Arbeiten vom Stamme für die Regierung geleistet werden, solange man als Aufseher oder sonstiger „Beamter“ die andern zu solcher Arbeit heranziehen kann. Da sagen dann wohl diese „andern“: Ibuži la mwiyao telina kukoma = solange es sich um die Ziege des andern handelt, erscheint dir das Schlachten eine Kleinigkeit; aber deine eigene schonst du.

Wohl ist es Tatsache, daß des Freundes Auftrag uns oft mehr Kopfschmerzen verursacht als die eigene Sache, z. B. machen uns fremde Kinder, die uns für ein paar Tage anvertraut sind, mehr ängstliche Sorge als selbst die eignen, denn: Cha mwiyao kikuyaža meso, kangi si chako = die Angelegenheit deines Freundes läßt keinen Schlaf in deine Augen kommen, trotzdem sie dich eigentlich nichts angeht. Im übrigen aber ist, von solchen durch besondere Rücksichtnahme bedingten Ausnahmen abgesehen, jeder sich selbst der Nächste: Mwashotia ihemba erongoža lakwe = wer Maiskolben rösten will, legt seinen eignen zuerst ans Feuer, oder: Mwaimika nyoka evoka he magu akwe = wer den Platz nach einer Schlange ableuchtet, der fängt da an, wo er mit seinen Füßen steht. Erst nachdem man sich selbst sichergestellt hat, kann man auch an die andern denken. Bei diesem egoistischen Zug in der Welt ist es klar, daß der Schwache unterdrückt und im Falle des Mißlingens eines Unternehmens für alles verantwortlich gemacht wird. So würde der Paremann angesichts des Bestrebens fast der gesamten Welt, dem „verwaisten“ Deutschland die Schuld am Kriege aufzubürden, diese Unterstellung mit dem tiefsinnigen Spruch zurückweisen: Ihemba la mwana mkiva nilo lekomie moto = der Maiskolben des Waisenknaben hat natürlich das Feuer erstickt! Wenn alle um die Herdstelle herum sitzen und Mais rösten, dann liegen schließlich so viele Maiskolben im Feuer, daß es ausgeht. Der Waisenknabe, der nach seiner Eltern Tod keinen eigentlichen Verteidiger und Beschützer mehr hat, muß es nun erleben, daß man behauptet, ausgerechnet sein Maiskolben habe das Übel verschuldet! Der Leser kann sich denken, wie ein solches Sprichwort auch in diesem, wenn ich so sagen darf, europäischen Zusammenhang dem Neger die Lage in einem Augenblick so klar und verständlich macht, wie es eine lange Beweisführung nicht vermöchte. Er würde, wie es auch in der Vergangenheit geschehen ist, uns gleich mit einem andern Hinweis zu trösten suchen: Kushigire, teheterire kucha! = Laß nur gut sein, es hat noch nie aufgehört, wieder Morgen zu werden! Denn wenn auch die Menschen allerlei Listen ersinnen, ihre Pläne zur Ausführung zu bringen, sie müssen doch mit einer andern Kraft rechnen, die sie im letzten Augenblick noch verhindern kann, ihr Ziel zu erreichen: Muntu etega, Murungu eonza = der Mensch stellt die Fallen auf, aber Gott sieht nach, ob etwas gefangen ist (d. h. nimmt es manchmal aus der Falle und vereitelt somit die Pläne des Menschen). Diese Vorsehung ist es, die jemand oft gerade in das Unglück stürzt, das er seinem Nächsten gewünscht hatte. Deshalb warnt die Pareweisheit vor solcher Tücke: Wekimforira mwiyoa ikongo, we uneralisea = wenn du deinem Genossen eine Grube gräbst, so wirst du hineinfallen.

In den Simo der Wapare tritt es recht deutlich zutage, daß sie lachen und weinen, lieben, hassen und neiden genau wie wir. Hat ein tüchtiger Mann unter der Mißgunst der andern zu leiden, etwa dadurch, daß man ihn beim Häuptling anzuschwärzen sucht, so tröstet sein Freund ihn mit den Worten: Nkuku njewa niyo yekwahiwe ni kihama = das weiße Huhn hat (weil es sich durch die Farbe von den andern abhebt) besonders viel vom Habicht zu leiden. Manchmal bringt man auch einem unscheinbar aussehenden Manne, trotzdem er eine einflußreiche Stellung hat, nicht die rechte Ehrerbietung entgegen. Man läßt sich durch das Äußere zur Mißachtung verleiten, weil man bezweifelt, daß der andre Verstand genug habe, seinen Einfluß geltend zu machen. Aber der Parephilosoph macht auf das Gefährliche eines solchen Verhaltens aufmerksam, denn: Neri simba yebigiwe ni mvua ikee sa ifolong’o = selbst ein Löwe, wenn er vom Regen durchnäßt ist, sieht wie ein Hundsaffe aus, und: Mingori ya hale teina mabwe = von weitem sehen die Berge aus, als ob sie keine Felsen und Schluchten hätten. Lernt man sie aber erst einmal aus der Nähe kennen, findet man manches bedeutend anders als erwartet. Der Schein trügt eben, man muß den Dingen auf den Grund gehen, um sie richtig einschätzen zu können. Dabei sollte man auch an die Folgen einer Handlung denken. Wenn das immer geschähe, würde manche Torheit unterbleiben. Besonders die leichtsinnig veranlagte Jugend steht in Gefahr, sich durch den Schein oder die Lust des Augenblicks trügen und in Schwierigkeiten bringen zu lassen. Sie wird auf die Ntundwi-Frucht hingewiesen, die wohl eine schöne rote Schale hat, inwendig aber in der Hauptsache aus einem dicken Kern besteht. Darum heißt es: Usirerehe ntundwi kulangala, uko ndeni hena ibwe! = Laß dir die Augen von dem roten Glanz der Ntundwi-Kirsche nicht blenden, innen besteht sie fast nur aus dem Stein! Mit der Sünde, das wissen auch unsre Neger, macht man immer dieselbe Erfahrung wie mit einer andern Frucht, die „zuerst im Munde süß ist, aber nachher im Halse kratzt“.

Ja, wenn die Jugend nur immer auf den Rat der Alten hören wollte! Aber sie neigt vielmehr dazu, den Greis zu verachten, der nach all den überstandenen Lebensstürmen dem ausgewachsenen Bananenblatte gleicht, das vom Winde vollständig zerzaust und unansehnlich geworden ist. Es steht in starkem Gegensatz zu dem vom Safte strotzenden jungen Triebe. Daher die Ermahnung: We ntumburuju, usiseke isago, ambu isago nalo nekire ntumburuju! = Du frischer Trieb, lache nicht über das alte Bananenblatt, denn auch dieses war früher einmal ein frischer Trieb! So siehst du, was du später sein wirst. Wenn die Ehrerbietung, die aus solchen Überlegungen entspringt, dem Alter im allgemeinen entgegengebracht werden soll, so hat die Mutter ganz besonderen Anspruch darauf, denn: Kamango ni kamango, na kerekongomala = dein Mütterchen ist dein Mütterchen, auch wenn es runzlig geworden ist. Schöner könnte man wohl kaum zur Kindespflicht auffordern, als es hier unsre Wapare in ihrer melodischen Sprache getan haben.

Sie kennen und betonen auch den Wert der Erziehung in der Jugendzeit. Gewisse Schranken sind allerdings dabei durch die Vererbung gesetzt, denn: Ng’onji teishiga mbari = von einem Schaf darf man nur ein Schaf erwarten, und: Msese wekila magi iguhie he ikolo = wenn eine junge Henne die Eier auffrißt (anstatt sie auszubrüten), so hat sie das von der Mutter her. Mit diesen vererbten Untugenden muß man also rechnen. Was aber in der Erziehung getan werden kann, das muß in der Jugend geschehen. So wie man die Welsfische vor dem Räuchern in die im Handel übliche Form, nämlich Kopf und Schwanz zusammengebogen, bringen muß, weil sie nach dem Räuchern platzen würden, so muß die Erziehungsarbeit dann geschehen, wenn die Kinder noch biegsam sind. Deshalb sagt man: Koma nguluma yecheri mbisi, wekiishiga ikaoma, wekiikoma ineboika! = Biege den Welsfisch, solange er noch roh ist; wenn du ihn erst räucherst und dann biegst, wird er brechen! So erzogen, werden gerade die jungen Leute nützliche Glieder der Gesellschaft werden und ihre besonderen Aufgaben trotz oder vielmehr wegen ihrer Jugend besser erfüllen können als die Alten; denn: Miti mifuhi niyo yegerira mako = auf den niedrigen Bäumen richtet man gewöhnlich die Kornspeicher ein; die bereits hochgewachsenen eignen sich dazu weniger.

Frühzeitig werden die Kinder angehalten, sich auf dem Acker und zu Hause nützlich zu machen. Daß Müßiggang aller Laster Anfang ist, wird dem Parekinde mit dem Hinweis auf die diebischen Affen klargemacht, die sich fast ausschließlich vom Stehlen der Feldfrüchte nähren. Und warum? Ntumbiri kuiva ni kusaima = der Affe stiehlt, weil er nicht ackert.

Im Lauf der Jahre erkennt man immer mehr, mit welch feinem Verständnis der Eingeborene die einfachsten Vorgänge des täglichen Lebens betrachtet und wie er in ihnen mit der Tiefgründigkeit eines Philosophen ewige Wahrheiten findet. Er sieht den Ackersmann, der mit seiner Hacke den Boden bearbeitet. Kling! die Hacke ist auf einen Stein gestoßen. Im nächsten Augenblick wird das Hindernis auf den Haufen zu den übrigen Steinen geworfen. Bald darauf wiederum der gleiche Vorgang. Wie wollte der Bauer auch jemals mit seiner Arbeit fertig werden, wenn er anfangen würde, alle Steine, die er auf seinem Acker findet, in die Hand zu nehmen, sie lange zu betrachten oder gar zu zählen? So ist es auch mit den Sorgen dieses Lebens. Zähle sie nicht, halte dich nicht lange mit ihnen auf, wirf sie kurz entschlossen fort, damit deine Arbeitskraft nicht gelähmt wird, denn: Wekitala mabwe, tukafwinye ngemo! = Wenn du die Steine zählst, wirst du das Tagewerk nie fertigbringen.

Unser Neger ist der geborene Diplomat. Wenn es seinem Vorwärtskommen dienlich ist, läßt er fünf gerade sein, wenn ein Mächtiger diese Behauptung aufgestellt hat. Denn die Großen muß man ehren, auch wenn man nicht immer von ihrer alles andre in den Schatten stellenden Weisheit überzeugt ist. Ich sehe meine schwarzen Freunde im Geiste vor mir, wie sie mit dem feinen Lächeln eines, der die Schwächen und Eitelkeiten der Menschen versteht, erklären: Lumbo lwa mfumwa teluna kivivi! = Die Gesänge des Häuptlings sind ausnahmslos schön!

Auch in andrer Hinsicht ist es geraten, im Verkehr mit solchen Menschen, die Gewalt über uns haben, vorsichtig zu sein. So ist es z. B. nicht ratsam, den Häuptling auf irgendeine notwendige Arbeit aufmerksam zu machen. Man würde sich dabei nämlich nur unnötig der Gefahr aussetzen, von ihm „ehrenamtlich“ mit der Erledigung dieser Arbeit betraut zu werden. Das sind ungefähr die Erwägungen, die unserm schwarzen Philosophen vorschweben, wenn er sagt: Mwamkumbusha mfumwa viratu niye evionja = wer den Häuptling an seine (von ihm vergessenen) Sandalen erinnert, der wird dann auch beauftragt, sie zu holen.

Aber selbst ein einflußreicher Mann sollte nie zuviel von seinen Untergebenen verlangen, vor allem nicht eine Arbeit, die einem Mann überhaupt nicht ziemt. Man ist ja willens, allerlei zu machen, gleich der Ratte, die alle erdenklichen Gegenstände annagt. Aber auch sie hat doch Dinge, an die sie nicht herangeht. Einen Tabaksbeutel z. B. läßt sie unberührt liegen, da er selbst ihrem wenig verwöhnten Geschmack nicht zusagt. Ebenso darf der Häuptling in dieser Beziehung den Bogen nicht zu straff spannen, denn man würde ihm sagen: Ku ngoswe ni ngoswe, mira sikale mfuko wa tumbatu = ich bin zwar nur eine Ratte, aber den Tabaksbeutel nage ich doch nicht an. Ganz besonders gilt dies mit Bezug auf solche Launen eines Mächtigen, deren Befriedigung mit Lebensgefahr für den Untergebenen verbunden sein würde. Gewiß, die Pareweisheit läßt nicht außeracht, daß auch gefährliche Versuche gemacht werden müssen. So muß man unbedingt festzustellen suchen, ob das Pfeilgift nach einer gewissen Zeit noch stark genug ist und tödlich wirkt. Aber dazu nimmt man, und das sagt man gegebenenfalls dem Häuptling auch, keine Menschen, sondern: Vusungu vuježwa he ichura = die Wirkung des Pfeilgiftes stellt man versuchsweise an Fröschen fest.

Der Platz vor der Häuptlingshütte, wo die Prozesse verhandelt werden, ist der Ort, an welchem man die meisten Sprichwörter hören kann. Kläger und Verklagte, besonders aber die Ältesten des Landes, die als Beisitzer und Anwälte wirken, wetteifern darin, ihre Ausführungen durch solche Simo möglichst überzeugend zu gestalten. Ist da etwa ein Mann, der sich früher von seinem Nachbar eine Ziege geborgt hat, nun aber eine außerordentliche Gedächtnisschwäche zeigt, oder versucht bei einer Beleidigungsklage der Beleidiger seine Unschuld durch den Hinweis zu beteuern, daß er sich keiner verletzenden Äußerungen mehr entsinnen könne, so entkräftet der Kläger oder irgend jemand, der sich zu seinem Anwalt macht, diesen Beweis mit den Worten: Kihama kiivaa, nkuku teiivaa = der Habicht vergißt es (nämlich, daß er dem Huhn die Küken geraubt), das Huhn vergißt es nicht.

Sehr viele Sprichwörter der Neger sind dem Tierreich entnommen. Hier eine kleine Auswahl:

Cheho mweteni tekiirwa nywa = Tiere, die im Wasser leben, fordert man nicht zum Trinken auf. Das hieße ja Wasser ins Meer gießen. Den gleichen Gedanken wollen die Leute ausdrücken, wenn sie sagen: Ena kise teirwa: dika! = Zu jemand, der immer gastfrei ist, sagt man nicht: Koche Speise! Das versteht sich bei einem solchen Menschen, sobald er Gäste hat, ganz von selbst.

Iguro ligwirwa singo ni mwenye = nur der Herr kann seinen Hund ohne Gefahr am Halse fassen. Lehre: Mische dich nie in fremde Angelegenheiten, denn du weißt nie, welchen Ausgang sie für dich nehmen können.

Kumogwa kwa ng’ombe ni masikio, mpembe žitameia vilanga = was zur Kuh von Geburt an gehört, sind die Ohren; die Hörner kommen dann später mehr zur Zierde hervor. Wenn also mein Haus auch noch nicht so schön verputzt und geweißt ist wie deins, so erfüllt es den eigentlichen Zweck eines Hauses genau so gut: es schützt mich vor Nässe und Kälte. Das weitere kann man als nebensächlich ruhig der Zeit überlassen.

Unsre Neger wissen auch, daß man die Haut des Bären nicht verkaufen darf, ehe man ihn erlegt hat. Da sie aber keine Bären kennen, so geben sie den Gedanken ihren Verhältnissen angepaßt in folgender Form wieder: Kadeje wesinakakoma usikafutie moto! = Für das Vögelchen, das du noch nicht geschossen hast, zünde lieber noch kein Bratfeuer an!

Wurde in früheren Zeiten jemand durch das Gottesurteil der bösen Zauberei überführt, so tötete man nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Kinder und begründete das wohl mit dem Spruch: Nyoka teina ndori = bei Schlangen sieht man nicht auf die Größe, da die kleinen oft die gefährlichsten sind oder werden. Oder man sagte: Wekitema muti, isukuži lineraoka muti wa = wenn du den Baum fällst und den Stumpf stehen läßt, so wird wieder ein Baum daraus werden.

Unsre Wapare essen die Nashornvögel gerne; noch beliebter aber sind bei ihnen die grünen und fetten Papageientauben. Deshalb sagt der Jäger: Sikakenje mivwi na mahondo, ninga žekiza nnegera-ni? = Ich werde doch meine Pfeile nicht alle auf die Nashornvögel verschießen; wenn die Tauben kommen, was soll ich dann auf die Sehne legen? Dies Gleichnis läßt sich natürlich gleich allen andern bei den verschiedensten Gelegenheiten verwerten. So gebraucht die Hausfrau es — um nur ein Beispiel anzuführen — wenn sie einen Speisevorrat aufhebt für etwa noch später kommende Gäste oder gar ihren Mann.

Die Eule ist nach der Anschauung unsrer Wapare die Dienerin des bösen Zauberers, das einzige Lebewesen, das es mit ihm hält. Ergreift nun der Häuptling, vielleicht weil er sich hat bestechen lassen, die Partei eines Mannes, der nach Ansicht aller Ältesten seinen Prozeß verloren hat, so läßt sich wohl der Kläger ob solcher offensichtlichen Rechtsbeugung in seinem Zorn auf den Richter zu den Worten hinreißen: Waoka mnkwingwi, wamuka na msavi = du bist eine Eule geworden, die es mit dem bösen Zauberer hält.

In einer ganzen Reihe von Sprichwörtern verspottet der Negerphilosoph den Gierigen, der immer in Angst lebt, er könne irgendwie benachteiligt werden, oder ihm könne das beste Stück entgehen. In seinem Bestreben, recht viel zu bekommen, schneidet er an dem Fleisch herum, bis er die Strafe hat: Msulu echwa chaa chakwe = der Gierige schneidet sich zuletzt in seinen Finger. Oder er wählt lange aus, um ja das beste Stück des bereits zerlegten Ochsen zu bekommen, auch hier zu seinem eignen Schaden, denn: Msagura maeto eguha ieto la ivende = der Wählerische greift schließlich nach einem Stück Fleisch, das einen dicken Knochen hat. Deshalb bezähme dich, du Gieriger, sonst ergeht es dir wie jener Hyäne. „Es war einmal eine Hyäne, die durch den Busch ging und an einen Scheideweg gelangte. Als sie sich die beiden Wege genau betrachtete, bemerkte sie auf beiden die Spuren von Kühen. O, dachte sie, ich werde den Kühen nachgehen, vielleicht ist eine unterwegs krank geworden und liegengeblieben. Die beiden Wege liefen zuerst nebeneinander her, und es fiel der Hyäne schwer, sich für den einen oder andern zu entscheiden, da beide Beute verhießen. So lief sie mit den linken Füßen auf dem einen und mit den rechten Füßen auf dem andern Wege. Und weil die Unersättliche in ihrer Gier keinen Weg aufgeben wollte, diese Wege aber immer weiter auseinandergingen, zerplatzte sie schließlich mit lautem Knall.“

Die meisten solcher Weisheitssprüche lassen sich in der Heidenpredigt gut verwerten, so die folgenden: Vazoro na vazoro tevekombolana = Sklaven können sich nicht gegenseitig freimachen. Der Eingeborne hält seine Kühe nicht alle im eignen Stall, sondern stellt sie in verschiedenen Landschaften bei seinen Freunden unter, „teilt sie aus“, damit zur Zeit einer Viehseuche nicht sein ganzer Besitz auf einmal gefährdet ist. Ja, wenn er genügend hat, dann borgt er auch ganz gerne dem andern ein Stück Vieh; denn gerät man selbst einmal ins Unglück und verliert all sein Eigentum, dann kommt einem solche noch ausstehende Forderung sehr gelegen. Deshalb sagen die Vaasu: Kugwirisha si kunesha, kuinkiža ni kuvika = festhalten ist kein mehren, aber austeilen bedeutet sparen. An Hand eines solchen Spruches kann man leicht Texte wie Matth. 6, 19. 20 erklären. Oder wir wollen ihnen das Psalmwort predigen: „Auf Gott hoffe ich und fürchte mich nicht; was können mir die Menschen tun?“ Ps. 56, 12. Der kritisch veranlagte Neger hat in seinem Herzen sogleich allerlei Bedenken, wenn er sie auch nicht äußert. Er philosophiert: „Ja, so sagt ihr Europäer, ihr seid die Herren im Lande, ihr glaubt auch nicht an Zauberer, die Häuptlinge und Mächtigen im Volke können euch in der Tat nichts anhaben; aber auf uns paßt der Spruch doch wohl nicht.“ Wie gut ist es da, wenn man ihnen mit einem ihrer Sprichwörter zeigen kann, daß der Gedanke des Psalmisten bereits keimhaft in ihrem eignen Volksempfinden vorhanden ist und nur durch den christlichen Glauben veredelt werden soll. Denn unsre Eingeborenen sagen: Kizinya kigango, lukumbi lwekidofa luna-ni = wenn nur das Dach in der Mitte am Firstbalken dicht ist; wenn es auf der Veranda durchregnet, das macht nichts. Damit will der Mwasu sagen: Wenn der Oberhäuptling auf meiner Seite steht, dann brauche ich die andern nicht zu fürchten. Wie leicht hat es da der Missionar, der solche Sprüche kennt, auf Gott als den Obersten aller hinzuweisen und das Gefühl der Geborgenheit unter seinem Schutze mit Paulus zu preisen: „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“

Auf der andern Seite lehrt die Negerweisheit aber auch, daß alles verloren ist, wenn der uns verläßt, auf den allein wir bauen konnten. Wenn jemand von einer Schlange gebissen wird, so ist das allerdings sehr gefährlich; aber man braucht die Hoffnung nicht aufzugeben; denn da ist der Mnkulo-Baum. Von dessen Holz läßt man sich schnell etwas auf die Wunde schaben, und das Gift wird zerstört. Die Kraft des Mnkulo-Baumes ist eben doch noch größer als selbst die des Schlangengiftes. Was für das Haus der Firstbalken, das ist für die Medizin das Mnkulo-Pulver. So ist Gott für uns die einzige Rettung aus irgendwelcher Not.

Doch der Parephilosoph spinnt den Gedanken des Gleichnisses weiter. Für den Schlangenbiß hast du zwar den bekannten Baum als Gegenmittel. Was kannst du aber anwenden, wenn dieser Baum, der doch schon das kräftigste aller Heilmittel ist, dich „beißt“, d. h. statt deine Rettung deine Vernichtung will? Wekiumwa ni nyoka, uneshaiwa mnkulo, mira wekiumwa ni mnkulo, uneshaiwa-ni? = Wenn du von einer Schlange gebissen wirst, schabt man dir Mnkulo(pulver) auf die Wunde, aber wenn du vom Mnkulo gebissen wirst, was dann? Die Frage bleibt unbeantwortet. Es gibt dann eben keine Rettung mehr. Nun wird plötzlich dem ungläubigsten Heiden klar, warum Könige, Große und Gewaltige an jenem Tage zu den Bergen und Felsen sagen werden: „Fallet über uns und verberget uns vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn des Lammes (das sonst immer nur als Heiland den Menschen gegenübergetreten, jetzt als der, der die Kelter des Zornes Gottes tritt)! Denn es ist gekommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?“

Wunderbar weiß der Eingeborne in der Not zu trösten, und mancher Europäer, der mit seinem schwarzen Diener, Dolmetscher oder Soldaten gemeinsam schwere Stunden verlebte, hat das bezeugt. Angesichts des Todes, der einem sein Liebstes geraubt hat, fügt man sich in das Unabänderliche: Nkore ya Murungu teikombolwa = die Beute Gottes kann man nicht wieder auslösen. Gewöhnlich sind es gerade die besten, die früh dahingerafft werden, wie auch der Jäger die guten Pfeile zuerst verschießt. Damit tröstet man die Hinterbliebene, indem man sagt: Mivwi yedi teikaa he iziaka = die guten Pfeile bleiben nicht lange im Köcher.

Wie die Märchen, so verraten auch die Simo unsrer Wapare ihren prächtigen Humor und ihre in manchen Dingen optimistische Lebensauffassung. Selbst einer an und für sich unangenehmen Sache versuchen sie noch eine Lichtseite abzugewinnen, wie auch unser Dichter sagt: „So schwarz ist keines Unglücks Nacht, ein Blümlein hängt an seiner Kette.“ Der Eingeborne gibt den gleichen Gedanken durch das folgende drastische Gleichnis wieder: Kugwa he muti nikwo na kusea = nachdem man vom Baume heruntergefallen ist, ist man damit auch herabgestiegen. Gewiß, das Herunterfallen von einem Baum ist an und für sich nichts Angenehmes. Wenn es aber einmal Tatsache geworden und man mit ziemlich heiler Haut davon gekommen ist, dann gilt es zu überlegen, ob an dieser Kette nicht ein Blümlein hängt. Das ist hier der Fall; denn der Abstieg von einem hohen Baume ist nicht immer leicht und ungefährlich. Wer aber heruntergefallen ist, der ist damit der Mühe des Abstiegs enthoben. Mit solchen Erwägungen tritt der Mwasu würdig an die Seite Leberecht Hühnchens, der es bekanntlich ähnlich machte.

Eines Tages sah ein Neger, wie ein Huhn trotz seiner kurzen Füße und seines geringen Körpergewichtes auf einem schlüpfrigen Wege einen Fehltritt tat und ausrutschte. Daran knüpfte er seine Betrachtungen. Wenn das schon bei einem Huhn vorkommt und entschuldigt werden muß, wieviel mehr bei einem Menschen, der soviel größer und schwerer ist. Deshalb warnt er vor allem unbarmherzigen Richten mit den schönen Worten: Heshereta nkuku, kalando muntu = ein Huhn gleitet aus, wieviel mehr ein Mensch! Man sieht ja auch viel leichter den Splitter in des andern Auge als den Balken im eignen. So geht es dem Affen, der seine Genossen in der krummen, buckligen Haltung auf den Bäumen sitzen sieht und sich ausschütten möchte vor Lachen, weil der eigne Buckel seinen Augen verborgen bleibt: Ntumbiri iseka nundo ya mwiyae, yakwe teiwene = die Meerkatze lacht über den Buckel ihres Genossen, weil sie den eignen nicht sieht.

Ein Gläubiger, der seinen Schuldner ziemlich häufig besucht und mahnt, entschuldigt seine Ungeduld mit den Worten: Hantu hena mpengo, tehetera lumi = wo eine Zahnlücke ist, da fährt die Zunge immer wieder hin. Die Hausfrau, welche von Gästen und Besuchern, die natürlich auch bewirtet sein wollen, überlaufen wird, klagt wohl halb scherzend, halb ernsthaft: Mi ni inoo la nzieni, evecha eranoa = ich bin wie ein großer Stein am Wege, an dem niemand glaubt vorübergehen zu können, ohne sein Messer zu wetzen. Mit trefflichem Humor erinnert der Volksmund den Gast, der sich bei seinem Freunde am Fleisch einer ihm zu Ehren geschlachteten Ziege gütlich tut, daran, daß eine Liebe der andern wert ist: Wekila ibuži la mwiyao, lako libigwa ni mutwi = wenn du die Ziege deines Freundes verspeist, dann hat deine Ziege zu Hause (als Vorbote ihres nahen Todes!) bereits Kopfschmerzen. Hat man dir eine Ziege geschlachtet, wirst du deinen Freund nicht mit Bohnen und Tomatentunke abspeisen können.

Die Neger sind sehr gastfrei und nehmen anderseits die Gastfreundschaft ihrer Stammesgenossen unbedenklich in ausgedehnter Weise in Anspruch. Aber auch sie wissen, daß es zu Hause am besten ist: Hetu ni hetu = zu Hause ist zu Hause. Hat man es draußen noch so gut, man kann sich doch nicht so geben wie zu Hause, denn: He vujeni uia sa ng’ombe, henyu uia sa nzao = in der Fremde brüllst du nur wie eine Kuh, zu Hause brüllst du wie ein Bulle. Manche Frau mag das schon ihrem Manne, der sich nur bei andern zusammennahm und bescheiden zeigte, während er zu Hause „wie ein Bulle brüllte“, auch in diesem, ebenfalls sehr zutreffenden Sinne gesagt haben. Einen ähnlichen Gedanken drückte einmal unser schwarzer Ältester Hezekiel aus, als er seinen Brüdern vorhielt: „Wir haben zwei Gesichter, ein sanftes, gutmütiges, das zeigen wir fremden Männern und Frauen, und ein strenges, hartes, das setzen wir auf, sobald wir mit unsern eignen Frauen sprechen.“ Hoffentlich leidet keiner der lieben Leser und Leserinnen an solchem „zweiten Gesicht“ der Frau bzw. dem Manne gegenüber, und ist ihnen im Gegenteil nur die gegenseitige Liebe und das Aufeinander-Angewiesensein bekannt, von dem einer meiner schwarzen Freunde an seine Braut schrieb: We na mi tukee sa mpombe na nguluma, žesishigana mira žifwia hamwe = du und ich, wir sind wie der Fisch und das Wasser, die nicht voneinander lassen können und zusammen sterben. Damit wollte er sagen: Wir gehören zusammen und sind aufeinander angewiesen wie der Fisch auf das Wasser. Vertrocknet es, so muß er auch sterben.

Damit will ich abbrechen. Ich hoffe, die Leser haben an Hand der wenigen Sprichwörter einen kleinen Einblick in die Gedankenwelt der Wapare tun können. In meiner sprachlichen Sammlung, die leider in Afrika verbleiben mußte, hatte ich Hunderte solcher Simo zusammengestellt. Aber hier fehlt der Raum, selbst nur die alle anzuführen, deren ich mich heute noch entsinne. Wenn irgend etwas dazu angetan ist, die Schwarzen uns innerlich näherzurücken, so ist es nach meinem Dafürhalten die Beschäftigung mit ihrer Sprache und allem, was damit zusammenhängt. Dann merkt man bald: die Leute sind nicht so primitiv, wie sie durch das Fehlen der meisten technischen Errungenschaften auf den ersten Blick scheinen. Jedenfalls sind sie gute Menschenkenner, die mit ihrem gesunden Urteil meistens den Nagel auf den Kopf treffen und z. B. mit den Spitznamen, die sie dem Europäer oder auch den Stammesgenossen geben, zeigen, daß sie das Charakteristische an einer Person alsbald erfaßt haben. Ja, nicht nur trifft das bei Personen zu, sondern, was weitaus schwieriger ist, bei ganzen Völkern. Wenigstens kenne ich ein Beispiel dafür aus allerjüngster Vergangenheit. Die Engländer nahmen die Kolonie. Sie brachten Kleider, und die wurden von den Negern durchweg mit Jubel begrüßt. Mancher Eroberer mag den Jubel auf sich bezogen haben, das war dann fast durchweg ein Irrtum. Bald stellten die Neger auch Vergleiche zwischen den beiden Rassen an. Hier in einem kurzen kisuaheli Wortspiel das Ergebnis dieser „primitiven“ Philosophen: Wadachi maneno makali, roho mzuri. Wangereza maneno mazuri, roho mkali! = Die Deutschen: strenge Worte, gutes Herz. Die Engländer: gute Worte, strenges Herz! Wer wollte es unternehmen, die beiden Nationen noch treffender und kürzer zu charakterisieren?

Manchmal schätzt man eine Sache erst dann richtig ein, wenn man sie verloren hat. Ich habe schon mit vielen „Afrikanern“ gesprochen, die ihre Liebe zu den Schwarzen erst jetzt entdeckt und ihnen im stillen manche ungerechtfertigte Schroffheit abgebeten haben. Aber gerne haben wir die Schwarzen alle gehabt, und sie uns. Die Worte, die mir einige unsrer Waparechristen nachriefen, als wir von Afrika als Gefangene nach Indien gebracht wurden, habe ich nicht so aufgefaßt, als ob sie mir oder uns Missionaren allein gälten, sondern sie waren der Abschiedsruf aller Schwarzen an alle Deutschen: Nkwina kusia ni kuzana! = Unsre Sehnsucht hört erst auf, wenn wir uns wiedersehen! Und sie haben uns nötig. Sie brauchen nicht nur Leute, die ihnen die Errungenschaften der Technik und Kultur übermitteln, sondern sie brauchen mehr. Trotzdem sie geistig längst nicht so tief stehen, wie man gewöhnlich annimmt, brauchen sie einen Erretter. Einen Erretter aus dem Sumpfe der Immoralität — die aber nicht schlimmer ist als hierzulande; einen Erretter aus den Banden des Aberglaubens — den man aber auch bei uns reichlich findet; vor allem jedoch einen Erretter aus dem Banne der Furcht, die sie zu Dingen treibt, die man nur bei Heiden finden kann. Diese Furcht bildet ihre große Not, und von der wollen wir im nächsten Kapitel sprechen.