7. Kapitel.
Reineke tritt seine Pilgerfahrt an. Lampe und Bellyn
in Malepartus.

Mit Schrecken vernahmen Reinekes Feinde seine Begnadigung. Zornig sprach Hinze zu Isegrim und Braun: »Nun ist alle unsere Mühe und Arbeit verloren! Ich wollte, ich wäre am Ende der Welt! Ist der Fuchs wieder in des Königs Gunst, so wird er alle seine Künste brauchen, um uns ins Unglück zu bringen. Ein Auge hat er mir schon geblendet, nun steht auch das zweite in Gefahr.«

Braun erwiderte: »Nun ist freilich guter Rat teuer!« Und Isegrim rief: »Wahrlich, es ist eine schlimme Sache! Aber laßt uns noch das Äußerste wagen und mit dem König sprechen!«

Alles Abraten des Katers, diesen gewagten Schritt zu unterlassen, nutzte nichts. Entschlossen traten Braun und Isegrim vor das Königspaar und wollten ihre Klagen gegen Reineke von neuem anfangen.

Aber der König unterbrach sie zornig: »Habt ihr meine Worte nicht vernommen? Ich will keine Klagen über Reineke mehr zu hören bekommen! Er ist von mir wieder in Gnaden aufgenommen worden. Euer Ungehorsam soll gestraft werden!«

Darauf ließ er beide binden und ins Gefängnis werfen.

Der König bestrafte die beiden so streng, weil er an die Verschwörung dachte, die sie angeblich gegen ihn geplant hatten. So kamen Reinekes Feinde ins Unglück, er selbst aber war frei und stand hoch in des Königs Gunst. Da er für seine Reise ein Ränzlein brauchte, so schnitt man von dem Rücken des Bären ein Stück Fell heraus, einen Fuß lang und einen Fuß breit und fertigte daraus einen Ranzen an. Nun fehlten noch die Schuhe für den frommen Pilger. Da mußte Isegrim das Fell von den Vorderfüßen hergeben; da man vier Schuhe brauchte, so zog man Frau Gieremund, Isegrims Weib, das Fell von den Hinterfüßen ab.

Nun trat Reineke vor den König und die Königin, verneigte sich tief und sprach: »Nun habe ich Ränzel und Schuhwerk für die Reise und kann mich getrost auf die Wanderschaft begeben. Ich danke Euch untertänigst für alle Eure Güte und werde in meinen Gebeten stets Eurer gedenken!«

Braun, Isegrim und seine Frau hatten indes große Schmerzen zu erdulden. Stöhnend und ächzend lagen sie auf ihrer Spreu im Gefängnis, denn auch Frau Gieremund hatte man mit eingesperrt.

Ehe Reineke seine Pilgerfahrt antrat, ging er in den Kerker zu seinen Feinden, um sie zu verhöhnen und zu verspotten, und sagte:

»Schönsten Dank, Oheim Braun, für das Ränzlein, das ich gut gebrauchen kann für meine Wanderschaft. Und auch euch, teurer Vetter Isegrim und liebes Mühmchen, danke ich von Herzen für die schönen Schuhe! Sie passen vortrefflich, und seht nur, wie hübsch sie mir stehen! Ihr habt euch große Mühe gegeben, mich ins Verderben zu stürzen. Aber das Blatt hat sich gewendet: ich bin frei, und ihr seid eingekerkert. Das ist aber ganz gesund, da habt ihr wenigstens Ruhe, eure Wunden heilen zu lassen. Nun, ich werde unterwegs eurer gedenken und euch von dem Ablaß ein gut Teil abgeben.«

Braun und Isegrim vernahmen schweigend die spöttischen Worte. Frau Gieremund aber seufzte: »Möge der Himmel vergelten, was Ihr an uns getan habt!«

In der Frühe des nächsten Morgens trat Reineke vor den König und sprach:

»Majestät, Euer ergebener Knecht ist nunmehr bereit, die heilige Wanderung anzutreten. Befehlt gütigst Eurem Priester, mir den Segen des Himmels mit auf den Weg zu geben.«

Da rief König Nobel Bellyn, den Widder, herbei, der damals Kaplan und Schreiber am Hofe war, und befahl ihm, Reineke den Segen zu erteilen und seinen Wanderstab zu weihen.

Bellyn stand einen Augenblick ratlos da, dann sprach er schüchtern: »Majestät, Ihr wißt, daß Reineke noch in des Papstes Bann ist, und keinem Verbannten darf ich den Segen erteilen. Was würde der Bischof, Herr Ohnegrund, und der Propst, Herr Losefund, sagen, wenn ich mich so gegen die kirchlichen Bestimmungen verginge? Meines Amtes würde ich gewiß sofort entsetzt.«

Da wurde der König sehr zornig und bestand auf seinem Willen.

»Was kümmert mich der Propst und der Bischof?« rief er aus. »Reineke soll nach Rom und sich bekehren. Macht also nicht so viele unnütze Worte, sondern sprecht den Segen über ihn.«

Da sah Bellyn ein, daß er sich nicht länger widersetzen durfte, zog sein Buch hervor und las die passenden Segenssprüche und weihte den Wanderstab. Reineke achtete nicht viel darauf, sondern lachte im Innern seines Herzens. Er tat aber sehr ergriffen, das Haupt tief gebeugt und die Augen voll Tränen der Reue. Empfand er aber wirklich Reue, so war es nur deshalb, weil es ihm nicht gelungen war, alle seine Feinde ins Unglück zu bringen.

Er nahm nun Abschied und bat alle, fleißig für ihn zu beten. Darauf ergriff er Ränzel und Wanderstab und wollte eilig von dannen ziehen, da er sich noch nicht so ganz sicher am Hofe fühlte.

»Warum eilst du dich plötzlich so sehr, fortzukommen?« fragte der König.

Da versetzte Reineke: »Es ist hohe Zeit. Wer etwas Gutes vollbringen will, muß nicht säumen. Habt also die Gnade, mir Urlaub zu erteilen, und laßt mich ziehen!«

Da gewährte ihm der König den gewünschten Urlaub, nahm Abschied von ihm und befahl allen Herren seines Hofes, den frommen Pilger ein Stück Weges zu begleiten.

So verließ Reineke den Hof des Königs, um den nächsten Weg nach Rom einzuschlagen. Im Fortgehen rief er noch dem Herrscher zu: »Laßt wohl achtgeben auf die beiden Verräter im Gefängnis, daß sie nicht entweichen. Kämen sie los, so stände Euer Leben in Gefahr! Es sind ein paar schlimme Bösewichte!«

Mit frommer Miene, Gebete murmelnd, schritt der Heuchler an der Spitze des Zuges dahin. Nachdem sie ein Stück gegangen waren, nahmen alle Abschied von dem Fuchs und kehrten an den Hof zurück. Nur Lampe, den Hasen, und Bellyn, den Widder, hielt Reineke zurück, indem er mit Tränen der Rührung sagte: »Muß ich denn nun wirklich allen Lebewohl sagen? Auf so lange Zeit soll ich mich von dir trennen, Freund Lampe? Und auch du, teurer Bellyn, willst jetzt von mir scheiden? Ihr könntet mich wohl noch ein Stück weiter begleiten. Denn euch liebe ich vor allen. Ihr seid brave Leute von guten Sitten und redlichem Sinn. Jeder lobt eure Frömmigkeit. Ihr seid genügsam und stillt euren Hunger mit Laub und Gras, wie auch ich es tat, als ich Mönch war, und fragt weder nach Fleisch und Brot noch nach anderen verbotenen Speisen.«

O, wie ließen sich die beiden Einfältigen durch solches Lobreden betören! Sie gingen immer weiter mit ihm und begleiteten den Hinterlistigen schließlich bis zu seinem Schlosse Malepartus.

Als sie das Schloß erreicht hatten, sprach Reineke zum Widder: »Neffe Bellyn, wartet hier draußen auf mich und erlabt Euch indessen an den saftigen Kräutern, die hier in Menge stehen. Ihr seid gewiß hungrig von dem weiten Wege. Und Ihr, Freund Lampe,« wendete er sich an den Hasen, »kommt mit mir hinein und helft mir mein armes Weib trösten. Sie wird sich gewiß sehr grämen, wenn sie hört, daß ich eine so lange Pilgerschaft antreten will.« So betrog Reineke diese beiden mit vielen süßen Worten.

Frau Ermelyn war inzwischen in großer Sorge gewesen, wie es wohl Reineke vor Gericht ergehen würde. Als sie ihn nun vor sich sah, war sie sehr erfreut und fragte ihn, wie es ihm ergangen wäre. Er antwortete: »Ich war verurteilt, gehängt zu werden. Aber der König hat mich begnadigt. Braun und Isegrim sind ins Gefängnis geworfen. Ich muß nach Rom pilgern, um Buße zu tun. Zur Sühne gab mir der König den Hasen, mit dem ich tun kann, was mir beliebt. Denn er ist es, der mich verraten hat, wie mir der König sagte. Drum sage ich Euch, Frau Ermelyn, er verdient eine große Strafe.«

Als Lampe diese Worte vernahm, erschrak er furchtbar und wollte fliehen. Reineke aber vertrat ihm den Weg und packte ihn am Halse.

In Todesangst schrie er auf: »Bellyn, zu Hilfe, rettet mich! Ich bin verloren! Der Pilger tötet mich!« Mehr konnte er nicht hervorbringen, Reineke hatte ihm die Kehle durchgebissen. »Komm,« sprach er zu seiner Frau, »nun wollen wir es uns fein schmecken lassen. Es ist ein guter, fetter Hase. Nun ist doch der Geck zu etwas in der Welt nütze! Ich habe es ihm lange nachgetragen; nun wird er niemals mehr über mich klagen.«

Nun machten sich alle über den Hasen her, Reineke, seine Frau und die Kinder, und ließen sich's prächtig schmecken. Einmal übers andere Mal rief die Füchsin aus: »Dank sei dem König, daß er uns ein so herrliches Mahl bereitet hat! Möge der Himmel es ihm lohnen!« Reineke sagte: »Eßt nur, soviel euch beliebt! Es ist genug da! So sollen alle, die Reineke verklagen, es zuletzt mit dem Leben büßen!«

Als sie nun gesättigt waren, fragte Frau Ermelyn ihren Gatten: »Wie ist es denn gekommen, daß der König Euch wieder begnadigt hat und sich uns so gütig erweist?«

Da lachte der Fuchs und sprach: »Wollte ich Euch das alles genau erzählen, so brauchte ich viele Stunden dazu! Kurzum, ich habe den König und seine verehrte Frau Gemahlin gewaltig beschwindelt. Freilich, die neue Freundschaft zwischen uns ist nur zart und gebrechlich und kann leicht in die Brüche gehen. Kommt er erst hinter die Wahrheit, so wird er rasen und mich mit Gewalt ergreifen lassen. Weder Gold noch Silber werden mich dann befreien können. Ich käme sicher nicht ungehängt davon! Darum müssen wir entfliehen, weit fort von hier in ein Land, wo uns niemand kennt. Am besten ist es, wir ziehen nach Schwaben! Das ist ein herrliches Land! Da gibt es Hühner, Gänse, Hasen und Kaninchen in Menge. Auch an Süßigkeiten fehlt es da nicht für unsere Kleinen, wie Feigen, Datteln, Rosinen und andere wohlschmeckende Früchte! O, wie armselig ist unser Land dagegen! In Schwaben gibt es viele große und kleine Vögel und in den Gewässern köstliche Fische. Ich lernte sie schätzen, als ich Klausner war und kein anderes Fleisch essen durfte. Die Namen der vielen Fische habe ich vergessen; Ich weiß nur, daß sie von größtem Wohlgeschmack waren. Man bäckt dortzulande das Brot mit Butter und Eiern. Die Luft ist erfrischend, das Wasser klar und gesund. Seht, liebe Frau! Dorthin wollen wir ziehen und da in Frieden leben!

Damit Ihr mich aber recht versteht, so wisset: Der König begnadigte mich nur darum, weil ich ihm einen großen Schatz versprach. Ich sagte ihm, bei Krekelborn liege der Schatz des Königs Emmerich vergraben. Nun wird er dort Nachforschungen anstellen, aber soviel er auch gräbt, er wird weder Gold noch Silber noch die Königskrone finden. Denn solch ein Schatz ist ja gar nicht vorhanden! O, wie zornig wird er werden, wenn er merkt, daß er betrogen ist!

Was meint Ihr wohl, was ich für schöne Lügen ersann, ehe ich entkam? Es war aber auch in der höchsten Not, denn schon stand ich auf der Leiter und hatte den Strick um den Hals. In solcher Angst bin ich noch nie gewesen! In Zukunft muß ich mich jedoch hüten, wieder in die Gewalt des Königs zu geraten, denn es würde mir ein zweites Mal gewiß nicht gelingen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen! Darum laßt uns rechtzeitig fliehen!«

Traurig erwiderte Frau Ermelyn: »Sollen wir in ein fernes Land ziehen, wo wir fremd und elend sein werden? Haben wir doch hier alles, was wir brauchen! Warum wollt Ihr Abenteuer suchen und das Ungewisse fürs Gewisse nehmen? Ein Spatz in der Hand gilt mehr als zehn Tauben auf dem Dache!

Wir können auch hier in Sicherheit leben! Unsere Burg ist stark und gut gebaut. Und wenn uns selbst der König mit großer Heeresmacht angreift, so sollte es ihm schwer werden, uns zu ergreifen. Ihr wißt ja besser als ich, wie viele Seitentore unsere Festung hat, aus denen wir entwischen können! Nur das betrübt mich, daß Ihr geschworen habt, fern übers Meer zu fahren!«

»Besser geschworen, als verloren!« sagte der Fuchs. »Ein gezwungener Eid taugt nicht viel. Und kurz, der Eid kümmert mich keinen Deut. Ich gehe nicht nach Rom, und hätte ich auch zehn Eide geschworen! Euer Rat aber ist klug, wir wollen hier bleiben! Wer weiß, wie es uns in Schwaben ergehen würde! Was der König gegen mich unternehmen wird, muß ich abwarten. Er ist mir zwar an Macht überlegen, das schadet aber nichts! Vielleicht kann ich ihn nochmals überlisten und ihm eine Narrenkappe mit Schellen über die Ohren ziehen!«

»Lampe, Lampe!« erklang da die Stimme von Bellyn. »Wollt Ihr denn ewig da bleiben? Kommt doch heraus, wir müssen gehen.«

Alle Kräuter hatte der Widder schon abgeweidet, und die Zeit wurde ihm lang.

Auf den Ruf trat Reineke hinaus und sprach: »Bellyn, Lampe läßt Euch sagen, Ihr möchtet es nicht übelnehmen, daß er noch nicht kommt, und, wenn es Euch zu lange dauert, immer vorangehen. Er sitzt noch sehr vergnügt bei meiner Frau.«

Da fragte Bellyn: »Was war denn das vorhin für ein Geschrei? Warum rief Lampe so kläglich: ›Helft mir, Bellyn!‹? Was habt Ihr ihm zuleide getan?«

Reineke versetzte: »Hört nur, als ich meinem Weibe sagte, daß ich eine weite Seereise antreten müßte, fiel sie in Ohnmacht. Da erschrak Lampe und rief: ›Bellyn, helft mir, oder meine Muhme bleibt tot!‹«

Der Widder sagte zweifelnd: »Er hat doch recht jämmerlich nach mir gerufen!«

Aber Reineke versetzte: »Ihr braucht Euch nicht um ihn zu ängstigen. Lampen ist kein Haar gekrümmt worden! Ich wollte lieber selbst Schaden erleiden, als daß Lampen ein Leid widerführe! Doch hört, Bellyn, der König bat mich gestern, ihm noch ein paar Briefe zu schreiben. Wollt Ihr sie ihm bringen, lieber Neffe? Sie sind schon geschrieben und ganz fertig. Ich habe dem König darin manchen klugen Rat erteilt. Während ich schrieb, plauderte Lampe mit meiner Frau; sie redeten von alten Zeiten, aßen und tranken und waren seelensvergnügt!«

Bellyn sprach: »Lieber Reineke, gern will ich die Briefe besorgen. Aber wie soll ich sie gut verwahren, daß kein Siegel zerbricht?«

»Da weiß ich Rat,« sprach Reineke. »Das Ränzel aus Brauns Fell ist dicht und stark. Da hinein will ich die Briefe legen. Der König wird Euch gewiß mit Ehren empfangen und Euch reichlich belohnen!«

Das alles glaubte der einfältige Widder dem Falschen.

Reineke ging ins Haus zurück, nahm den Ranzen und steckte Lampens Kopf hinein, den er abgebissen hatte. Aber das durfte Bellyn nicht wissen. Deshalb sagte Reineke zu ihm: »Seht, hier ist das Ränzlein; hängt es Euch um den Hals! Doch hütet Euch, die Briefe zu lesen oder den Ranzen auch nur zu öffnen! Ich habe den Knoten so verschlungen, wie es zwischen dem König und mir ausgemacht ist. Hört mich also recht, und es wird Euer eigener Vorteil sein. Sagt auch dem König, daß Ihr mir bei den Briefen mit Rat und Tat beigestanden habt, so bekommt Ihr gewiß großen Lohn und Dank dafür.«

Bellyn sprang vor Freude hoch in die Luft und rief: »Reineke, lieber Oheim, nun sehe ich, wie gut Ihr es mit mir meint! Was für Ehre werde ich bei Hofe einlegen, wenn sie hören, daß ich bei den schönen Briefen mitgeholfen habe! Ich danke Euch von Herzen! Wie gut war es, daß ich Euch so weit begleitete! Aber sagt, soll Lampe jetzt gleich mit mir gehen? Ich möchte doch so schnell wie möglich die Briefe dem König überbringen!«

»Geht nur voran!« antwortete der Fuchs. »Lampe soll bald nachfolgen, ich habe nur noch etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen.«

»So seid Gott befohlen!« sagte Bellyn. »Ich mache mich auf den Weg.« Und er eilte fröhlich von dannen.