Es war gegen Mittag, als Bellyn bei Hofe ankam und vor den König trat. Dieser war sehr verwundert, als er Reinekes Ränzel sah, und fragte: »Wo kommst du her, Bellyn? Und wo ist Reineke geblieben, da du seinen Ranzen trägst?«
Bellyn sprach: »Gnädiger Herr, Reineke bat mich, ich sollte Euch Briefe bringen, an denen ich mit Rat und Tat geholfen habe. Sie sind hier im Ranzen, öffnet ihn gütigst.«
Da ließ der König den Biber kommen. Er hieß Bokert, war Schreiber und Notar am Hofe und verstand vielerlei Sprachen. Auch Hinze, der Kater, der klug und gelehrt war, mußte erscheinen.
Als diese beiden den künstlichen Knoten gelöst hatten, zogen sie zu ihrem Entsetzen Lampes Kopf aus dem Ranzen hervor. O, wie erschrak da der König. Voll Zorn rief er: »O Reineke, schändlicher Verräter, hätte ich dir nur nicht geglaubt. Wie furchtbar hast du mich betrogen!« Und der König erhob ein so gewaltiges Gebrüll, daß alle Tiere herbeigeeilt kamen, um zu sehen, was sich ereignet hätte. Der Leopard, des Königs naher Verwandter, bat den König, sich zu beruhigen, und sprach ihm Mut zu. Da sagte der König: »Wundert Euch nicht, daß ich so verzweifelt bin! Habe ich mich doch selbst an meinen nächsten Freunden vergangen. Auf den bösen Rat des arglistigen Schelmen habe ich Braun und Isegrim ins Gefängnis geworfen. Das reuet meine Seele. Aber meine Frau trägt mit die Schuld daran. Hätte ich nur nicht auf ihre Worte gehört, als sie für den Betrüger bat! Aber nun ist es zu spät; ich habe ihn nicht mehr in meiner Gewalt!«
Der Leopard sprach: »Hört mich, Herr König! Grämt Euch nicht gar zu sehr! Ist etwas übel getan, so kann man es doch wieder gut machen. Braun, Isegrim und seine Frau müssen sofort in Freiheit gesetzt werden. Als Sühne für das ungerecht ihnen zugefügte Leid soll man ihnen den Bock Bellyn übergeben. Er bekannte ja selbst, daß er zu Lampes Tode mit Rat und Tat geholfen habe. Dafür soll er seinen Lohn empfangen. Dann wollen wir Reineke aufsuchen, ihn fangen und, ohne ihn zu Worte kommen zu lassen, hängen. Denn kommt er zum Reden, schwatzt er sich gewiß wieder los. Mit dieser Genugtuung werden auch Braun und Isegrim zufrieden sein.«
Dieser Rat gefiel dem König, und er sprach: »Ich will Euren Rat befolgen. Geht und setzt die beiden Herren in Freiheit. Man soll sie mit großen Ehren wieder in meinen Rat setzen. Darum bitte ich Euch: ruft meinen ganzen Hof zusammen. Jeder soll erfahren, wie listig Reineke entkommen ist, und wie er, im Verein mit Bellyn, den armen Lampe getötet hat. Ein jeder soll auch Braun und Isegrim alle Ehre erweisen. Zur Genugtuung gebe ich ihnen den verräterischen Bellyn und sein ganzes Geschlecht.«
Sogleich begab sich der Leopard ins Gefängnis, wo Braun und Isegrim gebunden lagen. Unverzüglich wurden ihnen die Fesseln abgenommen, und der Leopard sagte zu ihnen: »Ich bringe euch gute Botschaft, ihr Herren! Der Betrug Reinekes kam an den Tag. Der König sieht ein, daß man euch unverdient Übles zugefügt hat, und bereut es von Herzen. Um euch dafür Genugtuung zu geben, überläßt er euch den Widder Bellyn mit seinem ganzen Geschlechte für jetzt und für alle Zeiten. Er gibt euch das Recht, sie anzugreifen, wo ihr sie auch trefft, im Wald und im Feld, bei Tag und bei Nacht. Außerdem gibt mein gnädiger Herr Reineke, der euch verraten hat, in eure Gewalt. Ihr mögt ihn mit aller Macht verfolgen, sowohl ihn selbst, wie auch sein Weib und alle seine Angehörigen. Dies alles soll ich euch im Namen des Königs verkündigen. Ihr sollt dann aber auch das Vergangene vergessen und ihm von neuem Treue schwören. Es wird euch nie mehr eine Ungerechtigkeit durch den König widerfahren!«
So ward die Aussöhnung durch den Leoparden bewirkt. Noch an demselben Tage mußte Bellyn seinen Hals hergeben. Und von der Zeit an sind Bären und Wölfe die schlimmsten Feinde der Schafe und überfallen und töten sie, wo sie nur können.
Der König aber ließ den Hof zwölf Tage länger beisammen bleiben und gab große Feste zu Ehren von Braun und Isegrim. Großer Jubel herrschte im ganzen Reiche, denn überall hin sandte der König seine Boten, um alle seine Untertanen ins Schloß einzuladen. Von allen Seiten strömten die Gäste herbei, um an der Freude teilzunehmen. Weithin erschollen Trompeten und Schalmeien, Pauken und Flöten. Große Turniere wurden veranstaltet, zierliche Tänze aufgeführt, und lustige Lieder erklangen. Der König hatte alles im Überfluß anschaffen lassen. An wohlschmeckenden Speisen gab es, was jedes Herz begehrte, und der Wein floß in Strömen.
Als nun acht Tage in solchem Taumel vergangen waren und der König mit den Großen des Reiches gerade an der Tafel saß, um zu speisen, trat ein Kaninchen in den Festsaal hinein, das aus einer tiefen Wunde am Halse blutete. Es trat dicht vor den König und die Königin hin und sprach mit trauriger Gebärde: »Mein Herr König und alle, die ihr hier zugegen seid! Hört meine Klage und erbarmt euch meiner! Gestern früh machte ich mich auf den Weg zum Königsschloß, um der Einladung Eurer Majestät zu den Festen zu folgen. Ich mußte an der Festung Malepartus vorüber.
Da saß Reineke vor seiner Tür, wie ein Pilger gekleidet, und schien eifrig im Gebetbuch zu lesen. Ich wollte ruhig weitergehen. Allein sowie er mich bemerkte, kam er mir entgegen, als wollte er mich freundlich begrüßen. Aber plötzlich sprang er auf mich zu und packte mich im Genick, daß ich glaubte, es wäre mein Ende. Er warf mich auf den Boden nieder und wollte mich verspeisen. Doch Gott sei Dank! Als sich einen Augenblick sein fester Griff lockerte, gelang es mir, seinen Klauen zu entschlüpfen. Freilich hatte ich bei dem Kampf ein Ohr eingebüßt und vier große Löcher im Kopf davongetragen. Ein Wunder ist's, daß ich dem Tode entrann! Er war sehr ergrimmt und fluchte noch lange hinter mir her. Seht, gnädiger Herr, so bricht der Fuchs den von Euch angeordneten heiligen Frieden! Wer darf künftighin noch wagen, über Land zu gehen, wenn Reineke die Straßen so unsicher macht?«
Kaum hatte das Kaninchen seine Klage beendet, da kam Merkenau, die Krähe, herbeigeflogen und jammerte: »Hochwürdiger König, gnädiger Herr! Ich bringe Euch eine traurige Nachricht! Vor Aufregung kann ich kaum sprechen; das Herz zerspringt mir fast, so Schreckliches ist mir passiert! Heute morgen flog ich mit Scharfenibbe, meinem treuen Weibe, übers Feld. Da sah ich Reineke, den Fuchs, tot auf der Erde liegen. Er hatte alle Viere von sich gestreckt, das Maul stand weit offen, die Zunge hing lang zum Halse heraus, beide Augen waren verdreht. Vor Schreck fing ich an zu schreien, aber er rührte sich nicht, er war mausetot. Das betrübte mich sehr, und mein Weib fing an zu weinen, so sehr jammerte sie sein Tod. Wir traten näher an ihn heran und betasteten seinen Leib. Dann horchte meine Frau, ob noch ein Atemzug zu bemerken sei. Aber es war nichts zu spüren; wir hätten beide geschworen, er wäre tot! O, der Schändliche, wie betrog er uns! Als meine Frau recht nahe an seinem Haupte stand und nach seinem Atem horchte, packte er sie plötzlich am Hals und biß ihr den Kopf ab. Darauf sprang er auf mich los und hätte mich auch fast erschnappt, aber ich entkam noch mit knapper Not und rettete mich auf einen Baum, der dicht dabei stand. Von hier aus mußte ich nun mitansehen, wie der Bösewicht mein liebes Weib auffraß. Er war so gierig, daß er auch nicht ein Knöchelchen zurückließ. Als er fort war, flog ich herab und sammelte die blutigen Federn, um sie als teures Andenken aufzubewahren. Ich habe sie mitgebracht, um sie Eurer Majestät zu zeigen als Beweis des furchtbaren Mordes. Gnädiger Herr, rächet die grausige Tat! Laßt es den Verräter mit seinem Leben büßen! Denn wenn Ihr diese Sache gering achtet und Reineke ungestraft laßt, so wird es Eurem Namen keine Ehre machen. Man wird im ganzen Reiche schlecht von Euch sprechen. Denn man sagt: Wer Missetat nicht straft, der ist der Tat mitschuldig! Doch das wäre Eurer fürstlichen Ehre zu nahe getreten.«
Als die Krähe ihre Klage beendet hatte, sprang König Nobel vom Throne auf und rief in höchstem Zorn: »Wahrlich, ich schwöre es, diese Untaten will ich strafen, daß man noch lange davon sprechen soll! Wie konnte der Frevler es wagen, mein Gebot zu übertreten und den Frieden zu brechen! Wie töricht war ich, daß ich ihn freigab! Daß ich allen seinen Lügen glaubte, mit denen er mich so listig hinterging! Ich stattete ihn noch selbst als Pilger aus, der nach Rom wandern sollte. Allein meine Frau trägt die größte Schuld daran. Ich bin freilich nicht der einzige, der durch den Rat der Frau zu Schaden kommt, es ist schon manchem so gegangen. Lassen wir Reineke noch länger sein ruchloses Wesen treiben, so müssen wir uns vor der ganzen Welt schämen. Darum, ihr Herren, denkt eifrig darüber nach, wie wir seiner am schnellsten habhaft werden können. Wenn wir es mit Ernst anfangen, so kann er uns unmöglich entkommen!«
Isegrim und Braun waren mit den Worten des Königs äußerst zufrieden, denn sie hofften, dem Fuchs würde nun alles Üble, was er ihnen zugefügt hatte, doppelt und dreifach vergolten werden. Da sprach die Königin: »Ich bitte Euch, mein Gemahl, zürnt nicht zu sehr. Schwört auch nicht so leicht, damit Ihr bei Macht und Ansehen bleibt. Noch wißt Ihr ja nicht genau, wie sich die Sache zugetragen hat. Wäre nur Reineke zugegen! Vielleicht würden die dann schweigen, die jetzt über ihn klagen. Oft klagt auch der, der selber Übles tut. Ich hielt Reineke für klug und rechtschaffen, darum half ich ihm nach Vermögen. Ich tat es aber nur in der besten Absicht, Euch zu nutzen. Leider ist es nun zu Eurem Schaden ausgefallen. Doch, teurer Herr, übereilt Euch nicht! Vergeßt nicht, daß der Fuchs aus edlem Geschlecht ist! Straft ihn nicht, ohne ihn gehört zu haben! Ihr seid ja Herr im Lande, er kann Euch nicht entgehen. Wollt Ihr ihn fangen oder töten, Euer Urteil muß vollstreckt werden. Aber ich bitte Euch inständig, übereilt Euch nicht!«
Da sprach der Leopard: »Herr, folgt ruhig dem Rate Eurer Frau Gemahlin! Was kann es Euch schaden, wenn Ihr den Fuchs erst anhört? Es steht immer in Eurer Macht, Euch an ihm zu rächen. Darum schlage ich vor, ihm noch einmal freies Geleit zu sichern und seine Verteidigung mitanzuhören.«
Isegrim sagte darauf: »Es kann nicht schaden, wenn jeder seine Meinung sagt. Hört mal, Herr Leopard! Wäre Reineke hier zur Stelle und könnte beide Klagen von sich abschütteln, die heute gegen ihn vorgebracht sind, so kann ich doch eine so böse Sache von ihm melden, daß er durch sie sicher dem Tode verfallen wird. Allein ich will jetzt davon schweigen, bis ich in seiner Gegenwart die Klage vorbringen kann. Aber er wird nicht freiwillig kommen. Denn wie könnte er es wagen, dem König vor das Angesicht zu treten, nachdem er ihn in so schamloser Weise belogen hat. Wie konnte er es wagen, eine Geschichte zu erfinden von Hüsterloh und Krekelborn und dem verborgenen Schatze des Königs Emmerich, und das alles dem Könige für bare Münze auszugeben! Uns alle hat er betrogen, mich und Braun aber obendrein am eigenen Körper arg geschädigt. Ich werde mein Leben daran setzen, mich an ihm zu rächen. Sein Leben lang hat er nicht die rechte Wahrheit geredet. Nun raubt und mordet er auf der Heide. Wenn es dem König beliebt, so kann ja ein Bote zu ihm gesendet werden. Aber ich sage Euch: er wird nicht kommen. Er fühlt sich sicherer in seiner Festung Malepartus, die er für unbezwinglich hält.«
Der König erwiderte: »Isegrim hat recht, er wird nicht an den Hof kommen. Wozu sollen wir also die Zeit mit Worten verlieren? Ich will den Klagen bald ein Ende machen. Der Bösewicht richtet mir sonst mein ganzes Land zugrunde! Darum wollen wir alle nach Malepartus ziehen und die Festung belagern. Ich gebiete, daß ihr euch alle bereit haltet, mir in sechs Tagen dorthin zu folgen. Bewaffnet euch mit Harnischen, Spießen und Bogen, mit Donnerbüchsen, Pallaschen und Hellebarden. Dann wollen wir mal sehen, ob die Feste wirklich uneinnehmbar ist!«
Diesen Befehl des Königs hörten alle gern, und sie riefen: »Wir werden bereit sein, Euch nach Malepartus zu folgen!«