9. Kapitel.
Grimbart in Malepartus.

Grimbart, der Dachs, war mit am Hofe gewesen und hatte den Beschluß des Königs gehört. Er lief nun, so schnell es ihm möglich war, nach Reinekes Schloß, um ihm diese Nachricht zu überbringen. Er war sehr betrübt und sprach zu sich selber: »Ach, armer Oheim, wie wird es dir nun gehen! Du bist das Haupt unseres ganzen Geschlechts, und wir alle trauern um dich!«

Als Grimbart in Malepartus anlangte, fand er Reineke vor der Tür seines Hauses stehen. Er hatte ein paar junge Tauben gefangen, die ihren ersten Flug aus dem Neste gewagt hatten. Ihre Flügelein waren aber noch zu schwach, um sie zu tragen. Sie fielen zur Erde nieder, Reineke sah es und erhaschte sie. Als Reineke den Dachs kommen sah, ging er ihm entgegen und sprach: »Willkommen, Neffe! Ihr lauft ja so sehr, daß Ihr schwitzt! Was bringt Ihr denn für frohe Botschaft?«

Grimbart versetzte: »Eine Botschaft bringe ich Euch freilich, es ist aber leider eine recht schlechte. Hab und Gut, Leib und Leben, alles ist verloren! Der König hat geschworen, daß er Euch töten will. Er hat alle seine Ritter aufgeboten, sich mit Schwertern, Büchsen und Bogen zu bewaffnen. Mit Heeresmacht will er vor Malepartus ziehen und die Festung belagern. In sechs Tagen ist er hier. Wehe, teurer Oheim, dann seid Ihr verloren! Der König ist furchtbar erzürnt gegen Euch. Er war ganz außer sich über Euren Verrat an dem armen Lampe. Nun haben auch noch das Kaninchen und die Krähe schwere Klagen gegen Euch erhoben. Isegrim und Braun sind wieder hoch in Ehren am Hofe. Alles, was sie wollen, geschieht. Es wird nicht lange dauern, so wird der König Isegrim zum Marschall ernennen. Er ist schon jetzt mit dem König vertrauter als ich mit Euch. Seit er durch Eure Schuld ins Gefängnis geworfen wurde, hegt er einen furchtbaren Haß gegen Euch in seinem Herzen und schwört, sich an Euch zu rächen, sollte er auch sein Leben daran wagen. Er schimpft Euch Räuber und Mörder und drängt den König, das Todesurteil über Euch auszusprechen. Glaubt mir, Oheim, werdet Ihr gefangen, so müßt Ihr Abschied vom Leben nehmen.«

»Weiter habt Ihr mir nichts zu sagen?« versetzte lachend der Fuchs. »Das ist ja nicht der Rede wert. Darum seid Ihr so sehr erschrocken? Wenn es weiter nichts ist! Hätten der König und alle seine Räte noch zehnmal mehr geschworen, so hilft es ihnen doch nichts. Komme ich nur zu Worte, so will ich meine Verteidigung schon führen, daß ich schließlich als Sieger dastehe und sie die Unterlegenen sind.

Schlagt Euch die Sache aus dem Sinn, lieber Neffe. Kommt mit hinein und seht, was ich Euch vorzusetzen habe! Ein Paar Tauben, jung und fett! Ich esse keine Speise lieber, denn sie ist leicht zu verdauen, man mag sie ganz verschlucken oder klein gekaut haben. Auch die Knöchelchen schmecken süß; sie sind halb Milch, halb Blut. Ich esse gern leichte Speisen, und meine Frau hat denselben Geschmack. Kommt also herein, sie wird Euch wohl empfangen. Aber von der bewußten Angelegenheit müßt Ihr sie nichts merken lassen. Sie ist gar zu ängstlich und sieht bei kleinen Dingen oft große Gefahr. Seid darum verschwiegen! Morgen wollen wir an den Hof gehen. Aber werdet Ihr mir auch beistehen wie ein Verwandter dem anderen?«

»Mit Leib und Seele stehe ich zu Euren Diensten!« rief Grimbart aus.

»Habt Dank!« sprach der Fuchs, »wenn ich mit dem Leben davonkomme, so soll es Euer Schade nicht sein!«

»Ihr könnt getrost vor den König treten!« sagte Grimbart, »um euch zu verantworten. Denn der Leopard gab den Rat, es solle Euch nichts Böses geschehen, ehe Ihr Euch nicht selbst verteidigt habt. Derselben Meinung ist auch die Königin. Ihr wißt, was für Macht sie über den König hat. Nutzt das zu Eurem Vorteil!«

»Das werde ich tun!« sprach Reineke. »Hört mich der König nur erst an, so wird es mir auch gelingen, ihn umzustimmen!«

Beide gingen nun in das Haus hinein und wurden von Frau Ermelyn freundlich empfangen.

Sie bereitete ihnen ein köstliches Mahl von den mitgebrachten Tauben. Jeder aß sein Teil davon, aber satt wurde keiner. Jeder hätte mit Leichtigkeit noch ein halbes Dutzend solcher jungen Täubchen verzehrt.

Nach Tisch rief Reineke seine Kinder herbei und zeigte sie dem Gast. »Seht, Neffe,« fragte er den Dachs, »wie gefallen Euch denn meine Kinder, Rossel und Reinhart? Sie fangen schon frühzeitig an, sich in mancherlei Geschicklichkeiten auszubilden. Der eine fängt ein Huhn, der andere ein Küchlein. Sie können auch schon unter Wasser tauchen, um Enten und Kibitze zu erhaschen. Ich könnte sie wohl öfter auf die Jagd schicken, aber ich will sie erst klüger machen und sie erst lehren, wie sie sich vor Jägern und Hunden in acht nehmen sollen. Wenn sie das erst recht verstehen, dann werden sie uns manche köstlichen Braten verschaffen, die wir jetzt entbehren müssen. Ich sage Euch, sie schlagen ganz nach mir. Kein Tier, dem sie nachstellen, kann ihnen etwas anhaben; sie beißen ihm gleich die Kehle durch, ganz wie Vater Reineke es zu machen pflegt! Mit einem schnellen Sprung ergreifen sie ihr Opfer. Kurzum, ich kann sie nur loben, sie sind geschickt und brav.«

Grimbart sagte darauf: »Das gefällt mir, daß diese beiden unserem Geschlechte Ehre machen! Wer wohlerzogene Kinder hat, die schon früh nach Erwerb streben, hat alle Ursache, sich zu freuen.«

»Doch jetzt, lieber Grimbart,« sprach Reineke, »wollen wir zur Ruhe gehen. Ihr seid gewiß müde von der weiten Wanderung!«

Und sie gingen alle in den mit Heu bestreuten Saal und legten sich zum Schlafen nieder. Reineke aber konnte kein Auge schließen, ihm war doch sehr ängstlich zumute, und er sann hin und her über seine Rettung.

So lag er in schweren Gedanken bis an den hellen Morgen. Dann stand er auf und sagte zu seiner Frau: »Ich muß heute mit Grimbart an den Hof gehen. Aber macht Euch deshalb keine Sorgen. Spricht jemand Schlechtes von mir, so denkt nur immer das Beste. Sorgt gut für die Kinder und verwahrt unsere Festung wohl!«

»Das ist ja eine seltsame Sache!« sagte Frau Ermelyn. »Was habt Ihr denn bei Hofe zu suchen? Wißt Ihr nicht, wie schlecht es Euch neulich dort erging?«

»Es ist freilich wahr,« erwiderte Reineke, »ich war damals in großer Gefahr. Manch einer war mir nicht gut gesinnt. Aber es geht bisweilen wunderlich in der Welt zu und kommt oft besser, als man denkt. Darum ängstigt Euch nicht! Ich muß nun einmal an den Hof, aber spätestens in fünf bis sechs Tagen bin ich wieder daheim. Lebt wohl indessen!«

So nahm er Abschied von Frau und Kindern und verließ mit Grimbart die Burg.