10. Kapitel.
Reinekes zweite Beichte.

Reineke und Grimbart wanderten also miteinander über die Heide, geradeswegs nach des Königs Schlosse zu. Da sagte der Fuchs: »Es mag nun kommen, wie es will; aber ich ahne doch, daß mir die Reise zu großem Vorteil gereichen wird. Doch möchte ich gern meine Verteidigung mit leichtem Herzen führen können, und deshalb bitte ich Euch nochmals, meine Beichte mitanzuhören. Denn leider habe ich seitdem wieder manche Sünde begangen.«

Grimbart erklärte sich bereit dazu, und der Fuchs begann: »Ich ließ Braun ein großes Stück aus seinem Fell schneiden und einen Ranzen daraus machen. Ich ließ dem Wolf und seiner Frau das Fell von den Füßen abziehen und Schuhe für mich davon machen. Das tat ich aus Haß und brachte es durch Lügen so weit, daß der König ihnen sehr zürnte und sie ins Gefängnis werfen ließ. Den König selbst habe ich furchtbar betrogen. Ich erzählte ihm von einem Schatz, der aber nirgends zu finden sein wird.

Lampe habe ich getötet und verspeist. Darauf habe ich den ahnungslosen Bellyn mit Lampes Kopf zum König geschickt, der den Widder für den Übeltäter hielt und in großen Zorn geriet. Dem Kaninchen riß ich ein Ohr ab und tötete es beinahe.

Auch die Krähe klagt mit Recht, ich fraß ihr Weibchen, Frau Scharfenibbe. Alles das habe ich seit meiner letzten Beichte begangen. Allein ich habe noch ein älteres Unrecht auf dem Gewissen, das ich neulich zu beichten vergessen hatte. Das sollt Ihr jetzt auch erfahren, lieber Neffe. Es war freilich ein recht loser Streich, den ich dem Wolf gespielt habe, und ich wollte nicht, daß mir widerführe, was ich ihm getan habe. Wir gingen einmal beide zwischen Kakys und Elverdingen. Da sahen wir auf der Wiese eine kohlschwarze Stute mit ihrem Füllen weiden. Das Junge mochte etwa vier Monate alt sein. Isegrim erblickte es kaum, als schon sein Gelüste nach dem zarten Bissen erwachte. Der Hunger plagte ihn überdies sehr. Da bat er mich: ›Lieber Freund, geht doch zu der Stute und fragt sie, ob sie mir das Fohlen verkaufen will!‹ Ich tat ihm den Gefallen und fragte die Stute.

›Ja,‹ sprach sie, ›wenn Ihr gut bezahlen wollt, könnt Ihr es haben.‹ ›Was fordert Ihr denn dafür?‹ fragte ich weiter. ›Der Preis steht auf meinem rechten Hinterfuß geschrieben. Wenn Ihr ihn wissen wollt, so lest ihn dort ab,‹ antwortete die Stute. Ich wußte gleich, was sie damit meinte, ließ mich's aber nicht merken, sondern sagte: ›Nein, gute Frau, lesen und schreiben kann ich nicht. Ich selbst begehre auch Euer Kind nicht. Isegrim hat mich zu Euch gesandt, er wünschte den Preis zu erfahren. ›So laßt ihn herkommen,‹ sprach sie, ›er mag ihn ablesen.‹

Da ging ich zu Isegrim zurück und sagte: ›Die Alte will Euch das Fohlen lassen, der Preis steht auf ihrem rechten Hinterfuße geschrieben. Sie wollte es mich lesen lassen, ich bin ja aber leider des Lesens und Schreibens unkundig und habe oft Verdruß davon. Seht also selbst, Oheim, ob Ihr es entziffern könnt.‹

›Wenn es weiter nichts ist!‹ versetzte Isegrim. ›Warum soll ich es nicht lesen können? Es sei, was es sei: Deutsch, Latein, Französisch! Habe ich doch zu Erfurt die hohe Schule besucht. Und was für Schriften man mir auch zeigt, ich lese sie so glatt und leicht wie meinen Namen. Wartet hier auf mich, ich will gehen und den Handel abschließen.‹ Er ging also hin und fragte die Stute, wofür sie das Füllen geben wolle, und zwar nach dem geringsten Preis. Sie erwiderte: ›Der Kaufpreis steht auf meinem rechten Hinterfuß geschrieben.‹ ›Laßt sehen,‹ sagte der Wolf. ›Gut,‹ versetzte sie und hob ihren Fuß hoch, der mit neuen Eisen und sechs Hufnägeln beschlagen war. Er bückte sich, um zu lesen. Da schlug sie aus und traf ihn so gewaltig vor den Kopf, daß er betäubt zur Erde stürzte und wie tot liegen blieb. Die Stute sprang mit ihrem Füllen davon, so schnell sie konnte. Es dauerte wohl eine halbe Stunde, ehe Isegrim wieder zur Besinnung kam. Er lag verwundet auf dem Boden und heulte vor Schmerzen. Ich ging zu ihm und fragte ihn: ›Herr, wo ist die Stute? Seid Ihr auch satt von dem Fohlen? Warum gabt Ihr mir nicht auch etwas ab, da ich doch die Botschaft gebracht habe? Habt Ihr etwa schon nach der Mahlzeit geschlafen? Was war es für eine Schrift unter ihrem Fuße? Ihr seid doch so weise und gelehrt!‹

›Ach Reineke!‹ stöhnte er, ›spottet doch nicht! Mir armen Schelmen ist es so übel ergangen, daß es einen Stein erbarmen möchte. Die langbeinige Mähre hat ihre Füße mit Eisen beschlagen. Es stand auch keine Schrift darunter, sondern mit den sechs scharfen Nägeln, die darin steckten, schlug sie mir sechs tiefe Wunden in den Kopf.‹

So kam Isegrim mit knapper Not mit dem Leben davon. Seht, Neffe, nun habe ich Euch alles gebeichtet und bitte Euch, mir meine Sünden zu vergeben. Ich will mich auch gern nach Eurem Rat bessern und in Zukunft ein frömmeres Leben führen.«

Grimbart versetzte: »Eure Sünden sind groß. Da Ihr aber einem so schweren Schicksal entgegengeht, will ich sie Euch alle vergeben. Ich spreche Euch also feierlich davon los. Freilich, die Toten stehen nicht wieder auf. Wie gut wäre es, wenn sie noch lebten! So aber wird es Euch bei Hofe schlimm ergehen! Das, was Euch am meisten schaden wird, ist Lampes Tod. Und eine unerhörte Kühnheit war es von Euch, dem König seinen Kopf zuzuschicken!«

»Teurer Neffe!« sagte Reineke, »wer durch die Welt kommen soll, kann sich unmöglich so heilig halten wie ein Mönch im Kloster. Lampes Anblick reizte mich so sehr. Er sprang vor mir her und sah so fett und appetitlich aus, daß ich Lust bekam, ihn zu fressen; und da tat ich es auch. Den Widder Bellyn konnte ich niemals leiden, er ist so plump und dumm und ungeschickt in allen Sachen. Ich gönnte ihm nie viel Gutes. Nun heißt es zwar: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Aber, um die Wahrheit zu sagen: diese beiden habe ich nie recht geachtet. Warum sollte ich also viel Umstände mit ihnen machen? Sie haben nun den Schaden, ich aber die Sünde davon. Indessen, wie Ihr selbst sagt, die Toten kehren nicht wieder. Sprechen wir von etwas anderem!

Es ist jetzt eine gefährliche Zeit! Welches Beispiel wird uns von oben gegeben? Ich meine vom König? Raubt er nicht selbst? Oder läßt sich alles durch Bären und Wölfe heranschleppen? Gleichwohl meint er, das wäre sein gutes Recht. Niemand ist, der ihm die Wahrheit sagt oder zu sprechen wagt: Das ist unrecht getan! Weder sein Beichtvater noch sein Kaplan tut es. Warum? Sie genießen es alle mit und schweigen um ihres eigenen Vorteils willen. Will jemand kommen und klagen, so redet er in den Wind! Er vertrödelt nur unnütz die Zeit. Und was man ihm genommen hat, ist und bleibt fort. Seine Klage wird nicht beachtet, und schließlich muß er schweigen! Ja, es geht schlimm in der Welt zu! Und wird noch schlimmer werden jetzt, wo Wolf und Bär wieder beim König in Ansehen sind. Sie werden jetzt stehlen, rauben und morden, und immer heißt es, es sei im Namen des Königs. Nimmt aber mal ein armer Mann, wie Reineke, ein Huhn, dann wollen sie ihm gleich an den Hals. Ja, ja! Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen! Seht, Neffe, ist es nicht ganz natürlich, daß man auch an seinen eigenen Vorteil denkt? Die Großen nehmen, was sie kriegen können, also nehme ich mir auch so viel wie möglich. Bisweilen quält mich dann mein Gewissen, und ich bereue meine Taten. Lange dauert das aber nie. Und ich greife wieder zu, wo es etwas zu greifen gibt. Aus dem Gerede, das darüber entsteht, mache ich mir nichts. Denn wer kommt heutzutage nicht ins Gerede? Selbst über die Besten und Bravsten wird hergezogen! Ja, die Welt ist voll Lug und Trug, voll Heuchelei, Verrat und falschen Schwüren! Pfui, pfui und nochmals pfui!«

Grimbart antwortete: »Lieber Oheim, warum beichtet Ihr mir eigentlich die Sünden der anderen? Ich denke, Ihr habt mit Euren eigenen gerade genug zu tun! Was gehen uns die anderen an? Jeder muß sehen, wie er mit sich selbst fertig wird!«

Indessen waren sie am Schlosse des Königs angelangt. Reineke wurde nun sehr verzagt, denn er wußte noch nicht, wie er sich aus all den Anklagen herausschwindeln sollte. Doch raffte er seinen sinkenden Mut wieder zusammen und schritt stolz aufgerichtet geradeswegs auf das Schloß zu. Da kam ihm Martin, der Affe, entgegen. Er stand im Begriff, nach Rom zu reisen, und sagte zu Reineke: »Habt nur guten Mut, lieber Oheim! Ich weiß es wohl, wie Eure Sache steht.«

Reineke erwiderte: »Das Glück hat sich in diesen Tagen sehr gegen mich gewendet. Ich bin abermals verklagt, und zwar von etlichen Verrätern, nämlich von der Krähe und dem ehrlosen Kaninchen. Der eine hat seine Frau und der andere sein Ohr verloren. Könnte ich nur mit dem König sprechen, so sollte es den Verleumdern schon schlecht bekommen! Das schlimmste ist, daß ich noch immer im Bann bin. Und das habe ich Isegrim zu verdanken. Als er in Elkmar im Kloster war, verhalf ich ihm zur Flucht. Er klagte, daß er das lange Fasten und Beten nicht ertragen könnte. Jetzt bereue ich es bitter, daß ich ihm zu Hilfe kam. Denn als Dank dafür verleumdet er mich beim König und schadet mir, wo er kann. Ginge ich nun nach Rom, um von dem Bann befreit zu werden, so täte er gewiß meiner Frau und meinen Kindern Böses an, und mit ihm die anderen, die mir gram sind. Darum muß ich hier bleiben und sie beschützen. O, wäre ich nur von dem Banne frei, so würde ich mit viel ruhigerem Herzen vor den König hintreten und meine Verteidigung führen!«

»Reineke,« sprach Martin hierauf, »lieber Oheim, ich gehe gerade jetzt nach Rom und will sehen, was ich da für Euch tun kann. Bin ich doch des Bischofs Schreiber und verstehe gar wohl den Lauf des Rechts in Rom. Ich will den Domprobst, der Euch zürnt, nach Rom kommen lassen und dort ernstlich mit ihm rechten. Auch habe ich viele Freunde von mächtigem Einfluß in Rom. Seid versichert, ich verschaffe Euch Absolution!

Geht nur getrost an den Hof. Dort findet Ihr mein Weib, Frau Rückenau. Sprecht nur mit ihr, sie ist klug und erfahren, und ihr Rat gilt viel beim König und der Königin. Der König weiß schon, daß ich Eure Sache in Rom führen will. Er weiß auch, daß es mir gelingen wird, Euch vom Bann zu erlösen. Er wird auch dessen eingedenk sein, daß viele vom Affen- und Fuchsgeschlechte ihm oft die besten Ratschläge gegeben haben. Und das wird Euch helfen, und Ihr werdet wie bisher siegreich aus dem Kampfe hervorgehen!«

»Das ist ein guter Trost!« sagte Reineke. »Und ich will Eurer gedenken, wenn ich frei und los komme.«

Hierauf schieden sie, und der Fuchs und der Dachs traten in das Königsschloß ein.