Reineke kam also an den Hof des Königs, wo er so hart verklagt war. Er fand daselbst viele, die ihm nichts Gutes gönnten, ja ihm sogar nach dem Leben trachteten. Er sah sie alle versammelt, und ihm wurde gar ängstlich zumute. Doch faßte er sich bald wieder ein Herz und schritt frei durch all die Fürsten und Grafen hindurch. Der Dachs aber ging ihm zur Seite, bis sie beide vor den König kamen. Leise flüsterte ihm der Dachs zu: »Freund Reineke, seid nicht blöde in dieser Stunde. Dem Blöden ist das Glück selten hold, dem Kühnen aber steht es bei.«
Reineke versetzte: »Ihr redet die Wahrheit; ich danke Euch für Eure ermutigenden Worte!«
Darauf trat er dicht vor den Thron des Königs, kniete zur Erde nieder und sprach: »Gott der Herr, dem alle Dinge bekannt sind, beschütze meinen Herrn, den König, und meine Gebieterin, die Königin! Er verleihe ihnen Weisheit, zu richten, wer Recht und Unrecht hat! Es gibt viele Bösewichte in der Welt, und manchen, der von außen schön gleißt, im Innern aber falsch und häßlich ist. Wollte Gott, daß es jedem an der Stirn geschrieben stände, was in ihm ist! Dann würde mein Herr und König sehen, daß ich nicht lüge, und daß ich nur darauf bedacht bin, Euch zu dienen. Gleichwohl bin ich von Boshaften, die mir zu schaden trachten, verklagt und durch schändliche Lügen angeschwärzt. Ohne alles Verschulden hat man mir Eure Huld geraubt, mein gnädiger König! Ich aber weiß, daß Ihr klug und weise seid und Euch nicht verleiten laßt, vom Wege des Rechtes abzuweichen. Ihr habt das Euer Leben lang nicht getan und werdet es auch jetzt nicht tun. Darauf setze ich mein Vertrauen!«
Der König antwortete: »Du Bösewicht Reineke! Alle deine losen Worte helfen dir nichts. Du hast sie schon gar zu oft verschwendet und mir zu viel vorgelogen. Das alles soll nunmehr ein Ende nehmen. Wie treu du bist, das lehrt die Geschichte von der Krähe und dem Kaninchen. Und hätte ich sonst nichts wider dich, so wäre das schon allein genug, mich zu erzürnen. Aber täglich kommen neue Übeltaten von dir ans Licht. Du bist ein Schelm durch und durch! Und jetzt soll dir der Lohn für deine Schandtaten werden!«
»O weh!« dachte Reineke. »Wie wird es mir ergehen! Wäre ich nur auf meiner sicheren Burg geblieben! Jetzt ist guter Rat teuer! Nun heißt es alle Kräfte zusammennehmen, um durchzukommen!«
Und zum König gewendet, sagte er: »Großer König, edler Fürst! Habe ich nach Eurer Meinung den Tod verdient, so ist Euch die Sache nicht richtig mitgeteilt worden. Ich bitte Euch, mich anzuhören! Ich habe Euch in früherer Zeit manchen guten Rat gegeben und bin oftmals in der Not bei Euch geblieben, wenn manche von Euch wichen, die sich jetzt zwischen uns stellen und mich in meiner Abwesenheit Eurer Gnade berauben wollen. Edler König! Hört mich darum an! Und findet Ihr mich dann schuldig, so ergehe das Recht. Noch eins: Habe ich schuld, so dienet mir nichts besser als Geduld! Ihr, hoher Herr, habt meiner nicht viel gedacht, während ich oft an den Grenzen Eures Landes Wacht hielt. Meint Ihr, daß ich hier an den Hof vor Euer Angesicht und in die Schar aller meiner Feinde gekommen wäre, wenn ich mir das Geringste vorzuwerfen hätte? Nein, um alles Gold der Welt hätte ich das nicht getan! Dann wäre ich lieber auf meinem eigenen Grund und Boden geblieben, wo ich frei war. Aber ich kam, da ich mir keiner Missetat bewußt bin. Als mir mein Neffe Grimbart die Nachricht brachte, daß ich an den Hof kommen sollte, hatte ich mir gerade vorgenommen, mich von dem Banne zu befreien. Das sagte ich Martin, dem Affen, der eben im Begriff war, nach Rom zu pilgern. Er versprach mir, sich meiner Sache anzunehmen. Er riet mir, getrost an den Hof zu gehen, und gelobte mir auf Treu und Glauben, mich von dem Banne zu erlösen. So schieden wir, und ich kam an den Hof.
Hier bin ich nun von dem Kaninchen sehr schwer verklagt worden. Jetzt steht Reineke hier, und wenn es die Wahrheit gesprochen hat, so trete es vor und klage öffentlich. Es ist leicht, jemanden zu verleumden, der abwesend ist. Nach Klage und Antwort erst soll man richten. Ich habe bei meiner Treu diesen beiden falschen Kerlen, der Krähe und dem Kaninchen, manches Gute getan. Gestern früh saß ich vor meiner Burg und las in den Gebeten. Da kam das Kaninchen vorbei, grüßte mich und erzählte, daß es an den Hof wollte. ›Geh' hin,‹ sagte ich, ›und Gott sei mit dir!‹ Da klagte es mir, es wäre müde und hungrig. Ich fragte es, ob es etwas essen wolle. ›Ja,‹ sprach es, ›gebt mir einen Bissen.‹ ›Von Herzen gern,‹ sagte ich, und holte Brot und Butter und etliche Kirschen. Es ist nämlich jetzt Fastenzeit, wo ich kein Fleisch zu essen pflege. Als es nun schon tüchtig zugegriffen hatte, kam mein kleiner Sohn hereingesprungen und wollte sich von dem Übriggebliebenen etwas nehmen. Kinder lieben das Essen und sind selten ganz satt. Wie er nach den Kirschen griff, schlug ihm das Kaninchen aufs Maul, daß ihm das Blut herunterlief. Da sprang mein älterer Sohn, Reinhartchen, herbei und packte das Kaninchen an der Kehle, daß es laut aufschrie. Ich lief hinzu, trennte die Kämpfenden und schlug meine Kinder. Hat aber das Kaninchen etwas davon gekriegt, so ist ihm recht geschehen, es hätte wohl noch mehr verdient. Sie hätten ihm unfehlbar das Leben genommen, wenn ich ihm nicht zu Hilfe gekommen wäre. Das ist nun der Dank dafür! Nun sagt es, ich habe ihm sein Ohr abgerissen!
Seht, gnädiger Herr, da kommt nun der Rabe und klagt, er habe sein Weib verloren. Wie das geschehen ist, weiß er selbst am besten. Sie wollte ihren Hunger stillen und fraß einen Fisch mit allen Gräten auf. Die blieben ihr im Halse stecken, und sie ist daran erstickt. Nun sagt er, ich hätte sie totgebissen! Vielleicht hat er sie selbst ermordet! Ja, könnte ich ihn nur recht verhören, er würde vielleicht ganz anders aussagen! Wie hätte ich ihr auch so nahe kommen können, da sie fliegen kann und ich nur gehen? Will aber sonst jemand mich eines Unrechts beschuldigen, so tue er es mit gültigen Zeugen, wie es einem Edelmann gegenüber geziemt. Oder soll kein gütlicher Vertrag abgeschlossen werden, so ordne man einen Zweikampf an, bestimme Ort und Zeit und gebe mir einen Gegner, der mir an Geburt nicht nachsteht. Da kämpfe dann ein jeder für sein Recht, und wer dann die Ehre gewinnt, bei dem bleibe sie. So ist es von jeher Brauch gewesen, und ich, Herr König, werde mir mein Recht nicht nehmen lassen.«
Alle, die zugegen waren, staunten über Reinekes kühne Worte. Der Rabe aber und das Kaninchen erschraken sehr. Was sollten sie aber tun? Sie wagten kein Wort zu sagen, und verließen schleunigst das Schloß. »Wie können wir den König überzeugen,« sprach eins zum anderen, »Reineke ist uns ja doch mit Worten überlegen. Zeugen für unsere Sache gibt es ja nicht, da niemand dabei gewesen ist. In einen Zweikampf mit ihm können wir uns doch nicht einlassen. Er ist falsch, behende, listig und boshaft. Ja, wenn unsrer auch noch fünfe wären, wir müßten's alle mit Leib und Leben bezahlen. Es bleibt uns also nichts weiter übrig, als den Schaden zu tragen! Möge es ihm der Teufel lohnen, was er an uns verbrochen hat!«
Isegrim und Braun ward sehr unbehaglich zumute, als sie sahen, daß diese beiden das Feld räumten. Der König aber rief: »Wer etwas zu klagen hat, der trete vor!« Doch es meldete sich keiner; alles blieb stumm. »Merkwürdig!« sagte der König, »gestern kamen so viele! Heute ist Reineke hier, aber wo sind die Kläger geblieben?«
»Herr,« versetzte der Fuchs, »mancher klagt einen anderen schwer an, der es wohl bleiben ließe, wenn sein Widerpart ihm gegenüberstände! So machen es auch jetzt diese beiden Verleumder, der Rabe und das Kaninchen, die mich gern in Schande und Strafe gebracht hätten. Würden sie mich um Gnade bitten, so hätte ich ihnen in Gegenwart dieser Herren gern vergeben. Nun haben sie sich aber aus dem Staube gemacht, die schlimmen, bösen Buben! Sollte man auf solche hören, das wäre ewig schade! An mir allein ist nicht viel gelegen, aber mancher rechtschaffene Mann, der Euch Tag und Nacht treu dient, könnte durch ihre Verleumdung leicht in Ungnade geraten!«
»Höre mich an!« sprach der König. »Du bist und bleibst ein Betrüger und ein treuloser Verräter! Was trieb dich dazu, Lampe, den braven Ritter, ums Leben zu bringen? Eben erst hatte ich dir deine Sünden verziehen. Ich hatte dir Ränzel und Stab gegeben; du solltest nach Rom und übers Meer, und ich glaubte, du würdest ein besseres Leben beginnen. Allein das erste, was ich über dich zu hören bekam, war, daß du Lampen getötet hattest. Bellyn brachte mir den Ranzen mit Lampens Kopf. Er hat es mit dem Leben büßen müssen, und dir, du böser Bube, soll jetzt der gleiche Lohn zuteil werden!«
»Was?« rief Reineke mit erheucheltem Erstaunen. »Ist Lampe tot? Und Bellyn auch? O, weh mir, daß ich je geboren bin! So habe ich den kostbarsten Schatz verloren! Denn ich sandte Euch durch diese Boten, Lampe und Bellyn, die herrlichsten Kleinodien, die je die Erde gesehen! Wer hätte auch ahnen können, daß Bellyn die Schätze rauben und den guten Lampe morden würde!«
Der König hatte genug gehört. Zornig verließ er den Saal und war entschlossen, Reineke einen schmählichen Tod erleiden zu lassen.
Reineke Fuchs 3.
O, wie erschrak der König. Wie furchtbar hat mich Reineke betrogen!