Im anstoßenden Gemach fand der Herrscher die Königin, seine Gemahlin, im Gespräch mit der Äffin, Frau Rückenau. Diese stand bei dem Königspaare in hohem Ansehen; sie war weise und unterrichtet, und jeder hörte auf sie, wohin sie nur kam.
Als sie nun den König zornig sah, sprach sie: »Edler Herr, ich bitte Euch, zürnt doch nicht so sehr! Und gestattet mir, daß ich ein Wort zugunsten des armen Reineke spreche. Er ist doch meinem Geschlecht nahe verwandt, und sein Unglück geht mir sehr zu Herzen. An seine Schuld kann ich nicht glauben, er ist doch jetzt freiwillig vor Gericht erschienen! Sein Vater stand an Eurem Hofe in hohem Ansehen, weit mehr als jetzt Braun und Isegrim. Diese beide verstehen zu wenig von Urteil und Recht.«
»Kann es Euch wundern,« versetzte der König, »daß ich gegen Reineke in Zorn bin? Vor kurzem erst nahm er Lampen das Leben und stürzte Bellyn mit ins Verderben. Jetzt tut er so, als wüßte er von der ganzen Sache nichts. Täglich bricht er den Frieden! Hättet Ihr nur gehört, was alles für Klagen sie gegen ihn vorbrachten, von Rauben, Stehlen, Verrätereien und Mordtaten!«
»Gnädiger Herr,« erwiderte die Äffin, »Reineke wird sehr verleumdet! Er ist klüger als die anderen alle und erregt deshalb ihren Neid. Wie oft hat er Euch mit treuem Rat zur Seite gestanden! Ihr wißt wohl noch, wie vor einiger Zeit der Mann mit der Schlange vor Euren Thron kam? Damals wußte keiner von Euren Ratgebern die Sache zu entscheiden. Da ließet Ihr Reineke kommen, und er wußte gleich das Rechte zu treffen und erntete Lob von Euch in reichem Maße.«
»Wie war doch die Geschichte?« fragte der König. »Ich erinnere mich ihrer nur noch undeutlich. Wenn Ihr es noch genau wißt, so laßt mich's hören.«
»Mit Eurer Erlaubnis soll es geschehen!« sagte die Äffin. »Es sind nun zwei Jahre her, da kamen eines Tages eine Schlange und ein Mann vor Euren Thron. Die Schlange klagte sehr zornig, daß der Mann sich dem zweimal gefällten Urteilsspruch nicht fügen wolle. Und dann erfuhrt Ihr folgende Geschichte:
Die Schlange war durch ein Loch in einem Zaun gekrochen und in einer Schlinge hängen geblieben, aus der sie sich nicht wieder freimachen konnte. Sie hätte gewiß da ihr Leben verloren. Da kam zufällig ein Mann des Weges daher. Die Schlange rief ihm zu: ›Ich bitte dich, erbarme dich meiner und mache mich los!‹ ›Von Herzen gern,‹ sagte der Mann, ›wenn du geloben willst, mir nichts Böses zu tun. Denn du tust mir leid.‹ Da schwur die Schlange, ihm niemals Schaden zufügen zu wollen. Und da erlöste er sie aus ihrer verzweifelten Lage.
Sie gingen miteinander weiter. Da die Schlange aber sehr verhungert war, schoß sie plötzlich auf den Mann zu, um ihn zu töten und zu fressen. Mit knapper Not entsprang ihr der Mann und sprach: ›Ist das der Dank dafür, daß ich dir in deiner Not geholfen habe? So hältst du deinen Schwur, mir nicht zu schaden?‹ Die Schlange erwiderte: ›Der Hunger treibt mich dazu. Das ist meine Rechtfertigung. Not kennt kein Gebot.‹ Da sagte der Mann: ›Ich bitte dich, laß mich noch so lange frei, bis wir einige unparteiische Leute treffen, die mögen entscheiden, was Recht und Unrecht ist.‹ ›So lange will ich warten,« versetzte die Schlange.
Sie kamen über einen Graben und trafen dort den Raben Pflückebeutel mit seinem Sohne Quackeler. Diese rief die Schlange herbei, erzählte ihnen die Geschichte und fragte sie nach ihrer Meinung. ›Du darfst den Mann fressen!‹ entschied der Rabe, denn er hoffte dabei auch für sich ein Stück zu gewinnen. Die Schlange rief: ›Hurra, gewonnen! Nun will ich auch nicht länger warten, meinen Hunger zu stillen.‹ ›Halt,‹ rief der Mann, ›frohlocke nicht zu früh! Sollte ein Räuber das Recht haben, mich zum Tode zu verdammen? Dann soll er wenigstens nicht allein über mich richten! Es müssen zum mindesten vier ihr Urteil sprechen!‹ ›Meinethalben!‹ erwiderte die Schlange. ›So wollen wir weitergehen!‹
Da begegneten ihnen der Wolf und der Bär. Dem Mann ward sehr schlecht zumute, als er sich in der Gesellschaft sah. Fünf gefährliche Feinde umstanden ihn: die Schlange, der Wolf, der Bär und die beiden Raben. ›Wie wird es mir ergehen!‹ dachte er bei sich. Bär und Wolf entschieden so: ›Die Schlange darf den Mann töten, weil der Hunger sie dazu zwingt. Die Not hebt den Eid auf.‹
Da ward dem Mann angst und bange, denn alle trachteten ihm nach dem Leben. Die Schlange schoß auf ihn zu und spritzte ihr böses Gift auf ihn aus. Er sprang zur Seite und rief: ›Du tust mir unrecht, du darfst mich nicht töten.‹ ›Wie kannst du das sagen?‹ zischte die Schlange. ›Schon zweimal ist für mich entschieden worden. Du gehörst mir, und ich fresse dich.‹ ›Ja,‹ sprach der Mann, ›das haben die gesagt, die selbst rauben und morden. Ich will mein Schicksal dem König anheimstellen. Bringt mich vor ihn; was er ausspricht, mag geschehen. Seinem Urteil unterwerfe ich mich, wie es auch sei.‹ Da sprachen Wolf und Bär zur Schlange: ›Das kannst du ruhig gewähren, denn auch der König wird zu deinen Gunsten entscheiden.‹
So kamen sie alle an Euren Hof, gnädiger Herr: der Mann, die Schlange, die beiden Raben, der Bär und drei Wölfe, denn der Wolf hatte noch seine Kinder mitgebracht, Eitelbauch und Nimmersatt. Sie kamen in der Absicht, auch an dem Mahl teilzunehmen, wenn der Mann gefressen wurde. Sie heulten und benahmen sich so plump und grob, daß Ihr ihnen den Hof verbieten mußtet. Der Mann flehte Euch um Hilfe an. Er klagte, die Schlange wolle ihn töten. Und doch habe er ihr eine so große Wohltat erwiesen, und sie habe geschworen, ihm keinen Schaden zu tun. ›Das ist freilich wahr!‹ versetzte die Schlange. ›Allein der Hunger zwang mich dazu. Und der löst alle Eide!‹ Ihr, mein gnädigster Herr König, wart sehr bekümmert über diese Angelegenheit und wußtet nicht, wie jeder zu seinem Rechte kommen sollte. Eure Majestät hielt es für unbillig, den Mann zum Tode zu verurteilen, der der Schlange so aus der Not geholfen hatte. Ihr hattet aber auch Mitleid mit dem großen Hunger der Schlange. Deshalb rieft Ihr Eure Ratgeber zusammen. Die meisten stimmten für den Tod des Mannes. Da sandtet Ihr Boten an Reineke, denn was die anderen rieten, gefiel Euch nicht.
Als der Fuchs kam, spracht Ihr: ›Wie Reineke entscheidet, so soll es geschehen!‹ Dieser sagte darauf mit Bescheidenheit: ›Herr König, laßt uns gleich hingehen und sehen, wo und wie der Mann die Schlange fand. Soll ich ein gerechtes Urteil sprechen, so muß ich die Schlange gefesselt sehen, wie der Mann sie angetroffen hat.‹ So gingen alle zu der Stelle hin, und die Schlange mußte in die Schlinge kriechen.
Darauf sprach Reineke: ›Nun sind beide wieder in der Lage, in der sie vorher waren; sie haben weder gewonnen noch verloren. Der Mann mag nun, wenn er Lust dazu hat, die Schlange schwören lassen und sie befreien, oder er kann sie in der Schlinge lassen und ungefährdet seines Weges ziehen. Dies, denke ich, ist ein gerechtes Urteil; weiß aber jemand etwas Besseres, so sage er es.‹
Sehet, Herr König, dieses Urteil gefiel Euch und auch Eurem Rate. Der Mann war frei und dankte Euch sehr für Eure Gnade; die Schlange aber kam in der Schlinge um. Reineke ward sehr gepriesen wegen seiner Klugheit. Braun und Isegrim, so sagte man, sind zwar stark und groß, und bei Fressereien sind sie stets die ersten. Aber an Klugheit fehlt es ihnen. Sie prahlen mit ihrem Mut; kommt es aber zur Tat, so zeigt es sich, was für Helden sie sind. Setzt es Schläge, so rücken sie aus, aber wirkliche Helden sollen vor dem Feind nicht weichen. Bären und Wölfe verderben das Land, sie fragen wenig danach, wessen Haus brennt, wenn sie sich nur an den Flammen wärmen können. Sie haben miteinander Erbarmen, wenn sie nur ihren Magen füllen können. Dem Armen rauben sie die Eier und meinen noch sehr gut zu handeln, wenn sie ihm die Schalen lassen. Kurz, ihr eigenes Wohl geht ihnen über alles! Wie anders Reineke Fuchs! Er liebt das Recht und die Weisheit. Braucht Ihr einen guten Rat, so könnt Ihr ihn nicht entbehren. Hat er einmal ein Unrecht getan, so ist er ja auch ein Sterblicher wie wir alle. Wie schwer würdet Ihr ihn vermissen, wenn Ihr ihm jetzt im Zorn das Leben raubt! Darum bitte ich, nehmt ihn wieder zu Gnaden an!«
Der König erwiderte: »Ich will mir's überlegen. In der Angelegenheit mit der Schlange hat er freilich einen guten Rat gegeben, das ist wahr. Aber er ist trotzdem nicht viel wert und ein großer Betrüger. Alle, denen er erst Freundschaft heuchelt, verrät er schließlich. Dem Wolf, dem Bären, dem Kater, dem Kaninchen und der Krähe ist er zu schlau, sie lassen sich alle von ihm hintergehen. Er tut ihnen nichts wie Spott und Schande an. Der eine muß ihm ein Ohr, der andere ein Auge zum Pfande lassen, mancher kommt sogar dabei ums Leben. Ich weiß nicht, wie Ihr für den Bösewicht noch ein gutes Wort einlegen könnt! Er verdient es sicherlich nicht!«
Die Äffin erwiderte: »Herr König, er ist mir nahe verwandt, und ich fühle die Verpflichtung, ihm in der Not zu helfen. Aber auch Ihr, großer König, bedenkt, daß sein Geschlecht groß und edel ist!«