13. Kapitel.
Reineke verteidigt sich weiter. Der wunderbare Ring,
der Kamm und der Spiegel.

Darauf schwieg die kluge Äffin, und der König ging wieder in den Saal zurück, wo alle auf ihn warteten. Viele von Reinekes Freunden und Verwandten waren herbeigekommen, um ihrem Vetter Beistand und Hilfe zu gewähren. Aber auch seine Feinde waren zahlreich erschienen und hofften, den verhaßten und gefürchteten Fuchs bald am Galgen hängen zu sehen.

»Reineke,« sagte der König, »wie ging es zu, daß Bellyn und du dem frommen Lampe das Leben nahmt? Wie konntet ihr euch unterstehen, mich so zu verhöhnen, daß ihr mir Lampes Kopf zusandtet? Bellyn hat seine Strafe schon empfangen, und dir soll es nicht besser ergehen.«

»Weh mir! in dieser großen Not!« rief Reineke aus. »O daß ich lieber schon tot wäre! Hört mich, gnädiger Herr, und findet Ihr mich schuldig, so laßt mich gleich töten! Der Verräter Bellyn hat mir einen furchtbaren Streich gespielt. Er hat den kostbarsten Schatz geraubt, der je auf Erden war. Ich vertraute ihm und Lampe die Kleinodien an, um sie meinem gnädigen König zu senden. Bellyn muß sie unterschlagen haben, und um nicht verraten zu werden, brachte er den armen Lampe ums Leben. O, könnte man nur erfahren, wo die Sachen geblieben sind!«

»Wenn diese Schätze nur über der Erde sind,« sagte die Äffin, »so wollen wir sie schon auskundschaften. Wir wollen ohne Ermüden danach suchen, bis wir sie gefunden haben. Sagt nur, wie waren sie beschaffen?«

Reineke antwortete: »Sie waren so kostbar, daß ich fürchte, wir bekommen sie niemals wieder. Wer sie einmal hat, gibt sie gewiß nicht wieder heraus. O, wenn mein Weib das erfährt, so wird sie außer sich sein. Sie riet mir dringend ab, den beiden diese Schätze anzuvertrauen. Hätte ich nur auf sie gehört! Nun bin ich betrogen und verraten! Wer hätte aber auch dem Widder so etwas zugetraut! Doch ich will nicht ruhen und rasten und durch die ganze Welt reisen, ja selbst mein Leben daran wagen, die Kostbarkeiten wiederzufinden! Gnädiger König!« fuhr Reineke fort, »gestattet mir, zu erzählen, welcher Art die Schätze waren, die ich Euch zum Geschenk bestimmt hatte, die Ihr aber leider nicht bekommen habt.«

»Sprich,« sagte der König, »aber fasse dich kurz.«

Da begann Reineke: »Das erste Kleinod, das der Widder Bellyn von mir empfing, war ein Ring. Dieser Ring besaß seltsame, wunderliche Eigenschaften. Er war aus feinstem Gold gemacht, und an der Innenseite standen Buchstaben eingeätzt. Die Schrift war in hebräischer Sprache und wies drei Namen auf. In diesen Landen war niemand so gelehrt, daß er diese Schrift gründlich verstanden hätte, außer dem Meister Abryon in Trier. Er versteht alle Sprachen von Poitou bis Lüneburg. Auch kennt er alle Kräuter und Steine und ihre Eigenschaften.

Ich zeigte ihm diesen Ring, und er sprach: ›In diesem Ring sind wunderbare Kräfte verborgen. Als Seth das Öl der Barmherzigkeit im Paradiese suchte, brachte er auch diesen Stein mit. Auch die Namen stammen aus dem Paradiese. Wer diesen Stein bei sich tragt, der bleibt von Donner und Blitz und allem Bösen unberührt.‹ Er sagte ferner: Wer diesen Ring trüge, der könnte selbst in der grimmigsten Kälte nicht erfrieren, und die größte Hitze könnte ihm nichts anhaben. Außen an dem Fingerreife war ein heller Karfunkel, der so leuchtete, daß man in finsterster Nacht alles sehen konnte. Und noch andere Tugenden besaß der Stein. Alle Krankheiten heilte er: wer ihn berührte, der wurde gesund. Nur gegen den Tod vermochte er nichts. Wer den Ring am Finger trage, der käme glücklich durch alle Lande; Wasser und Feuer könnten ihm nicht schaden, und er könnte weder verraten noch gefangen werden. Kein Feind könnte ihn besiegen. Ja er würde die Gegner überwinden, und wenn ihrer hundert an der Zahl wären. Ferner schützte er vor Gift und anderen bösen Säften. Kurz, ich kann es nicht aussprechen, wie gut und köstlich der Ring war. Ich hielt mich auch nicht für würdig, ihn an der Hand zu tragen. Deshalb sandte ich ihn dem Könige, denn er ist der Edelste und Herrlichste im Lande. All unser Glück hängt von seinem Wohlergehen ab. Darum sollte der Ring ihn vor Krankheit und Gefahr schützen.

Ferner übergab ich dem Widder für die Königin einen Kamm und einen Spiegel, dergleichen in aller Welt nicht zu finden sein mag. Diesen Kamm und Spiegel nahm ich auch aus dem Schatze meines Vaters. O, wie oft habe ich dieser Sachen wegen mit meinem Weibe Streit und Zank gehabt! Denn sie begehrte sonst nichts auf der Welt als diese Kleinode. Ich aber hatte sie für meine gnädige Königin bestimmt, denn sie hat mir oft Gutes getan. Ja, vor allen meinen Wohltätern steht sie obenan. Sie hat oft ein gutes Wort für mich eingelegt. Sie ist von edlem Stamm, tapfer und tugendhaft, kurz sie allein verdiente, Kamm und Spiegel zu besitzen. Doch leider wird sie diese Schätze wohl nie zu sehen bekommen! Der Kamm war aus dem Knochen eines Panthers gemacht. Der Panther ist ein edles Tier, das zwischen Indien und dem Paradiese zu Hause ist. Sein Fell ist bunt und prächtig. Er verbreitet einen süßen Geruch, so daß alle Tiere, groß und klein, ihm nachfolgen, wohin er auch geht. Aus einem Knochen von diesem Tiere war der Kamm gefertigt; so klar wie Silber, rein und weiß und wohlriechend. Denn wenn das Tier stirbt, so geht sein Geruch in die Knochen über; sie verderben niemals und bleiben immer wohlriechend.

In diesen Kamm waren köstliche Bildnisse hineingeschnitzt aus rotem und blauem Lasurstein, von Goldranken durchzogen.

Da sah man die Geschichte des Paris: wie er einstmals nahe bei einem Brunnen lag und die drei Göttinnen Pallas, Juno und Venus kommen sah. Sie hatten einen goldenen Apfel und zankten sich darum, wer ihn besitzen sollte. Als sie Paris erblickten, beschlossen sie, sich seinem Urteil zu unterwerfen. Diejenige, die er für die Schönste erklärte, sollte den Apfel erhalten. Jede der Göttinnen versuchte nun, Paris zu ihren Gunsten zu stimmen. Juno sprach zu ihm: ›Gibst du mir den Apfel und preist mich für die Schönste, so mache ich dich so reich, wie noch nie ein Fürst vor dir war.‹ Pallas sagte: ›Wenn du mir den Apfel zusprichst, so sollst du groß und mächtig werden, daß Freund und Feind dich fürchten sollen.‹ Venus sprach: ›Was nützen ihm Reichtum und Macht? Ist nicht König Priamus sein Vater? Sind nicht alle seine Brüder reich und mächtig?. Alles, was ihr ihm geben wollt, hat er ja schon! Willst du mich aber als die Schönste preisen und mir den Apfel übergeben, so soll dir das Kostbarste auf Erden zuteil werden. Ich gebe dir das schönste Weib, das je auf Erden gelebt hat, Helena, die Königin der Griechen. Sie ist schön und edel, tugendhaft und weise!‹ Da gab Paris der Venus den Apfel und pries sie als die Schönste der drei Göttinnen. Sie aber führte ihn nach Griechenland und half ihm, die schöne Königin zu gewinnen und nach Troja zu bringen. Diese Geschichte stand auf dem Kamm in erhabener Arbeit, so klar und deutlich, daß es jeder verstehen konnte.

Nun höret noch, wie der Spiegel beschaffen war! An Stelle des Glases war ein schöner, klarer Beryll eingesetzt. Man sah darin alles, was eine Meile entfernt geschah, bei Tag oder bei Nacht. Hatte jemand in seinem Auge einen Flecken oder in seinem Antlitze einen Fehler und sah in diesen Spiegel, so verschwanden die Gebrechen im selben Augenblick. Ist es da ein Wunder, daß ich mich gräme, einen so köstlichen Schatz verloren zu haben? Das Holz, aus dem der Rahmen gefertigt war, hieß Sethym. Es glich dem Ebenholz, war fest und blank und konnte nie verfaulen oder von Würmern zerstochen werden. Es war kostbarer als Gold. Aus solchem Holze war zu König Krompardes Zeit das Pferd gearbeitet, auf dem er in einer Stunde hundert Meilen weit reiten konnte. Das Pferd hat nie seinesgleichen gehabt, aber leider ist meine Zeit zu kurz, um Euch diese Geschichte gründlich erzählen zu können. Der Rahmen des Spiegels war anderthalb Fuß breit. Viele Bilder waren in ihn hineingeschnitzt, deren Bedeutung in goldener Schrift darunterstand.

Die erste Geschichte handelte von dem Pferde, das neidisch war, weil es nicht wie der Hirsch laufen konnte. Es ging daher zu einem Hirten und sprach: ›Glück auf! Setze dich auf meinen Rücken und folge meinem Rat. Dort im Walde hat sich ein Hirsch versteckt. Den sollst du fangen, und ich sage dir, deine Mühe wird sich reichlich belohnen. Sein Fleisch, sein Geweih und sein Fell werden dir großen Nutzen bringen. Setze dich also auf und laß uns jagen!‹ Der Hirt sagte, er wolle es wagen, sprang auf den Rücken des Pferdes, und fort ging es in den Wald hinein. Bald kamen sie auf die Spur des Hirsches und jagten ihm, so eilig sie konnten, nach. Der Hirsch hatte aber einen großen Vorsprung, und es gelang ihnen nicht, ihn einzuholen. Da sprach das Pferd zum Mann: ›Sitze ein wenig ab und laß mich etwas ruhen, denn ich bin sehr müde.‹ ›Nein,‹ erwiderte der Mann, ›wahrlich nicht! Wir reiten weiter. Und wenn du mir nicht gehorchst, sollst du meine Sporen fühlen.‹ Seht, so wurde das Pferd ein Sklave des Menschen. Es wurde hart gestraft für seine Absicht, dem Hirsch Tod und Verderben zu bringen. So geht es manchem, der einem anderen Schaden zufügen will!

Ferner stand auf dem Rahmen die Geschichte von dem Hund und dem Esel. Beide gehörten einem reichen Manne. Der Hund aber stand bei dem Herrn in größerer Gunst als der Esel. Er saß an seines Herrn Tisch und bekam die besten Bissen zu essen. Er wurde auf den Schoß genommen und geliebkost. Dafür hatte er nichts weiter zu tun, als mit dem Schwanz zu wedeln und zu schmeicheln. Das sah der Esel Boldewein und grämte sich darüber. Er sprach zu sich selbst: ›Wie ist es nur möglich, daß mein Herr so freundlich zu diesem faulen Hund ist, der nichts weiter tut als lecken und schmeicheln? Ich aber muß die ganze Arbeit verrichten. Ich muß schwere Säcke tragen und in vier Wochen mehr tun als fünf, ja selbst zehn Hunde in einem ganzen Jahr ausrichten könnten. Er bekommt feine Speisen zu essen, mir aber gibt man nichts als Heu. Er schläft auf weichen Kissen, ich muß auf der harten Erde liegen. Ja, überall spottet man über mich. Ich will das aber nicht länger ertragen, sondern auch versuchen, die Huld meines Herrn zu erwerben.‹ Da kam der Herr gerade nach Haus. Der Esel lief ihm entgegen, wedelte mit dem Schwanz und schrie: Y—a — Y—a. Er stellte sich auf die Hinterfüße und leckte seinem Herrn das Gesicht, wie er's vom Hunde gesehen. Dabei war er aber ungeschickt und stieß dem Herrn zwei große Beulen. Da rief dieser in großer Angst: ›Ergreift den Esel und schlagt ihn tot!‹ Die Knechte prügelten alle auf ihn los und trieben ihn wieder in den Stall. So blieb er, was er war — ein Esel.

So gibt es manchen dummen Esel, der anderen ihr Glück mißgönnt und es doch selbst nicht erringen kann. Ja, gelingt es einem auch, so eignet er sich nicht besser dazu als ein Schwein, das mit Löffeln ißt. Man lasse die Esel Säcke tragen und Disteln und Heu fressen. Tut man ihnen größere Ehre an, so bleibt es bei der alten Lehre: Wo Esel die Herrschaft haben, da sieht man selten großes Gedeihen. Meist suchen sie ihren eigenen Vorteil und fragen wenig nach anderer Leute Wohlfahrt. Dabei ist das Traurige, daß die Esel täglich an Macht höher steigen.

Ferner war auf dem Rahmen zu sehen, wie mein Vater einstmals mit dem Kater Hinze Freundschaft schloß. Sie schwuren einander, alle Beute redlich zu teilen und sich in Gefahr treu beizustehen. So machten sie viele Reisen zusammen. Einstmals sahen sie einen Jäger und Hunde auf sich zukommen. Da rief Hinze in großer Angst: ›Jetzt ist guter Rat teuer!‹ Mein Vater aber sagte: ›An gutem Rat fehlt es uns nicht, ich habe noch einen ganzen Sack voll davon! Wir wollen aber unseren Schwur halten und treu beieinander bleiben, dann wird noch alles gut werden.‹ Hinze versetzte: ›Hier gibt es nur einen guten Rat, den will ich mir zunutze machen.‹ Und damit sprang er auf einen Baum, wo ihn die Hunde nicht erreichen konnten. Meinen armen Vater ließ er in größter Gefahr allein. Spottend rief Hinze noch vom Baum herab: ›Wie steht es denn nun mit Eurem Rat? Ihr hattet doch eben noch einen ganzen Sack voll! Nehmt doch davon!‹ Da kamen auch schon Jäger und Hunde ganz nahe heran. Mein armer Vater wurde durch dick und dünn gehetzt, bis er endlich, zum Tode ermattet, seine Burg erreichte. Dort war er vor den Verfolgern sicher. So verriet ihn der, dem er am meisten vertraute. Es müßte also ein Wunder sein, wenn ich dem bösen Schelm, dem Hinze, gut wäre. Solche falschen Freunde gibt es häufig in der Welt, die uns im Glück anhangen und in der Not verlassen.

Dann stand auf dem Spiegel die Fabel von dem Wolf, der für empfangene Wohltat nicht dankte. Der Wolf lief einstmals übers Feld und fand ein totes Pferd, dem das Fleisch schon von den Knochen abgezehrt war. Der Wolf war aber sehr hungrig und fiel über die abgenagten Überreste her. Da blieb ihm ein spitzer Knochen im Halse stecken, den er nicht wieder herausbringen konnte. Er war in großer Gefahr und glaubte sterben zu müssen. Zu den berühmtesten Ärzten schickte er und bot demjenigen großen Lohn, der ihn aus seiner Not befreien würde. Aber vergebens, keiner konnte ihm helfen. Da kam auch Lütke, der Kranich, herbei. Er trug ein rotes Barett auf dem Kopfe, weswegen der Wolf ihn Herr Doktor nannte. ›Hilf mir geschwind,‹ sagte Isegrim zu ihm, ›und zieh' mir den Knochen aus dem Hals, dann will ich dich reich belohnen.‹ Der Kranich glaubte den schönen Worten und steckte Schnabel und Kopf dem Wolf in den Rachen und zog den Knochen heraus. Da schrie der Wolf: ›Weh mir! weh mir! Was machst du mir für Schmerzen! Doch ich will es dir verzeihen! Hätte mir das ein anderer getan, niemals hätte ich es erduldet!‹

›Seid zufrieden!‹ sagte der Kranich, ›Ihr seid nun geheilt. Darum gebt mir meinen Lohn!‹

Da sprach der Wolf: ›Höre mir nur einer diesen Narren! Er tut mir weh und begehrt noch Lohn dazu! Habe ich nicht genug des Guten an ihm getan? Er steckt seinen Kopf in meinen Rachen, und ich lasse ihn denselben wohlbehalten herausziehen! Hätte hier jemand ein Recht auf Lohn, so wäre ich es doch, denke ich!‹

So belohnen Schurken ihre Wohltäter!

Seht, solche Geschichten und noch andere waren in den Spiegel geschnitzt und mit goldener Schrift erklärt. Ich hielt mich für unwürdig und zu geringe, so köstliche Dinge zu besitzen. Darum sandte ich sie der Königin und dem Könige, meinem Herrn. Meine beiden Kinder waren sehr betrübt darüber; sie guckten gern in den Spiegel hinein, tanzten und sprangen davor und sahen, wie ihnen ihr Mäulchen stand, und wie ihnen die Schwänzchen hingen.

Diese Kleinodien nun vertraute ich Bellyn und Lampe auf Treu und Glauben an. Ich zweifelte nicht an ihrer Redlichkeit, sie waren meine besten Freunde. Wie hätte ich ahnen können, daß Lampe dem nahen Tod entgegenging! Jetzt rufe ich wehe! über den Mörder. Aber ein Mord bleibt nicht lange verborgen. Die Wahrheit muß an das Tageslicht kommen. Ich will nicht eher ruhen, bis ich erfahren habe, wer die Kleinode gestohlen hat. Vielleicht ist sogar jemand unter den Versammelten, der weiß, wo die Schätze geblieben sind, und wie Lampe ums Leben kam.«