14. Kapitel.
Neue Lügen Reinekes und seine Freisprechung.

Da alles im Saal ruhig blieb und sich keiner zum Wort meldete, fuhr Reineke fort: »Seht, gnädigster Herr und König! Es kommen so viele Sachen vor Euch, daß Ihr unmöglich alles im Gedächtnis behalten könnt. Oder erinnert Ihr Euch vielleicht noch des großen Dienstes, den mein Vater dem Euren erwies? Euer Vater lag im Sterben, und mein Vater rettete ihm das Leben. Ich glaube zwar, Ihr könnt Euch dessen nicht entsinnen, denn Ihr wart damals erst 3 Jahre alt.

Es war ein sehr kalter Winter. Euer Vater lag schwerkrank danieder. Er litt große Schmerzen und konnte sich nicht bewegen. Man mußte ihn heben und tragen. Er ließ von weit und breit alle Ärzte rufen; doch keiner konnte ihm helfen, alle erklärten, er sei dem Tode verfallen. Endlich schickte man zu meinem Vater. Der war damals sehr angesehen bei Hofe, denn er verstand die Kunst der Arzneimittel, konnte Zähne ziehen, Brechmittel geben und hatte schon manchem in der Not geholfen. Als er nun zu Eurem Vater kam und ihn so krank und schwach liegen sah, ging es ihm sehr zu Herzen, und er rief: ›O, mein König, gnädigster Herr! Könnte ich doch mein Leben hingeben, um Euch zu helfen! Ich täte es mit Freude und Stolz! Aber es gibt nur ein Mittel, um Euch zu retten. Ihr müßt die Leber eines siebenjährigen Wolfes essen. Dann werdet Ihr genesen. Aber Eile ist vonnöten, sonst stehe ich für nichts!‹ Der Wolf, der zugegen war, hörte diese Worte mit Schrecken. Der König sprach zu ihm: ›Hört Ihr es, Herr Wolf? Ich brauche Eure Leber, um gesund zu werden!‹ Der Wolf antwortete bebend: ›Herr, fürwahr, was nützt Euch meine Leber? Ich bin noch nicht fünf Jahr alt.‹ Da sagte mein Vater: ›Ich werde es der Leber schon ansehen, ob sie sich für den König eignet.‹ Darauf führte man den Wolf in die Küche und riß ihm die Leber heraus. Der König aß sie und wurde gesund.

O, wie dankbar war er meinem Vater! Er schenkte ihm eine goldene Spange und ein rotes Barett. Das mußte mein Vater immer tragen, und alle Leute redeten ihn ›Herr Doktor‹ an. Der König schätzte ihn hoch und ehrte ihn sein Leben lang; er mußte stets zur Rechten des Königs gehen. Wie hat das Blatt sich jetzt gewendet! Mein Vater ist vergessen, und die eigennützigen Schelmen werden erhöht. Man trachtet nur nach Vorteil und Gewinn, aber rechte Weisheit wird nicht geschätzt. Leute aus niedrigem Stand spielen sich als große Herren auf und drücken die Armen. Sie vergessen ihre Herkunft und sind taub für alle Bitten, wenn nicht gleich eine Gabe dabei ist. Ihre Meinung ist: Bringt nur her, dies zuerst und hernach noch mehr! Solcher gierigen Wölfe gibt es viele. Die besten Bissen nehmen sie für sich. Und könnten sie auch ihres Herrn Leben mit einer Kleinigkeit retten, so täten sie es doch nicht. Jener Wolf wollte auch nicht seine Leber für seinen König hingeben. Und gleichwohl sähe ich es lieber, daß zwanzig Wölfe ihr Leben einbüßten, als daß der König oder die Königin von uns genommen würde!

Dies alles, Herr König, geschah in Eurer frühsten Kindheit, und ich weiß wohl, daß Ihr Euch dessen nicht mehr erinnern könnt. Mir aber hat es sich so eingeprägt, als wäre es erst gestern geschehen. Diese Geschichte nun war auch auf dem Spiegel angebracht mit Gold und Edelsteinen, wie es mein Vater haben wollte. Könnte ich nur diesen Spiegel wieder ausfindig machen, so wollte ich mein Leben und Vermögen daransetzen.«

»Reineke,« sprach der König, »Eure Worte habe ich wohl gehört und verstanden. War aber Euer Vater so tugendhaft und stand hier so hoch in Ehren, so muß das schon sehr lange her sein. Ich erinnere mich dessen nicht; auch hat mir's niemand berichtet. Von Euren schlimmen Ränken aber weiß ich viel. Jeder weiß davon zu erzählen. Tut man Euch damit unrecht? Das werdet Ihr schwerlich beweisen können! Wenn mir doch auch mal etwas Gutes von Euch berichtet würde! Aber nein, das geschieht niemals!«

»Gnädigster Herr!« erwiderte Reineke. »Gestattet, daß ich hierauf antworte. Ihr selbst wißt ja Gutes von mir. Nicht als ob ich mich dessen rühmen wollte; denn ich bin jederzeit verpflichtet, alles für Euch zu tun, was in meinen Kräften steht. Denkt Ihr nicht mehr daran, wie einst Isegrim und ich ein Schwein gefangen hatten? Da es fürchterlich schrie, bissen wir es gleich tot! Da kamt Ihr, Herr König, und die Königin herzu. Ihr wart müde und hungrig und batet uns, die Beute mit Euch zu teilen. ›Ja,‹ sprach Isegrim brummig, denn er tat es höchst ungern. Ich aber sagte: ›Herr, es soll Euch von Herzen gegönnt sein! Ja, hätten wir noch der Schweine viel mehr, sie ständen Euch zu Diensten! Befehlt, wer es teilen soll!‹ ›Das soll der Wolf tun!‹ spracht Ihr. Da freute sich Isegrim. Er teilte in seiner gewohnten Weise, ohne jede Gerechtigkeit, nur zu seinem eigenen Vorteil. Ein Viertel gab er Euch, ein Viertel Eurer Frau, die andere Hälfte nahm er für sich selbst. Er aß über die Maßen gierig. Nur die Ohren und die Schnauze und die halbe Lunge gab er mir. Alles andere behielt er für sich, wie Ihr selbst saht. So zeigte er seinen Edelmut. Als Ihr aber Euren Teil aufgegessen hattet, wart Ihr noch nicht satt. Das merkte ich wohl. Auch der Wolf sah es, tat aber, als merkte er nichts, und fraß ruhig weiter, ohne Euch etwas anzubieten. Da bekam er von Euch einen Schlag hinter die Ohren, daß er furchtbar heulend und mit blutiger Platte davonlief. ›Teile ein andermal besser,‹ rieft Ihr ihm nach, ›sonst will ich's dir beibringen! Eile jetzt und schaffe uns was zu essen!‹ Da sprach ich: ›Herr, gebietet Ihr, so gehe ich mit ihm. Ich weiß etwas Gutes aufzufinden.‹

Das war Euch recht, und so ging ich mit dem Wolfe. Seufzend und blutend trollte er neben mir her. Bald glückte es uns, ein fettes Kalb zu erlegen. Das gefiel Euch wohl; Ihr freutet Euch sehr, als wir es brachten, Ihr lobtet mich auch und sagtet, ich wäre gut, in der Zeit der Not ausgesendet zu werden. Darauf befahlt Ihr mir, das Kalb zu teilen. Ich sagte zu Euch: ›Herr, die eine Hälfte gehört Euch, die andere der Königin. Was darinnen ist, Herz, Leber und Lunge, gehört Euren Kindern. Mir gehören die Füße, und der Wolf soll das Beste haben — den Kopf.‹ Als Ihr das hörtet, spracht Ihr: ›Reineke, wer hat Euch so hübsch teilen gelehrt?‹ Ich versetzte: ›Herr, jener mit dem blutigen Kopf hat's mich gelehrt! Denn heute, als Isegrim das Schwein teilte, paßte ich gut auf und lernte, wie man Schweine und Kälber teilen muß.‹

Seht nun, Herr König, so habe ich Euch stets die Euch gebührende Ehre bewiesen. Alles was ich besitze und erwerbe, gehört Euch und der Königin. Wenn Ihr nur an die Teilung des Schweines oder des Kalbes denkt, so werdet Ihr erkennen, bei wem die rechte Treue ist, bei Reineke oder bei Isegrim? Nun steht aber der Wolf hoch in Ehren und ist Euer erster Minister. Euren Vorteil sucht er nicht; er ist stets nur auf seinen eigenen bedacht. Er und Braun führen das große Wort, aber Reinekes Sache wird nicht gehört.

Es ist wahr, Herr, daß ich schwer verklagt bin. Doch will ich nicht eher weichen, bis mir mein Recht geworden ist. Ist hier bei Hofe jemand, der mir Böses nachweisen kann, so trete er mit seinen Zeugen hervor. Er setze da sein Vermögen, ein Ohr oder sogar sein Leben ein zum Pfand für die Wahrheit seiner Behauptungen. Solch Recht hat hier jederzeit gegolten — ich nehme es auch für mich in Anspruch.«

Dem König gefiel diese mutige Rede, und er erwiderte: »Es sei, wie es sei, Recht muß Recht bleiben. So sollst du auch, Reineke, mit Gerechtigkeit gerichtet werden. Man hat dich schwer angeklagt und dir Lampes Tod zur Last gelegt. O wie ungern habe ich ihn verloren. Denn ich hatte ihn sehr lieb. Und als mir Bellyn sein Haupt brachte, war ich im tiefsten Herzen betrübt. Dennoch ist es möglich, daß der Widder die Schandtat allein verübt hat. Ist aber sonst noch jemand, der über Reineke klagen will, so trete er vor. Was mich selbst betrifft, so will ich ihm vergeben, denn Reineke hat mir stets in Treue und Ergebenheit gedient. Hätte aber jemand glaubwürdige Zeugen, so bringe er sie her, und das Recht soll walten!«

Reineke versetzte: »Gnädiger Herr, ich danke Euch sehr für Eure große Gnade und Gerechtigkeit. Ich schwöre es bei meinem Eide: als Lampe und Bellyn von mir schieden, tat mir das Herz recht weh; denn ich hatte diese beiden sehr lieb. Wie konnte ich aber ahnen, daß Lampe der Tod so nahe bevorstand!«

So verstand es Reineke, den König und alle Anwesenden zu täuschen. Er sprach so sicher und sah so ernst dabei aus, daß niemand an der Wahrheit seiner Worte zweifeln konnte. Er hatte die Schätze so genau beschrieben, daß man unmöglich annehmen konnte, die ganze Geschichte sei nur erfunden. In dem König hatte er solche Begier nach den Kostbarkeiten erweckt, daß dieser nur danach trachtete, sie wieder aufzufinden. Darum sprach er zu dem Fuchs: »Seid ohne Sorgen, Reineke! Ihr sollt frei reisen und versuchen, die Kostbarkeiten wieder aufzufinden. Meine Hilfe soll Euch dabei zu Diensten stehen.«

»Gnädiger Herr,« versetzte Reineke, »ich danke Eurer Majestät sehr für die trostreichen und ermutigenden Worte. Euch kommt es zu, Raub und Mord zu strafen, die leider der Schätze wegen begangen worden sind. Ich will allen Fleiß anwenden und Tag und Nacht reisen. Erfahre ich es dann, wo die Schätze geblieben sind, und reicht meine Kraft nicht aus, sie Euch zurückzugewinnen, so werde ich Euer Gnaden um Hilfe anrufen. Gelingt es dann, Euch die Kleinodien zu überliefern, so wäre meine Mühe reichlich belohnt.«

Mit Wohlgefallen hörte der König diese Worte. Er glaubte alles, was Reineke sagte, obwohl ihn dieser so furchtbar betrogen und belogen hatte. Aber auch alle anderen hatte der Schelm betört, und sie fanden es ganz richtig, daß dem braven Reineke wieder die volle Freiheit gewährt wurde. Nun konnte er tun und lassen, was er wollte, denn er stand wieder in der Gunst seines Herrn.