Auf diese Aufforderung versetzte Isegrim: »Wir wollen endlich zu schwatzen aufhören und dem Dinge ein Ende machen! Warum sollen wir uns fortwährend zanken? Reineke, Ihr sollt Euren Willen haben, ich will mit Euch einen Zweikampf wagen. Dann wird es sich zeigen, auf wessen Seite das Recht ist. Ihr sprecht hier von der Affenhöhle, wie ich großen Hunger litt und Ihr mir etwas zu essen brachtet. Das war aber ein bloßer Knochen, von dem Ihr schon alles Fleisch abgenagt hattet! Ihr spottet meiner und tretet meiner Ehre zu nah'! Ihr habt schändliche Lügen ersonnen, wie ich dem Könige, meinem Herrn, nach dem Leben getrachtet hätte. Alles, was Ihr dem König von dem Schatz erzählt habt, ist Lug und Trug. Niemand wird je die Kostbarkeiten zu sehen bekommen, da sie gar nicht vorhanden sind. Ihr habt mich und mein Weib unzählige Male betrogen und verraten. Mit freundlichen Worten habt Ihr mir geschmeichelt, aber weh mir, wenn ich Euch traute! Ich fordere Euch also jetzt zum Zweikampf auf Tod und Leben! So soll unser Zwist endlich aufhören! Ich sage, daß Ihr ein Mörder und Verräter seid, ein Dieb und ein Räuber! Hier werfe ich meinen Handschuh hin. Nehmt ihn auf, und der Kampf soll zwischen uns entscheiden. Ihr, Herr König, und alle ihr Herren, habt es gehört und sollt Zeugen bei dem Zweikampf sein! Der morgige Tag entscheide, wer im Recht ist, Reineke oder ich!«
So sprach der Wolf. Reineke aber dachte in seinem Sinn: »Das wird nun um Gut und Leben gehen! Er ist groß, und ich bin klein. Er ist stark, und ich bin schwach. Mache ich meine Sache diesmal schlecht, so ist alles verloren. Doch wenn er auch stärker ist, so bin ich doch klüger und weiß mir besser zu helfen. Auch kann ich schneller laufen als er, denn ich habe noch die Klauen an meinen Vorderfüßen, während er sie eingebüßt hat.«
Und zum Wolf gewendet, sagte er: »Isegrim, Ihr seid selbst ein Verräter! Alles, was Ihr mir hier zur Last legt, das lügt Ihr! Ich will es wagen, mit Euch zu kämpfen. Denn das war von jeher mein Wunsch. Alles, was Isegrim sagt, ist Lüge. Darauf setze ich mein Gegenpfand hier vor Gericht!« Damit warf er seinen Handschuh hin.
Der König empfing das Pfand von Isegrim ebenso wie das von Reineke und sprach zu ihnen: »Ihr müßt nun beide Bürgen stellen, daß ihr morgen zum Kampfe erscheinen wollt. Eure Angelegenheiten sind so verworren, daß nur der Kampf zwischen euch entscheiden kann.«
Isegrims Bürgen wurden Hinze, der Kater, und Braun, der Bär; Grimbart, der Dachs, und Mönke, der junge Affe, wurden Bürgen für Reineke.
Darauf wurde die Versammlung beendet. Zu Reineke aber trat Frau Rückenau heran und sagte: »Freund Reineke, seid nur guten Mutes! Euer Oheim Martin, der jetzt nach Rom gegangen ist, lehrte mich einst ein gutes Gebet, das der Abt von Schluckauf verfaßt hat. Dieser Abt hatte Martin lieb und schenkte ihm das Gebet und sprach: ›Dieses Gebet ist allemal gut für den, der in den Streit geht. Man muß es frühmorgens nüchtern über ihn lesen, so soll er den Tag über von aller Not frei und selbst vor dem Tode sicher sein. An diesem Tage kann ihn niemand verwunden.‹ Darum, lieber Oheim, seid guten Mutes! Ich will es morgen früh über Euch lesen, so braucht Ihr Euch vor dem Tode nicht zu fürchten.«
Reineke antwortete: »Meine liebe Muhme, ich danke Euch von Herzen dafür! Meine Sache ist gerecht, deshalb sehe ich getrost dem kommenden Tag entgegen!«
Reinekes Freunde blieben die Nacht über bei ihm, um ihm die Sorgen zu vertreiben. Frau Rückenau, die Äffin, war beständig mit Rat und Tat um ihn herum. Sie ließ ihm vom Kopf bis zum Schwanze alle seine Haare abscheren und ihn ganz mit Öl bestreichen. Sie sprach zu ihm: »Reineke, paßt wohl auf, was Ihr tut. Hört guter Freunde Rat, das wird Euch gut tun und kann nie schaden. Ihr seid nun am ganzen Leibe rund und glatt; Isegrim wird Euch nun mit seinen Tatzen nicht fassen und festhalten können. Laßt Euch zuerst von ihm angreifen und jagen. Flieht eilig vor ihm, aber — vergeßt das nicht — immer gegen den Wind. Da wirbelt Ihr tüchtig Staub auf, der ihm in die Augen fliegt. Steht er dann still, um sich die Augen auszuwischen, so schleudert Ihr ihm mit Eurem Schwanz neuen Sand hinein. Er wird dann wie blind sein und nicht mehr wissen, wohin er sich wenden soll. So, lieber Oheim! Nun legt Euch ruhig schlafen, wir wollen Euch schon wecken, wenn es Zeit ist. Aber vorher muß ich über Euch die heiligen Worte lesen, von denen ich Euch gesagt habe.« Damit legte sie die Hand auf sein Haupt und sprach: »Gaudo statzi salphenio, Caßbu, garfonns Barbas aßbulfrio! — Seht, Reineke, nun seid Ihr wohl verwahrt!«
Darauf legte sich der Fuchs zu Bett und schlief, bis die Sonne aufging. Da kamen die Otter und der Dachs und weckten ihn.
Die Otter brachte ihm eine junge Ente und sagte: »Ich habe manchen Sprung gewagt, ehe ich sie dem Vogelsteller bei der Hühnerburg rechts vom Damm wegstibitzen konnte. Laßt sie Euch wohlschmecken, lieber Vetter!«
»Das ist ein guter Morgengruß!« versetzte Reineke. »Verschmähte ich das, so wäre ich ein Narr. Gott lohne es Euch, daß Ihr meiner so gedenkt!«
Reineke aß und trank tüchtig, damit er sich recht gestärkt fühle, und ging dann in Begleitung seiner Freunde auf den Platz, wo der Kampf stattfinden sollte.