2. Kapitel.
Braun entbietet Reineke an des Königs Hof.

Stolzen Mutes machte sich Braun auf den Weg zu Reinekes Burg Malepartus. Er wanderte durch eine große, sandige Wüste, bis er endlich die schönen, grünen Berge erreichte, an denen das Schloß lag.

Er pochte mehrmals an die schwere, verschlossene Pforte. Es erschien aber niemand, zu öffnen. Da rief er laut: »Reineke, seid Ihr drinnen? Ich bin Braun und komme als Bote des Königs. Ihr sollt bei Hofe vor Gericht Euch stellen! Folget Ihr aber nicht dem Befehle, so seid Ihr des Todes! Darum rate ich Euch, folgt mir sogleich zum König!«

Reineke lag drin auf der Lauer und hörte alle diese Worte.

»Könnte ich doch diesem Braun,« so dachte er, »für seine hochmütige Rede etwas aufzählen!«

Gleich zu öffnen, schien ihm nicht ratsam, Braun konnte ja noch andere Tiere im Hinterhalt haben. Um nachzudenken, was am besten zu tun sei, ging er tiefer in seine Festung hinein. Malepartus war kunstvoll gebaut, Löcher und Gänge gab es hier und manche verborgene Pforte, die er je nach Bedarf öffnete oder verschloß. Hier fand er Schutz, wenn er verfolgt ward, und manches unschuldige Tier verirrte sich hier hinein und fiel ihm zur Beute.

Als Reineke sich überzeugt hatte, daß der Bär allein gekommen war, trat er hinaus und begrüßte ihn: »Seid willkommen, Oheim Braun! Ich las eben die Vesper. Darum konnte ich nicht sogleich kommen. Ich hoffe, daß Eure Ankunft mir zum Vorteil gereichen wird! Es war aber ein anstrengender Weg für Euch! Ihr schwitzt ja, daß Euer Haar naß ist! Hatte denn der König keinen anderen Boten als Euch, den edelsten Herrn des Reichs? Indessen ist es zu meinem Nutzen; Euer kluger Rat wird mir beim König zu statten kommen. Höret, werter Oheim, ich hatte beschlossen, morgen am Hof zu erscheinen, doch habe ich von einer Speise, an die ich nicht gewöhnt bin, zu viel gegessen, und sie verursacht mir große Schmerzen im Leibe.«

»Was aßet Ihr denn?« fragte Braun.

Reineke versetzte: »Was nützt es Euch, wenn ich es Euch sage! Es war nur eine einfache Speise! Ein armer Mann kann ja nicht wie ein Graf leben! So haben wir jetzt in der Not frische Honigscheiben gegessen, die es hier reichlich gibt. Davon bin ich so krank!«

»Ei, ei,« versetzte Braun, »haltet Ihr Honig für etwas Schlechtes? Honig ist eine kräftige Speise, die ich allen anderen Gerichten vorziehe. Lieber Reineke, verschafft mir welchen, ich will Euch dafür nach Kräften dienen und Euch immer dankbar sein!«

Reineke rief: »Treibt keinen Spott mit mir, Oheim Braun!« Braun erwiderte: »Nein, so wahr Gott mir helfe!« »Nun, wenn es Euer Ernst ist,« sprach Reineke, »so will ich Euch Honig verschaffen. Der Bauer Rüsteviel wohnt kaum eine halbe Meile von hier. Er hat so viel Honig, wie Ihr noch nie beisammen gesehen habt.«

Brauns Gelüste nach der süßen Speise ward immer größer, und er sagte: »Führt mich nur sogleich hin, lieber Reineke, ich will es Euch stets gedenken. Sollte ich mich aber mal an Honig wirklich satt essen, so müßte man mir sehr viel davon vorsetzen.«

»O,« versetzte Reineke, »Euch soll es an Honig nicht fehlen! Zwar wird mir das Gehen heute schwer, doch will ich Euch zuliebe den Weg gern machen. Denn Ihr seid mir der Liebste von allen meinen Verwandten. Und Ihr werdet mir auch am Hofe des Königs beistehen und mich gegen meine Feinde verteidigen. Folget mir nur! Ich will Euch so honigsatt machen, daß Ihr eine Weile genug habt!«

Voller Freude folgte ihm der Bär; der Abend war hereingebrochen, als sie an des Bauern Rüsteviel Hof kamen. Dort lag eine mächtige Eiche, die weit aufgespalten war, denn der Bauer hatte zwei starke Keile hineingetrieben. Nun sprach Reineke: »Sehet, Oheim, in diesem Baum ist mehr Honig, als Ihr verzehren könnt. Nehmt nun davon, doch ja nicht zuviel, es könnte Euch schaden!«

Braun erwiderte: »Sorget nur nicht! Ich weiß wohl Maß zu halten in allen Dingen.«

Also ließ sich der Bär betören und steckte seinen Kopf und die Vorderpfoten tief in den Baum hinein. Nun zog der Fuchs mit großer Anstrengung die Keile heraus, der Spalt ging zusammen, und da war nun der Bär mit Kopf und Füßen gefangen! O, wie er da bat und flehte! Doch der Fuchs hatte kein Erbarmen. Da fing der Bär an zu heulen und mit den Hinterfüßen zu schlagen und machte solchen Lärm, daß der Bauer herbeikam. Als Reineke ihn sah, rief er dem Bären zu: »Nun, Freund Braun, schmeckt der Honig süß? Jetzt kommt Rüsteviel und wird Euch wohl zur Mahlzeit ein Schlückchen kredenzen.« Und damit machte er sich auf den Heimweg nach seinem Schloß Malepartus.

Als Rüsteviel den Bären erblickte, lief er sogleich ins Dorf, rief alle Bauern zusammen und sprach: »In meinem Hof hat sich ein Bär gefangen, kommt geschwind mit mir!« Schleunigst folgten ihm alle; ein jeder nahm eine Waffe: der eine eine Heugabel, der andere eine Harke, der dritte einen alten Spieß, der vierte einen Zaunpfahl. Der Pfarrer und der Küster kamen auch herbei. Ja, sogar des Pfarrers alte Köchin wollte dabei nicht fehlen; sie hatte als Waffe ihren Spinnrocken ergriffen, um damit des Bären Fell gehörig zu bearbeiten. Als der arme Braune den Lärm und das Geschrei der vielen Menschen hörte, ward ihm himmelangst zumute. Mit gewaltigem Ruck riß er den Kopf aus der Spalte, doch, o weh! die ganze Haut mit beiden Ohren blieb darin stecken, und das Blut rieselte ihm am Halse herunter. Und noch immer war er an den Pfoten gefesselt. Näher und näher kam das Toben. Da riß er mit größter Kraftanstrengung die Tatzen heraus, doch das Fell blieb im Spalt stecken. Die Füße taten so weh, daß er nicht laufen konnte; da kamen auch schon die Bauern herbei und fielen über ihn her mit Schlägen und Stößen. Auch die Weiber halfen mit, ihm das Fell zu gerben. Der Pfarrer schlug ihn mit einem langen Stabe. Von fern warfen sie mit Steinen. Endlich kam auch noch Rüsteviels Bruder und versetzte ihm einen so wuchtigen Schlag vor den Kopf, daß ihm für einen Augenblick Hören und Sehen verging. Dann aber sprang er rasend vor Schmerz empor und geriet zwischen die Weiber. Diese erschraken gewaltig und sprangen so eilig davon, daß viele in den tiefen Mühlbach stürzten. Da rief der Pfarrer: »Kinder, seht, dort schwimmt Frau Jutte, meine treffliche Köchin! Zwei Tonnen Bier gebe ich zum Besten, wenn ihr sie rettet!« Da liefen alle zum Bache und retteten die Weiber.

Indessen kroch der Bär, halbtot vor Schmerzen, zum Wasser hin, denn er dachte: Lieber den Tod im Wasser erdulden als von den Bauern erschlagen werden. Doch siehe da! Er ertrank nicht, der Strom trug ihn hinweg! Als die Bauern das sahen, riefen sie aus: »O, solche Schande, daß wir den Bären entwischen lassen! Daran sind nur die Frauen schuld, die immer nur stören! Doch komm' nur bald wieder, du Schelm, du hast ja deine Ohren und Handschuhe zum Pfande gelassen!« So folgte dem Schaden auch noch der Spott.

Doch Braun war froh, daß er entkommen war. Er verfluchte den Baum, verfluchte die Bauern, verfluchte aber besonders Reineke, der ihn verraten hatte. Der reißende Strom riß ihn in kurzer Zeit eine Meile hinab. Er kroch ans Land und glaubte bald sterben zu müssen.

Als Reineke den Bären in Rüsteviels Hofe verlassen hatte, war er auf die Hühnerjagd gegangen, aß sich tüchtig satt und lief dann zum Bache, um zu trinken. Dabei sprach er zu sich selbst: »Wie froh bin ich, daß ich es dem Bären mal ordentlich gegeben habe! Er hat jetzt gewiß schon mit Rüsteviels scharfem Beil Bekanntschaft gemacht! Er war von jeher mein Feind! Doch nun ist er tot und wird nicht mehr über mich klagen!« Da hörte er neben sich stöhnen und erblickte den Bären, der matt und blutend im Grase lag.

Da rief Reineke aus: »O Rüsteviel, dummer Wicht, wie konntest du dir die vortreffliche Speise entgehen lassen!« Und höhnisch sprach er zum Bären: »Nun, Oheim Braun, wie hat der Honig gemundet? Habt Ihr vielleicht bei Rüsteviel etwas vergessen? Ich will es ihm melden, daß er es Euch bringe! Ihr habt ihm wohl gar den Honig gestohlen? Oder habt Ihr ihn bezahlt? Lieber Oheim, bei welchem Orden habt Ihr Euer Gelübde getan, daß Ihr ein rotes Barett auf dem Haupte tragt? Oder seid Ihr gar Abt geworden? Der hat Euch gewiß nach den Ohren geschnappt, der Euch die Platte geschoren hat! Auch das Fell von Euren Backen und die Handschuhe habt Ihr verloren!«

Länger konnte Braun die höhnischen Reden nicht ertragen. Er kroch in den Bach, trieb mit dem Strome abwärts und kam an das andere Ufer. Krank und matt lag er da, und traurig sprach er zu sich selber: »Ach, daß mich nur einer tot schlüge! Ich kann kaum von der Stelle und muß noch an den Hof des Königs reisen. Wie wird man mich verspotten, daß ich so arg geschändet bin! Aber Reineke soll es mir büßen!«

Er raffte sich endlich auf, schlich sich mit großer Mühe fort und erreichte am vierten Tage des Königs Schloß.

Als Nobel den Bären so elend und blutend vor sich sah, erschrak er sehr und rief: »Bist du es wirklich, mein teurer Braun? Was ist dir geschehen?«

»Gnädiger Herr König,« erwiderte der Bär, »ich klage Euch mein Leid! Sehet den schändlichen Verrat, den Reineke an mir verübt hat!«

Zornig versetzte der König: »Solcher Frevel soll ohne alle Gnade gestraft werden! Wie konnte es Reineke wagen, einen so edlen Herrn so furchtbar zu schänden? Wahrlich, ich schwöre es bei meiner Ehre und bei meiner Krone: Reineke soll die Strafe erdulden, die du von mir forderst! Halte ich diese Zusage nicht, so will ich nimmermehr ein Schwert führen!«

Sogleich traten alle Edlen zur Beratung zusammen, und man beschloß, einen neuen Gerichtstag zu halten, und Hinze, der Kater, der klug und gewandt war, sollte zu Reineke gehen und ihn zum Könige befehlen. Als dieser Entschluß gefaßt war, wandte sich der König an Hinze und sprach: »Geh' also und sage Reineke, wenn er sich noch länger weigern sollte, vor Gericht zu erscheinen, so würde es ihm und seinem Geschlecht zu ewigem Schaden gereichen.« Hinze erwiderte: »Verehrter Herr König, wollt Ihr nicht einen anderen mit der Botschaft betrauen? Braun ist stark und groß, und ihm mißlang der Auftrag; ich bin klein nur und schwächlich, wie wird es mir ergehen?« Der König versetzte: »Bist du auch nicht groß von Gestalt, so bist du doch klug und gewandt: Es bleibt dabei, du überbringst ihm die Botschaft!« »Herr König!« antwortete Hinze, »Euer Wille geschehe! Sehe ich ein gutes Zeichen zu meiner Rechten am Wege, so wird es mit meiner Reise wohl ablaufen!«