3. Kapitel.
Hinze überbringt den Befehl des Königs.

Als Hinze ein Stück des Weges gewandert war, sah er einen Martinsvogel und rief: »Glück auf, edler Vogel, wende deine Flügel und fliege nach meiner rechten Seite!« Der Vogel flog und setzte sich auf einen Baum, der links am Wege stand. Hinze war darüber sehr betrübt, doch machte er es, wie es so mancher tut, und sprach sich selber Mut zu. Darauf reiste er weiter nach Malepartus und traf Reineke vor der Tür seines Hauses sitzend.

»Guten Abend, Reineke!« sprach Hinze höflich. »Der König sendet mich zu Euch, um Euch vor Gericht zu laden. Weigert Ihr Euch aber, mit mir zu kommen, sagt der König, so wird er Euch und Euer ganzes Geschlecht furchtbar strafen!«

Reineke hieß den Kater herzlich willkommen. Im Innern aber sann er auf neue Ränke, wie er den Kater verraten und betrügen könne. Darum sprach er freundlich: »Lieber Neffe, was wünscht Ihr heute abend zu essen? Denn ich will Euer Wirt sein. Dann gehen wir morgen mit Tagesanbruch nach Hofe. Unter allen meinen Freunden habe ich niemanden, auf den ich mich besser verlassen kann als auf Euch. Nimmer hätte ich es gewagt, mit dem grimmigen Bären, der so stark ist, den Weg zu machen! Aber, Neffe, mit Euch gehe ich gern morgen früh.«

Hinze erwiderte darauf: »Nein, laßt uns lieber jetzt fort! Der Mond scheint hell, der Weg ist gut, und die Luft ist warm.«

Reineke antwortete: »Bei Nacht reisen, bringt Gefahr. Glaubt nur, mancher, der uns bei Tage freundlich grüßt, würde uns bei Nacht Böses tun!«

Hinze sprach: »Vetter Reineke! Laßt mich also wissen, was ich essen soll, wenn ich bei Euch bleibe?« »Wir leben hier von sehr geringer Kost,« antwortete Reineke. »Ich will Euch Honigscheiben vorsetzen, die ganz frisch und süß sind.« »Die habe ich niemals gegessen!« rief Hinze aus. »Gebt mir doch eine fette Maus, die ist mir lieber als Honig!« »So gern eßt Ihr Mäuse?« fragte Reineke. »Ist das Euer Ernst? Nicht weit von hier wohnt der Pfarrer. In seiner Scheune wimmelt's von Mäusen. Wie oft hörte ich ihn darüber klagen!« Unbedachtsam sprach Hinze: »Vetter, bringt mich dahin! Denn mehr als jede andere Speise liebe ich die Mäuse!« »Gut,« sprach Reineke, »Ihr sollt eine Mahlzeit haben, wie Ihr sie niemals gehabt. Kommt, laßt uns gehen!«

Beide kamen bald an die Scheune. Reineke hatte in der vorigen Nacht ein Loch durchgebrochen und einen Hahn geraubt. Um den Dieb das nächste Mal zu fangen, hatte Martinchen, des Pfarrers Sohn, eine Schlinge gelegt. Reineke wußte das, darum sprach er:

»Neffe Hinze, kriechet in das Loch, Ihr werdet dort Mäuse in Menge finden. Ich werde indessen Wache stehen. Wenn Ihr satt seid, kommt wieder heraus. Wir bleiben dann die Nacht über in meiner Wohnung, und früh morgens machen wir uns auf den Weg zum König.« Ängstlich sprach Hinze: »Soll man es wirklich wagen, da hineinzukriechen? Die Pfaffen haben auch bisweilen Böses im Sinne.« Da sagte Reineke: »Seid Ihr so furchtsam? Das wußte ich nicht. So kommt, laßt uns umkehren! Mein Weib wird uns gute Speisen vorsetzen, wenn auch die Mäuse dabei fehlen.«

Nun schämte sich Hinze seiner Ängstlichkeit. Er kroch in das Loch, aber o weh! er geriet in die Schlinge. Nun wollte er zurück, der Strick zog sich aber nur fester um seinen Hals, daß er weder vorwärts noch rückwärts konnte. Da fing er an zu heulen und flehte den Fuchs um Hilfe an. Dieser freute sich des wohlgelungenen Streichs, sprang vor das Loch und rief dem Kater zu: »Hinze, wie schmecken die Mäuse? Sind sie auch gut und fett? Ihr singt ja so schön beim Essen, ist das bei Euch Sitte? Wie gern wollte ich, daß Isegrim in demselben Loche steckte wie Ihr! Dann sollte er mir alles bezahlen, was er mir Leides getan hat!« Mit diesen Worten lief er davon.

Der arme Hinze, der sich nicht befreien konnte, miaute und knurrte ganz jämmerlich. Das hörte Martinchen, des Pfarrers Sohn, der die Schlinge gelegt hatte. Schnell sprang er aus dem Bett, weckte Vater und Mutter und alles Gesinde und rief voll Freude: »Gott Lob und Dank! Mein Strick war gut gelegt! Nun ist der Hühnerdieb gefangen! Jetzt soll er aber auch seinen Lohn haben!« Alle liefen zur Scheune, selbst der Herr Pfarrer ging mit. Martinchen ging mit einem Stock auf den Kater los und versetzte ihm derbe Schläge, ja er schlug ihm sogar ein Auge aus. Der Pfarrer aber hatte einen Stiel von einer Mistgabel genommen, womit er Hinzen totschlagen wollte. Als der Kater merkte, daß er sterben sollte, wurde er sehr zornig. Er sprang auf den Pfarrer los und biß und kratzte ihn an den Beinen und an dem ganzen Leibe, bis dieser ohnmächtig zu Boden sank. Nun ließen alle vom Kater ab, eilten zum Pfarrer, trugen ihn ins Haus und legten ihn sorgfältig zu Bett. Hinze indessen in seiner großen Not dachte nur an seine Rettung. Verzweifelt fing er an den Strick zu zerbeißen und zu zernagen, und siehe da! endlich war er entzwei! Schnell kroch er zum Loche hinaus und machte sich auf den Weg nach des Königs Schlosse.

Es war schon heller Tag, als er dort ankam. Der König erschrak, als er den armen Hinze so zerschlagen und auf einem Auge geblendet wiedersah. Er geriet in großen Zorn, als er von Reinekes neuer Freveltat hörte.

Der Rat wurde einberufen, um über Reinekes Strafe zu beschließen. Da sprach Grimbart, der Dachs: »Unter diesen Herren sind freilich viele, die meinen, daß Reineke eine strenge Strafe verdient hat. Dennoch kann man ihm nicht das Recht des freien Mannes vorenthalten, dreimal vor Gericht geladen zu werden. Kommt er das dritte Mal nicht, so werde das Urteil gesprochen!«

Der König versetzte: »Wer unter euch ist so kühn, daß er ihm die dritte Vorladung bringen möchte? Wer hat ein Auge oder einen Leib zuviel, den er um diesen Bösewicht aufs Spiel setzen möchte? Mich dünkt, es wird sich hier niemand finden, der dazu Lust hätte!«

Da rief Grimbart mit lauter Stimme: »Höret, Herr König, ich übernehme die Botschaft!«

Der König erwiderte: »So gehe denn hin und lade ihn vor Gericht! Doch nimm deine Weisheit zu Rate, du weißt, wie boshaft dein Oheim ist!«

Grimbart versetzte: »Darauf wage ich es und hoffe, ihn gewiß mit mir an den Hof zu bringen.«