4. Kapitel.
Grimbart bei Reineke. Die Beichte.

Also ging Grimbart nach Malepartus und fand Reineke mit seiner Frau und seinen Kindern vor der Tür sitzend. Er redete ihn also an:

»Oheim Reineke, zuerst biete ich Euch meinen freundlichen Gruß! Ihr seid so gelehrt, so weise und klug, daß ich mich wundere, wie Ihr des Königs Wort so unbeachtet lassen könnt! Ich rate es Euch, kommt mit mir an den Hof! Denn die Verzögerung kann Euch keinen Vorteil bringen! Es ist wahr, man hat viele Klagen gegen Euch vorgebracht, und Ihr werdet nunmehr zum dritten Male vorgeladen. Folgt Ihr aber auch dieses Mal nicht, so wird der König mit seinem Heere kommen und Euer Schloß belagern. Dann wird es Euch, Eurem Weibe und Euren Kindern Gut und Leben kosten. Da Ihr dem Könige also doch nicht entgehen könnt, so ist es gewiß am besten, wenn Ihr jetzt mit mir an den Hof kommt. Ihr habt Euch ja schon oftmals aus der Schlinge gezogen! Eurer Überredungskunst wird es auch diesmal gelingen, Eure Feinde zu widerlegen und den König für Euch zu stimmen!«

»Euer Rat ist gut, Neffe!« versetzte der Fuchs. »Es ist freilich am besten, daß ich an den Hof komme und mein Recht selbst wahrnehme. Ich hoffe auch, der König wird mir Gnade widerfahren lassen. Er weiß es wohl, daß ich ihm in seinem Rate dienen kann, und das verdrießt manchen, der bei ihm ist. Der Hof kann ohne mich nicht bestehen. Hätte ich noch viel mehr Unrecht getan und viel schwerere Sünden auf mich geladen; gelingt es mir nur erst, mit dem König zu sprechen, so werde ich seinen Zorn schon besänftigen. Zwar hat er viele, die mit ihm zu Rate sitzen, doch wissen sie niemals das Richtige zu treffen. Soll irgendein Beschluß gefaßt werden, so ist es stets Reineke, der den Ausschlag geben muß. Viele mißgönnen mir das und haben mir deshalb den Tod geschworen. Das beklemmt mir das Herz, denn ihrer sind mehr denn zehn, und sie sind mächtiger als ich allein. Trotzdem ist es besser, ich gehe selbst mit Euch an den Hof und stelle mich meinen Anklägern gegenüber. Und wenn ich nicht gewinne, so ist mir's vielleicht möglich, mit meinen Feinden einen günstigen Vertrag abzuschließen.«

Darauf rief Reineke seine Frau und seine Kinder herbei und sprach: »Frau Ermelyn, ich gehe mit Neffe Grimbart zu Hofe. Sorget mir indessen gut für unsere Kinder, ganz besonders für unseren Jüngsten, Reinhartchen! Seine Zähne stehen ihm so zierlich um sein Mündchen, daß ich hoffe, er wird einst ganz seinem Vater gleichen. Auch für Rossel sorgt gut, er ist gleichfalls ein hübsches Kind, und ich habe ihn ebenso lieb. Hütet die Kinder, während ich fern bin, und ich will Euch dankbar dafür sein, wenn ich glücklich zurückkehre.«

Mit diesen Worten nahm er Abschied und ließ Frau und Kinder in Sorgen zurück.

Kaum waren sie eine kleine Stunde gegangen, als Reineke sprach: »Hört mich, lieber Neffe und Freund! Ich bin recht in Angst, denn ich fürchte, ich gehe in den Tod. Meine Reue aber über meine begangenen Sünden ist so groß, daß ich zur Beichte gehen möchte. Da aber kein Pfarrer zur Stelle ist, so bitte ich Euch inständig, laßt mich vor Euch beichten! Habe ich all mein Unrecht gestanden, so wird mir leichter ums Herz werden.«

Grimbart versetzte: »Ihr müßt vor allem geloben, in Zukunft nicht mehr zu rauben und von allem Verrat und anderen Tücken für immer abzulassen. Wenn Ihr das nicht beschwört, kann keine Beichte Euch nützen.«

»Das weiß ich wohl!« erwiderte Reineke, »und so fange ich an. Hört wohl zu!

Confiteor tibi Pater et Mater, daß ich der Otter und dem Kater und vielen anderen Tieren manches Unrecht zugefügt; das will ich reuig bekennen und Buße dafür tun!«

Der Dachs unterbrach diese Rede: »Das verstehe ich nicht! Ihr müßt deutsch mit mir reden!«

Reineke fuhr fort: »Ich habe gesündigt an allen Tieren, die jetzt leben! Und bitte sehr, sie mögen es mir verzeihen! Ich habe Braun, den Bären, nach Rüsteviels Hofe geführt. Dort habe ich ihn im Baumspalt eingeklemmt; er zerriß sich Gesicht und Tatzen und bekam Schläge in Menge.

Hinze führte ich zur Scheune und hieß ihn Mäuse fangen. Er geriet in die Schlinge, mußte viele Prügel ertragen, ja verlor sogar ein Auge dabei.

Auch der Hahn verklagt mich mit Recht. Ich habe ihm viele seiner Kinder geraubt und getötet.

Isegrim, dem Wolf, habe ich mancherlei Tücke zugefügt. Einmal, es mögen wohl sechs Jahre her sein, besuchte er mich im Kloster Elkmar, wo ich mich damals aufhielt. Er wollte auch Mönch werden und hub an, an der Glocke zu läuten. Das gefiel ihm vorzüglich, und da ich das merkte, band ich ihm beide Vorderfüße an dem Strick zusammen. Nun konnte er läuten nach Herzenslust.

Als das Läuten aber gar nicht aufhörte, liefen alle Leute auf der Straße herbei und die Mönche aus dem Kloster; sie meinten, der Teufel sei da. Als sie den Wolf sahen, schlugen sie alle furchtbar auf ihn los; man ließ ihm nicht Zeit, zu erklären, daß er ins Kloster wolle. Halb zu Tode geprügelt, entkam er schließlich. Dennoch blieb er dabei, in den geistlichen Stand eintreten zu wollen. Deshalb bat er mich, ihm die Platte zu scheren. Da brannte ich ihm die Haare so sehr ab, daß ihm die Haut zusammenschrumpfte.

Einstmals führte ich ihn ins Jülicher Land zum Hause eines reichen Pfaffen. Dieser hatte ein großes Vorratshaus, in dem große, duftende Schinken, fette Würste und andere köstliche Speisen aufbewahrt waren. Auch ein Trog mit frisch eingesalzenem Fleische stand darin. Isegrim brach sich ein Loch durch die Wand, da er sich einmal recht satt an Fleisch essen wollte. Er kroch hinein und aß und aß, bis sein Hunger gestillt war. Nun wollte er wieder heraus, aber o weh! vom übermäßigen Essen war sein Bauch so dick geworden, daß er nicht durch das Loch zurück konnte. Wo er also hungrig hineingekrochen war, konnte er satt nicht mehr hinaus. Das war mir nun gerade recht, ich lief ins Dorf und machte Lärm und Geschrei, um die Leute auf die Spur des Wolfes zu bringen. Ich lief in das Haus des Pfaffen, der eben am Tisch saß und speiste.

Ein fetter Kapaun stand vor ihm. Ich sprang plötzlich hinzu, erfaßte den Braten und eilte davon. Entsetzt sprang der Pfaffe auf, um mir nachzujagen. Dabei riß er den Tisch um: Gläser, Teller, Speise und Trank, alles fiel zur Erde. Immerfort schrie der Pfaffe: ›Schlaget, werfet, stechet, fanget den Dieb!‹ Da er aber in seinem blinden Zorn nicht sah, wo er lief, fiel er in die Pfütze. Eine Menge Menschen waren herbeigekommen, um über mich herzufallen, alle machten großes Geschrei. Aber die Stimme des Pfarrers übertönte alle anderen: ›Habt ihr jemals einen frecheren Dieb gesehen?‹ rief er; ›er hat mir das Huhn vom Tische genommen, an dem ich eben saß und speiste.‹

Ich aber lief, so schnell ich laufen konnte. Als ich an den Speicher kam, in dem Isegrim war, ließ ich das Huhn fallen, weil es mir zu schwer wurde. Ihr könnt Euch denken, daß ich es ungern zurückließ! Als nun der Pfarrer das Huhn aufhob, erblickte er Isegrim, der in dem Loch steckte. Da rief er laut: ›Ihr Freunde, seht, hier ist noch ein viel ärgerer Dieb in meinem Speicher! Ein Wolf, den müssen wir fangen!‹ Alle fielen wie wild über den Wolf her, rissen ihn aus dem Loch heraus und schlugen auf ihn los, daß er wie tot liegen blieb. Darauf schleppten sie ihn auf die Straße über Stock und Stein und warfen ihn schließlich in eine schlammige Grube, denn sie hielten ihn für tot. In solchem Jammer und Schmerz lag er hilflos die ganze Nacht da; wie er endlich davongekommen, weiß ich nicht zu sagen.

Gleichwohl schwur er mir abermals Treue, es war aber nur seines eigenen Vorteils wegen. Es gelüstete ihn, sich einmal an Hühnern recht satt zu essen. Ich sagte ihm, ich wüßte bei einem Bauern ein Hühnerhaus, in dem viele fette Hühner oben auf dem Balken unter dem Dach zu sitzen pflegten. Es war um Mitternacht, als ich ihn dorthin führte. Ein Fenster stand offen, und ich tat, als ob ich hineinkriechen wollte, trat aber wieder zurück und ließ Isegrim voran. ›Kriecht nur mutig hinein, Ihr werdet gewiß bald ein fettes Huhn fassen!‹ rief ich ihm zu. ›Wer nicht wagt, gewinnt nicht!‹

Er kroch mit Gefahr durch das enge Fenster, suchte hier und da herum und rief: ›Ich bin verraten, ich finde keine Hühner!‹ ›Ei,‹ sprach ich, ›die werden weiter hinten sitzen.‹ Der Wolf vergaß jede Vorsicht, so groß war seine Begier nach Hühnern. Er ging immer weiter hinein, ich aber klappte von außen das Fenster zu, daß es laut anschlug. Der Wolf erschrak dermaßen, daß er vom Balken herab und schwer auf den Boden fiel. Die Leute im Hause erwachten von dem Geräusch. Sie kamen mit Licht und fanden den Wolf. Da wurde er wieder geprügelt, und zwar mit solcher Gewalt, daß es ein Wunder ist, wie er mit dem Leben davonkam.

Sehet, Neffe, das sind nun alle meine Sünden, deren ich mich erinnern kann. Sprechet mich nun los davon, und leget mir eine beliebige Buße auf.«

Grimbart war verschlagen und klug; er brach ein Reis am Wege und sprach: »Oheim, schlaget Euch dreimal mit diesem Reis; sodann legt es auf die Erde und springt dreimal quer darüber, ohne zu taumeln. Hernach küßt das Reis ohne Haß, zum Zeichen, daß Ihr gehorsam seid. Diese Buße lege ich Euch auf. Und hiermit spreche ich Euch von Euren Sünden frei; ich vergebe sie Euch alle, so groß auch ihre Zahl sein mag.«

Als Reineke alles nach Grimbarts Vorschrift getan hatte, sprach dieser zu ihm:

»Oheim Reineke, in Zukunft müßt Ihr nun aber ein besseres Leben führen. Alles Rauben, Stehlen, Betrügen und Verraten müßt Ihr lassen. Gehet fleißig zur Kirche; lest die Psalmen, haltet die Feiertage, tröstet die Kranken und gebt Almosen den Armen!«

Reineke sprach: »Alles das will ich geloben und treulich halten mein Leben lang!«

Darauf wanderten beide weiter, bis sie an ein Kloster kamen. Darin wohnten fromme Nonnen, die von früh bis spät zu Gott beteten. Sie hatten viele Hühner, Enten und Gänse auf ihrem Hofe, die oft außerhalb der Mauern herumliefen.

Reineke bemerkte sofort die Hühner, und alle seine bösen Gelüste erwachten wieder. Ein junger, fetter Hahn gefiel ihm besonders, er konnte seine Augen nicht von ihm abwenden. Plötzlich sprang er auf ihn zu und packte ihn am Halse, daß die Federn umherflogen.

Entrüstet rief Grimbart: »Unseliger Oheim, was macht Ihr da? Wollt Ihr um einen elenden Hahn wieder in Schande und Sünde verfallen? Wahrlich, das nenne ich eine schöne Buße!«

Reuig sprach Reineke: »Das tat ich nur in Gedanken aus alter Gewohnheit. Bittet Gott, daß er es mir vergebe! Ich will es in Zukunft unterlassen.«

Nun wanderten sie weiter auf der breiten Landstraße. Aber Reineke sah immer nach den Hühnern zurück, er hätte gar zu gern eins gehabt! Grimbart bemerkte das wohl und sprach: »Garstiger Vielfraß! Wo habt Ihr schon wieder Eure Augen?«

Reineke erwiderte: »Ihr irrt Euch gewaltig, verehrter Neffe, wenn Ihr glaubt, ich habe böse Gedanken. Ich richtete eben ein frommes Gebet zum Himmel für die Seelen der Hühner und Gänse, die ich den Nonnen geraubt habe!«

Grimbart schwieg, Reineke aber schaute nach den Hühnern zurück, solange er sie sehen konnte. Endlich erblickten sie das Schloß des Königs, das Ziel ihrer Wanderung.

Aber je näher sie kamen, desto ängstlicher ward Reineke zumute. Er dachte an die vielen Anklagen, die gegen ihn erhoben waren, und wußte nicht, wie er sich rechtfertigen sollte. Am liebsten wäre er noch umgekehrt, aber er schämte sich vor seinem Begleiter, dem Dachs.

Reineke Fuchs 2.

Also ließ sich der Bär betören und steckte seine Vorderpfoten tief in den Baum hinein.