Als man bei Hofe vernommen hatte, daß Reineke angekommen war, drängten sich alle herbei, ihn zu sehen. Reineke aber stellte sich, als würde er es gar nicht gewahr. Er ging so ruhig und stolz seines Weges, als wäre er des Königs eigener Sohn. Mutig, wie wenn er nie ein Unrecht begangen hätte, trat er vor den König Nobel und redete ihn an:
»Edler König! Gnädiger Herr! Um Eurer Größe und Eurer Würde willen bitte ich Euch, hört meine Verantwortung an! Niemals hat ein Herr einen treueren Knecht, einen ergebeneren Diener gehabt, als Eure königliche Gnaden an mir haben! Zwar sind hier viele, die mich durch falsche Anklagen Eurer Freundschaft, die mich so stolz macht, berauben wollen. Aber Eure Weisheit wird das Lügengewebe meiner Feinde gewiß leicht durchschauen. Sie hassen mich, weil ich Euch jederzeit treulich gedient habe!«
»Schweig'!« sprach der König, »und spare deine Worte! Dein Schmeicheln hilft dir nichts. Deine Übeltaten sollen dir jetzt vergolten werden! Sprich, wie hast du den Frieden gehalten, den ich allen Tieren geboten habe? O du falscher, treuloser Dieb! Hier steht der unglückliche Hahn, der sein ganzes Geschlecht durch dich verloren hat. Du sagst zwar, du liebst mich und willst mir treu dienen. Wie aber hast du meine Boten behandelt? Der arme Braun trägt noch Kopf und Tatzen verbunden. Und der bedauernswerte Hinze hat sogar ein Auge durch deine Falschheit eingebüßt. Ja, es sind Ankläger genug vorhanden, und diesmal soll es dir an den Hals gehen, du treuloser Verräter!«
»Gnädigster Herr,« erwiderte Reineke, »was kann ich dafür, daß Braun mit blutiger Platte heimkam? Warum war er so dreist, sich an Rüsteviels Honig zu wagen? Und wenn er es tat, warum ließ er sich dann von den Bauern schlagen, er, der so stark von Gliedern ist? Und Hinze, der Kater! Ich habe ihn gut aufgenommen und bewirtet. Er war aber nicht zufrieden, sondern wollte sich durchaus Mäuse aus der Pfaffenscheune holen. Das bekam ihm freilich schlecht! Aber was kann ich dafür, und warum soll ich deshalb bestraft werden?
Aber ich bin in Eurer Gewalt und füge mich demütig Eurem Spruche, er sei gut oder böse für mich. Ihr könnt mich sieden, blenden, köpfen oder hängen, alles will ich ohne Murren erdulden und mein Schicksal aus Eurer Hand empfangen. Mein Tod wird Euch freilich nur wenig Gewinn bringen!«
Da trat Bellyn, der Widder, hervor und rief: »Ja, nun ist es Zeit, unsere Klagen gegen Reineke vorzubringen.«
Da kam Isegrim mit allen seinen Verwandten, Braun, der Bär, und Hinze, der Kater; Boldewyn, der Esel, Lampe, der Hase, Wackerlos, das Hündchen, und Ryn, der große Hund; Metke, die Ziege, und Hermen, der Ziegenbock; auch der bedächtige Ochs und das weise Pferd hatten zu klagen. Selbst die Tiere des Waldes strömten herbei: der Hirsch, das Reh, der Biber und das Kaninchen, auch Martin, der Affe, und der wilde Eber. Ebenso kamen die Vögel herbei: Barthold, der Storch, Marquart, der Häher, und Lütke, der Kranich. Mit lautem Schnattern erschienen Dybke, die Ente, und Alheid, die Gans. Der Traurigste von allen aber war Henning, der Hahn, dem der Fuchs die Kinder geraubt hatte.
Sie alle drängten sich zum König, und jeder klagte mit lebhaften Worten über die Missetaten, die der Fuchs verübt hatte. Das war ein Geschrei, Geheul und Gebrüll, daß der König häufig Ruhe gebieten mußte, um überhaupt etwas von dem Durcheinander der Stimmen zu verstehen.
Auf alle diese Anklagen wußte Reineke mit großer Gewandtheit zu antworten. Er fand für alles die schönsten Entschuldigungen und tat, als ob er noch nie irgend jemand etwas Böses zugefügt hätte. Er sprach mit solcher Überzeugung, daß man glauben konnte, er sei ganz unschuldig und werde jetzt das Opfer seiner Feinde. Als aber alle Tiere erklärten, wahrheitsgemäß ausgesagt zu haben, wurde einstimmig das Urteil des Rates angenommen. Es lautete: Reineke, der Fuchs, ist zum Tode verurteilt. Man soll ihn fangen, binden und am Galgen aufhängen. So verkündete der König mit mächtiger Stimme vor der ganzen Versammlung. Da sah Reineke ein, daß sein Spiel verloren war. Er ließ sich willig binden, um den letzten Gang anzutreten.
Voll Beifall hatten die Feinde des Fuchses das Urteil aufgenommen. Seine Freunde aber, Grimbart, der Dachs, Martin, der Affe, und einige von seinem Geschlechte standen betroffen und traurig da. Sie hatten es nicht für möglich gehalten, daß ein so strenger Urteilsspruch gefällt werden könnte. Denn Reineke war ein Freiherr, einer der ersten Barone im Reich, und sollte nun ein so schmähliches Ende durch Henkershand erdulden. Dieses Unglück konnten sie nicht ertragen. Darum nahmen sie Abschied vom König und verließen den Hof. Das war nun dem König sehr unangenehm, daß so viele tapfere Junker von ihm gingen, und er sprach zu einem seiner Räte: »Es wäre doch gut, wenn ich mir die Geschichte noch etwas überlegte. Reineke ist ja boshaft und treulos, aber in seinem Geschlechte ist doch mancher brave Mann, den der Hof nur schlecht entbehren kann.«
Isegrim, Braun und Hinze gaben indessen auf Reineke wohl acht, daß er ihnen nicht entschlüpfte. Sie hatten vom König den ehrenvollen Auftrag bekommen, ihn zu hängen, und eilten nun, den Befehl zu vollstrecken.
Sie führten ihn gebunden mit sich, und als sie den Galgen gewahr wurden, sprach Hinze: »Herr Isegrim, erinnert Euch nur, wie Eure Brüder durch Reinekes Verrat am Galgen enden mußten! Wie froh er darüber war, und wie er selbst mitging, als sie gehangen wurden! Bezahlt es ihm jetzt mit gleicher Münze! Und Ihr, Herr Braun, vergeßt nicht, wie er Euch in Rüsteviels Hofe verriet, wie Männer und Weiber auf Euch losschlugen und Ihr an Kopf und Tatzen verwundet waret! Seht wohl zu, daß er nicht entwische, denn seine List ist groß. Käme er uns diesmal aus den Händen, so könnten wir uns nimmermehr an ihm rächen. Drum laßt uns eilen und sehr auf der Hut sein!« Isegrim versetzte darauf: »Was braucht es vieler Worte? Hätten wir nur ein Seil, so wollten wir ihm die Pein schon verkürzen.«
Reineke hatte alles mitangehört, aber geschwiegen. Jetzt begann er zu sprechen: »Da ihr euch alle rächen wollt, so wundert's mich, daß ihr nicht kurzen Prozeß macht. Hinze kennt ja ein starkes Seil. Er hatte es ja auf der Mäusejagd in des Pfaffen Scheune um den Hals. Es brachte ihm freilich wenig Ehre! Und ihr, Braun und Isegrim, ihr eilet auch gar zu sehr, euren Oheim und Vetter ums Leben zu bringen, und ihr meint, es müsse euch jetzt sicher gelingen.«
Der König, die Königin und der ganze Hof waren inzwischen erschienen, um das Todesurteil vollstrecken zu sehen. Ihnen folgte eine große Menge, Hohe und Niedere, Reiche und Arme. Sie alle wollten dem Schauspiel beiwohnen.
Isegrim befahl seinen nahen Verwandten, ja recht acht zu geben, daß Reineke nicht entwische. Zu seiner Frau sprach er: »So lieb dir dein Leben ist, hilf mir den Fuchs festhalten! Denn käme er diesmal wieder davon, so würde es uns übel ergehen!« Zu Braun sprach er: »Bedenket, was er Euch für Schaden zugefügt hat, das soll er jetzt reichlich bezahlen! Hinze soll den Strick oben am Ast befestigen, er ist leichter zu Fuß und behender als wir. Ich werde die Leiter zurechtstellen. Haltet Ihr nur einen Augenblick noch fest, dann ist's geschehen!« Braun erwiderte: »Setzt nur die Leiter recht fest an, ich will ihn schon halten, ich bin stark genug.«
Reineke sprach: »Isegrim und Braun, ihr seid ja sehr geschäftig, euren Oheim hängen zu sehen! Ihr, die ihr euch seiner erbarmen und ihn beschützen müßtet! Gern flehte ich um Gnade! Doch sehe ich wohl, daß mein Tod beschlossen ist, und ich wollte, es wäre schon vorbei! Mein Vater starb auch in großen Ängsten, aber als es ans Sterben ging, da war es in kurzem getan. Beeilt euch also, und verschont mich nicht länger!«
Während er nun die Leiter hinaufstieg, dachte Reineke in seiner großen Angst: »Wenn mir nur ein Gedanke käme, wie ich mein Leben retten könnte und die Schande dagegen auf meine drei Henker fiele! Gelänge es mir nur, zum König zu sprechen, so könnte ich vielleicht seinen Sinn wenden, und er schenkt mir das Leben.«
Darauf erhob er laut seine Stimme, um durch den Lärm und das Stimmengewirr durchzudringen, und sprach: »Ich sehe nunmehr den Tod vor Augen, dem ich nicht entgehen kann. Ehe ich aber sterbe, möchte ich vor allen hier Versammelten meine Beichte ablegen. Ich will der Wahrheit gemäß alle Sünden bekennen, die ich begangen habe, damit ich mit leichterer Seele in den Tod gehen kann!«
Durch diese Worte wurden viele Zuhörer gerührt. Sie baten den König, Reinekes Beichte entgegenzunehmen, und als der König seine Einwilligung gegeben hatte, begann der Fuchs:
»Nun helfe mir der heilige Geist! Denn ich sehe hier niemanden, dem ich nicht Böses zugefügt hätte. Leider begann ich mein schlimmes Leben schon in frühester Kindheit. Das Blöken der Schafe und Ziegen lockte mich, ihnen zu folgen. Eines Tages biß ich ein Lämmchen tot. Sein Blut schmeckte mir so gut, daß ich bald darauf vier junge Ziegen tötete. Dann ward ich immer dreister und gieriger und schonte weder Hühner noch Vögel, weder Enten noch Gänse. Ja, ich tötete mehr, als ich essen konnte, und verscharrte sie im Sand.
Später verlebte ich einen Winter am Rhein und traf dort mit Isegrim zusammen. Er rechnete mir vor, daß wir nahe verwandt wären, ja daß er sogar mein richtiger Oheim sei. Darauf wurden wir gute Kameraden und gelobten einander Treue. O, wie schmählich hat er den Eid gebrochen! Wir gingen zusammen auf die Wanderschaft, um zu rauben. Die Beute sollte redlich geteilt werden. Aber wie schlecht kam ich dabei fort! Er teilte selbst, und wie es ihm gefiel; niemals bekam ich die Hälfte. Hatte er ein Schaf oder eine Ziege erlegt, so stellte er sich davor und zeigte mir die Zähne, wenn ich herankam. Hatten wir einmal einen Ochsen oder eine Kuh gefangen, so rief er sein Weib und seine sieben Kinder dazu, und ich hatte das Nachsehen. Ja, bekam ich einmal eine kleine Rippe, so hatten sie das Fleisch davon schon abgenagt. Doch gottlob! Ich litt keine Not. Denn ich hatte ja den großen Schatz an Silber und Gold, daß sieben Wagen ihn nicht fortfahren könnten.«
Da unterbrach ihn der König: »Was sagst du von einem Schatz? Hast du ihn noch? Und woher hast du ihn bekommen?«
Reineke antwortete: »Was hülfe es mir, wenn ich es verschwiege? Mir kann er ja zu nichts mehr nützen! So will ich das Geheimnis vor meinem Tode offenbaren: der Schatz war gestohlen. Er war dazu bestimmt, Verräter zu bezahlen, die Eure Majestät ermorden sollten. Meinem Vater brachte der Diebstahl den Tod, Euch aber rettete er das Leben.«
Die Königin fiel fast in Ohnmacht, als sie von dem geplanten Morde hörte. Schreckensbleich sprach sie zu Reineke: »Bedenket es wohl, Reineke! Ihr geht jetzt in den Tod! Sprecht nur die lautere Wahrheit! Sagt uns jetzt alles, was Ihr von der Verschwörung wißt!«
Der König aber sprach mit gebietender Stimme: »Jedermann schweige jetzt und trete beiseite! Du aber, Reineke, steige herab, daß ich genau vernehme, was du mir zu sagen hast!«
Braun, Isegrim, Hinze und alle übrigen Tiere hörten diesen Befehl mit größtem Verdruß, aber es half nichts, sie mußten den Fuchs von der Leiter herabsteigen lassen. Seelensfroh folgte Reineke der Aufforderung. Er dachte bei sich: »Welch ein Glück wäre es für mich, wenn es mir gelänge, die Gnade des Königs und der Königin zu gewinnen und meine Feinde ins Verderben zu stürzen! Was werde ich alles zusammenlügen müssen!«