Als Reineke vor dem Königspaar stand, ermahnte ihn die Königin nochmals, nur die lautere Wahrheit zu sagen.
Reineke erwiderte: »Das will ich tun. Ich muß ja sterben und will mit reinem Gewissen ins ewige Leben hinübergehen! Deshalb darf ich auch meine nächsten Verwandten nicht verschonen, ja selbst meinen Vater muß ich anklagen, so schwer es mir auch wird.«
Da ermahnte ihn der König noch einmal: »Reineke, sagst du auch die volle Wahrheit?«
»O edler Herr,« versetzte Reineke. »So sündig ich auch sonst bin, heute werde ich nur die Wahrheit sagen. Wie könnte ich lügen, da mir der Tod vor Augen steht? Wenn es Euch recht ist, Majestät, so will ich jetzt alles bekennen, was ich von der Verschwörung weiß, und Euch die Namen der Verräter nennen.«
Nun höre man die Lügen, die Reineke ersann, um sich zu retten und seine Feinde zu verderben! Seinen eigenen Vater beschimpfte er im Grabe. Und seinen treuen Freund, den Dachs, der ihm doch in allen Nöten beistand, schwärzte er an. Er hielt dies für notwendig, um seine Erzählung glaubhafter zu machen.
»Mein Vater,« so sprach er, »hatte das Glück, König Emmerichs Schatz zu finden. Durch den Besitz dieser unermeßlichen Reichtümer wurde er stolz und hochmütig. Er schätzte seine früheren Kameraden nicht mehr, sondern suchte sich Freunde unter den Angesehenen und Hochstehenden des Reiches. Zuerst wollte er sich den Bären verpflichten. Er sandte Hinze, den Kater, zu Braun in das wilde Ardennerland und forderte ihn auf, nach Flandern zu kommen, um König an Eurer Statt zu werden. Braun gefiel der Vorschlag; er reiste sogleich nach Flandern und wurde von meinem Vater wohl aufgenommen. Er sandte nun nach Isegrim und Grimbart, dem Weisen, und diese vier, mit Hinze als fünftem im Bunde, berieten den ganzen Plan. Zwischen der Stadt Gent und dem Dörfchen Ifte kamen die Verräter zusammen, und hier war es, wo in finsterer Nacht Euer Tod, o Majestät, beschlossen wurde. Sie schwuren einander Treue und gelobten einstimmig, daß sie Braun zum König machen, ihn auf den Thron zu Aachen führen und ihm die goldene Krone aufs Haupt setzen wollten. Würde sich jemand von des Königs Anverwandten oder Freunden zu widersetzen wagen, so sollte er mittels Gold bestochen oder aus dem Reiche vertrieben werden.
Dies alles bekam ich folgendermaßen zu wissen: Als Grimbart eines Tages in trunkenem Zustand war, erzählte er seiner Frau von dem Anschlage, gebot ihr aber, das tiefste Schweigen darüber zu bewahren. Sie schwieg auch so lange, bis sie es meinem Weibe sagte. Diese schwur ihr, bei allem, was ihr heilig sei, das Geheimnis treu zu hüten. Aber sie hielt nicht Wort; sobald sie zu mir kam, sagte sie mir alles, was sie vernommen hatte. Ich erschrak bis ins Innerste meiner Seele. Mir fiel die Geschichte von den Fröschen ein, die, ihrer Freiheit überdrüssig, Gott anriefen, ihnen einen König zu geben. Gott erhörte sie und sandte ihnen den Storch, der sie nach Belieben verfolgt und tötet. Da sahen sie ihre Torheit ein. Aber zu spät! Ihr Klagen half ihnen nichts: sie haben für immer die Tyrannei des Storchs zu ertragen. So, glaubte ich, würde es auch uns ergehen, wenn wir Braun zum Könige bekämen. Ich kenne seine Bosheit und Tücke. Ich weiß aber auch, wie edel und gütig unser jetziger, angestammter König ist. Das wäre ein schlimmer Tausch, dachte ich mir, an Eurer Majestät Stelle den plumpen Taugenichts zu setzen! Ich überlegte nun hin und her, wie dieser Plan zu zerstören sei. Behielt mein Vater seinen Schatz, so konnte er viele Tiere für seine Zwecke gewinnen. Ich mußte also vor allem darauf ausgehen, den Schatz zu rauben. Aber wo steckte er? Um das zu erfahren, schlich ich meinem Vater nach, wo er auch war, in Wald und Feld, bei Hitze oder Kälte, bei Tag und Nacht.
Einstmals lag ich im Walde und zerbrach mir den Kopf, wie ich den Schatz entdecken könnte. Da sah ich plötzlich aus einer Felsenspalte meinen Vater herauskriechen. Ich verhielt mich ganz still, daß er meine Nähe nicht ahnte. Er sah sich nach allen Seiten vorsichtig um, als er aber niemanden gewahr ward, scharrte er das Loch mit Sand zu und machte es dem anderen Boden gleich. Er verwühlte mit dem Maule seine Fußstapfen und strich mit dem Wedel darüber hin. Diese Listen lernte ich von meinem schlauen Vater. Als ich diese großen Vorsichtsmaßregeln sah, kam mir sofort der Gedanke, daß hier der Schatz verborgen sein müsse. Kaum hatte sich mein Vater wegbegeben, da machte ich mich an die Arbeit, die Erde wegzuschaffen. Dann kroch ich in die Spalte und stieg in die Tiefe hinab. Da sah ich, was wohl noch selten jemand gesehen hat, Gold und Silber und kostbare Geräte, Edelsteine und Perlen in Hülle und Fülle! Nun trug und schleppte ich mit meinem Weibe Tag und Nacht und ruhte nicht eher, bis der ganze Schatz an eine andere Stelle gebracht war.
Indessen war mein Vater täglich mit den Verrätern zusammen. Braun und Isegrim schrieben Briefe in alle Weltgegenden, um für ihre Zwecke Söldner zu werben. Braun wollte alle in seinen Dienst nehmen und ihnen einen reichlichen Sold auszahlen. Mein Vater lief also mit diesen Briefen durch alle Länder zwischen der Elbe und dem Rhein und gewann viele Söldner durch reiche Versprechungen. Er hatte mancherlei Gefahren auf seiner Reise zu bestehen. Die Jäger stellten ihm nach, die Hunde hetzten ihn, daß er mit knapper Not entkam. Endlich im Sommer kehrte er heim und zeigte den Mitverschworenen voll Stolz die Liste der Angeworbenen.
Zwölfhundert Wölfe von Isegrims Sippschaft mit scharfen Gebissen und breiten Mäulern standen zum Kampfe bereit. Alle Bären und Kater waren auf Brauns Seite. Auch alle Vielfraße und Dachse aus Thüringen und dem Sachsenlande hatten zu kommen versprochen. Die einzige Bedingung war, daß man ihnen den Sold auf drei Wochen im voraus zahlen sollte, dann würden sie beim ersten Aufgebot dem Bären mit ganzer Macht zu Hilfe ziehen. Das Geld hatte mein Vater leicht versprechen können; vertraute er doch auf seinen unerschöpflichen Schatz!
Er machte sich nun auch eiligst auf, um Gold und Silber herbeizuschaffen. Aber wie groß war seine Bestürzung, als er von seinen Schätzen keine Spur fand! Er suchte und scharrte — alles vergeblich, der Schatz war und blieb verschwunden. In seiner Verzweiflung und Scham, seine Versprechungen nicht halten zu können, erhängte er sich. Damit schlug auch Brauns Verrat fehl.
Der Tod meines Vaters betrübte mich tief; aber das Bewußtsein, durch meine List meinen König gerettet zu haben, richtete mich wieder auf. Jetzt wird mir freilich übler Lohn für meine Treue. Die Verräter stehen hoch in Ansehen, und der arme Reineke geht in den Tod. Mich tröstet nur der Gedanke, bis zum letzten Augenblick treu meine Pflicht getan zu haben.«
So schloß Reineke seine Rede, verneigte sich tief und trat zurück.
Im Herzen des Königs und der Königin war die Begier nach dem Besitze des Goldes erwacht. Sie nahmen daher Reineke beiseite und fragten ihn, wo er den großen Schatz aufbewahrt habe.
Er antwortete: »Was hülfe mir das? Soll ich mein Vermögen dem König anzeigen, der mich hängen läßt? Ja, der den Dieben und Mördern glaubt, die mich mit ihren Lügen fälschlich beschweren und mich verräterisch ums Leben bringen wollen?«
»Nein, Reineke,« rief die Königin unüberlegt. »Der König wird Euch leben lassen und Euch in Gnaden verzeihen. Aber sagt uns jetzt, wo der Schatz liegt.«
Vorsichtig erwiderte Reineke: »Meine gnädige Frau, wenn der König mir vor Euch geloben will, mir meine Verbrechen und Sünden zu verzeihen und mir seine Huld aufs neue zu schenken, so will ich ihn zum reichsten Fürsten der Welt machen.«
»Frau,« wandte sich der König an seine Gemahlin, »glaubet ihm nicht! Lügen, stehlen und rauben, das mögt Ihr ihm glauben! Er ist einer der ärgsten Lügner auf dem Erdboden.«
Leise erwiderte die Königin: »Nein, mein Herr, jetzt hat Reineke nicht gelogen. Hat er doch seinen liebsten Freund und Verwandten, den Dachs, mit angezeigt! Ja, sogar seinen eigenen Vater hat er nicht verschont! Es wäre ihm doch leicht gewesen, alle Anklagen und Beschuldigungen seinen Feinden aufzuladen. Darum könnt Ihr seinen Worten glauben.«
Nach einigem Nachdenken sagte der König leise zur Königin: »Wohlan denn! Wenn das Eure Meinung ist, so soll geschehen, was Ihr wünscht!« Und zum Fuchs gewendet, fügte er laut hinzu: »So will ich Euch denn noch einmal verzeihen; aber ich schwöre es bei meiner Krone! es ist das letzte Mal. Bei der nächsten Sünde, die Ihr begeht, seid Ihr und die Euren dem Tode verfallen!«
Als Reineke den König so umgewandelt sah, faßte er neuen Mut und beteuerte: »Herr, wäre es nicht töricht von mir, jetzt zu lügen, da die Unwahrheit doch in kurzer Zeit zutage kommen müßte?«
Das leuchtete dem König ein. »Gut,« sagte er, »da Ihr also die volle Wahrheit gesprochen habt, so will ich Euch verzeihen und Euch meine Gnade wieder zuwenden.«
Wer war froher als der Fuchs? Dem sicheren Tode war er entgangen durch seine eigene List; nun galt es, noch weiter Lügen zu ersinnen und das Vertrauen des Königs wiederzugewinnen.
»Hoher König, edler Herr!« begann er. »Möge Gott Euch für all die Gnade belohnen, die Ihr mir erweist! Ich will Euch mein Leben lang dafür dankbar sein und Euch in Treue dienen! In allen Ländern der Welt ist niemand, dem ich den Schatz so gönne wie Euch und meiner gnädigen Königin. Ihr sollt reicher werden als alle Fürsten unter der Sonne. Vernehmt denn, wo der Schatz verborgen liegt! Gegen Osten von Flandern liegt eine große Wüste; in dieser ist ein Gebüsch, Hüsterloh genannt. Nicht weit davon ist ein Bronnen, Krekelborn mit Namen. Niemals hat eines Menschen Fuß diese Wildnis betreten, nur die Eule und der Schuhu hausen dort. Da liegt nun der Schatz versteckt. Krekelborn wird der Ort genannt, merkt Euch wohl den Namen! Denn Ihr, Majestät, und die Königin müßt selbst dorthin, Ihr könnt keinen Boten mit der wichtigen Sache betrauen. Es wäre Euer Schade, wenn etwas von den Kostbarkeiten verloren ginge.
Also Ihr, mein Herr, müßt selbst nach dem Orte gehen. Wenn Ihr an Krekelborn vorbei seid, werdet Ihr zwei junge Birken sehen. Sie stehen dicht an einer Pfütze. Unter diesen Birken liegt der Schatz vergraben. Dort müßt Ihr scharren und graben, dann findet Ihr versteckt im Moos manch köstliches Geschmeide, Gold, Silber und herrliche Edelsteine. Auch die Krone, die König Emmerich einst getragen, werdet Ihr dort sehen. Sie sollte des Bären Haupt schmücken, hätte meine List es nicht verhindert. Wenn alle diese Reichtümer vor Euch ausgebreitet liegen, werdet Ihr gewiß meiner gedenken und sprechen: ›O du braver Fuchs, treuer, redlicher Freund! Für deinen König hast du so viel Mühe und Arbeit gehabt und hast ihm durch deine Klugheit diese Schätze, ja sogar seine Krone erhalten! Möge es dir allezeit so gut ergehen, wie du es verdient hast!‹«
Der König hatte aufmerksam zugehört. Die Geschichte kam ihm aber doch etwas merkwürdig vor, und er sagte zu Reineke: »Höre, Reineke, du mußt dich mit mir auf den Weg machen; es wäre doch möglich, daß ich allein die Stelle nicht fände. Von Aachen habe ich wohl schon reden hören, wie auch von Lüttich, Köln und Paris. Nie aber erzählte mir jemand etwas von Hüsterloh und Krekelborn. Reineke, Reineke! Ich fürchte fast, du erdichtest diese Namen und lügst uns etwas vor!«
Ungern hörte Reineke diese Worte. Er wußte sich aber zu helfen. »Herr,« sprach er, »Euer Mißtrauen kränkt mich. Ich könnte es mir noch erklären, wenn ich Euch in ferne Lande, vielleicht an den Jordan schickte. Aber der Ort liegt ja nahe bei, in Flandern, und etliche von den Anwesenden werden ihn kennen. Sie sollen Euch sagen, daß Krekelborn bei Hüsterloh liegt und daß ich die Wahrheit geredet habe.«
Darauf rief der Fuchs den Hasen, der heftig erschrak und zu zittern anfing.
»Lampe,« sprach der Fuchs, »fürchtet Euch nicht! Es soll Euch nichts geschehen. Der König wünscht Euch zu sprechen. Ihr sollt ihm bei Eurem Eide der Wahrheit gemäß sagen, ob Ihr die Orte Hüsterloh und Krekelborn kennt.« Da atmete der Hase erleichtert auf und sagte: »Gnädigster König, gern will ich die Frage beantworten, da ich die Orte genau kenne. Hüsterloh liegt bei Krekelborn in der Wüste. Es ist ein dichtes Gebüsch, in dem ich bisweilen Zuflucht suchte, wenn ich von Jägern und Hunden verfolgt wurde. Ich habe da manchmal Frost und Hunger gelitten.«
Reineke sagte: »Tretet zurück, Lampe, Ihr habt unserem königlichen Herrn genug gesagt.«
Zu Reineke gewandt, sagte der König: »Ich sehe, daß Ihr wahr gesprochen habt, und bedaure die harten Worte, die ich dir in der Übereilung sagte. Führe mich nun eiligst zu dem Schatze!«
Das kam dem Fuchse nun gar nicht gelegen. Wie konnte er den König zu einem Schatze führen, der gar nicht vorhanden war! Er wußte sich aber zu helfen.
»Majestät,« sagte er, »welche Ehre wäre es für mich, und wie von Herzen gern würde ich Euch nach Flandern begleiten. Aber leider ist es mir nicht möglich. Ihr würdet Euch versündigen, wenn Ihr mich dazu nötigtet. Nur beschämt gestehe ich, was mich daran verhindert. Isegrim ließ sich vor einiger Zeit das Haupt scheren und trat in ein Kloster ein. Freilich, er tat es nicht aus Frömmigkeit, sondern um bequem zu leben und gut zu essen. Aber wenn man ihm auch für sechs zu essen gab, so wurde er doch niemals satt. Er klagte und jammerte und wurde krank und elend. Da hatte ich Mitleid mit ihm, als meinem nahen Verwandten, und verhalf ihm zur Flucht aus dem Kloster. Dafür traf mich der Bannstrahl des Papstes. Meine nächste Sorge ist nun, mich davon zu befreien, und deshalb will ich morgen mit Sonnenaufgang nach Rom ziehen, um Ablaß zu erbitten! Ist mir der zuteil geworden, dann will ich weiter übers Meer ziehen, bis ich, von allen Sünden gereinigt, zurückkehren kann. Dann erst bin ich würdig, neben Euch zu gehen. Reiste ich aber jetzt mit Euch, so würde jeder sagen: ›Seht, unser Herr geht mit Reineke, den er eben hängen lassen wollte, und der noch dazu im Bann ist!‹ Gestehet, gnädiger Herr, daß ich recht habe, und erteilt mir Urlaub!«
»Es ist wahr,« sprach der König, »neben einem vom Banne Getroffenen kann ich nicht gehen. Lampe mag mich nach Hüsterloh führen. Du aber, Reineke, tritt deine Wallfahrt an, es wäre unrecht von mir, dich auch nur einen Tag davon zurückzuhalten. Es freut mich, daß du dich so eifrig zu bekehren strebst und dich in Zukunft vom Bösen zum Guten wenden willst. Gott lasse dich die Reise glücklich enden!«
Darauf trat der König auf eine kleine Erhöhung, so daß er von allen gesehen wurde, und sprach:
»Schweiget und höret meine Worte, ihr alle, die ihr hier versammelt seid! Große und Kleine, Reiche und Arme! Hier steht Reineke, der zum Tode verurteilt war, den ich aber begnadige. Er hat dem Königreich durch Mitteilung wichtiger Geheimnisse einen großen Dienst erwiesen. Ich schenke ihm deshalb Gut und Leben und wende ihm meine ganze Huld von neuem zu. Auch meine Gemahlin, die Königin, hat Fürsprache für ihn eingelegt. Euch allen gebiete ich bei Todesstrafe, daß ihr Reineke, seinem Weibe und seinen Kindern alle Ehren bezeigt, wo sie euch auch begegnen, es sei bei Tag oder bei Nacht. Ich will von jetzt an über Reineke keine Klage mehr hören. Hat er früher Übles getan, so wird er sich künftig bessern. Ich erteile ihm einen längeren Urlaub. Morgen früh will er Stab und Ranzen nehmen und zum Papst nach Rom wallfahrten, um Ablaß zu erbitten. Von da will er übers Meer ziehen und nicht eher zurückkehren, bis er von allen seinen Sünden gereinigt ist.«