Wir drückten nun dem braven Steiger unsere Dankbarkeit aus und verließen, nachdem wir auch die Knappen bedacht, den Dürrenberg, überaus befriedigt von dem belehrenden und erfreuenden Inhalte desselben. Gemächlich stiegen wir zur Stadt hinab, betrachteten den an Denkmalen reichen, wohlgepflegten Kirchhof und traten auch einen Augenblick in die Kirche.
Wir kehrten in den Gasthof zurück, an dessen Thür uns die Frau Wirthin empfing, die uns einen Nürnberger Thaler zeigte, den sie soeben angekauft hatte. Wir drückten unseren Wunsch nach einem Frühstück aus, begaben uns in das Zimmer, ordneten die Reisefrüchte und wanderten, nachdem wir einige Wiener Würstl zu uns genommen, unter den Segenswünschen der Wirthsleute zum Thore hinaus.
Es war ein trüber, doch regenfreier Tag, die Straße trocken und daher ganz geeignet zu einer Fußwanderung. Freilich hatten die waldigen Berge zur Linken der Straße ihr dunkeles Grün mit ziehenden, zähen Wolkenschleiern verhangen. Uns ergötzten indessen die stattlichen Häuser, deren mit gewaltigen, weit hervorragenden Holzdächern versehene Giebel auf die Straße gewendet sind. Doch fanden wir auch schon hier eine moderne Bauart sich Bahn brechen, die dem malerischen Ansehen der Gegend durchaus nicht zum Gewinn gereicht. Desto mehr erfreuten uns die mannichfaltigen, zur Seite der Straße aufgebauten kleinen Kapellen, in denen zum Theil recht saubere, wenn auch nicht auf höheren Kunstwerth Anspruch machende Darstellungen angebracht waren. Die schönste dieser Kapellen befand sich am Wege auf einem kleinen Hügel; zu jeder Seite derselben erhob sich ein stattlicher Nußbaum, deren vereinigte Aeste ein dichtes Laubdach über derselben wölbten. War das nicht das Bild zweier Brüder, welche die Mutter oder Schwester in gemeinsamen Schutz genommen? oder glich die Gruppe eher den Eltern, die ihr Kind vereint beschirmen?
Unsere Wanderung wurde oft durch die Gesteintrümmer unterbrochen, die in namhafter Anzahl, zum Theil als Wegebaustoff am Wege lagen, uns zur näheren Betrachtung und Zerschlagung aufforderten und unseren Reisetaschen immer mehr Gewicht gaben. Da gab es weißen, gelblichen, rosenfarbenen, braunrothen, bläulichen, grünlichen, schwärzlichen Marmor, platte und eiförmige Geschiebe. Der Weg führte uns auch über eine Brücke, deren hellgrünes Gewässer uns längere Zeit fesselte. Wir kamen an alten Kirchen und dem modernen Hellbrunn und Anif vorbei. In den zu letzterem gehörenden Gasthof traten wir ein, um den Durst zu löschen, den die Würstchen von Hallein erzeugt hatten. An der Wand hingen ganze Reihen kleiner, 6 Zoll im Durchmesser haltender Pappscheiben, die dem hiesigen Stechbolzenbüchsenverein zum Ziele gedient hatten.
Endlich trat Hohensalzburg aus der Ferne hervor, und wir schritten rüstig vorwärts, da wir nun doch allgemach ermüdeten. Vor der Stadt begegneten uns viele Leute im Sonntagstaate, die nach dem nahegelegenen Hellbrunn wanderten, dessen stattliche Bäume über die Gartenmauer einladend hervorragten.
Nach ein Uhr trafen wir in unserer Wohnung wohlbehalten ein und brachten unsere Toilette und unsere neuen Erwerbungen in Ordnung, stärkten uns auch durch ein Paar Tassen Kaffee und begaben uns sodann nochmals zu Herrn Director Süß, um von ihm Abschied zu nehmen. Wir fanden hier den Landschaftmaler Georg Petzold, dessen Arbeiten, die in 92 Blättern mit Ansichten aus Salzburg und Tyrol bestehen, ich in dem städtischen Museum kennen gelernt hatte. Das Gespräch kam auf die oft muthwillige Zerstörung alterthümlicher Kunstdenkmale. Ich erzählte, wie in einem sächsischen Städtchen der Rathsdiener, dem zugleich die Ueberwachung der archivalischen Schätze anvertraut war, eine ebenso billige als vortreffliche Schuhwichse anfertigte und verkaufte, deren sich namentlich auch der Senat des Ortes bediente. Als nun einmal Jemand den Rathsdiener fragte, wie in aller Welt es nur möglich sey, daß er ein so vorzügliches Gewerbserzeugniß liefere, erwiderte derselbe, daß dies mit Hilfe der alten Wachssiegel geschehe, welche in einem Kasten an mehreren Pergamenturkunden sich vorfänden. Das geschah noch zu Anfang dieses Jahrhunderts. Der Küster von Rochlitz rühmte sich gegen mich noch im Jahre 1823, daß er den Herren und Frauen Communicanten einen wesentlichen Dienst geleistet, der auch bei männiglich volle Anerkennung gefunden habe. Vor dem Altare lagen nämlich Grabsteine, deren hochemportretende Wappen er mit der Holzaxt weggemeiselt hatte. In Salzburg dagegen hatte man die schönen Statuen, welche vom Brande des Domes noch übrig geblieben, in Gartenzäune vermauert und eine Schale aus weißem Marmor, die in den Ruinen Juvaviums gefunden worden, als Rinnstein verwendet. Wir trösteten uns über derartige Erlebnisse, so gut wir konnten.
Wir nahmen Abschied von den Alterthumsfreunden und wanderten gemächlich über die Salzachbrücke, die heute zum Sonntag ganz besonders belebt war. Wir sahen die Frauen in dem Goldhelme, der mit einer Nadel am Zopfe befestigt ist, die Ringelhauben aus Gold oder Silber; die wohlhabenden Landleute umgeben ihren Spitzhut mit einer Schnur, an welcher zwei reiche Goldquasten über die Krempe herabhängen; noch reichere haben goldene Schnuren um den Hut. Gar häufig tragen sie den Gemsbart, den man übrigens zu kaufen bekommt. Wir begingen nochmals alle uns lieb gewordenen Plätze und gelangten in der Dämmerung auf den Stiftskeller, wo wir Freunde antrafen.
Montag, den 8. September erwachte ich noch ganz voll eines der seltsamsten Träume, die mir in meinem Leben vorgekommen. Ich befand mich in einem tageshellen Raume, sah aber über mir wie in einer verdichteten Luftschicht allerlei große und kleine Fische umherschweben. Je mehr ich mich über diese seltsame Erscheinung freute, desto deutlicher wurde sie mir, bis sie sich allgemach wiederum zerlöste.
Unser freundlicher Wirth hatte sich erboten, uns heute Vormittag nach dem Fürstlich Schwarzenbergischen Park Aigen zu geleiten. Der Himmel war allerdings auch heute trüb und schien den am Sonnabend unterlassenen Regen heute nachholen zu wollen. Wir machten uns indessen marschfertig und begaben uns auf den Weg. Wir gingen die Salzach entlang, stromaufwärts, bis wir an eine Fähre gelangten, die an einem über den Fluß gespannten Seile lief. Wir gelangten auf einen Wiesengrund, den ein mit der Salzach parallel laufender Arm durchschnitt. Es war ein langer auf Blöcken ruhender Steig zu passiren, ehe wir auf die Straße kamen, die nach dem Park leitete, der sich an die Kirche und das Schloß anlehnt. Gleich am Eingange stehen prächtige Bäume, die einen stattlichen Springbrunnen umgeben. Dann führt der reinlich gehaltene Weg aufwärts. Dem Wanderer kommt ein ansehnlicher, jetzt sehr wasserreicher Bach munter entgegen, der einen laut tosenden Wasserfall bildet und den man auf mehreren Brücken überschreitet. Es fehlt nicht an manichfaltigen Felspartieen, die an der einen Stelle eine wilde höhlenartige Schlucht bilden, durch die man hindurchschlüpfen muß. Endlich gelangt man zu der bella vista, die allerdings den Namen mit vollem Rechte führt, da sich hier dem Auge eine wundervolle Ansicht über die Stadt eröffnet. Der Himmel war uns günstig und goß aus den zerrissenen Wolken die herrlichste Fülle des Sonnenlichtes über die Gegend. Die Festung Hohensalzburg lag klar vor uns und am Fuße derselben die interessanten Häusergruppen.
Wir gelangten sodann an einen freien, ebenen Platz, der mit herrlichen Buchen bestanden war und über den hinweg wir zu einer zweiten Ansicht der Gegend gelangten. Längs der Berge und an der Salzach ziehen sich von hier die Sommerwohnungen der Salzburger hin, die meist im ländlichen Style, nur eleganter und farbenreicher, erbaut sind. Diese Wohnstätten sind durchgängig mit schönen Gartenanlagen und Baumgruppen umgeben.
Wir stiegen nun wiederum abwärts und warfen dann einen Blick in das freundliche Kirchlein, das am Eingange des Parks hingestellt und mit Gemälden auf Goldgrund, Kreuzfahnen und bunten Statuen verziert ist.
Auf unserm Wege durch die Wiesen begegnete uns ein englischer Gentleman, der sich durch eine deutliche, in deutscher Sprache abgefaßte Anfrage bei uns zu überzeugen suchte, ob er auch wirklich auf dem richtigen Wege nach des Prinzen Swartschenbech Slosch Aickra sich befinde, und dann höflich dankend weiter dahin schritt.
Wir gingen an der Salzach herein, am Birgelstein vorbei, durch die Vorstadt Stein und eilten nach dem Dom, wo heute Fräulein Lutzer singen sollte. Es kamen uns zahlreiche Landleute entgegen, die Frauen in reichem Schmuck. Die Messe war jedoch im Dom bereits vorüber, und wir begnügten uns mit der Betrachtung der Gemälde und Sculpturen, die er in so reicher Fülle darbietet. Dann aber schlenderten wir nach St. Peters Keller, um uns durch trefflichen Schinken und Ruster von der Morgenpromenade zu erholen.
Ich begab mich dann nochmals in das städtische Museum, um den reichen Inhalt desselben noch einmal durchzugehen. Dann aber begann das unvermeidliche, aber immer unangenehme Geschäft des Einpackens und die Plage mit der aufgequollenen, getragenen Wäsche, den manichfachen neuerworbenen Büchern, Steinen und anderen Sachen. Wie oft in der Welt, ging es diesmal besser von Statten, als wir erwartet, und wir behielten noch Zeit zu einem, dem Abschied gewidmeten Gange durch alle Theile der uns so lieb gewordenen Stadt. Das Glück führte uns auch einen Fuhrmann zu, der es übernahm, uns morgen für den gewöhnlichen Satz von sieben Gulden nach Ischl zu fahren. Wir nahmen den dazu erlesenen Einspänner in Augenschein und hatten somit alle unsere Geschäfte in Ordnung, da wir auch unsere Pässe visirt erhalten hatten.
Zum Schlusse traten wir in St. Peters Keller und hatten eben Speis und Trank unter Bürgern und Landleuten erhalten, als der Regen auf’s Neue und überaus fleißig seine Arbeit begann. Wir nahmen Abschied von Wirth und Kellner und gingen nach Haus, da unsere gütigen Wirthsleute uns heut Abend mit in das Concert der Liedertafel nehmen wollten.
Die salzburger Liedertafel hat ein stattliches Local im Gasthofe zur goldenen Traube. An den Wänden sind die Embleme, sowie die Wappen anderer österreichischer und bairischer Liedertafeln aufgehängt. Man nahm an Tischen Platz und konnte sich nach der Karte Speisen geben lassen.
Das Concert selbst ward gut von Männerstimmen ausgeführt, vor Allem aber sprach das gemüthvolle Loblied auf Steiermark an, das auch allgemeine Begeisterung erregte, während das Lied von den deutschen Bundesstaaten die größte Heiterkeit hervorrief. Einer der Herren brachte noch ein Lebehoch auf die 14. Versammlung deutscher Land- und Forstwirthe aus, zu deren Ehren das Concert veranstaltet war. Zur Erwiederung sprach ein durch Alter und Verdienst ehrwürdiges Mitglied der Versammlung einige Worte des Dankes. Einen überaus angenehmen Eindruck machten die Vorträge eines Virtuosen auf der Zither. In Norddeutschland ist dieses in den Gebirgsländern südlich der Donau allbeliebte Instrument gar nicht bekannt, obschon die Mischung der Darm- und Drahtsaiten überaus liebliche und eigenthümliche Töne hervorbringt. Am schönsten nehmen sich freilich die Schnaderhüpfeln darauf aus und langsam gehaltene Märsche.
Man zeigte uns noch die der Gesellschaft gehörigen Pocale und Trinkhörner, die sie für ihre Leistungen als Preise gewonnen hat und die in einem besonderen Schranke aufbewahrt werden.
Endlich mußte geschieden seyn, und wir begaben uns erfreut von dem so heiteren, als anständigen Ton, der diese Gesellschaft belebte, zur Ruhe.
Dienstag, den 9. September, erschien verabredeter Maßen unser Einspänner bald nach 7 Uhr vor unserer Hausthür. Wir nahmen dankend herzlichen Abschied von unseren liebenswürdigen Wirthsleuten und stiegen in den eleganten Wagen, der auch gegen Regen genügenden Schutz darbot.
Wir rollten über die Salzachbrücke durch die wohlbekannte Linzer Gasse, das Linzer Thor auf die Landstraße hinaus bis an den Fuß des steilen Berges. Hier stiegen wir aus, um dem guten Grauschimmel eine Erleichterung zu verschaffen. Unser Fuhrmann, ein hübscher Mann mit wohlwollendem, scharf geschnittenem Gesicht und stattlichem braunen Barte, theilte uns mit, daß er dem Kaiser als Soldat in dem ungarischen Feldzuge gedient, auch ein Tagebuch über seine Fahrten und Abenteuer geführt habe. Er lobte die Ungarn als gar gute Menschen, die ihm viel Wohlwollen erwiesen. Er berichtete auch über die Russen, die er dort gesehen und deren großartigen Appetit er bewundert, wobei er bemerkte, daß sie durchaus nicht ekel gewesen und rohe Kartoffeln und Kürbisse nicht verschmäht hätten. In Folge dessen hätte freilich die Cholera große Verheerungen unter ihnen angerichtet. Sonst lobte er ihre Gutmüthigkeit und die Schönheit ihrer Cavalerie. Er sagte, daß er sich gern in Ungarn niedergelassen hätte, daß er aber seine Mutter hier habe, die er doch nicht verlassen könne. Es war ein überaus gutmüthiger Mensch.
Der Berg war erklommen, wir stiegen wiederum ein und fuhren durch die freundliche Gebirgsgegend bis nach Hof, wo abermals gehalten und dem Grauschimmel eine Erholung gewährt wurde. Er hatte dieselbe Sitte, wie sein brauner Vorfahr, hie und da eigenmächtig an den Wassertrögen zu halten und einen frischen Trunk zu thun.
Wir hatten den gewaltigen, mit Personen angefüllten Postwagen, der eine halbe Stunde vor uns abgefahren war, bereits überholt und kamen daher auch vor demselben fort. Der Weg senkt sich nun nach dem Fuschelsee hinab, den wir in schönster Beleuchtung zur Linken hatten. Dann steigt die Straße wieder empor und geht im Walde fort. Auf den Bergen lag Schnee, und es erreichte uns jetzt ein Regenwetter, das mit Schneeflocken untermischt war und den Wagen möglichst zu schließen uns nöthigte.
Als wir jedoch an den Punkt gelangten, wo der Wolfgangsee sichtbar wurde, ließ das Wetter nach, und wir konnten den Wagen verlassen und, die herrliche Aussicht genießend, den Berg herein zu Fuße gehen, ja sogar die Mäntel von uns thun.
Diesmal traten wir in St. Gilgen in das große Gastzimmer, aus dessen Küche die Dünste des Mittagsessens hervorquollen, wenn die ansehnliche Gestalt der rührigen Wirthin hereintrat und die Wünsche der Gäste vernahm oder erfüllte. Es war dieselbe Frau, die wir acht Tage früher unter dem Schimmer des Goldhelmes erblickt hatten. Diesmal ersuchten wir zunächst um eine Suppe und erhielten auch bald eine jener oberösterreichischen Suppen mit fleischlichem Inhalt, die mir für ein ganzes Mittagsessen genügen. Ich ließ jedoch noch ein Rindfleisch auftragen, dessen Vortrefflichkeit zu weiterem Essen verleitete. Löffel und Gabeln waren auch hier von Silber und das Tischzeug überaus sauber und nett. Das Lob ihres Mittagsessens vernahm die gute Wirthin mit freundlicher Miene.
Nachdem wir ein Stündchen geruhet, spannte unser Fuhrmann wiederum ein; wir wollten eben einsteigen, als ein Wagen am Gasthof hielt, der zwei Damen von unserer Bekanntschaft, und zwar von meiner Straße, heranführte. Das gab denn natürlich große Freude und gegenseitige eilige Mittheilungen.
Wir fuhren weiter; die Sonne war mittlerweile aus den Wolken getreten und berührte den Wolfgangsee und seine malerischen Ufer auf das Anmuthigste. Die Oberfläche des Wassers spielte in allen Nuancen des Blau bis in Violett und Grün. Die Büsche und Bäume am Wege funkelten noch naß vom Regen, und wir ließen, um uns diesem herrlichen Schauspiele ganz hinzugeben, den Wagen zurückschlagen.
Wir hatten bald den Postwagen, der in St. Gilgen frische Pferde vorgelegt hatte, überholt und eilten durch die bekannte Gegend dahin, so daß wir zeitig in Ischl eintrafen und im Gasthofe zur goldenen Krone abstiegen. Die freundlichen Kellnerinnen empfingen uns als alte Bekannte und brachten uns auf unser früheres Zimmer, wo wir nicht lange verweilten. Wir begaben uns zunächst nach dem Siedehause, sahen die gewaltigen Pfannen und dann die Zuformung des schneeweißen Salzes, das in Fässer geschlagen und weiter geführt wird. Dann begingen wir die Promenaden, die Säulenhalle, die Straßen der niedlichen Stadt, die bereits einige recht stattliche Gasthöfe aufzuweisen hat. Am interessantesten war ein Gang an der Traun, wo eben ein Paar für den kleinen Fluß scheinbar colossale Kähne durch Pferde unter der Brücke hindurchgezogen wurden. Die Schiffer haben ganz eigenthümliche Schalten und Ruder. Die Ruder bestehen aus Tafeln, die etwa eine Quadratelle haben und an denen ein kurzer Stiel befestigt ist.
Mit Dunkelwerden kehrten wir in unseren Gasthof zurück und machten nun unseren, mittlerweile daselbst ebenfalls angelangten Damen unsere Aufwartung, die nun ausführliche Berichte über ihren Aufenthalt in Wien, Venedig, Inspruck u. s. w. erstatteten.
Wir begaben uns sodann in die Wirthsstube, um ein frugales Souper einzunehmen, und zogen Erkundigungen über die Wege nach Kremsmünster und St. Florian ein. Ich hatte mir vorgenommen, ein österreichisches Benedictinerstift zu besuchen, und Kremsmünster vornehmlich im Auge behalten, ein Stift, dessen Insassen so viel für die Wissenschaften geleistet. Ich war begierig, den astronomischen Thurm zu sehen und die schönen Sammlungen, die er in seinen acht Stockwerken umschließt. Das lockte sehr. Allein der Weg dahin ward als schwierig geschildert und unser Gepäck war uns ein wahres Impedimentum, wenn wir eine Fußwanderung unternehmen wollten. Ich schob indessen für heute die Entscheidung auf, und wir begaben uns zeitig zur Ruhe.
Mittwoch, den 10. September, waren wir bei früher Tageszeit auf den Beinen und in den Straßen von Ischl. Die Kaufläden boten manches interessante Gewerbserzeugiß zur Anschauung dar, so z. B. die Läden mit österreichischem Porzellan und Glas, worunter namentlich sehr viel modellirte Vesen, Thiere, die als Briefhalter dienen. Eigenthümlich sind die sogenannten heiligen Geiste, die der Landmann in der Stube aufhängt. Es sind Tauben mit ausgebreiteten Flügeln von weißer Farbe und der Größe eines Schmetterlings, die mit farblosem Glase umgeben sind. Ein anderer Laden enthielt Holzwaaren, darunter Tabakpfeifen von höchst abenteuerlicher Gestalt. Der Kopf von ungarischer Form besteht aus einem Knie von Lerchenholz, an welchem sich noch die Rinde befindet, die auch an dem einzusteckenden Deckel theilweise sichtbar ist. Der Stiel besteht aus sauber abgedrehtem und polirtem Knieholz. Als Verzierung hängen an grünseidener Schnur zwei stattliche Quasten aus Bartmoos (Usnea).
Wir beurlaubten uns dann von unseren Damen, die mehrere Tage in Ischl verweilen wollten, und begaben uns nach der Post, um mit dem Stellwagen nach Ebensee uns befördern zu lassen. Es war derselbe, der uns früher nach Ischl gebracht hatte.
Der Wagen war bald gefüllt, und die Pferde zogen an. Bis an die Traunbrücke, freilich eine gar kurze Strecke, ging Alles gut. Als aber der Weg sich hob, verweigerte das auf der Wildbahn gehende Pferd den Dienst und antwortete auf Peitschenhiebe mit Ausschlagen. Weiterhin, wo eine größere Steigung Statt findet, ersuchte der Fuhrmann uns auszusteigen — aber das Pferd wollte den namhaft erleichterten Wagen auch nicht ziehen. Da ergab es sich denn freilich bei näherer Betrachtung, daß die Seiten des armen Thieres wund waren und daß beim Anziehen die aufdrückenden Stränge demselben argen Schmerz verursachen mußten. Indessen die Reisenden wollten vorwärts, und so begann denn eine höchst unbehagliche Fahrt. Das Pferd bekam Hiebe, schlug die Stränge durch und warf beim Ausschlagen ganze Massen Straßenschlamm in den Wagen.
Daher kam es nun, da der Weg dicht am Wasser und zum Theil hoch über demselben hinführt, daß der Wagen, auf dessen Verdeck das umfangreiche und schwere Gepäck ruhte, oft arg schwankte.
Indessen gelangten wir, ohne umgeworfen worden zu seyn, glücklich nach Ebensee und standen bald wohlbehalten auf der Landungsbrücke am grünen Traunsee, vor uns zur Rechten den an 6000 Fuß hoch gerad’ anstrebenden Traunstein. Aus der Ferne näherte sich das Dampfboot und nahm die wenigen Passagiere auf, die hier der Ueberfahrt harrten. Der Wind wehte rauh, es fehlte nicht an Sprühregen, doch war der See diesmal weniger bewegt als bei unserer letzten Fahrt. Schon bevor man an Traunkirchen gelangt, öffnet sich die Aussicht nach Gmunden, und auf die flache Umgegend der Stadt. Sie liegt da, wie die Unterschrift zu dem interessanten Briefe einer theueren Person — wir beklagen, daß der Brief nun zu Ende. Das Dampfschiff kommt heran, wir verlassen unsere Plätze, die wir am warmen Schornstein uns gegen den Wind ausgewählt. Der Capitän, ein langer Engländer, und sein Gehülfe blicken prüfend auf dem Verdeck umher, die Fahrkarten werden eingesammelt, die Matrosen treten zum Anker, das Dampfschiff schwenkt und legt an der Landungsbrücke endlich bei.
Das Gepäck wurde nun nach dem vor der Stadt gelegenen Hofe der Pferde-Eisenbahn geschafft, wir lösten Fahrkarten und kehrten nach der Stadt zurück ans Ufer des herrlichen See’s, aus dem mein Gefährte sich ein Fläschchen mit Wasser aushob, das überaus klar und vollkommen farblos ist. Auch heute zeigte der See die tief dunkelgrüne Färbung, die nur am Ufer vom Ebensee etwas lichter erschien. Von der Landungsbrücke sahen wir dem munteren Treiben der kleinen Fische zu, die hier in großer Zahl versammelt sind und das Brot begierig erhaschen, das man ins Wasser wirft.
Wir begaben uns ins goldene Schiff und fanden abermals an dem Fenster einen Platz, der uns die Aussicht auf den See länger genießen ließ. Während ich meine Sachen ablege, ruft Jemand meinen Namen, und zu meiner freudigen Ueberraschung sehe ich einen Freund aus Dresden an einem anderen Tische. Es ist eine große Freude, in der Ferne unerwartet alten Freunden zu begegnen; es ist wie ein Gruß aus der Heimath, denn an jeder Person haftet eine Reihe von heimathlichen Bildern, die nun lebendig hervorquellen und der fremden Umgebung um so reizendere Gegensätze gewähren.
Endlich schieden wir vom Freunde und vom Traunsee und wanderten dem Bahnhofe zu, getreu meinem alten Grundsatze, lieber eine halbe Stunde zu früh als eine halbe Secunde zu spät zu kommen. Wir hatten Zeit, den Bahnhof, die Wagen, die Vorräthe, die ganze Umgebung gemächlich in Augenschein zu nehmen. Wir hörten auch, daß gestern Abend beim Hereinfahren eine Bremse gesprungen, daß jedoch durch schleunige Hülfe jeder Unfall verhütet worden sey. Das Fortkommen mit der Pferdebahn ist unstreitig das angenehmste und für den Reisenden, der keine besondere Eile hat, das bequemste, und doch immer noch rascher als mit dem Eilwagen. Das abscheuliche Rasseln und Klirren der Wagen, das Pfeifen, Quieken und Pusten der Locomotiven, das Stoßen und Krachen, kurz die ganze Encyclopädie der unangenehmsten, gewaltsamsten und grellsten Töne, welche eine Fahrt mit dem Dampfwagen auf längere Dauer so lästig macht, fällt hier weg, die Gefahr vor dem Umwerfen ist durch den Schienenweg beseitigt. Uebrigens sind die Wagen bequem und geräumig eingerichtet, und der Preis — von Gmunden nach Linz in zweiter Classe ein Gulden — unglaublich billig.
Gegen 3 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Man gelangt bald in eine waldige Gegend, die jedoch noch einige Male erwünschte Ansichten des See’s und seiner Umgebung darbietet. Wir hatten Zeit, unsere Nachbarschaft zu mustern. Mir gegenüber saß eine in viele wollene Shawls und Mäntel gehüllte Engländerin, die sich dem Schlaf zu überlassen sehnte und deshalb Studien zu einer bequemen Stellung machte. Nach manichfachen Versuchen beharrte sie bei der Lage des barberinischen Faun in München, d. h. sie legte den Nacken auf die Sitzlehne, schloß die Augen und öffnete den Mund.
In Lambach wurde angehalten, doch nicht lange genug, um das Benedictinerstift näher betrachten, viel weniger besuchen zu können. Die Gegend bietet nichts Außerordentliches dar, es ist immer Wald, mir allerdings stets ein lieber Anblick. In Wels hält der Zug mitten in der Straße. Zur Linken stieg hinter den Häusern eine neue, im schönsten gothischen Styl gebaute, mäßig große Kirche empor. Sie war für die Protestanten bestimmt. Im Vordergrunde trieben sich ungarische Husaren umher; diese schlanken, zierlichen Gestalten in der schmucken, knappen Tracht mit den dunkelen, ruhigen Gesichtern nehmen sich überaus elegant aus. Sie haben eine Elasticität in ihren Bewegungen, die von dem schwerfälligen Gange des norddeutschen Bauern grell absticht. Die Ungarn sind ohnstreitig die jüngsten Kaukasier, welche in Europa eingedrungen.
In Wels stieg ein Mann in den Wagen, der als Unteroffizier die Kriege in Italien mitgemacht und mehrfach italienische und ungarische Staatsgefangene eskortirt hatte. Auf die Italiener, namentlich die italienische Geistlichkeit, war er gar nicht gut zu sprechen. Nach ihm stieg ein alter Herr ein, der seinen kleinen Enkel bei sich hatte. Da der Wagen sehr besetzt war, so wurde der Knabe neben der Engländerin untergebracht. Mein Nachbar, der eben eingestiegene Kriegsmann, knüpfte ein Gespräch mit der Engländerin an, sie gab zu erkennen, daß sie kein Deutsch verstehe, nahm trotzdem aber den niedlichen Knaben in ihren Schutz und sorgte gar freundlich für bequemen Sitz des schlafmüden Kindes. Der Nachbar versuchte nun in gebrochenem, sehr laut ausgesprochenem Deutsch eine Conversation mit der wohlgesinnten Fremden zu führen. Er mußte jedoch seine Versuche bald aufgeben, zumal da sie bald eben so fest, wie der in ihren Schooß gesunkene Knabe schlief. Mittlerweile war es dunkel geworden und der Entschluß gereift, Kremsmünster und Florian aufzugeben und von Linz aus nach Göttweig und Wien zu gehen. Aus der Ferne schimmerte hie und da ein Lichtlein, in der Straße konnte man die Telegraphenstützen und die Bäume nothdürftig wahrnehmen. Ich ergötzte mich an den Streiflichtern, welche die Wagenlaternen in den oft nahe herantretenden Wald warfen, und den Strahlen, die zuweilen meteorartig aus den Wächterhäusern über die im Schlaf befangenen Wagen-Insassen hinzuckten.
Endlich war der Weg vollbracht, die weiße Kirchhofmauer von Linz vorüber und der Bahnhof erreicht. Hier wurden die Pässe abgegeben und das Gepäck einem Karrenführer anvertraut. Wir schritten durch die öden Straßen, die bei Laternenlicht sich fremdartig darstellten, fürbas, bis wir einen alten Herrn trafen, der mit uns ein Stück Weges vorwärts ging und uns dann weitere Auskunft gab. Weiterhin trafen wir einen Kaiserlichen Soldaten, der uns bestätigte, daß wir auf dem rechten Wege nach dem schwarzen Bock wären.
Hier fanden wir als alte Bekannte gar freundliche Aufnahme und unser altes Zimmer. Zehn Uhr war freilich vorüber, allein wir setzten uns doch erst in die Gaststube und nahmen ein Souper ein, das nach dem langen Wege trefflich mundete.
Donnerstag, den 11. September, erhoben wir uns erst nach der Sonne, ordneten unser Gepäck und gingen dann bei freundlichem Himmel aus, um die Stadt Linz recht gemächlich in Augenschein zu nehmen. Zunächst schritten wir nach dem Markte, der allerdings bei seiner namhaften Länge und verhältnißmäßigen Breite einen überaus stattlichen Anblick gewährt. Er ist mit reich verzierten Häusern umgeben, in der Mitte erhebt sich die Pestsäule Karl’s VI. Auf einem gewaltigen Unterbau steigt eine Säule empor, die ganz mit steinernen Wolken umgeben ist, an welcher Engel angebracht sind. Zu oberst thront die Statue der heiligen Jungfrau. Die Farben sind weiß und Gold. Es hält schwer, eine klare Ansicht des ganzen kolossalen Werkes zu erhalten, da es mit Detail überladen ist. Es ist aber jedenfalls eine Zierde des Platzes, den außerdem zwei Brunnen schmücken. Von hier gingen wir nach der auf 15 Jochen ruhenden, 864 Fuß langen Donaubrücke, die die herrlichsten Ansichten darbietet. Auf der Stadtseite sind sehr ansehnliche Gasthäuser errichtet, unter denen Erzherzog Karl das hervorragendste; hier ist der Landungsplatz der Dampfschiffe, wo auch namhafte Vorräthe an Kohlen, Holz und Waarenballen aufgehäuft sind. Man sieht auch hier flache Böte, in denen die Waschweiber lautschwatzend ihr Werk treiben. Dann traten wir in eine Kirche, die im Style des vorigen Jahrhunderts reich und bunt verziert war.
Wir schritten nach dem Markte zurück, wo ein lebendiger Verkehr sich entwickelt hatte. Wir nahmen besonders die stattlichen Schaufenster der Kaufleute in Augenschein, die überaus geschmackvoll und zierlich angeordnet waren. Da sah man z. B. einen Kaiserlichen Adler aus Angelhaken, Heften und Nadeln hübsch zusammengestellt, dann die verschiedenen Backwerke, die halbmondförmigen Kupfeln, die Brezeln und die echinitenartigen Brötchen zu einem Ganzen geordnet. Die Läden der Korbflechter zeigten Tische, Stühle, Körbe, Consolen und andere kleinere Gefäße; sehr reich waren die Läden mit Porzellan aus Ellnbogen und Kadan; die Kunsthandlungen hatten Heiligenbilder, Portraits der Helden des letzten Krieges und Scenen aus demselben ausgestellt. Reich an niedlichen Arbeiten waren die Vorräthe der Gipsgießer, der Goldschmiede, die prachtvolles Kirchengeräth, Leuchter, Monstranzen und Kelche zur Schau gestellt hatten. Linz ist eine Fabrikstadt, und die Schaufenster der Schnittwaarenhändler zeigten geschmackvolle Baum- und Schafwollenstoffe. In einer Nebengasse reizte der Laden eines Wachswaarenhändlers, der mit Kerzen, wächsernen Blumen, Engeln, Heiligen angefüllt war.
Wir schritten sodann durch das stattliche Landhaus, dessen venetianisches Portal in buntem Marmor und Gold prangt, und gelangten sodann auf die Promenade, die mit schönen Platanenalleen verziert ist. Hier findet sich ein elegantes Kaffeehaus, und von hier gelangt man nach der breiten Landstraße mit sehr ansehnlichen öffentlichen Gebäuden und Kirchen.
Wir hatten dasmal die Absicht, die öffentliche Bibliothek zu beschauen, und trafen, obschon eben Ferien, den Secretair derselben, einen freundlichen, diensteifrigen Mann. Zunächst sah ich die Kataloge mir an. Dann legte mir Herr Laurenz Christlbaur eine sehr sorgfältig gearbeitete Uebersicht über die Geschichte der Anstalt und die vorzüglichsten Schätze derselben vor. Die Bibliothek gehört eigenthümlich dem Stifte Kremsmünster; der Kaiser giebt jährlich 300 Gulden zu anderweiten Anschaffungen. Sie hat etwa 20,000 Bände, die in mehreren Zimmern trefflich aufgestellt und gut gehalten sind. Sie besitzt die Petersburger Acten, die Wiener Jahrbücher der Literatur, gute historische Werke, kann aber bei den sehr beschränkten Mitteln nicht sonderliche Fortschritte machen.
Wir begaben uns in das Zimmer der Handschriften; viele derselben mußten früher nach Wien wandern. Doch waren noch manche schätzbare Sachen vorhanden, wie ein schönes Evangelium aus dem 12., eine deutsche gereimte Bibel aus dem 14. Jahrhundert mit einigen sehr interessanten Miniaturen, ein deutsches Gebetbuch des 15. Jahrhunderts. Besonders merkwürdig ist ein gemaltes Herbarium des 16. Jahrhunderts, welches an das in der Königlichen Bibliothek zu Dresden (B. 71.) aufbewahrte von Kenntmann erinnert.
Wir dankten dem freundlichen Collegen für die zuvorkommende Güte, mit der er uns diese Schätze erschlossen, und setzten unsere Wanderungen durch die Stadt fort. Zunächst war unser Ziel die Höhe außerhalb der Stadt, welche das Jesuitenkloster trägt. Wir gelangten an die berühmten, in den weichen Sandstein eingeschnittenen Bergkeller, die 300 Fuß tief in den Berg hineingehen, und aus denen schornsteinartige Luftzüge hervorragen. Hier werden die Bier- und Weinvorräthe der Linzer Wirthe aufbewahrt, bevor sie Verzehrungssteuer davon entrichten. Wir stiegen den Hohlweg aufwärts, rechts sah der Thurm der Jesuiten mit dem rothgelben gothischen Giebel aus dem grünen Laube hervor. Wir wandten uns jedoch links und gelangten auf eine Anhöhe, die die herrlichste Ansicht über die Stadt und das Donauthal gewährte. Die Thürme der Stadt stellen sich stattlich dar. Die bekannten Maximiliansthürme, die ich im Jahre 1838 genauer betrachten konnte, bemerkt man von hier oben gar nicht, wie denn der Reisende, der von jenen Thürmen keine Kunde hat, sie bei dem Hereinfahren auf der Pferdebahn meist übersieht und keine Ahnung hat, welch’ ein militairisch wichtiger Punkt die Stadt Linz ist.
Wir begaben uns vor Tisch noch auf den Markt, um die Wachtparade zu sehen. Wir hörten die einfache Trommel und sahen die Wachtmannschaft, bestehend in einem Offizier mit etwa 25 Mann, ganz einfach der Hauptwache zuschreiten, wo die Ablösung in aller Ruhe stattfand. Eine Parade gab es nicht, wie wir denn weder in Salzburg, noch in Wien eine solche zu sehen die Freude hatten.
Bei Tische trafen wir mehrere Offiziere, anspruchlose heitere Männer, die sich ihre und ihrer Freunde Erlebnisse aus den letzten Kriegen mittheilten. Es macht einen freundlichen, wohlthuenden Eindruck, daß sich durchweg die in gleichem Grade stehenden Offiziere der Kaiserlichen Armee du nennen.
Wir verweilten nicht länger, als nothwendig, bei Tische und waren eben in unser Zimmer zurückgekehrt, als ein Brief aus der Heimath eintraf und die Versicherung brachte, daß dort Alles in bestem Wohlseyn. Briefe aus der Heimath sind dem Reisenden wahre Erquickungen, wenn ihr Inhalt ein befriedigender ist und wenn er schon Tage lang darauf gehofft hat.
Wir traten nun aufs Neue unsere Wanderung an; zunächst besuchten wir die Brücke und betrachteten die in der Nähe derselben gelagerten mannichfachen Schiffe; dann nahmen wir unsern Weg aufwärts am rechten Ufer des Stromes, dessen grünlich graue, trübe Fluth sehr rasch dahinströmt. Auf dieser Seite ist das Ufer gemauert. Es kamen gewaltige Holzflöße von Regensburg her. Bei einem Gasthofe mit öffentlichem Kegelgarten sah man ansehnliche Vorräthe von den Sohlenhofer Kalksteinplatten, die hier und längs der Donau zum Belegen der Hausfluren und Vorsäle benutzt werden und durchgängig einen Quadratfuß Flächeninhalt haben. Mancherlei Fuhrwerk begegnete uns auf der Straße, meist mit den kolossalen Pinzgauer Rossen bespannt. Wir bemerkten nächstdem auch hier die auffallende Größe und Wohlbeleibtheit der Hunde. Katzen sah man wenige. Was uns bereits in Salzburg und dessen Umgebungen aufgefallen, war die Seltenheit der Vögel in den Gefilden. Die bei uns so häufigen Krähen, Feldtauben, Sperlinge und andere Vögel erschienen außerordentlich selten. Wild haben wir gar nicht gesehen.
Es war uns noch übrig, den Kirchhof zu besuchen, der, außerhalb der Stadt gelegen, eine große Fläche Landes einnimmt. Man passirt zunächst den Linz-Gmundener Bahnhof und schreitet an einer langen, weißen Mauer hin, ehe man in die Allee tritt, die nach dem Eingange hinführt. Das Innere des Kirchhofs ist durch mehrere Mauern in verschiedene Räume getheilt. Wie in St. Sebastian zu Salzburg, ziehen sich längs der Mauern Familiengrabstätten hin, die jedoch nicht übermauert sind. Man war eben mit Hinwegräumung einiger Mauern beschäftigt. Das Ganze machte durchaus nicht den würdigen Eindruck der Salzburger Todtenstätten. An Denkmalen war wenig Ausgezeichnetes vorhanden. Auch vermißten wir die sorgfältige Pflege der Gräber. Gar auffallend war ein, wohl dem 17. Jahrhundert angehöriges Relief, welches in die Kirchhofmauer eingelassen war. Es war eine Darstellung der Sündfluth. Das Ganze war durch eine Wolkenschicht in zwei Theile geschieden. Der obere Theil zeigte eine wohlbesetzte Tafel, an welcher Männer und Frauen Speis’ und Trank im Uebermaß zu sich nahmen und sich herzten und küßten. Einer der Männer gab bereits die genossenen Speisen wieder von sich. Andere tanzten paarweise neben der Tafel. Links stand die Arche und vor derselben Vater Noah, der mit der Hand den in toller Lust sich ergötzenden Leuten abmahnend winkte. Ein Mann im Vordergrunde beantwortete diese Winke mit einer überaus unanständigen Geberde. Unterhalb der Wolkenschicht sah man die Sündfluth, Menschen und Thiere, mit den Wellen ringend und vergebens nach Rettung strebend. Die Figuren waren etwa sechs Zoll hoch, die Ausführung sehr mittelmäßig. Am Eingange des Kirchhofes war neben der Wohnung des Todtengräbers eine Menge zerbrochener Todtenkreuze und Sargbreter aufgehäuft, was den übelen Eindruck, den das Ganze machte, nicht eben zu mildern geeignet war.
Auf dieser Seite der Stadt beginnt die große Ebene, die sich bis hinter Wels zieht. Das Land ist gut angebaut, die Vorstädte dehnen sich hier weit heraus, unter anderen auch die sehr belebte Landstraße.
Wir begaben uns mit einbrechender Dämmerung nach Hause und nahmen eine neue Verpackung unserer Sachen vor, dann aber gingen wir in die Gaststube, wo wir Gesellschaft und belehrende Unterhaltung über österreichische Zustände fanden.
Der 12. September, Freitag, brachte einen wolkenbedeckten Himmel, welcher freilich für die bevorstehende Donaufahrt nicht eben tröstliche Aussichten verhieß. Wir verfügten uns nach dem Dampfschiffe Wien. Ein Kanonenschuß gab das Zeichen zur Abfahrt, und man suchte für das kleine Gepäck eine sichere Stätte in der Kajüte. Von den Ufern sah man im raschen Vorüberfliegen von hier aus durch den immer dichter strömenden Regen nur wenig mehr als den Schimmer der Gebäude. Man näherte sich dem Strudel und Wirbel, wir traten in die Mäntel gehüllt auf das Verdeck. Das Dampfschiff bezwingt jedoch die Wellen gar leicht, und der Reisende, der nicht besonders auf den Strudel aufmerksam gemacht wird, dürfte denselben leicht übersehen. Der Strom ist allerdings zwischen Felsen ziemlich zusammengedrängt, die selbst bei dem dichten Regengrau einen erhabenen Anblick gewähren. Der Name Ips, das im Nibelungenlied genannte Pechlarn, namentlich aber Mölk lockten uns aufs Neue aus der Kajüte. Namentlich stellt das Benedictinerstift Mölk sich überaus stattlich dar. Weiterhin folgt das liebliche Dürrenstein, über der Stadt sieht man die Trümmer des Schlosses, in dem Richard Löwenherz gefangen gehalten wurde.
Jetzt ließ auch der Regen nach, und wir gewahrten in der Ferne alsbald das Ziel unserer heutigen Fahrt, das große Benedictinerstift Göttweig auf dem runden 800 Fuß hohen Waldberge. Auf der Donau überholten wir einen flachen Kahn, in welchem 14 Pferde standen; sie schienen derartiger Fahrten gewohnt zu seyn und zeigten durchaus keine Befremdung über das vorbeibrausende Dampfschiff. Die Matrosen trafen nun Anstalt, den Mastbaum und den Schornstein niederzulassen, was mit Leichtigkeit bewerkstelligt wurde. Alsbald schlüpfte das Schiff durch die hölzerne Donaubrücke vor der Stadt Stein und schwenkte dann in großem Bogen dem Lande zu.
Stein liegt am Ufer der Donau lang hingedehnt, und die vielen hier aus- und eingeschifften Menschen und Waaren, sowie die zahlreich am Ufer aufgeschichteten Kästen, Fässer und Ballen zeigen, daß wir uns hier auf dem Stapelplatze von Mähren befinden. Wir begaben uns mit dem Gepäck in Eder’s Gasthaus und traten auf den nach der Donau gerichteten Balcon, von wo aus wir mit dem Fernglase uns die Gebäude von Göttweig näher zu bringen suchten. Wir bemerkten die langen Fensterreihen, die stattlichen Frontispize und Thürme.
Nachdem wir mit Speis’ und Trank uns erquickt, ergriffen wir die Reisetaschen und schritten am Ufer entlang nach der Donaubrücke, deren Länge 570 große Schritte beträgt. Wir schritten durch Mautern, ein alterthümliches, sonst unansehnliches Städtchen, und gelangten auf die Hochstraße, an welcher hie und da Betsäulen angebracht sind. Zu beiden Seiten ist wohl angebautes Feld. Wir bemerkten unter den Früchten auch Mais. Der Himmel schien sich zu lichten, in bester Hoffnung rollten wir unsere Mäntel auf und schritten rüstig fürbas. Es kam uns ein Gensdarm entgegen, der uns artig um unsere Pässe ersuchte und uns freundlichst Auskunft über den Fußweg nach dem Stift ertheilte.
Der Weg steigt fortwährend an, und das Städtchen Furth ist schon ziemlich hoch am Fuße des Berges von Göttweig gelegen. Hinter dem Ort führt der Fußsteig in den Wald. Da begann aufs Neue der Regen, so daß wir Mäntel und Schirm eilig entfalten mußten. Der Weg ist steil, doch wohl gebahnt, und so sahen wir nach einer halben Stunde die weißen Klostermauern über uns durch die grünen Wipfel der Kiefern blinken. Wir schritten nun neben den alterthümlichen Resten der alten Burg über die Brücke in den Hof, wo sich das zwischen zwei Thürmen erhebende Kirchenportal stattlich darstellt. Wir traten in die Klosterpforte und übergaben dem Pförtner unsere Karten mit der Bitte, sie unserem Freunde, dem Bibliothekar des Klosters, zuzustellen. In wenigen Minuten hörten wir seinen Tritt, und er stand im Kleide des heiligen Benedict vor uns. Die Freude des Wiedersehens war um so größer, als die Ungunst der Witterung sie noch vor wenigen Tagen sehr zweifelhaft gemacht hatte.
Der Freund geleitete uns auf unsere Zimmer, die eine prachtvolle Aussicht auf das Donauthal gewährten. Es war ein hohes Gemach mit blauen reichvergoldeten Ledertapeten, solidem Parket, reicher Stuccaturdecke, Sammetstühlen und Marmortischen. In prachtvollen Goldrahmen blinkten venetianische Spiegel. Das Zimmer meines Begleiters, etwas kleiner, war mit einem großen Gemälde, Apollo und Marsyas, verziert. Für alle Bequemlichkeiten war wohl gesorgt. Die Toilette wurde rasch geordnet und dann zunächst dem Herrn Abt ein Besuch abgestattet. Se. Gnaden empfingen mich mit Herzlichkeit und Wohlwollen.
Nachdem wir uns etwas erfrischt, begaben wir uns nach der Bibliothek; sie ist in einem geräumigen, durch zwei Stockwerke gehenden Saale aufgestellt. Die Decke ist mit Stucco und Fresken geschmückt, der Fußboden ist Marmor, die Bücherschränke bestehen aus braungebeiztem Holze, das reich geschnitzt und mit Vergoldung geziert ist. Um das Ganze läuft eine Galerie, auf welche in der Ecke Wendeltreppen führen. Auf den in der Mitte angebrachten Tischen stehen Erd- und Himmelskugeln. Daneben befindet sich ein Gemach, das nicht minder stattlich eingerichtet ist und die Incunabeln und Handschriften enthält.
Vor Allem zeigte uns der Freund die von dem Pater Vincenz Werl überaus fleißig und sorgsam gearbeiteten Verzeichnisse der hier verwahrten gelehrten Schätze; das der Handschriften umfaßt drei Bände, die ich mir zu näherer Durchsicht erbat und mit auf mein Zimmer nahm.
Wir gingen abermals zu dem Herrn Abt und begaben uns sodann mit diesem in das Winterrefectorium, einen geräumigen gewölbten, geschmackvoll im älteren Styl gemalten Saal. Oben quervor steht die Tafel, an welcher der Abt mit den Gästen und den älteren Beamten des Stifts sitzt. Eine andere, für die jüngeren Herren bestimmte Tafel steht der Länge nach.
Wir traten ein, die Benedictiner reihten sich zu beiden Seiten längs der Wand, und der Prior begann das Gebet, in welches abwechselnd die übrigen, auch der Abt einstimmten. Darauf nahm man Platz, der meinige war zwischen dem Abt und dem Prior. Mir gegenüber saßen der Kämmerer des Stifts, der bekannte Geschichtforscher Friedrich Blumenberger und der Secretär des Hauses Pater Heinrich. Der Abt bedeutete, daß wir heute gerade einen Fasttag getroffen; wir versicherten jedoch, daß die Fischcoteletts unserem Appetit vortrefflich zusagten. Das Gespräch bei Tische wurde mit jener Mäßigung geführt, welche stets das Zeichen einer guten Gesellschaft ist.
Die Tafel wurde mit Gebet geschlossen. Die Väter entfernten sich meist, wir blieben mit dem Abt und unserm Freunde, der die Würde des Subpriors bekleidet, noch eine Weile bei einem Glase Wein sitzen. Dann geleitete uns der Freund durch die langen marmorbelegten Corridore nach unserem Zimmer.
So waren wir denn im Kloster. Mein Begleiter warf sich gar bald dem Schlaf in die Arme, ich saß noch beim Lichte und genoß die wahrhaft heilige Stille und Ruhe, die hier oben, hoch über dem städtischen Getreibe herrschte. Man vernahm nur das Rauschen des Mühlbachs, der unten im Thale bei Furth thätig war, und den Laut des Windes, der die Wipfel der Kiefern zu unseren Füßen aus dem Traume scheuchte.
Wie stach dieser Aufenthalt ab gegen den auf dem Dampfschiffe und in der Cajüte desselben, wo 30 Menschen in einem Raum zusammenstaken, der 30 Fuß lang und 12 Fuß breit, aber höchstens 8 Fuß hoch war. In dem Stifte von Göttweig wohnen etwa 30 Väter; dann leben dort der Apotheker mit seiner Familie, die Oekonomen, die weltlichen Diener, Beamten und andere, die hier Beschäftigung finden, etwa 70 Köpfe, so daß im Ganzen an 100 Menschen den Gipfel des Berges innehaben.
Die Gebäude sind überaus stattlich, durchgängig steinern und massiv erbaut. Ueberaus prachtvoll ist die große Treppe, deren Wände weiß und goldverziert sind. Die Decke schmückt ein colossales Freskobild von Troger, den Sieg der Wahrheit und die Apotheose Kaiser Karls VI. darstellend. Die langen, breiten und hohen, mit ansehnlichen Fenstern erleuchteten Corridore sind mit Gemälden verziert. Einige derselben stellen Scenen aus dem Leben des heiligen Benedict dar, gemalt von Hötzendorffer, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts im Kloster und von demselben lebte. Hötzendorffer war Landschaftmaler, und seine legendarischen Bilder sind auch vorzugsweise höchst genial ausgeführte Landschaften, in denen der Heilige und seine Genossen nur als Staffage erscheinen. In einem der Corridore sieht man die Bilder einiger Aebte, von denen mich das des würdigen Gottfried Bessel am meisten interessirte. Das Stiftsgebäude ist sehr umfangreich, sein Grundriß ist von der Gestalt des Berges bedingt. Die nach der Donau gerichtete Seite ist befestigt. Die Kirche befindet sich in der Mitte des Ganzen. Das Stift ist jedoch noch nicht vollendet, und der Theil, welcher gegenwärtig noch unscheinbare Wirthschaftsgebäude enthält, sollte eine stattliche Façade darstellen und den Hof umschließen, dessen Glanzpunkt die Kirche gebildet haben würde, deren Thürme noch nicht beendigt sind. Im Jahre 1718 brannte das Stift ab; Abt Gottfried hatte einen Plan entworfen, den er nach Wien einsandte. Kaiser Karl VI. fand denselben jedoch der Bedeutung des Stifts keineswegs angemessen. Er ließ durch seinen Hof-Baumeister Lucas von Hildebrand einen anderen herstellen, und der Abt begann nach diesem den Bau. Er hatte die Absicht, die eigentlichen Wohnstätten zuletzt auszuführen, da er die Ueberzeugung hatte, wenn nur erst das dulce hergestellt, werde sich das utile schon von selber finden. Allein der Convent war anderer Ansicht, und diesmal wurde das Nothwendige dem Schönen vorgezogen. Am 2. Juli 1719 legte Abt Gottfried den Grundstein, 1720 erhob sich die Ostseite des Hauses, und am 8. Nov. 1724 konnte der Convent einziehen. 1728 vollendete der Hausmaler Pyß das Deckenbild des Sommerrefectoriums, 1743 malte Troger die Decke der Treppe. Abt Gottfried starb 1749, Mittlerweile waren die unseligen Schlesischen Kriege in Gang gekommen, welche eine so große Fülle von Elend in ihrem Gefolge hatten. Der Bau des Stiftes gerieth ins Stocken, und noch heute steht die Abtei Göttweig unvollendet da, eines der unzähligen Denkmäler jener Zeit der Zerrissenheit der deutschen Nation und des unfruchtbaren Ehrgeizes ihrer Glieder.
Sonnabend, den 13. September, war ich bei guter Zeit am Schreibetisch, um mir aus dem Verzeichnisse der Handschriften Notizen zu machen. Der erste Band desselben enthält eine fleißige Zusammenstellung des Wissenswürdigsten aus der Handschriftenkunde, nebst einer Darstellung der ältesten, in Göttweiger Manuscripten vorkommenden Papierzeichen, woran sich dann das Verzeichniß der alten bis zum 16. Jahrhundert reichenden Handschriften schließt. Der zweite Band ist vorzugsweise durch die Beschreibung des gelehrten Apparates des Abts Gottfried gebildet, den dieser zu Herstellung des Chronicon Gott vicense brauchte. Der gelehrte Verfasser des Katalogs, Pater Vincenz Werl, gegenwärtig Hofmeister des Göttweiger Hofes in Wien, hat einen Abriß der Lebensgeschichte des Abtes Gottfried beigefügt. Die Ordnung der Bessel’schen Papiere ist ebenfalls sein Werk. Zu beachten ist dabei, daß Pater Vincenz bei seiner schwierigen Arbeit durchaus nicht mit der Fülle von Hülfsmitteln versehen war, die bei derartigen Arbeiten so wünschenswerth sind.
Unter den Handschriften finden sich freilich keine Schätze ersten Ranges; nur wenige reichen, wie das Psalterium (2.), in’s 9. und, wie die Tironischen Noten, in’s 16. Jahrhundert. Indessen bieten doch die 800 Bände manchen schätzbaren Beitrag zur Literatur des Mittelalters. Vor Allem zeigen sie, welchen ausdauernden Fleiß die Benedictiner in ihren literarischen Arbeiten hatten; in der einen Handschrift befindet sich das Verzeichniß der Bücher, welches Bruder Heinricus der Kirche zubrachte. Die Manuscripte gehören zumeist der kirchlichen Literatur an. Doch ist auch Anderes darunter, wie Marbod’s Gedicht von den Edelsteinen, die Mirabilia Romae, Hermanns Chronik, Solinus, ein Herbarium des 13. Jahrhunderts. Die Gesta Romanorum, Guido von Columna, Walters Alexanderis, viele Schriften des Albertus Magnus, ein deutsches Trojabuch, Gesundheitsordnungen, Büchsenmacherei u. dgl. Daß die Marienliteratur und die der Legenden, Predigten u. dgl. zahlreich vertreten ist, scheint ganz in der Ordnung.
Mich interessirte vor Allem die Lebensskizze Gottfried Bessel’s, welche Vincenz Werl dem 2. Bande seines Handschriftenkatalogs vorangeschickt hat. Abt Gottfried war unstreitig einer der bedeutenderen Prälaten seiner Zeit und ein nicht minder gewandter Diplomat, als gründlicher Gelehrter und thätiger Kunstfreund. Er war zu Buchheim am 5. Sept. 1672 geboren und muß eine gründliche Bildung genossen haben. Er war sehr thätig bei der Bekehrung der braunschweigischen und mecklenburgischen Fürsten und hatte deshalb viele Reisen unternommen. Seine gelehrte Thätigkeit als Gründer einer nationalhistorischen Akademie in seinem Stifte, deren Frucht das Chronikon, wovon leider nur zwei Theile erschienen sind, ist allgemein anerkannt. Neu war es mir, daß Abt Gottfried bereits in dem ersten Viertheil des vorigen Jahrhunderts eine Trivialschule bei dem Stifte errichtet hat. Möchte es doch dem Manne, der dazu unstreitig die meiste Befähigung und die nothwendigen Hülfsmittel hat, Herrn Vincenz Werl, gefallen, eine ausführliche Lebensbeschreibung dieses gelehrten Prälaten zu schreiben und dadurch einen wichtigen Beitrag zur deutschen Culturgeschichte des 18. Jahrhunderts zu liefern. Die bis jetzt gedruckten Nachrichten über Abt Gottfried sind zu dürftig[2].
Meine Arbeit ward oft unterbrochen, denn wenn die Sonne aus den Wolken trat, ward ich nach dem Fenster gezogen, um die herrliche Aussicht zu genießen, die sich hier darbot. Da sah man das prächtige Donauthal, zur Linken das Städtchen Dürrenstein mit den über demselben am Berge hangenden Trümmern der Burg. Unten an unserem Berge zeigte sich das Städtchen Furth, mit dem Fernglase bemerkte man, was auf den Straßen vorging, weiterhin Mautern mit dem spitzigen Steinthurme, umgeben von Weingärten und Feldern. Dann erblickte man die Donaubrücke von 19 Jochen. Drüben aber an den waldbekrönten Rebenbergen streckten sich die sauberen Städte Stein und Krems, zwischen denen das ehemalige Kloster Und gelegen, in langer Linie hin. Nach der rechten Seite dehnte sich das Grün der Landschaft in unabsehbarer Ferne an dem glänzenden Spiegel der Donau dahin. Welche Wolkenbildungen, welche Lichtwirkungen gab es da zu beobachten.
Beim Kaffee, zu welchem appetitliche Weißbrotschnitten gegeben wurden, überraschte uns unser Freund. Er führte uns zunächst in die Kirche, deren Chor außen noch die Ornamente des 15. Jahrhunderts an sich trägt. Das Gebäude wurde beim Brande am 17. Juni 1718 von den Flammen verschont. Schiff und Thürme sind modern, letztere nicht vollendet. Das Innere der Kirche ist ganz in dem neueren, österreichischen Kirchenstyle ausgeschmückt. Der bilderreiche Altar wird durch zwei ein Frontispice tragende Säulen gestützt. Er ist überreich bemalt und vergoldet. Die Chorstühle, so wie die Seitenaltäre zeigen ebenfalls reiches Schnitzwerk. Decke und Säulen prangen in Stuccoornamenten und Frescomalerei. Der Singechor trägt eine Reihe musicirender Engel; dahinter glänzt die in drei Abtheilungen gebaute Orgel. Die Grabstätten der letzten Aebte sind in den Abseiten des Chors. Nicht ohne innige Ehrfurcht sahen wir die Marmorplatte, hinter welcher die Gebeine des verdienten Abts Gottfried und die seines Nachfolgers Magnus Klein ruhen.
Wir begaben uns sodann in das Naturaliencabinet, das ein achteckiges Thurmzimmer einnimmt. Im Vorzimmer befindet sich das Modell des Werkes, welches dem Stifte vom Fuße des Berges das nöthige Wasser zuführt, dann aber auch ein, mit Florentiner Pietradura trefflich ausgelegter Schrank.
Die Naturaliensammlung enthält nur wenige zoologische Gegenstände, einige Schädel, Mumientheile, Muscheln, Narwalzähne; desto schätzbarer ist die Abtheilung der Mineralogie. Es sind nicht allein zahlreiche, sondern auch ansehnliche und seltene Sachen, besonders Erze hier beisammen. Der in der Nähe entdeckte Gurhofian oder dichte Bitterkalk war natürlich in Prachtexemplaren vertreten. Da seit einigen Jahren unter den Herren kein Mineralog vorhanden und mehrere neu dazugekommene Stufen noch nicht bestimmt waren, so übernahm mein Begleiter eine Durchsicht und Anordnung der Sammlung, wobei einige der Patres ihm hülfreiche Hand leisteten.
Zu Mittag Punct Zwölf rief die Glocke die Brüder in das Refectorium; wir holten den Herrn Prälaten ab. Wir waren nun schon ganz bekannt mit unseren liebenswürdigen Herren Tischgenossen, die uns zum Theil im Naturaliencabinet aufgesucht hatten. Der Prior, Pater Benedict Wild, und der Pater venerabilis, ein alter, fast erblindeter Herr von 84 Jahren, vernahmen gern sächsische Nachrichten, während Pater Blumenberger interessante Mittheilungen über die mit den zum Stift gehörigen Ortschaften obschwebenden Ablösungsangelegenheiten machte. Auch hier hat man dem Kloster Arges zugemuthet und seit dem Jahre 1848 jede Abgabe hartnäckig verweigert. Ja die Demokraten haben oft genug aufgefordert, dieses Pfaffennest zu zerstören. Die Herren Patres sind jedoch im Besitze von 6 dreipfündigen Kanonen und 60 gezogenen Büchsen, mit denen sie die ihnen treuergebenen Klosterleute bewaffnet hatten. Das Kloster ist nächstdem befestigt und war auf einen plötzlichen Ueberfall genügend vorbereitet.
Nach Tische folgten wir dem Prälaten mit unserem Freunde und dem Secretair, dem heiteren Pater Heinrich, auf sein Zimmer, um eine Tasse Kaffee einzunehmen. Der Prälat bewohnt eine Reihe Zimmer mit der Aussicht nach der Donau. Hier sind einige nette Kunstwerke aufgestellt, namentlich ein Crucifix aus Elfenbein von besonderer Schönheit, eine heilige Magdalene von Van Dyk und mehrere gute Portraits von Mitgliedern des Hauses.
Wir begaben uns sodann in die Naturaliensammlung, wohin die schöne Aussicht und die übrigen, noch vorhandenen anderweiten Merkwürdigkeiten lockten. Es waren mehrere Richtschwerter hier aufbewahrt, deren eins mit folgender Inschrift versehen war: