DER-KAVFT-E-DAZ VAIL-1444.
WIRT . VNT. E . DAS . VERLORN . WIRT.
  DER . STIRBT . E . DAS . ER . KRANCK . BIRT.

Daneben steht ein Rad. Auf der anderen Seite ist: der Galgen eingeschlagen und der Name des Waffenschmieds oder des Besitzers: MICHAEL * PRUNER * Der Spruch muß unter den Scharfrichtern der Donaulande sehr beliebt gewesen seyn, da wir denselben bereits in Salzburg gefunden hatten. In einem der Mineralienkästen sah man eine viereckige Flasche mit engem Halse, in deren Inneres ein ganzes Bergwerk aus mehreren Stockwerken eingebaut war. Die Bergleute hatten die alte sächsische Tracht und rothe Hosen. Das eigenthümliche Werk stammte jedenfalls aus dem vorigen Jahrhunderte. Von einem Hüttenwerke waren nur noch Trümmer vorhanden. Nächstdem gab es Bezoarsteine, seltsam gestaltete Wurzeln, Mosaiken, Korallen und andere Curiosa, die man ehedem als Verzierung der Naturaliensammlung aufstellte.

Ich ging dann mit dem Collegen in die Bibliothek und ließ mir die Handschriften vorlegen, die ich mir in dem Katalog ausgezeichnet hatte. Es sind sehr schätzbare Sachen, namentlich Kirchenbücher, vorhanden. Ich bemerkte als ein Prachtstück ein nautisches Werk, auf dickes Pergament gezeichnet und in der bekannten Art der Portolanen schön mit Farben und Gold erhöht: Christoph. Eusenii Sacerdotis descriptio Archipelagi & Ciclarum aliarumque insularum vom Jahre 1422. Dabei befanden sich aber auch noch Karten von Sicilien, Sardinien, Corsika und England. Das Ganze war trefflich erhalten.

Noch schöner ist Nr. 453, ein Breviarium des 15. Jahrhunderts, auf Pergament mit flandrischen Miniaturen und Randmalereien von der höchsten Zierlichkeit und Vollendung. Unter den ersteren zeichnet sich ein Ecce homo aus, dann ein Blatt, das den schwarzen Tod auf einem schwarzen Elenn mit schwarzer Sense darstellt, der die Päpste und Fürsten abmähet. Die Randleisten zeigen Feldblumen, Safran, Erdbeeren, dann auch Vogelkäfige in den reichsten Arabesken.

Wir sahen dann einige der zahlreichen Bände durch, welche den Apparat zu dem Chronicon Gotvicense bilden. Diese Bände enthalten unter Anderem auch die überaus sorgfältig auf Wachspapier ausgeführten Durchzeichnungen der Urkunden, die Abt Gottfried in Kupfer stechen ließ. Hier wird ferner die umfangreiche Correspondenz dieses gelehrten Prälaten aufbewahrt. Diese zahlreichen Briefe, Blätter und Hefte hat der überaus fleißige Pater Vincenz Werl auf das Gewissenhafteste und Trefflichste geordnet, numerirt und verzeichnet. Darunter finden sich auch deutsche poetische Versuche Bessel’s, die gewiß für die Charakteristik desselben höchst wichtig sind.

Als es dunkelte, kam Pater Wilhelm mit meinem Sohne in die Bibliothek, aus der ich mir einen Miscellancodex auf mein Zimmer nahm, der eine deutsche poetische Bearbeitung der Legende von der heiligen Catharina enthielt.

Wir spazierten noch ein wenig ins Freie, besahen die älteren Partieen des Hauses, die gegenwärtig von den Oekonomen benutzt werden, und gingen außen herum. Von hier aus sieht man den steilen Berg hinab in ein liebliches Thal, das den Brunnen enthält, welcher das Stift mit Wasser versorgt. Dort unten ist eine Mühle, ein Dörflein, die Geburtsstätte des Herrn Prälaten, und ein Kirchlein, bei welchem die verstorbenen Brüder ihre letzte Ruhestätte finden.

Wir traten nun an die massiven Festungswerke, die in der That unersteiglich scheinen, da der Berg hier überaus steil abfällt. Es ist diese Nordseite ziemlich felsig und unfruchtbar. An einigen Stellen steht der Granit zu Tage. Hier ist die Aussicht nach Dürrenstein sehr schön.

Wir kehrten, da ein Regenwetter aus Nordost heranzog, in das Haus zurück und begaben uns in das neben dem Refectorium gelegene Billardzimmer, dessen Wände mit einer kleinen Bildergalerie verziert sind. Wir fanden hier den Pater venerabilis Victorinus, der in den Kriegsjahren um 1809 eine dem Stifte gehörige Pfarrei innehatte. Er erwähnte, daß damals ein königl. sächsischer Hauptmann bei ihm im Quartiere gelegen, der ihm gegen die Anforderungen der Kriegsvölker schützende Abwehr geschafft habe. In jenen Tagen litten die Stifter Oesterreichs außerordentlich. Die französischen Soldaten richteten besonders in den Weinkellern gewaltige Verheerungen an. Dem Kloster Göttweig hätte die Ehre, Napoleon einige Stunden zu beherbergen, fast den Untergang gebracht. Der Kaiser hatte sich in den Kaiserzimmern mit einigen Generalen über die Operationen berathen. Da bemerkt ein Adjutant, daß die mit Tapeten bekleideten Wände hohl sind, und beschuldigt die Väter, daß sie dem Kaiser diese Zimmer in der Absicht angewiesen, um in den hohlen Wänden einen Horcher aufzustellen. Man überzeugte jedoch die kriegerischen Gäste von der Nichtigkeit dieses Verdachtes. Der gute Vater Victorin erzählte noch manchen Zug aus den unheilvollen Kriegsjahren, bis wir, dem Rufe der Glocke folgend, uns in das Refectorium begaben.

Es waren bei dem Herrn Prälaten eben Briefe aus Ungarn eingegangen, wo das Stift Göttweig ansehnliche Besitzungen in dem Kloster Zalavar inne hat. Dieses Gebiet ist von bei Weitem größerem Umfange als das, welches es in Oesterreich besitzt. Der Abt sprach die Hoffnung aus, daß, wenn nur erst die nächsten Folgen der Revolution beseitigt und der Anbau jenes reich begabten, fruchtbaren Landes in ernsten Angriff genommen worden, dem Staate sich dort ganz frische Quellen des Einkommens eröffnen würden. Das größte unter den äußeren Hemmnissen sey der Mangel an Straßen und anderen Verkehrsmitteln. Der Prälat besucht von Zeit zu Zeit jenes Stiftsgebiet. Das Gespräch wandte sich nun noch den Erlebnissen der Jahre 1848 und 1849 zu; der Abt war damals zu Wien bei dem Reichstage anwesend, umgeben von den Schrecknissen der Revolution. Wir saßen noch lange in der Besprechung damaliger Zustände und in gegenseitigen Mittheilungen der Einzelheiten.

Sonntag, den 14. September, begab ich mich zeitig an den Schreibtisch. Draußen tobte der Sturm und warf Regenströme an die Fenster. Ich begann die Copie der Legende der heiligen Catharina aus der wohlerhaltenen, zierlichen Pergamenthandschrift. Unser Freund erschien nach dem Frühstück und fragte an, ob wir wohl geneigt wären, die Kirchenmusik mit anzuhören; ich nahm den Vorschlag mit Dank an und bat nur, daß man uns in der Kirche einen Platz anweisen möge, wo wir durch unsere Gegenwart keine Störung verursachen könnten. Bald darauf klangen die wohlgestimmten Glocken der Kirche, durch die Wolken brach sich ein Sonnenstrahl Bahn. Vom Corridor aus sah man Landleute zur Kirche schreiten. Halb Zehn erschien unser Freund und geleitete uns auf das Musikchor; hier saßen einige der Herren Benedictiner mit ihren Streichinstrumenten bereits an den Pulten; der eine spielte Cello, ein alter achtzigjähriger Herr handhabte den Violon, vor den Pauken saß Pater Paulus, ein ebenfalls schon sehr bejahrter Herr. Nächstdem verstärkten einige Laien die Musik. Der Regens chori, Pater Hermann, stand bei dem Chor der Knaben.

Die Messe war von Michael Haydn und wurde von den Mitwirkenden mit wahrer Meisterschaft ausgeführt. Die Krone des Ganzen war meinem Gefühl nach das Ave Maria von Michael Haydn. Wir verließen mit herzlichem Dank für diese musikalische Anregung sodann die Kirche, deren Altar sich heute im reichen Kerzenschimmer überaus stattlich ausnahm. Das Presbyterium oder der hohe Chor ist um 13 Stufen über dem Schiff der Kirche erhöht, so daß die im Schiffe versammelten Andächtigen die heiligen Handlungen fortwährend im Auge haben.

Wir begaben uns hierauf in dasjenige Thurmzimmer, welches die Alterthümer, die Münzen und die Kupferstiche enthält. Wir sahen zunächst die Münzen. Besonders zahlreich und vollständig sind die römischen vertreten, unter denen wir Prachtexemplare in Gold und Silber fanden. Doch fehlt es auch nicht an jenen griechischen Goldmünzen, welche als wohlerhaltene Kunstwerke erscheinen. Man zeigte uns ferner eine große Anzahl mittelalterlicher Bracteaten, dann wohlbesetzte Reihen größerer Medaillen in Silber, dabei auch die auf Gottfried Bessel mit der Ansicht des Klosters (siehe das Titelblatt).

Wir vernahmen die Mittagsglocke und eilten nach dem Refectorium; auf dem Corridor trafen wir den Herrn Prälaten. Heute zum Sonntag ward ein Gericht mehr aufgetragen, auch nach dem Essen Kaffee servirt. Nach Tische begaben wir uns in das Billardzimmer, um die hier aufgehängten Gemälde näher zu betrachten. Es sind meist Genrebilder und Landschaften der deutschen und niederländischen Schule. Ersterer gehört ein Mann in der Tracht des 16. Jahrhunderts, der den Virgilius studirt, letzterer eine überaus eigenthümliche Allegorie. Auf einem Pulte liegt ein geschlossenes Buch in einem jener leichten Pergamentbände, wie sie im 17. Jahrhunderte in Spanien und den spanischen Niederlanden üblich waren. Daneben steht ein Messingleuchter mit Lichtscheere und einem ziemlich niedergebrannten verlöschten Lichte. Dahinter machen sich Urnen, ein Todtenkopf, bronzene Münzen und Lampen bemerklich, wie die Ausgrabungen altrömischer Culturstätten sie liefern. Durch eine geöffnete Thüre blickt man in ein antiquarisches Museum. An der Wand des ersten Zimmers sind Bilder aufgehängt, eine ländliche verliebte Scene, ein betender Mann, eine Landschaft und ein Alchymist. Wir versuchten die Deutung dieser Zusammenstellung. Einer der Alterthumsfreunde, wie sie seit dem 16. Jahrhunderte am Niederrheine und in den Niederlanden durch die dort gefundenen Römerdenkmale herangebildet wurden, scheint hier seine Lebensansicht bildlich ausgedrückt zu haben. Er bekümmerte sich nicht um die durch Kriege zerrissene Gegenwart, sondern zog sich in die frühe Vorzeit zurück, der er in seinen bescheidenen Räumen einen Tempel errichtet hatte. Die Freuden der Liebe hatte er an den Nagel gehängt, ebenso die kostspieligen alchymistischen Versuche und die von umherstreifenden Kriegsleuten unsicher gemachten Landschaften. Wir waren zweifelhaft, was das Bild des Betenden bedeute. Nicht unwahrscheinlich ist, daß jener Zeitgenosse von Chevalier, Smetius, den Scaligern und anderen Philologen zu einem geheimen Cultus der olympischen Götter geneigter war als zu der Befolgung der vom Staate anerkannten Gebräuche.

Unter den hier aufgehängten Bildern hatte man zwei Landschaften mit Wasserfällen früher als Salvator Rosa bezeichnet. Vorzüglich waren zwei reiche Fruchtstücke mit Kürbis und Melone. Von den übrigen nenne ich nur Landschaften von Brand, 1789, kleine Scenen von dem fruchtbaren Kremser Schmid, dann ein Frühstück, Punsch, Champagner und Weintrauben, überaus fleißig ausgeführt. Es fehlte nicht an Aquarellen. Die ganze Sammlung mag etwas über 100 Nummern haben. Sie ist erst in neuer Zeit zusammengestellt worden und lag früher unbeachtet in abgelegenen Räumen wild durcheinander.

Von hier begaben wir uns abermals in das Thurmzimmer zu den Münzen und Kupferstichen. Diese kostbare Sammlung füllt über 200 Bände, und die deutsche Schule allein hat 12000 Blätter, über welche Pater Vincenz Werl ein sorgfältiges Verzeichniß gefertigt hat. Hier zeigte man uns einen ganz eigenthümlichen Calender, einen Prachtband, der 12 Doppeltafeln enthält, welche die in Email ausgeführten Bilder der Calenderheiligen vorstellen.

In dem Vorzimmer sind viele Reliefs in Marmor, Alabaster und Bronze aufgehängt. Ein Schrank enthält Majolicagefäße, gemalte und geschliffene Glasbecher, Elfenbeinkrüge, Becher, die aus Nautilus und anderen Muscheln gebildet sind; man sieht hier ferner allerlei orientalische Messer, Handschare, Jagdblätter, Dolche, Schuhe, Specksteinfiguren, eine Corda; dann sind mehrere kleine vorrömische und römische Gefäße vorhanden, die in hiesiger Gegend ausgegraben werden, unter anderen eine Framea, ein Legionstein mit der Inschrift: LEG. II. PR. I. und einem strahlenumgebenen Mithraskopfe, dann aber auch eine große Anzahl römischer Urnen und Gefäße von der bekannten, in den Grenzprovinzen üblichen Gestalt. Zu den Seltenheiten des Cabinets gehört eine Holztafel, die mit byzantinischem Schnitzwerk bedeckt ist.

Während nun mein Gefährte in die Naturalienkammer sich begab, um dort seine Arbeit fortzusetzen, schrieb ich fleißig an meiner Legende, bis die Dämmerung mich aufzuhören nöthigte und der Freund uns in das Zimmer des Regens chori geleitete.

Hier war Kammermusik. Einige der Herren spielten ein Quartett von Mozart auf. In dem großen, hohen Zimmer nahm die Musik sich trefflich aus, zumal da die wenigen Zuhörer, worunter ein alter weltlicher Beamteter des Stiftes, sorgfältig jede Störung vermieden. Da konnte man so recht diesen Tönen folgen und dem bunten Leben, das sie entwickeln. War doch dieses Quartett ein Blick in das menschliche Leben. Die vier Instrumente stellten gleichsam vier Personen dar; die erste Violine einen jungen Menschen, dessen unbestimmtes, extravagantes Wesen immer oben hinaus will und dem die zweite Violine gar zu gern Gesellschaft leistet. Das Cello lenkt aber immer wieder mit unablässiger Milde und Geduld in die rechte Bahn hinein, und es sendet oft die Bratsche nach, die ihn zurückzuführen sich bemüht, bis er denn am Ende mit den älteren Gefährten willig geht und alle Viere in schöner Harmonie dahin schreiten.

Diese Saiteninstrumente haben nun freilich den Vorzug größeren Ausdrucks. Der Künstler bildet und schafft die Töne selbst, er kann, wie Pater Heinrich sagte, mit dem Herzen spielen, und somit dringen auch seine Töne wieder zum Herzen.

In den Pausen kamen auch allerlei Erlebnisse zur Sprache, welche die Herren sowohl in ihrer Jugend in den Seminarien, als später in ihrer Stellung als Regentes chori erlebt hatten. Bei dem Stift Göttweig besteht nicht allein eine Lehranstalt für junge Theologen, sondern es ist auch hier eine Schule, ein Alumnat für die Sängerknaben des Chors.

Pater Heinrich war früher Vorsteher derselben gewesen, Pater Rudolf darin erzogen worden. Wie überall ist auch hier die liebe Jugend gleich der ersten Violine zu allerlei Unfertigkeiten und Tollheiten geneigt. Auch hier hält sie gleich den Kletten zusammen und duldet keinen Verrath.

Pater Wilhelm erzählte eine Geschichte, die sich vor geraumer Zeit in einem der österreichischen Seminare zugetragen: Einer der Seminaristen hatte den Urheber einer Tollheit dem Lehrer verrathen. Da beschließen seine Cameraden, demselben eine Strafe angedeihen zu lassen, die an die Handlungen der alten Vehme erinnert. Das Loos sollte Denjenigen bestimmen, der an dem Delinquenten dieselbe zu vollziehen habe. Man kam überein, daß Keiner dem Anderen sagen solle, ob und welches Loos er gezogen. Die Zeit der Rache naht, die Mitternachtstunde schlägt. Der ganze Cötus erhebt sich auf einmal aus den Betten, schreitet mit den über den Kopf gehängten Bettdecken in feierlichem Zuge um das Bett des Sträflings, so daß diesem vor Entsetzen schier das Blut in den Adern gerinnt. Zuletzt tritt der vom Loos Gewählte an sein Bett heran und versetzt ihm eine tüchtige Ohrfeige, worauf Alles wieder in die Betten fährt. Es war unmöglich, den Thäter zu ermitteln.

Indessen rief die Glocke zur Abendtafel, wo noch anderweite Geschichten dieser Art uns lange versammelt hielten, so daß wir ziemlich spät erst zur Ruhe gelangten.

Die folgende Nacht brachte argen Sturm und heftige Regengüsse, der Morgen des 15. Septembers aber in dem Donauthale ein wundervolles Himmelschauspiel. Der scharfe Ostwind trieb von der Wiener Gegend eine gewaltige Wolkenmasse herein, die uns den Anblick der jenseits der Donau gelegenen Berge theilweise verdeckte. Diese waren von der Sonne beleuchtet und glänzten, wenn die Wolken einmal rissen, dahinter hervor. Dann drehte der Wind die Spitzen der Wolken zusammen, so daß sie sich ballten. Wie sie dem Klosterberge naheten, sprühete ein feiner Regen daraus hervor.

Ich beendigte mittlerweile meine Abschrift der Catharinenlegende. Dann aber führte uns der Freund abermals in die Kirche, wo wir uns die Gemälde und die hinter dem Altare angebrachte Capitelstube ansahen, in deren Mitte ein unter dem Fußboden befindlicher Ofen angebracht war. Diese unter dem Fußboden gelegenen Oefen, wie sie ehedem in römischen Gebäuden und heute noch in China üblich, sind ohnstreitig überaus zweckmäßig, und es ist unbegreiflich, warum sie in der bürgerlichen Baukunst von Mitteleuropa gar keinen Eingang haben finden wollen.

Wir sahen dann in einer halbunterirdischen Vorhalle die aus rothem Marmor gearbeiteten Grabsteine der älteren Aebte, die jedoch nicht über das 15. Jahrhundert hinausgehen. Wir gingen darauf in die Apotheke. Sie ist überaus stattlich eingerichtet und mit der Büste eines Pferdes verziert, das an der Stirn ein prachtvolles Narwalhorn trägt. Ein anderes, nicht minder schönes Exemplar wird nebenher aufbewahrt. Es waren außerdem noch mehrere Haifische und Schildkröten aufgehängt. Die Gefäße befanden sich im besten Stand.

Hinter der Apotheke ist der Ueberrest des vom Feuer verschonten Kreuzganges, den der Apotheker für seine Zwecke benutzt. Auch hier sahen wir noch mehrere Inschriften, die Erbauungsjahre andeutend, und Grabsteine, unter denen sich der eines Abtes vor allen durch treffliche Arbeit auszeichnete. Er hatte jedenfalls ehedem auf einer Tumba gelegen, stand jetzt aber an der Wand. Der alte geistliche Herr war in seiner Amtstracht dargestellt, mit Mütze, Handschuhen und Mantel bekleidet und auf das Paradebett hingestreckt. Der Stein war gemalt, übrigens aber, bis auf die Nase, ganz wohl erhalten. Ich drückte dem Freunde den Wunsch aus, daß man doch diese ganz interessanten Kunstdenkmale sammeln und irgendwo vereinigt der Betrachtung darbieten möge. So im Getriebe des Verkehrs sind sie doch nur steten Beschädigungen ausgesetzt.

Von hier begaben wir uns in die sogenannten Kaiserzimmer, zu denen von dem Sommerrefectorium eine Thür führt. Das erste derselben ist mit gewirkten Tapeten von Arras bekleidet, welche niederländische Landschaften mit Bauerstaffagen darstellen. Die venetianischen Spiegel sind mit prachtvollen Rahmen versehen. In dem zweiten Zimmer herrscht mehr moderner Geschmack, man sieht darin die Büste des Kaisers Alexander von Rußland und die Oelgemälde des Kaisers Ferdinand und seiner Gemahlin. Die Stühle sind ebenfalls mit gewebtem Zeuge überzogen und die Darstellungen mit französischen Devisen illustrirt. Wir begaben uns von da in ein anderes Thurmzimmer, das eine reizende Aussicht nach Dürrenstein, Stein, Krems und der Wiener Gegend darbietet. Eine Eigenschaft, die sämmtliche Zimmer des Stiftes theilen.

Nach Tische wurde zuvörderst bei dem Herrn Prälaten der Kaffee eingenommen. Darauf hatte mein Sohn die Ehre, demselben die von ihm heute beendigte Aufstellung der Mineraliensammlung zu zeigen. Bei dieser Gelegenheit wurde nun manches der werthvollen Stücke, an denen die Sammlung so reich ist, in näheren Augenschein genommen und die Eigenthümlichkeiten desselben betrachtet.

Wir begleiteten sodann unsern Freund auf sein Zimmer, wo wir die in einen Prachtband vereinigten vier ältesten Denkmale der Buchdruckerei betrachteten. Er zeigte uns ferner seine entomologischen Sammlungen und seine literarischen Apparate. Die Herren sind ganz gut untergebracht. Ein Jeder hat ein größeres und ein kleineres Zimmer, ganz nach eigenem Geschmack eingerichtet, wo er seine Apparate beisammen hat.

Wir begaben uns sodann in die Keller des Stiftes, die sehr geräumig und der Größe der ganzen Anstalt entsprechend sind. Von hier stiegen wir auf den einen Kirchthurm, um die ansehnliche Glocke in Augenschein zu nehmen. Die Thürme der Kirche sind freilich nicht ausgebaut, man hat ein Dach aufgesetzt, um das Gemäuer gegen das Wetter zu schützen. Eben so fehlt auch die Kuppel, die man der Kirche zugedacht. Wäre der ganze großartige Plan ausgeführt worden, so würde die Abtei Göttweig unstreitig eines der stattlichsten Gebäude in Deutschland geworden sein. Wie jetzt die Sachen stehen, dürfte kaum daran zu denken seyn, daß eine Vollendung jenes Planes je Statt finden werde. Die moderne Zeit hat eine anerkennenswerthe Geschicklichkeit im Zerstören und Verfallen. Zum Erhalten fehlt ihr die liebreiche Ehrfurcht für die Absichten der Väter.

Wir sahen ferner die sechs Kanonen, welche als letztes Mittel gegen rohe Gewalt hier in Bereitschaft stehen. Es sind freilich nur Dreipfünder, allerdings gar sauber aus Bronze gegossen und auf tüchtigen Gestellen — aber wir sahen Gewaltige fallen, denen mehr als sechs Dreipfünder zu Gebote standen.

»Die Zeit der Stifte und Klöster ist vorüber.« Dieses harte Wort hörten wir mehrmals auf österreichischer Erde! Als wir bei Traunkirchen mit dem Dampfschiffe vorüber fuhren, sagte ein vielgereiseter kluger junger Mann hebräischer Abkunft: Die Pfaffen haben sich doch immer die besten Plätze ausgesucht. Man muß sie ihnen abnehmen. Ich bemerkte ihm, daß alle diese geistlichen Stifte Privateigenthum seyen, wozu der Staat nie einen Heller gegeben, und daß es ein himmelschreiendes Unrecht, wenn man die Hand darnach ausstrecke. Unsere Urväter haben aus Dankbarkeit für die vielfachen, nicht blos geistlichen, sondern auch oft sehr materiellen und reellen Nutzen bringenden Wohlthaten der Kirche diese Stifte beschenkt. Sie rechneten darauf, daß die Urenkel für ihre Stiftungen dieselbe Ehrfurcht haben würden, welche sie für die Vermächtnisse ihrer Väter hatten. Die Mönche, denen sie Felder und Gelder übergaben, unterrichteten ihre Kinder, schrieben und lasen ihre Briefe und Urkunden, milderten ihren Zorn und ihre Wildheit, verklärten ihr Gemüth, trösteten sie in Noth, Angst und Tod, pflegten sie, wenn sie elend und krank waren, lehrten sie das wüste Land anbauen, brachten ihnen aus der Ferne nutzbare Samen und Kräuter, schützten ihre Unterthanen gegen ihren Jähzorn, unterrichteten sie in nützlichen Künsten — sie begruben ferner die Todten unserer Väter, erhielten das Andenken derselben und waren ihre treuen Rathgeber und Freunde. Der Jüngling konnte diese Thatsachen nicht widerlegen.

Die neue Zeit ist stark im Vergessen, daher ihre Undankbarkeit.

Es machten die sechs Dreipfünder einen gar traurigen Eindruck auf mich. Sie kamen mir vor, wie Schienen an einem gebrochenen Arm, wie Binden an einer Wunde.

Wir traten aus dem Thore und umschritten den Berg, da die Sonne eben mild und freundlich, wie tröstend das Benedictinerstift bestrahlte. Der Berg ist mit wohlerhaltenen Wegen umgeben, an denen hie und da Ruhebänke angebracht sind. Unter den Kiefern suchten wir uns Blumen zum Andenken an die Stätte, wo uns so viel Wohlwollen und Liebe zu Theil geworden. Wir fanden noch blühende Erdbeerstauden. Weiterhin hütete ein Hirt seine Schafheerde, begleitet von einem jener kolossalen Hunde, die hier zu Lande heimisch sind und die unsere Bewunderung erregt hatten. Wir gelangten zu einer felsigen Partie, die einen prächtigen Anblick in’s Thal gewährte. Dann stiegen wir aufwärts zu einem Pavillon, unter welchem sich der Ausfluß des aus dem Thale gehobenen Wassers befindet. Nahe dabei ist auch die Bahn, auf welcher die Holzvorräthe heraufgeschafft werden.

Wir traten dann an den, an der Südseite des Stiftes gelegenen Blumengarten, wo die herbstlichen Astern bereits ihre Blüthe entfaltet hatten. Nicht minder freute uns das muntere Leben, welches hier eine allerliebste Katzenfamilie entwickelte, welche gemeinsam die zierlichsten Arabesken um Blumenstengel und Rosenstämmchen bildete.

Wir begaben uns sodann in das gemüthliche Zimmer des Regens chori. Die Freunde ergriffen die Saiteninstrumente und erfreuten uns durch ein Trio von Beethoven, bis die Glocke zur Abendtafel rief, nach deren Beendigung wir noch lange beisammen waren.

Dienstag, der 16. September, brachte einen schönen klaren Morgen mit einem frischen Nordostwind. Wir waren eben am Kaffeetisch, als es klopfte. Der Herr Prälat trat in Reisekleidern zu uns; er hatte eine Berufsreise nach St. Pölten vor. Wir nahmen herzlichen Abschied und drückten dem trefflichen Herrn unseren innigen Dank aus für das liebevolle Wohlwollen, das er uns bewiesen hatte. Wir begleiteten ihn an seinen Wagen, in den er mit dem Pater Kämmerer einstieg.

Ich begab mich sodann in das Sommerrefectorium, um das von dem genialen Pyß ausgeführte Deckengemälde nochmals genauer in Augenschein zu nehmen. Es stellt die Hochzeit zu Kanaan dar. Der Künstler hat da, wo die Wände an die Decke stoßen, ein Geländer angebracht, hinter welchem in antiken Baulichkeiten die Gestalten in frischen Farben erscheinen. Er selbst ist über einer Thür, den Hut in der Hand und flott herabgrüßend, zu sehen. Es ist eine kräftige lebensfrohe Gestalt.

Die Wände des Refectoriums sind mit Klosteransichten und den Portraits von Franz I. und Maria Theresia geschmückt. Die Hauptbilder stellen Göttweig dar, gemalt von Joh. Sam. Hötzendorffer, der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in dem Kloster lebte. Das eine Bild zeigt das Stiftsgebäude in der Gestalt, die es vor dem Brande gehabt, das andere dasselbe in der Vollendung des großartigen Planes, mit ausgebauten Thürmen und der Kuppel. Jedes dieser Gemälde ist über zehn Schritt lang. Die kleineren Bilder stellen Landhäuser dar, die das Kloster in der Nähe besitzt. Die Bilder sind mit großer Feinheit und Leichtigkeit ausgeführt.

Von hier aus begaben wir uns abermals in die Kaiserzimmer, dann aber in die bei der Kirche befindliche Schatzkammer, die nicht minder schätzbare, aber doch meist moderne, aus dem vorigen Jahrhundert stammende Schmucksachen besitzt. Die Monstranzen, Kelche, die Fistula Eucharistiae, die silbernen Hände, die Abtstäbe, Ketten, Weihrauchgefäße, dann die Festkleider, Infuln, Casulen u. s. w. waren trefflich gehalten und in geräumigen Schränken aufgestellt. Am interessantesten waren mir der alte, einfache Abtstab des Bischofs Altmann und seine Gebeine, die in einem besonderen Behältnisse hier aufbewahrt wurden.

Indessen schlug die Stunde des Abschieds. Der Diener meldete, daß der Wagen bereit stehe. Die trefflichen Männer, die uns so viele Freundschaft bewiesen, geleiteten uns die Treppe hinab, und wir stiegen in den eleganten Wagen, den zwei kräftige Braune alsbald zum Thore hinauszogen. Der Fahrweg umschließt den hohen Klosterberg in weitem Bogen und gewährt schöne, reiche Aussichten in die Thäler. Wir kamen durch das Städtchen Furth und rollten immer abwärts und vorwärts. Göttweig zeigte sich nun in der Höhe, und wir sahen die Fenster unserer Zimmer. Diesmal gelangten wir auch in das Innere von Mautern. Im schönsten Sonnenschein fuhren wir über die breite Donaubrücke und bogen dann in die lange Straße, welche die Stadt Stein bildet. Wir hielten an der Hinterseite von Eder’s Gasthaus und entließen den treuen Fuhrmann.

Wir nahmen unser hier zurückgelassenes Gepäck in Empfang, besorgten die Billets zum Dampfschiff und ließen uns auf dem, der Donau zugewendeten, Balkon nieder, wo uns ein kräftiges Frühstück zur weiteren Fahrt stärkte.

Vor uns lag, allerdings in namhafter Ferne, auf hohem Berge das prächtige Benedictinerstift, wo wir so freundliche Aufnahme gefunden. Wie gern hätten wir noch länger hier oben verweilt unter den so kenntnißreichen, als wohlwollenden Männern. Wie manche Frage war uns noch übrig, wie wenig hatte ich von den handschriftlichen Schätzen der Bibliothek benutzen können.

Indessen war das Dampfschiff auf der Donau herabgeschwommen und legte sich an’s Land. Wir stiegen ein und nahmen auf dem Verdecke Platz. Das Schiff Marie Dorothea ward als besonders guter Segler geschildert.

Wir sahen so lange als möglich dem Stiftsberge nach — endlich verschwand er. Der Himmel umzog sich mittlerweile mit Wolken; der Regen ward ärger, und wir mußten in die Kajüte flüchten, wo ich endlich von dem Geschwirr der Durcheinanderredenden in festen Schlummer gebracht wurde, bis mein Sohn mich benachrichtigte, daß der Regen nachgelassen. Ich stieg wieder auf das Verdeck, in der Ferne erschien ein dunkler Kirchenthurm — es war der St. Stephansthurm von Wien.

Bald war Nußdorf erreicht. An dem Ufer hielt eine Unzahl von Wagen, Omnibussen und Fiakern, zwischen Gepäck, Waarenballen und Kohlenbergen in der Straße. Gensdarmen schritten ordnend und beseitigend umher. Wir nahmen einen Fiaker in Beschlag, das Gepäck ward aufgenommen, und wir fuhren nun zwischen Landhäusern vorwärts, als es eben drei Uhr war. Bald waren wir in der Vorstadt; an der Linie fragte ein Mauthbeamter, ob wir Zollbares bei uns hätten, und als wir ihm erklärten, unser Gepäck bestehe nur in Kleidern, gebrauchter und frischer Wäsche, hieß er uns sofort weiter fahren. Ein Vertrauen, welches wohl Kapot und Uniformmütze meines Sohnes hervorgerufen.

Wir kamen nun in lange Straßen, an stattlichen Gebäuden vorüber, fuhren durch ein Thor und endlich über die Brücke nach der Leopoldstadt, und in das Thor des goldnen Lammes. Der Fiaker hatte uns versichert, daß wir kaum wo anders als hier ein Unterkommen finden würden, da eine Unzahl Fremder in der Stadt wäre. Der Fiaker verlangte 4 Gulden, wir sandten ihm drei durch den Portier und nahmen drei Treppen hoch ein Zimmer mit zwei Betten ein. Nachdem wir rasch unsere Toilette gemacht, traten wir die Wanderung durch die Stadt an.

Wir überschritten die hölzerne Ferdinandsbrücke, gingen durch das rothe Thurmthor und gelangten in die überaus belebten Straßen der Stadt. Wir hatten unser erstes Ziel, die Stephanskirche, bald erreicht und umschritten dieselbe. Dieser Dom ist allerdings ein wundervolles Bauwerk, vor Allem aber der Thurm, auf dessen reichen, organischen Ornamenten das Auge behaglich von Bogen zu Bogen hinaufsteigt. Welche Fülle von Einzelnheiten bei der so einfachen und sicheren Construction. Wie ernst, altehrwürdig und doch wieder wie gut erhalten und frisch. — Immer kehrt aber das Auge zu dem Thurme zurück, der die meilenweit um ihn sich erhebenden Gebäude allesammt überragt. Wir treten in das Innere, dessen Verhältnisse dem Aeußeren entsprechen. Vor Allem fällt nächst der außerordentlichen Höhe die gewaltige Breite auf. Die Farbe der Säulen und Gewölbe ist ein von der Zeit geschaffenes Dunkelbraungrau, welches dem Hervortreten des architektonischen Details allerdings äußerst ungünstig ist.

Wir kehren auf den Platz zurück und bemerken bald den berühmten Stock im Eisen, eines der Wahrzeichen von Wien. Es ist dies ein Baumstummel, der über und über dergestalt mit Nagelkuppen, aller Größe, überdeckt ist, daß fortan kein neuer hineingeschlagen werden kann. Der Stock ist dicht an einem Hause und mit einem eisernen Bande daran befestigt. Durch Menschen und Wagen uns durchschiebend, gelangten wir auf den Graben, wo wir vor allen Dingen einen Plan der Stadt Wien ankauften. Wir bewunderten die überaus große Fülle und elegante Ausstellung der Kaufläden. Da sah man zuvörderst die Aushängeschilder, nach denen die Läden genannt sind, z. B. die Jungfrau von Orleans, die Erzherzogin Sophie, die schöne Schweizerin, der Palatinus von Ungarn, der Fürst Primas, wirklich künstlerisch ausgeführt und sorgfältig gepflegt, dann aber hinter den colossalen Glasfenstern die kostbarsten Waaren geschmackvoll geordnet. Uns fielen zunächst die Sachen aus Meerschaum auf, unter denen, oben am Graben, ein Meerschaumkopf von ungemeiner Größe prangte, der 500 Gulden kostete. Ein anderer, ebenfalls sehr großer Kopf, zeigte eine Türkenschlacht; dabei sah man elegante Cigarrenspitzen, auch kleine trefflich geschnitzte Statuen aus demselben bildsamen Material. Die Läden der Gypsgießer waren nicht minder reich ausgestattet und besonders wohlversehen mit Bildwerken kleineren Umfanges. Daneben hielten uns die Ausstellungen der Kunsthändler öfter fest, wo man immer das in Oel ausgeführte Bild des jungen Kaisers findet. Daneben sind prächtige Goldschmiedgewölbe mit den geschmackvollsten Arbeiten, die Läden der Waffenhändler, wo wir genug Damascenerklingen bemerkten. Der Graben ist übrigens mit einer Säule, ähnlich der Linzer, geschmückt. Auch befindet sich hier ein besuchtes Kaffeezelt.

Wir schritten nun wieder über den Kohlmarkt. Auf allen Kreuzwegen stehen Gensdarmen, welche die öffentliche Ordnung überwachen. Bei den unzähligen Fiakern — die innere Stadt hat deren allein 700 — den herrschaftlichen Equipagen, der hin- und hereilenden Fußgängern bemerkt man daher doch nirgend ein Drängen oder Stocken, man wird nirgend gestoßen und geschoben. Auffallend war mir, daß fast nirgend in den Straßen Kinder zu sehen waren. Die Gensdarmen fanden wir immer bereit, uns auf unsere topographischen Anfragen Auskunft zu geben. Soldaten sah man verhältnißmäßig sehr wenig in den Straßen von Wien.

Wir gelangten nun über den sehr belebten Michaelisplatz, an das imposante Gebäude der kaiserlichen Burg. Der Hof mit den gewaltigen Portalen, zu deren Seiten colossale Statuen des Hercules, enthält eine Wache der Grenadiere, vor welcher eine Batterie Geschütz aufgefahren ist. In der Mitte befindet sich das eherne colossale Denkmal des Kaisers Franz. Der Kaiser ist in antikem Costüm, zu seinen Füßen sind die vier Tugenden — das Ganze spricht jedoch nicht an, von keiner Seite bildet es eine schöne Gruppe. Wir begaben uns aus dem Schloßhof auf den freien Platz, und hier tritt uns das einfach schöne Burgthor entgegen, von welchem die Inschrift: Iustitia regnorum fundamentum, Kaiser Franz I. Wahlspruch, herabglänzt.

Wir wendeten uns zurück, durchschritten die Burg und betraten den Josephplatz, der mir als einer der schönsten Plätze in Europa erscheint. In der Mitte erhebt sich das schöne Denkmal Josephs II. Der Kaiser sitzt in antikem Costüm, die Rechte segnend ausgestreckt, auf einem Roß, das bei Weitem feinere Formen zeigt als das des Mark Aurel auf dem Capitol; besonders schön ist das aus hellgrauem Granit gearbeitete Piedestal. Wir konnten uns kaum von diesem schönen Platze trennen, dessen Gebäude so bedeutende gelehrte Schätze enthalten.

Wir traten in das Michaeler Bierhaus, wo wir Officiere, Geistliche und Männer aus den höhern bürgerlichen Ständen trafen, die bei einer Pfeife Tabak oder einer Cigarre Zeitungen lasen und besprachen. Wir stärkten uns mit vorzüglichem Roßbratel und schritten durch die wohlerleuchteten und noch mehr belebten Straßen nach unserem Gasthofe zurück.

Mittwoch, den 17. September, waren wir schon zeitig auf den Beinen und nahmen unseren Kaffee in dem unserem Gasthof gegenüberliegenden Kaffeehaus ein, das bereits ziemlich gefüllt war. Trotz der kühlen Luft saßen doch Herren und Damen vor demselben im Freien. Man bekommt den Kaffee in Gläsern, die in einem Messing-Futteral stehen, und zwei Küpfel, wofür man 10 Kreuzer entrichtet. An den kleinen Tischchen saßen schon ämsige Zeitungsleser. In den inneren Sälen standen Billarde. Unser erster Gang galt der Stephanskirche, die, je öfter man sie betrachtet, an Interesse gewinnt, da man immer wieder Neues aus der endlosen Fülle der Einzelnheiten herausfindet. Das bunte Dach, aus glasirten Ziegeln, hat allerdings für den, der es zum ersten Mal sieht, etwas Fremdartiges und erinnert an die Teppiche der Tiroler. Indessen gewährt es doch dem Ganzen eine gewisse Milde und Heiterkeit. Von hier wanderten wir durch die Straßen, deren treffliches Pflaster aus Granittafeln von 8 Zoll Durchmesser gebildet und überaus sorgsam gepflegt wird. Die zahlreichen Paläste und öffentlichen Gebäude sind überaus reinlich gehalten und haben durchgängig hellen, meist gelblichen Anstrich. Wir besuchten die Peterskirche, die mit einer prächtigen Kuppel gekrönt ist, welche ein reiches Freskobild hat. Das Innere der Kirche ist mit Marmor und Gold glänzend verziert. Dann traten wir in die Augustinerkirche, einen einfachen, heiteren gothischen Bau, der das berühmte Grabmal der Gemahlin des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen enthält. Es ist ein umfangreiches Werk aus weißem Marmor, dessen Kern eine auf mehreren Stufen ruhende Pyramide mit einem offenen Eingang bildet, welcher mehrere weibliche und männliche Gestalten, eine Urne tragend, zuschreiten. An der Thür ruht auf einem schlafenden Löwen hingestreckt, die zarte Gestalt des fackeltragenden Genius trauernd. Die Arbeit ist, wie an allen Werken Canova’s, meisterhaft. Glücklicher Weise wurde bei dem Brande und Zusammensturz des Thurmes dieser Kirche das Innere nicht verletzt.

Wir gingen nun nach dem in der Spiegelgasse gelegenen Göttweiger Hof, um einen Brief des Herrn Prälaten an den Hofmeister, Pater Vincenz Werl, dessen trefflicher Katalog mir so nützlich gewesen, abzugeben. Pater Vincenz empfing uns gar freundlich. Wir sprachen über die Bibliothek des Stifts und die Geschichte desselben, namentlich den Abt Gottfried Bessel. Auf meine Vorstellung, wie wünschenswerth eine Lebensschilderung dieses Prälaten sei, vernahm ich mit Freuden, daß Pater Vincenz, der so genau mit Bessel’s Arbeiten bekannt ist, nicht abgeneigt zu einem derartigen Unternehmen ist. Wir sahen bei ihm eine lithographische Ansicht des Stifts mit dem unter demselben gelegenen Städtchen Stein und erhielten diese nebst einem Bronzeexemplar der Medaille auf Abt Bessel, deren Rückseite ebenfalls das Stift darstellt, zum Geschenke. Wir nahmen herzlichen Abschied von dem so gelehrten, als wohlwollenden geistlichen Herrn und begaben uns nach dem Josephsplatze, nachdem wir uns bei St. Michael für fernere Anschauungen durch ein Roßbratel vorbereitet.

Wir traten in das Gebäude der Kaiserlichen Bibliothek. Das stattliche Treppenhaus ist mit römischen Inschriften verziert. Von da tritt man in das Bureau, welches zu gleicher Zeit als Lesezimmer dient. Es ist ein geräumiger Saal mit zwei Reihen Tafeln, die dicht mit Lesern besetzt waren. Meine Freunde, die Herren v. Karajan und D. Ferdinand Wolf waren auf dem Lande, doch verschaffte uns der Sohn des Letzteren, der ebenfalls im Dienste der Bibliothek ist, einen Führer für den großen Saal. Der Anblick dieses Saales ist nun allerdings überaus würdig und großartig. Die Länge beträgt nicht weniger als 246 Fuß, die Breite 45 Fuß, die Höhe aber entspricht diesen Verhältnissen. Ueberaus prächtig ist die al fresco gemalte Decke, die freilich bei dem Brande im October 1848 etwas vom Rauche geschwärzt worden ist, der von dem brennenden Dache des Naturaliencabinets eindrang. Mächtige Marmorsäulen tragen den gewaltigen Bau. Marmorstatuen, Erd- und Himmelskugeln stehen in der Mitte, die Bücher ziehen sich in braunen Gestellen die Wände entlang, durchweg in anständigen, ja prächtigen Einbänden. Das Ganze macht den Eindruck einer Kirche, eines Tempels der Wissenschaften. Ich gedachte der Männer, die hier gewirkt, Peter Lambricius, Kollar, Kopitar, Johannes Müller, Denis u. a. In mehreren Pulten liegen unter Glas die vorzüglichsten Schätze, wie die Peutinger’sche Tafel, der Dioscorides, Otfried, Autographen von Tasso u. s. w. Unser freundlicher Führer zeigte uns noch den Raum, wo ein Theil der 36,000 Manuscripte steht. Viele der orientalischen waren in Cedernholz gebunden.

Mir lag daran, einen Totaleindruck des großen Ganzen zu gewinnen — vom Einzelnen konnte hier nicht die Rede seyn. Mein Zweck war erreicht, und wir schieden von unserem Collegen, der mir noch einen Leitfaden für diese Schätze zum Geschenk machte.

Wir traten in’s Antikencabinet. Baron v. Sacken begrüßte uns herzlich. Er war eben damit beschäftigt, die aus Hallstadt eingegangenen reichen vorchristlichen Alterthümer zu ordnen. Es waren höchst interessante Sachen, die doch von den in Deutschland jenseits der Donau gefundenen und den nordischen wiederum verschieden sind. Unter den österreichischen Funden fällt der Mangel an Steinwerkzeugen auf; Bronze ist das herrschende Metall. Wir sahen hier schöne Schwerter, wenige Frameen, dann einen Dolch, an dem die eherne Scheide noch vorhanden; der Bronzegriff ist außerordentlich reich verziert, die platte Klinge aus Stahl. Sehr reich sind die Schmucksachen, Arm-, Hals- und Beinringe, so wie die bekannten Fibeln aus Bronze, worunter jene, die, aus zwei zusammenhängenden platten Spiralen bestehend, mit einem Dorn den Mantel auf der Brust zusammenhielt. Andere Fibeln sind mit Glas verziert. Von gebranntem Thon, buntem Glas und Bernstein hatte man Ketten und Halsgehänge. Es fehlte nicht an den langen Bronzenadeln mit vollem Knauf, die theils als Haarnadeln, theils als Pfriemen zum Nähen des Pelzwerkes dienten. Ein überaus seltsamer Schmuck ist ein, an einem Stiel befestigter Bronzering, an welchem drei andere Ringe und eine Menge Dreiecke an kleinen Kettchen befestigt sind. Unter dem kleineren Geräth erscheinen Angelhaken und kleine Pfeilspitzen. Von Gefäßen hat man große aus Bronzeblech zusammengenietete Kessel, dann aber auch Kübel, Lampen und Schalen. Von den Schalen ist der Rand der einen mit einer Reihe von je zwei Seepferden zwischen einer Sonne umgeben. Die Bruchstücke irdener Gefäße zeigen reich punktirte Linien. Die Steinsachen, ein durchbohrter Steinkeil und ein in der Weise der Nordamerikaner mit einer Rinne umgebener Stein, dann einige Schleifsteine, sind nur schwach vertreten. Eines der merkwürdigsten Stücke des ganzen Fundes ist die kleine eherne Statue eines Mannes, der mit emporgehobenen Armen und aufgerichtetem Haupte dasteht und in die Klasse der Bronzen gehört, die ich auf der 19. Tafel meines Handbuches der germanischen Alterthumskunde zusammengestellt habe.

Außer diesen merkwürdigen Sachen enthielt das Zimmer noch eine Menge der interessantesten Bronzen, worunter allein siebzehn in den Kaiserlichen Hochlanden ausgegrabene Erzhelme, von denen mehrere den griechischen Helmen des Museo Burbonino und den auf den griechischen Vasen dargestellten gleichen. Gar seltsam sind die riesenhaften Brustspangen, die vielleicht zum Schmucke der den Celten eigenen gewaltigen Götterbilder dienten. Dabei sah man prächtige Aexte aus Bronze. In überaus reicher Auswahl sind etruskische und römische Bronzestatuetten vorhanden. In den Schränken an der Wand wird die Lamberg’sche Vasensammlung aufbewahrt, für deren Detail mir jedoch diesmal keine Zeit vergönnt war. In demselben Saal waren in einem Schranke mehrere chinesische und indische Bildwerke aufgestellt, so wie ein aus Holz geschnitzter Kopf, den ich für ein altmexikanisches Idol erkennen mußte.

In dem daranstoßenden Zimmer befindet sich das berühmte Kaiserliche Münzcabinet. Unser Freund zeigte uns die prachtvollen colossalen Goldmünzen mit dem Bilde des Kaisers Valens und der Umschrift: D. N. VALENS AVGVSTVS und FORTVNA ROMANORVM. Die größte hat 180 Ducaten Gewicht. Die Kaiser gaben derartige Geschenke an verdiente Männer, von denen sie bei festlichen Anlässen, wie unsere Orden, auf der Brust getragen wurden. In dem folgenden Salon befinden sich die antiken und mittelalterlichen Goldschmucke, die in Ungarn gefunden worden sind, dann die wundervollen berühmten Onyxe, die allerdings in artistischer, antiquarischer und mineralogischer Hinsicht wahre Wunderwerke zu nennen sind. Hier befindet sich ferner jene Achatschale von 28 Zoll Durchmesser, die aus der burgundischen Erbschaft an Kaiser Maximilian I. gelangte. Die Schale ist überaus dünn und hat eigenthümliche, an chinesische Arbeit erinnernde Henkel. Im Innern derselben erblickt man von der Seite in schwachem Umriß den Namen XPISTOS. Das Werk soll bei der Eroberung von Constantinopel durch die französischen Kreuzfahrer nach dem Norden gekommen seyn. Nächstdem wird hier auch Cellini’s berühmtes Salzgefäß mit Neptun und Cybele aufbewahrt.

So sahen wir denn eine Menge der interessantesten Alterthümer leibhaftig vor uns, die wir aus Abbildungen und Beschreibungen schon ziemlich genau kannten, außerdem aber so viel des Neuen, daß sich mir die Ueberzeugung aufdrängte, ich müsse später einmal auf längere Zeit hierher zurückkehren und eine ruhigere, gründlichere Betrachtung vornehmen.

Wir gingen mit dem Freunde durch das Kärnthner Thor und verließen ihn hier, um uns über das Glacis nach dem Belvedere zu begeben. Dieses große, lang hingestreckte Gebäude liegt auf einer Anhöhe und gewährt von der Gartenseite einen reichen Anblick auf die Stadt, aus deren Häusermasse St. Stephan wie ein König gebietend emporsteigt. Der Belvedere-Palast enthält die berühmte Gemäldegalerie, deren Besuch ich für diesmal aufgab. Wer eine Galerie sehen will, muß vor Allem die dazu nothwendige Zeit mitbringen. Der Garten ist im älteren Style angelegt, ein Werk des berühmten Eugen von Savoyen; es sind mehrere gut gearbeitete Statuen und Gruppen, Bassins und dergleichen vorhanden. Nach der Stadt zu lehnt er sich an ein kleines Palais, das gegenwärtig die Ambraser Sammlung umschließt.

Wir gingen zurück und gelangten an die Carlskirche, ein modernes, aber sehr bedeutendes Bauwerk. Die Kirchenfaçade wird durch zwei große Säulen eingefaßt, um welche sich, wie an den Trajan- und Antoninsäulen, Reliefdarstellungen emporwinden. Die Capitäle tragen zwei Doppeladler, deren Flügel ein Geländer bilden. Dazwischen ragt die prachtvolle Kuppel hervor, die, bei der hohen Lage der Kirche, weithin sichtbar ist, obschon ihre Höhe die des St. Stephan bei Weitem nicht erreicht.

Weiter schreitend, kamen wir zu dem großen Gebäude des polytechnischen Instituts; es waren eben Ferien, und wir mußten auf den Anblick der reichen, hier verwahrten Sammlungen Verzicht leisten. Wir schritten jedoch durch die Höfe des Gebäudes, das die älteste und größte derartige Anstalt in Deutschland ist, wie denn hier über 2000 junge Leute, aus allen Theilen der Monarchie, mit Ausnahme von Böhmen, ihre Ausbildung erlangen.

Wir kehrten in das Lamm zurück, um unsere reichen Anschauungen dem Papiere anzuvertrauen. Dann aber begaben wir uns nach der Jägerzeile; dies ist unstreitig eine der berühmtesten und längsten Straßen in ganz Deutschland, die durchweg aus stattlichen Häusern besteht, zwischen denen sich auch eine nette, moderne Kirche befindet. Hier war nun weniger reges Treiben. Von da schreitet man nach dem Prater, diesem großen, von stundenlangen Baumreihen durchzogenen Wald. Man sah Equipagen dahinrollen, Reiter tummelten ihre Pferde, Fußgänger schritten dahin. Doch war jetzt nicht die Zeit des Praterlebens, die Kaffeehäuser zur Seite zeigten wenig Gäste. Nur um den Circus, wo jetzt die Beranek’sche Gesellschaft Vorstellungen gab, sah man dichtere Menschengruppen. Wir ließen uns in einem Kaffeehaus nieder und stärkten uns durch Salami und ein wohlschmeckendes leichtes Bier. Ich bemerkte auf der ganzen Reise, daß der Oesterreicher die starken Getränke nicht liebt. Der österreichische Wein ist lieblich und mild, aber bei Weitem nicht so stark wie die Weine des Elbthales. Die starken Biere, die sich von Baiern aus nach dem Norden von Deutschland verbreitet haben, fanden in Oesterreich keine Liebhaber. Den Branntwein kennt man fast gar nicht, mit Ausnahme des Sliwowitzer.

Wir begaben uns nach dem sogenannten Wurstelprater; hier befinden sich mehrere kleine Kneipen und Schenken mit Kegelbahnen und Caroussels und derartige Anstalten, wo einige Kinderwärterinnen und Soldaten sich eingefunden hatten. Es war ein trüber Abend, der die Menschen in’s Freie zu locken durchaus nicht geeignet war. Am Ausgange des Praters saß ein alter, grauer Invalid vor einem Tischchen, auf welchem sein einziger Freund, ein kleiner Hund, dürftig angeputzt, bei einem Metallgefäßchen saß, in welches wir einige Kreuzer einlegten.

Wir schlenderten durch die Jägerzeile der Stadt zu und gingen durch die außerordentlich belebten Straßen, deren Kaufläden sehr glänzend erleuchtet waren. Der Menschen waren bei Weitem mehr auf den Beinen als am Tage. An der Stephanskirche und anderen Stellen sah man erleuchtete Heiligenbilder. Wir schritten dann auch über die Kettenbrücke, die hübsche Aussichten auf beiden Seiten darbietet, und gelangten wiederum zur Leopoldstadt und dem Gasthof, um von den vielfachen, reichen Anschauungen des Tages auszuruhen.

Donnerstag, den 18. September, gingen wir zuerst in das Kaffeehaus und von hier zunächst nach der Karlskirche, die wir bis jetzt nur von außen kennen gelernt. Das Innere ist überaus prachtvoll, die rothen Marmorsäulen tragen die al fresco gemalte Kuppel. Sie ist gleich der Peterskirche von Johann Fischer von Erlach, dem genialen Baumeister des prachtliebenden Karls VI., gebaut. Auf dem Glacis exercirte ungarische Infanterie, doch mit deutschem Commando, welches durch die ganze Kaiserliche Armee geht. Die Bewegungen waren ruhig und sicher.

Nun schritten wir zum Kärnthner Thor herein und begaben uns nach dem Josephsplatz, um in das Kaiserliche Naturalienkabinet zu gehen. Man wies uns zuerst in das Parterre, das lediglich für die Säugethiere bestimmt ist. Hier sah ich zum ersten Male das Wallroß so wie seine Verwandten. Unter den übrigen waren die Dickhäuter, wie Elephanten, Nashörner, Tapire, Nilpferde trefflich vertreten. Sehr reich war die Sammlung der Antilopen, Bären, Büffel, Giraffen, Ure u. s. w. Auch die Hunde- und Katzenarten waren in großer Vollständigkeit aufgestellt. Nicht minder reich war die Sammlung der Vögel aller Welttheile in prächtig erhaltenen Exemplaren, worunter namentlich die farbenreichen Tauben, Hühner, Colibri, Papagaien und die Wasservögel zu längerem Verweilen nöthigten. Zuletzt sahen wir die Fische, die theils in trefflich ausgestopften Exemplaren, theils in Spiritus aufbewahrt wurden. Die meisten befanden sich in Gläsern, die eigens nach der Gestalt der Insassen, theils oval, theils platt gefertigt waren. Die Namen waren überall beigefügt und die ganze Ausstellung streng systematisch. In einer der Abtheilungen sah man die gesammten Fischzähne, nach ihrer Form in meißel-, messerförmige u. a. gesondert, aufgestellt.

Mein Begleiter wünschte nun aber endlich die Mineraliensammlung zu betreten, die freilich heute dem Publicum nicht geöffnet war. Wir begaben uns jedoch dahin, ließen unsere Karten dem Custoden desselben, Herrn von Partsch, übergeben und erhielten vorläufig die Einladung, immer in den Saal zu treten. Das ist nun freilich eine Kaiserliche Mineraliensammlung, die mehrere Säle einnimmt. Die Mineralien sind nach dem System unseres Landsmannes, Friedrich Mohs, geordnet, dessen Büste in Marmor hier aufgestellt ist. In der Mitte der Säle befindet sich eine Reihe von Glaspulten, welche eine Propädeutik der Mineralogie enthalten. Sie beginnt mit einer Sammlung der Krystallformen; es folgt die Darstellung der Farben, des Glanzes, der Formen des Bruches, der Härte, so daß alle bei der Bestimmung der äußerlichen Merkmale der Fossilien vorkommenden Ausdrücke, wie weingelb, lauchgrün, hellglänzend, muscheliger Bruch u. s. w., dem Lernenden vor Augen gestellt sind. Darauf kommt eine Sammlung der in der plastischen und Baukunst angewendeten Steine. Darunter befinden sich ein kostbarer Etiki oder neuseeländischer, froschartiger Götze aus dunkelgrünem Nephrit, prächtige Schalen aus Yade, eine außerordentlich reiche Sammlung geschliffener Marmore, Porphyre, Granite, Achate und Edelsteine; bei dieser technischen Abtheilung sieht man ferner Probestücke vom Material der berühmtesten Gebäude aller Zeiten, Obeliskengranit, Pariser, Wiener, Dresdner Straßenpflaster, ferner den im Norden von Europa zu Waffen und Werkzeugen verwendeten Feuerstein. Eine andere Abtheilung bietet die technische Sammlung der Metalle dar. Die Golde, Platine und Silber, in gediegenem und vererztem Zustande, sind überaus reich vertreten.

Nachdem nun der Beschauer auf diese Art gehörig mit allen Ausdrücken der mineralogischen Sprache bekannt gemacht worden ist, beginnt die eigentliche oryktognostische Sammlung mit dem Gas und Wasser. Bei dem letzten Pulte der Mitte wird der Beschauer an die Wand gewiesen, wo die Pulte sich fortsetzen, über denen aber Glasschränke sich erheben, in welchen auf sauberen Consolen die auserlesenen Schaustücke aufgestellt sind.

Wir waren noch im ersten Saale, als Herr Custos v. Partsch erschien und uns auf das Herzlichste begrüßte. Er war so gütig, meinem Sohne zu gestatten, auch an den, dem Publicum nicht gewidmeten Tagen das Museum zu besuchen. Er erklärte uns das System, nach welchem das Ganze geordnet, und führte uns deshalb durch alle Räume. Nachdem wir so eine Totalübersicht des Ganzen gewonnen und einen Hauptabschnitt beendigt, beurlaubten wir uns. Wir waren seit sieben Uhr auf den Beinen, und ein sehr mahnender Hunger stellte sich bei uns ein. Wir begaben uns in das Michaeler Brauhaus, nahmen eiligst einen Imbiß, und mein Sohn kehrte in das Mineralienkabinet zurück, während ich den Cursus durch einige Kirchen fortsetzte, auch die öffentlichen Plätze und Thore in Augenschein nahm. Wie schon bemerkt, das Innere der Stadt ist nicht reich an großen Plätzen, doch sind sie durchweg mit stattlichen Gebäuden und schönen Brunnen besetzt, die denselben ein sehr vornehmes Ansehen geben. Alle diese Kirchen, die Michaeler, die Franciskaner-, die Peterskirche, sind sehr reich geschmückt, und ich fand sie immer besucht. In der Franciskanerkirche hielt mich ziemlich lange die Copie des Abendmahls von Leonardo da Vinci in römischer Mosaik fest. Dieses colossale Bild macht an der Wand und in dem prachtvollen Goldrahmen genau die Wirkung eines Oelgemäldes; doch hat die Mosaik vor dem Oelbild den unschätzbaren Vorzug, daß sie niemals nachdunkelt und, wenn sonst keine gewaltsame Zertrümmerung Statt findet, auch nicht so leicht von anderen Einflüssen zerstört wird.

Ich gab mich dem unbeschreiblichen Vergnügen hin, von Straße zu Straße ganz gemächlich hinzuschlendern, die Häuser, die Kaufläden, die Marktscenen, die Menschen, die Equipagen, die überreichen Erscheinungen aller Art, gemächlich und unbefangen zu betrachten. Es war das schönste, mildeste Wetter, und ich begab mich nun auch vor das Thor hinaus. Die breiten Glacis gewähren allerdings einen großartigen Anblick, da jenseits derselben die prachtvollsten Paläste und Gebäude hervortreten, an die sich zum Theil herrliche Gärten anschließen. Ich ging auf dem Asphalttrottoir vorwärts, ruhete auf den Bänken in dem Schatten der Baumreihen, betrachtete mir die Stadtmauern und Bastionen und gelangte mit dem Blicke immer wieder zur Spitze des Stephansthurmes.

Die Zeit mahnte jedoch zur Rückkehr, und ich begab mich nach dem Josephsplatze, um meinen noch immer im Mineralienkabinet schwelgenden Sohn zu erwarten. Ich betrachtete abermals Zauner’s Meisterwerk, das auf dem fast feierlichen Platze stets einen überaus tiefen Eindruck macht und die Erinnerung an den edlen Habsburger, an Joseph II., weckt. Er steht hier nach einem mühevollen Leben, voll redlichen Strebens und rastloser Arbeit. Die Nachwelt hat sich bemüht, mit großer Gewissenhaftigkeit alle kleinen Schwächen dieses nur Großes anstrebenden Fürsten bis in die geringfügigsten Einzelnheiten zu verfolgen. Am Fußgestell lies’t man: Josepho II. Aug. qui Saluti publicae vixit non diu sed totus und Franciscus Rom. et Austr. Imp. ex fratre nepos alteri parenti posuit 1806. — Eine andere Inschrift war noch in Vorschlag, die von dem Alterthumsforscher, Hofrath von Birkenstock herrührte: Josepho II., arduis nato — magnis perfuncto — majoribus praerepto.

Jetzt kam mein Sohn mit freudestrahlendem Gesicht die Treppe herunter und hatte nun vollauf zu berichten von der unendlichen Fülle der Schätze, die er gesehen, beseelt von dem Wunsche, noch länger dort oben studiren zu können.

Wir aber begaben uns nach dem Gasthofe, machten uns reisefertig und stiegen in einen der niedrigen, für 9 Personen eingerichteten Omnibus, die alle halbe Stunden vom Graben und von anderen Plätzen aus nach Schönbrunn fahren.

Wir gelangten durch die Burg auf das Glacis und die unendlich langen, außerordentlich belebten Straßen der Vorstädte. Jenseits der Linien wurden die Häuser dünner. In der Ferne traten die blauen Berge hervor, und endlich lag die prachtvolle Façade von Schönbrunn vor uns, über welchem sich auf grüner Basis die stattliche Gloriette erhebt.

Wir fuhren in den großen Hof ein, stiegen aus dem nach Hietzing weiter eilenden Wagen und schritten durch die Halle des Schlosses, in welchem stattliche grün gekleidete Garden die Wache halten.

Wir treten aus dem Schloß. Vor uns breitet sich das große Parterre aus, das auf beiden Seiten mit hohen, grünen Laubwänden abgekränzt ist. An denselben stehen mehrere Statüen aus weißem Salzburger Marmor.

Man schreitet nun auf den wohlgepflegten Sandwegen vorwärts und sieht in die zur Seite sich hinziehenden langen Laub- und Baumgänge. Man gelangt zu dem Fuß eines langhingestreckten Hügels, wo ein mit weißem Marmor eingefaßtes oblonges Wasserbecken lagert, in welchem eine zahllose Menge von rothen, gold- und silberglänzenden und geschäckten Fischen sich tummelt. Dahinter erhebt sich eine colossale Gruppe aus weißem Marmor, von Neptun mit Najaden, Tritonen und Seepferden gebildet, die auf dem grünen Hintergrund sich stattlich ausnimmt. Man steigt nun den Hügel hinan und befindet sich endlich an der sogenannten Gloriette, d. h. an einem Gebäude von 300 Fuß Länge, das eine triumphbogenartige Bogenhalle bildet, die 60 Fuß hoch ist. Man steigt durch eine Wendeltreppe auf die Plattform und hat von hier aus vor sich das Häusermeer von Wien, das sich um den Stephansthurm schaart. Es ist ein wundervoller Anblick! In der Mitte der Plattform erhebt sich der colossale Kaiserliche Adler aus weißem Marmor.

Wir stiegen herab, nachdem wir Zeuge gewesen, wie polnische Damen und Herren ihre Namen an den Adler angeschrieben.

Wir schritten nun gemächlich herab und durch den Laubwald nach einem breiten Gange, der uns zu der Kaiserlichen Menagerie führte. In der Mitte derselben befindet sich ein auf Stufen ruhender, achteckiger Pavillon, der die Arras und Papagaien enthält, die in den gewohnten Beschäftigungen auf ihren Ständern saßen und der zahlreich an den Fenstern stehenden Zuschauer wenig achteten.

Das Vogelhaus wird nun in dem weiten Kreise von einzelnen ummauerten Höfen umgeben, die durchweg von stattlichen Bäumen beschattet und mit hohen eisernen Gittern nach der Vorderseite geschlossen sind. Wir traten in den ersten dieser Höfe. Hier stand im Hintergrund ein sehr geräumiger Käfig mit mehreren Abtheilungen oder Scheidewänden. Wir sahen hier zum ersten Mal einen lebendigen Dachs, einen seltsamen Burschen, der sich von anderen Thieren dadurch unterscheidet, daß der Bauch und die Untertheile dunkle, der Rücken lichte Farben trägt. Er ist ganz besonders rastlos und ämsig in seinen Bewegungen und hält seine Glieder sehr sorgfältig zusammen, etwa wie Menschen, die den Kopf in die Schultern ziehen und, die Hände dicht auf der Brust zusammenreibend, mit kleinen raschen Schritten von einem Ort zum andern rennen. Neben dem Dachse wohnten drei Wölfe aus Ungarn in bester Eintracht. Auch sie waren rastlos, hatten aber freie und ungeschlachte Bewegungen. Die schlechte Taille, die langen Köpfe mit den langgespaltenen krokodilartigen Rachen, die schiefgestellten Augen gaben den Thieren etwas Unheimliches, wie sie denn auch nie ganz zahm werden. Neben ihnen hausten in seltsamen Treiben mehrere ägyptische Füchse, die in der Färbung dunkler sind als die unsrigen.

Der Käfig eines anderen Hofes enthielt mehrere Prachtexemplare von Hyänen, die mit ihren schwarzen, stumpfen Nasen und den wie Pechkohle glänzenden kleinen schwarzen Augen, den hohen Schultern und dem stark abfallenden, in einem armseligen Wedel endenden Hintertheile jene afrikanischen Formen darstellten, welche auch das eingeborne Pferd von Dongola trägt. Es ist etwas in der afrikanischen Fauna, was, im Gegensatz zu der Indiens und des Kaukasus, gemein genannt werden muß. Nilpferd, Nashorn, Gnu, selbst Zebra und Giraffe haben unangenehme Formen.

Wir traten nun in den Hof, der das Affenhaus enthält, in welchem einige zwanzig Meerkatzen von Olivenfarbe ihr tolles Wesen treiben und sich daher auch stets einer zahlreichen Zuschauerschaft erfreuen.

Die Einrichtung des aus Eisendraht geflochtenen Thurmes ist überaus zweckmäßig. In der Mitte erhebt sich ein astreicher Baumstamm, der von anderen umgeben ist, die, durch Hölzer verbunden, hier oben eine Galerie bilden, die den munteren Thieren sehr willkommen ist. Von da hängen an Stricken große Reifen herab. Wir bewunderten die außerordentliche Gewandtheit, mit denen die Thiere an den Baumstämmen hinan rannten, dann oben auf dem Holzkranze, der kaum 3 Zoll breit, hinliefen, sich kopfüber herabstürzten und an einem Strick oder einem Reifen ganz sicher festhingen.

Es war nun das, was wir hier sahen, eitel Affenwerk, aber man konnte nicht loskommen, denn wie in wohlgerathenen Arabesken und in der musikalischen Fuga entwickelte sich immer eine tolle Scene aus der anderen. Bald saß die eine Partei unten an dem Stamme um einen alten großen Affen von gebrechlichem Ansehen und schien aus seinen ernsthaften Mienen weise Lehren zu saugen. Bald rannte oben in den Aesten ein Paar sich haschend umher. Bald schien ein panischer Schrecken den ganzen Haufen zu packen, so daß Alles, wild durcheinanderstürzend, das bellum omnium contra omnes plastisch darstellte. Ging es in den oberen Regionen zu toll her, so legte der alte Affe seinen Kopf auf den Rücken und sah blinzend mit den Augen nach oben. Er hockte stets, nun aber bewegte er sich auf den Händen, die an den Leib gezogenen Beine nachziehend, vorwärts und kletterte bedachtsam hinauf zum Kriegsschauplatz; er schien indessen keinen nachhaltigen Respect zu haben. Das Affenhaus aber mit seiner rastlosen, fieberhaften Thätigkeit erinnerte unwillkürlich an die christlichen Westeuropäer in den verhängnißvollen Jahren 1848 und 1849, wo auch trotz aller unablässigen Thätigkeit nichts zu Stande kam und fertig wurde.

Wir gingen weiter und traten in den Hof, wo Löwin, Löwe, Panther und Leopard in einem ansehnlichen Käfig gesondert neben einander wohnten. Es waren prächtige, trefflich gehaltene Thiere. Ein älterer Herr trat an die Löwin, sie näherte sich den Stäben des Käfigs und preßte sich an dieselben. Der Herr kraute ihren Hals. Dann begab er sich zum Löwen, der sich noch zutraulicher zeigte und gar auf den Rücken legte, damit die Hand des Freundes weniger Mühe habe. Wir wissen, daß jedes Thier eine Stelle an seinem Körper hat, die es gern den Liebkosungen der Menschen darbietet, die aber dem Thiere selbst nicht erreichbar ist. Es ist dieses unfehlbar eines der Mittel, durch welche die Vorsehung die Thiere an den Menschen gebunden hat. Eine solche Stelle findet sich auch in dem Gemüthe eines jeden Menschen.

In dem Hofe des Löwen fanden sich auch in ganz wohlverwahrten Eisenkäfigen ein Eisbär und ein Landbärenpaar. Innerhalb beider Käfige befand sich ein Wasserbecken und eine tüchtige Hütte. Der Eisbär, ein colossales Geschöpf, blieb ganz gemächlich am Boden liegen und hatte seine spitze Schnauze zwischen den Vordertatzen. Desto munterer waren die Landbären, namentlich das Männlein. Der Bär, durch seine Größe und dunkle Färbung vor der kleineren und helleren Gattin ausgezeichnet, ging von Zeit zu Zeit in das Wasserbecken, um die, trotz des Verbotes, von den Zuschauerinnen hingeworfenen Semmelstücken herauszufischen. Dann trat er an’s Land und sah nach, ob neue Bissen im Wasser angekommen. War dies nicht der Fall, so stellte er sich auf die Hinterbeine und hielt die Vordertatzen wie ein Betender zusammen, mit bedeutsam begehrlicher Miene im Kreise umherschauend. Wollte nun gar Niemand ihn berücksichtigen, so trat er abermals ins Wasser und streckte den einen Arm durch die Stäbe heraus.

Mehrere Höfe, in denen die Giraffen, der Elephant, das Gnu, die Antilopen, die Strauße und der Kasuar, waren verschlossen, da man diese Thiere, des rauhen, feuchten Wetters wegen, in den inneren Räumen behalten mußte.

Jetzt kam die Fütterungsstunde. Wir kehrten zu den Affen zurück. Als der Wärter unter sie trat und die Speise an den Boden setzte, entwickelte sich ein reges Leben. Jeder faßte mit dem Maul und den Händen, was er erwischen konnte, und zog sich zurück. Als der eine sein Souper beendigt, setzte er sich an das Gitter und langte mit seinen Aermchen nach den Grashalmen, die hier dem Boden entsproßen waren, um sich ein Dessert zu verschaffen.

Die Zeit war sehr vorgerückt, und wir trennten uns von diesem interessanten Punkte des Gartens. Wir schritten durch die Laubgänge über das Parterre, um noch die Ruine und den Obelisken in Augenschein zu nehmen, die an demselben Hügel, der die Gloriette trägt, angebracht sind. Sie nehmen sich in der herrlich grünen Umgebung gar wohl aus, zumal da sie nicht so kleinlich dastehen, wie ähnliche derartige Baulichkeiten in den gewöhnlichen Parks. Bei Weitem ansprechender war jedoch in einer dichten Baumpartie ein kleiner Tempel aus weißem Marmor, hinter welchem auf breitem Postament die liebliche Marmorstatue einer Nymphe über einer Urne ruhte, aus deren Oeffnung ein klarer Brunnen in ein Becken rann.

Wir wandten uns durch die Laubgänge nach dem Schlosse zurück, sahen nochmals nach der Gloriette hinauf und begaben uns in den Vorhof, wo uns ein, eben aus Hietzing herankommender Omnibus aufnahm.

Das Lustschloß Schönbrunn und seine Umgebung ist ein Werk von Maria Theresia und ihrem Sohne Joseph II. Es ist Alles so großartig, so edel gehalten, daß man es begreift, wie eben Napoleon hier seinen Aufenthalt wählen konnte.

Wir fuhren nun im Abendscheine nach der Vorstadt, deren lärmender Verkehr seltsam von der feierlichen Ruhe des Kaiserlichen Lustschlosses abstach. Am Michaelisplatz verließen wir den Wagen, schlenderten gemächlich durch die Straßen nach dem Graben und dem Stephansdom und begaben uns nach der Gaststube des Lammes, wo ein vortreffliches Rostbratel uns auf die Mühen des Tages labte.

Man speiset in den Wiener Gasthöfen nie Table d’hôte. In dem Saale steht eine Anzahl größerer und kleinerer runder und viereckiger Tische, auf deren jedem ein großer Bogen, der Speisezettel, vorliegt. Der Gast muß nun aus diesen langen Reihen das ihm Zusagende auswählen. Dies ist nun für den Norddeutschen, der die reiche Nomenclatur der österreichischen und besonders der Wiener Küche nicht kennt, keine kleine Aufgabe. Ich hielt es daher stets für das Beste und Sicherste, zu wählen, was ich für vortrefflich bereits erkannt hatte, und so kam es denn, daß ich bei derartigen Wahlhandlungen mich immer an das Rostbratel hielt, das, in’s Nordeuropäische übersetzt, Beefsteak heißt. Hier reichte man uns Sardellenbutter dazu, was ich den norddeutschen Landsleuten angelegentlich empfehlen kann.

An unserem Tisch nahm noch ein norddeutscher Kaufmann Platz, den wir bald als einen gebildeten und wohlwollenden Mann erkannten. Auch er war nicht minder, wie wir, von Wien erfreut. Auch er hatte die schönen und gesegneten österreichischen Lande mit den heiteren, liebenswürdigen Menschen liebgewonnen und theilte uns endlich mit, daß er sich entschlossen habe, ganz nach Oesterreich überzusiedeln und Grundbesitz daselbst zu erwerben. Er hatte seinen Entschluß auf eine längere Zeit fortgesetzte, sorgsame Betrachtung der österreichischen Zustände gegründet. Er versicherte uns, daß die öffentlichen Lasten durchaus nicht drückend seien, daß der Verkehr nirgend freier und ungehemmter sich entwickeln könne, ja daß man kaum irgendwo ungestörter und behaglicher lebe als in Oesterreich, wenn man nur die Gesetze der Gerechtigkeit und Wohlanständigkeit beobachte.

Indessen war es spät geworden, und wir suchten unsere Ruhestätten.

Freitag, den 19. September, waren wir gar früh bereits in dem Kaffeehause, diesmal in Capot und Paletot, denn der Himmel hatte sich umzogen, und der Regen begann herabzusprühen. Wir gingen durch die Stadt nach der Karlskirche, deren Inneres wir nochmals in Augenschein nahmen. Dann begaben wir uns nach dem Belvedere, um die Ambraser Sammlung kennen zu lernen. Die Bildergalerie gab ich auf — wer wird für 2500 Gemälde weniger Zeit als mindestens acht Tage verwenden wollen.

Die Ambraser Sammlung gehört nächst denen in Dresden zu den ältesten in Deutschland; sie ward von Erzherzog Ferdinand von Oesterreich, zweitem Sohne des Kaisers Ferdinand I., der im Jahre 1595 starb, gegründet. Der Erzherzog sammelte ganz im Sinne seiner Zeit, Alles, was ihm interessant und merkwürdig, kostbar und der Aufbewahrung werth schien. Die Sammlung befand sich bis zum Jahre 1805, wo Tirol an Baiern abgetreten wurde, auf dem Schlosse Ambras. Dann wurde sie nach Wien gebracht und in dem vom Herzog Eugen von Savoyen erbauten unteren Gebäude des Belvedere aufgestellt.

Wir traten zunächst in den Saal, der gegenwärtig eine Anzahl antiker Denkmale enthält, die früher in der Kaiserlichen Burg standen. Darunter zeichnet sich die Bronzestatue des Germanicus aus, welche aus der Abbildung zu Vierthaler’s Reisen in Salzburg bekannt ist. Sie ward in Steiermark gefunden. Von den übrigen Sachen ist namentlich der Sarkophag mit der Amazonenschlacht bemerkenswerth, dann mehrere Büsten römischer Imperatoren.

Von hier tritt man in die Säle, welche die Rüstungen berühmter Personen des 15. und 16. Jahrhunderts enthalten. Darunter zieht vor allem die Gestalt des riesenhaften Bauers aus Trient, der dem Erzherzog Ferdinand als Trabant diente, unsere Augen auf sich. Im Sommer 1851 zeigte sich auf der Dresdener Vogelwiese ein Neapolitaner, der 7 Fuß 7 Zoll hoch war. Der Trientiner Bauer muß den Waffenstücken zufolge jedoch noch größer gewesen seyn. Unter den Rüstungen der Fürsten und Feldherren bemerkten wir namentlich die zierlich gearbeiteten Eisenharnische mit den fußlangen Schnabelschuhen, welche in der sonst so sehr reichen Dresdener Sammlung fehlen. Besonders merkwürdig war mir eine Kettelrüstung für Roß und Mann. Dieser Theil der Sammlung wurde eben durch Baron von Sacken neu aufgestellt, die Rüstungen sind in zwei Reihen übereinander in hölzernen Nischen angebracht und werden von trefflich geschnitzten, hölzernen Statuen getragen. Diese werden, wenn die Aufstellung beendigt ist, drei Säle und ein Cabinet anfüllen.

Der vierte Saal enthält eine höchst werthvolle Sammlung von Bildnissen der europäischen Fürsten des 16. Jahrhunderts, vornehmlich der dem Erzhause Oesterreich näherstehenden. Die eine Wand bedeckt ein Stammbaum desselben Hauses. Dieser Theil der Sammlung bietet zugleich eine Uebersicht der Geschichte der Portraitmalerei. Die ältesten Bildnisse reichen bis in die Zeit des Kaisers Maximilian I., so unter anderen das des Kaisers Rudolph von Habsburg, das nach dem, im Dome zu Speier befindlichen Grabmale, auf Maximilians Befehl gefertigt ist. Von diesem Kaiser, seinen Gemahlinnen und Kindern, von dem Erzherzog Ferdinand, seiner Gemahlin, der geistvollen und schönen Philippine Welser, sowie seinen Söhnen, dem Markgrafen Karl von Burgau und dem Cardinal Andreas, dann von Kaiser Karl V. und Philipp II. und deren Zeitgenossen, ist eine reiche Portraitsammlung an den Wänden des großen Saales vertheilt. Daneben finden sich mehrere Bronzebüsten des 17. Jahrhunderts.

Der fünfte Saal enthält die sogenannte Kunst- und Wunderkammer, in welcher Hirschgeweihe, die in Baumstämme eingewachsen, Erzstufen, Straußeneier, Nüsse und Wurzeln, kleinere Kunstwerke in Elfenbein, Marmor, Metall, Korallen, Perlmutter, Kunstschränke, seltene musikalische Instrumente, Kleidungsstücke, einige afrikanische und indische Waffen und Geräthe, Büsten und Reliquien der Kaiserlichen Familie aufbewahrt werden.