Graf de Mora stand in Alkazar vor dem Imam, der in Gesellschaft vornehmer Mauren war, die mit übereinander geschlagenen Beinen auf niedrigen Strohschemeln saßen.
„Möge dir Gott die Gnade eines langen Lebens schenken, Feta,“ begrüßte Abu Atir befremdet den christlichen Gast. „Mir grünt nicht mehr Bart und Haar, darum vergib, wenn ich mich nicht erhebe.“
Nachdem der Graf gedankt, sagte er kurz: „Ximenes ist zurück.“
Der Imam fühlte einen Druck am Herzen. „Gesegnet sei sein Schritt, wenn er Gutes bringt vom König, dem Gott ein freundliches Alter bescheren möge.“
Der Graf blickte zu Boden. „Es ist sein Wille, daß ich Euch in den Turm der Cautiva begleite, wo Ihr Eure künftige Wohnung haben sollt — Ihr und Doña Reija.“ Er stockte verlegen. Das Amt hätte Ximenes einem andern übertragen sollen.
Abu Atir beugte seinen Leib weit vor, als hätte er nicht recht gehört. Die Mauren aber sahen einander bestürzt an. Und einer von ihnen fragte: „Was ist der Sinn dieser Botschaft?“
„Hört Ihr die Fanfaren in den Straßen? Es wird das neue Edikt des Königs verlesen. Der König gibt den Aufständischen Gnade und erbarmt sich ihrer verführten Seelen.“
„Aufständischen? Verführten?“ ging es von Mund zu Mund.
Auf den Stützen zweier Maurenarme erhob sich statuenartig Abu Atir. „Der König von Spanien, dem Isa, der große Prophet, ins Herz blicken möge — was läßt er uns durch die Posaune sagen?“
Schonend, wie von Mitleid überschattet, klang die Antwort des Grafen: „Die Mauren sollen wählen zwischen Taufe und Auswanderung.“
Wie ein Henkerbeil fiel das Wort in die Hirne der Edlen. Jäh aufflammende, wirre, unverständliche Worte flogen hin und her, und die weißen Burnusse gerieten in gefährliche Bewegung. Selbst einige Hände, von der Verzweiflung getrieben, griffen nach den Brüsten, als suchten sie nach den verborgenen Waffen.
Da fuhr des Imams dunkle Stimme in die Bestürzung. „Bei den sieben Toren der Hölle! Bettet eure Herzen in den Polstern des Friedens. Der da will, es sei ein Morgen für euch, wird ihn heraufführen aus den Tiefen der Nacht. Mein königlicher Feta — gepriesen sei der Herr, auch wenn er seine Schrecken sendet. Ihr sagt: Taufe oder Auswanderung. Also das, was vor sieben Jahren den Juden geschehen ist?“
Graf de Mora nickte. Sein Blick verfolgte jede Bewegung der verzweifelten Mauren. Was nützten ihm am Ende die zehn Reiter, die unten im Hof sein Leben unter ihre Lanzen nahmen?
Dem Greis traten die Tränen in die Augen. „Ach du, Hamet Zeli, und du, Almama, — Osmar Ben Akbet — blühender Zweig des Irak, du mein Moadh Ben Kordha! O ihr Männer, denen diese Erde Gottes herrlichstes Geschenk war, ihr sollt sie nun verlassen, das Eden der Mauren, wo eure Urväter geackert und gebaut haben, wo der Quell ihrer Weisheit entsprungen und die Flammen ihrer Herzen aufgeloht haben — Granada verlassen!“
„Wir verlassen es nicht!“ entlud sich eine wilde Brust. „Wir greifen wieder zu den Waffen!“
„Zu den Waffen!“ brauste ein Sturm durch den Saal.
Der Imam aber pflanzte sich vor dem Hauptmann des Königs auf. „Zurück von ihm. Achtet seiner, denn er ist der Sohn einer Mutter. Er ist der Überbringer der Gedanken eines Azaziel, dem die Gewalt zu klein ward und der im Übermaß der selbstgeschaffenen Dinge zugrunde gehen wird. Was schreit ihr nach Waffen? Sie sind wertlos.“
„Wir haben die Geiseln des Grafen Tendilla!“ schrie ein Edler.
Wie helles Wetterleuchten zuckte ein Jubel über die Gemüter hin. Alles geriet aufs neue in Aufruhr.
Mit wuchtigem Schritt durchbrach der Imam wieder den Knäuel. „Laßt die Blicke im Geist auf den Palmen von Mekka ruhen! Wir wollen eine Zierde anlegen unserm Herzen, sie soll weit leuchten über den Verrat der Christen. Geht in die Quartiere, durchlauft den Albaycin und die Antequeruela, ruft es von den Minars: Es ist kein Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet! Und wenn sie aufheulen wie die Wölfe vor Schmerz über das, was ihnen die christlichen Priester ins Herz schütten an brennendem Öl, so sollen sie doch nicht nach den Armbrüsten greifen, und keine Hand rühre die Geiseln an. Man schicke sie als Antwort der Mauren an den Grafen Tendilla zurück. Man gab uns Verrat und Treulosigkeit, wir geben Großmut zurück. Keine Hand beflecke sich mit Mord.“ Der Atem dampfte aus seinem Mund.
Mit zusammengepreßten Lippen, den qualvollen Aufruhr im Herzen, standen Fakis und Fetas um den geliebten Santon. Dieser wandte sich nun keuchend an den Grafen: „Und — was wollt Ihr — von mir?“
„Der Primas von Spanien befiehlt, Euch in die Alhambra zu bringen. Ihr sollt in vornehmer Haft —“
„Haft? Ein Mahbus, ein Gefangener —? Ist das der Sinn?“ Er zuckte zusammen. Und dann klagte es sich leise von seinen Lippen: „Es wird ein Wehklagen sein in Granada, das bis in die sieben Himmel dringen wird. Es werden Karawanen des Leids gerüstet werden, die werden ziehen übers Meer, bis in die Wüsten der Berber. Und hier wird man uns nehmen, was wir bebaut, aus jeder Ackerfurche der Vega wird ein Schrei springen nach uns: bleib! Doch wenn ihr bleiben wollt, Brüder friedlicher Gedanken, dann müßt ihr eure Knie beugen vor dem Taufwasser und müßt, was ihr sonst nur in euern Kammern Gott zuflüstert, den schwarzen Priestern im Beichtstuhl vertrauen. Und glauben müßt ihr an drei Götter in einem, müßt euch die Sinne verwirren lassen von den Trugschlüssen klügelnder Vernunft, müßt euch beugen vor goldenen Gefäßen und Sonnen, in denen der Leib Isas verschlossen ist. Aber, Brüder vor Gott und den Menschen, das mache jeder mit sich selbst aus. Wir verfluchen den Renegaten nicht, denn er wird innerlich nicht seinem alten Glauben absterben. Und ich? Oh, nicht wahr, ich habe euch Aufstand und Empörung gepredigt? Hab’ euch zugerufen: widersteht! Oder habe ich euch am Ende Worte des Friedens gesagt, euch empfohlen, die Geiseln zurückzugeben und die Christen zu beschämen? Ei, das wird der königliche Feta übelnehmen. Es ist vielleicht nicht die erwartete Antwort auf die Rute des irdischen Königs. Aber wie immer: es erhebe sich keine Waffe für mich und das unschuldige Königskind. Die Rose wird verblühen, wenn kein Erbarmer seinen Willen nach ihr streckt.“
Das Wort stach wie ein Speer in die Brust des Grafen. Aber er kam nicht zur Besinnung über den Schmerz. Abu Atir verlor sich in seinem Weh. „Habe ich sie deshalb aus der Dunkelheit ans Licht gehoben? Eben erst öffnete sich der Kelch ihres Herzens für den Tau des Wissens, der Schönheit, der Musik und der Dichtkunst — da greift das Schicksal hart in ihres Glückes Rad und wendet die Speichen in die Nacht zurück. Feta des Königs, ich beschwöre dich, wer wird diese Rose hegen und pflegen? Sie wird ihre Sklavinnen mitnehmen können?“
Der Graf bejahte. „Sie darf täglich einmal zu Euch gehen und sie wird ihr Zimmer neben dem Euren haben.“
Sonnenschein legte sich in das Auge des Imams. „O Gottes überströmende Gnade! Wie lange wird die Haft währen?“
„Bis Gewähr gegeben ist für die Ruhe in Granada.“
„Ein dunkles Wort, meint ihr nicht?“ sagte er zu den andern. „Befaßt euch mit der Antwort.“
„Wir werden zum König gehen,“ rief Hamet Zeli aus, der Friedfertigsten einer. „Sollen Schakale der Wüste barmherziger sein als er?“
Selbst den Grafen rührte die Treue der Edlen. Er wäre versucht gewesen, dem hehren Greis eine Gasse in die Freiheit zu öffnen; aber ein anderer Gedanke hob diese edle Regung auf: Reija kam in die Alhambra! Er gab sich einen Ruck. „Meine Reiter warten. Sie werden die Sänfte begleiten. In der Stadt liegen achthundert Kastilier, die getreuesten Soldaten des Königs, Männer von Alcala und Toledo.“
„Habt keine Sorge,“ sagte der Imam mit hochgestrecktem Leib. „Mein Wort ist wie ein Königswort. In wenigen Augenblicken werden diese Fakis die Straßen durchlaufen und das Weh der Mauren stillen. Wieviel Bedenkzeit ist meinen Brüdern im Glauben gegeben?“
„Bis zum ersten Tag des März muß Granada einen Glauben haben.“
„Ob sich Gott so schnell wird umlernen lassen?“ zweifelte Abu Atir mit leisem Spott. „Ob sie es glauben werden, wenn ihnen die fremden Priester zurufen werden: eins ist drei und drei ist eins? Einer von den drei Göttern ist der Vater, einer der Sohn, einer der Heilige Geist, und daß der Sohn Vater und der Vater Sohn sei und doch nicht Vater und nicht Sohn, daß ein Gott Mensch sei und ein Mensch Gott, und doch der Mensch nicht wie Gott? Und daß Gott gelitten hat, daß er Backenstreiche empfangen und gekreuzigt wurde, und daß er ins Grab fuhr und auferstanden ist — ach, ob sie das so schnell lernen werden? Und viele werden so tun, als glaubten sie es, um nur nicht ihr geliebtes Granada verlassen zu müssen. Ei, wie hat doch dein guter Priester Talavera gesagt? ‚Ximenes erringt größere Erfolge als der König. Dieser hat nur Granadas Boden gewonnen, jener aber Granadas Seelen.‘ Kommt nach dem Zimmer des Pfaus. Ich werde dir Reija holen.“
Und mit nassen Augen nahmen die Ritter und Fakis Abschied von dem Santon.
Als der Graf neben dem Alten durch die Korridore nach dem Pfauenzimmer ging, hörte er das Wehklagen der Mauren aus dem Hof klingen. Aber bald entzückte sein Herz ein anderer Ton. Frohes Mädchenlachen scholl aus einem Zimmer. Und eine helle Lohe schlug in die Glieder des Spaniers. Denn da stand sie auch schon an der Schwelle und ihr Blick brannte nach dem schönen Unheilsboten.
„Eswer Ben Zerragh ist nicht frei,“ war ihr erstes Wort. Und ihre Fingerspitzen spielten in der Luft.
„Er wird auch nicht frei werden,“ antwortete der Graf halb erstickt.
„Ich bat für ihn, und du kannst nein sagen, Feta?“ Ihre Augen waren voll unheimlicher Dunkelheit.
Da erklärte ihr der Imam den Grund des Besuches. Reija erblaßte und zitterte. „Gefangen? Ja, glaubst du, daß das so leicht geht?“
„Was wollt Ihr tun, Doña Reija?“
„Kratzen und beißen wie eine wilde Hyäne und den würgen, der nach mir greift.“
Abu Atir trat dazwischen. „Sie ist ein Kind,“ sagte er entschuldigend zum Grafen. „Vergebt ihr.“
Da traten Tränen in ihre schönen Augen. Sie schlug die Arme vor das Gesicht, und die braunen Hände leuchteten aus der feinen Florhülle. „Ich soll — nicht — Saffana haben — und keine Perlen — Smaragde — Seide, Polster, Salben, Laute und Bücher?“
„Alles dürft Ihr haben,“ schlug rasch des Grafen Trost in den Schmerz der Eitelkeit.
„Werde ich ein schönes Zimmer mit Spiegeln in der Alhambra haben?“ schluchzte sie jämmerlich.
„Einen Raum, wo oft Euer Vater geweilt.“
Sie tat einen Freudenschrei. „So will ich dir folgen, Feta. Und nicht wahr, du läßt manchmal einen zamoranischen Dudelsack vor meiner Tür spielen?“ Sie lief mit aufgeworfenen Händen in das Frauengemach, und man hörte sie mit den Sklavinnen erregt sprechen.
Der Graf ging die Treppe hinab in den Sahat. Sein Herz klopfte. Er durfte der königlichen Agarena das Geleite geben. Lange mußte er warten. Er hörte den Springbrunnen eintönig rauschen und sah, wie die Schatten an den Hofmauern mählich wuchsen. Dann erklang Schreien, Wehklagen, Rufen — jetzt mußte sie —
Dicht verschleiert schritt sie die Treppe herab. Das fürstliche Wiegen der Glieder schlug dem Grafen in die Sinne. Die Sänfte verschlang sie. Dann folgte Abu Atir und endlich Saffana.
In des Spaniers Herzen gingen die Wogen einer hochstürmenden See. Draußen brauste der Lärm der Mauren. Die Grausamkeit des neuen Edikts trieb alle Herzen in Verzweiflung.